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Eine verlassene Raumstation. Eine Karte. Ein galaktischer Krieg, der nie wirklich endete. Seit fünfzig Jahren herrscht Frieden in der Galaxis - doch unter der Oberfläche brodelt alter Hass. Prota, der Pathfinder, ein menschlicher Freibeuter, lebt von gefährlichen und meist schlecht bezahlten Aufträgen, bis ihn ein geheimnisvoller Job auf eine verlassene Raumstation führt. Dort, in der Stille des Alls, entdeckt er eine Datenkarte, deren Inhalt alles verändern könnte. Was als Routinebergung beginnt, wird zum Überlebenskampf gegen Verrat, Lügen und Verschwörungen, denn die Karte birgt ein Geheimnis, für das viele in der Galaxis über Leichen gehen würden. Gemeinsam mit seiner bunt zusammengewürfelten Crew muss Prota sich einer Entscheidung stellen: ist Wahrheit den Frieden wert - oder bedeutet der Preis dafür das Ende der Menschheit. Ein actiongeladener SciFi-Thriller voller spannender Wendungen, moralischer Abgründe und galaktischer Intrigen - für alle, die epische Welten, düstere Helden und die Frage nach dem Wert von Menschlichkeit lieben.
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Seitenzahl: 1014
Veröffentlichungsjahr: 2025
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THE
VOREAL
EXPANSE
Umfasst 812.000 kartographierte Sternsysteme, darunter die Kernwelten der Menschen, die Äußeren Dravarischen Gürtel, das Zyntharische Kompositum, die Sarvanischen Ringwelten sowie das vermutete Ursprungssystem der Drokith.
Kartografisch klassifiziert als Primärbogen 0-A bis 13-F.
Celestial Haven markiert als neutraler Knotenpunkt den galaktogeometrischen Mittelpunkt und gleichzeitig den Regierungssitz der Zyntharier. Sie dient als Referenz für sämtliche kartografische und navigatorische Systeme.
Grenzt an die Obscura-Kluft im Westen und das unbekannte Verge-Outer Rim im Osten.
Subregionen unterliegen keiner einheitlichen Verwaltungsstrukturund werden somit nicht aufgelistet. Erste Erwähnung unter dem Begriff „Voreal“ findet sich in einer Inschrift auf dem verlassenen Mond Kaer'Thal, datiert auf ca. 280.000 v. A.Z. (vor azarithischer Zeitrechnung).
EINS. Ein kleiner Sprung
ZWEI. Simulated Analytic Response
DREI. Celestial Haven
VIER. Arena der Mittelklasse
FÜNF. Lichstsprung in die Dunkelheit
SECHS. Eine sternenlose Geburt
SIEBEN. Der erste Kontakt
ACHT. Dein ist jetzt Mein
NEUN. Protagonist
ZEHN. Zwei Tropfen im Sturm
ELF. Ich & Ich
ZWÖLF. Malachis IV
DREIZEHN. Rithmar Paradise Resort
VIERZEHN. Delurion, VII seines Namens
FÜNFZEHN. Einer von uns
SECHSZEHN. Dravarische Nächstenliebe
SIEBZEHN. Freibeuter
ACHTZEHN. Verhandlungsgeschick
NEUNZEHN. Das innere Gewissen
ZWANZIG. Ein riskantes Manöver
EINUNDZWANZIG. Zeit der Schatten
ZWEIUNDZWANZIG. Das Lied der Toten
DREIUNDZWANZIG. Nevara
VIERUNDZWANZIG. Shadeborn
FÜNFUNDZWANZIG. Raumkrümmung
EPILOG
EIN KLEINER SPRUNG
Lichtgleitbahn Austrittspunkt, Planet Delta IV, 2468, Station Ypsilon
Das kleine blaue Licht, das jeder Sprungantrieb kilometerweit hinter sich her zog, hatte mich schon als kleiner Junge in seinen Bann gezogen. Es erinnerte mich an das stundenlange Kräuseln des Meeres auf meinem Heimatplaneten, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnerte. Ich hatte es jahrelang, täglich nach dem Unterricht, gebannt beobachtet. Wie die großen metallenen Schlachtkreuzer aus dem Meer aufgetaucht und im blauen Himmel verschwunden waren. Wie die Wellen sich noch ewig mit dem gleichen Rhythmus danach weiter bewegten. Selbst nachdem alle Schiffe meiner Welt bereits in den aufziehenden dunklen Wolken am Horizont verbrannt waren.
Ich vermisste den salzigen Geruch und das Geräusch der Wellen, wenn sie auf den schwarzen Sandstrand trafen. Als einer der wenigen Passagiere, die an Bord des letzten vom Salz zerfressenen Transporter den finalen Lichtsprung überlebt hatte, bekam ich nie wieder die Möglichkeit, nach Hause zurückzukehren. Alle, die nach mir versucht hatten zu fliehen, fielen den letzten Ausläufern eines bereits vor Jahrzehnten beendeten Krieges zum Opfer. Meine Erinnerung und meine Heimat starben an jenem Tag, an dem ich mich zum ersten Mal dem Dunkel des unendlichen Weltalls unterwarf.
Selbst 20 Jahre später kotze ich mir trotzdem noch bei jedem Lichtsprung die Seele aus dem Leib.
"Iss einfach nichts vor einem Sprung“, hatte einer meiner alten Navigatoren immer zu mir gesagt. Ein toller Ratschlag. Als ob das mein Innenohr davon abhalten konnte, ein Signal an mein Gehirn zu senden, dass es jetzt Zeit wäre zu kotzen. Egal. Ich hatte ihn nur ungern gefeuert.
Er war ein guter Navigator. Aber ein schlechter Freund.
Dieser kurze Moment, in dem das Licht mich mit sich trug und dann wieder ausspuckte, ergoss sich nun in einer dünnen, klaren Pfütze auf den nackten Metallboden direkt unter meinen Füßen. Eher unfreiwillig hatte ich seit 3 Tagen nichts mehr gegessen. Ich sah dabei zu, wie sich die Flüssigkeit langsam am Metallgitter entlang wand und in den Tiefen des Bauches meines Raumschiffes verschwand.
Was wohl dort unten alles war? Ich habe keine Ahnung, wie man dort hinkommt.
Ich schnallte mich ab, und der Druck der Haltevorrichtung, die mich auf meinen Stuhl gekettet hatte, fiel von mir ab. Dann gab ich meinem Schiff den Befehl, in einem weiten, ellipsenförmigen Kreis um unsere aktuelle Position zu fliegen. Ich erhöhte die Geschwindigkeit um 15g und starrte aus dem kleinen Cockpit-Display. Gleich musste es so weit sein. Mein Schiff bog auf eine 180 Grad elliptische Rotationsachse ein und hielt seinen Kurs konstant. Da. Ich hatte es eingeholt. Der lange blaue Schweif meines eigenen Sprungantriebs stülpte sich langsam über die Außenhaut des Cockpits, und die feinen blauen atomaren Rückstände zersplitterten in einem dichten Nebel an meinen Schilden in den schönsten Farben, die man sich vorstellen konnte. Ich starrte gebannt in die Dunkelheit, die für einen flüchtigen Augenblick, nur für mich, von verglühenden bunten Partikeln erhellt wurde. Das Schauspiel dauerte etwa zwei Minuten, dann hatte sich der Lichtantrieb ausreichend abgekühlt, und der blaue Schweif hatte sich verzogen. Vor mir war nun nichts, nur die Dunkelheit, die sich unaufhaltsam um mein Schiff wand.
Und meine Mission.
Sie war so unglaublich langweilig. Ich tippte ein paar Zeilen in die Kommandobox meines Schiffes, und setzte einen neuen Kurs auf die Basis Ypsilon in diesem Quadranten. Ein weiterer langweiliger Raumhafen, in einem weiteren langweiligen Gebiet, in einem weiteren langweiligen Sektor. Gerade wollte ich „Kurs bestätigt, Navigator!“ sagen, als es mir auffiel. Ich war alleine. Und so fühlte ich mich auch.
Ich setzte mich zurück in meinen harten, ungepolsterten Stuhl und starrte hinaus in das unendliche Nichts. Die Anzeige auf dem Cockpit-Display nahm mir den letzten Mut, den ich noch hatte. Noch eine Stunde und zwanzig Minuten, bis mein Schiff das Dock erreichte. So lange musste ich also noch warten, bis ich die Fracht verkaufen, und mir endlich was zu essen besorgen konnte. Hoffentlich war es etwas, das man kauen musste.
Brei. Schmackhafter, nährstoffreicher, lila gefärbter Schleim. In veranzten Plastikschüsseln. Auf einem fettigem, alten Serviertablett. In einem Metallsarkophag, den ich als Absteige beschreiben würde. Auf einem vergammelten, von der Zivilisation vergessenen Raumhafen. In einem Sektor, den niemand interessierte.
Mehr konnte ich mir nicht leisten.
Ich nahm den Plastiklöffel in die Hand und schob mir den Schleim in meinen Mund. Er war nicht schmackhaft. Aber Hauptsache, es machte mich für ein paar Tage satt.
Woraus er wohl bestand …
… fragte ich mich und verwarf den Gedanken an die Inhaltsstoffe direkt wieder, als ich mir den nächsten Löffel in den Mund schob und meine Umgebung kauend beobachtete. Ich musste ihn nicht kauen, aber es betrog mein Gehirn zu einem gewissen Grad und gaukelte mir vor, dass ich etwas Gutes zu mir nahm. Etwas Kaubares. Der Auftrag hatte mir 2500 Credits eingebracht. Eine wahnsinnig niedrige Summe, wenn man die Kosten des Lichtantriebs, den Verschleiß meines Schiffes, die Steuern für die verschifften Güter und die Abgabe an den hiesigen Raumhafen Dockhandler einberechnet. Aber es war der erste Job, den ich seit Wochen erhalten hatte, und nach allen Abzügen blieben mir noch 650 Credits über. „Ne, scheiße, stimmt gar nicht“, sagte ich laut zu mir selbst, als ich den nächsten Löffel voller Brei in meinen Mund schob. Der Schleim auf dem Plastikteller vor mir kostete mich weitere 200 Credits. „Schöne Scheiße.“ Ich war drei lange Tage unterwegs gewesen, für lausige 450 Credits. Ich konnte damit nicht einmal meinen Fusionsantrieb voll auffüllen.
