Ehrenwerter Herr - Nagib Machfus - E-Book

Ehrenwerter Herr E-Book

Nagib Machfus

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Beschreibung

Ein Mann strebt nach oben: Osman will Herr des »Blauen Zimmers« - Ministerialdirektor - werden. Aber wenn einer aus diesem Viertel stammt, Sohn eines Kutschers ist, als einziger in der ganzen Nachbarschaft ein weißes Hemd und Aktentasche trägt, keinerlei Protektion genießt und nur auf Talent und List bauen kann, dann muss er in der achten Besoldungsklasse und im Archivkeller des Ministeriums beginnen. Opfer müssen erbracht werden. Freundschaften, Herzensangelegenheiten und Verlockungen des Fleisches dürfen dem Aufstieg nicht im Wege stehen. Politische Kämpfe, soziale Unruhen? Wer damit seine Zeit vergeudet, hat von der hohen Mission des Beamtentums nichts begriffen. Mit leichter Feder, kompakt und satirisch, hat Machfus einen Prototyp des universalen Bürokraten geschaffen.

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Seitenzahl: 268

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Über dieses Buch

Ein Mann strebt nach oben: Osman will Ministerialdirektor werden. Aber wenn einer aus diesem Viertel stammt, Sohn eines Kutschers ist, keinerlei Protektion genießt und nur auf Talent und List bauen kann, dann muss er Opfer bringen. Mit leichter Feder, kompakt und satirisch, hat Machfus einen Prototyp des universalen Bürokraten geschaffen.

Zur Webseite mit allen Informationen zu diesem Buch.

Nagib Machfus (1911–2006) gehört zu den bedeutendsten Autoren der Gegenwart und gilt als der eigentliche »Vater des ägyptischen Romans«. Sein Lebenswerk umfasst mehr als vierzig Romane, Kurzgeschichten und Novellen. 1988 erhielt er als bisher einziger arabischer Autor den Nobelpreis für Literatur.

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Doris Kilias (1942–2008) arbeitete als Redakteurin beim arabischen Programm des Rundfunks Berlin (DDR). Nach der Promotion war sie als freie Übersetzerin tätig.

Zur Webseite von Doris Kilias.

Dieses Buch gibt es in folgenden Ausgaben: Taschenbuch, E-Book (EPUB) – Ihre Ausgabe, E-Book (Apple-Geräte), E-Book (Kindle)

Mehr Informationen, Pressestimmen und Dokumente finden Sie auch im Anhang.

Nagib Machfus

Ehrenwerter Herr

Roman

Aus dem Arabischen von Doris Kilias

E-Book-Ausgabe

Unionsverlag

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Impressum

Dieses E-Book enthält als Bonusmaterial im Anhang 6 Dokumente

Die arabische Originalausgabe erschien 1975 unter dem Titel Hadrat al-Muhtaram in Kairo.

Originaltitel: Hadrat al-Muhtaram (1975)

© by Nagib Machfus 1975

© by Unionsverlag, Zürich 2024

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Martina Heuer

ISBN 978-3-293-30583-0

Diese E-Book-Ausgabe ist optimiert für EPUB-Lesegeräte

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Version vom 27.07.2024, 10:08h

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Inhaltsverzeichnis

Cover

Über dieses Buch

Titelseite

Impressum

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Inhaltsverzeichnis

EHRENWERTER HERR

1 – Die Tür ging auf. Ein Raum, schier unendlich …2 – O Herr, ich stehe in Flammen3 – In seinem Zuhause angekommen, es bestand aus Zimmer …4 – Auch die Stunde des Stelldicheins gehörte zu den …5 – Er stand am Grab der Eltern, das sich …6 – Wundersam, wie die Jahreszeiten einander folgen. Unentwegt arbeitete …7 – Eines Tages, als Safan Basjuni ihm die eingegangene …8 – Noch bevor der Monat zu Ende ging …9 – Als er die Treppe hinunterstieg, versperrte ihm Umm …10 – Er machte in allem gute Fortschritte, auch wenn …11 – An Seine Exzellenz den Ministerialdirektor12 – Ich werde Sie im Archiv sehr vermissen …13 – Eines Tages fiel Osman Bajumi eine interessante Bekanntmachung …14 – Wie gewohnt, besuchte ihn Umm Husni wieder einmal …15 – Was seine Finanzen betraf, so verbesserte sich die …16 – Zeigte man bei allem Leerlauf nur ein wenig …17 – Er lud Umm Husni zu Besuch ein …18 – Kein Zweifel, er hatte einen erfreulichen Sprung nach …19 – Die Zeit war wie ein Schwert; zerbrichst du …20 – Unsija Ramadan tauchte in einem Moment auf der …21 – Einmal bemerkte Hamza as-Suwaifi nebenbei: »Glück ist das …22 – Unsija Ramadan erschien mit ihrem monatlichen Postbericht …23 – Freitag, am frühen Nachmittag, gab es ein Treffen …24 – Frau Asila Higazi, die Schuldirektorin, sei gekommen …25 – Er kam nicht umhin zu erkennen, dass das …26 – Wann und wie sollte er Zeit finden …27 – Unsija Ramadan – ja, die liebte er …28 – Er bat Unsija um ein Treffen: Freitagmorgen bei …29 – Strahlen, die sich hinter die Wolken verirrt hatten …30 – Trotz aller Kraft, mit der sie sich gegen …31 – Nein, nein, nein! Das hätte er niemals geglaubt32 – Am nächsten Tag war er noch immer zur …33 – Sollten die Tage doch verstreichen! Was auch immer …34 – Wie schon oft war der neuerliche Erfolg schnell …35 – Während die Tage mit der Arbeit im Büro …36 – Zum ersten Mal trug er elegante Kleidung …37 – Kaum hatte er in Gegenwart von Radijas Tante …38 – Endlich durfte er Besuch empfangen. Es kamen Kollegen …Anmerkungen

