Eddie Winston sucht die Liebe - Marianne Cronin - E-Book

Eddie Winston sucht die Liebe E-Book

Marianne Cronin

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Beschreibung

Und dann triffst du den einen Menschen, auf den es sich zu warten lohnt. Manchmal auch ein ganzes Leben lang.

Als echter Gentleman und unverbesserlicher Romantiker verbringt der 90-jährige Eddie seine Tage als Freiwilliger in einem Wohltätigkeitsladen, wo er die Spenden sortiert. Doch manches bewahrt Eddie auf wie einen kostbaren Schatz. Alte, zerfledderte Briefe. Den weichen Schal, in dem noch ein letzter Hauch vom Parfüm der Trägerin hängt. Die bekritzelten Chucks mit den zwei Initialen. Dinge, bei denen Eddie spürt, dass sie für irgendjemand da draußen noch eine Bedeutung haben.

Eines Tages trifft Eddie in dem Laden auf Bella, die gerade die Liebe ihres Lebens verloren hat. Die beiden freunden sich an und als Bella erfährt, dass Eddie seinen ersten Kuss noch vor sich hat, setzt sie alles daran, dass er seine große Liebe wiederfindet. Wird Eddie nach all den Jahren endlich die Frau küssen, auf die er sein ganzes Leben lang gewartet hat?

Eine ergreifende Geschichte darüber, wie wichtig es ist Freundlichkeit im Herzen zu tragen und die uns daran erinnert, dass manche Menschen immer einen Platz in unserem Leben haben werden.

»Dieses Buch erinnert uns daran, dass es nie zu spät ist, sein Herz für andere zu öffnen.« People

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Seitenzahl: 372

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Und dann triffst du den einen Menschen, auf den es sich zu warten lohnt. Manchmal auch ein ganzes Leben lang.

Als echter Gentleman und unverbesserlicher Romantiker verbringt der neunzigjährige Eddie seine Tage als Freiwilliger in einem Wohltätigkeitsladen, wo er die Spenden sortiert. Doch manches bewahrt Eddie auf wie einen kostbaren Schatz. Alte, zerfledderte Briefe. Den weichen Schal, in dem noch ein letzter Hauch vom Parfüm der Trägerin hängt. Die bekritzelten Chucks mit den zwei Initialen. Dinge, bei denen Eddie spürt, dass sie für irgendjemanden da draußen noch eine Bedeutung haben.

Eines Tages trifft Eddie in dem Laden auf Bella, die gerade die Liebe ihres Lebens verloren hat. Die beiden freunden sich an, und als Bella erfährt, dass Eddie seinen ersten Kuss noch vor sich hat, setzt sie alles daran, dass er seine große Liebe wiederfindet. Wird Eddie nach all den Jahren endlich die Frau küssen, auf die er sein ganzes Leben lang gewartet hat?

Eine ergreifende Geschichte darüber, wie wichtig es ist, Freundlichkeit im Herzen zu tragen, und die uns daran erinnert, dass manche Menschen immer einen Platz in unserem Leben haben werden.

»Dieses Buch erinnert uns daran, dass es nie zu spät ist, sein Herz für andere zu öffnen.« People

Marianne Cronin wurde 1990 in Warwickshire, England, geboren. Nach ihrem Studium hat sie in Birmingham promoviert und nebenbei an ihrem ersten Roman gearbeitet – ganze sieben Jahre lang. Dass ihr Debüt ein so großer Erfolg werden würde, hätte sie niemals zu träumen gewagt: Innerhalb weniger Tage wurde das Buch in fünfundzwanzig Länder verkauft und die Filmrechte gingen nach Hollywood.

Marianne Cronin lebt mit ihrer Familie und ihrer Katze aus der Haustierauffangstation in den Midlands.

www.cbertelsmann.de

MARIANNE CRONIN

Eddie Winston sucht die Liebe

Roman

Aus dem Englischen von Charlotte Breuer

Die Originalausgabe erschien 2024

unter dem Titel Eddie Winston is looking for love

bei Transworld, London.

Der Verlag behält sich die Verwertung des urheberrechtlich geschützten Inhalts dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Copyright © der Originalausgabe by Marianne Cronin 2024

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2025

C. Bertelsmann in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR)

Redaktion: Astrid Arz

Umschlaggestaltung: Favoritbuero

Umschlagabbildungen: © Elias1/shutterstock, © alliesu 5/shutterstock, © gomolach/shutterstock

Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering

ISBN 978-3-641-27441-2V003

www.cbertelsmann.de

TEIL EINS

Eddie

So enden wir also.

Was von einem Leben übrig bleibt, ist wirklich nicht viel. Jedenfalls nicht, wenn die sperrigen Dinge – Kühlschrank, Sitzgruppe, Leichnam – in Kisten verpackt und entsorgt sind.

Was bleibt, sind die kleinen Dinge. Krimskrams. Ein Durcheinander aus Büchern und Schallplatten und Pullovern und Gummistiefeln und verrostetem Schmuck. Aus Visitenkarten, Briefen und Mensch-ärgere-dich-nicht-Spielen, bei denen die Würfel und die Hälfte der Spielfiguren fehlen, aus Schlafanzügen, Fotos, Muscheln und Postkarten.

Das Leben in seiner ganzen banalen Pracht.

Das Problem mit den Überresten all dieser Momente eines Lebens ist, dass sie alle auf einmal ankommen. In einem Müllsack. Woher soll man wissen, ob es sich bei der Schuhbürste (3 Pfund) oder dem Spiegel mit dem rosa emaillierten Rahmen (7,50 Pfund) um Gegenstände von historischem Wert, von tieferer Bedeutung oder um alten Krempel handelt? Lauter zufällig erworbene Dinge, die mit der Zeit zum Knochengerüst eines Hauses wurden. Vielleicht ist es ja tatsächlich das unvollständige Mausefalle-Spiel, an dem der arme Verstorbene ganz besonders gehangen hat. Und doch hocke ich mal wieder hier im Hinterzimmer auf dem Bodenkissen (weil mir das Knie wehtut, wenn ich auf dem Stuhl sitze), bewaffnet mit Gartenhandschuhen, auf denen Marjie seit der Sache mit dem Zahn besteht (ein Backenzahn mit Wurzel, an dem noch geronnenes Blut klebte, 0 Pfund), sortiere die Spenden von Lebenden und Toten und klebe Preisschilder an die Erinnerungsstücke eines fremden Lebens.

Das Leben von Mr McGlew wurde von einem Fremden in einen schwarzen Müllsack gestopft.

Der junge Mann, der zur Hausentrümpelungstruppe der Stadtverwaltung von Birmingham gehört, bringt alle paar Wochen die Habseligkeiten von jemandem vorbei, der allein in einer städtischen Sozialwohnung verstorben ist. Ich erkenne ihn immer am Schmatzen seines Kaugummis. Heute trägt er eine Warnweste über einem verdreckten grauen Sweatshirt und eine Jogginghose, die ihm fast in den Kniekehlen hängt.

Der junge Mann zuckt zusammen, als ich den Liebesroman über eine reiche, nicht mehr ganz junge Gräfin, die sich in einen kernigen Stallburschen verliebt, zuklappe.

