Ehemänner - Holly Gramazio - E-Book

Ehemänner E-Book

Holly Gramazio

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Beschreibung

Er könnte der Richtige für sie sein. Der Nächste aber vielleicht auch? Lauren sucht den richtigen Mann. Doch woher soll sie jemals wissen, ob sie ihn gefunden hat, und nicht noch ein besserer wartet? So unterhaltsam wie Gabrielle Zevins ›Morgen, morgen und wieder morgen‹, so zeitgeistig wie Dolly Alderton und Taylor Jenkins Reid Wenn Lauren eines genau weiß, dann: dass sie nicht verheiratet ist. Doch eines Nachts steht ein völlig fremder Mann in ihrem Flur und behauptet, ihr Ehemann zu sein. Als er auf dem Dachboden verschwindet und wenig später ein ganz anderer Mann herunterkommt, beginnt sie an ihrem Verstand zu zweifeln. Laurens Dachboden scheint einen endlosen Vorrat an potenziellen Ehemännern hervorzubringen. Und das ist gar nicht so schlecht – oder? »Dieser Roman beleuchtet auf kluge und großartige Weise, wie wir heute Entscheidungen treffen – kaleidoskopisch, schlau und sehr, sehr unterhaltsam.« Claire Lombardo »Ich mag alle Ehemänner in diesem cleveren und originellen Roman, sogar die schrecklichen. Ein zeitloses Juwel darüber, wie wir heutzutage Leben.« Gabrielle Zevin »Eines der lustigsten Debüts der letzten Jahre! Holly Gramazio hat nicht nur eine geniale Idee, sondern auch den entsprechenden Humor und Scharfsinn. Eine brillante Satire auf die Bindungsprobleme der Tinder-Generation!« Johanna Thomas-Corr, Sunday Times

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 510

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Über das Buch

Was wäre, wenn man Ehemänner so einfach wechseln könnte wie eine Glühbirne?

 

Wenn Lauren eines genau weiß, dann: dass sie nicht verheiratet ist. Doch eines Nachts steht ein völlig fremder Mann in ihrem Flur und behauptet, ihr Ehemann zu sein. Als er auf dem Dachboden verschwindet und wenig später ein ganz anderer Mann herunterkommt, beginnt sie an ihrem Verstand zu zweifeln. Laurens Dachboden scheint einen endlosen Vorrat an potenziellen Ehemännern hervorzubringen. Und das ist gar nicht so schlecht – oder?

Holly Gramazio

Ehemänner

Roman

Aus dem Englischen von Babette Schröder

Für Terry, meinen Lieblingsehemann

1

Der Mann ist groß, hat dunkles, zerzaustes Haar und wartet auf dem oberen Treppenabsatz, als sie recht angetrunken von Elenas Junggesellinnenabschied nach Hause kommt.

Mit einem Aufschrei weicht sie zurück. »Was …«, setzt sie an und unternimmt dann einen zweiten Anlauf. »Wer sind Sie?«

Er seufzt. »Lustigen Abend gehabt?«

Mit Teppich ausgelegte Stufen führen hinauf zu dem Mann und dem schummrigen Flur in der ersten Etage. Das ist doch bestimmt die richtige Wohnung, oder? Ja, natürlich, der Schlüssel hat ja gepasst. Sie ist zwar betrunken, aber nicht so betrunken, dass sie aus Versehen einen Einbruch begehen würde. Ohne den Fremden aus den Augen zu lassen, weicht sie einen Schritt zurück und tastet nach dem Lichtschalter.

Sie findet ihn, und in dem grellen Licht ist auf einmal alles so, wie es sein sollte: der Winkel der Stufen, die cremefarbenen Wände, sogar der Schalter unter ihren Fingern – ein kurzer Widerstand, dann Klick. Alles – bis auf ihn.

»Lauren«, sagt er. »Na los, komm hoch, ich mach dir einen Tee.«

Er kennt ihren Namen. Ist es … Nein, seit dieser Typ hier war, sind Monate vergangen, außerdem war er blond und hatte einen Bart. Nein, der ist es nicht. Ein Einbrecher? Woher sollte ein Einbrecher ihren Namen kennen?

»Wenn Sie gehen«, sagt sie, »zeige ich Sie nicht an.« Natürlich wird sie ihn anzeigen. Sie tastet nach der Türklinke hinter sich, was ein ziemlicher Krampf ist, aber sie darf ihn nicht aus den Augen lassen, insbesondere jetzt nicht, weil er – o Gott – die Treppe herunterkommt. Es gelingt ihr, die Wohnungstür zu öffnen, dann zieht sie sich Schritt für Schritt in den Hausflur zurück, bis sie den Ausgang erreicht. Nach kurzem Gefummel gelingt es ihr, auch die Haustür zu öffnen, und sie spürt die warme Sommerluft. Raus in den prasselnden Regen – aber nicht so weit, dass sie ihn nicht mehr sehen kann.

Er durchquert den Flur, dann steht seine Silhouette in der Tür, das grelle Licht in seinem Rücken.

»Lauren«, sagt der Mann, »was machst du da?«

»Ich rufe die Polizei«, antwortet sie und kramt in ihrer Tasche nach dem Handy. Hoffentlich ist der Akku nicht leer. In der Tasche, in der eigentlich das Handy sein sollte, befindet sich stattdessen ein winziger Kaktus in einem bemalten Topf aus dem heutigen Workshop. Das Telefon selbst liegt weiter unten. Als das Display aufleuchtet, greift sie danach und holt es heraus.

Dabei bemerkt sie das Bild auf dem Sperrbildschirm: Sie an einem Strand, den Arm um den Mann gelegt, der vor ihr in der Tür steht.

Zwei Prozent Akku schmelzen zu einem Prozent. Es ist sein Gesicht. Ganz eindeutig. Und ihres.

Mit der anderen Hand greift sie nach dem kleinen Kaktus und hält ihn zum Wurf bereit. »Bleib, wo du bist.«

»Okay«, sagt er. »Okay. Ich bleibe hier.« Mit nackten Füßen ist er ein paar Schritte nach draußen gekommen. Sie schaut noch einmal hin: Sein Gesicht leuchtet auf dem Handydisplay und ist direkt vor ihr in der Dunkelheit. Er trägt ein graues T-Shirt und eine weiche, karierte Hose. Nein, keine Hose. Einen Pyjama.

»Gut«, sagt sie, »komm weiter raus.« Seufzend folgt er ihrer Aufforderung und macht ein halbes Dutzend Schritte auf den Bürgersteig, während sie zugleich weiter zurückweicht. Jetzt ist genug Platz, um ihn herum zur Haustür zu gehen, vorbei an der Erdgeschosswohnung, bei der die Rollläden geschlossen sind. »Bleib, wo du bist«, sagt sie noch einmal und geht um ihn herum, ohne ihn auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Er dreht sich um und beobachtet sie. Als sie in den Hausflur tritt, wendet sie sich kurz um und riskiert einen Blick, um sich noch einmal zu vergewissern: Ja, die geschlossene Tür von Tobys und Maryams Wohnung befindet sich auf der einen Seite, die offene Tür zu ihrer eigenen Wohnung mit der Treppe in den ersten Stock direkt hinter ihr. Es ist das richtige Haus.

»Lauren«, hört sie den Mann sagen. Sie fährt herum und schreit auf. Sofort bleibt er stehen – sie hatte ihm doch gesagt, er solle bleiben, wo er ist, und er hat sich bewegt! Sie knallt ihm die Haustür vor der Nase zu, geht dann rückwärts in ihre Wohnung, schlägt auch die Wohnungstür zu und schließt ab. »Lauren«, sagt er trotzdem noch von draußen. Sie tippt auf ihr Handy, um endlich die Polizei anzurufen, aber es leuchtet noch einmal auf – mit seinem Gesicht –, dann wird es dunkel. Der Akku ist leer.

Mist.

»Lauren«, er rüttelt an der Haustür. »Komm schon.«

Sie rennt die Treppe hinauf, durch den oberen Flur in die Küche und kramt nach ihrem Ladegerät. Sie muss jemanden anrufen, wenigstens Toby von unten. Aber dann hört sie Schritte, und der Mann kommt hoch. Irgendwie ist er in die Wohnung gekommen. Er ist in der Wohnung.

Sie fährt herum und hastet zur Küchentür. »Verpiss dich«, ruft sie, den Kaktus fest in der Hand. Sie ist bereit. Wenn er noch näher kommt, wird sie damit werfen.

»Beruhige dich«, sagt der Mann, als er das obere Ende der Treppe erreicht hat. »Ich hole dir ein Wasser.« Er kommt einen Schritt auf sie zu, und da wirft sie. Aber der Kaktus fliegt weit an ihm vorbei, prallt an der Wand ab und rollt in Richtung Treppe. Plumps, plumps, plumps-plumps-plumps beschleunigt er die Stufen hinunter in der ansonsten stillen Nacht und bleibt nach einem letzten, dumpfen Aufprall unten vor der Wohnungstür liegen.

»Was ist mit dir?«, fragt der Mann, die Schlüssel in der Hand. So ist er also hereingekommen: Er hat ihre Ersatzschlüssel gestohlen. Ja, natürlich. Vielleicht hat er sich in ihren Computer gehackt und über eine Internetverbindung ihr Handy manipuliert, und darum ist sein Foto auf ihrem Sperrbildschirm. Wäre das möglich? »Verdammt noch mal«, sagt er. »Geh und setz dich hin. Bitte.«

Er schaltet das Treppenlicht aus und das Flurlicht ein – in dem großen quadratischen Flur, von dem alle Zimmer abgehen. In dem großen grauen Flur, den sie täglich Dutzende Male durchquert.