Mehr über dieses Buch

Über Nagib Machfus

Nagib Machfus: Das Leben als höchstes Gut

Nagib Machfus: Rede zur Verleihung des Nobelpreises 1988

Tahar Ben Jelloun: Der Nobelpreis hat Nagib Machfus nicht verändert

Erdmute Heller: Nagib Machfus: Vater des ägyptischen Romans

Gamal al-Ghitani: Hommage für Nagib Machfus

Hartmut Fähndrich: Die Beunruhigung des Nobelpreisträgers

Über Doris Kilias

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1

Die Tür ging auf. Ein Raum, schier unendlich in seiner Weite, breitete sich vor ihm aus. Eine Welt, hehr und erregend, erstrahlte in hellem Glanz, bot den Banalitäten des Seins keinerlei Platz. Wer diese Welt betrat, so sein fester Glaube, wurde von ihr verschlungen und verzehrt. Auf einen Schlag stand sein ganzes Sein in Flammen, versank er überwältigt in magische Verzückung. Als Erstes schwand die Fähigkeit, sich zu konzentrieren. Er vergaß den vordem übermächtigen Wunsch, sich alles genau anzusehen – Boden, Wände, Decke und: den Gott, der hinter dem prächtigen Schreibtisch thronte. Ein elektrischer Schlag traf ihn, eine schöpferische Offenbarung, die tief im Herzen das wahnsinnige Gelüst keimen ließ, den Gipfel von Macht und Glorie zu erklimmen und die wahre Herrlichkeit des Lebens zu genießen. Der Ruf himmlischer Macht befahl ihm, sich anbetend niederzuwerfen und als Opfer darzubringen. Doch wie alle anderen verharrte er auf der Stelle, zeigte Demut und Bescheidenheit. Hier war er das Kind, und reichlicher Tränen würde es noch bedürfen, bis es an ihm war, seinen Willen zu diktieren. Einem unbezwinglichen Wunsch folgend, huschte sein Blick hinüber zum Gott hinter dem Schreibtisch. Aber schon im nächsten Moment senkte er hastig und mit aller ihm zur Verfügung stehenden Ergebenheit die Augen.

Hamza as-Suwaifi, seines Zeichens Verwaltungsdirektor, führte die kleine Schar der Prozessionsteilnehmer an. Ihm kam es zu, das Wort an den Herrn Ministerialdirektor zu richten. »Die neuen Beamten, Exzellenz.«

Dessen Blick glitt über die Gesichter, und vom Glanz der Augen fiel auch für Osman etwas ab. Ihm schoss der Gedanke durch den Kopf, dass er wahrhaftig die historische Arena der Regierung betreten hatte und ihm die Gnade zuteilwurde, an einer Audienz bei Exzellenz teilzuhaben. Er glaubte, ein seltsames Geräusch, etwas wie Gemurmel zu vernehmen; vielleicht hörte nur er es, vielleicht war es das Schicksal selbst, das da sprach. Als die bedächtige Kontrolle zu Ende ging, hob Exzellenz zu reden an, mit einer Stimme, die so langsam, ruhig, bedächtig klang, dass sie nichts von dem verriet, worauf es Exzellenz ankam. In Form einer Frage war zu hören: »Alle sind Abiturienten?«

»Zwei von ihnen«, so Hamza as-Suwaifi, »haben die Mittlere Reife der Handelsschule.«

Mit etwas aufmunterndem Klang sprach Exzellenz: »Die Welt macht Fortschritte, alles verändert sich. An die Stelle des Grundschulabschlusses ist das Abitur getreten.«

Die Herzen wurden ruhiger, doch jedwede aufkeimende Heiterkeit wurde hinter noch größerer Unterwürfigkeit verborgen.

