EDEN - Wenn das Sterben beginnt - Marc Elsberg - E-Book

EDEN - Wenn das Sterben beginnt E-Book

Marc Elsberg

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Beschreibung

Wenn das Sterben beginnt – der neue rasante Thriller von SPIEGEL-Bestsellerautor Marc Elsberg

Frühjahr: In der Karibik attackiert ein Riesenkalmar vor den Augen entsetzter Touristen einen Walhai. In der Bucht von Triest treiben Schwärme toter Fische. Im Amazonas verdorrt der Boden. Lokale Einzelphänomene der Natur – so scheint es. Doch weltweit beginnt etwas zu kippen …

Als das neue KI-Programm des IT-Experten Piero Manzano Alarm schlägt, ist die Prognose eindeutig: Binnen Monaten droht eine globale Megakrise. Gemeinsam mit dem reichweitenstarken Influencer Linus Strand und der jungen Meeresbiologin Sarah Keller macht Piero die Warnung öffentlich – und sie alle damit zur Zielscheibe. Mächtige Gegenspieler tun alles, um sie zum Schweigen zu bringen, während sich am Horizont ein Sturm zusammenbraut …

Lesen Sie auch die anderen brisanten Thriller von Marc Elsberg wie BLACKOUT und CELSIUS.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Buch

Frühjahr: In der Karibik attackiert ein Riesenkalmar vor den Augen entsetzter Touristen einen Walhai. In der Bucht von Triest treiben Schwärme toter Fische. Im Amazonas verdorrt der Boden. Lokale Einzelphänomene der Natur – so scheint es. Doch weltweit beginnt etwas zu kippen …

Als das neue KI-Programm des IT-Experten Piero Manzano Alarm schlägt, ist die Prognose eindeutig: Binnen Monaten droht eine globale Megakrise. Gemeinsam mit dem reichweitenstarken Influencer Linus Strand und der jungen Meeresbiologin Sarah Keller macht Piero die Warnung öffentlich –und sie alle damit zur Zielscheibe. Mächtige Gegenspieler tun alles, um sie zum Schweigen zu bringen, während sich am Horizont ein Sturm zusammenbraut …

Autor

Marc Elsberg hat ein untrügliches Gespür für Spannung und die Themen unserer Zeit. Mit neugierigem Blick schaut präzise auf neuesten Entwicklungen. Seine Thriller sind mitreißende Achterbahnfahrten in eine mögliche Zukunft, die uns schon heute betrifft. Mit seinem internationalen Erfolgsroman BLACKOUT etablierte er sich als Meister des unterhaltsamen Thrillers. Seitdem ist jedes seiner Bücher ein Bestseller und er ein gefragter Gesprächspartner für Politik und Wirtschaft. Marc Elsberg lebt mit seiner Frau in seiner Heimatstadt Wien.

Mehr Informationen zum Autor und zu seinen Büchern finden Sie unter www.marcelsberg.com.

Von Marc Elsberg bereits erschienen

BLACKOUT · ZERO · HELIX · GIER · Der Fall des Präsidenten · CELSIUS

Marc Elsberg

EDEN

Wenn das Sterben beginnt

Thriller

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Blanvalet Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

Copyright © 2026 by Marc Elsberg

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Michael Gaeb

Redaktion: Angela Kuepper

Covergestaltung: www.buerosued.de

Covermotive: akg-images (Izaac van Oosten, flämischer Landschaftsmaler des Barock, 1613 – 1661)

WR · Herstellung: CS

Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering

ISBN 978-3-641-31465-1V004

www.blanvalet.de

Für Ursula

Ein Personenverzeichnis finden Sie am Ende des Buches.

Noch 159 Tage

März

1

Die Morgensonne brannte auf das Deck des Tauchboots. Sarah überprüfte ein letztes Mal die Ausrüstung, als hinge ihr Leben davon ab. Weil es das tat. So wie das ihrer Tauchgäste: zehn Männer und Frauen von Mitte dreißig bis Mitte sechzig, eine Sechzehnjährige. Und ein paar Meter weiter an Deck Linus Strand, Typ Surferboy, von Berufs wegen Influencer. Handy im Gesicht, Hirn im Stand-by.

»Hey, Leute, was geht?«, rief er auf Englisch. »Ich bin hier mitten in der Karibik. Das Paradies auf Erden! Heute tauch ich mit Mantas!«

Sarah schüttelte den Kopf. »Warte mal ab, ob die Mantas mit dir tauchen wollen.«

Der Typ ließ sein heiliges Handy sinken und drehte sich zu ihr um. Sie konzentrierte sich auf den restlichen Sicherheitscheck. Zeit hatte sie schon genug verschwendet.

»Sarah Sunshine«, sagte er, wischte sich die blonden Locken aus der Stirn und grinste breit.

»Eher Sarah Donnerwetter, wenn du hier weiterhin im Weg herumtanzt.« Sie sah demonstrativ an ihm vorbei und scannte das Meer. Es glitzerte wie geschmolzenes Silber. Dunkle Schatten unter der Oberfläche verrieten die Mantas, die geradezu meditativ dahinglitten. Hunderte Male hatte sie die sanften Riesen bereits gesehen, und doch hüpfte ihr bei dem Anblick jedes Mal wieder das Herz. »Und die Mantas hättest du auch selbst entdeckt, wenn du nicht in dein Handy gequatscht hättest. Da vorn sind sie. Auf geht’s.«

Linus wirbelte herum wie ein aufgescheuchter Gockel. Reckte sein Telefon in die Höhe, als betete er es an.

»Hey, Leute, hab ich euch zu viel versprochen? Da sind sie! Die Mantas! Das wird episch!«

Er schulterte die Sauerstoffflasche, zog die Tauchmaske mit der GoPro über und biss auf das Mundstück. Nach einem »Okay« in ihre Richtung rollte er sich von der Bootskante rückwärts ins Wasser. Ordentlich gemacht, immerhin.

»Hoffentlich kommt er genauso episch wieder hoch«, murmelte Sarah, fasste ihr glattes Haar zum Pferdeschwanz zusammen und bereitete sich mit den übrigen Leuten auf den Tauchgang vor. Mit solchen Typen würde der Tag lang werden.

2

Das tiefe Blau der Karibik umhüllte Linus mit leisem Rauschen, Knistern und dem Geräusch des eigenen Atems. Luftblasen tanzten vor seiner Maske wie Perlen. Neben ihm fielen Schatten ins Wasser – die anderen Taucher. Ein Manta schwebte heran, die Flügel majestätisch wie ein Riesenadler.

»Keine Angst«, hatte Sarah bei der Einführung am Vorabend erklärt. »Mantas haben ein Riesenmaul, aber sie filtern nur Plankton.« Konzentriert hatte er ihr zugehört – wer hätte das nicht?

Zwei, drei, fünf, acht weitere Mantas tauchten aus dem Schattenblau auf, schossen geradezu an den Tauchern vorbei. Warum so eilig?

Hinter ihnen bemerkte Linus weitere Schatten. Größer, kompakter. Riesige Tiere, gleich drei. Sein Herzschlag geriet ins Stolpern, dann erkannte er sie: Walhaie, zwei ausgewachsene, ein Jungtier. Er beruhigte sich wieder. Auch sie ernährten sich bloß von Kleinstlebewesen.

Die anderen Taucher schwammen näher an die Riesen heran. Einige zu nah, wie er fand, vorneweg die zarte Teenagerin. Sarah, zu erkennen an ihrer gelben Tauchmaske, versuchte, sie auf Abstand zu bringen.

Ein neuer Schatten näherte sich, schmal diesmal und lang. Jäh schoss ein monströser Tentakel aus der Tiefe. Dann ein zweiter. Sie packten das Walhai-Junge, das sich panisch wand. Weitere Fangarme drangen empor und fesselten es. Tellergroße Augen starrten aus einem albtraumhaften Kopf. Ein Riesenkrake? Linus’ Puls pochte hart.

Das Walhai-Junge versuchte zu fliehen. Seine Schwanzflosse schleuderte der Teenagerin die Maske weg, das Mundstück. Panik stand ihr im Gesicht, bevor sie im Luftblasenstrudel aus der Sauerstoffflasche verschwand.

Linus dachte nicht nach. Er kämpfte sich durch das brodelnde Wasser, schlagende Tentakel und verzweifelt wirbelnde Meerestiere. Das Mädchen hieb um sich, die Augen weit aufgerissen vor Todesangst. Linus atmete tief ein, dann drückte er ihr sein Mundstück zwischen die Lippen. Packte sie am Arm.

Seitlich näherte sich eine gelbe Brille – Sarah. Sie gab der Teenagerin ein Handzeichen. Fasste sie am anderen Arm. Der Druck auf Linus’ Lunge wurde größer. Im nächsten Moment spürte er, wie sein linkes Bein von einem brennenden Seil eingeschnürt wurde. Schnell warf er einen Blick an sich hinab: Ein Tentakel umklammerte seinen Schenkel fest wie ein Schraubstock.

Jetzt keine Panik!

Alles passierte gleichzeitig. Das Mädchen schlug heftig um sich und spuckte Linus’ Mundstück aus. Linus fingerte nach dem Tauchmesser an seinem Schenkel. Raus damit. Säbelte in den Fangarm. Sarah umfasste von hinten beide Arme des Mädchens, sodass sie aufhörte, sich zu wehren. Linus’ Lunge glühte jetzt. Verbissen hackte er auf das Ding an seinem Bein ein. Das Mundstück tanzte vor seinen Augen wie ein Irrlicht, unerreichbar. Weiter Fleisch schneiden, bloß nicht in sein eigenes! Sein Blick verschwamm, Farben explodierten hinter seinen Augen. Dann wurde alles schwarz. Eine finstere Wand schoss torpedogleich zwischen ihm und seinem Angreifer hindurch, zerfetzte den Kraken. Hinterließ nichts als Tinte und Blut.

Linus’ Bein war plötzlich frei. Ein Meter Tentakel baumelte daran herab wie eine groteske Trophäe. Das Messer hatte er verloren. Doch das Mädchen war in Sicherheit, Sarah zog sie dem Licht entgegen.

Aber da war kaum Licht. Große Flecken von Tang drohten sich über ihnen zu einer Decke zu schließen. Linus hieb wild in alle Richtungen, um durch das dichter werdende Gewirr zu dringen.

Luft explodierte in seiner Lunge, als er die Oberfläche durchstieß. Er spürte den Tang auf dem Gesicht und in den Haaren. Das Zeug schien seinen Hals zu würgen! Er riss Mund und Augen auf. Sarah und das Mädchen schnappten ebenso verzweifelt nach Sauerstoff. Auch auf ihren Köpfen das Algengewirr. Um sie herum kochte das Meer.