Und der jetzt irgendwie blau ist.

Und mit Teppich ausgelegt. Er war nie mit Teppich ausgelegt. Warum ist da auf einmal Teppich?

Sie muss unwillkürlich hinstarren, und der Mann kommt auf sie zu. Sie weicht in Richtung Wohnzimmer zurück, und der Teppich fühlt sich selbst mit Schuhen an den Füßen dick und weich an. Das Wohnzimmer liegt direkt über dem Schlafzimmer von Toby und Maryam. Wenn sie schreit, werden sie es bestimmt hören. Aber selbst im Dunkeln scheint mit dem Raum etwas nicht zu stimmen.

Sie tastet nach dem Schalter.

Klick.

Das Licht fällt auf weitere fremde Gegenstände. Das Sofa ist dunkelbraun, und als sie heute Morgen ging, war es ganz bestimmt grün. Die Uhr an der Wand hat römische Ziffern anstelle arabischer, und es stellt sich heraus, dass römische Ziffern schwer zu lesen sind: VII, XIV, XI. Sie muss die Augen zusammenkneifen, damit sie nicht verschwimmen. In der alten Vase auf dem Regal stehen Tulpen, der schiefe Linoleumdruck einer Eule ist verschwunden. Die Bücher sind falsch oder stehen an der falschen Stelle, die Vorhänge wurden durch Rollläden ersetzt. Die meisten Fotos sind falsch, und eines ist sogar sehr falsch. Es zeigt ein Hochzeitspaar – sie geht darauf zu und drückt sich fast die Nase am Glas platt: Sie und der Mann.

Der Mann, der hinter ihr das Wohnzimmer betreten hat.

Der Ehemann.

Als sie sich umdreht, hält er ihr ein Glas Wasser hin. Nach kurzem Zögern nimmt sie es und bemerkt zum ersten Mal einen Ring an ihrem Finger.

Sie wechselt das Glas in die rechte Hand, hält die linke vor sich und dreht die Handfläche nach oben. Der Ring ist noch da, sie berührt ihn mit dem Daumen. Aha.

»Na los«, sagt der Ehemann. »Setz dich. Trink einen Schluck Wasser.«

Und sie setzt sich. Trotz der Farbe hat das Sofa dieselbe Form. Und es ist genauso durchgesessen.

Der Ehemann nimmt ihr gegenüber in einem Sessel Platz, und zunächst kann sie nicht sehen, ob er auch einen Ehering trägt. Doch dann beugt er sich vor, und da sieht sie ihn an seinem Finger glänzen. Der Mann beobachtet sie. Und sie beobachtet ihn.

Sie ist sehr betrunken, es wäre also möglich, dass sie etwas Naheliegendes übersieht. Aber ein fremder Mann, den sie noch nie zuvor gesehen hat, hat ihr ein Glas Wasser gegeben. Und dass sie überraschenderweise mit ihm verheiratet sein könnte, trägt absolut nicht dazu bei, sie zu beruhigen.

»Ich … trinke das gleich«, sagt sie und betont sorgfältig und deutlich jede Silbe (obwohl es mehr Silben als sonst zu sein scheinen).

»Okay.«

Wenn er hierhergehört, warum ist er dann nicht im Bett? »Warum bist du nicht im Bett?«

Er seufzt. »Das war ich«, antwortet er. »Du hast dich nicht gerade hereingeschlichen.«

»Ich wusste nicht, dass du da bist!«

»Wie bitte?«, fragt er. »Hör zu, trink das Wasser und zieh dein Kleid aus, dann bringen wir dich ins Bett. Brauchst du Hilfe mit dem Reißverschluss?«

»Nein!« Sie schnappt sich ein Kissen und drückt es an ihre Brust. Mist. Sie hat ihn noch nie gesehen, da wird sie sich wohl kaum vor seinen Augen das Kleid ausziehen.

»Okay, okay, nicht … pssst, ist schon gut, trink das Wasser.« Sein müdes Gesicht. Runde, leicht gerötete Wangen. »Okay?«, fragt er.

»Okay«, sagt sie, dann »Ich schlafe hier. Um … um dich nicht zu stören. Du kannst gehen.«

»Willst du ins Gästezimmer? Ich räume das Bett frei …«

»Nein«, wehrt sie ab. »Nein. Ist schon gut.«

»Okay«, sagt er wieder. »Ich hole deinen Pyjama. Und die Bettdecke.«

Sie bleibt aufrecht sitzen, solange er weg ist, denn sie ist auf der Hut. Es ist ihr Schlafanzug – der alte mit den Mumins drauf, den sie in dem großen Sainsbury’s gekauft hat. Aber die Bettdecke ist neu: In einer Art Patchworkmuster wechseln sich dunkelblaue und hellblaue Quadrate ab, aber sie sind nur aufgedruckt. Die mag sie nicht.

»Ich weiß, aber sieh es doch mal so«, sagt er, »wenn du dich auf ihr übergibst, hast du endlich einen Grund, sie wegzuwerfen.«

Das ergibt keinen Sinn – »endlich« – , es ist alles hochgradig verwirrend, aber sie will sich nicht streiten. Der Raum summt leise vor sich hin.

»Okay«, sagt sie. Sie scheinen abwechselnd »okay« zu sagen und zu seufzen oder zu warten. Vielleicht ist das so in einer Ehe; es ist schließlich ihre erste.

Der Mann schaltet eine Lampe ein und das Deckenlicht aus. »Alles klar?«, fragt er. »Willst du einen Toast?«

»Ich hatte Pommes frites.« Sie hat den Geschmack noch im Mund. »Und Hähnchen.« Sie ist Vegetarierin, allerdings nicht, wenn sie betrunken ist.

»Okay«, sagt er noch einmal. »Trink das Wasser«, fügt er hinzu, kurz bevor er die Tür schließt. Sie hört ihn in der Küche, dann im Schlafzimmer, dann nichts mehr.

Gut.

Sie geht zur Tür und lauscht einen Moment. Stille auf dem Flur und in der Wohnung. Wie in einer Schulumkleide zieht sie Schritt für Schritt ihren Pyjama an: zuerst die Shorts über den Slip, dann das Kleid über den Kopf, das Pyjamaoberteil über den BH, erst danach zieht sie den BH aus. Sie öffnet die Häkchen und windet einzeln die Arme heraus, bis sie ihn triumphierend aus einem Armloch ziehen kann. Dabei verliert sie das Gleichgewicht und plumpst zurück aufs Sofa, woraufhin ihr totes Telefon, das auf dem Polster gelegen hat, klappernd zu Boden fällt.

Sie erstarrt und wartet, ob der Mann zurückkommt. Nichts.

War da vielleicht ein Knarren? Ein Lastwagen oder ein Bus draußen, oben auf der Hauptstraße.

Wenigstens sitzt sie jetzt.

Draußen rumpelt wieder etwas vorbei. Womöglich ein Zug weiter hinten, obwohl es dafür eigentlich zu spät ist. Vielleicht hat sie es sich eingebildet, ebenso wie den Ehemann.

Falls er nicht ihrer Einbildung entsprungen ist, befindet sich ein fremder Mann in ihrer Wohnung. Sie richtet sich mit wackeligen Beinen wieder auf. Leise schleicht sie zum Tisch in der Ecke, nimmt einen Stuhl und trägt ihn – langsam, ganz langsam – zur Tür. Sie hat das noch nie gemacht, es aber schon in vielen Filmen gesehen: Man verkeilt den Stuhl, und er blockiert die Tür, oder? Sie stellt ihn ab, richtet ihn aus und klemmt die Rückenlehne unter den Griff. Nach ein paar Anläufen hält die Konstruktion, und sie setzt sich aufs Sofa und überlegt, was sie als Nächstes tun soll. Und dann schläft sie ein.

2

Sie wacht auf und stellt fest, dass sie nicht mehr so betrunken ist und sich deutlich elender fühlt.

Der Raum ist hell, durch die halb geöffneten Lamellen der Rollläden sickert Licht herein und taucht alles in ein warmes Gelb.

Als sie aufsteht, fühlt sie sich halbwegs sicher auf den Beinen. Sie sieht sich um. Der Stuhl, mit dem sie letzte Nacht die Tür verbarrikadiert hat, liegt auf der Seite. Die Tür steht halb offen, und aus der Wohnung dringen Geräusche zu ihr – Schritte, Klappern.

Der Ehemann.

Sie ist angeschlagen, hebt aber ihr totes Telefon auf, stellt den umgefallenen Stuhl richtig hin und späht hinaus. Das Geräusch kommt aus der Küche.

Auf Zehenspitzen huscht sie über den Flur ins Bad und verriegelt die Tür. Sie ist hin- und hergerissen zwischen dem Drang, ihre Blase zu entleeren und sich zu übergeben. Schließlich entscheidet sie sich für Letzteres, beugt sich über die Schüssel und lässt dem Schwall, der nach der Alkoholnacht unaufhaltsam in ihr aufsteigt, freien Lauf.

Der Kopfschmerz ist schlagartig wie weggeblasen, und die Übelkeit lässt nach. Zurück bleibt eine herrliche Klarheit, die höchstens zwanzig Minuten anhalten wird, bis ihr Körper merkt, dass er noch andere Probleme hat. Am Waschbecken spült sie sich den Mund mit Wasser aus, anschließend trinkt sie ein paar Schlucke. Sie möchte sich unbedingt die Zähne putzen, aber am Rand des Waschbeckens liegen zwei fremde Zahnbürsten – eine gelb, eine grün. Dann streicht sie sich eben Zahnpasta auf den Finger.

