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Als die dreizehnjährige Edelweiß nach zehn Jahren den Verdacht hegt, dass ihre totgeglaubten Eltern noch leben und in Gefangenschaft geraten sind, macht sie sich auf, um diese zu finden. Die lange und beschwerliche Reise auf ihrem treuen Pferd über die Alpen birgt große Gefahren. Doch zum Glück wird sie von ihren beiden Freunden Anne und Alex begleitet. Auch andere Gefährten, von denen sie es am wenigsten erwartet hat, helfen ihr dabei, die gefährliche Suche zu bewältigen. Doch schafft sie es am Ende wirklich, ihre Eltern zu finden? Dieses Buch liest sich nicht nur atemberaubend schnell, auch die Spannung lässt den Leser nicht los, bis das überraschende Ende überwältigende Emotionen bei ihm zurücklässt.
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Seitenzahl: 344
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Für Josefine
Der blendend weiße Kies schürfte ihre Knie auf. Ihr Haar verfing sich in den Dornen der Brombeerhecken. Sie schrie. Aber er ließ sie nicht los, zog sie nur weiter hinter sich her, mit so schnellen Schritten, dass sie ihm kaum folgen konnte.
Endlich blieb er stehen. Ein anderer, den sie bis jetzt noch nie gesehen hatte, kam auf sie zu. Er hielt sie fest, während der andere vorsichtig ein hellgelbes Tuch auseinanderfaltete. Zum Vorschein kam ein Messer. Es war eines dieser Messer, die in jedem Haushalt verwendet wurden, mit hölzernem Griff und scharfer glatter Klinge, deren Oberfläche nun das Sonnenlicht reflektierte.
Sie wusste nicht, was nun kommen würde.
Wie auch? Sie war so jung.
Aber sie wusste, dass sie Angst hatte. Angst vor dem, was nun geschehen würde.
Der, der sie in den Wald gezerrt hatte, setzte die Klinge auf ihre Schulter.
Sie bemerkte, dass er zitterte. Sie spürte seinen Atem neben sich.
Sie schloss die Augen. Eine Wolke schob sich in diesem Augenblick vor die Sonne und ließ damit das Schattenspiel unter dem Blätterdach erlöschen.
Leise rollte ihr eine Träne über die Wange. Doch niemand bemerkte es.
In der Ferne stieß ein Adler einen Schrei aus, wie es Raubvögel oft tun, wenn sich Gefahr nähert.
Auf einmal ging alles ganz schnell. Er setzte ihr erneut die Klingenspitze auf die Schulter und zog sie am Schulterblatt entlang runter. Das eisige Metall jagte sofort einen stechenden Schmerz durch ihren Körper. Sie verlor die Kontrolle über ihre Muskeln und, hätte der andere sie nicht gehalten, wäre sie in sich zusammengesunken.
Sie hörte sich selbst schreien.
Sie wusste nicht, wie lange, doch als sie verstummte, gaben die Berge ihr schmerzhaftes Echo zurück.
Sie spürte, wie sie auf den ausgetrockneten Waldboden gelegt wurde. Aus ihrer Wunde rann heißes Blut. Ihr ganzer Körper pulsierte.
„Ist sie …“, setzte der Mann mit dem Messer an, „… ist sie tot?“
Der andere schien sich neben sie zu knien, jedenfalls knackte das Geäst.
Plötzlich hatte sie den Schock überwunden und ihr Körper versuchte zu verarbeiten, was geschehen war. Sie begann zu weinen. Salzige Tränen rannen über ihr immer noch vor Entsetzen bleiches Gesicht.
Die Männer unterhielten sich neben ihr mit gedämpften Stimmen. Sie hörte ihnen nicht zu, bis sich der, der sie so gefühlskalt verletzt hatte, zu ihr herunterbeugte.
„Ich hätte dich nie verletzt …“, flüsterte er eindringlich, „… Ich wollte dich nie verletzen …, sondern deinen Vater.“
Er richtete sich wieder auf. Er sagte noch etwas zu dem anderen und ging dann unbeirrt in die Richtung zurück, aus der er gekommen war, das Messer und das blutbefleckte Tuch noch in der Hand.
Es war ungewöhnlich still im Wald. Den Vögeln war es zu heiß, ihre fröhlichen Liedchen anzustimmen. Selbst der Adler schien sich wieder zurückgezogen zu haben.
Es war windstill. Die Luft stand unbewegt, eingedrückt von der Hitze der Sonne.
Der Fremde, der neben ihr kniete, presste ein Tuch auf ihre Wunde.
Als keine Tränen mehr kommen wollten, fühlte sich ihr Körper leer an. Sie wagte nicht, sich zu bewegen. Ihr Atem ging flach. Es kostete sie viel Kraft, nicht an den Schmerz zu denken, der in ihrer rechten Schulter tobte.
Der Mann neben ihr stand unerwartet auf.
„Ich werde gleich wieder da sein. Ich muss nur schnell zum Wachhäuschen vor. Du bleibst so da liegen, dass die Blutung nachlässt. Du bewegst dich keinen Zentimeter von der Stelle, verstanden!?“
Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er und ließ sie zurück. Obwohl in seiner Stimme auch ehrlich gemeintes Mitleid lag, entging ihr der befehlende Unterton nicht.
Nein! Sie würde nicht liegen bleiben und auf die warten, die soeben mit ihrem Leben gespielt hatten! Sie wird laufen, und die Angst und eine große Menge Mut werden sie tragen!
Sie rappelte sich schnell auf die Knie und zog sich an einen Baum gelehnt auf die Füße. Ihr war schwindelig. Der Schmerz versuchte wieder, die Oberhand über sie zu ergreifen.
Doch sie war noch ein Kind. Kinder ließen sich nicht von Schmerzen oder anderen Gefühlen einschränken. Sie arbeiten noch gewollt gegen das, was sie im Erwachsenenalter schon längst zum Aufgeben gezwungen hätte.
Vielleicht liegt das an ihrer eingeschränkten Denkmöglichkeit, vielleicht aber auch an der Fähigkeit, Dinge zu sehen, vor denen erwachsene Menschen schon längst die Augen verschlossen haben.
Sie zwang sich, die Augen zu schließen. Als sie sie kurz darauf wieder öffnete, war die Wolke weggezogen und die Sonne ließ ihre kitzelnden Strahlen auf ihr Gesicht fallen.
Sie begann zu laufen. In eine ihr unbekannte Richtung, aber weg von diesem Ort, weg von dieser Höhle. Sie lief und lief. Sie würde nie mehr wieder zurückkommen.