Ein Schatten verdunkelte die Sonne. Neben ihnen ragte ein gigantischer Pottwal senkrecht aus dem Meer, ein lebendiger Wolkenkratzer. Tentakelfetzen hingen aus seinem gewaltigen Maul. Für einen ewigen Moment stand er dort, ein Monument aus Fleisch und Energie.

Dann krachte er zurück ins Meer. Die Gischtwelle traf sie wie eine Betonwand, drückte sie einen Herzschlag lang zurück in die Tiefe. Linus schluckte Wasser, es schmeckte nach Salz und Adrenalin.

Weitere Taucher brachen durch die Oberfläche. Einer riss das Mundstück heraus. Starrte dorthin, wo der Wal verschwunden war.

»Was zum Teufel …?!«

Eine gewaltige Fluke hob sich aus dem Wasser. Verharrte kurz in der Luft, bevor sie langsam verschwand wie das Segel eines sinkenden Schiffes.

Sie verfolgten das Schauspiel mit einer Mischung aus Entsetzen und Ehrfurcht. Dann waren da nur mehr das Plätschern der Wellen und das Säuseln einer sanften Brise. Als wäre nichts geschehen.

Linus’ Blick fixierte noch immer die Stelle, an der die Fluke zwischen dem Tang verschwunden war.

»Nächstes Mal buche ich die Schnorcheltour.«

3

Die Nacht drang in sein Penthouse wie Tinte. Unter den bodentiefen Fenstern erstreckte sich Dubai, ein glitzernder Lichterteppich, der in die finstere Wüste zerfranste.

Viktor Brennar stand reglos in seinem Morgenmantel vor den schwebenden Hologrammen, die den Raum in blaues Licht tauchten. Die faszinierenden Datenströme, ihr hypnotischer Fluss.

Ein Signalton erklang und riss Viktor aus seiner Trance. Ein Bereich des Displays färbte sich rot.

»Warnung«, meldete Horizons nüchterne Frauenstimme. »Potenzielle Marktvolatilität in Agrar- und Rohstoffsektoren. Prognostizierte Preisausschläge: Fischereierzeugnisse plus fünfzig bis tausendzweihundert Prozent, Agrarrohstoffe plus zwanzig bis zweitausend Prozent. Zeithorizont: vier bis sechs Monate.«

Diese Zahlen entlockten selbst ihm ein unwillkürliches »What the …«. Seine dunklen Augen verengten sich. »Portfolio-Exposure«, befahl er.

Das Hologramm vor ihm explodierte zu einem Gewirr aus Mustern auf einer Weltkarte. Wachsende, schrumpfende, pulsierende Felder. Ein Netz aus sich ständig wandelnden Verbindungen, mal dicker, mal dünner, verschwindend, sich neu bildend, rot eingefärbt, je nach Intensität. Überall flackerten Textzeilen und Zahlen auf. Seine Beteiligungen erschienen als blaue Marker – Industriekonzerne, Logistikunternehmen, traditionelle Energieversorger, Chemiegiganten. Überall blinkten Warnzeichen auf. Rote Linien zogen sich wie Risse durch das Netz seiner Investments. »Portfoliorisiko: hoch bis kritisch für siebenundsechzig Prozent der Positionen«, verkündete Horizons Frauenstimme. »Besonders exponiert: Agrarhandel, konventionelle Lebensmittelproduktion, fossile Brennstoffe, chemische Grundstoffe.«

Viktor ballte eine Hand zur Faust. Das System, das ihn reich gemacht hatte, stand unter Beschuss.

»Maximales Upside«, verlangte er. Die Farben verschoben sich, von warmen Orange- und Gelbtönen zu kühlem Grün. Hotspots leuchteten bei Logistikunternehmen, alternativen Proteinen, Rohstoffhändlern und zahlreichen anderen Branchenclustern auf allen Kontinenten.

Viktor brauchte ein paar Sekunden, bevor er die Finger wieder löste, und befahl dann: »Sterling, bitte.«

Sein Blick flog nun konzentriert über die Details des kommenden Chaos in dem Hologramm, bis Momente später Earl Sterlings Bild daneben aufflackerte. Ein athletischer Fünfzigjähriger im blauen Maßanzug, das dunkle Haar exakt geschnitten.

»Viktor, guten Abend. Du hast soeben Horizons Meldung gesehen.«

»Ja. Bereite ein Asap-Treffen mit den Partnern vor. Morgen, im Zürcher Büro. Wir müssen über die Risiken und Chancen der kommenden Krisen sprechen – beide sind gewaltig.«

»Verstanden.«

Sterlings Bild verschwand. Die Scheiben tönten sich dunkel, löschten Dubai aus.

»Was machst du da?«

Zojas Stimme erklang in Viktors Rücken. Er hörte ihre Schritte, sie tänzelte näher. Im nächsten Moment stand sie hinter ihm und schmiegte sich an ihn. Er nahm ihren schwachen Duft nach Amber und Zimt wahr. Ihre Hand glitt unter seinen Morgenmantel, strich an seinem Bauch entlang hinab. Er spürte, wie Hitze in seine Körpermitte schoss.

»Jetzt nicht«, sagte er bedauernd und schob ihre Hand beiseite. »Ich muss los.«

Zoja presste sich enger an ihn, biss spielerisch in seinen Nacken. Dann huschte sie davon.

Sein Blick fiel auf die Scheiben vor ihm. Nur die pulsierende Weltkarte war geblieben, ihr unheilvolles Glühen brannte auf seiner Netzhaut.

4

Der Schmetterling war ein lebender Regenbogen. Seine Flügel öffneten, schlossen und öffneten sich wieder in meditativer Langsamkeit. Jede Bewegung enthüllte neue Schattierungen von Blau und Grün, Orange, Rosa und Gelb, durchzogen von goldenen Adern.

»Wen haben wir denn hier, Schönheit?«, flüsterte Isabel Neri, während sie langsam mit ihrer Kamera zurückwich. Der Schmetterling thronte auf seinem Zweig wie ein kleiner König, hinter ihm der Dschungel – eine Kathedrale aus Grün und Gold, durchbrochen von Sonnenstrahlen.

Der Amazonas. Eine eigene Welt, die atmete, dampfte, lebte.

Ein Kreischen ließ Isabel aufspringen. Hart und schrill schnitt es durch die Geräusche der Natur.

Der Schmetterling flatterte davon.

Isabel kauerte sich instinktiv hinter einen Baum, der Stamm breit genug, um sie zu verbergen. Die Kamera drückte gegen ihre Rippen. Paulo und Carlo, ihre Guides, hielten sich dicht neben ihr, beide angespannt wie Bogen.

Isabel hörte, wie die scharfen Zähne einer Kreissäge sich durch den Stamm eines Urwaldriesen fraßen. Splitter flogen. Ein dumpfes Ächzen aus dem Innern des Baumes. Dann sah sie die Männer zwischen den Stämmen, etwa dreißig Meter entfernt.

Die Säge verstummte.

Stille. Für den Bruchteil einer Sekunde.

Ein Knacken ertönte, kaum hörbar zuerst, lauter dann, wie brechende Knochen, schließlich tief und dröhnend. Der Baum kippte. Träge, unvermeidlich. Isabels Finger fanden den Zoom. Das musste sie festhalten.

Vögel stoben aus der Krone, schwarz gegen das Licht. Losgerissene Zweige wirbelten auf, Äste brachen. Ein gewaltiger Aufprall in einer explodierenden Wolke aus Dschungelboden, der die Luft aus der Welt zu pressen schien. Der Erdboden bebte. Blätter regneten herab.

Erneut kehrte Stille ein, unheimlich jetzt.

Langsam setzte sich der Staub, leuchtete im Gegenlicht. Unter einem Ast entdeckte Isabel eine Bewegung. Ein kleines Bündel Fell. Sie sah genauer hin. Ein Affenbaby. Es klammerte sich an eine reglose Gestalt. Die Mutter – die Augen geschlossen, das Fell blutverschmiert.

Das Baby zerrte am Fell. Hoffnungslos.

»Mein Gott …«

Isabels Stimme war kaum ein Flüstern.

Sie spannte sich. Carlo griff nach ihrem Arm.

»Nein. Wenn sie uns sehen …!«

Aber Isabel hatte sich schon von ihm gelöst. Geduckt näherte sie sich dem Baby. Die Kamera lief. Es war alles falsch, jeder einzelne Schritt ein Verrat am Schutz ihrer Guides. Doch sie konnte nicht anders.

Isabel stieß die leblose Affenmutter an, die reagierte nicht. Sie hob das Affenbaby auf. Es schrie, strampelte verzweifelt, biss. Dann wurde es still. Die winzigen Hände krallten sich in Isabels Hemd. Sein Zittern vibrierte in ihrem ganzen Körper.

Isabel hielt es fester. Flüsterte.

»Ich weiß genau, wie du dich fühlst.«

Stimmen drangen zu ihr. Leise, entfernt, in Fetzen durch die stehende Luft getragen. Männer, drei, in Overalls. Sie waren näher gekommen.

»…denfeuch… xtrem …«

»… Nährst…«

»…dentemp… viel zu …«

Isabel hielt die Kamera in ihre Richtung, versuchte, die Worte einzufangen.

»…ie auf … jafel…rn …«

»…ymptome …kosys… ippt …«

»Sechzeh… Pro… glei… Ergebnis.«

»Katas… Nicht nur hier.«

»… müs… das … Zentrale mel…!«

Plötzlich wies einer der Männer in ihre Richtung. »Da! Da ist jemand!«

Isabels Herz begann zu rasen. Etwas streifte sie an der Schulter. Schmerz flammte auf, kurz fühlte es sich an, als würde er sie zerreißen.

»Fuck!«

Die Kamera, das Affenbaby – sie biss die Zähne zusammen, hielt beides fest, drehte sich um und rannte.

Der Wald explodierte um sie herum. Schüsse krachten, Zweige rissen ihr an den Haaren, Blätter stoben umher, zerfetzt von Kugeln.

»Links!«, brüllte Paulo.

Sie hastete hinter ihm her. Der Hang war steil, das Laub rutschig. Sie fiel, rappelte sich auf. Das Affenbaby kreischte. Ihr Puls brüllte in ihren Ohren.

Ein Motor wurde angelassen, im nächsten Moment brach ein Pick-up durch das Unterholz, das Scheinwerferlicht zuckte zwischen den Stämmen.