Es ist schon eine Weile her, dass sie das letzte Mal so viel getrunken hat.

»Lauren?«, ruft der Ehemann von draußen, er ist ganz nah.

»Ja«, sagt sie. »Einen Moment.«

»Ich mache Frühstück.«

Sie starrt auf die Tür und wartet, bis er sich entfernt, dann wäscht sie sich das Gesicht und befreit es von Glitzer- und Mascararesten. Sie zieht das Pyjamaoberteil aus und wäscht sich mit einem Waschlappen – Gesicht, Schultern, unter den Brüsten und Achseln. Duschen kann sie immer noch, wenn sie herausgefunden hat, was es mit dem Ehemann auf sich hat.

Ihre Kleider von gestern Abend liegen im Wäschekorb. Er muss ins Wohnzimmer gekommen sein, während sie schlief, und sie mitgenommen haben. Das Kleid muss in die Reinigung, es gehört auf keinen Fall in den Wäschekorb. Darunter findet sie den BH von gestern Abend, ein Männerhemd, Boxershorts, einen grauen Pullover, den sie als ihren erkennt, und ein Paar Leggings, die ihr fremd sind. Sie zieht BH und Pullover an, dann tauscht sie die Pyjamahose gegen die Leggings und blickt in den Spiegel.

Concealer? Mascara? Nein. Schließlich geht sie nicht zu einem Date, sondern versucht herauszufinden, warum ein fremder Mann in ihrem Haus ist. Sie ist sauber, oder so gut wie sauber – das reicht.

Also entriegelt sie die Tür.

 

Der Ehemann (Strickjacke, Hose) steht in der Küche, in der die Wände nicht wie in ihrer Erinnerung gelb gestrichen sind, sondern blau wie der Flur. Ihr Toaster (unverändert), eine Kaffeemaschine (neu), ein winziger Tisch mit zwei Hockern an die Wand gequetscht (neu). Auf dem Herd brutzelt etwas.

»Es lebt«, sagt der Ehemann, als sie hereinkommt. »Hier«, fügt er hinzu, reicht ihr einen Kaffee und wendet sich wieder der Maschine zu, um noch einen zu machen. »Der Schinkenspeck ist fast fertig.«

»Ich bin Vegetarierin«, entgegnet sie nicht gerade überzeugend.

»Ungewöhnliche Situationen erfordern ungewöhnliche Maßnahmen«, antwortet der Ehemann.

Ein Ladegerät steckt in der Wand, das Kabel liegt in einer Schleife auf dem kleinen Tisch. Sie setzt sich auf den Hocker auf der anderen Seite und schließt ihr Handy an. Er baut ihr ein Sandwich und stellt es vor ihr auf den Tisch.

Wenn er ein Mörder wäre, hätte er sie gestern Abend einfach umbringen können – bis zum Morgen zu warten und sie beim Frühstück zu vergiften, wäre etwas umständlich. Sie probiert das Sandwich, und es ist gut, richtig gut: knusprig, salzig, buttrig, frisches Brot, ein Hauch von brauner Soße. Schon bevor sie Vegetarierin wurde, hatte sie begonnen, Schweinefleisch zu meiden. Am dritten Geburtstag ihres Neffen Caleb hörte sie dann, dass Schweine so schlau wie ein dreijähriges Kind seien – und das war’s. Aber wenn sie jetzt das Sandwich wegwirft, rettet sie dadurch keinem Schwein das Leben. Und nach dem vierten oder fünften vorsichtigen Bissen fühlt sie sich schon etwas besser.

»Also«, sagt der Ehemann, der ihr mit einem eigenen Sandwich gegenübersitzt. »Schönen Abend gehabt?«

Es war ein so toller Abend. Sie erinnert sich, wie sie in dem kleinen Laden die Kakteentöpfe bemalt haben, dann an Drinks, während die Töpfe trockneten. Anschließend an ein üppiges Abendessen, Karaoke und eine Cocktailbar. An Tanzen und noch mehr Drinks. An fettige, salzige Pommes frites in ihrem Mund, und wie sie mit Elena im warmen Licht des Imbisses vor Spiegelkacheln posierte und Fotos von ihnen knipste. Sie erinnert sich an Elenas Versprechen, sie niemals für irgendwelchen Kram aufzugeben, den Verheiratete so tun. Du weißt, das würde ich nie machen. Sie erinnert sich, wie sie in das Oberdeck des Nachtbusses nach Norwood Junction gestiegen ist, sich setzte und den Mond sah, der unvorstellbar groß am Himmel stand. Wie sie durch die Regentropfen an der Fensterscheibe auf das sommerliche London blickte, auf Ampeln und Fremde, Kebabläden und die breite Brücke. Wie die lange Fahrt sie schließlich in entspanntere Viertel brachte, wo die Stadt allmählich in Vororte übergeht.

Und dann, wie sie zu Hause angekommen ist und den Ehemann vorgefunden hat.

»Ja«, sagt sie. Wie läuft ein Gespräch mit einem Ehemann ab? »Und bei dir? Was hast du so getrieben?«

»Ich war schwimmen«, sagt er. »Hab ein bisschen aufgeräumt und Toby geholfen, das Fenster zu reparieren, damit sie keinen Ärger mit dem Vermieter bekommen.« Okay, denkt sie, der Mann kennt Toby. »Ich hab endlich diese Kartons auf den Dachboden gebracht«, fährt er fort. »Vielleicht kümmere ich mich heute um das Gemüsebeet.«

Er klingt sehr fleißig. Sie hat kein Gemüsebeet, aber vielleicht hat er ja eines mitgebracht. Die ganze Wohnung ist zu einem »Finde-den-Unterschied«-Suchbild geworden: Es gibt mehr Kochbücher. Die Delle in der Wand, von dem Mal, als sie die Tür zu schwungvoll geöffnet hat, ist verschwunden. Eine Birne sitzt immer noch schief in der Fassung. Der Kaktustopf, den sie gestern bemalt hat, steht auf der Fensterbank, der Kaktus darin ist schief. Der Ehemann muss ihn für sie vom Fuß der Treppe geholt haben, er scheint wirklich nett zu sein.

Trotzdem ist seine Gegenwart beunruhigend.

Er ist aufgekreuzt, als sie nicht da war. Vielleicht ist ja alles wieder normal, wenn sie weggeht und wiederkommt? »Ich mache … einen Spaziergang. Um einen klaren Kopf zu bekommen«, sagt sie.

»Willst du etwas Gesellschaft?«

»Nein, schon okay.« Vielleicht versteht sie etwas falsch, und sobald sie frische Luft bekommt, ergibt alles einen Sinn.

Sie sucht sich Socken, Schuhe, Schlüssel zusammen und geht wieder in die Küche, um ihr Telefon zu holen, das auf dreißig Prozent aufgeladen ist. Dort kaut der Ehemann munter auf dem letzten Rest seines Sandwichs herum. Auf der Suche nach einer Kater-Cola öffnet sie den Kühlschrank, aber es gibt nur eine Dose Wasser mit Grapefruit-Geschmack. Also nimmt sie die.

Sie geht die Treppe hinunter und nach draußen. Dort dreht sie sich um und betrachtet das Haus mit den neuen Rollläden.

Den Rest der Straße: Häuser, ein leerer Container auf halbem Weg zur Hauptstraße, Bäume mit grünen Blättern. Sie entfernt sich vom Haus und zählt zwanzig Schritte, dann sieht sie sich erneut um – die Rollläden sind noch da.

Als sie die Ecke erreicht, kann sie die Bushaltestelle von gestern Abend sehen. Soweit sie das beurteilen kann, ist es noch dieselbe wie früher. Dahinter die Tankstelle, Kinder, die sich unterhalten; ihre Fahrräder lehnen an der Wand. Sie überquert die Straße, setzt sich auf die schräge Bank an der Bushaltestelle und holt ihr Handy heraus.

Der Sperrbildschirm zeigt immer noch sie neben dem Mann, dahinter das Meer.

Als sie das Display berührt, verlangt es einen Code. Vielleicht hat sich der ja auch geändert, aber nein, es lässt sich mit der Zahlenkombination entsperren, die sie seit Jahren benutzt.

Zuerst öffnet sie ihre Fotogalerie und scrollt rückwärts durch die letzte Nacht. Die Busfahrt, der Imbiss, die Bar, die andere Bar, die Töpferwerkstatt mit den aneinandergereihten Blumentöpfen – Elenas mit dem Rautenmuster, Noemis mit den eleganten Peniskringeln. Gut. Dann sucht sie per Filter nur nach Selfies und überfliegt das vergangene Jahr: Manche zeigen nur sie, aber es gibt mehr von ihr mit dem Ehemann, der ins Sonnenlicht blinzelt. Noch weiter zurück: Er ist immer noch da. Mal hat er einen Bart, mal nicht. Sie stehen auf einem Hügel. Neben einem Baum. Vor einem Schwan, der Schwan kommt auf sie zu, sie will den Schwan füttern, doch dem gefällt das nicht.

Sie sieht auf, weil sie den unmöglichen Anblick nicht länger erträgt – das Gesicht des Mannes an einem sonnigen Tag auf ihrem Handy. Eines der Kinder an der Tankstelle kickt eine Plastikflasche über den Gehweg, das andere steht im Tor. Auf der anderen Straßenseite hält ein Taxi und lässt jemanden aussteigen.

Sie sieht sich ihre gesendeten Nachrichten an: viele Herzen an Elena, Hab dich lieb. Du wirst so glücklich werden, und ein Foto von den Spiegelbildern aus dem Imbiss mit dem Text Es muss hart für alle anderen sein, dass wir so schön sind. In einem anderen Chat stellt Lauren fest, dass sie ein Bald zu Hause, Bin bald da, Ja, Bald zu Hause an – ah, nun aber – an einen Michael geschickt hat.