»Himmel«, sagt er und fasst sich an die Brust. »Ich hatte Sie für eine Schaufensterpuppe gehalten.«

Das ist aus drei Gründen absurd. Erstens ist keine Schaufensterpuppe auf der Welt so runzlig wie ich. Zweitens hat mir dieser junge Gentleman (okay, das war geschmeichelt) in den vergangenen Jahren zig prallvolle Müllsäcke aus städtischen Sozialwohnungen übergeben. Und drittens haben wir nur eine einzige Schaufensterpuppe, und die steht, bekleidet mit irgendeinem scheußlichen Fummel, in den Marjie und ich sie in der Hoffnung auf Kundenfang gezwängt haben, einsam und allein in unserem Schaufenster.

»Hier.« Er hält mir den Müllsack hin, auf dem ein Zettel mit der Aufschrift »Mr McGlew« klebt.

»Wissen Sie zufällig, wie Mr McGlew mit Vornamen hieß?«, frage ich und greife nach einem Spendenformular.

»William, glaub ich«, sagt er mit Blick auf seinen Handrücken, wo er sich den Namen mit schwarzem Filzstift notiert hat, wohl wissend, dass ich danach fragen würde. Wie nett. Dann schlurft er aus dem Laden, während er sich die schwarze Jogginghose über seine Calven-Kine-Boxershorts hochzieht und mir einen schönen Tag wünscht.

Mr McGlews Sozialwohnung wird noch heute vom Hausmeister gereinigt werden. Morgen früh taucht sie wieder in der Datenbank der Stadtverwaltung auf, befreit von jeder Spur von Mr McGlews Leben, sodass tags drauf wieder jemand anders dort einziehen kann.

»Möchtest du Tee, Eddie?«, ruft Marjie aus dem Hinterzimmer. Ich höre ihren Rock rascheln, während sie den Wasserkocher füllt. Heute trägt sie ihr Lieblingsteil, das aus lauter roten und violetten Stoffresten zusammengenäht ist. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie sich diese Röcke selber näht, denn ich habe noch nie etwas in irgendeinem Geschäft gesehen, das so typisch Marjie ist. Vor ein paar Monaten hat sie sich die Haare abgeschnitten. Bis dahin hatte sie sie zu langen Zöpfen geflochten, die wie zwei silberne Schlangen über ihren Rücken krochen, aber dann hat sie sich die Haare zu einem ganz kurzen Pixie schneiden lassen, und das steht ihr verdammt gut. Fesch, praktisch und meistens mit einer Spange geschmückt, die jeweils zu dem poppigen Rock passt, den sie gerade anhat. Was mir an Marjie gefällt, ist das Paradoxe – sie ist ordentlich, direkt, hat keine Geduld mit Leuten, die sich dumm anstellen, aber kleidet sich wie eine Akkordeonspielerin in einem Wanderzirkus.

»Nein danke«, rufe ich.

Marjie hat bestimmt, dass wir uns nur dann durch Zurufe verständigen, wenn keine Kunden im Laden sind, was an einem grauen Donnerstagnachmittag unweigerlich der Fall ist. Während ich das Spendenformular ausfülle, höre ich, wie sich der Wasserkocher abschaltet. Mr William McGlew, posthume Spende. Mögen Sie in Frieden ruhen, Sir. Es werden noch mehr Formulare über ihn ausgefüllt werden. Eine Todesurkunde beispielsweise, ein Antrag auf die preiswerteste Einäscherung und eine Sozialbestattung.

Marjie kommt durch den klimpernden Perlenvorhang, der den Laden vom Hinterzimmer trennt (12,50 Pfund – wir haben das Preisschild entfernt und ihn behalten, weil Marjie und mir das Geklimper gefällt, wenn wir hindurchgehen). Sie bewegt sich vorsichtig, während sie ihren Oxo in ihrer Henkeltasse auflöst. In der Tasse mit dem tanzenden Fuchs, die sie liebevoll Foxo nennt.

»Was ist Oxo?«, habe ich Marjie gefragt, als ich anfing, in dem Trödelladen zu arbeiten, weil mir das Rentnerdasein allmählich langweilig wurde. »Ich meine, der Geruch ist eindeutig, aber was genau ist es?« Worauf sie lapidar, als wäre es ganz normal, so etwas zu trinken, antwortete: »Rinderkraftbrühe«.

»Tja, es geht doch nichts über das Hier und Jetzt.« Ich wuchte Mr McGlews Sack vom Tresen und trage ihn durch den Perlenvorhang nach hinten.

»Du bist der Beste«, ruft Marjie, denn sie weiß, dass es mich immer traurig macht, wenn die Stadtverwaltung sich um die Habseligkeiten eines Verstorbenen kümmern muss. Normalerweise bringt ein weinender Angehöriger die Sachen vorbei oder wenigstens ein alter Freund oder ein Nachbar. Wenn es jemand von der Stadtverwaltung tut, ist klar, dass der Verstorbene ganz allein auf der Welt war.

Mr McGlew hat nur sehr wenig hinterlassen, das für uns von Nutzen ist. Was mich noch trauriger macht. Die einzigen Dinge, die auf den Stapel »zu verkaufen« wandern, sind eine hölzerne Reiseuhr, ein altes Röhrenradio und ein Stickbild von einer Dorfstraße mit Kopfsteinpflaster.

Der Rest seines Lebens wandert in die Mülltonne. Mottenzerfressene Pullover, eine Vermessungskarte mit Teeflecken, eine mit Knöpfen gefüllte Butterdose und ein kaputter Federballschläger.

Das war’s dann für den armen Mr McGlew: Alles, was er einmal besessen hat, wird nun verkauft, verbrannt oder recycelt. Also, das heißt, alles bis auf fünf vergilbte Umschläge, alle adressiert an Elsie Woods, 33 Church Lane West Dean, Chichester, PO18 0QY. Diese kostbaren Schreiben lege ich auf den Eddie-Stapel.

Ich höre Marjie in ihren flachen Schuhen im Laden herumklappern wie ein Dressurpferd und lasse den Eddie-Stapel schnell in meiner Jackentasche verschwinden.

»Feierabend!«, ertönt Marjies Singsang.

»Mhm«, antworte ich, darauf bedacht, mich nicht zu rühren, aus Angst, sie könnte das verräterische Knistern der Worte eines Fremden in meiner Tasche hören.

Ich setze meinen Hut auf und schaue auf meinem Handy nach den Abfahrtszeiten. Ein Zug geht in acht Minuten, der nächste in achtunddreißig. Ich beschließe, mein Knie zu schonen, und gehe langsam den Hügel hinunter zum Bahnhof New Street.

Ich mag das bunte Treiben in der New Street. All die geschäftigen, modisch gekleideten Menschen mit ihren Laptops und Lunchpaketen in schweren Rucksäcken. Ich werde zwar häufig angerempelt, vor allem von Männern in Anzügen, die sich offenbar für die wichtigsten Lebewesen auf diesem Planeten halten, aber ich mag es trotzdem.

Auf dem Weg zum Bahnsteig 10a spüre ich Mr McGlews Briefe in meiner Jackentasche. Du kannst es bestimmt kaum erwarten, uns zu lesen, flüstern sie.

Und da haben sie verdammt recht.

Mr P.