Plötzlich zwang ein Schrei, der das ganze Tal auszufüllen schien, sie zum Stehenbleiben. Sie war außer Atem. Sie erkannte die wehmütige Stimme, die ihren Namen rief, sofort wieder. Es war ihr Vater.
Zögernd schaute sie über die Schulter zurück.
Doch dann rannte sie weiter.
Und die Rufe ihres Vaters begleiteten sie.
„Emilia!“
Es war einer der ersten Sommertage in diesem Jahr. Auf den Berggipfeln glitzerte der Schnee des Winters, der bis vor Kurzem das Land beherrscht hatte. Dichte Nebelschwaden zogen durch die Täler und die ersten Strahlen der Morgensonne fielen auf die weiten Wiesen und dunklen Wälder, die die Berghänge säumten. Rabenstein, ein kleines Dorf, das verlassen zwischen den Bergen lag, sah an diesem Morgen wie ein Geisterdorf aus.
Es waren vermutlich die Schüsse der Jäger, die aus den Wäldern herunter ins Dorf drangen, die Edelweiß aus ihren wilden Träumen aufschrecken ließen. Sie strich sich ihre braunen Locken aus dem Gesicht. Ihr Atem ging schwer und der Schweiß rann ihr über die Stirn. Ein Blick auf die große Standuhr verriet ihr, dass es sieben Uhr war. Als sie gerade aus dem Bett steigen wollte, überkam sie ein Schwindel, der sie zwang, sich wieder hinzusetzen.
Edelweiß versuchte, sich zu erinnern, was sie geträumt hatte, wie aber so oft wusste sie es nicht mehr.
Vorsichtig stand sie auf, ging zu einem der zahlreichen Fenster, machte es auf und klappte die Fensterläden nach draußen. Sofort strömte die frische kalte Bergluft ins Zimmer und Edelweiß überlief ein unangenehmer Schauder. Trotzdem setzte sie sich auf das Fensterbrett und wartete den Morgen ab. Die Sonne kam hinter den Bergkämmen hervor und der Nebel löste sich allmählich auf. Langsam kam das Leben ins Dorf zurück: Die ersten Marktfrauen bauten ihre Stände auf, die Händler, die in der warmen Jahreszeit über die Berge von Dorf zu Dorf zogen, beluden ihre Wagen mit Ware, um in den nächsten Tagen loszureisen, ein paar Kinder jagten lachend einem Straßenhund hinterher, bis ihre Mütter schimpfend die Fenster öffneten und hinausriefen, sie sollten es bleiben lassen. Die ältesten Söhne der Bauern trieben die Schaf- und Ziegenherden durch die engen Straßen, um sie auf die Weiden zu bringen. Einige hatten einen längeren Marsch vor sich, da viele der Tiere während des Sommers auf den Almen untergebracht waren.
Edelweiß seufzte. Die Nacht war einfach nicht ihre Zeit, genauso wenig wie der Winter, wo so tief in den Bergen ja kaum ein schöner Tag war.
Edelweiß zog sich rasch um und verließ das Zimmer. Es hatte lange gedauert, bis sie sich in diesem Haus auskannte, und sie kannte immer noch nicht alle Treppen, Zimmer und Türmchen, die das Haus besaß. Früher war es die größte Burg im ganzen Salzkammergut gewesen, aber während des Krieges wurde ein Teil der Burg zerstört und nicht wiederaufgebaut. Seitdem wurde sie nicht mehr als Burg anerkannt. Für Edelweiß war es allerdings trotzdem noch eine.
Sie ging den Gang entlang bis zu einer schmalen Treppe. Es war eine sehr steile und abgetretene Treppe, deren Ende in dem düsteren Licht nur zu erahnen war. Vorsichtig stieg sie die Stufen hinab, öffnete an deren Ende eine knarzende Holztür und stand schon im Hauptteil des Hauses. Man erkannte sofort, dass dieser Teil des Hauses viel öfter genutzt wurde als der Nordflügel, in dem Edelweiß ihr Zimmer hatte. Die breiten Gänge waren mit großen eleganten Leuchtern ausgestattet und die Böden waren mit roten und magentafarbenen Teppichen ausgelegt. Die Wände waren mit Bildern und bestickten Wandteppichen geschmückt und die breite Marmortreppe hatte immer noch den cremefarbenen Glanz, als ob sie nicht mitbekommen hatte, dass seit ihrem Bau mehrere Hundert Jahre vergangen waren.
Als Edelweiß gerade die Treppe hinunterging, kam ihr von der anderen Seite ihre Tante entgegen, die ihre Zimmer im Westflügel hatte, der ebenso gepflegt wie das Haupthaus war. Edelweiß war allerdings noch nie dort gewesen, schon allein deshalb, weil sie ihrer Tante so oft wie nur möglich aus dem Weg ging.
„Guten Morgen!“, sagte diese knapp, und als Edelweiß den Gruß gut gelaunt erwiderte, sah sie sie nur mit ihrem ganz persönlichen Blick an, der eine Mischung aus Spott und Herablassung enthielt. Oft dachte Edelweiß, noch etwas deuten zu können, sie konnte aber nicht sagen, was es war …
Mit etwas Abstand folgte sie ihrer Tante zum Esszimmer und setzte sich ihr gegenüber an den schon gedeckten Tisch.
Nach einer halben Ewigkeit – Edelweiß dachte, sie würde heute gar nichts mehr reden – sagte ihre Tante mit ihrer rauen, dunklen Stimme: „Kind, ich weiß nicht, ob ich es dir schon gesagt habe, aber ich muss morgen dringend nach Salzburg fahren und werde dort drei Tage verbringen. Frag bitte nicht, warum und weshalb, ich habe nicht die Zeit, es zu erklären.“
Edelweiß nickte nur und ärgerte sich innerlich schon wieder über den Ausdruck ‚Kind‘. Sie wusste nicht, wie oft sie als kleines Mädchen schon gesagt hatte, dass sie sie Edelweiß nennen sollte. Sie konnte sich aber an keinen Tag erinnern, an dem ihre Tante es gesagt hatte.
„Bianca und Mathilda werden da sein“, fuhr ihre Tante fort und stand auf. „Es tut mir leid, aber ich muss noch einige Vorbereitungen treffen. Wir sehen uns zum Abendessen noch einmal, mittags wird Dr. Albrecht wegen meiner Rückenprobleme kommen.“ Und schon fiel die Tür hinter ihr ins Schloss.
