Eddie muss weg - Katinka Buddenkotte - E-Book

Eddie muss weg E-Book

Katinka Buddenkotte

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Beschreibung

Brügge sehen ... und sterben? In ihrem dritten Roman schlägt Erfolgsautorin Katinka Buddenkotte tragikomische Töne an. Ein modernes Paar in den Dreißigern, ein mysteriöser Fremder mit einer Urne im Gepäck und ein Unglück in der Vergangenheit. Eine Beziehung, zwei Perspektiven auf zwei Leben, von denen eins bald enden wird. Als Paar ergänzen sich Stan und Britta fast perfekt: Er sorgt dafür, dass sie trotz der prekären Lage den Lebensmut nicht verliert, sie verheimlicht ihm, wie aussichtslos die Lage tatsächlich ist. Als eine Dinnerparty mit neuen Bekannten ebenso grandios scheitert wie der Abnabelungsversuch von einem alten Freund, brechen die beiden zu einem spontanen Wochenendtrip nach Brügge auf. Denkt Stan. Doch das Reiseziel folgt gar nicht dem knappen Budget oder einer spontanen Eingebung ihres Freundes, sondern ihrem Plan. Denkt Britta. Und gerade als beide denken, dass sie sich selbst genug sein könnten, tritt der undurchschaubare Barkeeper Eddie mit einer Bitte an sie heran, die noch dubioser ist als er selbst.

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Seitenzahl: 411

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Katinka Buddenkotte

EDDIE MUSS WEG

ROMAN

KATINKA BUDDENKOTTE

(geboren 1976 in Münster) lebt und schreibt in Köln, beides meist komisch. Ihr Debüt »Ich hatte sie alle« wurde von Jürgen von der Lippe in »Was liest du?« präsentiert und avancierte daraufhin zum Bestseller. Drei weitere Kurzgeschichtenbände und zwei Romane folgten bei Knaus, dtv und Penguin, zuletzt »Früher war wenigstens Sendeschluss« (2017). Zudem schreibt sie satirische Beiträge u. a. für Titanic und taz und tritt zusammen mit der Kabarettistin Dagmar Schönleber als Duo »Wüst’n’Rot« auf. Aus ihrem Werk liest sie, wann und wo sie gebraucht wird, aber auch stets regelmäßig bei der Kölner Lesebühne »Rock’n’Read«.

»Eddie muss weg« ist nach »Betreutes Trinken« und »Fortpflanzung nach Tagesform« ihr dritter Roman und ihr erstes Buch bei Satyr.

E-Book-Ausgabe September 2017

© Satyr Verlag Volker Surmann, Berlin 2017

www.satyr-verlag.de

Cover: Karsten Lampe

Korrektorat: Jan Freunscht

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über: http://dnb.d-nb.de

Die Marke »Satyr Verlag« ist eingetragen auf den Verlagsgründer Peter Maassen.

E-Book-ISBN: 978-9-440358-28-2

Inhalt

Über die Autorin

Vorspruch

Roman

Danksagung

»We both know how hard it is

for both of us to try

We both know how hot it is

in Texas in July«

ALL, »Long Distance«

BRITTA

»Dein Leben leben. Deine Liebe lieben. Life – der neue Duft für die Frau, die weiß, was sie will. Was für ein Scheiß.«

Der letzte Satz stand nicht auf dem Textblatt, den habe ich nur gedacht. Laut. Ins Mikrofon. Nach einigen Sekunden fällt das auch dem Tonmeister auf: »Ups – Kannst du das bitte noch einmal machen, Britta? Sonst muss ich das hinten abschneiden. Das klingt dann blöd.«

»Klar, Markus. Tut mir leid«, sage ich. Nicht: »Klar, Markus. Es ist ja nur dein Job, die Sätze so zu schneiden, dass sie am Ende nicht blöd klingen.« Ich bin Profi, also benehme ich mich auch so. Ab jetzt:

»Sollen wir noch einen Take machen, den ich etwas … bestimmter spreche? Oder eher lockerer, irgendwie frischer?«

Markus scheint entweder nicht begriffen zu haben, dass ich ihn von der Sprecherkabine aus durch die Glasscheibe sehen kann, oder es ist ihm egal. Er sucht in seinem linken Nasenloch nach der passenden Antwort, findet sie nicht und stellt mir schließlich die erwartete Gegenfrage: »Äh … ja. Warum nicht?«

Warum überhaupt?, frage ich mich. Gut, weil ich das Geld brauche. Aber Markus scheint sich noch weniger auf diese saublöde Parfümwerbung konzentrieren zu können als ich. Wahrscheinlich haben sich weder die Agentur noch deren Kunden im Vorfeld wirklich Gedanken zu dem Text gemacht. Und ich sollte jetzt nicht damit anfangen. Tue es aber trotzdem: »Unfassbar, dass die das Zeug wirklich ›Life‹ nennen, oder?«

»Machen die ja auch nicht.« Der Satz platzt aus Markus’ Mund heraus. Im selben Moment kapiert er, dass er sich verquatscht hat. Und nicht mehr zurückkann: »Äh, also, Britta, was wir hier heute machen, ist eher so eine Art Demoversion. Für agenturinterne Zwecke. Für die Marktforschungsgruppen wahrscheinlich. Weißt schon.« Markus will verschwörerisch zwinkern. Er schafft es nicht. Er drückt wortwörtlich beide Augen zu. Gut für ihn, dass da eine zentimeterdicke Glasscheibe zwischen uns ist.

Laut meiner Setcard ist meine Stimme rauchig, verheißungsvoll, reif. Dank meiner Schauspielausbildung bin ich aber auch in der Lage, süß, naiv oder aufgepeitscht zu klingen. Ich kann sowohl die herrische Baronin geben als auch das hysterische Entführungsopfer. Ich habe bei ein paar sehr guten Hörspielen mitgewirkt und bei vielen mittelmäßigen. Im letzten Jahr habe ich mehrere lokale Radiowerbungen gemacht und lieh meine Stimme einer wichtigen weiblichen Nebenrolle in einem Computerspiel, das bei der Zielgruppe angeblich äußerst beliebt ist. Und wenn eine vierunddreißig Jahre alte Frau zweihundert Sätze so einsprechen kann, dass Teenager denken, ein echter Teenager würde hinter »Claire, the Zombie Bride« stecken, ist das gut. Fürs Geschäft. Fürs Ego. Als Trostpflaster, zumindest: Meine Stimme kennt man in der relevanten Zielgruppe, da ist es gleich, was die Zeit mit dem dazugehörigen Gesicht mittlerweile angestellt hat. Selbstverständlich kann ich mich ebenso schnell aus dem dramatischen Fach herausholen, wie ich mich hineingesteigert habe. Vollkommen sachlich, im besten Tagesschau-Sprecherinnen-Tonfall, stelle ich fest: »Für Demoversionen erhält der Sprecher die Hälfte des üblichen Satzes. Und keine Nachvergütung, da die Weiterverwendung der Aufnahmen automatisch entfällt.«

Markus verzieht den Mund, sagt aber nichts. Er wollte mir unter die Arme greifen, klar. Hat ein bisschen getrickst, damit das Tonstudio ein paar Kröten lockermacht für etwas, das normalerweise die Praktikantin für ein »Danke dir, wirklich« erledigt. Und ich bin eine undankbare Bettlerin, die die milde Gabe bemäkelt. Trotzdem verfolgen Markus und ich das gleiche Ziel: Wir wollen beide so schnell wie möglich nach Hause. »Mach’s doch bitte noch mal, und einfach so, wie es da steht, ja. Danke dir wirklich, Britta.«

Mache ich. Den ganzen behämmerten Spruch, schön betont, dialektfrei, einen Hauch lasziv, aber vor allem: selbstbewusst und stolz. Und ohne meine persönlichen Gedanken zum Thema im Anhang. Der erste Take war trotzdem besser. Müsste man halt nur »Was für ein Scheiß« abschneiden. Oder auch nicht.