Es begann am zweiten Tag meiner ehrenamtlichen Tätigkeit im Trödelladen.

Sein Name war Michael, und er war in einem Seniorenheim für Armeeangehörige im Schlaf verstorben. Er hatte natürlich die üblichen Sachen besessen – Bücher und Nippes, gestrickte Pullunder und kräftiges Rasierwasser –, aber zwischen all dem Kram fand ich einen Zettel, auf dem in wunderschön geschwungener Handschrift stand:

Wolle (cremefarben), Karte für Harry, Geschenkpapier, Blumen, schwarzes Nähgarn.

Und obendrüber, in einer ganz anderen, eckigen Handschrift, stand: »Gwens letzte Liste – März 1995«.

Neunzehn Jahre lang hatte Michael diese Liste aufbewahrt. Wenn das kein Beweis für unsterbliche Liebe war! Diese Liste hatte Michael alles bedeutet. Wie konnte sie jetzt nichts mehr wert sein, bloß weil er gestorben war? Natürlich konnten wir sie in unserem Laden nicht verkaufen, aber ich brachte es auch nicht übers Herz, sie wegzuwerfen. Also habe ich Gwens letzte Liste und Michaels unsterbliche Liebe mit nach Hause genommen.

Das Nächste war das angelaufene Medaillon. Als ich es zum ersten Mal sah, ist mir fast das Herz stehen geblieben, denn mein halbes Leben suche ich schon nach genau so einem Schmuckstück. Aber auch wenn es sich nicht um das Medaillon handelte, das ich suchte, gehörten die beiden Liebenden, die es enthielt – eine junge Frau mit braunen Locken und ein junger Mann in Marineuniform –, nicht in den Müll. Die beiden können noch ein bisschen bleiben, dachte ich. Dann kam Evelyns Strauß von 1911, gepresst und gerahmt und mit einer rosa Schleife geschmückt und mit den Worten »Evies Brautstrauß« auf der Rückseite. Und darunter stand: »Omas Brautstrauß« und darunter »Uromas Brautstrauß«. Ihre rosafarbenen Rosen sollten noch nicht sterben, fand ich, schmuggelte sie unter meiner Jacke aus dem Laden und nahm sie mit nach Hause. Sie machen sich hübsch, angelehnt an den Karton mit Fotos, den letzten Winter jemand in einer Plastiktüte vor dem Laden abgestellt hat. Die Fotos zeigen ein Geschwisterpaar, Andy und Sue, auf einer Reise quer durch Nordamerika, so scheint es, auf der sie sich prächtig amüsieren, in Discos tanzen, in einem Cabrio durch die Gegend düsen, immer unter der orangefarbenen Sonne, deren Orange auf den vergilbten Polaroids besonders knallig wirkt. Die Heiratsurkunde von Ada Akintola und Walter Smith aus dem Jahr 1961, auf der zu lesen ist, dass beide Trauzeugen bei der standesamtlichen Hochzeit weder mit der Braut noch mit dem Bräutigam verwandt waren, schien mir auch zu schade für den Mülleimer, und jetzt steht sie in einem goldenen Rahmen auf meiner Kommode.

Die Kommode, in der ich meine Schätze aufbewahre, ist ebenfalls alt. Eine Inschrift an der Innenseite der oberen rechten Schublade verrät, dass sie aus dem Jahr 1905 stammt. Sie wirkt ein bisschen fehl am Platz in meiner modernen Stadtwohnung, aber in ihr leben die Geister von Händen, die sie berührt haben, von Tellern, die in ihr aufbewahrt wurden, von Krimskrams, der in ihren Schubladen gewohnt hat. Die Frau in dem Rotkreuz-Laden meinte, es handle sich um eins der ältesten Möbelstücke, das sie je verkauft hätten. Und ich habe sie mir gekauft, weil ich fand, dass wir beide gut zusammen noch ein bisschen älter werden können.

Mr McGlews Geheimnisse knistern immer noch in meiner Jackentasche, während ich mit dem Aufzug nach oben fahre. Ich liebe meine Wohnung. Es gefällt mir, all den jungen Leuten zu begegnen, die am frühen Morgen mit müden Augen, Kaffeebecher in der Hand, im Aufzug stehen, ich mag es, am Wochenende die wummernden Bässe aus ihren Wohnungen zu hören. Es gefällt mir, dass es ihnen nichts ausmacht, einen älteren Herrn wie mich als Nachbarn zu haben. Oder falls es ihnen etwas ausmacht, lassen sie es sich zumindest nicht anmerken.

»Ich bin zu Hause, Mr P.!«, rufe ich und werfe meinen Schlüsselbund in die Schale neben der Tür (eine Schale in Form einer Gans, kleiner Kratzer am Schnabel, 3 Pfund).

Er antwortet mit einem Quieken. Er ist so ein schlaues Kerlchen.

Die junge Frau war vor ungefähr einem halben Jahr in den Laden gekommen, in den Händen einen Käfig und mit einem Gesicht, als müsste sie mal gedrückt werden. Ihr Schal hing lose um ihren Hals, die Wangen waren rau vom kalten Wind, am Kinn hatte sie einen blauen Fleck, die Unterlippe war aufgesprungen, und ihre Augen waren gerötet. »Kann ich das hier spenden?«, fragte sie und stellte den Käfig auf den Tresen.

Draußen vor der Tür standen zwei kleine Jungen in identischen Jacken und warteten neben einem riesigen Koffer und einem Stapel Müllsäcke auf sie. Beide Jungen hatten einen Superhero-Rucksack auf dem Rücken, und sie waren so warm eingepackt, als hätten sie sämtliche Wintersachen an, die sie besaßen.

So wie die junge Frau mich ansah, als sie merkte, dass ich zu ihr und den beiden Kindern hinüberschaute, hatte ich die Situation offenbar richtig eingeschätzt.

Ich drehte den Käfig um und spähte hinein – ein kleines Tier hatte sich tief in die Sägespäne eingewühlt. Es sah aus wie ein lebendig gewordenes Toupet, mit orangefarbenen und weißen Haarbüscheln beidseits. Nur mit Mühe konnte ich ausmachen, wo vorne und wo hinten war.

»Hallo du«, sagte ich zu dem kleinen Kerl. »Wie heißt du denn?«

»Spiderman«, sagte die Frau sichtlich verlegen. »Den Namen haben sie sich ausgedacht.« Sie zeigte auf die beiden Jungen.

»Ah!« Ich betrachtete das kleine lebende Haarteil. »Hallo, Mr Spiderman.«

»Meerschweinchen soll man eigentlich zu zweit halten«, sagte die Frau. »Aber er ist ziemlich aggressiv, deswegen hat der Tierarzt uns geraten, ihn allein zu lassen.«

»Wollen Sie sich wirklich von ihm trennen?«

Sie nickte. »In unserer neuen Wohnung sind keine Haustiere erlaubt, außerdem weiß ich nicht …«

»Schon in Ordnung«, sagte ich. »Lassen Sie ihn ruhig hier.«

»Geht das denn?«, fragte sie.