‚Es tut mir leid‘: Edelweiß war diese Sprüche zwar schon gewohnt, aber trotzdem konnte ihre Tante doch einfach mal zur Wahrheit stehen. Es tat ihr garantiert nicht leid, dass sie sich mittags nicht sehen würden. Verdrossen ließ sie ihr Brot sinken und starrte aus dem Fenster. Mit einem Mal wurde ihr schlecht. Sie musste raus. Sofort! Sie stand auf und verließ den Raum. Edelweiß wusste, dass es ihr verboten war, sie rannte aber dennoch den Gang entlang zum Hauptportal, zog die schwere Tür auf und lief die überdachte Treppe hinunter in den Hof. Es war noch frisch, trotzdem hatte die Sonne schon eine enorme Kraft.
Edelweiß rannte um das Haus herum in den Hintergarten. Hier hatte sie ihre Ruhe. Genau wie der Nordflügel des Hauses wurde dieser Teil des Gartens nur von ihr benutzt. Sie ging den Hauptpfad ein Stück entlang und lief dann einfach querfeldein. Edelweiß kannte den Garten in- und auswendig und fand schon bald sein Ende und das Gartentor. Allerdings nutzte sie es nicht, denn es hatte ihr schon so manchen Ärger bereitet, da man sein Quietschen bis hinauf in die Gemächer ihrer Tante hörte. Edelweiß ging ein paar Schritte nach links, wo dem morschen Holzzaun drei Latten fehlten, und schlüpfte durch die kleine Öffnung.
Sie ließ sich ins weiche, noch taufeuchte Gras fallen, lehnte ihren Kopf gegen eine Eiche, von denen es hier mehr als genug gab, und genoss die Stille. Die Übelkeit ließ langsam nach und sie schaffte es, sich zu entspannen.
Es gab mehrere Möglichkeiten, was sie machen konnte, da ihre Tante sie erst zum Abendessen wieder erwartete. Entweder sie machte einen ausgiebigen Spaziergang, sie besuchte ihre Freunde Anne und Alex oder sie ging auf ihr Zimmer, hatte dort aber wieder keine Ahnung, was sie tun sollte.
Edelweiß überlegte kurz und beschloss dann, zu ihren Freunden zu gehen. So hatte sie auch gleich einen Spaziergang, da das Gestüt, auf dem Anne und Alex lebten, auf der anderen Seite des Dorfes lag.
Edelweiß ging im Schatten der Eichen den Zaun entlang und benutzte auch nicht die Kiesstraße, die das Dorf mit der etwas höher gelegenen Burg verband, sondern ging parallel zu der Straße im Wald, da sie nicht unbedingt gesehen werden wollte, wie sie die Burg verließ. Warum, wusste sie selbst nicht genau, aber es war ihr irgendwie peinlich.
Erst jetzt bemerkte sie, dass ihr Kleid vollkommen durchnässt war. Sie lief etwas schneller und erreichte schon bald das Dorf.
Jetzt war schon richtiges Treiben in den Straßen und Gässchen von Rabenstein.
Edelweiß beschloss, einen Abstecher zu Claus zu machen. Sie wusste nicht, warum und woher, es kam ihr aber so vor, als würde sie ihn schon ewig kennen. Er hatte sein Haus und seine Schmiede in einer Seitengasse, die Edelweiß früher oft nicht gefunden hatte.
Als sie dort ankam, war Claus gerade dabei, einem Pferd neue ‚Schuhe‘ zu verpassen, wie sie es scherzhaft nannte.
Sie wartete, bis das Pferd beschlagen war und sein Besitzer gezahlt hatte, und betrat dann die Schmiede.
„Hey!“, Claus lächelte sie an. Nachdem Edelweiß den Gruß erwidert hatte, fragte er: „Wie geht’s dir denn so … da oben?“ Er nickte mit dem Kinn in Richtung Burg und Edelweiß wurde über seinen spöttischen Tonfall sauer.
„Mir geht es gut … da oben, bis auf die paar Kleinigkeiten, dass ich da oben niemanden hab, der mich versteht, und du dich anscheinend auch gegen mich gewendet hast!“, Edelweiß’ Stimme klang feindseliger, als sie es eigentlich beabsichtigt hatte. Claus warf ihr einen Blick zu, der so viel hieß wie „Du führst dich gerade auf wie ein Kind, merkst du das überhaupt?“ und wendete sich wieder seiner Arbeit zu. In diesem Moment wurde ihr bewusst, was sie gesagt hatte. Claus hat sich vielleicht nicht gegen sie wenden wollen, er fand es wahrscheinlich nur genauso schlimm auf der Burg wie sie und wollte nicht sie mit seinem Spott treffen, sondern ihre Tante.
Edelweiß verließ die Schmiede, da sie nicht glaubte, dass Claus noch etwas sagen würde, und schlug den Weg Richtung Gestüt ein. Obwohl sie keinen Grund dafür fand, rollten ihr ein paar Tränen über die Wangen. Zornig wischte sie sie weg.
Der Weg zu ihren Freunden führte durch viele Gassen und Straßen, über den Marktplatz und wieder einige Wege entlang, bis sie plötzlich das Dorf hinter sich gelassen hatte und eine breite ungepflasterte Straße vor ihr lag, die sie entlangging. Nach mehreren Biegungen tauchte schließlich der Hof vor ihr auf.
Edelweiß atmete tief durch, und als sie das Gestüt durch das weit geöffnete, mit Rosenranken verzierte Tor betrat, kam ihr Leo, ein kniegroßer schwarzweiß-gescheckter Hund entgegengeschossen und sprang bellend an ihr hoch. Lachend streichelte Edelweiß den Hund. Nach einer Weile kam ein Mädchen auf den Hof, deren aschblonde Haare im Nacken zu einem straffen Zopf geflochten waren. Sie rief: „Leo, sei endlich still! … Edelweiß!“ Nach einer kurzen Begrüßung fragte Anne: „Seit wann darfst du vormittags die Burg verlassen?“
„Meine Tante muss einiges vorbereiten, weil sie morgen nach Salzburg reist und außerdem kommt so um die Mittagszeit Dr. Albrecht noch einmal zu ihr und so erwartet sie mich erst wieder abends!“
„Du hast Glück“, Anne zwinkerte Edelweiß zu, „Alex und ich müssen heute nur den Stall ausmisten und wir sind gleich fertig. Mama gönnt uns bestimmt einen freien Nachmittag!“
„Soll ich euch helfen?“
„Zu solchen Fragen sag ich nie Nein!“ Anne drückte ihrer Freundin eine Mistgabel in die Hand und beide liefen hinter zu den Ställen. Nachdem Edelweiß Alex begrüßt hatte, teilte Anne ihr zwei Boxen zum Reinigen zu.