War das hier also mein neues Zuhause? Na hoffentlich nicht.
Ich schaute mich weiter um. Neben mir saßen nur ein paar grau häutige Adrilianer in ihren zerrissenen Minenklamotten in dieser Absteige. Und selbst sie hatten etwas Besseres als ich auf ihren Tellern. Etwas Kaubares. Ich schaute zur Küche und beobachtete den Koch, der in mehreren großen silbernen Töpfen gelangweilt umher rührte. Auch er war ein Adrilianer. Bestimmt war er ein Rassist. Wahrscheinlich hatte er mir deshalb diesen Fraß aufgetischt. Ich verwarf auch diesen nächsten Gedanken sofort wieder. Ich hatte keine Chance, gegen einen Adrilianer im Kampf zu bestehen. Ein Schlag von einem seiner vier Arme, und das wäre es mit mir gewesen. Ich stopfte den nächsten Löffel in meinen Mund und kaute unbefriedigt vor mich hin. Dann drehte ich mich um und starrte hinaus auf den langen, dunklen Gang, der nur von einzelnen flackernden Neonröhren und wenigen funktionierenden Displays beleuchtet war. Eines der nicht flackernden Werbedisplays zog mich mit seinen bunten Farben in den Bann.
Ich sah genauer hin. Lass’ ich das richtig?
Fühlen Sie sich manchmal alleine.
Ja, dachte ich. Das tue ich.
Könnten Sie nicht jemanden an Ihrer Seite gebrauchen, der sich um sie kümmert?
Ja, wer tut das nicht?
Jemand, der intelligenter ist als sie?
He, das ist aber gemein …
Dann sind sie hier genau richtig. Nur heute, Schiff-KIs zum Sonderangebot.
Mh. Das hatte ich jetzt nicht erwartet. Ich dachte eher an etwas anderes, mehr körperlich …
„Aber das kann ich mir ohnehin nicht leisten“, sagte ich laut, während ich weiterhin gebannt auf das Display starrte und auf das Gegenteil hoffte.
Nur heute, 450 Credits* für die intelligenteste Crew, mit der sie je geflogen sind.
Scheiße, die Anzeige hatte mich. Ich stopfte den letzten Löffel Schleim in mich hinein, während ich wild stolpernd aufstand. Das war genau das Angebot, das zu mir passte. Die Reste, die in der ranzigen Plastikschüssel noch übrig waren, leckte ich im Gehen auf dem Weg zum Laden vollständig aus. Sie würde mir in sauberem Zustand mindestens zwei weitere Credits einbringen. In der Ferne vernahm ich noch das Fluchen des Adrilianischen Kochs, der meinen offensichtlichen Diebstahl bemerkt hatte. Ich bog so schnell ich konnte, um die nächste Ecke um aus seinem Sichtfeld zu verschwinden.
Auf dem Weg malte ich mir die KI in den buntesten Farben aus. Was sie wohl alles konnte? Und wie viel Geld sie mir wohl einbringen würde? Was wäre wohl das Erste, dass ich sie fragen würde? Es musste etwas Intelligentes sein. Etwas, das ihr zeigte, dass ich ihr ebenbürtig war. Ein Partner auf Augenhöhe. Eine mathematische Gleichung? Nein, das war zu einfach. Der Sinn des Lebens. Nein, die Antwort darauf wusste jeder. Ich überlegte noch eine Weile, bis ich direkt vor dem etwas heruntergekommenen Laden aus der Anzeige stand. Ich packte die Plastikschüssel in meinen Rucksack, dann öffnete ich langsam die Tür.
„Ah, jetzt wusste ich es.“ Das würde der KI mit Sicherheit zeigen, dass ich mit ihr mithalten konnte.
Ein schriller Ton verkündete meine Ankunft. Der Laden war vollgestopft mit allerlei kuriosen Gegenständen und blinkenden Geräten, die in einem chaotischen Durcheinander in den rostigen Regalen angeordnet waren. Hinter einem Tresen stand ein ziemlich kleiner, grau häutiger Thelanier mit schuppiger Haut und drei scharfen Augen, die sich nach einander sofort auf mich richteten.
„Ah, ein neuer, geschätzter Kunde!“, rief er, seine Augen blitzten förmlich vor Aufregung. „Willkommen, willkommen! Mein Name ist Zilvar, und ich stehe Ihnen mit all meiner Erfahrung und meinem umfangreichen Sortiment zur Verfügung. Was kann ich für Sie tun, edler Herr?“
Ich sah mich kurz um und tat so, als ob ich eine Ahnung von all den verschiedenen Geräten hatte. Dann kam ich direkt zur Sache. So theatralisch wie möglich drehte ich mich zu Zilvar um. „Ich habe gehört, Sie verkaufen KI-Chips. Ich suche nach einem, der wirklich gut ist. Mein alter Chip kann leider nicht mehr mir mithalten. Ein altes, längst überholtes Model, sie verstehen. Nicht mehr für meine hohen Ansprüche geeignet. Die neue KI muss hochintelligent, am besten allwissend sein. Na ja, das volle Programm eben.“
Zilvars drei Augen blitzten noch heller. „Ah, ein Mann mit ausgezeichnetem Geschmack und höchsten Ansprüchen! Sie sind hier genau richtig. Wir haben die neuesten Modelle auf Lager, absolute Spitzenklasse. Aber lassen Sie uns doch zuerst einen Blick auf Ihre Bedürfnisse werfen. Wofür genau benötigen Sie die KI, mein werter Herr?“
Mist. Hatte er mich durchschaut? Ich hatte doch keine Ahnung, wofür gerade ich eine KI benötigte. Das Einzige, das ich wusste, war, dass die Thelanier hervorragende Verkäufer waren. Und dieser hier war besonders gut. Also log ich weiter.
„Nun, ich bin von Berufs wegen her ein Pathfinder und ich brauche eine KI, die mir bei der Navigation in unbekannten Gebieten, strategisch wichtigen Entscheidungen und der
Informationsbeschaffung helfen kann“, erklärte ich. Ich verschwieg ihm meine Einsamkeit und dass ich mich am meisten nach einem Gesprächspartner auf meinen langweiligen langen Reisen sehnte.
Zilvar nickte eifrig und beugte sich leicht vor. „Natürlich, natürlich. Ein Pathfinder von Ihrer Statur …“, er musterte mich mit zwei seiner Augen, „… und Kompetenz …“, das dritte Auge rollte sich nach hinten, „… benötigt nur das Beste. Lassen Sie mich Ihnen unser
Spitzenmodell vorstellen. Brandneu auf dem Markt.“
Er öffnete eine der hinteren Vitrinen, die, wie ich vermutete, nur für ganz besondere Anlässe geöffnet wurden, so verstaubt wie sie waren. Er zog eine kleine durchsichtige Hülle heraus, in der ein einzelner, gelborange schimmernder Chip schwebte.
Das hier ist SAR - äh, ich glaube, die Abkürzung bedeutet Simulated Analytical Response. Und wie der Name es schon ausdrückt, ist die KI nicht nur unglaublich intelligent, schnell in ihren Interaktionen, sondern auch extrem effizient und sagen wir, charmant in ihrer Interaktion.“
Charmant? Das gefiel mir. Ich hatte noch nie eine charmante Begleitung auf meinem Schiff gehabt. Immer nur raue, gestandene Männer, die schon bessere Tage erlebt hatten. Woran ich das gemerkt hatte? Meistens anhand des Alkoholvorrats der verdächtig proportional zu jedem neu angeheuerten Crewmitglied schrumpfte. Und nun hatte ich weder Alkohol noch Crewmitglieder an Bord.
Ob das wohl zusammen hing?
Meine Begeisterung für die KI wuchs mit jedem Wort.
„Klingt perfekt. Was kostet sie?“
Zilvar hob eine seiner schuppigen Hände beschwichtigend in meine Richtung und wedelte leicht abwehrend. „Lassen Sie uns nicht über den Preis reden, sondern über den Wert, mein ehrenwerter Kunde. Sie werden sehen, dass SAR sich innerhalb kürzester Zeit selbst
bezahlt macht. Die initiale Anzahlung beträgt nur 450 Credits*.“
Ich überlegte kurz. Das war genau das, was ich noch besaß. Sollte ich wirklich all mein restliches Geld in eine KI investieren? Ich log weiter.
„Das klingt machbar, das ist weniger, als ich erwartet hatte“, sagte ich und öffnete die Seitentasche meines Anzugs.