»Da drüben! Der Bach!« Carlo deutete nach rechts, seine Stimme heiser.

Das Wasser war warm. Isabel glitt hinein, ließ sich treiben. Kugeln schlugen in einen Baum am Ufer, Spritzer trafen ihr Gesicht.

»Dort!« Paulo zeigte auf eine Öffnung im Uferhang. Dunkel, feucht, schmal.

Sie warfen sich hinein. Der Boden war kalt, modrig. Isabel presste sich in die Nische, das Äffchen an sich gedrückt.

Der Motor röhrte über sie hinweg. Stimmen ertönten, Schritte. Irgendwann Stille.

Die Dunkelheit des Verstecks legte sich drückend auf sie. Ihr Atem ging flach, unregelmäßig. Das Affenbaby klammerte sich an sie, sein Zittern hatte sie übernommen. Der Bach plätscherte träge und gleichgültig dahin.

Niemand sprach. Der Wald lauschte.

5

Die Limousine glitt wie ein schwarzer Hai durch die Nacht.

Im dreiundsechzigsten Stock des Emirates Crown erwartete Sheikh Mohammed seinen späten Besucher in einer privaten Lounge. Der Raum war in warmes Licht getaucht, die Einrichtung von zeitloser Eleganz. Die illuminierte Stadt glitzerte durch die Fenster wie ein Schmuckkästchen.

»Heiß heute, für März«, bemerkte der Sheikh und deutete auf die nächtliche Skyline. »Selbst die Einheimischen klagen.«

»Wie in London«, erwiderte Viktor. »Aber dort beschweren sie sich über den Regen.«

Der Sheikh lächelte wohlwollend. »Ihre Kinder, sie gewöhnen sich an das Schweizer Wetter?«

»Die Berge erinnern sie an die Wolkenkratzer hier.« Eine kleine Schmeichelei, perfekt dosiert.

Der Duft von Kardamom erfüllte die Luft, als ein Diener geräuschlos frischen Tee servierte.

Sie sprachen über Pferderennen in Ascot, Kunstauktionen in Paris. Erst nach der dritten Tasse lenkte der Sheikh das Gespräch kaum merklich auf den Anlass des Treffens. »Veränderung liegt in der Luft. Die Märkte.«

»Sie werden heißlaufen«, stimmte Viktor zu. »Stabilität wird wichtig sein.«

»Besonders in aufstrebenden Regionen. Ostafrika zum Beispiel.«

»In der Tat.« Viktor kostete seinen Tee. »Das geplante Infrastrukturprojekt RiftConnect braucht starke Partner.«

Der Sheikh nickte. »Was die Baugenehmigungen und die Vergabe der Transportlizenzen angeht – die Beamten dort schätzen die traditionelle Geschenkkultur. Die Interessenten aus dem Fernen Osten verstehen das sehr gut.«

Viktor zuckte nicht. »Wir haben bereits viele Netzwerke vor Ort etabliert.« Ein sprachlicher Eiertanz. »Sie sind sehr aufgeschlossen.«

»Aufgeschlossenheit ist gut. Wahre Wertschätzung … fördert diese besonders.« Der Sheikh nahm einen Schluck Tee, bevor er fortfuhr: »Natürlich sind Partnerschaften von entscheidender Bedeutung. Vor allem auch, wenn es darum geht, eine günstige Finanzierung internationaler Institutionen zu bekommen. Die Weltbankkommission braucht Stimmen, die von Nachhaltigkeit überzeugt sind. Der Vorsitzende des Infrastrukturausschusses ist sehr … empfänglich für Argumente, was kulturelle Partnerschaften anbelangt.«

Viktor hielt einen Moment inne, ließ ein kaum merkliches Lächeln seine Lippen umspielen.

»Wir kümmern uns darum, die Motivation der Verantwortlichen zu steigern.«

»Motivation ist der Schlüssel zum Erfolg«, erwiderte der Sheikh. »Bei Beamten wie bei Ministern.«

»Je persönlicher die Motivationsanreize, desto besser«, bestätigte Viktor. »Wir haben das im Blick. So wird das Projekt erfolgreich.«

»Inshallah.« Der Sheikh stellte seine Tasse ab. Das Gespräch war beendet.

Draußen wartete die Limousine. Viktors Privatjet würde in Kürze starten.

6

Das Tauchboot schaukelte auf den Wellen. Mit einer Hand half der Influencer-Typ der Teenagerin an Bord.

»Alles in Ordnung?«, fragte er sie.

»Danke, ja«, keuchte sie.

Er folgte ihr über die Treppe in das Heck des Tauchboots. An seinem Kopf klebten immer noch einzelne Fäden vom Tang. Lachend fuhr er sich durchs Haar.

»Unter Algenpackung hab ich mir was anderes vorgestellt!«

Sarah verdrehte die Augen. Da sah sie den abgerissenen Tentakel des Kalmars, armdick baumelte er zwischen Linus’ Beinen.

Er bemerkte ihren Blick, grinste breit.

Sie rollte mit den Augen. »Davon träumst du.«

Hinter ihr näherten sich die Eltern der Teenagerin und bedankten sich bei Linus.

»Tauchbuddys«, winkte er ab. »War doch selbstverständlich.«

Noch immer besorgt zogen die beiden sich zurück, um sich um ihre Tochter zu kümmern. Linus schaltete die GoPro aus und zog die Tauchmaske vom Kopf. Ließ die Sauerstoffflasche von den Schultern gleiten und wand sich aus der Neoprenjacke. Sarah beobachtete ihn unwillkürlich. Wie er dem Mädchen sein Mundstück gegeben hatte – kein Zögern, keine Pose für seine Follower, keine kalkulierte Instagram-Story. Nur Instinkt und schnelle Hände. Als hätte das Meer die Social-Media-Filter weggewaschen und darunter den Menschen freigespült.

Jetzt zerrte er an dem Tentakel.

»Lass ihn lieber dran«, sagte Sarah. »Könnte das einzig Intelligente sein, das dich heute umarmt.«

»Soll ich das Ding als Andenken behalten?«

Sarah hob den Tentakel vorsichtig an.

»Die Saugnäpfe sitzen tief. Machst du es falsch, behältst du üble Narben.«

»So ein Krakentattoo wäre immerhin einzigartig.«

»Kalmartattoo.«

»Sag ich doch.«

»Du sagtest Krakentattoo.«

»Krake, Kalmar – gibt’s da ’nen Unterschied?«

»Krake – acht Arme, Kalmar – zehn Arme, zwei davon deutlich länger als die anderen. Ein Riesenkalmar ist weitaus größer als ein Riesenkrake, wie wir eben zu sehen bekommen haben. Setz dich.«

Sarah kniete sich vor ihn. Vorsichtig löste sie Saugnapf für Saugnapf. Sie hatten sich tief eingefressen, Linus’ Haut darunter war rot und wund.

»Ich seh aus, als hätte ich mit Nessie gekämpft«, ächzte er. »Aber mal ernsthaft, was war das da unter Wasser? Das war doch nicht normal.«

Die Frage stellte Sarah sich auch. Immer wieder mal kam es vor, dass Tiefseefische nahe der Oberfläche gesichtet wurden. Einige Forscher machten den Klimawandel dafür verantwortlich. Die Erwärmung der Meere führte zu Ungleichgewichten im Sauerstoffgehalt. Denkbar, dass auch Zonen der Tiefsee davon betroffen waren. Aber das erklärte nicht den Angriff auf den jungen Walhai.

Sarah zupfte weiter an dem Kalmarrest.

Weshalb bist du hier hochgekommen?

Linus griff nach seinem Telefon, verschwand wieder hinter seinem Filter, während er das Video seiner GoPro von dem Vorfall abspielte.

»Echt krass, boah!«, rief er. Sein Blick klebte am Display wie die Saugnäpfe an seinem Bein. »Der Weiße Hai, Version ›Monsterkalmar‹ … Damit geh ich viral!«

Der letzte Saugnapf löste sich mit einem schmatzenden Geräusch. Linus biss die Zähne zusammen.

Das Boot nahm Fahrt auf. Drückte Sarah für einen überraschenden Moment gegen Linus’ warmen Arm, bevor sie die Reling zu fassen bekam und sich rasch aufrichtete.

7

Das sanfte Summen der Turbinen erfüllte die Kabine. Viktor saß in einem Ledersessel, auf dem Screen vor sich Christian Langner, Vorstandsvorsitzender der EuroBuild. Langner hatte einen unscharfen Hintergrund eingeblendet, sodass Viktor nicht erkannte, wo genau sich sein Gegenüber gerade befand. Es war ihm auch egal.

»Der Sheikh war sehr – aufgeschlossen«, erklärte er. »Aber er hat Erwartungen, was eine Unterstützung betrifft.«

Langners Miene blieb eine Maske. »Natürlich hat er die.«

»Er würde sich wünschen, dass gewisse Stimmen in internationalen Ausschüssen … wohlwollender agieren.«

»Ist längst in Arbeit«, erwiderte Langner.

»Der Sheikh ist ein ungeduldiger Mann.«

»Ich weiß«, sagte Langner.

»Dann sind da noch die regionalen Entwicklungsgremien vor Ort. Sie sind sehr … sensibel für kulturelle Partnerschaften.«

»Klar.« Langner nickte kaum merklich. »Und die Chinesen?«

»Haben bereits ihre eigenen kulturellen Verbindungen.«

Langner lehnte sich in seinem Sessel zurück. Seine Augen verengten sich.

»Sie kümmern sich darum«, sagte Viktor wohlwollend. »Auf elegante Weise. Ostafrika braucht Entwicklung. Die zwanzig Milliarden der Araber würden der Region helfen, zukunftsfit zu werden. Fortschritt. Nachhaltigkeit.«

Langners Grinsen war so dünn wie das Eis, auf dem sie sich bewegten. »Natürlich. Alles für die Entwicklung der Region.«

Der Bildschirm wurde schwarz. Die neuesten Prognosen hatte Viktor vorerst zurückgehalten. Wissen war eine eigene Währung. Der Kurs musste stimmen, wenn man erfolgreich Geschäfte machen wollte.

Der Jet stieg weiter in die Nacht über der Arabischen Halbinsel. Viktor schloss die Augen. In sechs Stunden würde er in Zürich landen. Die Welt war klein geworden. Die Deals wurden größer.

8

Piero Manzano radelte durch das weitläufige Logistikzentrum nahe dem Flughafen Malpensa bei Mailand, einem der strategischen Drehkreuze für den europäischen Warenverkehr zwischen Nord- und Südeuropa. Luftfracht aus aller Welt wurde hier umgeschlagen und auf Lkw und Güterzüge verteilt, die die Waren in alle Winkel des Kontinents transportierten.