Bevor sie sich bei Annes und Alex’ Mutter das Einverständnis für einen freien Nachmittag holten, misteten sie die Ställe fertig aus. Dann gingen sie in Annes Zimmer. Edelweiß liebte die schrägen Wände und die hölzernen Dachstreben, die den Zimmern eine gewisse Gemütlichkeit verliehen. Oft ermahnte sie sich selbst, dass sie sich eigentlich nicht beschweren dürfte, da es ihr an nichts fehlt, aber das Leben auf dem Gestüt konnte sie sich einfach viel besser vorstellen als das in der Rabenburg, wie das Zuhause ihrer Tante seit Jahrhunderten genannt wird.
„Und? Was wollen wir machen?“, fragte Edelweiß, durchströmt von einer plötzlichen Lebensenergie.
„Wie wäre es mit einem Ausritt? Du bist Venus schon seit Wochen nicht mehr geritten. Sie freut sich bestimmt.“
Edelweiß stimmte Anne zu und sie stiegen die Treppe hinunter, die in der Küche endete, verließen das Haus und machten die Pferde fertig. Als sie eine der vielen Wege einschlugen, die in die Berge führten, sagte Alex: „Wir müssen dir was zeigen. Wir haben gestern, als wir einen Ausritt in die Berge gemacht haben, ein altes Försterhaus entdeckt. Es sah aus, als wäre es schon seit Jahren verlassen …“
Alex hatte gehofft, Edelweiß würde noch einmal nachhaken, sodass es ihm leichter fiel, es zu erzählen, sie schaute ihn aber nur schweigend an. Wie schon so oft erinnerte Edelweiß ihn an eine Katze mit ihren olivgrünen Augen und den dicken braunen Locken, die ihr Gesicht einrahmten.
Er sog die frische Waldluft scharf zwischen den Zähnen ein und fuhr schließlich fort: „Als wir dann wieder daheim waren, haben wir unseren Vater nach dem Haus gefragt. Er wollte uns zuerst nichts sagen, das hat uns natürlich richtig neugierig gemacht. Und schließlich hat er es uns verraten: Das Haus in den Bergen hat deinen Eltern gehört.“
Edelweiß trafen die Worte wie ein Blitz. Ihr stiegen Tränen in die Augen. Sie fragte sich warum, denn irgendwo musste es ja sein, das Haus ihrer Eltern, wie Alex es ausgedrückt hatte. Sie verfluchte sich selbst. Sie hatte ihre Eltern nie gekannt, geschweige denn das Haus, in dem sie die ersten drei Jahre ihres Lebens verbracht hatte. Erst jetzt bemerkte sie, dass Alex und Anne sie von der Seite beobachteten.
„Unser Vater hat uns erzählt, dass die Sachen, die von ihrer Reise gefunden wurden, in das Haus gebracht wurden“, fuhr Alex fort.
Erst nach einer Weile wurden ihr Alex Worte bewusst: „Welche Reise?“
„Das haben wir Papa auch gefragt“, erwiderte Anne wie aus der Pistole geschossen, „aber er wollte nichts mehr dazu sagen.“
Edelweiß wendete den Kopf ab. Sie konnte keine Verbindung zwischen einer Reise und Tante Noras Worten sehen, die ihr verraten haben, dass ihre Eltern bei einem Segelunglück ums Leben gekommen sein sollen.
Schweigend ritten sie weiter. Edelweiß versuchte, sich den Rest des Weges einzuprägen: Zuerst ritten sie den breiten Waldweg entlang, den sie schon kannte, nach einer Weile lenkte Anne ihr Pferd nach rechts auf einen kleinen Pfad, der gerade noch so breit war, dass ein Pferd hindurchpasste. Er war sehr schlecht zu reiten, da der Pfad schon lange nicht mehr genutzt wurde. Die Baumstämme lagen kreuz und quer herum und der Farn, der noch vom Morgentau tropfte, ließ seine Fächer so weit auf den Weg hängen, dass man den Waldboden nur erahnen konnte.
Als sie eine große Lichtung erreichten, bot sich ihnen ein Anblick über Rabenstein, dessen Häuser nur handgroß unter ihnen lagen. Die Rabenburg thronte mächtig auf der gegenüberliegenden Seite in den Felsen und der Rabensteiner See lag mit taubenblauer Farbe und in der Sonne glitzernden Wellen hinter dem Dorf im Tal. Die Aussicht war so märchenhaft, dass Edelweiß für einen Augenblick die Augen wehtaten.
Als sie sich schließlich zu ihren Freunden umdrehte, bemerkte sie, dass diese in eine ganz andere Richtung schauten. Hangaufwärts, wo schräg gegenüber von ihnen das Försterhaus lag. Anne drehte sich zu ihr um und warf ihr einen vielsagenden Blick zu. Zögernd brachte Edelweiß ihr Pferd zum Gehen und, als hätte Venus bemerkt, dass Edelweiß Angst hatte, tänzelte sie nervös herum und ließ sich nur mit sanfter Gewalt den Hang hinaufreiten.
Das Haus sah wirklich verlassen aus, aber kein bisschen schlecht behandelt oder gar eingefallen. Es wirkte sogar sehr einladend mit seinem dunklen Holz und dem bemoosten, mit Steinen gesicherten Dach. Edelweiß schaute sich genauer um. Links neben dem Haus waren drei große Grasflächen abgezäunt, die früher wahrscheinlich als Weiden gedient hatten. Edelweiß versuchte sich zu erinnern, welche Tiere einmal darauf gestanden hatten, aber es war zu lange her. Rechts neben dem Haus begann der Wald. Davor stand ein Brunnen, der immer noch unermüdlich Wasser spie. An der Hütte lehnten ein Besen und eine Mistgabel, als wären die Besitzer des Hauses nur kurz im Dorf unterwegs. Hinter dem Haus stand ein Stall, dessen Tor leise im Wind knarzte.
Edelweiß schwang sich von Venus hinunter. Erst jetzt bemerkte sie, wie ihre Beine zitterten. Vorsichtig ging sie zu einem der Weidenzäune und band ihr Pferd dort an. Als sie mit ihren Freunden die Verandatreppe hinaufgestiegen war und die Haustür erreicht hatte, sah sie ein großes messingfarbenes Schloss. „Zugeschlossen!“, seufzte Anne und ließ sich auf eine Bank fallen, die unter einem der Fenster stand; sie waren ebenso wie die Tür verriegelt. „Na toll!“, schimpfte sie.