»Kommen Sie der an Sie gestellten Erwartung mit Fleiß und Rechtschaffenheit nach«, war von Exzellenz zu vernehmen. Er begann, die Liste mit den Namen durchzusehen, und plötzlich fragte er: »Wer von Ihnen ist Osman Bajumi?«

Osmans Herz begann heftig zu schlagen. Dass Exzellenz seinen Namen aussprach, versetzte ihm im Innern einen heftigen Schlag. Mit gesenktem Kopf trat er einen Schritt vor und flüsterte: »Das bin ich, Exzellenz.«

»Ihre Abiturnoten sind ausgezeichnet. Warum haben Sie die Ausbildung nicht fortgesetzt?«

Er wusste nicht, was er erwidern sollte, obwohl ihm die Antwort durchaus bewusst war. Der Verwaltungsdirektor sprang ein. »Nun ja, die Umstände, Exzellenz …«

Wieder hörte er das Gemurmel, die Stimme des Schicksals, und auf einmal überfiel ihn das Gefühl, dass ein Blau die Luft erfüllte und ein eigenartiger, angenehmer Duft im Raum schwebte. Es kümmerte ihn nicht, dass in seinem Fall auf »Umstände« verwiesen worden war. Einzig wichtig war, dass er die Weihe gütiger Aufmerksamkeit durch Exzellenz erfahren hatte. Das machte, dass ihn das Gefühl packte, sich im sicheren Glauben auf einen Sieg einem ganzen Heer stellen zu können. O ja, er wuchs über sich hinaus, reichte hinauf bis an die Wolken, getragen von einem wilden, übermütigen Rausch.

Da aber klopfte Exzellenz auf die Kante des Schreibtischs, eine Geste, die das Ende der Begegnung verkündete. »Danke, und auf Wiedersehen.«

Als er hinausging, rezitierte er im Stillen den Thron-Vers.

2

O Herr, ich stehe in Flammen.

Das Feuer loderte, verzehrte seine Seele, fraß sich von tiefster Tiefe bis zu höchsten Höhen hinauf, wo sich Träume wiegten. Ein einziger, einer Offenbarung gleichkommender Blick, ein Bündel gleißenden Lichts, hatte genügt, ihn die Welt sehen zu lassen; nichts anderes erfüllte sein Herz, und wie im Wahnsinn hielt er daran fest. Immer hatte er Träume, Sehnsüchte, Wünsche gehegt, aber dieses Mal stand er in Flammen, und im Schein des heiligen Feuers offenbarte sich ihm die Bedeutung des Lebens.

Hienieden war ihm ein Platz im Archiv beschieden, doch es kümmerte ihn nicht, wo er den Anfang machte. Das Leben selbst begann mit einer winzigen Zelle, wenn nicht sogar mit weniger als dem. Schwebend und wie von Schwingen getragen, stieg er hinab ins neue Domizil und suchte im Keller seinen Weg. Dunkel war es hier, und es roch nach altem Papier. Durch ein vergittertes Fenster konnte er erkennen, dass sich der Erdboden in Höhe seines Kopfes befand. Ein hallenartiger Flur erstreckte sich vor ihm. Auf beiden Seiten standen Aktenschränke, in der Mitte war eine freie Fläche ausgespart. In den Buchten zwischen den Schränken standen Schreibtische.

Ein Beamter wies ihm den Weg. An der Stirnseite der Halle war die Wand wie eine Gebetsnische ausgehöhlt, und dort stand ein Schreibtisch, an dem der Leiter des Archivs saß.

Noch immer schwebte Osman in geheiligten Sphären; der Abstieg ins Kellergewölbe änderte nichts daran. Erregt, aufgelöst, verwirrt folgte er dem Beamten. Es ist Unsterblichkeit, nach der der Mensch strebt, sagte er sich.

Mit den Worten: »Herr Osman Bajumi, der neue Mitarbeiter«, stellte ihn der Beamte vor, bevor er sich an ihn wandte und sagte: »Das ist unser Leiter, Herr Safan Basjuni.«

Das Gesicht trug vertraute Züge, ganz so, als stammte der Mann ursprünglich aus seinem Viertel. Osman gefielen die hohen Wangenknochen, die dunkle, gestraffte Haut, das weiße, zerzauste Haar. Aber weit mehr noch mochte er den gutherzigen, freundlichen Blick, der sich vergeblich darum mühte, die Würde eines Vorgesetzten auszustrahlen. Als der Mann lächelte, kam das Abstoßende zum Vorschein: schwarze, durch Lücken getrennt stehende Zähne.