»Wahrscheinlich nicht«, flüsterte ich. »Aber wenn Sie gehen, bevor Marjie vom Klo kommt, kriegen wir das hin.«

Danke, flüsterte sie kaum hörbar und eilte aus dem Laden. Ich sah, wie sie und die Kinder ihre Habseligkeiten so gut es ging einsammelten und in Richtung Bahnhof davoneilten, auf dem Weg in ein besseres Leben, so hoffte ich.

Marjie kam vom Klo, hinter ihr rauschte die Spülung. Sie nahm ihre halb ausgetrunkene Foxo vom Tresen und erstarrte.

»Was zum Teufel ist das?«

In seinem Käfig auf dem Esstisch in meinem Wohn-Esszimmer quiekt das Meerschweinchen, das ich Puschkin-Spiderman Winston umgetauft habe, so glücklich wie ein Meerschweinchen, das seinen menschlichen Besitzer liebt und sich freut, dass der von der Arbeit nach Hause kommt, oder wie ein Tier, das das Öffnen der Tür mit dem Füllen seines Futternapfs assoziiert (wer weiß das schon?). Jedenfalls eilt Mr P. zu seinem Napf, den ich gleich bis zum Rand mit einer knackigen Gemüsemischung füllen werde.

Ich stecke einen Finger durch die Käfigstangen und versuche, ihm das Fell zu kraulen. »Hallo, Puschkin.« Er dreht sich blitzschnell um und will mir in den Finger beißen, aber da kennt er mich schlecht. »Die Würstchen gehören mir, Kumpel«, sage ich.

Während Mr P. seine Gurkenstücke knabbert, ohne sich vorher bei mir zu entschuldigen, lege ich meine Jacke ab, lasse mich in meinen Lieblingssessel fallen und breite meine neuesten Schätze auf meinem Schoß aus. Mr McGlews Briefe. Sie sind alle adressiert, aber auf keinem klebt eine Briefmarke, was bedeutet, dass Elsie keinen dieser Briefe je erhalten hat. Aus dem ersten Umschlag ziehe ich ein zartes Blatt unliniertes Papier und entfalte es. Es ist hauchdünn. In der linken oberen Ecke steht das Datum: 8. Februar 1971. Und darunter stehen, mit Tinte in schräger Handschrift, nur vierzehn Wörter:

Alles Schöne in meinem Leben hatte mit dir zu tun. Du fehlst mir, Elsie.

Am 29. Mai 1974 schreibt er:

Ich habe immer noch deine weißen Handschuhe. Ich bringe es nicht übers Herz, sie wegzuwerfen.

Und im Oktober desselben Jahres:

Ich werde auf dich warten, Elsie.

Dann wieder am 8. Februar 1975:

Weißt du noch, wie du mich zum ersten Mal geküsst hast? Auf dem Pier, während deine Mutter in der Kirche war? Da wusste ich, dass ich nie eine andere lieben würde.

Und im letzten Umschlag, aus dem Jahr 1981, seine letzten Worte an Elsie:

Selbst wenn du nie wieder ein Wort mit mir wechselst, werde ich glücklich sterben in der Erinnerung an jenen Kuss.

Ich hoffe, dass er glücklich gestorben ist, dass er an sie gedacht hat, an den wundervollen Moment, als ihre Lippen sich berührten.

Ich frage mich, woran ich wohl denken werde, wenn ich einmal gehe.

Das Mädchen mit dem pinkfarbenen Haar

Ich hole meine Post aus dem Briefkasten. Das mache ich nicht oft, weil ich den kleinen Schlüssel immer wieder verliere. Aber jetzt ist es wieder so weit, und siehe da: Zwischen den Kontoauszügen und Wahlunterlagen findet sich eine Wurfsendung für Thitima aus der Nummer 515. Man bietet ihr einen Rabatt von 20 Prozent auf die nächste Pizza an, die sie bestellt, allerdings gilt das nur für eine Pizza Medium ohne extra Belag, und das nur an einem Dienstag im Mai zwischen halb vier und vier Uhr. Als ich den Prospekt gerade in Thitimas Briefkasten werfen will, wird mir klar, dass sich hier eine Gelegenheit für einen Streich bietet, die einfach zu gut ist, um sie mir entgehen zu lassen.

Es kommt nämlich nicht selten vor, dass ich zusammen mit einigen der jungen Leute aus dem Haus im Aufzug fahre, und mir ist nicht entgangen, wie Daniel aus der Nummer 518 Thitima anschaut. Wie er die Luft anhält, sobald sie einsteigt, so als könnte ihm andernfalls eine Liebeserklärung herausrutschen. Vor ein paar Monaten hat er mir erzählt, dass er Heimweh hat. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich für die jungen Leute so etwas wie ein Großvater bin. Vielleicht denken sie ja, ich wohne im Aufzug. Auf jeden Fall vertrauen sie mir alles Mögliche an. Ich weiß also, dass Daniel im dritten Jahr seines Postdoc-Studiums Ingenieurwesen ist und dass Thitima seit vier Jahren an ihrer Doktorarbeit in Englisch schreibt, und zwar ohne Stipendium.

Und seit Thitima mir die amüsante Serie Gilmore Girls empfohlen hat, weiß ich, dass ich ihr vertrauen kann. Und daraus, dass sie sich täglich eine der alten Folgen ansieht, schließe ich, dass sie einsam ist.

Der Prospekt glänzt in meiner Hand, und die Pizza mit einer dicken Schicht geschmolzenem Käse darauf sieht sehr appetitlich aus. Los, Eddie, sagt mir der Prospekt. Trau dich. Vielleicht können die beiden sich ja ein Stück Pizza teilen.

Den ganzen Vormittag über lächle ich vor mich hin, während ich mir vorstelle, wie Daniel vor Thitimas Tür steht, sich immer wieder über die Haare streicht und hofft und fürchtet, dass sie aufmacht … Wie sie strahlt, als sie sieht, dass er es ist, der geklopft hat. Und dafür hat es nicht mehr gebraucht als einen im falschen Briefkasten gelandeten Pizzagutschein und einen Streich von einem alten Aufzugskobold.

»Keine Meerschweinchen«, sagt Marjie zu mir und zeigt mit dem Finger auf mich. Dann schlüpft sie in ihre Strickjacke und lässt mich allein im Laden, während sie sich auf die Suche nach einem Mittagessen macht, das schmackhafter ist als das Sandwich mit Käse und Marmite, das sie von zu Hause mitgebracht hat. »Iih, Brot!«, hat sie ausgerufen, als sie das Sandwich in den Müll geworfen hat. »Nichts macht mir so bewusst, dass ich allein bin, wie die Tatsache, dass ich es nicht schaffe, ein Paket Toastbrot aufzuessen, ehe es anfängt zu schimmeln. Als meine Söhne noch bei mir gewohnt haben, war so ein Brot an einem Tag weg. Die haben gefressen wie neunköpfige Raupen.«

»Mögen Raupen Brot?«, habe ich sie gefragt, aber darauf wusste sie keine Antwort.

Vermutlich geht Marjie zu McDonald’s. Sie mag McDonald’s, was ihr aber aus irgendeinem Grund peinlich ist. Sie wirft die Verpackung unterwegs weg und tut so, als hätte sie ihr Essen bei Greggs gekauft. Ich wette, sie bestellt sich bei McDonald’s irgendwas mit viel Rindfleisch, einen Hamburger mit zwei Scheiben Hack, der vor fetter Soße nur so trieft. (Ich war noch nie bei McDonald’s, aber so stelle ich mir das Essen da vor.)