»Wunderbar. Nehmen wir so. Danke.« Markus hält beide Daumen hoch. Dachte nicht, dass dieser Mann sich noch selbst karikieren könnte. Ich verlasse die Sprecherkabine durch die Tür zum Flur. Am liebsten würde ich direkt nach Hause, ohne noch einmal zu Markus in den Aufnahmeraum zu gehen. Aber das kann ich nicht bringen. Die buchen mich hier sonst nie wieder. Und Markus würde es seinen Kollegen erzählen, sogar meinen Kolleginnen, ich würde auf ewige Zeiten als eingeschnappte Diva gelten. Außerdem hängt meine Jacke noch bei ihm im Regieraum. Also gehe ich die paar Schritte bis zu seiner Tür, atme durch, setze ein Lächeln auf, drücke die Klinke und trete ein.

Wie lange stand ich im Flur? Normalerweise müsste Markus noch damit beschäftigt sein, den Take auf dem Computer abzuspeichern, an seinem Energydrink zu saugen oder wenigstens an seiner Brille herumzufummeln. Aber er sitzt da, die Jacke schon angezogen, und hält mir meine entgegen. Ich greife danach, murmle »Danke«, verkneife mir »Bis demnächst« und will nur noch raus, aber Markus hält mich am Zeigefinger fest. Das ist ekelig, viel zu intim, noch schlimmer nur seine Frage: »Britta, hast du Stress? Aber mit Stan ist alles gut, oder? Wie geht’s dem eigentlich?«

Oh bitte, Markus, was soll das denn? Ich schaue ihm direkt in die Augen, er wendet den Blick nicht ab. Vielleicht wollte er einfach nur höflich sein. Vielleicht ist es ihm auch nur unangenehm, dass ich von seiner kleinen Affäre mit der Praktikantin weiß, und er will mich nun im Gegenzug über mein Privatleben aushorchen. Vielleicht will er wirklich wissen, wie es meinem Freund geht. Aber wahrscheinlich ist er einfach nur ein Idiot, der mal wieder an diese Tatsache erinnert werden muss. »Niemand sagt mehr Stan zu ihm, Markus. Seit Jahren.«

Markus schiebt seine Brille mit dem Zeigefinger den Nasenrücken hoch. Hat er sich wohl bei einem Fernsehpsychologen abgeguckt. Als Nächstes wird er mit bedächtiger Stimme sagen: »Interessant, hm, und warum reagieren Sie so aggressiv, wenn ich Sie auf Ihren Lebenspartner anspreche?«

Aber Markus will nur wissen: »Äh, okay. Aber wie nennt er sich denn jetzt?«

»Konstantin.« Es klingt absolut lächerlich. Ist es auch.

Markus zieht die Augenbrauen sehr hoch, schlussfolgert grenzgenial: »Ach. So heißt er in echt?«

Ja, Alter, was dachtest du denn? Stanley? Stanislaus? Standardname? Aber ich zaubere mir nur ein Lächeln ins Gesicht und sage: »Ja, schon immer.«

Markus merkt, dass wir das Gesprächsthema hinlänglich erschöpft haben, und steht endlich auf.

»Na, komm. Dann mal raus hier. Ich will die holde Gattin auch mal zu Hause ablösen, die kriegt ja auch kaum noch Schlaf, mit den Zwillingen. Da muss der Papa mal Nachtschicht machen.«

»Na klar. Grüß Katy von mir«, sage ich, und Markus zuckt. Ist sich aber nicht zu blöde, mich zu verbessern: »Kathrin. Meine Frau heißt Kathrin.«

Ach ja, klar. Katy war die Praktikantin.

Ob Markus da auch mal durcheinandergekommen ist, im Supermarkt oder im Bett? Und ist es Kathrin dann aufgefallen? Wahrscheinlich nicht. Und falls doch, hat sie es übergangen. Man muss sich auch mal in die Menschen hineinversetzen: Kathrin und Markus leiden bestimmt unter der enormen Doppelbelastung: doppeltes Einkommen, Doppelhaushälfte, Doppelkinder, Doppelkinne. Da wird es wahrscheinlich irgendwann unmöglich, kein Doppelleben zu führen. Wenigstens für eine Zeit, sonst dreht man ja vollkommen durch.

Meine Laune steigt durch diese kleine Empathieübung, aber als Markus mich unten auf der Straße (wie sind wir da hingekommen?) fragt, ob ich auch zur S-Bahn muss, erfinde ich ein Fahrrad, das ich in entgegengesetzter Richtung geparkt habe.

»Na dann«, sagt Markus zum Abschied, ich sage doch noch: »Bis bald«, und gehe los. Durch den spätherbstlichen Abend, die unbeleuchtete Sackgasse hinunter, wo nicht mal ein Hirnamputierter sein Rad parken würde. Irgendwann bleibe ich hinter einem Müllcontainer stehen, um mir eine Zigarette anzuzünden. Um mir vorzustellen, wie Markus kopfschüttelnd zur S-Bahn geht, dann in die Vorstadt fährt, zu Hause ein schnelles Risotto macht, ohne Weißwein, wegen der Kinder. Die werden trotzdem erfreulich schnell müde, sodass sich Kathrin und Markus den Wein doch noch aufmachen, im Wohnzimmer, vor dem Fernseher. Den schalten sie aber nicht an, weil sie eh schon so wenig Qualitätszeit zu zweit haben. Und Promi Big Brother erst später anfängt. Wenn Kathrin dann fragt: »Und, Muckelchen, wie war dein Tag?«, fühlt sich Markus irgendwie ertappt, weil ich ihn an die Sache mit Katy erinnert habe. Aber dann rette ich ihn gleichsam:

Er berichtet seiner geliebten Ehefrau: »Och ja. Ein bisschen stressig. Habe aus reiner Nettigkeit eine Demoversion gemacht, für so eine blöde Parfümwerbung. Haben wir auch nichts dran verdient. Wollte nur der Sprecherin einen Gefallen tun. Die soll ja auch wieder auf die Beine kommen. Hier, die Britta. Britta Werner. Kennste doch auch noch. Die hat mal ganz kurz bei Blüten der Leidenschaft mitgespielt. Ja, ist lange her. Doch, die kennst du. War mal ganz niedlich. Die Freundin vom Stan. Genau. Der Stan. Der mit mir die Ausbildung angefangen hat. Ach, der heißt jetzt Konstantin, wusstest du das? Besteht drauf, nur noch so genannt zu werden. Die haben sie doch auch nicht mehr alle, die zwei.«

Ja, genau, Britta, so reden Leute über dich, die haben bestimmt nichts anderes zu tun. Aber vielleicht tun sie das ja wirklich. Ich könnte das verstehen. Stan und ich tun das auch. Qualitätszeit eben.

Ich trete die Zigarette aus, sage dabei laut: »Dein Leben leben. Deine Liebe lieben. Scheiß – der neue Duft für die Frau, die weiß, was sie will.« Oh ja, diese Frau weiß, was sie will. Ab nach Hause, Füße hoch, Bier auf und Stan so lange »Kon-stan-tieeeeeen« rufen, bis er auch darüber lachen muss. Kein Mensch nennt ihn so. Von seinem Vater mal abgesehen. Ich gehe schneller, um die Bahn noch zu erwischen, dann fällt mir ein: Wird nichts mit Bier heute.

Wir müssen zu dieser dämlichen Party. Oder ist die morgen? Nein, heute, definitiv. Deswegen musste ich wohl an Weißwein denken. Den sollen wir mitbringen. So eine Art von Party wird das.

Ich gehe wieder langsamer, um die Bahn zu verpassen. Wenn ich zu spät nach Hause komme, hat Stan vielleicht auch keine Lust mehr hinzugehen. Er wird sowieso müde sein von dem Umzug, zu dem er sich wieder hat breitschlagen lassen. Dann werden wir also zu Hause sitzen, beim Fernsehen, damit wir nicht darüber reden müssen, wessen Tag beschissener war.