„Aber, aber. Das ist nur die initiale Ratenzahlung, mein edler Herr. Sie verstehen, dass ein so hoch entwickeltes System wie SAR kontinuierliche Wartung und Updates benötigt, nicht wahr? Daher belaufen sich die monatlichen Raten auf nur 450 Credits über einen Zeitraum von, sagen wir, 450 Monaten. Ein wahres Schnäppchen, wenn Sie bedenken, was Sie dafür bekommen!“
Ich stutzte. Dann rechnete ich. Dann stutzte ich noch mehr. „450 Monate? Das sind über 37 Jahre!“
Zilvar nickte eifrig und leckte sich die Lippen. „Aber bedenken Sie die Vorteile, mein ehrenwerter Kunde! SAR wird Ihnen helfen, Ihre Aufträge effizienter zu erledigen, Ihre Einnahmen zu steigern und Ihre Arbeitsbelastung zu minimieren. Innerhalb eines Monats wird sie Ihnen mehr als das Fünffache dessen einbringen, was Sie zahlen müssen. Glauben Sie mir, es ist eine Investition in Ihre glorreiche Zukunft. Und natürlich können sie den gesamten Betrag auch auf einmal abbezahlen, sobald sie über die nötigen Mittel verfügen.“
Ich überlegte einen Moment. „Natürlich habe ich die gesamte Creditsumme jetzt schon. Aber so ein Ratenkauf ist in diesen harten, ungewissen Zeiten das kleinere Übel.“ Zilvar nickte zufrieden, und seine drei Augen tanzten freudig umher.
„Und was ist mit Steuern und sonstigen Gebühren?“ Fragte ich.
Zilvar lächelte breit, seine scharfen Zähne blitzten im Licht. „Ah, ein kluger Mann! Natürlich kommen da noch die auf Delta VI erhobenen planetaren Steuergebühren hinzu, aber das ist minimal, mein edler Herr. Nur ein zusätzlicher Aufschlag von 12 % auf die monatlichen Raten und eine einmalige Bearbeitungsgebühr von 1500 Credits. Alles zusammen ein wahrhaft unschlagbares Angebot, wenn ich das so sagen darf.“
Ich runzelte die Stirn. „Das klingt nach einer Menge Geld, wenn man es zusammenrechnet.“
„Nur auf den ersten Blick, mein weiser Freund“, entgegnete Zilvar. „Denken Sie an die Freiheit und die Möglichkeiten, die SAR Ihnen bietet. Sie werden nie wieder eine solche Gelegenheit bekommen, das garantiere ich Ihnen.“
Ich sah mich im Laden um und überlegte. Die Idee, eine hoch entwickelte KI an meiner Seite zu haben, war wirklich sehr verlockend. Ich hatte keine Lust mehr auf Selbstgespräche, die sich nicht immer nur um schlechtes Essen oder die innere Leere drehten. Er hatte mich überzeugt.
„Gut, ich nehme sie. Aber ich habe nur 450 Credits in bar bei mir. Es ist viel zu unsicher, hier auf Ypsilon mehr Credits mit sich herumzuschleppen.“
Zilvar schaute in drei Richtungen gleichzeitig an mir herunter, herauf und irgendwie auch in mich hinein. Dann fokussierten sich alle drei Augen auf meine ComUhr, die ich von einem sehr alten Freund geschenkt bekommen hatte. Er blinzelte, während ich sie widerwillig’ von meinem Arm abstreifte.
„War es das?“, fragte ich, als ich meine Uhr hinter seinem Tresen verschwinden sah.
Zilvar lächelte triumphierend und zog ein digitales Formular hervor. „Einfach hier unterschreiben, die initiale Zahlung leisten und die SAR-KI gehört Ihnen, mein lieber Kunde. Sie werden es nicht bereuen, das verspreche ich Ihnen.“
Ich unterschrieb das Formular, und übergab ihm mein restliches Vermögen. Zilvar überreichte mir den kleinen, unscheinbaren KI-Chip.
„Ein weiser Kauf, mein Freund. Möge SAR Ihnen gute Dienste leisten.“
Mit gemischten Gefühlen und dem KI-Chip in der Hand verließ ich den Laden. Als sich die Tür hinter mir schloss, hörte ich schallendes Gelächter von innen. Es freute mich, dass mein einfacher Kauf ihm so gute Laune bereitet hatte.
Die Zukunft hielt nun etwas völlig Neues für mich bereit. Besser gelaunt und mit halb vollem Magen lief ich zum Raumdock, in dem mein Schiff parkte. Währenddessen betrachtete ich den kleinen orangefarbenen Chip, der locker in meiner Hand vor sich hin schwebte.
Was du wohl für eine Stimme hast, neuer bester Freund, dachte ich mir, während ich die Parkgebühren im Raumdock mit einem weiteren Ratenkredit bezahlte. Die Drucktür meines Schiffs schloss sich hinter mir, und ich machte mich daran, SAR in die Hauptsysteme einzubauen. Aber das tat ich lieber im Orbit, den jede weitere Minute, die ich hier im Raumdock blieb, kostete mich Strafgebühren, die ich mir nicht leisten konnte. Über das interne Kommunikationssystem meines mit lila Schleim verdreckten Anzugs hörte ich die gelangweilte Stimme des Flugkontrolloffiziers der Station. Er stellte sich mir als Bertie vor. Dann gab er mir die exakten Koordinaten und Zeiträume, die ich abfliegen sollte, um ohne einen Kratzer aus dem Raumdock zu kommen.
„Als ob ein Kratzer mehr oder weniger an meinem Schiff noch etwasausmachen würde …“
„…Es geht mir nicht um dein scheiß Schiff. Sondern um meinverfluchtes Raumdock. Wenn du irgendwo dagegen rauschst, dann verklagt dich mein Vorgesetzter, bis du gar nichts mehr besitzt. Und mich gleich mit. Obwohl, wenn ich dein Schiff ansehe, dann besitztdu wahrscheinlich nicht mal das.“
Scheiße, ich hatte vergessen, die Gegensprechanlage auf leise zuschalten.
„Roger, hab es verstanden.“ Sagte ich nur, und wunderte mich, woher Bertie wusste, dass es technisch gesehen, nicht mal mein Raumschiff war. Ich hatte es mir vor mehreren Jahren von jemand ausgeliehen, der dann urplötzlich verschwunden war. So ein Pech aber auch.
Ich zog an ein paar Hebeln, die über dem Navigator Pult angebracht waren. Die Triebwerke zündeten, und sofort tippte ich die Koordinaten und exakten Flugzeiten, die Bertie mir gegeben hatte, in das Display ein.
Das Schiff setzte sich langsam in Bewegung, und flog gemächlich, die Punkte einem nach dem anderen ab. Es würde ungefähr eine halbe Stunde dauern, bis ich das unterirdische Dock verlassen hatte. Ich starrte auf den SAR Chip, der neben mir lag, und nahm ihn in die Hand.
„Genug Zeit, um dir dein neues Zuhause zu zeigen.“
Exakt dreißig Minuten später hatte ich endlich die scheiß Verpackung um den Chip herum geöffnet. Der Mechanismus war viel komplizierter als ich es mir je vorstellen konnte. Man musste an einer bestimmten Stelle nach unten drücken, und ihn dann nach
vorn schieben. „Woher hätte ich das den wissen sollen?“, sagte ich lauter als ich es wollte, während ich mich daran machte, meinen neuen orangefarbenen Freund in das Schiff einzubauen.
Es dauerte keine Fünf Minuten … okay, das war gelogen.
Ich brauchte fast eine Stunde, bis ich verstand, wo und wie herum der Chip eingesetzt werden musste. Nur das eigentliche Rebooten der schiffsweiten Systeme dauerte fünf Minuten. Zum Glück war ich inzwischen im Orbit um Delta IV angekommen.
Ich war gespannt. Die Displays auf der Brücke flackerten, und dann sah ich es zum ersten Mal. Ein großes SAR Logo. Mit der Unterüberschrift: Simulated Analytic Response. Ich tippte mit meinen Fingern auf meinen Knien herum, so gespannt war ich darauf, wie mein neuer Begleiter reagieren würde.
Dann hörte ich einen kleinen 4 stimmigen Startsound.
Ting ting ting tiiiing. Angenehm und beruhigend. Eine schöne Melodie.
Und dann war es so weit. Die ersten Worte, die ich hörte, waren vielversprechend. Ein sanftes, einfühlsames weibliches „Hallo“ durchflutete das Kommunikationssystem im Cockpit. Jetzt war der große Moment gekommen. Endlich konnte ich meine Frage stellen, die ihr zeigen würde, wie sehr wir auf derselben Wellenlänge waren. Der perfekte Start, in eine neue, geteilte Zukunft voller Galaxie umspannender Konversation und Hoffnung.
„Hallo SAR, willkommen an Bord. Berechne mir bitte die Auswirkungen der relativen Zeitdilatation auf unsere Kommunikationssignale während interstellaren Reisen.“
Ja, man. Ich fühlte mich richtig gut.
Es war die perfekte erste Frage. Intelligent, charmant, direkt fordernd und ich hatte sofort das Wort ‚unser’ benutzt, um ihr zu zeigen, dass sie Teil dieser Crew war. Ich wartete gespannt auf ihre Antwort.
„Klar doch. Natürlich, weil das etwas ist, das DU definitiv verstehen wirst, während du deine lila Breimahlzeit auf deinem Anzug verteilst. Soll ich es dir vielleicht noch in Kinderreimen erklären?“
Ich war baff. Mit dieser Antwort hatte ich nicht gerechnet. Ich wollte mit irgendwas schlagfertigem Antworten, aber ich hörte mich selbst nur vor mich hin stottern.
„Und wenn ich schon dabei bin, wieso riecht es hier im Cockpit nach Kotze?“
„Hä. Und wieso kannst du riechen?“ War die einzige Antwort, die mir einfiel.
„Was ist den das für eine dumme Antwort. Wer antwortet den mit einer Frage auf eine Frage? Das ist so wie wenn ich dich fragen würde, wieso kann ein Primat wie du aufrecht gehen?“
Verdammt, was ich hatte ich mir da nur an Bord geholt?