„Ich schau mal, ob ich einen Weg ins Haus finde, der am Scheibeneinschlagen und Türen aus den Angeln heben vorbeiführt“, Alex grinste.
„Untersteh dich!“, erwiderte Edelweiß empört, doch Alex war schon um die Ecke. Edelweiß setzte sich zu ihrer Freundin auf die Bank, nach einer Weile sagte sie mehr zu sich selbst als zu Anne: „Würden meine Eltern noch leben … dann würde ich hier wohnen, in einer schönen kleinen Hütte und nicht dort auf der Burg!“ Sie nickte in die Richtung, in der sie das Anwesen ihrer Tante vermutete. Da sie nicht wusste, was sie darauf erwidern sollte, nickte Anne nur.
Alex schaute um die Ecke: „Ich hab ihn!“
„Wen?“
„Na, den Weg ins Haus!“, Alex verdrehte die Augen und Edelweiß amüsierte sich wieder einmal über den Wortwechsel, den ihre Freunde führten. Sie folgten Alex rechts um das Haus herum. Alex kletterte entschlossen an einem Rosenbogen hinauf, der den Weg in den Garten kennzeichnete, und sprang mit einem Satz auf das Stalldach. Edelweiß folgte ihm, blieb aber mit ihrem Kleid an einem herausstehenden Nagel hängen. Da sie es nicht bemerkte, stieg sie weiter hinauf und zerriss sich mit einem Ruck das Kleid.
„Wie willst du das deiner Tante erklären?“, fragte Alex von oben.
„Darüber mach ich mir später Sorgen“, Edelweiß wollte nur noch in das Haus. Als Anne auch oben war, führte Alex sie zu einem Fenster, dessen Läden sich öffnen ließen.
„Du zuerst“, sagte er zu Edelweiß und stieß das Fenster nach innen auf. Ohne zu zögern, stieg sie hinein. Es war ein kleines Zimmer, in dem Edelweiß stand, mit schrägen Wänden und Dachstreben. Es sah fast so aus wie bei Anne, nur war alles viel kleiner und erschien wesentlich älter. An der gegenüberliegenden Wand stand ein Bett mit einem dunklen Vorleger, der schon sehr abgetreten aussah. Außerdem war noch eine schwarze Kiste im Raum, zu der sich Edelweiß hinunterbeugte.
„Wer hier wohl gewohnt hat? Derjenige darf auf jeden Fall keine Platzangst gehabt haben!“, Anne klopfte sich den Staub von ihrem Kleid.
„Ich habe hier gewohnt.“
„Was?“, Anne sah Edelweiß verblüfft an: „Woher …“, sie sprach den Satz nicht zu Ende, sondern ging zu ihrer Freundin und schaute in die Kiste, die Edelweiß geöffnet hatte. Ganz oben drauf lag eine Puppe, die ein apfelgrünes Kleid und zwei blonde geflochtene Zöpfchen trug, was trotz des spärlichen Lichtes gut zu erkennen war. Edelweiß nahm sie heraus und jetzt erblickte Anne auch den restlichen Inhalt der Truhe. Es lagen viele ordentlich zusammengelegte kleine Kleider darin. Sie hatten alle erdenklichen Farben, mit Spitze oder Knopfleisten bestickt oder ganz schlicht. Die meisten sahen handgenäht aus. Edelweiß legte die Puppe wieder zurück in die Truhe und klappte entschlossen den Deckel zu. Anne vermutete, Tränen auf ihren Wangen deuten zu können, war sich wegen des schwachen Lichtes aber nicht sicher. Alex hatte in der Zwischenzeit eine Luke im Boden gefunden, hinter der sich eine hölzerne Treppe verbarg. Edelweiß ging voran und wischte sich wütend die Tränen aus den Augen. Sie schämte sich dafür, dass ihr ihre Gefühle wie so oft aus dem Gesicht abgelesen werden konnten. Unten angekommen war vor Dunkelheit erst gar nichts zu erkennen. Als die drei sich langsam vorantasteten, stieß Anne plötzlich auf einen Vorhang, den sie aufzog. Gleich darauf fingen alle zu husten an, was dem aufgewirbelten Staub geschuldet war. Immer noch war alles dunkel. Alex betrat als Erster den Raum, den sie vor sich vermuteten. Edelweiß tastete sich an der Wand entlang. Auf einmal stieß sie sich den Kopf und stöhnte schmerzvoll auf. Als sie gerade danach tasten wollte, fiel Licht in das Zimmer. Alex hatte ein Fenster gefunden und dessen Läden geöffnet. Nachdem Edelweiß dem Regal aus Massivholz, das vor ihr an der Wand angebracht war und auch der Grund für ihren schmerzenden Kopf war, einen zornigen Blick zugeworfen hatte, half sie Alex beim Öffnen der restlichen Fenster. Als sie fertig waren, war das Zimmer lichtdurchflutet. Die Sonne ließ die Staubkörnchen in ihren Lichtstrahlen tanzen.
Edelweiß sah sich um. Links neben der Haustür lag eine altmodische Feuerstelle, über der ein großer Kessel hing. Ihr gegenüber war eine Art Theke, auf der allerlei Dosen gestapelt waren und Kräuter lagen. Auch von den an der Decke befestigten Haken hingen büschelweise Kräuter und Gräser, die Edelweiß zum Teil noch nie zuvor gesehen hatte. In der Mitte des Raumes stand ein runder Tisch, um den vier Stühle platziert waren. Alles sah so aus wie von einem erfahrenen Tischler hergestellt. Neben dem Regal, in dem auch Dosen standen, erhob sich ein großer Schrank, der durch sein stolzes Alter fast schwarz geworden war. Dennoch sah er sehr hübsch aus, was seinen mit kunstvollen Schnitzereien verzierten Türen und Schüben zu verdanken war. In einer weiteren Ecke erblickte Edelweiß ein Sofa, das mit verstaubten hellen Decken überzogen war. Jetzt erst schweifte Edelweiß Blick zu dem Raum, in dem Anne immer noch stand. Es musste eine Art Flur zu dem Zimmer und vermutlich auch zu dem ihrer Eltern sein, denn hinter ihrer Freundin erkannte Edelweiß eine schmale Tür. Als sie zu Anne hinüberlief, erblickte sie eine große Standuhr, die ihr zeigte, dass es inzwischen früher Nachmittag war.