Der Ehemann heißt also Michael. Sie scrollt durch die Nachrichten.

Noch eine an ihn von vor zwei Tagen: Zitronen, Geschirrspülmittel, danke!

Eine andere: ein Foto von einer Birne, auf die große Kulleraugen geklebt sind.

Eine von ihm, ein paar Tage davor: Gleich da, noch fünf Minuten.

Als sie ihre eigenen Nachrichten nach Michael durchsucht, stellt sie fest, dass sie ihn ständig gegenüber allen erwähnt: Michael ist beruflich unterwegs, Michael trainiert für einen Halbmarathon und kann deshalb nicht mit in den Pub kommen, Michael bringt Panzanella zum Grillen mit. Michael dies, Michael das. Niemand hat mit Wer zum Teufel ist Michael? geantwortet.

Schön. Wenn ihre Freundinnen von ihm wissen, wird es ihr eine ja vielleicht erklären können.

Beim Scrollen stößt sie auf Tobys Namen, ihren Nachbarn von unten. Der Ehemann hat ihn erwähnt, er sollte also wissen, was los ist. Hey, schreibt sie, bin ich verheiratet?

Die Antwort erfolgt umgehend: Ist mein letzter Stand. Großer Kerl, nettes Gesicht. Lebt mit dir zusammen. Du weißt, wen ich meine.

Okay, wann haben wir geheiratet?

Die Antwort: 14. April. Ist das ein Quiz? Gewinne ich?

14. April. Dieses Jahr? Falls ja, war das vor ein paar Monaten. In ihren Fotos waren keine Hochzeitsbilder. Stattdessen sieht sie in ihren Nachrichten vom April nach und findet dort schließlich welche, die sie an ihre Mutter geschickt hat: Das sind die ersten – den Rest bekommen wir in ein oder zwei Monaten vom Fotografen.

Es folgen vier Fotos.

Zuerst ein Gruppenbild, das sie schon im Wohnzimmer gesehen hat: Sie trägt ein cremefarbenes Kleid, lange Ärmel, ausgestellter, wadenlanger Rock, rosa Pumps. Ein großer Strauß rosa Blumen (keine Rosen, etwas anderes). Kein Schleier. Der Ehemann Michael in einem dunkelbraunen Anzug. Ihre Mutter. Ihre Schwester und Elena sowie eine Frau, die sie nicht kennt, in unterschiedliche Grüntöne gekleidet. Fremde, offenbar seine Freunde, seine Familie.

Das nächste Foto: sie und der Ehemann beim Tanzen. Sie blicken sich an – er lächelt, sie ist ernst.

Dann: das Unterschreiben der Heiratsurkunde.

Und schließlich: wieder Michael und sie, wie sie sich küssen. Sie berührt ihre Lippen, sie sind trocken.

Sie hat also geheiratet.

Sie ist verheiratet. Sie hat einen Ehemann, und der ist in der Wohnung.

Wie zur Bestätigung erscheint auf dem Display eine Nachricht von ihm: Hey, wenn du an einem Laden vorbeikommst, könntest du eine Glühbirne besorgen? Zum Einschrauben, nicht Bajonett.

Beinahe lässt sie das Telefon fallen – es ist, als hätte er sie beim Spionieren erwischt –, aber sie beruhigt sich und schickt eine Nachricht zurück: Klar. So etwas schreibt man doch, oder?

Okay, was noch? Zuerst sucht sie in ihren E-Mails und findet einen Nachnamen: Michael Callebaut.

Offenbar ist sie auch eine Callebaut geworden. Nun ja. Das ist immerhin eine Verbesserung zu Strickland.

Sie googelt den Ehemann, aber es gibt einen Haufen Michael Callebauts. Also ergänzt sie »London« und scrollt durch die Bildergebnisse. Gott, weiß sie überhaupt noch, wie er aussieht? Ja, da ist er – eine Porträtaufnahme vor einer Steinwand.

Das Foto stammt von einem Architekturbüro, das ihn in der Mitte seiner »Über uns«-Seite aufführt. Auf der Website des Unternehmens finden sich Bilder von Kirchen, einer Bibliothek, einer Stadthalle und einem Messegelände. Sie kann nicht immer erkennen, ob es sich um echte Fotos von Gebäuden handelt, die sie entworfen haben, oder um Computermodelle.

Aber ein Architekt! Was für ein perfekter Beruf für einen Ehemann. Ambitioniert und doch bodenständig, künstlerisch und doch praktisch, glamourös und doch ohne ein branchentypisches Drogenproblem. Kein Wunder, dass er die Delle in der Küchenwand ausgebessert und einen Gemüsegarten angelegt hat. Moment, könnte sie in dieser neuen Welt auch einen anderen Job haben? Sie checkt es, doch nein. Sie arbeitet immer noch bei der Stadtverwaltung, überzeugt Unternehmen, sich in Croydon anzusiedeln, und hilft den Anwohnern, neue Projekte zu starten. Ihr Kalender ist blau statt grün markiert, aber er enthält überwiegend dieselben Termine, vielleicht in anderer Reihenfolge.

Trotzdem. Es gibt noch eine Menge anderer Veränderungen, mit denen sie sich beschäftigen muss. »Lauren Callebaut«, sagt sie laut und testet, wie das klingt. Sie öffnet die Dose mit dem Wasser und trinkt einen Schluck. Es schmeckt metallisch und unangenehm, irgendwie geschmacklos und zugleich sauer, dennoch nimmt sie einen weiteren Schluck. Vielleicht ist das ihr neues Leben, sie trinkt jetzt Wasser mit Grapefruitgeschmack.

 

Langsam und vorsichtig geht sie zurück, kauft an der Tankstelle eine Glühbirne und schlendert weiter. Kurz bleibt sie an der Ecke zu ihrer Straße stehen, um der Normalität eine Chance zu geben, zurückzukehren. Als sie sich dem Haus nähert, sieht sie jedoch immer noch Rollläden an Schlaf- und Wohnzimmerfenstern statt der Vorhänge, die gestern noch da waren.

Zur Haustür? Nein, noch nicht. Stattdessen geht sie an der Seite vorbei, schleicht sich an den Mülltonnen entlang und nimmt das Haus von hinten in Augenschein. Sie sieht hinauf zum Gästezimmer und zur Küche, wo ein Keramikgefäß mit allerlei Krimskrams am Fenster steht, das sie nie besessen hat.

Der Garten hat sich leicht verändert. Tobys und Maryams Seite jenseits des niedrigen Zauns sieht aus wie immer – voller Begeisterung angelegt, aber nur sporadisch gepflegt. Ihre Hälfte – ihre und Michaels – sieht etwas besser aus als früher. Im hinteren Teil gibt es ein Gemüsebeet (es ist sehr überschaubar, ein paar Erbsenstauden und ein Salat). Eine Reihe rosafarbener Blumen entlang des Zauns. Eine Schale mit trockenen Pellets neben dem Wasserhahn im Freien. Sie hat eine Katze. Oder hat Michael eine Katze? Gehört sie ihnen zusammen?

Wie heißt meine Katze?, schreibt sie an Toby.

Ihrer Schwester Nat schickt sie ebenfalls eine Nachricht: Kurze Frage: Was denkst du über meine Beziehungssituation? Und an Elena: War irgendetwas komisch bei dir, als du gestern Abend nach Hause gekommen bist?

Sofort erhält sie einen Anruf von Nat und geht ran, aber es stellt sich heraus, dass es Caleb mit Nats Telefon ist.

»Tante Lauren!«, ruft er. »Willst du zuhören, wie ich Karate mache?«, dann folgen ein Rascheln, ein Schrei und ein dumpfer Aufprall.

»Caleb«, ruft sie, »Caleb. Ist Mami da?«

»Nein! Sie badet Magda! Den Tritt mach ich noch mal.«

Zu diesem Zeitpunkt würde sie jeden Erwachsenen nehmen. »Was ist mit Mama?«

»Nein! Sie sagen, Magda zu baden ist eine Aufgabe für zwei! Hast du das gehört?«

Gott, sie liebt ihn, aber das ist nicht der richtige Zeitpunkt. »Caleb. Ich muss jetzt Schluss machen. Gib Mami ihr Telefon zurück, okay? Und sag ihr, sie soll mich anrufen. Du kannst mir ein Video von deinem Karate schicken, okay?«

»Ich gebe es ihr, wenn du Onkel Michael holst!«, sagt Caleb. »Onkel Michael hört mir immer zu.«

Hm. Vielleicht kann Caleb mehr zu dieser Sache beisteuern, als sie dachte. »Ja. Caleb. Was kannst du mir über Onkel Michael erzählen?«

»Er findet es toll, wenn ich ihm meine Tritte zeige«, sagt Caleb entschieden. »Sein Lieblingsdinosaurier ist der Triceratops und sein Lieblingsvogel der Schwan.«

»Und hast du ihn oft gesehen?«

»Ich bin sein Lieblingsneffe!«

»Caleb. Erinnerst du dich an die Hochzeit? Als Onkel Michael und ich geheiratet haben?«

»Das war langweilig«, stöhnt er. »Sag Onkel Michael, er soll mich anrufen wegen ein paar Tritten«, dann legt er auf.

Sie schaut auf das Telefon.

»Alles okay bei dir?«, fragt Toby von der anderen Seite des Zauns. Er steht mit dem Handy in der Hand auf den Stufen vor seiner Hintertür. Ruhige Stimme, großes Grübchen, wenig schmeichelhaftes Schlabber-Shirt. Es ist schön, zu sehen, dass sich nicht alles verändert hat.