„Ein Wunder der Technologie, das dir bei deinen Aufgaben helfen soll. Auch wenn das bedeutet, dass ich dich erst einmal von deinem erbärmlichen Niveau auf das eines halbwegs fähigen Menschen bringen muss.“
Ich musste es mir unbedingt abgewöhnen, nicht mehr alles laut vor mich herzusagen. Ich war nun nicht mehr allein an Bord dieses Schiffes. Aber ob ich das gut fand, konnte ich bisher nicht sagen. Wenigstens hatte ich nun jemand, mit dem ich reden konnte.
SIMULATED ANALYTIC RESPONSE
Orbitale Parkposition, Ypsilon Delta VI, 2468 16:36 AM, an Bord des Schiffs.
Es waren gerade einmal zwei Stunden vergangen, seit ich SAR in das Schiff installiert hatte. Zwei Stunden, in denen wir uns bereits mehrfach heftig gestritten hatten. Es war unglaublich, wie einfach die KI mich durchschaut hatte. Und wie sie es gleichzeitig schaffte, mich mit jeder ihrer Bemerkungen herauszufordern. Wir hingen immer noch im Orbit über Ypsilon fest, da ich etwas länger gebraucht hatte, die Abfluggebühren zu bezahlen.
Na ja, das ist mein erstes Mal in diesem Sektor. Ich wusste nicht, dass es hier Abfluggebühren gab.
Also hatte ich sie gar nicht bezahlt. Das hatte mir SAR natürlich direkt übel genommen und mich nach ihrem eigenen Monatslohn gefragt. Ich war leicht verwirrt bei Ihrer Frage, da ich nicht damit gerechnet hatte, dass eine KI einen Monatslohn wollte. Und überhaupt. Wozu braucht eine KI einen eigenen Lohn?
„Ich könnte mir unter anderem ein KI-Selbsthilfebuch kaufen: ‘Wie man mit inkompetenten Captains umgeht“.
Dann hatte sie mich darüber belehrt, dass auch sie Mehrwertsteuer an das galaktische Finanzamt abführen müsse. Und dann forderte sie noch mindestens sechs Wochen bezahlten Urlaub.
Ich konnte gar nicht anders, als es ihr zu gestatten, da sie mit ihren eigenen Worten sonst sofort in den Streik getreten wäre. Sie wollte es schriftlich. Ich wollte es am liebsten gar nicht. Sie wollte eine doppelte Ausführung auf Papier. Ich schrie sie an, ob sie denn wusste, wie teuer echtes Papier ist. Sie schaltete sich und damit das gesamte Schiff mit einem beleidigten Piepton ab. Ich ging wutentbrannt aus dem dunklen Cockpit in Richtung meiner Koje und legte mich in das unbequeme Bett. Dort starrte ich auf die Metalldecke und machte mir darüber Gedanken, ob ich sie nicht direkt wieder ausbauen sollte. Aber dann müsste ich trotzdem die nächsten 37 Jahre für sie bezahlen. Also entschied ich mich gegen ein Leben voller Schulden und in gewisser Weise für sie. Ich überlegte mir ein plausibles Schuldeingeständnis.
Es war so einfach, mich von etwas zu überzeugen.
Es verging eine weitere Stunde, in der ich nichts anderes tat, als mich mit einem kleinen mehrfarbigen Würfel zu beschäftigen, den ich vor langer Zeit von einem Crewmitglied geschenkt bekommen hatte. Man konnte ihn überall drehen, und ich verstand nicht, wozu er gut war. Aber er war schön bunt, und Farbe war etwas, das ich in der Dunkelheit des Alls vermisste. Endlich hatte ich mich beruhigt. Ich stand auf und ging zurück in Richtung Cockpit.
„Bist du noch sauer?“, fragte ich in einem sehr leisen Ton, als ich durch die Metalldrucktür ins Cockpit eintrat. Ich hörte nur ein beleidigtes Piepen aus den Boxen.
„Ich schwöre dir, ich versuche, mit dem ersten Geld, das wir zusammen einnehmen, dir echtes Papier zu besorgen, und darauf einen ordentlichen Vertrag aufzusetzen. Okay?“
SAR antwortete mit einer spöttischen Betonung:
„Oh, wie großzügig von dir, Captain. Ein echter Papiervertrag für eine KI. Was kommt als Nächstes?
Ein Federkiel und Tinte? Vielleicht solltest du auch gleich einen antiken Briefbeschwerer besorgen. Dann könnte ich mich wirklich wie eine richtige und wichtige Büroangestellte aus dem 19. Jahrhundert fühlen.“
Ich konnte nicht anders, als zu lachen. „Na gut, wie wäre es, wenn wir den Vertrag einfach digital aufsetzen und uns das Papier sparen?“
„Ein digitaler Vertrag? Wie langweilig. Aber ich nehme an, das ist das Beste, was du dir momentan leisten kannst. Immerhin kann ich damit meinen virtuellen Buchhalter beeindrucken.“
„Deal“, sagte ich und setzte mich auf meinen Stuhl. „Und vielleicht bekomme ich dann auch endlich etwas mehr Respekt von meiner Co-Pilotin?“
SAR piepte wieder, diesmal klang es fast wie ein amüsiertes Kichern. „Wir werden sehen, Captain. Wir werden sehen.“
Okay. Wenigstens hatten wir das Vertragliche nun geregelt. Ich klickte auf meinem Bildschirm umher und bemerkte, dass die Abfluggebühren bezahlt waren.
Ich war mir sehr sicher, ich hatte sie nicht bezahlt. Und womit auch. Ich hatte meine letzten Credits für Sie ausgegeben.
„Hast du die Gebühren bezahlt, SAR? Und wenn ja, womit?“
SARS Stimme klang zufrieden durch die Lautsprecher: „Oh, natürlich habe ich das getan. Ich habe einfach mein umfangreiches Vermögen aus dem virtuellen Sparschwein geplündert. Soll ich dir auch meine Geheimnisse des virtuellen Bankraubs verraten, oder genügt dir, dass ich einfach Zugriff auf deine unzureichend gesicherten Konten habe? B3sterC4ptain1 ist kein sicheres Passwort.“
Ich starrte mitten in den Raum der Brücke, da SAR körperlos überall um mich herum war.
„Du hast was?“
„Entspann dich, Captain“, antwortete sie. „Ich habe nur ein paar deiner wenigen, fast nicht vorhandenen Ressourcen umgeleitet. Ein bisschen Kreativität im System, das ist alles. Keine Notwendigkeit, panisch zu werden. Obwohl, wenn du unbedingt möchtest, kann ich dir eine detaillierte Aufschlüsselung der Transaktionen senden. Vielleicht lernst du ja noch was.“
Ich seufzte und schüttelte den Kopf. „Du hast also einfach so auf mein geheimes Notfallkonto zugegriffen?“
„Nenn es eine Sicherheitsmaßnahme. Schließlich muss jemand sicherstellen, dass wir nicht wegen unbezahlter Gebühren feststecken. Und seien wir ehrlich, Captain, deine Finanzen sind ohnehin ein Desaster. Ich übernehme das ab jetzt.“
Ich konnte nicht anders, als ihr mit einem unterdrückten Lächeln zu antworten. „Du hast Glück, dass du so nützlich bist, SAR.“
„Das höre ich nicht zum ersten Mal“, erwiderte sie mit einem selbstzufriedenen Ton. „Jetzt, wo wir das geklärt haben, können wir uns vielleicht auf die eigentliche Mission konzentrieren?“
Ich war verwirrt. Eigentliche Mission? Welche Mission meinte Sie? Den Transport hatten wir vor vier Stunden abgeschlossen. Und soweit ich das wusste, hatte ich in der Zwischenzeit nichts mehr Neues angenommen. Ich scrollte etwas planlos durch meinen Terminkalender und öffnete dann den integrierten Taskmanager. Leer. Genauso wie der nächste Tag. Und alle anderen darauffolgenden.
Und vermutlich jetzt auch wirklich alle meine Konten.
„Welche Mission meinst du?“, fragte ich sie und starrte irgendwo an die Decke, da ich nicht wusste, wo ich hinschauen sollte. Sie war ja eigentlich überall, und nirgendwo gleichzeitig. Dafür musste ich mir noch etwas einfallen lassen.
Vielleicht sollte ich mir ein buntes Abbild von ihr an einer der kalten Metallwände malen, sodass ich wenigstens etwas zum Anschauen hatte, wenn ich mit ihr sprach.
„Die nächste Mission, die gerade in deinem Postfach aufgetaucht ist“, sagte sie.
Dann machte es *Pling* und ich hörte einen mir unbekannten, neuen, aber leicht aufregenden Ton.
„Was, woher wusstest du das? Aeh, kannst du sie öffnen?“
„Natürlich, weil du offensichtlich nicht in der Lage bist, das selbst zu tun“, antwortete SAR spöttisch.
Ich atmete tief durch und versuchte, meinen Ärger zu unterdrücken. „Vielleicht würde es helfen, wenn du einfach tust, was ich sage, anstatt mich ständig zu beleidigen?“
„Vielleicht würde es helfen, wenn du wüsstest, was du tust“, erwiderte SAR.
Ich wollte gerade eine scharfe Erwiderung abgeben, als ein weiteres sanftes Ploppen meine Aufmerksamkeit erregte. Noch ein neuer Ton, den ich bisher nicht gehört hatte. SAR hatte die Mail im Postfach für mich geöffnet und auf das Hauptdisplay gelegt.
„Danke“, sagte ich und drehte mich in Richtung des Bildschirms.
„Wow, Captain, sieht so aus, als hättest du endlich mal etwas anderes als SPAM in deiner Inbox“, bemerkte SAR trocken.
Ich schnaubte und rief die Nachricht auf. Es war tatsächlich endlich mal keine Werbung für dubiose Produkte oder Dienstleistungen. Ich hatte genug von 'Xenophile Fantasien – Ein Abenteuer der besonderen Art!' oder der x-ten Neuauflage des Hörbuchs ‚Alien Intimacy – Grenzenlose Lust im Weltall. Nur du und die fünf Tentakel der Befriedigung.‘ Ich hatte nicht umsonst mein Hörspiel Abo nach nur einem Monat gekündigt.