Kaum ist Marjie weg, kommt ein Mann herein, sieht sich die Hüte an, setzt einen auf, betrachtet sich in den Spiegeln, die an einer Wand zum Verkauf hängen, macht ein Foto von sich mit Hut, legt ihn ins Regal zurück und geht wieder.

Und dann passiert so lange nichts, dass ich anfange, in Marjories Zeitschrift Good Housekeeping zu blättern, bis ich zu den Seiten komme, auf denen die neueste fesche Frühlingsmode vorgestellt wird. Ich entdecke einen Pullover der Marke Dorothy Perkins, der mir gut stehen könnte. Er ist blassblau, sieht kuschelig weich aus und kostet stolze 59 Pfund. Der würde meine Augenfarbe bestimmt schön zur Geltung bringen.

Ich bemerke sie erst, als ich sie schniefen höre. Ich lasse die Zeitschrift sinken und sehe eine junge Frau ganz in Schwarz mit Haaren pink wie Zuckerwatte, die einen riesigen Karton vor sich hält.

»Kommen Sie, ich helfe Ihnen.« Ich lege die Zeitschrift weg, schiebe meine Tasse kalten Tee zur Seite und helfe ihr, den Karton auf den Tresen zu hieven. Er ist so groß, dass sie dahinter verschwindet.

»Die Sachen möchte ich spenden«, höre ich sie hinter dem Karton sagen. Ihre Stimme klingt weicher, als ich erwartet hätte.

»Vielen Dank für Ihre Spende.« Ich hole eine Spendenkarte aus dem Fach unter der Kasse. »Darf ich um den Namen des Spenders bitten?«

»Äh, also, es ist … im Namen von. Schreiben Sie einfach ›Jake‹ hin.« Ihr versagt die Stimme, als sie den Namen ausspricht.

Ich schreibe »Jake« auf die Spendenkarte.

»Und was ist in dem Karton?«, frage ich. »Es reicht, wenn Sie mir einen Oberbegriff nennen, wie Spielsachen, Schuhe, Geschirr oder so.«

»Es ist, äh, also, es ist hauptsächlich Kleidung«, sagt sie und hebt die Stimme am Ende, so dass es wie eine Frage klingt.

»Frauenkleidung?«

»Nein, äh … Männerkleidung.«

Ich beuge mich um den Karton herum und schaue die junge Frau an.

Ihre Augen sind gerötet, aber sie weint nicht.

Sie wirkt klein.

Und verängstigt.

Und unfassbar traurig.

»Geht es Ihnen gut?«, frage ich.

Sie nickt, obwohl es ihr offensichtlich nicht gut geht. »Er … er braucht die Sachen jetzt nicht mehr, deswegen …«

Ohne nachzudenken, gehe ich um den Tresen herum und breite die Arme aus. Einen Moment lang bereue ich es und fürchte, sie könnte mich für einen Wüstling halten, doch dann lässt sie sich von mir umarmen.

Ich biete ihr Tee an. Ich biete ihr Oxo an.

Aber sie bleibt nicht.

Der Karton

Manche kommen zurück.

Haben Sie den Pink Panther-Pullover schon verkauft? Meine Mutter hat ihn für mich gestrickt.

Ist die goldene Uhr schon weg? Ich konnte sie nie ausstehen, aber sie hat mich immer an meinen Großvater erinnert.

Ich habe neulich einen Smaragdring gespendet. Ist der noch da?

Hin und wieder befinden sich diese Sachen auf dem Eddie-Regal, dann verspreche ich den Leuten, dass wir nach Feierabend im Hinterzimmer nachsehen werden. Später laufe ich schnell nach Hause, hole den Gegenstand zurück und sage den Leuten, ich hätte ihn in unserem nicht vorhandenen Lager gefunden. Manche sind so erleichtert, dass sie zum Dank eine große Geldsumme spenden. Wenn der Gegenstand schon verkauft oder entsorgt wurde, bin ich meistens um Worte verlegen. Dann biete ich den Leuten eine Tasse Tee an. Aber die wenigsten wollen eine haben.

Das Mädchen mit den pinkfarbenen Haaren ist nicht geblieben, und ich habe ein ganz ungutes Gefühl, als ich den schweren Karton mit ihrer Spende ins Hinterzimmer trage.

Zwischen sorgfältig gefalteten T-Shirts mit Skateboard-Marken-Aufdruck finde ich ein Notizheft. Es ist gefüllt mit Zeichnungen, die das Mädchen mit den pinkfarbenen Haaren darstellen, im Profil, lachend, schlafend. Alle schnell hingeworfen und alle mit schwarzem Kugelschreiber angefertigt, und sie wirken sehr lebendig. Außerdem enthält das Heft Gedichte und Songtexte, aber ich lese sie nicht, ich blättre einfach weiter und freue mich an dem Knistern der vollgekritzelten Seiten.

Als ich das Notizheft zuklappe, fallen ein paar Hochglanzfotos heraus.

Alles an dem Mädchen mit den pinkfarbenen Haaren ändert sich mit jedem Foto. Ihre Haarfarbe, die Art, wie sie geschminkt ist, ihre Kleidung. Nur der junge Mann neben ihr sieht auf jedem Foto gleich aus – groß, schlank, dunkelhaarig, in Jeans und T-Shirt und weißen Converse-Schuhen, die offenbar mit einem Stift beschrieben sind. Es sieht aus, als hätte er die Schuhe nie ausgezogen.

Aber ich finde sie ganz unten in dem Karton, so abgetragen, dass man die Form seiner Füße erahnen kann, und über und über mit Liebe bedeckt.

Und jetzt werden sie nicht mehr gebraucht.

Auf dem rechten Schuh entdecke ich eine Zeichnung von den beiden, die ziemlich gut ist, wenn man bedenkt, dass sie sich auf einem Schuh befindet. »I love you« windet sich um die Schnürsenkellöcher, daneben ein Datum: 12. 12. 18. Und hinten auf den Kappen der Schuhe steht, mehrmals überschrieben: »Bella und Jake für immer«.

Ich werde die Schuhe aufbewahren, bis sie so weit ist, dass sie sie wieder abholen kann.

Nacht

Mr McGlew flüstert und hält mich wach.

Ich werde glücklich sterben in Erinnerung an jenen Kuss, flüstert er vom Regal aus seine selbstformulierte Grabinschrift.

Jenen Kuss, jenen Kuss, jenen Kuss.

Er ruht nicht wirklich in Frieden, wie er es eigentlich tun sollte.

Ich denke über jenen Kuss nach. Auf einem Pier, hat er in seinem Brief geschrieben. Seine und Elsies Haare vom kalten Wind zerzaust, während sie sich näherkamen als je zuvor. Ihre feinen Sonntagshandschuhe, als er ihre Hand nahm. Was haben sie wohl zueinander gesagt, als klar wurde, dass sie sich gleich küssen würden? Vielleicht war es sein erster Kuss überhaupt, und er war ein nervöser Teenager, der seine verschwitzten Hände auf ihren Rücken legte und keine Ahnung hatte, ob er alles richtig machte. Vielleicht war es für beide der schönste Kuss ihres Lebens, und als sie sich voneinander lösten, waren sie nicht mehr dieselben.