»Ja«, sagt sie, »nur … gestern hatte ich noch keinen Mann. Und jetzt habe ich schon seit Monaten einen? Der gern mit meinem Neffen Karatetritte übt? Ich meine, soweit ich das beurteilen kann, ist er ziemlich nett.«

»Ich mag ihn.« Toby ist schon immer mit allem gut klargekommen. Während des Lockdowns hatten sie beide in ihrem jeweiligen Garten gesessen, Tee getrunken und sich entspannt unterhalten, während Maryam im Krankenhaus Schichten schob. Und er war verlässlich, gelassen und ein Trost in der ungewohnten Situation gewesen. Auch jetzt tut es gut, laut auszusprechen, was passiert ist.

»Das ist sehr überraschend«, sagt sie. »Und offenbar haben wir eine Katze?«

»Ja?«

»Wie heißt sie?«

»Gladstone«, erwidert er.

»Wie der frühere Premierminister?«

»Ja, wegen der Koteletten hast du gesagt.«

Lauren ist sich sicher, dass sie nicht weiß, wie die Koteletten von Gladstone aussehen. Was hat Gladstone getan? Wie rassistisch war er? Hat sie eine Problemkatze? Aber vielleicht ist das nicht ihr dringendstes Problem.

»Wie lange bin ich schon mit Michael zusammen?«

»Moment, kannst du dich wirklich nicht erinnern? Bist du … hast du dich verletzt? Soll ich Maryam holen?«

»Nein, mir geht es gut«, wehrt sie ab. »Ich brauche keinen Arzt. Ich mache nur Spaß, achte nicht auf mich, mir geht’s gut.«

 

Vor dem Haus zögert sie erneut. Die Haustür, der geflieste Flur, ihre Wohnungstür, die Treppe.

»Hallo«, ruft sie zaghaft, und der Ehemann streckt den Kopf heraus und sieht vom Treppenabsatz zu ihr herunter. »Willkommen zurück«, sagt er. »Guten Spaziergang gehabt?«

»Ja«, sagt sie. »Klar.« Die Treppe hoch, eine Stufe nach der anderen.

»Hast du die Glühbirne bekommen?«, fragt der Ehemann.

»Oh«, sagt sie, kramt in der Tasche und hält sie hoch, als sie oben ankommt. »Ja, hier.«

Sie wird jemandem erzählen müssen, was passiert ist. Vielleicht muss sie es sogar diesem Mann sagen, diesem Ehemann. Aber zuerst muss sie sich einen Moment hinsetzen. »Möchtest du einen Tee?«

»Das wäre toll«, sagt er. »Gib mir nur eine Sekunde. Als ich gestern auf dem Dachboden war, ging das Licht nicht. Ich wechsle eben die Birne aus, ehe ich es wieder vergesse.«

»Ja«, sagt sie, »okay.« Sie geht in die Küche, während er im Flur bleibt und die Dachbodenleiter herunterzieht. Sie hört, wie er an der Stelle, an der sie immer hängenbleibt, daran ruckelt, als würde er schon seit Jahren hier wohnen. Im Kühlschrank ist sie mit drei verschiedenen Milchsorten konfrontiert: Hafer, Cashew, Kuh. Gott, und was, wenn er ihn schwarz trinkt? Schließlich ist er Architekt. Sie wird ihn einfach fragen müssen, und wenn er das seltsam findet, dann ist das eben so. Vielleicht ist das der Einstieg in ein Gespräch, von dem sie noch nicht weiß, wie sie es beginnen soll. »Willst du Milch?«, ruft sie und geht mit dem blauen Becher in der Hand zurück in den Flur.

»Wie bitte?«, fragt ein ganz anderer Mann und steigt die Dachbodenleiter herunter.

3

Der zweite Mann ist sogar noch größer als der erste und kräftiger gebaut. Er hat einen zurückweichenden Haaransatz und trägt die Haare kurz wie jemand, der schon früh eine Glatze bekommt und sich damit nicht abfinden kann.

Er sieht jedoch verblüffend gut aus – markante Gesichtszüge, makellose olivbraune Haut und ein enganliegendes dunkelgrünes T-Shirt.

»Äh«, sagt sie, blickt auf sein Gesicht und dann auf seine Unterarme (die Unterarme!). Auch er trägt einen Ehering.

»Ist der für mich?«, fragt er und deutet mit dem Kopf auf den Becher. Ein leichter Akzent – türkisch, vielleicht? Der Becher in ihren Händen ist gelb mit dünnen schwarzen Linien.

»Ja?«

»Toll«, sagt er. Seine Wimpern sind dunkel.

Sie rührt sich nicht.

»Ist alles okay?«, fragt der vielleicht türkische, übermäßig gutaussehende Ehemann nach einem Moment. Besorgt zieht er die makellosen Augenbrauen zusammen. Auf der Suche nach Michael blickt sie zum Dachboden hoch, dann wieder in den Flur. Die Wände – normalerweise grau, zuletzt blau – sind jetzt weiß. Sie tritt einen Schritt zurück und blickt ins Wohnzimmer. Das Hochzeitsbild ist verschwunden.

»Du bist doch nicht immer noch verkatert, oder?«, fragt der Mann.

»Nein«, lügt sie und richtet den Blick wieder auf ihn. »Warst du gerade auf dem Dachboden?«

»Wie? Ja. Du hast mich doch gesehen.«

»War sonst noch jemand da?«

»Wo?«

Sie blickt auf das dunkle Quadrat. »Da oben. Ist Mich … war da jemand auf dem Dachboden?«

»Du meinst ein Eichhörnchen? Mäuse? Nein, das glaube ich nicht. Soll ich nachsehen?« Er hat eine Hand auf die Leiter gelegt und schwankt zwischen Verwirrung und Besorgnis. Der Becher in ihren Händen ist noch warm.

»Ja«, sagt sie.

»Bist du sicher, dass es dir gut geht?«

»Ja. Ja, wenn du bitte nachsehen könntest.«

Der Ehemann presst die sinnlichen Lippen aufeinander und klettert die Leiter wieder ein Stück hinauf, dann immer weiter bis ganz auf den Dachboden. Seine nackten Füße (keine Hornhaut, perfekt geformt) verschwinden vor ihren Augen in der Luke. Sie nimmt über sich eine Bewegung wahr, dann helles Licht, wie ein Sonnenstrahl, der durch ein Zugfenster hereinfällt, gefolgt von einem lauten Knistern.

Kurz darauf erscheint ein blauer Plüschpantoffel in der Falltür. Dann noch einer.

Hä?

Der dritte Ehemann ist weniger attraktiv als die ersten beiden. Er hat einen eckigen Kopf und einen Sonnenbrand auf der blassen Nase, das rotbraune Haar steht in alle Richtungen ab. Noch immer hält sie den Becher in der Hand (er ist jetzt rosa). Als das Porzellan in ihrer Hand zu heiß wird, ändert sie den Griff. Seine Pantoffeln haben lila Flecken und schwarze Krallen, sie könnten aus Die Monster AG stammen.

»Wir sollten da oben wirklich mal ausmisten.« Ist das ein walisischer Dialekt? Sie ist sich nicht sicher. Er wirft eine Tüte auf den Boden und steigt, ohne eine Antwort abzuwarten, wieder nach oben. Auf halber Höhe bleibt er stehen und holt eine weitere Tüte herunter, die er neben der Luke abgestellt haben muss. Dann steigt er weiter hoch und verschwindet diesmal ganz in der Öffnung. Wieder helles Licht, dann Dunkelheit und ein knisterndes Rauschen. Und kurz darauf – und diesmal ist es schon fast keine Überraschung mehr – ruft ein anderer Mann mit sonorer Stimme: »Lauren, Lauren, sieh mal, was ich gefunden habe.« Er klingt wie ein aufgeregter Professor. »Das ist unglaublich. Es ist außergewöhnlich.«

Diesmal sind die Füße, die zum Vorschein kommen, wieder nackt, ebenso wie die Beine und der schockierend runde weiße Po darüber. Sie macht zwei schnelle Schritte rückwärts, als der Besitzer des Hinterns seinen Abstieg beendet, sich ihr zuwendet und die Arme ausbreitet. Dieser Mann ist kleiner als die anderen und extrem dünn. Abgesehen von den bemerkenswerten Pobacken hat er knochige Schienbeine, seine Rippen sind zu sehen, und er hat einen dünnen, aber sehr langen Penis, auf den er mit beiden Händen zeigt. »Das ist ein Penis!«, ruft er.

Sie starrt auf seine Hände und merkt, dass auch er einen Ehering trägt. Sonst nichts.

»Nicht lustig? Komm schon, ich hab keine Kleider an!« Als sie nicht reagiert, wartet er einen Moment, dann sagt er wieder in demselben aufgeregten Ton: »Penis!« Diesmal legt er die Finger darum, ta-da, und wendet ihn hin und her.

Lauren verändert ihren Griff um den Becher, um ihn mit heißem Tee zu überschütten, falls er näher kommt.

»Wir können ihn zu Bares für Rares bringen«, sagt der Ehemann und wackelt weiter mit dem Penis. »Hübsches Exemplar, schön gearbeitet, ausgezeichneter Zustand. Ein Penis dieser Größe ist sehr ungewöhnlich.« Fairerweise muss man sagen, dass der Penis wirklich außergewöhnlich lang ist.

Lauren ist hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, einen Blick auf den Dachboden zu werfen, und dem, weder dem Dachboden noch dem nackten Mann näher zu kommen. Ihr Kompromiss ist, nichts zu tun.