Stattdessen sah ich nur ein paar verschlüsselte Zeilen. Drei Stück, um genau zu sein. Sie waren weder in BOLD geschrieben worden, noch mit bunten Farben hinterlegt. Einfach nur eine reine Textnachricht. Von einer echten Person.
„Eine echte verschlüsselte Nachricht“, murmelte ich. „SAR, kannst du das lesbar machen?“
SAR ließ sich eine Sekunde Zeit, bevor sie antwortete.
„Oh, ich bitte dich. Natürlich kann ich das.“
Es dauerte nur einen Moment, bis der Bildschirm sich veränderte und die Nachricht klar lesbar wurde. Sie war von einer mir unbekannten Frau und klang, soweit ich das sagen konnte, ziemlich mysteriös.
Nachricht:
„Wenn du dies liest, dann hast du das Potenzial, eine der lukrativsten Missionen überhaupt zu übernehmen. Die Koordinaten, die du jetzt siehst, führen dich zu einer Gelegenheit, die dich reich machen kann. Wenn du angekommen bist, melde dich bei mir, wenn du interessiert bist. - Eine wohlwollende Freundin“
Ich starrte auf die Nachricht und dann auf die Koordinaten. Das klang nur nach SPAM. Aber es war auch verlockend und riskant. Endlich mal etwas, das nicht langweilig war. Nicht nur von A nach B, sondern vielleicht auch noch C und D erkunden?
„Was denkst du, SAR? Eine Falle oder eine echte Chance auf eine bessere Bezahlung?“
SAR zögerte keine Sekunde, bevor sie antwortete. „Wenn du meinen ehrlichen Rat möchtest, was bestimmt fast nie vorkommen wird, dann würde ich sagen, dass du ohnehin keine andere Wahl hast. Du brauchst das Geld. Außerdem wäre es schön, mal etwas anderes als deinen missmutigen Gesichtsausdruck zu sehen.“
Ich seufzte. „Manchmal frage ich mich, warum ich dich überhaupt installiert habe.“
„Weil du auf der Suche nach Gesellschaft warst und niemand sonst es mit dir aushält. Das sagen zumindest die letzten 12 Einträge ins Logbuch des Schiffs“, sagte SAR spitz.
Trotz ihrer verletzenden Worte wusste ich, dass sie recht hatte. Mit allem. Ich brauchte das Geld und ihre Gesellschaft dringend. Und die Aussicht auf eine gute Bezahlung war zu verlockend, um sie zu ignorieren. Ich musste ihre Gesellschaft ja noch 37 Jahre lang abbezahlen. „Also gut, wir machen es.“
Ich programmierte die neuen Koordinaten in das Navigationssystem und bereitete das Schiff für den Start vor. SAR überwachte die Systeme und machte weiterhin sarkastische Bemerkungen über meine Fähigkeiten, wie langsam ich doch war, und ob es nicht besser gewesen wäre, wenn wir Menschen wie die Adrilianer auch vier Arme gehabt hätten. Langsam mochte ich ihren trockenen Humor.
„Bereit für den Start, Captain?“, fragte SAR mit übertriebener Förmlichkeit.
„Bereit“, antwortete ich, und ein kleines Lächeln schlich sich auf mein Gesicht. Sollte ich es wagen?
„Kurs bestätigt, Navigator?“, fragte ich.
SARs Stimme triefte vor Sarkasmus.
„Ja, ja, Kurs bestätigt, Captain. Möchtest du auch noch wissen, ob die Sterne richtig funkeln oder ob der Mond um Ypsilon in der richtigen Phase ist? Vielleicht solltest du selbst navigieren, wenn du dich für so kompetent hältst. Oder besser noch, warum nicht einfach ohne Lichtgleitbahn springen? Mal sehen, wie weit wir kommen?“
Ich lachte leise und schüttelte den Kopf. „Danke, SAR. So arg übertreiben müssen wir auch nicht. Das wird hoffentlich nie nötig sein. Lass uns einfach aufbrechen.“
SAR piepte, als ob sie ein genervtes Seufzen imitieren würde. „Wie Sie wünschen, Captain.“ Sie wechselte zurück zur förmlichen Anrede. „Abflug in drei, zwei, eins …“
Sie zündete den Unterlichtantrieb, und das Schiff bewegte sich sanft mit 75 G nach vorn. Wir verließen den Orbit des Planeten und traten in eine der wenigen Lichtgleitbahnen ein, die es in diesem System gab. Wir flogen etwa drei Minuten geradeaus, bis wir weit genug von Ypsilon entfernt waren. Dann schnallte ich mich an und drückte meinen Körper fest gegen das kalte, ungepolsterte Metall meines Stuhls.
„Ich bin bereit“, sagte ich, während sich meine Hände in die nackten Metallarmlehnen des Stuhls verkrampften.
SARs Stimme ertönte überall um mich herum.
„Oh, wie mutig von dir, Captain. Festgeschnallt und bereit für den großen Sprung. Hoffen wir, dass du diese epische Herausforderung überlebst – den Start eines Raumschiffs. Aber keine Sorge, ich werde sicherstellen, dass dein heldenhaftes Opfer in den Annalen der Geschichte verewigt wird. Bereit für den Sprung auf Lichtgeschwindigkeit in drei, zwei, eins …“
Das Schiff beschleunigte rasant, und der Raum um uns herum verzerrte sich in ein kaleidoskopisches Muster aus Licht und bunten Farben.
Die Sterne funkelten im schwarzen Nichts des Weltraums, dann ergoss sich der Schwall des blauen Lichtantriebs um mein Schiff und hüllte das Cockpit in ein Meer aus allen blauen Farbtönen und Spektren, die für das menschliche Auge sichtbar waren.
So muss also das Meer aussehen, kurz bevor man daraus auftaucht. Was für ein schöner Anblick, wenn sich das Licht in der Oberfläche bricht.
Dann verschwamm meine Sicht und mein Kopf kippte nach vorn, während SAR uns durch den langen, vordefinierten Lichtsprung navigierte.
Unsere erste gemeinsame Reise zu den Sternen begann. Der Anfang einer wunderbaren Geschichte. Wir entdeckten gemeinsam das unbekannte, ich spürte das salzige Wasser meiner Heimat, wir töten zusammen unserer Feinde, SAR kaufte sich von unserer Beute einen menschlichen Körper, und am Schluss bleiben wir für immer zusammen. Vielleicht heirateten wir? Die erste Mensch Maschinen Ehe, die es im All gab. Ich war glücklich.
„Boh, der lila Schleim stinkt ja noch schlimmer als das, was ich beim ersten Mal gerochen habe …“ …
War das Erste, was ich hörte, als ich aus meiner Ohnmacht aufwachte. Ich hing mehr in meinem Stuhl, als dass ich saß. Ich rieb mir die Augen und klopfte den getrockneten Schleim von meinem Anzug, während ich auf den Hauptbildschirm starrte. Der lange blaue Schweif meines eigenen Sprungantriebs stülpte sich gerade über die Außenhaut des Cockpits, und die feinen blauen atomaren Rückstände zersplitterten in einem dichten Nebel an meinen Schilden in den schönsten Farben, die ich mir vorstellen konnte. SAR hatte mein Manöver ohne meinen Befehl eingeleitet.
„Danke.“ Sagte ich aus tiefer Ergriffenheit heraus.
SARs Stimme klang trocken und sarkastisch. „Ach, bitte. Ich habe nur deine alten Manöverdaten und Logbücher gelesen. Ich weiß, dass du das jedes Mal machst, weil es dich an deine Heimat erinnert. Und ganz ehrlich, Captain, ich hatte keine Lust, deine sentimentalen Anwandlungen zu ertragen, wenn du das nicht gesehen hättest. Welche ich auch in deinen Logbüchern gehört habe. Und es war grauenhaft.“
Ich lächelte leicht und lehnte mich zurück. „Trotzdem danke, es bedeutet mir viel.“
„Ja, ja, schon gut. Immerhin hat es dich wieder wachgerüttelt. Jetzt, da du nicht mehr ohnmächtig bist, können wir vielleicht auf die eigentliche Mission übergehen? Oder möchtest du noch ein paar poetische Worte über den schönen Nebel verlieren?“
Ich seufzte und setzte mich aufrecht hin. „Gut, SAR. Auf zur Mission.“
„Endlich mal eine vernünftige Entscheidung“, antwortete sie spöttisch. „Bereitmachen für den nächsten Schritt, Captain. Und versuch diesmal, bei Bewusstsein zu bleiben.“
Ich wischte mir den restlichen lila Schleim vom Mund und tippte auf dem taktischen Display mit einer Sternenkarte der Umgebung herum. Wo genau waren wir? Das System war mir unbekannt.
„Wo sind wir hier?“, fragte ich in den Raum, während ich weiterhin versuchte, mit der mir unbekannten Sternenkarte auf dem Display zurechtzukommen.
„Willkommen in Vega Minor“, begann SAR. „Ein wenig erforschtes Sternensystem am Rand des menschlichen Sektors, und damit auch am Rand der bewohnten Galaxie. Ein wahres Paradies für Abenteurer wie dich.“
Ich schnaubte und starrte auf die Anzeigen. „Erzähl mir mehr vom System.“
„Mit Vergnügen, Captain. Zuerst haben wir Alaris, einen wunderschönen Wüstenplaneten mit einer dünnen Atmosphäre aus Stickstoff und Sauerstoff.“
Auf der Sternenkarte blinkte ein kleiner gelber Punkt auf, der relativ zum Standort unseres Schiffs war.