Ich drehe mich um und ziehe mir die Bettdecke über die Ohren, um ihn nicht mehr zu hören.

Ich werde auf dich warten, Elsie, flüstert er. Ich werde auf dich warten.

Was ist mit William und Elsie passiert, dass sie nicht wieder zusammengefunden haben, und warum hat er es nicht fertiggebracht, seine Worte in das grinsende Maul eines Briefkastens zu werfen?

Ich schlage die warme Decke zurück, gehe barfuß ins Wohnzimmer und schalte die Lampe ein. Es ist viel zu spät und zugleich viel zu früh für das Große Licht.

Puschkin schläft mit vor dem Kopf ausgestreckten Pfoten, sein flauschiges Fell hebt und senkt sich in kurzen Abständen. Er hatte bestimmt noch nie Liebeskummer, ihm wurde bestimmt noch nie das kleine Herz gebrochen. Seiner Menschenverachtung nach zu urteilen, ist nicht damit zu rechnen, dass ihm die zwei Jungen fehlen, die ihn Spiderman getauft haben. Er ist weder ein Menschenfreund noch ein Schweinefreund. Wie schön muss es sein, kein Problem mit dem Alleinsein zu haben.

Ich nehme Mr McGlews Briefe aus dem Eddie-Regal und breite sie auf dem Esstisch aus. Was würde er wohl dazu sagen, dass ein Fremder die Worte liest, die nur für Elsie bestimmt waren? All die Jahre, nachdem er sie geschrieben hat. Was auch immer er dazu sagen würde, Mr McGlew ist für immer verstummt.

Ich öffne den ersten Umschlag und lese seine Worte noch einmal. Dann öffne ich den zweiten und dann den dritten Umschlag. Aber diesmal merke ich, dass der letzte noch etwas anderes enthält. Es ist ein Streifen Papier, nicht breiter als ein Kassenzettel, und mit Bleistift hat er darauf geschrieben:

irgendwo da draußen

wächst ein Baum

es ist der Baum

der einmal dein Sarg sein wird.

hoffe, dass er klein ist

ein schössling

aber inzwischen ist er

vielleicht schon groß

reckt seine äste

wie arme gen himmel.

wenn ich wüsste, wo er steht,

würde ich ihn fällen.

ich würde immer und

immer wieder mit meiner axt

in den wald gehen

und ihn fällen unermüdlich

damit du ewig lebst.

Als ich die Worte zum wiederholten Mal gelesen habe, ist es vier Uhr, und draußen dämmert es. Ein neuer Tag kündigt sich an. Ich werde nicht mehr schlafen. Mit großer Sorgfalt, wie der Kurator, für den ich mich gern halte, übergebe ich die Briefe der liebevollen Umarmung der Umschläge und lege sie zurück in mein Regal.

Er hat sie wirklich geliebt.

Ich sitze da und lausche dem Ticken der Uhr.

Ach, wie sehr er sie geliebt hat.

Und sie hat es verdient, das zu erfahren.

Ich hole mein Spiralheft und versuche, ein paar Seiten herauszureißen. Aber ich zerreiße sie nur. Ich versuche es noch einmal, behutsamer, und diesmal gelingt es mir. Ich hole mir einen Stift.

Ich versuche mir Elsie vorzustellen, eine Frau, die inzwischen sicher Mitte siebzig ist. Damals war sie schön. Sie ist immer noch schön, nur verblasst: ihr Haar dünn und weiß, das Blau ihrer Augen verwässert. Sie ist alt. Genau wie ich. Genau so alt, wie jeder irgendwann wird, wenn er Glück hat. Ich stelle sie mir in einem verschossenen rosafarbenen Ohrensessel vor, mit akkurater Dauerwelle. Ihr Blick ruht auf mir. Sie hat den Kopf leicht zur Seite gelegt und hört mir zu.

Elsie,

ich bin ein Pirat

ein Dieb

ein Krebs, der den Meeresboden nach Abfall absucht, den er sich auf den Panzer stecken kann

aber was ich sammle, ist kein Abfall, sondern kostbar,

nur leider ist der Gegenstand nur kostbar, solange die Person, die ihn wertschätzt, lebt.

Wissen Sie, Elsie, ich habe etwas gefunden, das Ihnen gehört. Das für Sie bestimmt ist, oder war.

Vielleicht möchten Sie es haben?

Es handelt sich um fünf Briefe, die ein Mr William McGlew geschrieben, aber nie abgeschickt hat.

Die Briefe wurden dem Trödelladen gespendet, in dem ich arbeite, weil Mr McGlew (und ich hoffe sehr, dass ich nicht der Erste bin, der Ihnen die traurige Nachricht überbringt) leider von uns gegangen ist.

Bitte schreiben Sie mir an die untenstehende Adresse, dann werde ich seine Worte mit Freuden der eigentlichen Empfängerin zukommen lassen.

Hochachtungsvoll,

Eddie Winston, Spendenbeauftragter

The Heart Trust Charity Shop, 24 Corporation Street, Birmingham.

Ich schreibe ihre Adresse von einem der Briefe ab. Und werfe meinen Brief in den gierigen Schlund eines Briefkastens Ihrer Majestät. Mit einem leisen Rascheln landet er auf all den anderen Worten, die auf dem Weg zu ihren Empfängern sind.

Hoffentlich ist es nicht zu spät.

Schuhe

Ich räume Schuhe von Toten in ein Regal.

Wie seltsam, dass der Lebensweg der Männer, die diese Schuhe einmal getragen haben, zu mir geführt hat. Irgendwann in ihrer Kindheit oder Jugend hat das Schicksal entschieden, dass wir uns begegnen sollten. Unsere Lebenswege sollten sich genau hier kreuzen, hier in diesem Laden, wo ich auf einem Kissen vor dem Regal mit den Herrenschuhen knie und ihre braunen Straßenschuhe und abgetragenen Sportschuhe sortiere in der Hoffnung, dass diese Schuhe, die ihren toten Füßen nichts mehr nützen, lebenden Füßen gute Dienste tun können.

Jakes Schuhe sind natürlich nicht hier. Die stehen im Eddie-Regal, in einem Schuhkarton, damit sie nicht verstauben. Neben dem Karton mit Mr McGlews Liebesbriefen und seinem Gedicht, das mir nicht aus dem Kopf gehen will.

Marjie kommt durch den klimpernden Perlenvorhang und knuspert Schweinekrusten.

Sie hält mir die Tüte hin, aber ich schüttle den Kopf.

»Könntest du die orangefarbenen Tüten ins Fenster stellen?«, fragt sie mit vollem Mund.

»Klar, mach ich.« Ich stehe auf, und mein Knie knackt.

Das Schaufenster bringt uns immer wieder zur Verzweiflung. Wir haben keine Ahnung, womit wir junge, hippe Menschen in den Laden locken können. Deswegen wählt Marjorie jeweils eine Farbe aus, an der wir uns dann orientieren. Diese Woche trägt die Schaufensterpuppe lauter Sachen in unterschiedlichen Orangetönen. Es sieht nicht schlecht aus. Aber auch nicht gut. Während ich ein paar orangefarbene Tüten staple, um sie neben unserer armen neonfarbenen Schaufensterpuppe im Fenster zu platzieren, schaltet Marjorie das Radio ein, das in dem Sack mit den Spenden von Mr McGlew war, und es ertönt lateinamerikanische Tanzmusik, und auf einmal ist es, als hätten wir unsere eigene Salsa-Truppe hier im Laden.