Alex, der ihren Blick verfolgt hatte, meinte: „Wir müssen uns aufteilen, sonst kriegen wir das heute nicht mehr hin. Anne, du nimmst das Zimmer“, Alex deutete auf die Tür hinter seiner Schwester, „und wir“, er schaute Edelweiß eindringlich an, „schauen uns das an, was mein Vater als ‚Gepäck von der Reise‘ beschrieben hat.“
Erst als Alex in Richtung Haustür ging, fiel Edelweiß’ Blick auf zwei Kisten, die zwischen Haustür und Tisch standen. Sie ging zögernd zu Alex hinüber, der schon den Deckel der ersten Truhe öffnete. Sie schaute kurz zu Anne, die mit den Augen rollte und mit einem Ruck die knarzende Tür aufzog, die tatsächlich in das Zimmer ihrer Eltern führte. Edelweiß konnte schemenhaft die Umrisse eines Doppelbettes erkennen. Bevor sie allerdings mehr sah, hatte Anne die Tür schon hinter sich zugezogen.
Edelweiß kniete sich neben Alex.
„Was soll das bitte alles sein?“, Alex schaute verwirrt über die Sachen, die er schon auf dem Boden ausgebreitet hatte. Unmengen an Seilen, Karabinerhaken, zwei Helme und mengenweise Werkzeug breiteten sich auf dem hölzernen Boden aus. Eine Weile war es so still, dass Edelweiß draußen einen Specht klopfen hörte.
„Edelweiß“, Alex sah seine Freundin sanft an, „deine Eltern werden wohl kaum Karabinerhaken oder Helme auf einem Segelausflug gebraucht haben, oder?“
Benommen schüttelte Edelweiß den Kopf. Sie erkannte plötzlich auch keinen Zusammenhang mehr zwischen den Dingen, die hier vor ihnen lagen, und den Geschichten, die man sich im Dorf über den Tod ihrer Eltern erzählte.
„Vielleicht“, setzte Edelweiß an, „Vielleicht sind das gar nicht die Sachen meiner Eltern …“
Alex klappte den Deckel der Truhe wieder zu und fragte: „Wie hieß deine Mutter?“
Überrascht sah Edelweiß auf: „Julia. Wieso?“
Alex zeigte auf ein kleines Blechschild, das mit zwei Nägeln auf dem Deckel der Kiste befestigt war. Auf ihm stand in geschwungenen Buchstaben der Name ihrer Mutter.
„Und dein Vater hieß Rick, oder?“
Edelweiß nickte. Sie brauchte nicht nachzufragen, woher er das wusste. Ihr Blick schweifte zur zweiten Truhe, die ein ähnliches Schild trug, welches ihr die Antwort gab. Alex wollte gerade etwas sagen, da wurde die Tür aufgerissen und Anne stand im Zimmer: „Ihr glaubt nicht, was ich gerade gefunden hab! Ein verstecktes Zimmer! Ein …“
Sie folgten Anne, die ihren Satz unvollendet ließ, in den Raum. Jetzt konnte Edelweiß alles gut sehen, da ihre Freundin auch hier die Läden geöffnet hatte. Aber ehe sie sich groß umsehen konnten, fielen ihre Blicke auf die Holzleiter, die am linken Zimmerende an der Wand befestigt war. Ohne zu zögern, kletterte Edelweiß die Leiter hinauf. Ihre Freunde folgten ihr. Sie gelangten in eine Dachkammer, die wesentlich größer als Edelweiß’ Zimmer war. Man konnte trotz schräger Wände perfekt aufrecht stehen. Weit hinten stand ein wuchtiger Schreibtisch aus dunkelbraunem Holz. Überall stapelten sich Bücher und Hefte, teilweise bis zur Decke. Unter einer Dachschräge stand eine Art Sofa, allerdings ein wesentlich kleineres als das unten. An der anderen, der geraden Wand war ein Regal angebracht, das sich vom Boden bis zur Decke erstreckte und mit Büchern vollgestopft war. Anne bahnte sich einen Weg durch die Türme aus Heften, Zeitungen und Romanen zum Schreibtisch. Alex nahm kurzerhand ein Buch von einem der Stapel, setzte sich auf das Sofa und begann zu lesen. Auch Edelweiß vertiefte sich bald in ein Buch, sodass Annes Worte erst nach einiger Zeit in ihr Bewusstsein drangen, „… Hallo? Alex? Edelweiß? Seid ihr schon eingeschlafen oder was?“, Anne schüttelte den Kopf. „Schaut mal, ich glaub, ich habe so etwas wie Tagebücher gefunden …“, sie hielt ein beklebtes, mit Mustern verziertes Buch hoch, dessen Umschlag die Menge an Seiten nur mithilfe von drei Lederschnallen erfassen und zusammenhalten konnte. „Hört mal zu: 09. Dezember 1974. Gerade habe ich Edelweiß ins Bett gebracht. Rick war heute bei seiner Schwester und hat versucht, ihr zu erklären, dass wir für nächstes Frühjahr einen Auftrag bekommen haben. Wie vermutet, ist sie ausgerastet … Aber was sollen wir machen? Einen so großen und wichtigen Auftrag absagen, nur weil Nora es für schlecht befindet? Die meisten Sorgen mache ich mir um Edelweiß. Das wird vermutlich die längste Reise werden, die wir je gemacht haben. Sie wird locker ein- bis eineinhalb Jahre dauern und sie mitzunehmen, ist einfach unmöglich. Das würde ihr nicht guttun. Wo sollen wir sie also unterbringen? Wo wäre unsere Kleine gut aufgehoben? Unsere erste Idee war, sie Isabell und Martin auf dem Gestüt anzuvertrauen, aber die beiden haben zurzeit selbst so viel um die Ohren, mit dem Hof und ihren Kindern. Anne ist schließlich auch erst so alt wie Edelweiß und Alex nur eineinhalb Jahre älter. Nein, das möchten wir ihnen nicht zumuten. Claus können wir auch nicht fragen, er kommt ja mit uns mit. Ansonsten gibt es niemanden im Dorf, dem wir Edelweiß anvertrauen möchten, zumindest nicht für so lange Zeit. Bleibt also nur Nora … Und ob sie ein dreijähriges Kind bei sich auf der Burg haben möchte, bezweifle ich. Vor allem, weil sie sehr darunter leidet, dass sich ihr eigener Kinderwunsch nie erfüllen wollte …“, verblüfft schaute Anne auf.
„Wow!“, Alex fuhr sich mit gespreizten Fingern durchs Haar.
Edelweiß nahm einen Stapel Bücher von einem Schemel und ließ sich auf diesem nieder. Sie kam sich plötzlich unvorstellbar schwer vor. Eine Zeit lang, die Edelweiß unbehaglich lange vorkam, sagte niemand etwas.