STAN

»Wenn wir die Box da hinhängen, ist der Sound optimal. Deswegen habe ich da auch die Markierungen gemacht, da drüben. Müssen wir nur schräg hängen. Etwa so, verstehst du?«

Sven nickt. Schön. Reicht ja, wenn er so tut, als hätte er verstanden, was ich meine. Er muss mir ja nur das Werkzeug anreichen, und sein Kumpel Dennis so lange die Box festhalten. Dennis will aber lieber eine andere Meinung haben, statt mir einfach mal zu vertrauen: »Alter, aber wenn wir die Box da aufhängen, stößt Olli sich immer den Kopf dran.« Jetzt zieht er wieder die Oberlippe hoch. So ganz langsam, wie ein Eselchen, das gleich niesen muss. Langsam frage ich mich, ob das eine Masche von diesem Dennis ist oder eine ernsthafte Störung. Sven kichert. Ich weiß nicht, warum, aber Kiffer brauchen ja keinen besonderen Anlass zur Freude. Also halte ich mich doch lieber an Dennis, frage ganz ruhig nach: »Dennis, warum sollte Olli dahinten in die Ecke gehen?«

»Um sich den Kopf zu stoßen«, gackert Sven. Er will sich selbst ein High-Five geben, die linke Hand verfehlt die rechte, er fällt hin und kichert auf dem Fußboden weiter. Dennis starrt in die Zimmerecke, in der ich die neuen Markierungen eingezeichnet habe, und murmelt schließlich gnädig: »Obwohl, doch, ja. Könnte passen. Wir können ja kleinere Boxen nehmen, oder?« Sven schaut Dennis bewundernd an und wiederholt begeistert: »Kleinere Boxen, klar, eben.« Dennis verschränkt die Arme vor der Brust, wie kleine Kinder und Actionfilmhelden es tun: »Genau. Kleinere Boxen. Die Markierungen können aber bleiben.« Sven kichert zur Abwechslung.

Wer sind diese Clowns eigentlich? Wo hat Olli die aufgegabelt, und wo steckt der eigentlich? »Ich schau mal, wo der Hausherr abgeblieben ist«, informiere ich das Dream-Team. Aber die hören mich gar nicht mehr, haben sich schon auf Ollis riesige Boxen gepflanzt, um eine neue Tüte zu drehen. Prima, wenn man die guten Stücke also genauso gut als Sitzmöbel benutzen kann, müssen wir die ja gar nicht entsorgen, sondern nur neue, kleinere Boxen dazukaufen. Oder irgendwoher »nehmen«, wie Dennis es formulierte. Ich muss trotzdem grinsen, als ich die Treppe heruntergehe. Wie alt sind die beiden? Neunzehn, zwanzig? In dem Alter waren wir bestimmt noch bescheuerter. Phasenweise.

Vor der Haustür wird mir leicht schwindelig. Der dritte Tag nach der letzten Zigarette ist immer der schlimmste. Morgen wird es besser, da kommt frische Luft plötzlich gut, aber gerade will sie mich nur quälen. Der gemietete Transporter steht noch exakt da, wo er vor einer Stunde stand. Als Olli ihn zum Baumarkt zurückbringen wollte. Gut, müssen wir das heute Abend auch nicht mehr machen, der Baumarkt hat jetzt geschlossen. Und Olli darf noch einen ganzen Extratag Miete zahlen. Vielleicht hat er das auch gerade geschnallt. Jedenfalls hockt er auf dem Fahrersitz, umklammert eine Flasche und sieht aus, als hätte er geheult.

Ich will keinen erwachsenen Mann weinen sehen, schon gar nicht, wenn er allen Grund dazu hat. Aber noch weniger will ich am dritten Tag meines endgültig rauchfreien Lebens rauf zu Cheech und Chong. Ich klopfe an die Scheibe. Ollis Augen sind rot geädert, er sieht aus wie ein trauriger Stoffhund. Wie diese Viecher, die es mal in den Achtzigern gab, komplett mit Papphütte drum herum. Wauzis hießen die, genau. Olli sieht aus wie ein Wauzi, die Fahrerkabine ist seine Hütte. Der Mittelscheitel formt seine Mähne zu braunen Schlappohren, perfekt. Der Riesenwauzi schafft es, mir die Beifahrertür zu öffnen. Ich steige ein, knalle die Tür zu. Was jetzt? Instinktiv würde ich sagen: Losfahren. Irgendwohin, wo es besser ist. Aber dazu ist Olli jetzt nicht in der Lage. Ich kann auch nicht fahren. Immerhin reicht mir Olli die Flasche rüber. Der Augenblick schreit nach einer Zigarette. Wenn man raucht, geht das Leben nach dem nächsten Zug immer irgendwie weiter.

»Das Leben geht weiter«, sage ich. Nikotinentzug lässt einen auch die größte Scheiße laut aussprechen. Olli guckt mich an, als wolle er mir eine reinhauen. Bitte, warum nicht? Wenn er sich dann besser fühlt. Aber Olli ist nicht nach Schlagen, sondern nach Ätzen: »Natürlich geht das Leben weiter, du Vollidiot. Iris’ Leben geht sogar ganz fantastisch weiter, mit dem schönen Holgi, und auch noch in so einer tollen Wohnung, in unserer Wohnung nämlich. Nächste Woche bauen sie wahrscheinlich mein Arbeitszimmer in ein Kinderzimmer um, läuft doch …«

»Iris ist schwanger?«

Ich brauche dringend eine Kippe, damit ich aufhöre, meinen Mund zum Sprechen zu benutzen. Olli schnauft laut auf, sagt etwas ruhiger: »Nein. Keine Ahnung. Bald vielleicht. Muss ja. Gibt ja sonst keinen Grund, ’nen Supertypen wie mich zu verlassen, oder?«

Er grinst, zeigt sein derb schlechtes Gebiss in voller Pracht. »Die Akropolis bei Nacht« haben wir diesen Anblick immer genannt. Ollis Zähne haben Iris nie gestört. Mich auch nicht. Mich hat in letzter Zeit nur Iris an Olli gestört, und vielleicht wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, das zu erwähnen. Subtil, natürlich: »Alter, die Gegend hier ist doch gar nicht sooo schlecht. Eine echte Junggesellenbude hast du jetzt wieder. Kannst Musik hören. Musik machen! Heiße Bräute einladen …«

»Juhu. Ein Traum wird wahr. Endlich.«

Ich lehne mich im Sitz zurück, weil ich weiß, dass Olli sich jetzt vollkommen in seine Lebenskrise reinsteigern wird. Er ist und war immer mein bester Kumpel. War schon klar, oder? Stan und Olli. Dick und Doof. Dabei sind wir eher schlank und … cool. Beide. Zumindest gewesen. Aber jetzt sind wir eben keine zwanzig mehr, auch nicht mehr wirklich Anfang dreißig, und statt an einem Lagerfeuer am Strand sitzen wir in einem Transporter in einer absolut trostlosen Ecke der Stadt.

Olli starrt durch die Windschutzscheibe auf den zehnstöckigen Wohnblock, der nun sein Zuhause ist: »Ist jedenfalls cool, dass du geholfen hast, Alter. Da lohnt sich so ’ne Trennung ja fast. Da sieht man mal, auf wen man bauen kann.«

Es geht bergauf. Olli suhlt sich nicht mehr in Selbstmitleid, sondern sieht das Gute und wird aktiv. Er nimmt mir die Flasche weg, ohne dass ich einen Schluck genommen hätte. Was ist das überhaupt für ein Zeug? Wacholder? Bah.