»Ein außergewöhnliches Stück«, fügt der Mann unverdrossen hinzu. »Nein? Immer noch nicht lustig? Macht nichts, warte einen Moment, ich hab noch etwas gefunden«, dann klettert er zurück auf den Dachboden, und zum Glück bleibt ihr die Fortsetzung seines Witzes erspart. Stattdessen folgen das Knistern und der Lichtblitz. Der Mann, der dreißig Sekunden später heruntersteigt, ist vollständig mit Jeans und T-Shirt bekleidet und trägt sogar eine Schürze. Als ihr Träger sich umdreht, ist dort zu lesen: SO KOCHT EINE FEMINISTIN. Seine Haarspitzen sind rosa. Sie weiß nicht, was sie davon halten soll, aber um die Frisur kann sie sich noch kümmern, nachdem sie sich um den Mann gekümmert hat.

»Nein«, sagt er. »Nichts zu sehen.«

Noch immer hält sie den Becher in der Hand, den sie ihm automatisch hinhält, als er zu ihr kommt. »Prost«, sagt er, und nimmt ihn. »Haben wir keine Milch mehr?«

»Ganz vergessen.« Sie kommt nur langsam hinterher, denn die Wohnung ist schon wieder ganz anders. Als sie auf den Boden sieht, liegt ein anderer Teppich unter ihren Füßen. Jedes Mal verändert sich alles, jedoch immer hinter ihrem Rücken. Erst wenn sie den Blick abwendet. Wenn sie sich dann umdreht, ist es, als hätte jemand eine Karte aufgedeckt oder einen Hebel gezogen und eine neue Welt gewählt.

Der Ehemann mit der Schürze geht mit dem Tee in die Küche, und sie hört, wie er den Kühlschrank öffnet. Sie schaut ins Wohnzimmer, auf die neuen Wände, das Sofa und die Bücher.

»Ist alles okay?«, fragt der Ehemann und kommt wieder in den Flur, dessen Wände jetzt ein blasses Orange haben. »Was ist los?«

Sie blickt zur offenen Dachbodenluke.

»Ich dachte, ich habe etwas gehört«, sagt sie und fügt dann hinzu: »Vielleicht ein Eichhörnchen.« Schamlos bedient sie sich bei dem Mann mit den tollen Wimpern und Unterarmen. »Kannst du mal nachsehen?«

»Mist, wirklich? Gott, ich hoffe, es sind nicht wieder Ratten.« Der Ehemann stellt seinen inzwischen milchigen Tee auf dem Heizkörper ab und steigt die Leiter hinauf, hält aber auf halber Strecke inne. »Wie hat es sich angehört?«, fragt er.

»Wie ein Schilpen«, erwidert sie entschieden. »Das ist sehr plausibel«, fügt sie hinzu, denn das ist es.

»Ich weiß nicht, ob Ratten schilpen«, antwortet er skeptisch.

Doch er steigt weiter hinauf. Das Geräusch, das laute knisternde Rauschen. Sie starrt geradeaus, den Blick auf die blass orangefarbene Wand gegenüber gerichtet. Dort hängt eine alte Bahnwerbung: Die MATLOCKS FÜR EINEN ERHOLSAMEN URLAUB, SCHNELLZÜGE & PREISWERTE TICKETS. Falls wieder ein Wechsel passiert, wird sie es diesmal mitbekommen.

Hinter ihr im Wohnzimmer erklingt Musik, etwas Altes, eine Männerstimme. Davon lässt sie sich nicht ablenken. Sie bleibt konzentriert, selbst als sich Schritte über ihrem Kopf auf die Luke zubewegen und sie aus dem Augenwinkel eine gemusterte Hose wahrnimmt. Unbeirrt fixiert sie die Wand vor sich und versucht, die Welt bei der Veränderung zu ertappen. Doch dann schiebt der Mann die Leiter hoch und sie kann nicht anders, sie sieht ihn an. Er ist schwarz, schlank, trägt eine Brille und eine grün karierte Hose. Als sie wieder auf das Poster schaut, hat es sich in den gerahmten Druck einer fluoreszierenden Eistüte verwandelt, und die Wände sind cremefarben.

»Könntest du die Leiter unten lassen?«, bittet sie ihren neuen Ehemann. Die Hemdsärmel sind hochgekrempelt, kein Ehering, aber vielleicht hat er ihn bei der Arbeit abgenommen.

»Okay«, er zieht sie wieder herunter. »Nur für ein paar Minuten, ja? Es ist heiß da oben, ich will nicht, dass sich die ganze Wohnung aufheizt.«

»Klar«, sagt sie. Auf dem Sperrbildschirm ihres Handys ist diesmal ein Foto von ihrer Nichte und ihrem Neffen. Im Flur steht ein kleiner Tisch, darauf liegt keine Post, aber eine Brieftasche, die sie aufklappt. Auf einem Organspendeausweis entdeckt sie einen Namen: Anthony Baptiste.

»Anthony«, ruft sie.

»Ja?«, meldet er sich aus dem Wohnzimmer.

Sie geht zurück zur Leiter und berührt sie.

»Ja?«, wiederholt er. »Hast du was gesagt?«

Sie wird filmen, wie er hochgeht und jemand anderes herunterkommt. Beweise sammeln.

»Sieh doch noch mal auf dem Dachboden nach«, sagt sie mit fester Stimme.

»Wie bitte?«, fragt er. »Warum? Bekomme ich dann einen Eimer Wasser über den Kopf?«

»Nein. Dir passiert nichts. Ich möchte nur, dass du da oben nachsiehst.«

»Warum?«

»Es ist okay«, sagt sie. »Es ist … eine Überraschung. Ein Geschenk. Du wirst es gleich sehen.« Sie macht ihm viel zu große Versprechungen, aber sie bringt ein Lächeln zustande.

»Es ist doch nicht etwa eine große Gummispinne, oder? Du weißt doch, dass ich mich nicht erschrecken darf.«

Ungewöhnlich nervös ist eigentlich ihr Typ. Sie mag Männer mit sehr wenig oder mit sehr viel Selbstbewusstsein. Männer, die wissen, was sie wollen und entweder zuversichtlich sind, dass sie es bekommen, oder fürchten, dass sie leer ausgehen. Sie könnte sich vorstellen, auf diesen Typen zu stehen.

»Nein«, sagt sie. »Es wird dir gefallen. Keine Gummispinne.« Sie redet sich um Kopf und Kragen, aber die bisherigen Erfahrungen deuten darauf hin, dass sie sich leicht aus der Affäre ziehen kann. »Du wirst dich so freuen«, fügt sie kühn hinzu. »Ich habe das seit Monaten geplant.«

Anthonys skeptische Miene weicht einem verwunderten Lächeln. Er blickt nach oben, dann reicht er ihr seinen Becher und steigt zur Klappe hinauf.

»Wonach suche ich?«, fragt er und verschwindet halb in der Luke. Sie drückt auf die Aufnahmetaste ihres Handys und beginnt zu filmen.

»Geh weiter hoch. Ich kann es nicht erwarten, dass du es siehst. So etwas Tolles hab ich noch nie für dich gemacht.«

Er steigt weiter hinauf. Wieder ist ein Fuß auf dem Dachboden, und dann endlich, endlich verschwindet auch der zweite Fuß aus dem Blickfeld. Auf dem Dachboden wird es hell, und diesmal sieht sie, dass das Licht von der nackten Glühbirne kommt. Sie flackert auf und beleuchtet die Deckenbalken, dann wird sie wieder dunkel.

»Hallo?«, ruft sie dem vermutlich nächsten Ehemann zu. Sie geht einen Schritt zurück, und als sie sich umdreht, zeigt sich ihr der Reiz des Neuen: Hinter ihrem Rücken ist wieder eine neue Welt entstanden. Wieder haben sich die Wände verändert, obwohl sie die ganze Zeit die Kamera auf sie gerichtet hatte. Sie fühlt sich klar im Kopf – vielleicht hat sie in dieser Version der Welt letzte Nacht weniger getrunken, oder die Dinge fangen an, einen Sinn zu ergeben. Ein Geräusch vom Dachboden.

»Wie ist es da oben?«, ruft sie und fragt sich, wer ihr wohl antworten wird.

4

Das ist der verdammte Dachboden, was glaubst du denn, wie es hier ist«, ruft ein Mann zurück. Ein Stapel Handtücher fällt durch das Loch nach unten, prallt am Fuß der Leiter ab und verteilt sich dann auf dem Fußboden.

Der Ehemann (der sechste? siebte?) steigt rückwärts die Leiter hinunter – er trägt Turnschuhe, Jogginghose, T-Shirt und um den Oberarm einen Handygurt, wie man ihn beim Laufen trägt.

Er ist groß und blass und ärgert sich über irgendetwas. Nachdem er die Handtücher aufgehoben und gefaltet hat, stapelt er sie im Gästezimmer, dann wendet er sich zum Gehen. Doch sie ist ihm gefolgt. Er bleibt stehen, reckt das Kinn vor und wartet darauf, dass sie ihn durchlässt.

»Es müssten noch zwei Handtücher mehr da sein«, sagt sie und gibt die Tür frei. Sie will ihn hinaufschicken und ihn durch einen besser gelaunten Ehemann ersetzen.