„Darf ich das alles noch mal zusammenfassen?“, fragte Alex. „Also, Edelweiß’ Eltern haben einen Auftrag bekommen, was mir persönlich ja nicht gerade nach einem schönen Segelausflug auf dem Rabensteiner See klingt, der ein- bis eineinhalb Jahre dauern sollte. Claus ist offensichtlich auch mitgegangen. Edelweiß und unsere Eltern haben sich anscheinend gut gekannt. Außerdem bist du“, er schaute kurz zu Edelweiß, „bei deiner Tante aufgewachsen, die mit Sicherheit ebenfalls Bescheid wusste. Sie alle haben uns und alle anderen Dorfbewohner über Jahre hinweg nur angelogen …“
Edelweiß nickte langsam. Nach einer Weile schlussfolgerte sie: „Es gab also überhaupt keinen Segelausflug … Aber warum haben sie uns nur so angelogen? Es könnte ja sein, dass sie vielleicht noch leben! Von allem, was wir wissen, ist es sogar sehr möglich!“, viel angestaute Wut bäumte sich in Edelweiß auf. Sie krallte die Finger in den Saum ihres Kleides, bis sie taub wurden und unangenehm kribbelten.
„Vielleicht haben sie es deshalb alles so erzählt, weil sie dir gar nicht erst Hoffnung machen wollten … Weil sie nicht wollten, dass du dein Leben in dieser erstickenden Ahnungslosigkeit führen musst …“
„Aber warum?“, Edelweiß sprang auf. „Warum darf ich mir keine Hoffnungen machen? Irgendwo da draußen leben vielleicht noch meine Eltern und ich wurde zehn verdammte Jahre lang in dem Glauben gehalten, dass sie ertrunken sind!“
„Vielleicht sind sie auf eine unschönere Art und Weise umgekommen und man wollte dir die Wahrheit schlichtweg nicht antun!“ Alex bemerkte Edelweiß erschrockenen Blick und erklärte, „das ist jetzt nur ein Beispiel gewesen. Aber es kann doch einen Grund geben, weshalb sie dir berechtigterweise die Wahrheit verschwiegen haben.“
Edelweiß atmete tief ein und setzte sich wieder. Normalerweise würde sie jetzt davonlaufen und sich irgendwann wieder bei Alex entschuldigen, weil sie erkannte, dass sie überreagiert hatte. Aber da sie ihre Gefühlsausbrüche endlich unter Kontrolle bekommen wollte, zwang sie sich zum Bleiben und versuchte, ihre Muskeln zu entspannen. Auch war das jetzt beim besten Willen kein Zeitpunkt für einen Streit.
„Und was ist mit Claus?“, Edelweiß bemühte sich um eine ruhige Stimme, obwohl ihr ganzer Körper bebte, „im Tagebuch steht, dass er auch mit auf diese Reise gegangen ist … Er ist aber zurückgekommen ...“
„Vielleicht konnte er aus irgendeinem Grund nicht mitfahren, weil er krank oder verletzt oder so war.“
Edelweiß bewunderte ihren Freund immer wieder für seine ruhige Art, mit Dingen umzugehen. Dennoch erwiderte sie hartnäckig: „Aber er weiß vermutlich am meisten über diesen Auftrag! Und er hat mir, als ich noch kleiner war, sogar öfter gesagt, dass er meine Eltern nicht einmal kennt!“
Alex ließ sich zurück ins Sofa sinken. Jetzt waren selbst seine Argumente erschöpft. Edelweiß ging zu ihrer Freundin hinüber und fragte, mit einem Nicken zu den drei Tagebüchern, die Anne gefunden hatte: „Wo hast du die denn her?“
„Da aus dem Schub.“
„Denkst du, es sind alle, die meine Mutter geschrieben hat?“
„Ich glaube schon … Sie sind ja auch alle sehr dick.“ Anne lächelte gequält. Edelweiß machte sich daran, alle Schübe des Schreibtisches zu durchsuchen, fand aber außer weiteren zahlreichen Büchern und einigen Tintenfässchen nichts mehr. Anne hatte da schon mehr Glück. Sie griff in das Bücherregal und zog eine schwarze Ledermappe heraus. Sie öffnete sie und ein Schwall von Briefen kam ihr entgegen. Edelweiß warf einen Blick in die Tagebücher und stellte fest: „Die Einträge gehen genau bis zu dem Tag, an dem meine Eltern diese Reise angetreten haben. Glaubt ihr, sie hat auch während der Reise Tagebuch geschrieben?“
„Wenn, dann wäre es ja unter den Sachen, die von ihnen gefunden wurden“, antwortete Alex und machte dabei eine Geste in Richtung Treppe.
„Ich schau mal nach.“ Edelweiß legte die Tagebücher auf den Schreibtisch zurück, schlängelte sich elegant durch die Bücherstapel hindurch und kletterte die Treppe hinunter.
„Das muss ein schreckliches Gefühl sein, wenn du erst immer in dem Glauben gelassen wirst, dass deine Eltern tot sind und von einem Tag auf den nächsten erfährst du, dass du eigentlich nur belogen wurdest und dass sie vielleicht irgendwo noch leben!“
Anne ließ den Brief sinken, den sie gerade las, und nickte ernst. Sie faltete das Papier wieder zusammen und steckte es in den Umschlag zurück.
„Vor allem verstehe ich Claus nicht. Einerseits hat er immer so offen gewirkt und hat sich um Edelweiß gekümmert, aber andererseits … Wie hat er es überhaupt geschafft, es so lange Zeit, zehn ganze Jahre, vor ihr geheim zu halten? Ich meine, sie ist für ihn ja fast wie eine Tochter.“ Anne fing sich einen ungläubigen Blick von ihrem Bruder ein und entschärfte ihre Worte, „naja, nicht ganz wie eine Tochter, aber so, wie er sich immer um sie gekümmert hat. Und dann auch noch …“
„Jaja“, unterbrach Alex sie lachend, „ich habe es verstanden!“
Anne grinste und öffnete kopfschüttelnd den Umschlag des nächsten Briefes. Es war wider Erwarten kein Brief, sondern es waren Bilder und ein sehr zerknitterter Zettel in dem Umschlag.
„Ich habe es gefunden!“, triumphierend hielt Edelweiß, die gerade wieder die Treppe hochgeklettert war, ein ledergebundenes Büchlein in der Hand.