»Ich hätte dich ja unmöglich mit den beiden Deppen da oben allein umziehen lassen können«, sage ich, »die meinen, man könnte deine Boxen nicht in die Zimmerecke hängen.« Olli verschluckt sich fast: »Natürlich kann man das. Die müssen sogar dahin. Meinten die, das ginge wegen der Statik nicht, oder was? Ach, die haben doch keine Ahnung von gar nichts.«

»Äh, nein, Dennis befürchtete, du könntest dir den Kopf stoßen. Weil die Decken nicht so hoch sind wie bei euch zu Hau…« Prima, immer wieder Salz in die Wunde streuen, das kann ich. Olli hat das aber gar nicht mitbekommen. Zumindest nicht den letzten Halbsatz. Er befindet sich in dem Stadium, in dem er gern ins Philosophieren gerät: »Tja. Könnte sein. Man wird nicht kleiner im Alter, was? Oder doch?« Auf jeden Fall wird man schneller besoffen. Olli kurbelt das Fenster herunter, um frische Luft reinzulassen. Und die Flasche herauszuschleudern. Das laute Klirren beim Zerscheppern von Glas auf Asphalt passt optimal zu der Umgebung. Fehlt noch was? Ach ja, der unvermeidliche Hund, der jetzt tatsächlich aus der Ferne bellt. Danke, guter Hund, guter Einsatz.

Ein Fenster im dritten Stock von Ollis neuer Behausung wird geöffnet: »Seid ihr gestört, oder was?«, röhrt es auf uns herab. War das eine Frau oder ein Kerl? Olli und ich halten instinktiv die Luft an und warten, bis das Fenster wieder zugeschlagen wird. Wird es aber nicht. Es gibt einen Nachschlag: »Ey, ich hab euch was gefragt!«, kreischt die Stimme, jetzt doch eindeutig weiblich im Tonfall. Sie klingt wie alle genervten Exfreundinnen der Welt auf einmal. Olli und ich schauen uns an, unterdrücken ein Lachen, glotzen dann beide wieder zum Fenster hoch, aber ich erkenne nur einen formlosen Schatten. Irgendwann entscheidet sich die Dame doch dafür, das Fenster zu schließen, wobei sie noch »Scheißkerle, elende, alle!« grollt.

»Die Nachbarn scheinen kontaktfreudig«, sage ich, Olli steigt drauf ein: »Ja, hier interessiert man sich noch wirklich für seine Mitmenschen. Nicht so wie bei euch im Nobelbunker.« Okay. Zwei Minuten Spaß ist wohl gerade die maximale Dosis, die Olli erträgt, bis er mir wieder alles unter die Nase reiben muss. Die Welt ist schlecht, sein Leben versaut, und ich bin mal wieder das Arschloch, schon weil ich grad da bin.

Ich wünschte, Britta wäre hier. Sie kann immer das Richtige im völlig falschen Augenblick sagen, ohne Rücksicht auf Verluste. Britta würde Olli jetzt entweder zusammenfalten oder einfach gehen. Ich bin eher der diplomatische Typ. Oder sagen wir lieber: loyal. Ich halte das aus, wenn ein Freund mal schlecht drauf ist. Olli ist seit 2008 schlecht drauf. Bald können wir Jubiläum feiern. Ich muss lachen, Olli schaut mich böse an. Jetzt will ich doch aus dieser Karre raus. Und von Olli weg. Er riecht so lecker nach altem Rauch. Also mache ich einen guten, einen praktischen Vorschlag: »Olli, ich glaube, wir hängen die Boxen besser morgen auf. Ist schon spät, und wenn wir jetzt noch bohren, flippen die Nachbarn völlig aus.« Olli stimmt zu: »Jau. Dann können wir ja jetzt noch einen trinken gehen, oder?«

Ich schaue auf mein Handy, als stünde da auf dem Display eine Ausrede, um genau das nicht zu tun, aber da steht nur die Uhrzeit. 20:30 Uhr. Zu spät zum Essen, zu mittendrin für Fernsehen, viel zu früh, um schlafen zu gehen. Ganz falsche Jahreszeit, um an den See zu fahren. Britta ist bestimmt auch noch nicht zu Hause. Bleibt noch ein Punkt abzuklären: »Ist gut, auf ein Bier. Aber Dennis und Sven müssen wir ja nicht unbedingt mitnehmen, oder?«

Olli guckt, wie nur Olli gucken kann. Wenn man sich das Gestrüpp im Gesicht mal weg und die Zähne heller und halbwegs in Reihe denkt, dann hat er immer noch etwas von einem indignierten britischen Lord, Sir Oliver, dem ich gerade vorgeschlagen habe, die Zirkusband zur Fuchsjagd einzuladen: »Alter, das sind Umzugshelfer! Bekannte, bestenfalls.«

Wir steigen aus, schnuppern in der Luft, als könnten wir so eine Kneipe in dieser Gegend wittern, die nicht völlig indiskutabel ist. Immerhin schlagen wir wortlos dieselbe Richtung ein, Olli vergisst sogar für ein paar Schritte zu humpeln. Es geht doch.

BRITTA

Wo ist Stan? Ich hatte mein Telefon abgeschaltet, damit er mich nicht erreichen und an diese Party erinnern konnte. Jetzt kann ich ihn nicht erreichen, es geht nur seine Mailbox dran. Und er hat davor nicht einmal versucht, mich anzurufen. Das macht mich wütend. Vielleicht mache ich mir auch Sorgen, weil Stan sonst immer an sein Telefon geht. Vor allem bin ich einsam. Dabei bin ich gerne mal allein. Ich bin am liebsten allein. Nur nicht in unserer Wohnung. Dabei ist sie schön. Modern, nicht groß, aber raffiniert geschnitten, sehr geschmackvoll ausgestattet. Nirgends liegt Staub, kein Kratzer an den Küchengeräten. Auch das Wohnzimmer ist nahezu klinisch rein, fast wie ein Wartezimmer, allerdings hängen nicht einmal billige Kunstdrucke von beruhigenden Landschaften an den Wänden. Bei uns zu Hause sind die Wände kahl, weil der Finanzheini meinte, es würde den Wert mindern, wenn wir Nägel in die Wand schlügen. Als wir einzogen, habe ich alte Filmposter an die Wände geklebt, mit ablösbaren Streifen, die garantiert keine Spuren an der kostbaren Raufasertapete hinterlassen. Stan fand das gut. Zunächst. Sein Vater sagte, dass er die Plakate auch interessant fände, diese aber ohne Rahmung nicht optimal wirken würden. Stan hat sofort geschnallt, was sein Vater damit meinte, und später für mich übersetzt: »Da hat Papa schon recht, Britta. Und außerdem sind die Plakate doch so ziemlich ungeschützt, der Witterung gegenüber. Sollen wir die alten Schätzchen nicht lieber in der Mappe aufbewahren, bis wir mal …« Da hatte ich das erste Plakat schon wieder heruntergerissen und in den Mülleimer gestopft.

Stan sagte: »Hey, lass das doch!«, aber ich habe gesehen, wie er mit einem Auge noch auf die Wand gelugt hat, ob da wirklich keine Spuren zu sehen sind. Leider waren da wirklich keine. Am liebsten hätte ich noch das Geschirr auf dem hochwertigen Stäbchenparkett zerdeppert, die Gegensprechanlage mit Kaugummi verstopft und die Couch zerschlitzt. Aber Stan hilft mir bei der Bewältigung meiner Aggressionsschübe, indem er einfach da ist. Und mich mit seinem Hundeblick daran erinnert, dass ich alles, was ich unserer Wohnung antue, uns antue und nicht dem Eigentümer: seinem Vater, der dieses attraktive Objekt in der Innenstadt als Wertanlage gekauft hat. Und natürlich war das eine gute Idee, damals, dass wir beide erst einmal hier einziehen.