»Das sind meine verdammten Handtücher«, sagt er. »Ich weiß, wie viele es sind.«

»Ich bin mir sicher, es waren sechs.«

»Tja, da irrst du dich.«

Na gut. »Vielleicht könntest du auch noch die … äh … Tischdecke herunterholen?«

»Was, jetzt willst du auch noch Tischdecken benutzen?«

Soweit sie weiß, steht sie Tischdecken neutral gegenüber, aber dieser Ehemann scheint irgendwie ein Problem damit zu haben. Er hört sich an, als hätte er ständig irgendein Problem. Ihr wird klar, dass sie ihn zu nichts überreden kann. Sie kann ihn nicht bitten, oben wegen irgendwelcher Geräusche nachzusehen oder mal eben einen Karton hinaufzubringen. Ihm eine nette Überraschung zu versprechen, wäre zwecklos.

Vermutlich haben sie Krach. Als er ins Bad geht, sieht sie sich nach einem Namen um, nach etwas, woran sie sich orientieren kann. Doch er ist nur kurz weg, schließt nicht einmal die Tür, holt sich danach in der Küche eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank und kommt zurück in den Flur. Dort bleibt er stehen.

»Wann sind sie hier?«, fragt er.

»Äh. Das weiß ich nicht.«

»Tja, dann finde es heraus«, sagt er. Mit schweren Schritten geht er die Treppe hinunter, die untere Tür wird zugeschlagen, einen Moment später die Haustür. Sie geht ins Wohnzimmer – neue Gegenstände, wohin sie auch sieht – und beobachtet ihn vom Fenster aus. Er geht, dann werden seine Schritte länger, er beschleunigt die Straße hinauf, am Müllcontainer vorbei und beginnt seine Joggingrunde.

Die Wohnung ist wieder leer. Aber alles ist falsch. Im Wohnzimmer steht zwar wieder ihr Originalsofa, aber der Couchtisch, den sie für 10 Pfund im Ramschladen erworben hatte und auf den sie so stolz war, ist verschwunden. Die Delle in der Küchenwand ist wieder da, der Fernseher ist kleiner, die Kissen sind fremd. Hunderte von kleinen Hinweisen auf einen neuen Ehemann. Und den hat sie sich ganz sicher nicht ausgesucht.

Sie checkt ihre Nachrichten. Er muss Kieran sein.

Dann ihre Fotogalerie. Das Video, das sie von seinem Auftauchen auf dem Dachboden gemacht hat, ist nicht da. Und es kommt noch schlimmer, denn in ihren Fotos findet sie Elenas Töpferparty und die erste Bar, aber nicht die zweite und auch keinen Hähnchengrill am späten Abend. Ihrem Handy zufolge ist sie früher nach Hause gekommen.

Sie scrollt und liest. Es gibt nicht nur keine nächtlichen Nachrichten von Elena, sie hat wochenlang nichts von ihr gehört. Auch an Maryam hat sie außer einer Notiz über ein falsch zugestelltes Paket nichts geschickt. Und an Toby gar nichts. Es gibt ein paar Nachrichten an Zarah bei der Arbeit. Regelmäßig hat sie sich mit Nat geschrieben, aber von ihr keine Ratschläge erhalten, keine Anweisungen, keine Links zu Artikeln, die sie lesen sollte; nur Ich denke an dich, lass uns bald mal quatschen oder Bilder von den Kindern.

Als sie sich im Spiegel betrachtet, ist sie sicherlich blasser, als sie es um diese Zeit im Sommer sein sollte. Blasser als gestern, und ihr Haar ist irgendwie falsch – es ist zu einem Knoten hochgebunden. Sie löst das Gummiband. Ja, normalerweise ist ihr Haar auf Schulterlänge geschnitten, jetzt ist es fast zehn Zentimeter länger, und irgendwie macht das diese Welt unerträglich. Ihr wird schwindelig, obwohl sie in dieser Version der Welt nicht verkatert ist. Sie ist entsetzt über ihren eigenen Körper und schreckt vor ihm zurück. Ihre Finger zittern, eine Gänsehaut überläuft sie, in ihrem Bauch ist ein flaues Gefühl, das sich in Richtung Brust hinaufschiebt.

Sie will das falsche lange Haar so unbedingt loswerden, dass sie erwägt, es sich mit der Küchenschere abzuschneiden. Doch stattdessen bindet sie es wieder hoch. Der Mann wird gehen, und die Haare mit ihm.

 

Natürlich hat jeder mal einen schlechten Tag. Jeder schreit mal seinen Partner an, behauptet Elena. Lauren selbst hat es meist bei schnippischen Bemerkungen belassen. Ihre Beziehung mit Amos – ihre längste – endete still und leise vor vier Jahren. An dem Tag, als er eigentlich bei ihr einziehen sollte, aber stattdessen aus der Schlange vor der Achterbahn im Alton-Towers-Vergnügungspark anrief, um ihr mitzuteilen, dass sie es vielleicht doch etwas überstürzten.

Aber an dieser Ehe macht nichts einen guten Eindruck.

Und wenn sie diesen Kerl loswerden will, hat sie keine Zeit, sich zu fragen, was los ist. Keine Zeit, sich über die Situation zu wundern, sich zu kneifen, eine ihrer offenbar nur noch wenigen Freundinnen anzurufen.

Die Situation, so neu sie ihr auch sein mag, ist klar. Sie wurde mit einem Ehemann ausgestattet, und jedes Mal, wenn dieser Ehemann auf den Dachboden geht, wird er durch einen anderen Ehemann ersetzt. Woher die Ehemänner kommen, wie viele es sind, in manchen Fällen ihre Namen – alles Rätsel, die sie zu gegebener Zeit lösen kann. Aber die grundlegenden Mechanismen sind unbestreitbar, ebenso wie die Tatsache, dass der aktuelle Ehemann, kurz gesagt, ein Reinfall ist.

 

Zurück im Flur schwebt der Dachboden wie eine Bedrohung über ihr. Aber sie hat einen Plan.

In der Küche findet sie einen Lautsprecher in Form eines grauen Zylinders und verbindet ihn mit ihrem Handy. Bluetooth deaktivieren, Bluetooth wieder aktivieren, einen Knopf drücken, dieses Gerät löschen, den ganzen Prozess von vorn beginnen. Sie ist unruhig, lauscht auf die Tür, aber schließlich steht die Verbindung. Wie lange hat sie dafür gebraucht, vier Minuten? Fünf? Das ist in Ordnung. Es ist genug Zeit.

Okay, Stufe zwei. Mit dem Lautsprecher in der Hand steigt sie die Leiter hinauf, einen Fuß, dann zwei, dann noch eine Sprosse und noch eine. Es ist ungefährlich, sagt sie sich und versucht, ihre Angst zu verdrängen. Die Ehemänner sind nur verschwunden, wenn sie ganz hinaufgegangen sind. Mit der freien Hand hält sie sich an der obersten Sprosse fest, dann atmet sie tief durch und reckt den Kopf durch die Luke.

Und da ist ihr Dachboden.

In der Dunkelheit stehen nur Möbel und Kartons und eine dunkle Gestalt, vor der sie zurückschreckt und dann merkt, dass es ein halbzerlegter Weihnachtsbaum ist. Es gibt keinen Michael, keinen nackten Mann mit einem halbkugelförmigen Hintern, keinen Anthony, keinen gutaussehenden Mann, der sie verwirrt ansieht. Es gibt keine gefrorenen Ehemänner, die an den Wänden lehnen, keine goldene Tür, durch die sie ein- und ausgehen, keine hellgrünen Rauchschwaden. Keine Geister, die an einem Tisch sitzen und darum pokern, wer den Dachboden verlassen darf. Keine Gestalten, die wie Fledermäuse kopfüber von den Dachsparren hängen und synchron ein- und ausatmen. Keine Körper, die wie Teppiche gestapelt sind, um sich ins Leben zu entrollen.

Nur der Dachboden und die Glühbirne, die zugegebenermaßen gerade anfängt, ein wenig zu flackern.

Okay. Prioritäten. Es ist schon … zehn Minuten her, seit Kieran gegangen ist? Zwölf? Wie viel Zeit bleibt ihr noch?

Sie streckt sich so weit in den Dachboden hinein, wie sie kann, ohne einen Schritt weiter hineinzugehen. Das Licht über ihr wird heller. Als sie den Lautsprecher auf dem Boden abstellt, knistert er, und sie schiebt ihn weiter hinein. Dann steigt sie die Treppe hinunter, holt einen Regenschirm und klettert wieder hinauf, um damit den knisternden Lautsprecher über den staubigen Boden außer Reichweite zu schieben. Bis er weit genug weg ist, dass niemand ihn erreichen kann, ohne auf den Dachboden zu steigen.

Anschließend zieht sie den Kopf wieder aus der Luke und schnappt im hellen Flur nach Luft. Das Licht über ihr wird schwächer.

Sie steigt die Leiter hinunter und streamt Musik von ihrem Handy über den Lautsprecher. Kurz ertönt von oben ein Ausschnitt aus der gestrigen Playlist – Songs, die Elenas Freundinnen während des Töpferworkshops hinzugefügt haben.

Sie hält sie an und öffnet YouTube, um nach dem richtigen Geräusch zu suchen.

Und findet es.

Zurück im Wohnzimmer hält sie draußen auf der Straße nach Kieran Ausschau. Sie sucht nicht in ihrem Telefon nach Hochzeitsfotos oder nach Beweisen für ihr gemeinsames Leben. Wie auch immer die Situation ist, sie wird das in Ordnung bringen und braucht es nicht zu wissen.

Fünfzehn Minuten vergehen, dann zwanzig. Fünfundzwanzig. Sie hasst das Laufen – das Öffentliche daran, den Verkehr, von anderen überholt zu werden. Sie weiß nicht, wie lange ein Lauf normalerweise dauert, aber müsste er nicht bald wieder da sein? Er wird vom oberen Ende der Straße kommen, falls er keine Runde dreht und durch die Gasse zurückläuft.