„Hört mal zu“, sagte Anne, ohne auch nur annähernd auf ihre Freundin einzugehen: „Liebe Julia, wie geht es dir? Hier in Italien ist es wunderschön, wenn wir auch die freie Zeit betrachten, von der uns leider viel zu wenig bleibt. Unsere Forschungen sind leider immer noch ziemlich am Anfang. Die Gesteinsproben haben nichts Besonderes ergeben und morgen sollen die Forschungen schon auf einem anderen Berg weitergeführt werden. Aber glaubst du, dass das Gestein da auf mehr schließen lässt als das auf Monte Adamello, den wir jetzt seit zwei Wochen unter die Lupe nehmen? Dieser ist übrigens einer der größten und bekanntesten Berge Italiens. Ich soll dich von Claus schön grüßen. Ich finde es schade, dass du nicht mitkommen konntest, aber es wäre einfach zu gefährlich und anstrengend geworden … Ich hoffe, bei dir ist alles gut. Wenn es nach Plan läuft, kommen wir in zwei Monaten heim. Grüß Isabell und Martin von mir, wenn du sie mal wieder siehst. Ich vermisse dich so sehr und drücke dich aus der Ferne. Dein Rick.“ Nach einer Weile fügte Anne noch hinzu: „Schaut mal, hier sind Bilder von deinem Vater und Claus. Vermutlich sind die während der Reise in Italien entstanden.“
Sie gab Edelweiß die Bilder. Auf dem ersten waren Claus und ihr Vater drauf. Sie saßen beide vor einer Herberge in karamellfarbenen Korbstühlen. In dem Moment der Aufnahme hoben sie gerade ihre Weingläser, zum Anstoßen bereit. Edelweiß’ Vater schaute müde, aber zufrieden in die Kamera. Sein dickes braunes Haar war vom Wind zerzaust. Edelweiß zauberte es ein Lächeln in die Mundwinkel, als sie in das ehrliche Gesicht ihres Vaters blickte. Sie würde ihm vermutlich jede Lüge aus den Augen ablesen können. Edelweiß hatte bis jetzt noch nicht viele Bilder von ihren Eltern gesehen. Genau gesagt von ihrer Mutter noch kein einziges und von ihrem Vater einmal eins in der Bibliothek ihrer Tante. Doch als sie damals nach dem Bild gefragt hatte, hat diese sogar dafür gesorgt, dass es abgehängt wird. Edelweiß hatte nie wirklich verstanden, warum, schließlich war Rick Noras Bruder. Auf den anderen beiden Bildern war nur ihr Vater abgebildet. Einmal in Kletterausrüstung an einer Felswand, die so steil abfiel, dass Edelweiß für einen Moment die Luft wegblieb. Auf dem anderen stand er neben einem Gipfelkreuz auf einem Berg, hinter sich die endlosen Weiten der Alpen. Ihre Freunde machten sich unruhig bemerkbar, bis Edelweiß erschrocken aufschaute. Sie musste schon eine halbe Ewigkeit auf die Bilder gestarrt haben.
„Wie kann das alles nur möglich sein?“, sie ließ sich müde auf das Sofa fallen.
„Die Antwort können uns vermutlich nur Claus, unsere Eltern und deine Tante geben“, antwortete Anne.
„Es ist bestimmt schon spät“, als niemand auf Alex Worte reagierte, fügte er hinzu, „wir nehmen einfach die Tagebücher und die Briefe mit und jeder von uns schaut sich etwas anderes an. Und wir können Mama und Papa ja mal darauf ansprechen und du deine Tante.“
„Und Claus?“ Anne war vermutlich genauso müde wie Edelweiß, jedenfalls hörte sich ihre Stimme ähnlich gedämpft an.
„Da Edelweiß ihn am besten von uns kennt, würde ich sagen, sie geht zu ihm.“
„Nein“, Edelweiß schüttelte heftig den Kopf.
„Nein?“, Anne richtete sich auf. „Was meinst du damit? Habt ihr euch gestritten?“
Edelweiß war bereit, alles zu erzählen, da sie aber keinen Grund mehr hinter dem Streit von heute Morgen sah, erwiderte sie zögernd: „Nein, nicht wirklich, er war nur heute Vormittag so … so komisch.“
„Komisch? Das klingt ja gar nicht nach ihm“, Anne legte eine kurze Pause ein, in der Edelweiß Zweifel überkamen, ob sie ihr glaubte. Dann fuhr sie aber fort: „Naja, ist ja nicht so wichtig. Dann werde ich eben morgen zu ihm gehen, okay?“
Edelweiß nickte. Sie verließen den Dachboden, schlossen die Fensterläden wieder und tasteten sich in der Dunkelheit langsam die Treppe hinauf. Als sie schließlich wieder bei den Pferden waren, berührte die Sonne schon die Gebirgsspitzen.
„So ein Mist!“, Edelweiß schwang sich in den Sattel, „in spätestens einer Stunde gibt es Abendessen auf der Burg!“
„Tja, dann hilft wohl nur ein kleiner Galopp!“, Anne grinste, „… wer als Erstes wieder beim Gestüt ist!“ Schon gab sie ihrem Pferd die Sporen.
„Typisch Anne“, Alex schüttelte den Kopf. „Ach ja, hast du die Bücher?“
„Die hat Anne. Falls eure Satteltaschen solche mörderischen Galopps aushalten.“
„Keine Sorge“, Alex lachte auf, „Annes musste in der Hinsicht schon genug mitmachen.“ Mit diesen Worten gab er Joker den Befehl zum Start. Edelweiß warf einen kurzen Blick zurück auf die Hütte, ehe sie ihren Freunden folgte. Im Wald schlugen ihr Äste ins Gesicht und der Wind ließ ihr Tränen in die Augen steigen, aber sie hatte seit Langem nicht mehr so eine Freiheit verspürt. Venus schien auch Spaß daran zu haben, denn sie galoppierte Alex wie verrückt hinterher, der nur noch ein paar Meter Vorsprung hatte. Als sie schließlich alle außer Atem beim Gestüt ankamen, gab Anne ihr zwei der Tagebücher und meinte: „Wenn du dich beeilst, schaffst du es bestimmt noch rechtzeitig auf die Burg. Ich werde morgen bei Claus vorbeischauen. Danach kommen wir zu dir, aber wir warten hinten beim Gartentor.“
Edelweiß nickte und fragte: „Und wann?“
„So um halb drei. Ist das bei dir okay?“
„Klar.“ Edelweiß ließ sich elegant von Venus heruntergleiten, drückte Alex deren Zügel in die Hand und ließ los.