Und selbstverständlich wohnen wir nicht mietfrei. Wir überweisen jeden Monat eine lächerlich niedrige Summe, dazu kommt noch das Hausgeld, das aber nicht an Stans Vater geht. Fest steht: In meinem nächsten Leben werde ich Hausmeister: Jeden Monat von acht Mietparteien je knapp 400 Euro einsammeln, als Gegenleistung ab und zu eine Glühbirne im Hausflur wechseln, das bekomme ich auch noch hin. Insgesamt berappen wir für dieses feudale Heim also etwas mehr als für mein altes WG-Zimmer. In dem Stan und ich sehr glücklich waren. Auf sechzehn Quadratmetern konnten wir beide arbeiten, fernsehen und wunderbar zur lauten Musik meiner Nachbarn einpennen. Wir hatten guten Sex und mieses Essen, und meine Mitbewohner waren genauso pragmatisch wie ich, wenn es ums Putzen ging: Spülen muss sein, aber Dreck hält die Regale zusammen. Nichts konnte kaputt gehen, weil alles schon kaputt war.

Hier habe ich mich schnell umgewöhnt. Ich putze. Regelmäßig. Wische direkt den Herd ab, wenn ich mal gekocht habe. Denn es hat mich halb wahnsinnig gemacht, als Stan hinter mir her gewischt und gesaugt hat, unauffällig, wie er dachte. Manchmal steht er jetzt noch ganz früh auf und poliert heimlich den Vintage-Designer-Kühlschrank. Der ja uns nicht gehört. Nichts ist weniger sexy als ein Mann, der zum Heinzelmännchen mutiert.

Armer Stan. Ich wünsche mir für ihn, dass er gerade irgendwo versackt ist: mit den anderen Umzugshelfern, in der schäbigsten Kaschemme der Stadt. Dass er sich höllisch besäuft mit ein paar milchbärtigen Proleten, die Olli bestimmt angeheuert hat, damit die seine Möbel in den sechsten Stock schleppen, für einen Hungerlohn. Den er ihnen natürlich trotzdem schuldig bleibt, klar. Stan riskiert den Bandscheibenvorfall natürlich gratis für seinen besten Freund. Man muss ja helfen bei so einem Neustart.

Den kriegt Olli nie hin.

Mir wird klar, dass Stan sich gerade keineswegs gut gelaunt das siebte Bier in den Nacken kippt und der Jugend Schwänke über die gute alte Zeit erzählt, sondern wahrscheinlich Olli das Händchen hält, während der sich über die schlechten alten Zeiten beklagt. Und Olli wird der Einzige sein, der sich dabei viehisch betrinkt. Stan passt auf ihn auf, wie er immer auf Olli aufpasst, wenn er nicht gerade damit beschäftigt ist, auf mich aufzupassen. Ich werde also einfach ins Bett gehen und auf ihn warten. Aber vorher widme ich mich noch meinem Hobby, meinem Geheimprojekt. Auf Socken schleiche ich in die Küche und stibitze einen Kanten Brot aus dem Kasten. Der Kasten ist natürlich riesig und farblich auf die Hängeschränke abgestimmt. Champagner rustikal, oder Egg Natural, oder Porridgekotzgraubeige, ich weiß nicht mehr genau, wie der Ton heißt. Ganz leise schließe ich die Wohnungstür hinter mir und gehe vorsichtig die zwei Treppen hinauf zum Dachboden. Bloß nicht auf die knarzende Stufe treten und das Baby der Nachbarn aufwecken. Ich öffne die Tür zum Speicher, die nicht mehr quietscht, seit ich sie vor ein paar Wochen geölt habe. Ich werfe den Brotkanten hinein und flüstere: »Gute Nacht, meine kleinen Freunde. Keine Sorge, ich passe auf euch auf.«

STAN

Es ist total verrückt. Gegen die Dingens der Physik. Aber es ist viel leichter, den alten Sack die Treppe hochzutragen, wenn er schläft. Und ich betrunken bin. Tut dem dann gar nicht so weh, wenn sein Kopf an die Wand titscht. »Pschpsch«, mache ich. Sonst kann ich mich nicht konzentrieren. Auf was noch mal? Ach ja, Schlüssel finden. Da ist er ja, in meiner Hand. Der Schlingel. Was jetzt? Schlüsselloch suchen. Das ist mir jetzt zu abgeschmackt, echt, ist ja wie ein schlechter Witz hier. Wie auf der letzten Seite von einer ollen Fernsehzeitschrift. Olli wird wieder schwerer, was mache ich dagegen? Ich könnte das Licht im Hausflur anmachen, aber ich will ja niemanden wecken. Bin ja rücksichtsvoll immer, auch wenn’s keiner merkt. Aber so kommen wir hier nicht weiter. Also klingeln. Und das war eine sehr, sehr gute Idee. Die Tür öffnet sich. Und da steht Britta. Meine Frau. Ganz ohne Nudelholz, hihi. Sondern mit einem Lächeln im Gesicht und einem verdammt heißen T-Shirt an. Ein ganz altes aus meiner Sammlung. Es steht ihr aber besser. Sie kann aber auch alles tragen, vor allem um diese Uhrzeit. Das muss ich ihr unbedingt sagen: »Baby, du … du siehst … aus.«

Das kam falsch rüber, oh, oh. Das Lächeln verschwindet, der ganze Rest von Britta auch. Sagt noch: »Klasse, echt«, während sie weggeht. Verstehe nicht mehr, was sie sonst noch so sagt. Klang nicht gut. Hätte sie auch gleich das Nudelholz mitbringen können. Ob sie wegen Olli sauer ist? Es gibt einen Weg, das herauszufinden: »Bissu sauer, wegen …« Ich lasse Olli auf die Couch fallen, demonstrativ, also daneben. Aber er ist gut gepolstert, nix passiert.

Britta kommt mit Bettzeug zurück. Sieht immer noch scharf aus. Britta. Das Bettzeug nicht so. »Oh, Scheiße, nee. Willst du den da so liegen lassen? Ist selbst für Olli ein bisschen hart, oder?« Britta und ich sind Seelenverwandte. Sie denkt immer genau dasselbe wie ich, manchmal ist sie nur ein bisschen schneller dabei, aber eben war ich noch fixer als sie: Ich finde es ja auch zu hart für irgendjemanden, alleine schlafen zu müssen, auf dem Boden. Aber ich kann Olli jetzt nicht auf die Couch wuchten. Das Denken wird mir zu anstrengend, also löse ich das Problem einfach. Ich lege mich neben Olli, weil ich eh grad an der Stelle hingefallen bin. »Viel besser, oder?« Kein Applaus von Britta, nicht mal im Ansatz. Es ist grad erst hell geworden draußen, aber jetzt wird es schon wieder dunkel drinnen. Und warm. Faszinierend. Oder eine Klimakatastrophe, mitten in unserer Wohnung. Nee, war nur die Decke, die Britta über uns geworfen hat. Sie hat das lieb gemeint. Manchmal meint sie Sachen lieb. Doch. Aber das war nicht sehr schlau von ihr, denn Olli stinkt fies, und ich werde ersticken mit ihm unter einer Decke. Ich muss hier raus. Wo ist der Ausgang? Bettdecken sind tückische, tückische Todesfallen. Wie Treibsand. Muss man strampeln, aber nicht in Panik geraten. Nein, andersrum. Oder sie einfach wegklappen. Und drunter wegkriechen, obwohl es dann kalt wird. Ist egal, ist ein Trick von Decken. Du musst von ihnen weg, wenn ein Stinker mit dir da drunter liegt, und zum Bett laufen. Oder krabbeln, völlig egal, bloß raus. Zu der schönen Frau, deiner Frau, in dein Bett. Da ist es auch warm, und viel schöner, und der Fernseher läuft, und sie raucht und guckt dich so an: »Hat es sich wenigstens gelohnt?«, fragt sie, und du willst sagen: »Ja, oh Weib! Obwohl du rauchst und mir kotzübel ist, der Weg zu dir lohnt sich immer!« Aber das sind zu viele Wörter zum Sprechen, also guckst du und merkst dabei: Sie meint was anderes. Weil sie Schauspielerin ist, kann sie so gucken, dass der Zuschauer sofort mitkriegt: Ah, ganz andere Ebene, oder so. Du weißt aber nicht ganz genau, welche, weil du blau bist und deine Freundin eine sehr gute Schauspielerin ist, so mit Interpretationsfreiraumscheißgedöns. »Geht so«, kann man dann immer sagen, damit ist man auf der sicheren Seite. Meistens. Problem ist jetzt: Britta ist ganz wach, rollt die Augen wie ein Nudelholz und sagt: »Müssen wir jetzt tagelang den Babysitter für ihn spielen, oder haut der morgen früh ab in seine neue Bude?« Wie kann eine einzige Frau so viele Fragen stellen? Da muss man ihr die Kippe abnehmen und zu Ende rauchen. »Ach, echt ey!«, sagt sie und tut was ganz Unglaubliches. Sie pfeffert die Fernbedienung auf den Nachttisch, dreht sich zur Wandseite und zieht mir die ganze warme Decke weg. »Ich liebe dich auch.« Das hat sie noch gehört. Das weiß ich. Macht es aber grad nicht besser. Augen zu, Affe tot. Oder so.