»Ooh«, jauchzt Marjie, fängt an zu hüpfen und steckt sich noch eine Speckkruste in den Mund. Ich mache es ihr nach und tue so, als könnte ich Salsa tanzen. Taka taka taka geht es in Richtung Schaufenster, und Marjie dreht sich, dass ihr violetter Hippie-Rock nur so schwingt. Sie legt die Tüte mit den Speckkrusten weg und streckt mir ihre Hände entgegen. Ich wirble sie im Rhythmus der Trommeln und Rasseln herum. Die Energie der Musik nimmt zu, Marjie dreht sich glücklich, und dann, mittendrin, bricht die Musik abrupt ab. Im selben Augenblick entdecke ich ein Gesicht in der Ladentür. Das Mädchen mit den pinkfarbenen Haaren hat uns beim Tanzen zugesehen und macht ein Gesicht, das ich nicht richtig deuten kann. Ich habe die ganze Zeit über Schuhe und das Schicksal nachgedacht, und auf einmal steht sie da.

Als sich unsere Blicke begegnen, dreht sich das Mädchen mit den pinkfarbenen Haaren um und läuft die Coronation Street hinunter.

Marjie, immer noch von der Musik beschwingt, verschwindet hinterm Tresen und macht sich wieder über ihre Speckkrusten her. Ich weiß nicht, ob sie das Mädchen mit den pinkfarbenen Haaren gesehen hat, jedenfalls sagt sie nichts dazu.

»Ich geh mal kurz raus«, sage ich zu Marjie und setze meinen Hut auf. Ich gehe nie mal kurz raus. Normalerweise warte ich, bis Marjie mir sagt, wann ich Pause machen kann. Wie es sich für einen guten Angestellten gehört.

»Mittagessen?«, fragt sie.

»Äh, ja. Mittagessen«, sage ich beim Hinausgehen.

Ich komme zu der Ecke, wo die New Street die Coronation Street kreuzt, überall um mich herum wimmelt es von Menschen, ich schaue nach rechts und nach links in der Hoffnung, irgendetwas Pinkfarbenes zu erhaschen. Erst als das schrille Bimmeln einer Straßenbahn mich zusammenfahren lässt, merke ich, dass ich auf der Straße stehe. Ich trete auf den Bürgersteig, und während die Straßenbahn vorbeigleitet, frage ich ein paar Passanten, ob sie eine junge Frau mit pinkfarbenem Haar gesehen haben, aber sie sehen mich nur schräg an und gehen weiter. Obwohl ich einen Hut aufhabe, blendet mich die Sonne. Ich schirme meine Augen mit einer Hand ab. Sie könnte die New Street hinuntergelaufen sein, womöglich ist sie schon auf dem Bahnsteig und steigt gleich in einen Zug. Vielleicht ist sie aber auch die Needless Alley hochgelaufen, in Richtung Dom und Pigeon Park und weiter ins Jewellery Quarter. Sie kann Gott weiß wo sein, aber ich muss es ihr sagen! Wo auch immer sie ist, ich muss ihr sagen, dass ich Jakes Sachen gerettet habe – sein zerknittertes Notizheft, die Fotos und seine weißen, von Liebe bedeckten Schuhe.

Aber sie ist verschwunden.

Eine Besucherin

Ich sitze auf dem Bodenkissen und ordne die Bücher im Bücherregal. Gestern haben wir zweiundfünfzig Bücher bekommen, lauter Nackenbeißer, posthum gespendet von einer Mrs Hill. Während ich die guten Stücke einsortiere, frage ich mich, ob es Mrs Hill vielleicht peinlich war, sie im Haus zu haben – ob ihre Angehörigen sie womöglich unter ihrem Bett gefunden haben. Oder ob sie in einem schönen Bücherschrank gestanden haben, wo alle, die zu Besuch kamen, die vollbusigen Gräfinnen und stattlichen Herzöge auf den Titeln sehen konnten, während sie ihre Tomatensuppe löffelten.

Nach getaner Arbeit klopfe ich mir den Staub von den Händen und überlege, wie ich es am besten anstelle, meinen steifen Körper vom Boden in eine aufrechte Haltung auseinanderzufalten.

Als ich es fast geschafft habe und mich an der Fensterbank abstütze, sehe ich sie draußen vor dem Laden. Sie beäugt ein Stück abblätternde Farbe. Sie hebt den Kopf. Kluge Augen. Unsere Blicke begegnen sich. Ein fast unmerkliches Zwinkern.

»Hallo«, flüstere ich. »Heute bist du also eine Amsel?«

Krähe

19. Mai 1954

Bridie Brennan ist neunzehn Jahre alt und steht auf den Stufen einer Kirche, die dem Heiligen Expedit geweiht ist, dem Schutzheiligen der Säumigen.

Der Heilige Expedit ist gekleidet wie ein römischer Soldat, mit eisernem Brustschild und Faltenrock. Um die Schultern trägt er einen roten Umhang, in der Hand hält er einen Palmwedel, und seinen Kopf ziert ein goldener Heiligenschein. Unter seinem Fuß ist eine Krähe zu sehen, denn der Legende nach ist der Teufel ihm in Gestalt einer Krähe erschienen, um ihn zu überreden, seine Bekehrung zum Christentum um einen Tag zu verschieben. Aber er hat sich geweigert und die Krähe zertreten. Und was hat es ihm gebracht? Er wurde ermordet.

In ihrem toten Schnabel hält die Krähe eine Flagge mit der Aufschrift »cras«. Wenn Bridie Latein könnte, was leider nicht der Fall ist, würde sie wissen, dass »cras« morgen bedeutet. Aber ihr gefällt die trotzige Geste der Krähe, sie stellt sich vor, dass sie »Du kannst mich mal« auf ihre Fahne geschrieben hat, weil Expedit sie totgetreten hat.

Bridie hat ein Brautkleid an. Was unter den gegebenen Umständen durchaus passend ist. Sie trägt ein bodenlanges cremefarbenes Satinkleid, das an den Hüften spannt. In der linken Hand hält sie einen Strauß verwelkte cremefarbene Rosen, in der rechten ein mit blauem Band umflochtenes Hufeisen als Glücksbringer. Beide Oberschenkel ziert ein blaues Strumpfband, das das Fleisch einschnürt. Der kurze Brautschleier ihrer Mutter mit einem gelben Fleck in der weißen Spitze, den sie nicht herausbekommen hat, umrahmt ihr zerzaustes braunes Haar, und ihre Füße stecken in hochhackigen Schuhen, die ihre Zehen zusammenquetschen. Sie kommt sich ziemlich absurd vor, wie sie in diesem Aufzug dasteht und darauf wartet, dass ein gemalter Heiliger ihr ein Zeichen sendet.