Unter seiner Lederjacke geriet er ins Schwitzen. Mittlerweile konnte man einen so milden Tag Mitte März nicht mehr ungewöhnlich nennen, Frühling war schon fast der neue Sommer.

Er steuerte auf das schwarze Maul der Lagerhalle zu, wo der Beratungskonzern Lagrange einem internationalen Logistikkonzern eine neue, KI-gestützte Optimierungslösung präsentieren wollte: Die Logistik-KI steuerte Piero bei.

Drinnen tanzten autonome Fahrzeuge ihr eckiges Ballett, Förderbänder wanden sich wie mechanische Schlangen. Die Metallgerippe der Regale türmten sich bis zur Decke. Auf riesigen Displays pulsierten die Warenströme in hypnotischen Mustern.

Edward Benson lief davor auf und ab, ein Senior Manager Mitte dreißig in der Uniform der großen Beratungsfirmen – das aschfarbene Haar so präzise geschnitten wie der Anzug. Soeben dirigierte er zwei Associate-Klone, die ihre Tablets checkten und letzte Slides vorbereiteten. Edward hatte diesen Ort für die Präsentation ausgesucht, weil er eine »immersive und disruptive Client Experience« bieten wollte. Buzzword-Bingo in Reinkultur.

»Herr Manzano, endlich!« Edward steuerte auf ihn zu, sein Ton geschäftsmäßig, mit einem Unterton von Dringlichkeit. »Die Kunden kommen in einer halben Stunde! Wir brauchen den final Check der KI-Integration.«

Das Telefon in Pieros Tasche vibrierte. Er ignorierte Edward, bremste scharf ab, sprang vom Rad, stellte es ab und zog sein Telefon hervor.

Die Nachrichten auf seinem Display ließen seine Augen zu Schlitzen werden.

Vysyon. Finanzen. Logistik. Lebensmittel. Umwelt. Sie alle schlugen Alarm.

Was zum Teufel …?

»Herr Manzano, wir haben einen Zeitplan!« Edward schob ihn zu den Monitoren. »Das ist ein Multimillionendeal. Ich brauche jetzt hundert Prozent Performance.«

Piero öffnete die Vysyon-Nachricht auf seinem Smartphone. Datenströme stürmten auf ihn ein. Er fuhr sich durch das schütter werdende Haar.

Auf dem Display waren jetzt Videoschnipsel eines Aufstands zu sehen. Wutverzerrte Gesichter, Rauchwolken, gefolgt von einem grellroten Leuchten: Wahrscheinlichkeit Multikrise 28 Prozent.

Mit einer routinierten Handbewegung nahm Edward ihm das Telefon weg.

»Personal Messages können warten. Wir haben einen Reputationsauftrag. Lagrange steht für Exzellenz. Jetzt: der final Test Run.«

9

Die Bildschirme warfen ihr kaltes Licht auf die Gesichter der Anwesenden. Pieros Finger tanzten über die Laptoptastatur.

»Wir zeigen den Kunden zuerst die Kalibrierung und Validierung des Modells«, sagte er. »Für diese Simulation verwenden wir nur die Datensätze, die uns zu Beginn des letzten Jahres zur Verfügung standen. Das Modell kennt die tatsächliche Entwicklung nicht – es muss sie prognostizieren. Anschließend vergleichen wir die Prognose mit der realen Entwicklung des vergangenen Jahres.«

Die Monitore erwachten zum Leben. Zwei Zeitlinien liefen parallel: blau für die tatsächlichen Daten und rot für die Prognose. Analog dazu bewegten sich animierte Schiffe, Flugzeuge, Züge, Lastwagen in nahezu identischen Mustern. Die Schnittstellen zwischen den Logistiksystemen pulsierten im selben Rhythmus.

»Wie Sie sehen – eine Accuracy von über siebenundneunzig Prozent«, tönte Edward vor seinem imaginären Publikum und deutete auf die Abweichungsskala. »Das System implementiert kontinuierliches Machine Learning und optimiert die Forecasts in Realtime. Game-changing Technology!«

»Vergangenheit und Gegenwart sind durch«, erklärte Piero. »Das Modell hat sie ausgezeichnet reproduziert.«

Edward positionierte sich vor den Bildschirmen wie ein TED-Talk-Speaker, die Gesten trotz Test Run präzise choreografiert. »Das ist die Zukunft des globalen Supply-Chain-Managements! Wenn das heute nicht die ultimate Solution ist, dann gibt es keine!«

Piero zog nachdenklich die Brauen zusammen, die Alarmmeldungen seiner anderen KIs im Hinterkopf.

»Jetzt die Forward Projection«, forderte Edward. »Zeigen wir ihnen, wie gut das System die nächsten Wochen und Monate voraussagen kann.«

Auf den Monitoren startete die Simulation. Eine perfekt geschmierte Maschine: Flughäfen summten wie Bienenstöcke, Lastwagenkolonnen erinnerten an Ameisenstraßen. In den Containerhäfen erfolgte ein unendliches Auf- und Umstapeln von Würfelchen. Am unteren Rand lief die Zeit: Woche 1, 2, 3, 4, 5 …

Mit Woche 13 verlangsamte sich die Animation. Wirkte müder, wie ein Uhrwerk, dem die Kraft ausging. 16. 17. 18. Lkw erstarrten. Flughäfen verödeten zu sterbenden Bienenstöcken. In den Häfen türmten sich die Container zu nutzlosen Metallbergen.

Piero runzelte die Stirn. Was war da los?

36. 37. 38. Das Leben in der Animation wurde weniger oder verschwand schließlich ganz.

Edwards Gesicht gefror zu einer Maske. »Herr Manzano?«

Seine Stimme klang gepresst. »Das war im gestrigen Dry Run definitiv nicht so. Wir können uns jetzt keine derartigen Errors erlauben. Fix it!«

Piero war bereits dabei, die Integration der Echtzeitdaten zu prüfen. Doch da schien alles zu stimmen.

»Kein Fehler«, erklärte er und sah auf. »Ich habe gerade eben Warnungen anderer Programme auf meinem Handy er…«

Vom Hallentor her ertönten Schritte und Stimmen. Silhouetten zeichneten sich gegen das Licht ab. Die Kunden. Edward packte Pieros Arm.

»Sie dürfen das nicht sehen! Wir improvisieren. Wiederholen den gestrigen Dry Run. Oder sonst was.«

Piero runzelte die Stirn.

»Aber … wollen sie denn nicht genau das wissen?«

»Nicht heute!«, zischte Edward. »Bei einem Pitch brauchen wir Success-Storys. Keine Doomsday-Szenarios. Denken Sie sich etwas aus!«

10

Die Sonne stand hoch über dem Dschungel. Ein grelles, gnadenloses Licht, das den Boden flimmern ließ. Kein Windhauch, nur die allgegenwärtige Hitze.

Zwei Männer in Tarnkleidung hockten am Bachufer. Beide hielten ihre Gewehre bereit, Augen und Ohren geschärft. Roldán kniete sich hin und untersuchte die Abdrücke im weichen Boden.

»Zwei Männer, eine Frau«, murmelte er. Seine Finger glitten über die Spuren, präzise, wie ein Lesender, der eine geheime Nachricht entzifferte. »Die Frau lief als Zweite.«

Er deutete weiter. »Hier tritt sie in die Spur des Ersten. Der Dritte teilweise in ihre.«

Der andere Mann, Vargas, trat einen Schritt zurück und griff nach einem tief hängenden Ast. Eine Strähne rötlicher Haare hing daran, gewellt, glänzend im Sonnenlicht. Vargas löste sie behutsam und hielt sie hoch.

»Die gehört definitiv nicht zu einer Einheimischen.«

Roldán nickte, ohne den Blick von den Abdrücken zu lösen. »Besseres Schuhwerk. Kleinere Größe. Eine Fremde. Mit zwei einheimischen Führern.«

Die beiden Männer folgten den Spuren am Ufer entlang. Bis sie schließlich dort endeten, wo der Bach tiefer wurde. Das Wasser schimmerte träge, die Strömung war kaum wahrnehmbar.

»Ende der Spur.« Vargas richtete sich auf und sah zu seinem Partner hinüber.

Roldán blieb stehen, blickte in den Dschungel, als könnte er die Fliehenden durch das dichte Blattwerk hindurch ausmachen. Mit einem metallischen Klicken lud er sein Gewehr durch.

»In vierzig Kilometer Entfernung gibt es zwei Dörfer mit Guides«, sagte er leise. »Da fangen wir an.«

11

Das Boot glitt lautlos über das schlammige Wasser. Die Vegetation am Ufer ragte hoch auf, Schichten von Grün, die den Himmel fast verschwinden ließen.

Isabel kauerte zwischen Paulo und Carlo. Das Affenbaby schmiegte sich an ihre Schulter, die kleinen Finger klammerten sich an ihrem Hemd fest. Carlo warf einen flüchtigen Blick nach vorn, bevor er wieder die Steuerung übernahm. Da spürte Isabel, wie das Boot über etwas schrammte. Der Wasserlauf war flach, der Grund gefährlich nah.

»Bald gibt es hier gar kein Wasser mehr«, murmelte Carlo und spannte die Muskeln an, während er das Boot durch eine enge Stelle lenkte. Schweiß überzog seine Haut.

Der Urwald summte. Ein unaufhörliches Konzert aus Insekten und Vogelrufen. Isabel achtete nicht darauf. Ihr Blick haftete jetzt auf dem Display des Laptops, ihre von der feuchten Luft und der Aufregung klebrigen Finger wischten fahrig über das Trackpad.

»Ich muss verstehen, was die gesagt haben«, murmelte sie, mehr zu sich selbst als zu den anderen, und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Die Journalistin in ihr war auf der Jagd. Seit zwei Monaten dokumentierte sie als Freelancerin nun schon die verdeckten Operationen internationaler Konzerne im Amazonas, deckte illegale Rodungen auf, recherchierte zu Umweltverbrechen.

Mithilfe einer App schärfte sie die Tonspur. Das leise Rauschen wurde klarer, die Stimmen der Experten deutlicher.

»Die Bodenfeuchtigkeit hat extrem abgenommen.«

»Genau wie die Nährstoffwerte.« Ein zweiter Sprecher, das Portugiesisch hart und präzise.

»Die Bodentemperatur ist viel zu hoch.«

Isabel zog die Brauen zusammen. »Scheiße.«

»Was bedeutet das?«, fragte Paulo.