BRITTA

Ich kann ihm das verzeihen. Quatsch, da gibt es gar nichts zu verzeihen. Er hat sich besoffen mit seinem alten Kumpel, alles okay. Für einen guten Zweck sozusagen, wenn nicht sogar für zwei. Es würde mich freuen, wenn er wieder mehr mit Olli machen würde. Außer saufen, meine ich. Olli hat ja auch seine guten Seiten. Es war Iris, die ihn und uns wahnsinnig gemacht hat. Gut, dass die weg ist. Wenn Iris nicht gewesen wäre, hätten die beiden so was wie unser befreundetes Paar werden können. Ja, okay, die Rechnung geht nicht ganz auf. Andererseits: Ich glaube sowieso nicht an befreundete Paare. Es ist doch so: Wenn Paare frisch verliebt sind, kann man nichts mit denen anfangen. Und wenn sie dann nach ein paar Monaten endlich voneinander lassen können, versuchen sie total krampfhaft, jetzt aber mal mit anderen Leuten was zu unternehmen, ihr gemeinsames Sozialverhalten zu testen oder anzugeben. Am liebsten mit einem total exotischen Essen, das noch keiner von beiden je zuvor gekocht hat, und dann fallen andauernd Sätze wie: »In Thailand machen die das Curry immer ganz frisch, wisst ihr? Wir wollen auch irgendwann wieder nach Thailand. Schatz, meinst du nicht, ich soll da noch mehr Koriander reinmörsern? Wir lieben Koriander!«

Ja, Scheiße, dann heiratet doch euren Koriander, wir gehen uns solange einen Döner holen.

Nicht dass Iris und Olli so ein Selbst-gemachtes-Curry-Paar gewesen wären. Sie ist Sozialpädagogin und wollte Olli immer analysieren, am liebsten mit uns zusammen. Iris wollte keinen Koriander, sondern uns zermörsern. Hat sie nicht geschafft. Bei tiefschürfenden Gesprächen über die Vergangenheit bin ich fast so schlecht wie in Smalltalk über die Zukunft. Also dem Zeug, das bei diesen Pärchenabenden immer zusammen mit dem Dessert (Chia-Samen-Pudding) auf den Tisch kommt, nämlich der feierlichen Verkündung der Gastgeber: »Wir werden die Wohnung wohl über kurz oder lang kaufen. Das amortisiert sich ja irgendwann.« »Ach schön, wenn ihr ein gutes Angebot bekommt, schlagt zu!«, muss man dann sagen, und nicht: »Geil! Zwanzig Jahre Kredit abbezahlen! Also, trennt euch bloß nicht, auch wenn ihr anfangt, euch zu hassen!« Nein, man sagt nur: »Klasse. Toll. Schön.« Und dann geht’s trotzdem weiter mit dem Ausquetschen: »Was ist denn mit euch?«

Und da heißt es immer, hierzulande redet man nicht über Geld. Doch, tut man. Man kaschiert es nur ganz schlecht, indem man die Immobilienfinanzierungspläne seiner angeblichen Freunde abfragt. Deswegen geben wir auch keine Abendgesellschaften. Dann müssten wir unser desaströses Mietmodell offenlegen und uns dann noch fragen lassen, ob wir denn nicht wenigstens irgendwo einen kleinen Garten hätten oder vielleicht eine Ferienwohnung? Nein. Wir haben nur Mäuse auf dem Dachboden. Vielleicht sind es auch Ratten. Ich lasse mich da überraschen.

Ich ertrage solche Gespräche nicht mehr. Das muss Stan übernehmen, der kann das, freundlich, ganz ohne, auch nur innerlich, durchzudrehen. Einmal hat er uns wunderschön aus einer solchen Situation gerettet, nachdem das »Und, was ist mit euch?« gefallen war. Er hatte schon leicht einen im Tee, oder vielleicht war er auch bekifft, könnte sein, ist länger her. Jedenfalls hat Stan unsere Gastgeber nur erschrocken angeschaut und völlig verblüfft geantwortet: »Wir? Nein, danke. Wir wollen diese Wohnung nicht kaufen. Es ist ja eure.« Und der Typ, es war ein Freund von Stan, hat so gelacht, hat sich richtig weggeschmissen, als hätte er seit Jahren nicht so etwas Witziges gehört. Und sie: Sie hat so verkniffen geguckt, als wollte sie ihren Stock im Arsch zum Diamanten pressen. In solchen Momenten weiß ich, was ich an meinem Stan habe. Es wurde jedenfalls noch ein sehr schöner Abend, den wir in der Konstellation niemals wiederholt haben. Perfekt.

Ich muss mich öfter daran erinnern, was Stan alles Gutes tut für mich. Wie er mir hilft, mich immer wieder rettet vor der bösen Welt da draußen. Ich muss mich daran erinnern, dass ich ihn liebe, auch wenn ich ihn gerade an die Wand klatschen könnte. Ich liebe ihn. Er bekommt das gerade nicht so mit, weil er schläft, aber ich versuche, das Gefühl zu halten, bis er aufwacht. Nicht mehr sauer auf ihn sein, schon weil es gar nichts bringt. Er kapiert einfach nicht, dass ich nicht böse auf ihn bin, weil er mit Olli abgestürzt ist oder ihn mit zu uns nach Hause gebracht hat. Oder sein Studium abgebrochen hat oder seinen Führerschein abgeben musste. Ich bin überhaupt nie sauer wegen irgendwas, was er tut. Ich hasse es nur, wenn er Dinge bleiben lässt. Und dann so etwas Bescheuertes sagt wie: »Na, dann habe ich ja jetzt Zeit, mal Dinge ohne Auto zu machen. Vielleicht mit dem Rauchen aufhören.«

Toller Plan. Du rauchst nicht, und ich kutschiere dich herum?

Stan rülpst im Schlaf. Ich muss pinkeln. Ich klettere über Stan hinweg, kicke seine Jeans beiseite, die er offenbar irgendwann doch noch ausgezogen hat. Im Wohnzimmer stolpere ich fast über Ollis Fuß, der unter der Decke hervorlugt. Olli schnarcht, die ganze Wohnung stinkt nach saurem Schweiß. Ich benutze die Gästetoilette. Die ist tatsächlich schallgedämmt, wie der Makler uns mit einem süffisanten Lächeln erklärte. Darum geht es mir aber nicht: Ich weiß einfach, dass Olli unser Bad benutzen wird, sobald er aufwacht. Er braucht den Platz und muss sein Revier markieren. Als ich auf der Schüssel sitze, kann ich ihn hören, trotz Schalldämmung. Ollis Gelenke knacken unwahrscheinlich laut, als er aufsteht. Vielleicht hat er sich auch auf unserem Couchtisch abgestützt, und dabei ist irgendeine Schraube abgebrochen (die man aber total unkompliziert für nur dreißig Euro plus Versandkosten nachbestellen kann. Und Stan würde das sogar tun).