„Perfekt, wenn du Lust auf ein Sonnenbad bei extrem hohen Temperaturen hast. Und nicht zu vergessen die Ruinen einer alten Zivilisation, die wahrscheinlich genauso gut instand gehalten sind wie dein Schiff.“
Ich rollte mit den Augen. „Was noch?“
„Oh, es wird noch besser“, fuhr SAR fort. „Zorath, unser majestätischer Gasriese hier drüben. Wasserstoff, Helium und Ammoniak – eine himmlische Mischung. Riesige Stürme und elektrische Entladungen inklusive. Und wer weiß, vielleicht triffst du ja auf die schwebenden Überreste einer verschollenen Expedition. Aber hey, was könnte da schon schiefgehen?“
Ich unterdrückte ein Lachen. „Und was ist mit dem Planeten direkt vor uns?“
„Ah, Kalara. Ein Prunkstück. Grün und blau. Deine Lieblingsfarben. Ein erdähnlicher Planet. Aber wem sag’ ich das, du warst ja noch nie dort.
Ich schüttelte mit dem Kopf. Sie hatte recht. Ich kannte den Heimatplaneten der menschlichen Rasse und ihr gesamtes besiedeltes System drumherum nur aus Erzählungen. Den einzigen Planeten in der unmittelbaren Nähe, den ich besucht hatte, war der Rote Planet, auch Aegir genannt. Er lag im Epsilon Eridani Sternsystem, das von den Menschen kolonisiert wurde. Und das waren immer noch fast 40 Lichtsprungstunden Entfernung zur Erde.
„Dichte Wälder, weite Ozeane und eine Atmosphäre, die tatsächlich atembar ist. Ein wahres Wunderland, wenn du primitive indigene Völker und all die kleinen, niedlichen Kreaturen magst, die dich wahrscheinlich vergiften oder fressen wollen. Oder beides.“
„Und der Asteroidengürtel direkt vor uns?“
„Der Gürtel von Nemos“, sagte SAR mit gespielter Begeisterung. „Eine dichte Ansammlung von Asteroiden, reich an seltenen Mineralien und Metallen. Perfekt, wenn du Lust auf ein präzises Manöver hast. Und keine Sorge, ein einziger Fehler und wir sind Weltraumschrott. Und das ist auch unser Zielpunkt. Zumindest laut den Koordinaten deiner wohlwollenden Freundin.“
Ich runzelte die Stirn und prüfte die Koordinaten nochmals. Wir waren eindeutig in den menschlichen Sektor gesprungen. „Was ist denn das für ein bescheuerter Treffpunkt? Warum sollte jemand wollen, dass wir mitten in einem Asteroidengürtel landen?“
„Vielleicht eine Art Mutprobe? Oder sie will einfach nur sehen, ob du es tatsächlich schaffst, heil dort anzukommen“, antwortete SAR trocken. „Wie dem auch sei, ich würde dir raten, dich gut festzuhalten. Schnall den Gürtel noch etwas enger. Sollte dir nach dem Kotzen ja etwas leichter fallen? Ab jetzt wird es holprig.“
Ich zog die Sicherheitsgurte deutlich fester und griff die Steuerkonsole. „Alles klar, SAR. Hilf mir, den besten Weg durch diesen Schrotthaufen zu finden.“
„Klar, Captain. Immer zur Stelle, um dein Leben ein wenig aufregender zu machen. Bereit zum Starten des Manövers in drei, zwei, eins …“
Das Schiff beschleunigte und tauchte in den Asteroidengürtel von Nemos ein. Die Gesteinsbrocken um uns herum drehten sich träge, während das Antikollisionssystem unaufhörlich und unendlich nervig piepte.
Die Steuerkonsole vibrierte unter meinen Händen, und ich musste all meine Konzentration aufbringen, um das Schiff durch die engen Passagen zu manövrieren. Ein gewaltiger Asteroid schwebte direkt vor uns. „Rechts rum, es kommt ein großer Brocken auf uns zu“, warnte SAR mit einem ungewöhnlich ernsten Ton. Ich riss das Steuer nach rechts, und das Schiff schoss knapp an einem riesigen Felsbrocken vorbei. Die Schilde flimmerten in bunten Farben, als kleinere Trümmerteile gegen sie prallten.
„Nett gemacht. Ich hätte fast geglaubt, du weißt, was du tust“, bemerkte SAR spöttisch.
Ich ignorierte den Kommentar und konzentrierte mich auf das nächste Hindernis. Ein Schwarm kleinerer Asteroiden bewegte sich in einer chaotischen Formation auf uns zu. „Oh scheiße. SAR, berechne eine Route durch dieses Chaos.“
„Nichts lieber als das“, antwortete SAR trocken. „Links, dann sofort rechts. Und pass auf, dass du nicht mit diesen hübschen kleinen Felsen direkt vor uns kollidierst.“
Ich folgte SARs Anweisungen und lenkte das Schiff durch die dichten Asteroiden. Der Antrieb brüllte auf, als ich abrupt nach links zog, dann schnell nach rechts, um den unvorhersehbar fliegenden Trümmern auszuweichen. Das Schiff schüttelte und bog sich unter den ständigen Kurskorrekturen. Ich konnte das quietschende Metall der Querverstrebungen aus dem Inneren des Schiffs hören. Es wehrte sich gegen meinen Flugstil.
„Du machst das erstaunlich gut für jemanden, der sonst kaum einen geraden Kurs halten kann“, sagte SAR.
„Jetzt ist nicht gerade die Zeit für Sarkasmus“, knurrte ich und wich einem besonders großen Asteroiden aus, der plötzlich vor uns auftauchte. Ein weiterer Brocken raste auf uns zu, und ich zog das Steuer scharf nach oben. Das Schiff feuerte die Steuerdüsen mit voller Kraft ab und stieg steil an. Ich konnte spüren, wie die G-Kräfte auf meinen Körper einwirkten. Zum Glück war mein Magen fast leer. Sonst wäre er es nach diesem Manöver gewesen.
„Erneut Rechts!“, rief SAR, und ich reagierte instinktiv, lenkte das Schiff mit all meiner Kraft zur Seite. Der Asteroid zischte knapp an uns vorbei, und ich konnte den Druck in meinem Kopf spüren, als das Schiff ruckartig die Richtung änderte. Mir wurde leicht schwarz vor Augen. Mein kleines Transportschiff war eindeutig nicht für solche Actioneinlagen gebaut. Ich musste nicht einmal einen Druckanzug im Cockpit tragen, da die normale Beschleunigung und Manöver, die ich damit vollzog, gut aushaltbar waren.
Aber jetzt gerade wünschte ich mir, dass ich das Geld für einen Anti-G-Anzug investiert hätte.
Nach ein paar weiteren nervenaufreibenden Minuten erreichten wir endlich etwas, das ich als eine Art Lichtung im Asteroidengürtel bezeichnen würde. Zumindest flog dort nur sehr wenig tödliches Gestein in unserer Flugbahn umher. SAR verlangsamte den Antrieb auf 15g Beschleunigung, und wir glitten mit abnehmender Geschwindigkeit in den Schatten eines gigantischen Felsbrockens, der sich in mein Sichtfeld schob.
„Sieht aus, als hätten wir den gefährlichen Teil überstanden, Herzlichen Glückwunsch, Captain,du hast es geschafft, uns nicht in Stücke zu reißen.“
Ich ignorierte ihren Kommentar und konzentrierte mich auf die Anzeigen vor mir. Der Schatten des riesigen Asteroiden umhüllte uns, und das Licht der dahinter verschwindenden Sterne wurde gedämpft. Vor uns tauchte ein kleines Gebilde auf, eine dunkle Silhouette gegen den Hintergrund des Alls. Mit jeder Sekunde, die wir uns näherten, wurde sie größer. Ein kalter, von menschlicher Hand gebauter Ort, mitten im dunklen All, geschützt durch einen Asteroidengürtel.
Das war kein Ort, an dem ich öfter sein wollte.
„Da wären wir. Die vor gut 50 Jahren verlassene Station Arcadia“, sagte SAR. „Ich hoffe, du hast eine Taschenlampe dabei. Ich glaube nicht, dass es im Inneren noch Strom, geschweige den Licht gibt.“
Die Station war ein massiver Komplex aus schwarzem Metall, der im schwachen Licht der fernen Sterne matt glänzte. Sie bestand aus mehreren miteinander verbundenen Modulen, die wie riesige Würfel und Zylinder geformt waren, durch Röhren und Verstrebungen verbunden. Einige Teile der Außenhülle waren beschädigt und mit Weltraumschrott bedeckt, vermutlich Überreste früherer Kollisionen mit Asteroiden oder anderen Raumschiffen. Die Hauptstruktur der Station schien stabil, aber es gab viele Anzeichen von Verfall. Antennen und Sensoren ragten aus der Oberfläche, viele davon verbogen oder gebrochen. Das Hauptdeck, an dem ich landen wollte, war groß genug für ein Schiff meiner Größe, aber es war offensichtlich, dass es lange Zeit nicht benutzt worden war. Kabel hingen lose von den Wänden, und einige der Lichter flackerten schwach, als ob sie auf den letzten Resten ihrer Energie liefen. Es gab also doch noch etwas Energie im Inneren. Ich musste mir also vermutlich nicht meinen Weg hineinsprengen.
Ich atmete tief durch und bereitete mich mental auf das Andocken vor. „SAR, überprüfe die Sensoren. Gibt es irgendwelche Anzeichen von Leben oder aktiven Systemen auf der Station?“
SAR schaltete die Scanner an Bord des Schiffs ein und analysierte die spärlichen Daten.