Sie antwortete nicht sofort, tippte das Trackpad an, ließ das Video weiterlaufen.

»Das waren keine einfachen Waldarbeiter«, sagte sie schließlich. »Die messen systematisch Bodenwerte.«

»Wie auf den Sojafeldern«, erklang die Stimme des ersten Experten erneut.

»Alle Symptome zeigen: Das Ökosystem kippt.«

»Verdammt.« Isabels Stimme klang gepresst.

»Was?«, fragte Paulo.

Sie holte tief Luft, bevor sie antwortete.

»Der Regenwald trocknet aus. Und mit ihm die Sojafelder in der Region. Wenn der Boden seine Feuchtigkeit verliert und sich aufheizt …« Ihre Stimme brach kurz ab, sie räusperte sich. »Dann verwandelt er sich in eine Savanne.«

Paulo runzelte die Stirn.

»Das mit den Sojafeldern habe ich schon von einigen Bauern gehört.«

Isabel drehte sich zu ihm um. »Was? Dass sie austrocknen?«

Paulo zuckte mit den Achseln. »Dass die Ernte dieses Jahr sehr schlecht wird.«

Isabels Gedanken rasten. Eine schlechte Sojaernte hatte immense Folgen für die Milch- und Viehwirtschaft. Doch das war anscheinend nicht alles. Wenn es stimmte, was die Männer gesagt hatten, dann wiesen die Werte nicht bloß auf ein einzelnes schlechtes Erntejahr hin. Dann war der Amazonas dabei, zu versteppen. Ein Horrorszenario fürs Klima. Für die Artenvielfalt. Die Menschen.

Paulo starrte auf den Bildschirm. »Warte.« Er beugte sich näher. »Das ist doch Tomás.«

Isabel hielt inne.

»Tomás?«

»Alvarez. Sein Vater war Lehrer an meiner Schule.« Paulo verzog das Gesicht. »Jetzt macht er den Handlanger für die Konzerne.«

Isabel betrachtete das Gesicht im Video. Es war angespannt, der Blick des Mannes unruhig.

»Er wirkt nicht begeistert über seine Entdeckung«, bemerkte sie.

Paulo legte den Kopf schief. »Vielleicht würde er mit uns reden. Er war ein guter Junge. Ich weiß, wo wir ihn finden.«

Carlo richtete sich im Boot auf, den Blick fest auf einen Punkt gerichtet. Er hob den Arm, deutete nach vorn.

»Das Dorf.«

12

Linus beobachtete Sarah, die auf dem sonnengewärmten Deck des Tauchboots kniete und mit ihrem Maßband an dem Tentakel des Kalmars herumhantierte. Wenigstens konnte er das schleimige Teil mit einem Filter interessanter machen. Sarah selbst brauchte keinen Filter – ihr blondes Haar glänzte in der Sonne, die Art, wie sie sich über den Tentakel beugte, betonte ihre gebräunten Schultern. Schade, dass sie so verdammt besserwisserisch war.

»Willst du ihm einen Sarg zimmern?«

»Ich vermesse ihn. So funktioniert Wissenschaft.«

Er beugte sich näher heran. Filmte die Saugnäpfe. Glitschige Aliengriffel. So funktioniert Video.

»Wissenschaft? Sorry, aber du bist Tauchguide.«

»Ich bin Meeresbiologin. Ich forsche hier für meine Doktorarbeit.«

»Und was soll das für eine Forschung sein?«

»Veränderungen in der Zusammensetzung mikrobieller Gemeinschaften karibischer Steinkorallen unter verschiedenen Temperaturszenarien und deren Auswirkungen auf die Resilienz des Riff-Ökosystems.«

Linus lachte. »Der war gut, haha. Wie kommt man ausgerechnet auf so was?«

»Meeresbiologie hat mich schon immer interessiert.«

»Klar. Mit Robbenbabys kuscheln, Seekühe striegeln …«

»Vor allem Letzteres«, gab sie zurück. »Und du? Warum ausgerechnet Influencer?«

»Content Creator, bitte. Weil man da ’ne Menge hübsches Zeugs geschenkt kriegt?«, flachste er. »Wer hat schon Bock, in langweiligen BWL-Vorlesungen zu hocken, wenn er gratis um die Welt jetten und dabei auch noch ordentlich was verdienen kann?«

»Wenn du meinst.«

»Ich find’s more fancy, als den Touristen hundertmal erklären zu müssen, was der Unterschied zwischen Krake und Kalmar ist.«

»Immer noch nicht kapiert?«

Er hätte schwören können, dass sie sich ein Schmunzeln verkniff. Immerhin.

Er breitete die Arme aus. »Anyway. Wir sind hier in der Karibik. Du nennst es Forschung, ich nenne es Urlaub.«

Nachdenklich betrachtete sie den Tentakelrest.

»Der Urlaub ist vorbei. Du weißt es nur noch nicht.«

»Ich lebe im never ending Urlaub, Spaßbremse«, erwiderte er.

Sarah packte den Tentakel in eine große Plastiktüte, während Linus eine Handvoll Tang vom Deck aufhob.

»Das Zeug klebt überall. Hab ich schon am Strand gesehen, aber mitten auf dem Meer? Nicht gerade Instagram-tauglich.«

»Sargassum«, erwiderte Sarah, ohne aufzublicken. »Hat schon Kolumbus genervt. Daher der Name Sargassosee.«

»Eine alte Influencer-Plage also.«

Jetzt sah sie doch auf. »Oh, entschuldige – stört es deine Ästhetik?«

»Meine Follower erwarten das Paradies, keine Algensuppe.« Er hielt den Tang hoch wie eine verdorbene Garnierung. »Warum schwimmt das Zeug überhaupt mitten im Meer rum?«

»Du interessierst dich nicht wirklich für Meeresbiologie.«

»Ich interessiere mich für alles, was eine spannende Story ausmacht.«

Sarah legte ihr Maßband beiseite. »Normal ist, dass Sargassum ein wichtiges Ökosystem ist. Für viele Tiere und Pflanzen. Nicht normal ist, dass der Teppich jedes Jahr größer wird.«

»Und warum ist das so, Frau Doktor?«

»Die übliche Geschichte. Der Mensch überdüngt Felder im Amazonasgebiet, der Regen spült die Nährstoffe in die Flüsse, die Meeresströmungen verteilen sie über den halben Atlantik – et voilà, Sargassum-Explosion.«

»Der Amazonas? Der ist doch …«

»… gut zweieinhalbtausend Kilometer entfernt, genau. Überraschung – die Welt ist verbunden! Die Nährstoffe landen in den Flüssen, die Meeresströmungen verteilen sie, und – tadaa! – Algenpest in der Karibik.«

»Find ich jetzt keine sooo schöne Geschichte.«

»Du wolltest spannend, nicht schön. Ist übrigens nicht nur hier so. Dasselbe spielt sich jedes Jahr im Golf von Mexiko ab, in den der Mississippi die Überdüngung der US-Landwirtschaft schwemmt und dort sogar eine sogenannte Totzone produziert. Außerdem in der Ostsee, in der oberen Adria …«

»Moment.« Linus hob sein Handy. »Das klingt nach …«

»Einer Story? Klar. Aber nicht die wichtigste von heute.«

»Der Kalmar-Wal-Kampf?« Er kriegte sich kaum ein vor Lachen. »Wahl-Kampf!«

Sarah verdrehte die Augen. »Dass der Kalmar hier oben war.« Sie sah ihn ernst an. »Mit dem Sargassum und den Totzonen leben wir seit Jahren. Aber Tiefseekreaturen an der Oberfläche? Meist nur, wenn sie krank sind. Und der heute hat nicht krank ausgesehen, so wie er den jungen Walhai angegriffen hat. Abgesehen davon, dass keine Angriffe von Kalmaren auf Walhaie bekannt sind – selbst nicht auf junge.«

»Das ist dann wohl die noch bessere Story.«

»Ist es«, murmelte Sarah. »Leider.«

13

In der Lagerhalle brummten die Lüfter der PCs.

»Wie Sie sehen, hätte das Modell mit den entsprechenden Daten von vor einem Jahr die Entwicklung bis heute perfekt vorhergesagt«, erklärte Edward lässig und bewegte sich zwischen den Kunden hindurch, die dem ersten Teil der Präsentation auf dem großen Screen gelauscht hatten. »Jetzt kommt der spannendste Part – die Forward Projection, die Zukunft! Unsere Prognosen zeigen Ihnen, wohin die Reise geht. Sie werden beeindruckt sein!«

Edward warf Piero einen scharfen Blick zu. Keinen Mist jetzt!

Piero startete die Simulation. Er war selbst gespannt auf das Ergebnis.

Alles lief bestens. Woche 1, 2, 3 … Die Flughäfen waren belebt, Container wurden bewegt, Lastwagen fuhren in Kolonnen. 13, 14, 15 … Die Datenströme in den Tabellen und Kurven stockten. Flughäfen leerten sich, Lastwagen hielten an. Gemurmel der Kunden legte sich über die Animation. 27, 28, die Containerhäfen verwandelten sich in Geisterstädte, in denen nur mehr ein Bruchteil der vorherigen Betriebsamkeit herrschte.

Das Gemurmel wurde lauter.

»Das soll die Zukunft sein?«

»Ist das ein Witz?«

»Ist das System gehackt worden, oder was?«

»Wollen Sie uns verarschen?«

Edwards Blick drohte Piero aufzuspießen. Im nächsten Moment wandte er sich den Kunden zu, ein perfektes Lächeln ins Gesicht geschmiert.

»Keine Sorge, meine Herren, das ist nur die Simulation eines Extremszenarios.«

»Aber Sie sagten doch, es wäre eine Prognose und keine Simulation«, entgegnete einer der Kunden scharf.

Aller Augen richteten sich jetzt auf Piero.

»Das ist es auch«, erwiderte der äußerlich ruhig. »Innerhalb einer gewissen Bandbreite. Die Realität könnte etwas milder ausfallen – oder aber schlimmer.«

»Schlimmer?!« Ein Kunde zeigte auf die Bildschirme. Die Prognose war bei Tag 159 angekommen. Dort bewegte sich nichts mehr. »Das hier ist ein halber Kollaps! Wie kommt das System zu so einer Vorhersage?!«

»Aktuellste Daten«, erklärte Piero. Es war die einzig mögliche Erklärung. »Wenige Stunden alt, teils nur Minuten oder Sekunden. Wir tracken, was wir bekommen können, live, spielen laufend aktuelle Erkenntnisse und Forschungen unserer wissenschaftlichen Kooperationspartner ein, und das System verarbeitet all das in Echtzeit.« Sein Blick wanderte kurz zum Bildschirm, dann richtete er ihn auf die Kunden. »Abweichungen in den globalen Schifffahrtsmustern, vor allem in der Fischerei, und Landwirtschaftsdaten aus Südamerika, vor allem die Sojaernte, sowie jüngste OSINT-Analysen.«

Einer der Kunden verschränkte die Arme.