Ich will mich am liebsten für immer hier auf der Gästetoilette verstecken, aber irgendwann drücke ich doch die Spülung und gehe nachschauen. »Guten Morgen, Sonnenschein.« Olli lehnt lässig im Türrahmen, in fleckigem T-Shirt und Unterhose. Seine Haare sind fettig, die Bierpocke wirkt noch prominenter als beim letzten Mal, als ich ihn in dieser Aufmachung gesehen habe. Aber er lächelt, Mut zur Lücke, den hat Olli Stauffer immer gehabt.

»Morgen. Willste ’n Kaffee?«

»Jau. Hast du noch Kippen? Oder hast du auch aufgehört?«

Ich schüttle den Kopf: »Nee, wenn wir beide gleichzeitig aufhören, dann hauen wir uns hier die Köppe ein.« Olli zieht sich mit der Hand einen Scheitel. Das macht er immer, früh am Morgen, als müsste er für komplexere Gedankengänge erst den Turboschalter an seinem Kopf finden: »Ja, bei uns war das andersrum. Also, es hat erst geklappt, als wir zusammen aufgehört haben, Iris und ich.«

Das ist das Großartige an Olli. So heftig kann den gar kein anderer treffen, wie er sich die Eigentore reinzimmert. Ich muss ihm einfach die Schulter tätscheln, dem stinkenden, alten Zottel: »Kippen liegen am Computer, im Schlafzimmer. Aber weck Stan nicht, wenn es geht. Der ist noch völlig fertig von gestern.«

Olli klammert sich an mich, schafft es irgendwie, mich in eine Umarmung hineinzuzwingen: »Wieso ich? Was machst denn du? Gehst du weg? Wohin?« Da hat wohl jemand schon lange vor der fälligen Trennung keinen Körperkontakt mehr gehabt.

»Ich geh nur Kaffee machen, komm runter.« Ganz die gute Krankenschwester, die ich sein kann, winde ich mich aus Ollis Umarmung und gehe in die Küche, Medizin machen. Olli ruft mir nach: »Habt ihr Amaretto da?«

Darauf antworte ich nicht. Als ich höre, wie Olli unser Schlafzimmer nach Zigaretten durchforstet und dabei natürlich Stan weckt, packe ich die Gelegenheit beim Schopfe. Ich verstecke alle Schnapsflaschen unter der Spüle, hinter den Reinigungsmitteln. Unter der Spüle schauen Alkoholiker ja als Letztes nach, klar. Aber es beruhigt mich, dass unsere Hausbar nur aus vier Flaschen ausgesuchter Brände besteht, drei davon Geschenke, zwei davon noch verschlossen. Sehr gut, geradezu vorbildlich. Ein Hochgefühl stellt sich ein: Im Vergleich zu Olli geht’s uns doch super. Wir haben uns, manchmal Arbeit, noch alle Zähne im Maul und verlangen nicht nach einem Frühstücksschnaps im Kaffee. Ja, Stan und ich, wir haben es geschafft, ganz klar.

Gemurmel, ein Seufzen aus dem Schlafzimmer. Dann Stan, der etwas wehleidig ruft: »Baby, kann Olli noch ’ne Nacht hier schlafen?« Oh, sicher doch. Schlachten wir doch ein Kalb – zur Feier, dass der verlorene Sohn heimgekehrt ist. Ich umkralle den Rand der Arbeitsplatte und zähle. Nicht bis zehn oder hundert, sondern einfach so lange, bis Stan in der Küche auftaucht. Er sieht um die Augen herum wesentlich lädierter aus als sein Saufkumpan und zuckt mit den Achseln: »War abzusehen, oder?«

Schon. Jetzt haben wir nicht nur Mäuse auf dem Dachboden, sondern auch noch eine Schnapsleiche mit Ambitionen zum Vollalkoholiker im Schlafzimmer. Und dabei hatte ich gerade erst die ganze Wohnung gesaugt. Jetzt muss Stan für Lichtblicke sorgen, ich habe mein Kontingent für heute schon aufgebraucht: »Wir sind ja heute Abend eh eingeladen. Bei Rina. Kann sich Olli ja hier auspennen und morgen früh abhauen, oder?«

Oh. Oh klar. Die Scheißparty hat gar nicht gestern ohne uns stattgefunden, sondern steht uns noch bevor. Allerdings geht der Spaß erst in sechs Stunden los, oder? Stans Vorfreude auf seine Exkommilitonin scheint aber jetzt schon massiv zu sein. Er hat alle Informationen zu dem Event parat: »Also, die Rina sagte, so gegen acht da sein wäre gut. Wegen des Essens. Wir müssen noch den Wein besorgen, übrigens.«

Plötzlich habe ich auch Lust auf einen Schuss im Kaffee. Oder in den Kopf.

STAN

Britta starrt aus dem Fenster, obwohl es in dem U-Bahn-Schacht nichts zu sehen gibt außer Dunkelheit. Vielleicht gelegentliche Blitze von Stromleitungen. Aber sie schaut sich das gerne an. Alle anderen Frauen betrachten bei so einer Gelegenheit ihr Spiegelbild, bringen ihre Frisur in Ordnung, lächeln sich heimlich aufmunternd zu. Britta guckt ins Blitznichts. Die anderen Frauen schauen heutzutage auch lieber direkt in ihre Handykameras, grinsen sich selbst bestätigend zu, wie toll sie sich zurechtgemacht haben, schießen ein Selfie und überlegen, ob sie es später posten sollen, um dafür gereckte Daumen und Herzen zu erhalten. Die Typen gucken dabei zu. Was die Leute halt so machen, wenn die Bahn seit Minuten steht und niemand Netz hat. Nur ich glotze den Hinterkopf meiner Freundin an. Um nicht ihr Spiegelbild in der Scheibe zu sehen. Dieser leere Blick macht mir Angst und geht mir auch auf die Nerven. Ist ja nicht so, als wären wir auf dem Weg ins Fegefeuer. Es ist nur eine Party. Nicht mal. Ein nettes Beisammensein mit gutem Essen. Und ohne Olli.

Das Paar neben uns beginnt nun ein Gespräch. Darüber, dass das Handynetz auf diesem Streckenstück immer weg ist. Ja, das stimmt. Ja, das haben die von der Bahn nicht gut geregelt. Genau, es könnte ja einen Notfall geben. »Genau«, sagt sie. »Kundenfreundlich ist das nicht«, sagt er. »Genau«, sagt sie.

Guter Gott, kann die Scheißbahn nicht endlich weiterfahren? Britta dreht sich zu mir, um mir zu zeigen, wie toll sie zusätzlich mit den Augen rollen kann, während sie dasselbe denkt wie ich: »Du wolltest doch mit der Bahn fahren«, sage ich. Sie versteht das sofort als Angriff: »Ja, wollte ich. Weil wir dann sagen können, dass wir die letzte Bahn erwischen müssen. Falls das da länger gehen sollte.«

Falls das da länger gehen sollte. Jedes einzelne Wort voller Abscheu ausgespien. Warum sagt sie nicht gleich »Falls wir dort gegen unseren Willen festgesetzt werden von deinen grausamen Bekannten, die ich jetzt schon hasse«? Sie hätte auch sagen können: »Hätten wir das Auto genommen, hätte ich ja fahren müssen.« Ist aber nicht Brittas Stil, versteckte Vorwürfe zu machen.