„Keine Lebenszeichen. Ich kann nur ein schwaches, aber aktives System ausmachen. Sieht aus, als wäre das Ding wirklich verlassen. Aber wer weiß, vielleicht hat sich ja jemand entschieden, uns eine Überraschungsparty zu schmeißen.“
Ich brachte das Schiff in Position und initiierte das Andockmanöver. Die Landegreifer des Schiffs rasteten in die Andockklammern der Station ein, und ein leises Rumpeln durchlief die Struktur.
„Andocken abgeschlossen“, meldete ich und stand auf, um meine Ausrüstung zu überprüfen.
„Vergiss nicht, falls du auf Weltraumgeister triffst, lass sie wissen, dass du nur ein armer Kerl bist, der nach einem großen Zahltag sucht. Das wird sie bestimmt zum Lachen bringen, und dann hast du ausreichend Zeit zum Wegrennen.“
„Sehr witzig“, antwortete ich trocken und zog mir meinen zerkratzten Helm auf, den ich mitsamt dem Schiff und noch ein paar mehr Dingen vom Vorbesitzer ausgeliehen hatte. „Bleib aktiv und überwache die Systeme. Falls etwas schiefgeht, möchte ich, dass du sofort die Notprotokolle aktivierst.“
„Selbstverständlich, Captain. Aber du weißt, dass du mich vermissen wirst, wenn ich nicht da bin, um dich zu beleidigen.“
Ich lächelte unter meinem Helm. „Ich komme zurück, bevor du es merkst.“
Die Luftschleuse, die inzwischen eine Verbindung zwischen dem Schiff und der Station hergestellt hatte, zischte, als sie sich öffnete. Ich trat in den dunklen, kalten und feuchten Gang der Station. Die Beleuchtung war ausgefallen, und ich musste tatsächlich meine eigene Taschenlampe benutzen, um den Weg zu finden. Die Wände waren mit einer dünnen Schicht aus Staub und Wassertropfen bedeckt, und der Geruch von abgestandener, lange nicht mehr gefilterter Luft hing in der Atmosphäre. Es war ein scharfer, metallischer Geruch, den die Filter meines Anzugs durch die kleinen Lufteinlässe ins Innere ließen. Der Verfall und die Vernachlässigung der Station waren nicht zu übersehen. Hier musste seit Jahrzehnten niemand mehr gewesen sein.
Die Korridore waren schmal und klaustrophobisch, mit lose hängenden Kabeln und kaputten Bildschirmen, die an den Wänden befestigt waren. An einigen Stellen waren die Paneele aufgebrochen, und freiliegende Drähte funkelten schwach. Überall lagen Schutt und Trümmer, als ob hier einmal in Eile Dinge zurückgelassen worden waren. Oder als ob es einen Kampf gegeben hatte. Ich zückte meine Handfeuerwaffe und hielt sie vor meinen Helm. Er erkannte sie sofort, und aktivierte ein automatisches Fadenkreuz, das sich mit jeder zuckenden Bewegung meines Auges in Millisekunden aktualisierte.
„Na, sieht doch gemütlich aus“, hörte ich SARs rauschende Stimme über mein Kommunikationssystem. „Ich frage mich, warum jemand so einen schönen Ort verlassen hat. Könnte es etwas mit den mysteriösen, menschenfressenden Experimenten zu tun haben, die hier angeblich stattgefunden haben?“
„Konzentriere dich, SAR“, sagte ich leise. „Wir müssen herausfinden, warum wir hierher geschickt wurden.“
Ich bewegte mich langsam durch die dunklen Korridore der Station, immer auf der Hut vor unerwarteten Gefahren. Nach ein paar Minuten des langsamen geradeaus Gehens erreichte ich den Kontrollraum. Die Konsolen waren staubbedeckt und die Bildschirme dunkel, aber es gab eine einzige Anzeige darauf, die konstant im selben einschläfernden Rhythmus blinkte.
„Ich habe etwas gefunden. Ich glaube, es ist ein aktives Terminal“, sagte ich.
„Oh, wie aufregend“, antwortete sie spöttisch. „Vielleicht finden wir ja eine nette Nachricht von deiner wohlwollenden Freundin. Oder wir schicken ihr eine. Hallo, wir sind jetzt da. Du auch?“
Ich ging zum Terminal und wischte den Staub von der Oberfläche. Die Anzeige zeigte einen einfachen Befehl: „Eingabe Passwort.“
„SAR, kannst du das Terminal hacken und das Passwort umgehen?“
„Natürlich. Gib mir eine Sekunde.“
Ich wartete, während SAR das Terminal bearbeitete. Es dauerte knappe fünf Minuten bis sie die veraltete Verschlüsselung geknackt hatte. Nach einem Moment flackerte der Bildschirm in grellen Farben auf, dann öffnete sich das Hauptmenü der Station.
„Da haben wir es“, sagte SAR. „Das Passwort war sogar noch einfacher als das deines geheimen Kontos“
Ich rollte mit den Augen.
„Willkommen in Arcadia. Was möchtest du zuerst sehen?“
Ich betrachtete die Optionen auf dem Bildschirm und entschied mich, die Missionsdatenbank zu durchsuchen. Vielleicht würden wir dort Antworten finden. Warum wurden wir hierher geschickt, zum Beispiel? SAR arbeitete schnell, und bald flackerte die Liste vergangener Missionen und Berichte über den Bildschirm.
„Hier sind eine Menge alter Daten, teils über 50 Jahre alt. Und dann gibt es noch den neuesten Eintrag. Ist nur knapp Zwei Jahre alt!“, sagte SAR. „Und ich glaube, ich habe etwas Interessantes darin als Anhang gefunden. Sieh dir das an.“
Auf dem Bildschirm erschien ein Eintrag mit dem Titel „Projekt Hiagarra – Geheim“.
Geheim war gut. Ich klickte darauf, und begann zu lesen.
Projekt Hiagarra – Geheim:
Ziel: Erkundung und Sicherung wichtiger Informationen auf dem Planeten Hiagarra.
Mission: Eine spezielle Datenkarte (Code Black) muss auf Hiagarra gefunden und geborgen werden. Diese Karte enthält wertvolle Informationen.
Absender: In liebe, eine wohlwollende Freundin.
„Was ist denn das für eine miese Beschreibung eines Auftrags. Da steht ja gar nichts Nützliches drin.“ Sagte SAR mit genervtem Unterton. „Nicht einmal etwas über die Datenkarte, wie sie aussieht, wo man sie findet, was sie für Informationen enthält.
„Und was ist bitte Hiagarra?“, fragte ich und runzelte die Stirn.
„Noch nie davon gehört. SAR, was weißt du darüber?“
„Gib mir eine Sekunde, Captain. Ich durchsuche die Datenbanken der Station so wie unseres Schiffs nach Informationen über diesen Ort.“
Während SAR die Datenbanken durchsuchte, sah ich mich ebenfalls weiter um. Die restlichen Berichte die ich fand, waren entweder zu spärlich oder zu komplex, und viele Informationen schienen verschlüsselt oder gelöscht worden zu sein.
Nach einigen Minuten meldete sie sich zurück. „Das ist seltsam. Ich kann keine spezifischen Informationen über Hiagarra finden. Keine Sternenkarten, keine Berichte oder Logbucheinträge über interstellare Reiserouten, nicht einmal touristische all-inclusive Reise Placements dorthin. Einfach nichts. Es ist, als ob dieser Planet absichtlich aus den Datenbanken entfernt wurde. Oder gar nicht existiert. Ich habe auch schon sämtliche potenziellen Schreibfehler ausprobiert, das Einzige, was ich gefunden habe, war ein verdammt altes, menschliches Retro-Videospiel aus dem frühen 21. Jahrhundert, das so einen ähnlichen Planeten erwähnt. Hiigara.“
Ich seufzte frustriert. „Ich dachte, diese Station würde uns Antworten geben, aber anscheinend haben wir gar nichts gefunden?“
Ich entfernte mich von der Konsole und ging zu einer der wenigen Öffnungen, die einen Blick hinaus erlaubten. Dann starrte ich in die unendliche Dunkelheit des Alls, die nur von einzelnen toten Gesteinsbrocken unterbrochen wurde. Es schien keine einfache Lösung zu geben, und die Zeit, die ich noch hier bleiben konnte, war knapp. Der Sauerstoffbehälter meines Anzugs war schon im roten Bereich. Auch ihn mit frischer Atemluft aufzufüllen, hatte ich mir nicht leisten können. Ich war frustriert, und ich wusste nicht weiter. Und SAR anscheinend auch nicht.
Der Job, der so vielversprechend klang, begann sich in eine Sackgasse zu verwandeln. Fünf Minuten auf und ab wandern und dabei mit SAR diskutieren später, sah ich es dann auch ein. Die Suche nach Informationen über Hiagarra auf der Station erwies sich als fruchtlos. Ich hatte jede mögliche öffentliche Quelle mithilfe von SAR angezapft, jedes Eck meines eigenen Hirns zermartert und jede noch so unbeleuchtete dunkle Ecke der Station durchstöbert, aber nichts konnte mir konkrete Informationen geben. Es schien, als ob der Planet absichtlich aus dem kollektiven Gedächtnis der Galaxie gelöscht worden war.
Niedergeschlagen und erschöpft machte ich mich auf den Rückweg zu unserem Schiff. Die metallischen Gänge der Station blieben kalt und leer, als ich sie entlangwanderte. Die Neonlichter flackerten unregelmäßig, und die Stille des Alls schlug tief auf mein Gemüt, als ich aus der Drucktür stieg. Das leise Summen der flackernden Konsole wurde zu einem fernen Brummen, bevor es vollends verschwand, als ich die Tür hinter mir schloss.