»Das möchte ich genauer wissen.«

Da ging es Piero ganz genauso. Er musste die Nachrichten auf seinem Smartphone lesen. Begreifen, was da draußen geschah.

Edward hingegen witterte seine Chance wie ein Hai das Blut: »Das würde den Rahmen dieser Präsentation sprengen. Genau für eine solche In-Depth Analysis würden Sie das Programm lizenzieren.«

»Warum sollten wir darauf vertrauen?«, entgegnete ein weiterer Kunde. »Kein anderes Tool sagt derzeit etwas in der Art voraus – im Gegenteil, die meisten Prognosen sind optimistisch.«

Edward zeigte ein Lächeln, das Piero nur zu gut kannte. Er hatte gerade eine Idee, die zumindest er für brillant hielt.

»Dann sind Sie die Einzigen, die sich auf anstehende Krisen vorbereiten können. Ein erheblicher Wettbewerbsvorteil, finden Sie nicht auch?«

Die Kunden tauschten Blicke.

Piero kannte auch diese Blicke. Zweifel, durchsetzt von einer Prise Gier. Er trat einen Schritt vor.

»Sie zahlen nicht für den Sonnenschein. Sie zahlen dafür, zu wissen, wann es stürmt.«

14

Edward verabschiedete die Kunden am Tor der Präsentationshalle, das Team packte die Ausrüstung zusammen. Piero schob seinen Laptop in die Tasche und wollte jetzt endlich die Alarmmeldungen auf seinem Telefon sichten, als Edward auf ihn zustürmte. Das Gesicht rot vor Wut, die Hände zu Fäusten geballt.

»Verdammt, Herr Manzano! Wollen Sie den Auftrag ruinieren?!«

»Im Gegenteil. Ich habe versucht, den Ruin der Kunden zu verhindern.«

»Die wollen Lösungen, keine Katastrophen!«

Piero klickte die erste Nachricht an.

»Die Wirklichkeit fragt nicht, was sie wollen«, murmelte er abwesend. Und dann, an Edward gerichtet: »Mit der Wahrheit können sie Lösungen vorbereiten.«

Edward fuhr sich mit der Hand durchs Haar.

»Und was, wenn die Wahrheit uns Pleite macht?«

»Besser, wenn die Wahrheit Pleite macht?« Piero warf seine Tasche über die Schulter. Hier konnte er die Nachrichten nicht in Ruhe lesen.

Er warf einen letzten Blick zu Edward. Die Ader an dessen Schläfe pochte. Dann spuckte er die Worte förmlich aus: »Das war’s, Herr Manzano. Diese Collaboration funktioniert nicht. Wir gehen getrennte Wege. Ich werde andere Lösungsanbieter evaluieren.«

Piero schwang sich kommentarlos auf sein Rad. Eigentlich brauchten sie das Geld aus dem Auftrag – und mehr. Aber das ließ er sich nicht anmerken. Schon gar nicht vor einem wie Edward.

»Was kommt, das kommt – mit oder ohne mich«, rief er über die Schulter. »Aber manche werden besser darauf vorbereitet sein.«

15

Das Boot pflügte über das glitzernde Meer. Die Tauchgäste saßen über ihre Handys gebeugt, Sensationsgier hatte den Schrecken längst verdrängt. Immerhin musste Sarah sich so nicht um sie kümmern und ihnen irgendwelche Märchen zur Beschwichtigung einflüstern.

Eine Weile war nur das Dröhnen des Bootsmotors zu hören.

Dann: »Was für ein Tag, Leute! Kalmare, Walhaie – das volle Programm! Stay tuned! Ich versprech’s euch, das nächste Video wird der Hammer!«

Sarah wandte sich kopfschüttelnd ab und tippte auf ihrem Telefon eine Nummer.

»Titanen im Kampf! Ihr glaubt nicht, was da unten abging!«

So weit konnte sie die Augen gar nicht verdrehen. Auf dem Bildschirm erschien Henry Callouns hageres, von der Sonne gegerbtes Gesicht.

»Sarah? Alles in Ordnung? Deine Augen?«

»Hey, Henry!«, rief Sarah ins Telefon, gegen den Motor und Linus’ Monolog. »Sorry für den spontanen Anruf. Bin gerade auf einem Boot in der Karibik.«

»Ich höre es. Das heißt, ich höre dich kaum.«

Sarah drehte sich weg vom Lärm – und zuckte zusammen. Linus stand direkt vor ihr, die Handykamera wie eine Waffe auf sie gerichtet. Sie zog sich in die Kajüte zurück.

»Hör zu, Henry. Es ist was Seltsames passiert. Ein Riesenkalmar, direkt an der Wasseroberfläche, gejagt von einem Pottwal!« Hinter ihr öffnete sich die Kajütentür einen Spalt. Linus, wer sonst. Der Typ hatte Nerven! Aber auf dem Boot gab es kein Entkommen, und sie hatte nicht ewig Zeit. Henry schon gar nicht. »Der Wal hat den Riesenkalmar erlegt. Wir haben sogar Videos.«

Linus schob sich grinsend in ihr Sichtfeld, die Kamera durch den Türspalt auf sie gerichtet.

»Und hier sehen wir Sarah, wie sie das Rätsel der Killerkalmare löst!«

Sie verengte die Augen. Ihr Blick müsste ihn eigentlich einfrieren.

»Schickst du mir das Video?«, fragte Henry.

»Klar.«

»Ich werfe mal einen Blick in die Datenbanken der NOAA und melde mich später.«

»Danke, Henry, bist ein Schatz!«

Sie steckte das Handy weg. Linus filmte natürlich immer noch.

»Wer war das? Klang wichtig.«

»Jemand mit mehr Benehmen und Hirn, als du in deinem ganzen Leben haben wirst.«

»Dann sollte ich unbedingt wissen, wer er ist, damit ich von ihm lernen kann.«

»Ein Studienfreund bei der US-amerikanischen National Oceanic and Atmospheric Administration, kurz NOAA. Schick mir dein Video, damit ich es an ihn weiterleiten kann.«

»Was bekomme ich dafür?«

»Keine Ohrfeige.«

»Klingt überzeugend.« Linus tippte auf seinen Bildschirm herum. »Schon erledigt.«

Sarah leitete das Video an Henry weiter und schob sich an Linus vorbei aufs Deck. Er heftete sich an sie wie eine Klette.

16

Das Boot knatterte mit Vollgas über die Wellen, als sie sich dem Resort näherten. Linus scrollte durch sein Telefon, während Sarah die Tauchausrüstung verstaute.

Was haben wir denn da?

»Ocean_Sarah_92? Das bist ja du!« Er hielt ihr sein Display unter die Nase. »Dein Post von gerade eben. ›Kalmar vs. Wal. Unglaublicher Tag. Die Meere verändern sich.‹ Mit einem Foto, auf dem der Wal abtaucht. Nett.«

Sarah widmete sich weiter den Tauchmasken und Flossen.

»Stalker.«

»Ich folge allen Resort-Accounts. Professionelle Recherche nennt man das.« Er scrollte weiter. »Hashtag SaveTheOceans, Hashtag MarineBiology … du also. Allerdings quasi anonym. Der Resortdirektor soll wohl nicht mitbekommen, was seine Tauchlehrerin und Gastwissenschaftlerin so postet.«

»Willst du mich verpetzen?«

»Nö.« Sein Grinsen wurde breiter. »Mich nicht für voll nehmen, aber selbst auch auf Insta unterwegs sein. Mit dreihundertsechsundzwanzig Followern, echt süß. Dabei sind deine Bilder gar nicht schlecht.«

»Nicht jeder braucht Hunderttausende Follower«, murmelte sie und stapelte die Sauerstoffflaschen.

»Aber ein paar mehr könnten nicht schaden. Bei dem, was du zu zeigen hast …«

»Anders als du poste ich nur, was wichtig ist.«

Er scrollte durch ihren Feed.

»Sonnenuntergänge sind wichtig?«

Jetzt sah sie ihn an. Lächelte beinahe.

»Weil sie schön sind.«

17

Das Dorf lag ruhig am Rand des Dschungels. Einfache Holzhütten, die Dächer mit Palmwedeln bedeckt, säumten den zentralen Platz. Ein paar Hühner scharrten im Staub. Kinder lachten, jagten einander durch die engen Pfade. Die Älteren hielten sich im Schatten der Bäume, beobachteten das Treiben mit gelassener Aufmerksamkeit.

Isabel saß im Kreis mit Paulo, Carlo und einigen Dorfbewohnern. Das Affenbaby balancierte auf ihrer Schulter, spielte mit einer Strähne ihres roten Haares. Es erinnerte sie permanent an die Ereignisse des Morgens, ließ sie nicht zur Ruhe kommen. Auf ihrem Telefon lief das Video, die Stimmen der Experten krächzten gedämpft aus dem Lautsprecher. Isabel pausierte das Video. Das Bild fror ein: Gestalten in Overalls und mit Messgeräten zwischen den Baumstümpfen.

»Diese Männer messen Veränderungen im Wald«, erklärte Isabel. »Habt ihr schon vorher welche bemerkt?«

Antonio, ein kräftiger Mann mit sonnengegerbtem Gesicht, beugte sich vor und nickte bedächtig. Er deutete auf das Bild.

»Die Geräte kenne ich. Temperaturmesser, Feuchtigkeitsmesser. Umwelt- und Klimaaktivisten benutzen die manchmal.«

Don Miguel, ein alter Mann mit gebeugtem Rücken, erhob sich schwerfällig aus dem Schatten. Sein Gesicht war von tiefen Furchen durchzogen, die fast schwarzen Augen warm und wachsam.

»Ob wir Veränderungen bemerkt haben?« Er verzog den Mund zu einem zahnlosen Lächeln und zeigte in den Wald. »Mädchen, geh und hör dem Dschungel zu.«

Isabel zögerte. Dann stand sie auf. Das Affenbaby kletterte von ihrer Schulter und setzte sich in den Schoß einer alten Frau, die es mit einer sanften Geste beruhigte.