Trotzdem bringt sie mich dazu, dass ich mich dafür rechtfertige, dass ich ab und zu soziale Kontakte pflege: »Ach, komm. Die Rina ist total nett. War die einzig Vernünftige damals bei mir im Studium. Mit der konnte man um die Häuser ziehen wie mit einem guten Kumpel. Bin total froh, dass sie wieder hergezogen ist …«

Britta zieht eine Augenbraue hoch, und gleichzeitig bemerke ich, dass das Paar neben uns sein Gespräch eingestellt hat. Entweder ist alles über das fehlende Netz gesagt, oder sie spüren, dass unser Gespräch interessanter ist als ihres. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie sie ihn anstupst, nach dem Motto: »Oh, oh, er hat eine alte Freundin als ›guten Kumpel‹ bezeichnet. Alarm, Alarm! Da lief bestimmt was mit der, und seine Alte macht ihm gleich eine Szene.«

Da kennen sie Britta aber schlecht: »Rina, ja? Heißt die in echt Katharina?«

»Ja, klar. Wie sonst. Warum?« Britta schüttelt sich, der gesamte Oberkörper wird von einem Schauer erfasst, als hätte sie gerade in etwas unsagbar Ekliges reingebissen: »Die meisten Katharinas nennen sich ja Kati. Oder Katha. ›Katha‹ klingt allerdings immer so nach einer Affenart, oder? Baumkattas, gibt’s die nicht? Auf Madagaskar oder so?«

»Weiß nicht.« Die Frau vom Platz nebenan guckt, als wolle sie sich zu diesem Thema melden, ihr Zeigefinger zuckt. Biologielehrerin vielleicht, was weiß ich. Ich gebe Britta noch drei Sekunden, bis sie weitere Ausführungen zum Thema Namen macht. Eins, zwei … »Rina klingt wie eine Mischung aus ›Rita‹ und ›Tina‹. Also den beiden schlimmsten, langweiligsten Namen überhaupt …« Ja, nicht annähernd so exotisch wie »Britta«, denke ich, meine Freundin murmelt: »Rina. Rina. Rieeenaaaaa.«

Es reicht mir: »Willst du wieder nach Hause?«, sage ich viel lauter, als ich es beabsichtigt habe, und das Paar nebenan zuckt zusammen, sehr synchron. Aber Britta drückt meine Hand: »Quatsch.« Sie lächelt, küsst mich unvermittelt auf den Mund. Ich glaube, sie hat unsere interessierten Sitznachbarn jetzt auch bemerkt, zumindest gibt sie ein bisschen Zunge hinzu.

Denen fällt jetzt doch noch was ein, über das sie reden könnten: »Ah, wir fahren wieder«, sagt sie, er sagt: »Ja. Stimmt.« Ich grinse, und Britta lässt von mir ab. Sie lehnt sich zurück und seufzt: »Klar gehen wir da jetzt hin. Ich hab doch den blöden Weißwein gekauft, wer soll den denn sonst trinken? Ich jedenfalls nicht! Den würde sogar Olli stehen lassen, glaube ich.«

Ich schließe die Augen. Kann sie es nicht gut sein lassen? Es ist ja nicht so, dass ich ein großer Fan davon wäre, wenn Leute mir ganz exakt auftragen, was ich zu einer Party mitbringen soll. Andererseits: Es wäre verdammt umständlich geworden, einen Kasten Bier von der Haltestelle bis zu Rina nach Hause zu schleppen. Ist doch gut, wenn sich jemand um solche Dinge im Vorfeld Gedanken macht. Britta findet das nicht so gut: »Ich meine, es ist schon okay zu sagen: ›Bringt bitte Wein mit.‹ Aber wenn Leute dir dann eine Mail schicken, in der steht, wo man die Plörre einzukaufen hat, mit einem Foto vom Etikett im Anhang, frage ich mich doch, was da gleich abgeht. Sind die in ’ner Sekte, oder was?«

Wäre ja auch gelacht gewesen, wenn Britta die Sache nicht noch hätte breiter treten können. Bestimmt erzählt sie mir gleich wieder von den Koriander-Menschen, an die ich mich gar nicht mehr erinnern kann, weil das Freunde von ihr waren. Glaube ich. Aber Britta ist auf der Sektenidee hängen geblieben: »Ich meine, stell dir das vor: Wir klingeln, die machen auf und fragen uns: ›Entschuldigen Sie, haben Sie jemals über Gott nachgedacht, also so richtig? Glauben Sie, Jesus hatte einen Lieblingswein? Und wie hat er ihn bewertet? Mit fünf von fünf Kreuzen. Ha!« Okay, das wäre schon lustig. Wir grinsen ein wenig still und grenzdebil vor uns hin.

Das Paar neben uns steht auf, weil es jetzt aussteigen muss. Genau wie wir. Erst jetzt sehe ich, dass der Typ eine Jutetasche dabeihat, in der offenbar eine riesige Schüssel steckt. Entweder Salat oder Nachtisch. Gehen die etwa zur selben Party? »Oh, bitte nicht!«, denke ich. Britta spricht die Worte laut aus. Die beiden glotzen uns an. Jeder andere hätte jetzt geschaltet und ganz schnell etwas nachgeschoben wie: »Oh, bitte nicht! – Ich glaube, ich habe zu Hause das Bügeleisen angelassen!« Irgendetwas, das diese beiden Figuren in dem Glauben gelassen hätte, man hätte etwas ganz anderes gemeint als sie. Britta nicht. Die guckt nur weiter angewidert. Bis die Tür sich endlich öffnet. Und die beiden wie angestochen davonwieseln, Richtung Ausgang West. Also den, den Rina in ihrer der Mail ebenfalls angehängten Anfahrtsskizze markiert hat.

»Was war denn mit denen los?«, fragt Britta, ehrlich verwundert, und ich notiere mir, sie bald, ganz bald mal auf ihr Verhalten anzusprechen. Vielleicht bekommt sie das wirklich gar nicht mit, was sie ungefiltert ausspricht. Vielleicht leidet sie unter einer Lightversion des Tourette-Syndroms. Aber ich fürchte, sie weiß genau, was sie da eben getan hat.

»Keine Ahnung, vielleicht waren die sauer, weil wir nur Wein kaufen mussten und sie den ganzen Tag extra Salat schnippeln mussten?« Britta hält mich am Jackenärmel fest. Ganz kurz hege ich die Hoffnung, dass sie es tatsächlich erst jetzt kapiert hat. Dass die beiden auch zu Rina gehen. Und sich ihr »Oh, bitte nicht!« tatsächlich auf etwas ganz anderes bezog. Und dass sie sich wenigstens jetzt ein bisschen genieren könnte. Einmal wenigstens.

»Lass mal kurz warten, dann sind die beiden bei Rina im Getümmel verschwunden, wenn wir ankommen. Die muss ich nicht direkt wiedersehen.« So löst Britta Peinlichkeiten und andere Probleme. Leider ergibt sich daraus ein neues: »Stan, das wird aber schon eine Party, oder? Das wird jetzt nicht so ein komischer Pärchenabend mit nur zehn Leuten, oder?« Blankes Entsetzen in ihren Augen. Ich habe keine Ahnung, was uns bevorsteht, versuche aber, sie zu beruhigen: »Glaub ich nicht. So dicke bin ich mit der Rina ja nicht mehr, dass die uns zu so einem exklusiven Treffen einladen würde.«

Das hört sich sehr logisch an, für mich. Da setze ich gleich noch einen drauf: »Und die da …«, ich deute auf den Ausgang, durch den das »Bitte nicht!«-Pärchen gerade gedackelt ist, »… die hatten doch eine Riesenschüssel dabei. Riesenschüssel – Riesenparty, ganz eindeutig!« Britta ist noch nicht ganz überzeugt: »Die sahen aber auch aus, als würden sie riesige Portionen verdrücken können!« Da hat sie recht. Beachtlich, dass die beiden so schnell rennen können.

Britta hakt sich unter, und wir gehen Richtung Ausgang. »Weißt du, was ich schön finde«, fragt sie mich, als wir oben auf der Straße stehen. »Dass du den Wein im Rucksack hast. Noch klingt er wenigstens wie Bier.«

Ich finde das auch schön, dass Britta das schön findet, habe aber gleichzeitig das Gefühl, dass wir den Abend viel schöner gestalten könnten, wenn wir jetzt einfach umkehrten. Wir könnten ja in Ollis neuer Wohnung pennen. Warum kommen einem die besten Ideen immer erst, wenn man am anderen Ende der Stadt steht?

BRITTA