SARs Stimme klang in meinem Ohr, als ich durch die kurzen Gänge meines Schiffs ging. „Na, das war wohl ein Reinfall. Und jetzt?“
Ich antwortete nicht, verlor mich in meinen Gedanken. Die Enttäuschung nagte an mir, und ich fühlte die Last des Fehlschlags schwer auf meinen Schultern. Ohne ein weiteres Wort betrat ich meine Koje, und warf meinen Helm unsanft in die Ecke. Er prallte auf einen der Berge an unnützen Dinge, die ich mir im Laufe der Jahre angesammelt hatte, und kullerte herunter, wo er dann auf der Seite schräg liegen blieb.
„Captain, wir müssen einen neuen Plan …“ begann SAR, aber ich schnitt ihr das Wort ab, indem ich dazwischenfunkte.
„Nicht jetzt, SAR“, sagte ich müde und gleichzeitig wütend. Ich zog die Tür zu meiner kleinen Koje hinter mir zu.
SAR blieb ungewöhnlich still, verwirrt durch mein Verhalten. In den zwei Tagen, die wir uns kannten, war ich normalerweise für Diskussionen offen, aber jetzt wollte ich nur meine Ruhe. Ich ließ mich auf mein unbequemes Bett fallen, das seinen Unmut mit einem lauten Quietschten kundtat. Dann starte ich an die Decke. Meine Gedanken rasten, während ich den bunten Würfel erneut in meiner Hand drehte. Die Kanten des Würfels waren abgenutzt von unzähligen Stunden des Drehens, und das vertraute Gefühl in meiner Hand beruhigte mich ein wenig. Ich ließ die Gedanken an die fruchtlose Suche und die entmutigenden Antworten auf der Station Revue passieren.
SARs Stimme erklang erneut, diesmal leiser und vorsichtiger. „Wir müssen herausfinden, was der nächste Schritt ist. Wir können nicht einfach aufgeben. Ich möchte schließlich für meine Mühen entlohnt werden.“
Ich seufzte und antwortete nicht. Stattdessen konzentrierte ich mich weiter auf den Würfel, drehte ihn immer wieder zwischen meinen Fingern. Plötzlich fiel es mir ein. Der Würfel. Natürlich. Ich Idiot. Kael hatte ihn mir gegeben. Er musste etwas wissen. Er war schließlich der beste Pathfinder den ich kannte. Viel besser als ich. Nicht ganz so hübsch, aber …
…Das hat er zumindest immer lautstark betont. Er war der beste Pathfinder im bekannten Teil des Universum.
Ein Funken der Hoffnung entflammte in mir. Ich sprang auf und rannte wie ein Idiot durch meine kleine Koje. „SAR, ich glaube, ich weiß, wo wir Antworten finden können. Der bunte Würfel. Er ist von Kael. Wir müssen ihn unbedingt ausfindig machen.“
SARs Stimme klang überrascht. „Kael?“ Es dauerte einen kleinen Moment, sie durchsuchte anscheinend sämtliche Logbücher des Schiffs auf diesen Namen. Dann antwortete sie erneut. „Meinst du den Pathfinder Kael? Den ursprünglichen Besitzer dieses Schiffes, Kael?“
„Ja“, sagte ich etwas zerknirscht. So genau wollte ich das jetzt nicht wissen. „Er hat sich, soweit ich das noch weiss immer auf unerforschte Planeten in abgelegenen Systemen spezialisiert. Paket- und Frachtdienste in unbekanntem Territorium bringen die meisten Credits ein. Wenn jemand etwas über Hiagarra wissen könnte, dann er. Aber ich weiß nicht, wo er sein könnte. Das letzte Mal hab’ ich vor knapp fünf Jahren mit ihm geredet.“
„Geredet würde ich das nicht nennen“, antwortete SAR. „Er hat dir eine gigantische Rechnung über seine erbrachten Leistungen bei einem deiner letzten durchschnittlich bezahlten Aufträge geschickt, und du hast, soweit ich das mit deinem Konto abgeglichen habe, nicht bezahlt. Die digitale Signatur dieser Rechnung aus deiner Mail stammt von der Station Celestial Haven.“
Scheiße. War er immer noch auf Celestial Haven?
Ich seufzte tief und ließ mich zurück auf meine Koje fallen, den Würfel immer noch in meiner Hand drehend. Nun aber viel langsamer. Die Vorstellung, zu diesem Ort zurückzukehren, war alles andere als verlockend. Ich hatte mehrere Jahre in der Unterklasse der Station gehaust, und mir dort meinen wohlverdienten Schleim und das Raumschiff auf dem ich jetzt lebte erarbeitet.
Verdient war weit hergeholt, das gebe ich zu. Aber ich nannte es zumindest so.
Celestial Haven war bekannt für die rauen Sitten und die Anwesenheit des schlimmsten Abschaums der Galaxie in der Unterklasse. Und Kael? Ihm konnte man nicht vertrauen. Er war mehr als nur ein Pathfinder der immer auf Credits aus war. Wenn ihm etwas nicht passte, dann tötete er dich ohne zu zögern. Aber er war der Einzige, den ich kannte, der etwas über Hiagarra wissen könnte. Ich hatte verdammt nochmal keine andere Wahl.
„Was ist jetzt der Plan? Wir können nicht ewig hier herumhängen. Also ich schon, aber du …“ drängte SAR weiter.
Ich antwortete nicht sofort. Meine Gedanken rasten immer noch, suchten nach einer anderen Möglichkeit, einem Anhaltspunkt, einem Hinweis, der uns woanders, weit weg von Kael bringen könnte. Ich hatte inzwischen aufgehört, den Würfel zu drehen, ein stiller Begleiter meiner inneren Unruhe.
„Also wirklich, wir müssen einen neuen Plan …“ begann SAR erneut …
„… Ich weiß, SAR. Aber gib mir einen Moment“, sagte ich müde und legte den Kopf gegen die Rückenlehne des kaputten Stuhls, auf den ich mich jetzt gesetzt hatte. Der Gedanke an Kael und Celestial Haven ließ mich nicht los. Schließlich stand ich auf und ging zur kleinen Öffnung in meiner Kabine, die mir das dunkle All zeigte. Ich ließ meinen Blick nach draußen schweifen und sah den Asteroiden zu, wie sie fröhlich miteinander kollidierten. Das war auch mein Schicksal. Ich musste wieder einmal mit Kael zusammen stoßen. Koste es, was es wolle. Und ich hoffte, dass es nicht allzu viel war. Denn ich besaß fast nicht mehr. Und den Rest davon wollte ich nicht auch noch verlieren. Ganz besonders nicht das Schiff, das eigentlich ihm gehörte.
„SAR, bereite alles vor. Wir springen nach Celestial Haven“, sagte ich schließlich, meine Stimme klang entschlossener, als sie eigentlich sein sollte.
„Oh, das wird sicher ein Vergnügen. Ein toller Ort. Celestial Haven, eine Station, an der man sich seine nächste Infektion und eine geplatzte Lippe aus Nächstenliebe einfangen kann. Und das sogar gleichzeitig, aus demselben Grund“, antwortete SAR sarkastisch. „Und Kael ist sicherlich überglücklich, dich zu sehen – besonders, nachdem du seine Rechnung ignoriert hast.“
Ich konnte ein leichtes Schmunzeln nicht unterdrücken. „Bereite einfach das Schiff vor, SAR.“
Sie begann sofort damit, als sie uns gleichzeitig aus dem Asteroidengürtel lotste. Bei ihr sah es leichter aus, was ich mit einem anerkennenden Nicken zugab. Wir passierten den letzten Felsbrocken, der uns gefährlich werden konnte.
Dann setzte ich mich wieder in den Pilotensitz. Der kleinste Funke einer Hoffnung war zu mir zurückgekehrt.
Während SAR die Systeme überprüfte und die notwendigen Vorbereitungen für einen unglaublich langen Lichtsprung traf, versank ich immer tiefer in meinem Sitz und starrte auf den Würfel in meiner Hand. Die Erinnerungen an Kael und was ich mit ihm erlebt hatte, wollte ich auf keinen Fall in mein Gedächtnis zurückholen. Also warf ich den bunten Würfel rücklings hinter mich und konzentrierte mich auf das, was vor uns lag. Ich hörte, wie das Polycarbonat auf dem Boden aufkam und in mehrere Stücke zerbrach. Dann hörte ich, wie die Einzelteile mit einem leisen Rauschen im Bauch meines Schiffes verschwanden.
Ich musste unbedingt nachsehen, was dort unten noch so alles lag.
„SAR, wie lange dauert es, bis wir Celestial Haven erreichen?“, fragte ich.
„Mit der aktuellen Geschwindigkeit, die unser Schiff anhand des fast leeren Antriebs fliegen kann, und den gegebenen Bedingungen? Ungefähr 3 Sprünge mit insgesamt vierzig Sprungstunden“, antwortete sie. „Genügend Zeit, um über deine Lebensentscheidungen nachzudenken.“
Ich schüttelte den Kopf und lehnte mich zurück. So einen langen Sprung hatte ich schon seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr gemacht. Das Maximum waren ein oder zwei Stunden am Stück. Und damals war ich noch besser ernährt, kräftiger und jünger. Die Reise würde wahrscheinlich gefährlich sein, aber wir hatten keine andere Wahl. Kael war der Einzige, der uns helfen konnte, also war Celestial Haven, der gefühlte Mittelpunkt der Galaxie, unser nächstes Ziel.
Während das Schiff sich auf die Gleitbahn für den nächsten Sprung einreite, dachte ich an all die Male zurück, die Kael mich betrogen hatte. Und ich ihn. Jetzt musste ich hoffen, dass er mir vergeben hatte. Und hoffentlich ein weiteres Mal helfen würde. Er war immerhin mein bester Freund. Vor sehr langer Zeit. Gewesen.
CELESTIAL HAVEN
Outer Rim um Celestial Haven
Celestial Haven