Am Rand des Dorfes blieb Isabel stehen. Sie lauschte.

Vögel riefen irgendwo tief im Blätterdach. Insekten summten, ein leises Rascheln ertönte im Unterholz.

Don Miguel trat neben sie. Seine Augen suchten etwas in den Schatten des Waldes.

»Und? Was hörst du?«

Isabel runzelte die Stirn. »Vögel … Insekten … Blätter im Wind?«

Der alte Mann nickte kaum merklich. »Früher war es ein Chor«, sagte er matt. »Tausend Stimmen. Überall Leben. Heute … ein Flüstern.«

Isabel wandte den Blick nicht von den Bäumen.

»Die Seele des Waldes zieht sich zurück«, fuhr Don Miguel fort. »Als wüsste sie, was kommt.«

Die anderen Dorfbewohner standen nun ebenfalls am Rand des Kreises. Ihre Gesichter ernst, von Jahren harter Arbeit, Sorgen und Leben unter freiem Himmel gezeichnet. Sie nickten, einer nach dem anderen.

Der Alte sprach erneut, seine Stimme wie ein Echo aus einer anderen Zeit. »Die Alten sagten: Wenn die Tiere verstummen und die Bäume keine Lieder mehr singen, steht eine große Veränderung bevor.«

Isabels Blick verlor sich zwischen dem Geäst.

»Wir haben die Stimmen viel zu lange überhört«, murmelte sie. Ihre Worte verschwanden im leisen Summen des Waldes.

18

Der Dschungel war eine grüne Festung, dicht, feindselig. Die Männer bewegten sich lautlos darin. Sie waren nun zu fünft; ihre Tarnkleidung verschmolz mit den Schatten der Bäume.

Roldán, der Anführer, hob die Hand. Vor ihnen tauchte das Dorf auf, verborgen zwischen Bäumen. Holzhütten, Kinder im Sand, Rauch über einem kleinen Feuer, daneben eine Frau, ein Mann.

»Da vorn. Das ist es«, flüsterte er.

Die Gruppe hielt inne, geduckt, die Gewehre bereit. Roldán ließ den Blick wandern, dann gab er leise Anweisungen. »Wir kreisen das Dorf ein. Niemand kommt rein oder raus, ohne dass wir es mitkriegen.«

Ein Nicken, ein paar Handzeichen – die Männer verschwanden lautlos im Unterholz.

Roldán schlich bis an den Waldrand. Seine Augen suchten die Positionen der anderen. Er konnte sie nur erkennen, weil er wusste, wo sie waren. Die Kinder spielten weiter. Ein Hund trottete an einer Frau vorbei, die in einem Kessel über dem Feuer rührte, hielt an, stellte die Ohren auf, sah sich um.

»In Position?« Roldáns Stimme war kaum mehr als ein Zischen ins Funkgerät.

»Bestätigt«, kam es zurück, einer nach dem anderen.

»Auf mein Zeichen.«

Er zählte innerlich. Eins. Zwei.

»Los!«

Fünf Schatten stürmten aus dem Dickicht.

19

Die große Holzhütte nahe dem Pier war vollgestopft mit Surfbrettern, Tauchausrüstung und anderen Wassersportgeräten. Ein paar Gäste stöberten herum, während Sarah an einem kleinen Tisch vor ihrem Laptop saß. Durch die offenen Fenster hörte sie die Brandung, vom Vorplatz Linus, der an seinem Handy hing und dabei immer wieder etwas kommentierte.

Eigentlich sollte sie sich um die Gäste kümmern. Sie beruhigen, den Vorfall herunterspielen, weitere Tauchfahrten verkaufen. Aber der Videocall mit Henry war wichtiger.

Neben seinem vertrauten Gesicht auf dem Bildschirm flimmerte eine Weltkarte. Bereiche der Karibik, der Nordatlantik, Teile des Westatlantiks und eine Zone vor der chilenischen Küste leuchteten rot. Daneben waren Prozentzahlen eingeblendet.

Sarah beugte sich vor. »Wow, die Planktonrückgänge sind ja erschreckend«, bemerkte sie.

»Ja, bislang fällt die Frühjahrsblüte des Phytoplanktons in einigen Regionen extrem schwach aus. Fischbestände ändern bereits ihre Wanderungen.«

Sarah runzelte die Stirn.

»Das könnte tatsächlich erklären, warum der Kalmar aufgetaucht ist. Der Hunger treibt die Tiefseefische an die Oberfläche.«

Henry nickte. »Gut möglich! In den letzten Tagen ist das Planktonvorkommen in einigen Gebieten regelrecht zusammengebrochen.«

»Habt ihr schon eine Idee, warum?«

»Analysen laufen, aber du weißt, wie das ist – es können verschiedene Gründe sein. Veränderungen von Meeresströmungen, wärmeres Wasser aufgrund der Klimakrise, Verschmutzung mit zu viel Dünger oder dergleichen, Pestizide, PFAS … Mikro- und Nanoplastik wird aktuell ein immer heißerer Tipp. Vielleicht summiert sich ja auch einiges davon zu einem tödlichen Cocktail. Oder – eine weitere These – es gab zu viel Krill, der das Plankton weggefressen hat.«

»Aber das müsste doch messbar sein. Außerdem würde das hohe Krillvorkommen Meerestiere anziehen, die ihn fressen – hat man in der Richtung denn etwas festgestellt?«

»Nicht dass ich wüsste«, sagte Henry. »Bis man die Ursache von solchen Veränderungen herausfindet und dann auch beweisen kann, dauert es wahrscheinlich Monate oder sogar Jahre, wenn es überhaupt gelingt. Tatsache ist – es passiert.«

»Die Planktonbestände gehen seit Jahren zurück, das ist kein Geheimnis. Aber in dem Ausmaß?«

»Wenn wir Pech haben,« – Henry spitzte kurz die Lippen – »haben sie einen Kipppunkt erreicht.«

»Kipppunkt! Das wäre ein Desaster! Wann wissen wir das?«

»Schwer zu sagen. Im Lauf des Jahres, wenn die Blüte in den tropischen Gebieten nicht anzieht? Im Herbst, falls die Herbstblüte auch ausfällt? Im nächsten Frühjahr, wenn sie wieder ausbleibt?«

»Ein Albtraum! Wobei, für die Fischbestände in den betreffenden Gebieten wird es selbst ohne Kipppunkt dramatisch. Und für alles, was daran hängt.«

»Desasterdramatischalbtraum? Klingt spannend!«

Genervt fuhr Sarah herum. Linus, wer sonst. Natürlich mit Kamera. Sie schirmte den Laptop mit der Hand ab.

»Linus, hier unterhalten sich Erwachsene. Geh wieder mit deinem Handy spielen.«

Er hob die Hände und trat grinsend zurück.

»Klar. Ich stör dich nicht weiter in deinem Labor. Ich will eh das Video mit dem Wal schneiden.«

Sarah verdrehte die Augen.

»Muss ja alles Content werden bei dir.«

Linus scrollte durch sein Telefon.

»Sagt die, die gestern um drei Uhr morgens einen Schwarm fluoreszierender Quallen gepostet hat. Mit fünf Filtervarianten.« Er sah auf. »Ich meine – fluoreszierend und Filter? Ist das nicht ein bisschen … wie würdest du sagen, clickbaity?«

»Das war wissenschaftliche Dokumentation.«

»Mit Herzchen-Emoji?«

»Ich arbeite hier«, sagte sie und wandte sich wieder Henry zu.

»Hashtag CaughtInTheAct«, hörte sie Linus noch hinter sich murmeln, während er sich entfernte.

»Sorry, manche Gäste …« Sie seufzte. »Also, wo waren wir?«

»Die Daten für die Karibik, Westafrika, den Pazifik bei Südostasien und vor Südamerika sind lückenhaft, aber der Trend ist derselbe wie im Nordatlantik. Phytoplankton bleibt aus, und die Fische werden folgen.«

Sarah kniff die Augen zusammen. »Und wir können nichts tun.«

»Nein, wir nicht.«

»Danke, Henry. Wir hören uns.«

»Machen wir. Pass auf dich auf.«

Sarah beendete den Call und lehnte sich zurück. Schüttelte langsam den Kopf und flüsterte: »Kipppunkt.« Von draußen hörte sie Linus mit sich selbst reden.

»… und dann, BÄÄÄMMM, der Wal! Die Leute werden ausflippen!«

20

Sarah trat aus der Hütte und ging über den Pfad zum Strand. Vor ihr erstreckte sich das ruhige Meer. Es wirkte so friedlich, während sich unter seiner Oberfläche gerade ein Drama entwickelte. Vor der Welt noch verborgen.

Sofort war Linus neben ihr. »Und, was sagt dein Wissenschaftler-Freund? Doch Giftalgen, die die Tierchen aggro machen? Irgendeine Chance, dass wir in Serie gehen? Kampf der Titanen, Marine-Version?«

Sarah entfuhr ein genervtes Stöhnen. »Eher The Hunger Games, Folge ›Wal gegen Kalmar‹«, erwiderte sie bissig. »Laut den neuesten Daten haben die da unten nichts mehr zu fressen. Das scheint die einzige Erklärung – der Hunger treibt sie hoch.«

»Immerhin«, gab Linus grinsend zurück und deutete auf sein Bein, »hatte das Vieh Geschmack.«

Sarah setzte ihren mitleidigsten Blick auf. »Wie gesagt, es hatte wohl Hunger – und in der Not frisst der Teufel Fliegen.«

Linus grinste. »Wir zwei sprechen einfach nicht dieselbe Sprache.«

»Doch, Englisch.«

»Vielleicht kommen meine Witze besser, wenn ich Deutsch spreche?«, fragte er auf Deutsch. Mit singendem Akzent, aber relativ fließend.

Sarah hielt überrascht an. »Ich dachte, du bist Schwede?«

»Bin ich.«

»Und dein Deutsch?«, wollte sie wissen.

»In der Schule gelernt. Und ein paar Sommer in der deutschsprachigen Schweiz verbracht.«

Sarah nahm ihren Weg wieder auf und stapfte näher an den Wasserrand, wo das Meer gemächlich am Sand leckte.

»Macht deine Witze auch nicht besser.«

»Come on«, wechselte er ins Englische zurück. »Du liebst meine Jokes, willst es bloß nicht zugeben.« Er langte ins Wasser und spritzte sie nass. Sie ignorierte es.

»Ich bin Wissenschaftlerin.«

»Und Wissenschaft ist ja so ›wahnsinnig interessant‹.« Er malte Gänsefüßchen in die Luft.