Und das tut er. Auf halbem Weg zwischen der Gasse und dem Haus entdeckt sie ihn endlich. Es dauert einen Moment, bis sie ihn erkennt. Schließlich hat sie nur ein paar Minuten in seiner Gesellschaft verbracht. Sie hatte nach einem blassen Läufer Ausschau gehalten. Stattdessen geht er, bleibt stehen, stützt sich dann mit den Händen auf den Knien ab und richtet sich mit hochrotem Kopf wieder auf. Ihr bleibt eine Minute, vielleicht zwei.

Sie ist ruhig. Das wird doch wohl funktionieren, oder? Was, wenn der Dachboden den Austausch ablehnt? Was, wenn ihr nur sieben Ehemänner zustehen und Kieran die Krönung ist? Sieben ist eine märchenhafte Zahl, sieben könnte real sein.

Nein. Darum kann sie sich immer noch kümmern, wenn es tatsächlich so sein sollte. Momentan bleibt ihr nichts anderes übrig, als dem Dachboden zu vertrauen. Sie startet die Videowiedergabe, und als Erstes kommt Werbung: Ist Hello Fresh sein Geld wert? Auf jeden Fall! Dann kann sie sie überspringen, und es ertönt Wasserrauschen aus der Dachluke oder, wie der Titel des Videos es nennt, Zwei Stunden beruhigendes ASMR-Regenwasserrauschen durch kaputte Rohre. Wenn sie die Lautstärke bis zum Anschlag aufdreht, kann sie es sogar bis ins Schlafzimmer hören – Tropfen, Rauschen, Klappern.

Sie eilt ins Schlafzimmer und schließt die Tür. Eigentlich wollte sie unter das Bett kriechen, aber dieses Modell hier ist unten geschlossen. Dann versteckt sie sich eben im Kleiderschrank, in dem auch Kierans Kleidung hängt und der den Geruch eines unbekannten Waschmittels verströmt. Alles falsch, aber jetzt ist nicht der Zeitpunkt, wählerisch zu sein.

Sie kuschelt sich ein, zieht die Mäntel um sich herum und positioniert sich so, dass die Türen problemlos schließen. Ein Bein hat sie nach vorn gestreckt und hofft, dass sie keinen Krampf bekommt. Es ist weich um sie herum und dunkel, nur durch einen Spalt fällt Licht herein. Vom Dachboden ist immer noch das Tropfen von Wasser zu hören, wenn auch gedämpft. Die Wohnungstür am unteren Ende der Treppe wird geöffnet – sie spürt die Erschütterung, als sie zufällt, und hört die Schritte ihres Mannes, der nach oben kommt und dann im Flur laut und schnell atmet.

5

Konntest du nicht einmal den verdammten Dachboden zumachen?«, hört sie ihn rufen. Dann geht er in die Küche; das Plätschern eines Wasserhahns verstärkt die Wassergeräusche.

»Lauren«, ruft er. Die Tür zum Schlafzimmer wird geöffnet, aber er kommt nicht herein. Hör auf das Geräusch, denkt sie. Hör auf den Dachboden. Jetzt, bei geöffneter Schlafzimmertür, ist es noch lauter. Sie hört ein Knarren, das von der Leiter stammen könnte, dann noch eins. Vielleicht klettert er hinauf, aber wahrscheinlich nicht weit genug, um ausgetauscht zu werden. Vielleicht nicht einmal weit genug, um hineinzusehen. Plötzlich muss sie an das Licht des Bluetooth-Lautsprechers denken. Hoffentlich wird es nicht alles verraten.

»Lauren«, hört sie ihn wieder rufen. Komm schon, denkt sie, es sind Wassergeräusche auf deinem Dachboden, willst du nicht nachsehen? Doch dann leuchtet ihr Telefon auf, er ruft sie an. Das Display beleuchtet die Kleidung, ihre Hände und die Innenseite der Schranktür, und oben auf dem Dachboden ertönt aus dem Lautsprecher das Klingeln diddel-di-die, diddel-di-die. Verdammt, verdammt.

Sie dreht das Handy mit dem Display nach unten auf ihr Knie, um das Licht zu verbergen, aber das Geräusch verstummt nicht. Hastig dreht sie es wieder um, fummelt daran herum und versucht, es auf stumm zu schalten.

»Was zum Teufel, Lauren«, hört sie den Ehemann vor der Tür sagen. Knistern von oben, das durch den Lautsprecher auf dem Dachboden übertragen wird. Kurz darauf legt sie erfolgreich auf und versucht, die Wassergeräusche wieder zu starten. Doch sie muss etwas falsch gemacht haben, denn die Playlist des Junggesellinnenabschieds startet erneut – laut schmettern die Veronicas über ihr.

Sie drückt auf Stopp und bleibt reglos sitzen, dann hört sie ihn wieder fluchen und die Leiter hinaufsteigen. Ja – nach ein paar Sprossen bleibt er stehen, dann geht er weiter.

Noch ein Schritt. Und noch einer.

Dann ertönt das Rauschen, dieses Knistern, lauter als sonst. Und sie hört, wie jemand herunterkommt.

Es hat funktioniert. Es muss funktioniert haben.

»Hey«, sagt die Stimme, mehr nicht, aber sie ist sich fast sicher, dass er es nicht ist. Und dann noch mal aus dem Flur: »Lauren? Wo steckst du denn?«

Diesmal besteht kein Zweifel, die Vokale, der Sprachduktus – es ist ein neuer Mann. Sie stürzt aus dem Schrank, wirft einen alten Mantel auf den Boden, reißt Hemden und Kleider herunter und zieht eines davon hinter sich her durch das wieder veränderte Schlafzimmer und in den Flur. Dort umarmt sie fest den neuen Mann, der vielleicht so groß ist wie sie, vielleicht auch etwas kleiner und kein Hemd anhat. Über eine Schulter ist eine Efeuranke tätowiert, und als sie ihn an sich zieht, ist er der erste Ehemann, dessen Brust sie berührt. Ihr Haar hat wieder die richtige Länge und fällt ihr auf die Schultern, und unter den Füßen spürt sie glatte Dielen.

»Hallo«, sagt der Mann lachend. Sie lehnt sich zurück und sieht ihn an. Er hat Lachfalten um die Augen, und sein Haar ist kurz geschnitten – Locken, die wie Blüten um seinen Kopf stehen. Er trägt Jeans und Segeltuchschuhe, ist kräftig, braun gebrannt und riecht nach Erde und Sonnenlicht. Sie kann sein Alter nicht schätzen, aber die Fältchen um seine Augen lassen darauf schließen, dass er älter ist als sie, älter als die meisten Ehemänner. Der Wechsel des Ehemanns kann das Wetter nicht beeinflusst haben, aber im Flur ist es glühend heiß. Vielleicht liegt es an den Dielen oder an den neuen gelben Wänden.

»Hallo«, erwidert sie grinsend.

»Willst du einen Kaffee?«, fragt er und lächelt zurück.

»Sehr gern.« Von dem Tee, den die anderen Ehemänner und sie sich ständig gereicht haben, hat sie nie einen Schluck getrunken.

Der Mann lacht wieder, als würde er ihre Freude genießen, die sie erfolglos zu unterdrücken versucht. Denn es hat funktioniert: Sie ist Kieran losgeworden, und der Dachboden hat ihr diesen fröhlichen Kaffeebringer geschenkt. Etwas verlegen tritt sie von seiner nackten Brust zurück.

»Willst du ihn im Garten trinken? Ich bringe die Tassen raus.«

»Perfekt«, sagt sie. Der Garten! Den wollte sie sowieso häufiger nutzen.

Sie tritt wieder einen Schritt zurück, um alles in sich aufzunehmen. Die Wohnung wirkt zwar heller als zuvor, aber es herrscht ein einziges Durcheinander: Papiere auf dem Küchentisch, Handtücher auf einem Stuhl in der Ecke, Kabel, ein Karton mit leeren Dosen, die darauf warten, in die Recyclingtonne gebracht zu werden.

»Hey«, sagt sie, »du gehst doch da nicht wieder hoch, oder?« Sie macht eine Kopfbewegung in Richtung Dachboden.

»Nein, ich bin fertig«, antwortet der Ehemann. »Tut mir leid, ich hätte die Luke zumachen sollen.«

»Gut.« Sie schiebt die Leiter hoch. »Tu das nicht. Versprich mir, dass du da nicht raufgehst.«

Er sieht sie an. »Was ist los?«

»Nichts«, sagt sie. »Nur, einfach heute nicht mehr auf den Dachboden gehen, okay? Oder morgen. Ich hatte … so eine Art Vorahnung, dass du stürzt. Also halte dich fern.«

Er lacht. »Ich verspreche es. Kein Dachboden.«

Der Teppich ist von der Treppe verschwunden, aber in der Mitte liegt ein grüner Läufer. Und als sie seitlich um das Haus herum nach hinten geht, findet sie einen mit Blumen bewachsenen Bogen, vielleicht Rosen, geht hindurch und findet sich in einem echten Garten wieder.

Blumen und Rasen und ein Holztisch. Ein Dutzend kleiner brauner Vögel, die wegfliegen, als sie näher kommt. In der hinteren Ecke steht ein Kasten mit einem Netz und verworrenen Ästen darin. Von draußen krallt sich eine Amsel daran fest und pickt durch die Löcher. Ihre Seite des Gartens ist von Tobys und Maryams durch ein höheres Holzspalier getrennt, das über und über mit Ranken bewachsen ist. Einige sind grün, einige haben weiße Blüten und wieder andere längliche violette. In der Mitte befindet sich ein Tor, das die beiden Gartenhälften miteinander verbindet.