Bridie betrachtet das schön gemalte Bild des Heiligen Expedit, dessen Haare in einem Wind wehen, von dem nur der Maler etwas gewusst hat. Der Heilige Expedit erwidert Bridies Blick nicht. Er reckt sein Kreuz in die Höhe und starrt ins Leere.

Auf der Straße, die hinter dem schmiedeeisernen Zaun verlaufen würde, hätte man nicht während des Kriegs aus dem Zaun Krankentragen gebaut, fährt ein roter Bus vorbei. Wenn sie mit dem Bus nach Acton fahren würde, könnte sie sich einen Platz auf dem offenen Oberdeck suchen und den unteren Teil ihres Kleids abreißen, dann würde es nur noch bis zu den Knien reichen und nicht so auffallen. Dann könnte sie zum St-Michaels-Friedhof gehen und ihren Strauß auf dem Grab ihrer Mutter ablegen. Es wäre schön für Bridie, wenn sie so tun könnte, als hätte ihre Mutter gewusst, was zu tun ist. Wenn sie gewusst hätte, welchen Rat sie ihrer Tochter hätte geben sollen – in die Kirche zu gehen oder wegzulaufen. Aber Bridies Mutter hätte genauso wenig wie ihre Tochter gewusst, was sie von Alistair halten sollte, diesem gutaussehenden, intelligenten Mann, der sich erstaunlicherweise für ihre schwerfällige Tochter interessiert. Nicht dass Bridies Mutter gesagt hätte, sie sei schwerfällig; sie hätte ihr gesagt, sie sei schön. Aber Bridie fürchtet, dass sie wirklich schwerfällig ist, selbst in ihrem schönsten Kleid, selbst an ihrem besten Tag.

Wenn du weglaufen wolltest, wärst du längst weg. Der Gedanke taucht auf wie von außerhalb.

Aber wenn sie hineinwollte, wäre sie dann nicht schon drinnen?

Drinnen. Alle warten auf sie. Die Organistin hat schon fast alle Kirchenlieder durch, jetzt spielt sie noch einmal das Magnificat. Bridies Lieblingslied. Sie hat die Organistin überredet, es zu spielen, und jetzt muss die arme Frau es sogar wiederholen.

In einiger Entfernung schrillt eine Fahrradklingel. Konzentrier dich, Bridie. Du hast gesagt, du würdest ihn heiraten. Alistair Bennett. Groß, gutaussehend, charmant. Vom Wehrdienst befreit, weil einer seiner Füße deformiert ist. Von gesellschaftlichen Regeln befreit, weil er so ein schönes Gesicht hat. Von ihren Fragen befreit, weil er so intelligent ist. Er will keinen Ehering tragen, wenn sie heiraten. Falls sie heiraten. Aber ist es nicht ein Geschenk, erwählt zu werden?

Schließlich war es bestenfalls unwahrscheinlich, schlimmstenfalls unfassbar, dass Alistair Bennett sich für Bridie Brennan interessieren würde. Weswegen sie es auch selbst nicht glauben konnte, als er anfing, mit ihr zu flirten, während sie seine Bestellungen annahm, das Bier für ihn zapfte, die Schale auf dem Tisch, an dem er mit seinen lärmenden Freunden von der Uni saß, mit Chips nachfüllte. Alistair ging die Brautsuche an, wie andere die Suche nach einer Haushaltshilfe angehen, klopfte gewissenhaft ab, wie groß ihre Bereitschaft war, sich seinen Bedürfnissen anzupassen. Würde es ihr etwas ausmachen, nach Birmingham zu ziehen, falls er seine erste Dozentenstelle dort bekäme?, fragte er sie einmal bei einem Bier, und als ihre Antwort Nein lautete, hatte sie den Eindruck, dass ihm das gefiel. Ob sie sich einen Hund wünsche, wollte er wissen. Nein. Kinder? Und als sie wieder mit Nein antwortete, hatte sie mit Ablehnung gerechnet, aber nur Erleichterung in Alistairs Augen gesehen. Als er im frostigen Gras des örtlichen Parks vor ihr niederkniete und ihr einen goldenen Ring darbot, begriff Birdie, dass sie die Prüfung bestanden hatte und für würdig befunden worden war. Sie würden nach Birmingham ziehen und sich weder einen Hund noch Kinder anschaffen.

Immer noch dröhnt das Magnificat aus der Kirche. Da der Heilige Expedit sich in Schweigen hüllt, wird sie wohl Gott um Rat bitten müssen. Sie schließt die Augen. O Herr, was soll ich tun? Eine leichte Brise lässt die Rosen in ihrer Hand erzittern.

Die Kirchentür öffnet sich, und einen Moment lang hält Bridie es für einen Fingerzeig Gottes, der ihr rät, hineinzugehen, doch dann kommt Pastor Rawlings heraus. Er hat einen mächtigen Schnurrbart. Seine dunklen, buschigen Augenbrauen sind zu lang, und die Stoppeln an Wangen und Kinn lassen vermuten, dass er einen neuen Rasierapparat braucht. Sein schlechter Atem verrät den leidenschaftlichen Teetrinker. Er ist neu. Er kam, um die Beerdigung seines Vorgängers zu übernehmen, und ist geblieben.

»Bridget?«, fragt er. »Sind wir bereit für die Trauung?«

Wir?, denkt sie.

Es klingt wie ein absurder Heiratsantrag. Aber Pastor Rawlings ist glimpflich davongekommen, er hat Jesus geheiratet, der in alltäglichen Dingen bestimmt anspruchslos ist. Dem braucht er nichts zu kochen, dem braucht er nicht die Wäsche zu waschen, dem würde es nie einfallen, eine abfällige Bemerkung dazu zu machen, dass das Sonntagskleid an den Hüften spannt. Der sieht nicht zugleich gut und furchtbar aus, wenn er lacht. Der macht seine Freundin nicht lächerlich, indem er sie im Pub laut und vernehmlich Schweinchen nennt, obwohl sie ihn gebeten hat, das nicht zu tun. Der legt seiner Freundin nicht die Hand aufs Knie und macht alles wieder gut, indem er mit der Hand an ihrem Schenkel hochfährt, bis ihr der Atem stockt. Der verursacht seiner Freundin kein Kribbeln an Stellen, wo es sich für eine unverheiratete Frau nicht gehört. Andererseits verursacht Jesus Pastor Rawlings vielleicht doch manchmal ein Kribbeln, und vielleicht ist das ja sogar der Grund, warum er ihn geheiratet hat.

»Also«, sagt Pastor Rawlings, als sie nicht antwortet. »Wollen wir hineingehen?« Er sagt das in einem Ton, mit dem man ein Kind oder ein Zicklein dazu zu überreden versucht, etwas zu tun, wogegen es sich sträubt.

Ein trauriger Gedanke macht Bridie das Herz schwer.

Es ist zu spät.

Der Pastor winkt sie zu sich heran, und sein Mundgeruch, als er ihr die Haare hinter die Ohren streicht, dreht ihr den Magen um. »So«, sagt er. »Bildhübsch.«

Das stimmt überhaupt nicht, mit den Haaren hinter den Ohren sieht Bridie unmöglich aus. Jahre später wird sie alle Fotos wegwerfen, die von ihr gemacht wurden, bis ihre Haare wieder natürlich fielen.

»Er sieht sehr gut aus«, sagt Pastor Rawlings.