»In der Tat, auch wenn du dir das vermutlich nicht vorstellen kannst.« Sarah tippte einen Wassertropfen von Linus’ Hand, balancierte ihn auf ihrer Fingerspitze zwischen ihren Gesichtern. Über dem Tropfen trafen sich ihre Blicke. »Hierin leben mehr winzige Algen und Kleinstlebewesen wie Phytoplankton als Zellen in einem Gehirn. Also deinem. Sie bilden die Grundlage der gesamten marinen Nahrungskette. Ohne das bekommst du bald kein Sushi mehr.«

»Okay, da wäre der Spaß wirklich vorbei.«

Sie wischte den Tropfen kommentarlos an ihren Shorts ab.

»Eines verstehe ich nicht ganz«, sagte Linus. »Der Amazonas düngt die eine Alge, das Sargassum, aber nicht die anderen, also das Phytoplankton?«

»Tja, mein Lieber, die Natur ist eben komplex. Und kompliziert.«

Linus richtete erneut das Handy auf sie.

»Aber warum sollte das Phytoplankton einfach verschwinden?«

»Die Frage lautet eher, warum nicht? Du weißt schon, dass wir Menschen das sechste Artensterben in der Geschichte des Planeten ausgelöst haben?« Sie reckte den Daumen, begann an den Fingern ihrer Hand abzuzählen: »Ordovizisches Massenaussterben vor rund vierhundertvierundvierzig Millionen Jahren, fünfundachtzig Prozent aller Meereslebewesen weg, oberdevonisches vor etwa dreihundertzweiundsiebzig Millionen Jahren. Perm-Trias vor zweihundertzweiundfünfzig Millionen Jahren war überhaupt am schlimmsten – knapp sechsundneunzig Prozent der Arten im Meer und fast drei Viertel aller Arten an Land. Kreide-Paläogen vor sechsundsechzig Millionen Jahren …«

»Du meinst, wie der Asteroid und die Dinosaurier?«

»Genau. Nur dieses Mal sind wir der Asteroid. Und am Ende womöglich auch die Dinosaurier.«

»Ich liebe Dinos!«

»Jungs, klar.«

»Aber ich will nicht so enden wie sie.«

»Die aktuelle Aussterberate liegt zehn- bis hundertmal höher als der Schnitt der letzten zehn Millionen Jahre.«

»Ich weiß – Eisbären, Berggorillas, Orang-Utans, Nashörner, Tiger … alle gefährdet.«

»Traurig genug, wenn es nur diese charismatischen, großen Flagship-Arten wären«, erwiderte Sarah.

»Flagship, haha.«

Sarahs Miene blieb ernst. »Biodiversitätsverlust ist viel mehr. Allein seit 1970 gingen die erfassten Wirbeltierpopulationen im Mittel weltweit um bis zu zwei Drittel zurück. Für Insekten und andere Wirbellose gibt es keine globale Prozentzahl, aber die Befunde aus vielen Regionen sind drastisch. Nur bekommen die nicht so viel Aufmerksamkeit wie ein knuddeliges Eisbärenbaby oder Berggorilla-Junges. Und die Hälfte der Blütenpflanzen und über ein Drittel aller Baumarten gelten weltweit als bedroht. Das passiert nicht unbedingt über Nacht, wie beim Asteroiden« – sie hackte mit ihrer Handkante die Luft vor ihrer Brust in schmale Stückchen – »sondern nach und nach. Kleinere Populationen bedeuten geringere genetische Vielfalt innerhalb einer Population und Art. In Deutschland etwa beobachtet man immer öfter Missbildungen bei Rotwild, weil die Lebensräume einzelner Populationen durch Straßen und Besiedlung so voneinander getrennt werden, dass sich die Gruppen nicht mehr mischen können und es zu Inzucht kommt. Ist nur ein Beispiel …«

Linus verzog das Gesicht.

»Okay, du bist eindeutig Abteilung Horrorstory.«

»Wie gesagt, ich bin Abteilung Wissenschaft.«

»Unleugbar. Ist so was vielleicht erblich?«

Sie musterte ihn für einen Moment. »Vielleicht«, sagte sie. »Meine Großmutter war in den Sechzigerjahren eine der ersten Meeresbiologinnen.«

»Cool!«, entfuhr es ihm unwillkürlich.

»Ja, tatsächlich. Sehr sogar.«

»Von ihr hast du das also.«

»Das«, sagte Sarah – und dann leise, nur für sich –, »und noch viel mehr.« Sie schob ihn zur Seite. »Musst du alles filmen?«

»Natürlich! Die Leute lieben das. Vielleicht löst du ja gerade das Rätsel der Tiefsee – und ich hab’s quasi auf Film.«

»Ja, genau. Hollywood, ich komme.«

21

Die Industriegebäude hinter Piero ragten wie graue Monolithen in den Himmel. Er hatte das Logistikgelände verlassen und lehnte draußen an seinem Rad. Die Containerstapler schichteten die großen Metallboxen wie bunte Bauklötze eines Riesenkindes.

Er tippte die erste Nachricht auf dem Display seines Telefons an. Sie stammte von Vysyon, der Universal-Prognose-KI, die er mit seinem Team entwickelt hatte und die sich noch in einer Testphase befand. Sie führte die Voraussagen der diversen Spezial-KIs wie des eben präsentierten Logistikprogramms zusammen, um ein Gesamtbild zu bieten.

VYSYON. Wahrscheinlichkeit für Multisystemkollaps in den kommenden 8 Monaten: 28%. Mehr …

Multisystemkollaps … Während des Blackouts hatte er das schon einmal erlebt. Erst war der Strom ausgefallen. Der Verkehr zusammengebrochen. Heizungen hatten versagt, Klimaanlagen, Aufzüge, Tankstellen. Dann die Notstromgeneratoren. Menschen auf den Intensivstationen waren von Hand beatmet worden; diejenigen zumindest, die Glück gehabt hatten. Millionen Tiere waren in den Ställen erstickt. Draußen Hamsterkäufe. Zusammenbruch der Lieferketten. Rohe Gewalt. Wie sie ihn fälschlich verdächtigt hatten. Gejagt hatten. Das musste er nicht noch einmal haben. Die Katastrophe war Jahre her, doch sie verfolgte ihn noch immer. Damit sich so etwas nicht wiederholte, hatte er diese Programme entwickelt.

Er öffnete die nächste Nachricht.

FINANZ. Kritische Abweichung in globalen Meeresökosystem- und Bodendaten. 81% Down-Risiko für betroffene Märkte wie Fischerei, Fischprodukte, Landwirtschaft, Logistik, Küstentourismus. Mehr …

Das erklärte die Prognosen für den Teilbereich Logistik, der die potenziellen Kunden gerade so schockiert hatte.

LOGISTIK. 12 – 47% geringere Auslastung internationaler Häfen in den kommenden 6 Monaten. Mehr …

Das »Mehr« hatte er gerade in der Animation gesehen …

Er hob den Blick. Hinter einer Lücke in den Containergebirgen zog ein Konvoi von Lkw vorbei. Endlos. Dröhnend.

LEBENSMITTEL. Asien, Südamerika, Europa, USA: 36 – 67% erhöhtes Risiko landwirtschaftlicher Ernteeinbußen um 12 – 80% in den kommenden 8 Monaten. Rückgang von Fleisch- und Milchproduktion in Europa und China bis 80%, in den USA und Kanada bis zu 30%. Mehr …

Wie bitte?! Warum?

Piero tippte auf »Mehr«.

Zusammenfassung: Anzeichen verschärfter Bodendegradation in landwirtschaftlichen Nutzgebieten Europas, Süd- und Nordamerikas lassen je nach Region und Frucht Ernteeinbußen zwischen 12 und 80% erwarten.(1)

Zwölf bis achtzig Prozent? Das würde Nahrungsmittelrationierungen, explodierende Preise, in manchen Ländern wahrscheinlich soziale Unruhen und sogar Hungersnöte bedeuten!

Die Sojaernte in Brasilien wird mit ca. -30% deutlich schlechter ausfallen als derzeit erwartet.(2) Dies wird signifikante Auswirkungen auf die europäische und chinesische Nutztierhaltung haben, die für kommerzielle Tragfähigkeit fast vollständig von der Belieferung mit Soja aus Südamerika abhängig ist. Erwartet wird ein Rückgang der Fleisch- und Milchproduktion von 60 – 80%.(3)

Ungläubig fuhr sich Piero durchs Haar. Das Programm musste einen Fehler gemacht haben.

Die USA als wichtiger Sojaproduzent sind geringer betroffen, der Rückgang der Fleisch- und Milchproduktion wird mit 15 – 30% erwartet.(4)

Durch die weit unterdurchschnittliche Frühjahrsblüte des Phytoplanktons in wichtigen Fischereiregionen werden massive Auswirkungen auf die maritimen Nahrungsketten erwartet.(5) Daraus folgen entsprechende Konsequenzen für abhängige Wirtschaftszweige wie Fischerei, Lebensmittelverarbeitung und -produktion, Tourismus etc.(6)

Piero löste den Blick vom Bildschirm. Die Referenzzahlen würden ihn zu weiteren Details führen, die konnte er sich später ansehen. Was er hier las, war dramatisch genug.

Wenn es denn stimmte. Diese Warnungen waren so drastisch, dass er sofort das Team in Genf kontaktieren musste.

Er öffnete die Gruppenkonferenz-App und wählte die drei wichtigsten Entwickler seines Instituts. Alle so jung, dass sie seine Kinder hätten sein können. Binnen Sekunden erschienen die vertrauten Gesichter auf seinem Display: Dr.Terry Chen, seine Lead Data Scientist im Vysyon Institute for Systems Analytics, Mikhail Perisov, der Systemarchitekt, und Dr.Serena Ariang, die für die Algorithmus-Validierung zuständig war.

»Piero«, begrüßte ihn Terry sofort. »Wir haben die Alarmmeldungen auch gesehen. Mikhail und ich checken seit einer Stunde alle Parameter.«

»Und?«, fragte Piero gespannt.

Mikhail schüttelte den Kopf. »Datenfeeds laufen korrekt. Alle Schnittstellen funktionieren einwandfrei. Keine Anomalien in der Verarbeitung.«

»Ich habe die Algorithmus-Gewichtungen dreifach validiert«, ergänzte Serena. »Alles im grünen Bereich. Das System arbeitet exakt wie programmiert.«

Terry lehnte sich näher an ihre Kamera, er sah die Sorgenfalten auf ihrer Stirn. »Piero, wenn das System richtig funktioniert, dann bedeutet das …«