»Ah, der neue Mitarbeiter, setzen Sie sich.« Er begann, in den Einstellungspapieren zu blättern. »Ja, herzlich willkommen. Das Leben lässt sich mit zwei Wörtern zusammenfassen – Ankunft und Abschied.«

Trotzdem ist nichts endgültig, dachte Osman im Stillen. Mehr noch, ein leichter, unbekannter Hauch strich an ihm vorbei, der alle nur möglichen Wahrscheinlichkeiten ahnen ließ. O ja, sagte er sich, nichts ist endgültig, aber es bedarf eines nimmermüden Willens.

Der Vorgesetzte wies auf einen abgenutzten, verblichenen, mit blässlichen Tintenflecken bespritzten Schreibtisch. »Das ist Ihr Platz. Sehen Sie sich den Stuhl genau an, sonst zerreißt Ihnen ein erbärmlicher Nagel noch den neuen Anzug.«

»Gott sei Dank ist mein Anzug sehr alt.«

Unbeirrt setzte der Mann seine Warnungen fort. »Sprechen Sie, bevor Sie einen Schrank öffnen, die Samadija, denn letztes Jahr, vor dem Fest, kam uns aus einem der Schränke eine Schlange entgegen, die bestimmt einen Meter lang war.« Er lachte so herzlich, dass er husten musste. »Aber sie war nicht giftig.«

»Wie kann man das wissen?«, fragte Osman beunruhigt.

»Fragen Sie den Bürodiener. Er kommt aus Abu Rawwasch, dem Schlangendorf.«

Osman hörte nicht länger hin, tat den Mann als Witzbold ab. Stattdessen machte er sich die heftigsten Vorwürfe, sich weder den Raum des Herrn Ministerialdirektors noch dessen Mimik und Gestik gründlich angesehen zu haben. Wie konnte es sein, dass er nicht versucht hatte, hinter das Geheimnis jenes Zaubers zu kommen, mit dem sich Exzellenz jeden und alles gefügig machte? Ein Zeichen von ihm, und die Welt gehorchte. Das war die Macht, die es wert war, angebetet zu werden, und das war es, was Schönheit ausmachte. Darin lag eins der vielen Geheimnisse, die das Sein barg, und wer Augen hatte und Verstand, dem bot die Welt göttliche Geheimnisse in Hülle und Fülle. Gewiss, die Zeit zwischen Ankunft und Abschied war kurz, aber sie war auch unendlich, und wehe dem, der diese Wahrheit übersah. Es gab genügend Leute, die nie in Bewegung gerieten; gutmütige, erbärmliche Tölpel von der Art eines Safan Basjuni, der Lebensweisheiten von sich gab, ohne daraus etwas zu lernen. O ja, sein eigener Vater, Amm Bajumi, hatte auch zu diesen Typen gehört. Doch wem das heilige Feuer im Herzen brannte, der war von anderer Art. Der Weg war klar: Das Glück begann mit der achten Beamtenstufe, und am Ende stand der Glanz, in dem sich Seine Exzellenz der Ministerialdirektor sonnte. Das war das Ideal, wonach des Volkes Söhne strebten, ein anderes Ziel gab es nicht. So sah der siebente Himmel aus, wo sich göttliche Gnade und menschliche Größe vereinten. Die achte Stufe, die siebente, die sechste, die fünfte, die vierte, die dritte, die zweite, die erste … und dann – Ministerialdirektor. Zweiunddreißig Jahre, vielleicht auch etwas länger, und das Wunder würde Wirklichkeit werden. Sicher, Leute, die auf halbem Weg auf der Strecke blieben, ließen sich immer finden. Astronomische Gesetze waren auf Menschen, gar auf Beamte, nicht anzuwenden. Mochte ihm die Zeit gefügig sein wie ein sanftes Kind, das Morgen verriet sie ihm nicht. Nur eins war gewiss: Er stand in Flammen, und das Feuer, das in der Brust loderte, schien den Sternen ihren Glanz zu verleihen. O ja, wir alle sind lebende Geheimnisse, und nur der, der uns erschaffen hat, weiß, was im Verborgenen schlummert.

»Beschäftigen Sie sich zuerst mit den Eingängen, das ist einfacher«, erklärte Herr Safan Basjuni. Er lachte und fuhr fort: »Als Archivar zieht man am besten das Jackett aus oder Ärmelschoner über. Das schützt vor Staub und Büroklammern.«

Nichts leichter als das. Das einzig Schwere würde sein, mit der Zeit umzugehen.

3

In seinem Zuhause angekommen, es bestand aus Zimmer und notwendigem Nebengelass, sah er sich auf seine Körperlichkeit reduziert: die fleischliche Hülle des Strebens nach dem Sinn des Lebens. Doch auch hier waren ihm ein waches Empfinden und ein geschärftes Bewusstsein eigen, galt es doch, sich jeder nur möglichen Waffe zu bemächtigen. Vom kleinen Fenster schaute er hinunter auf seine Heimat – das Hussain-Viertel, vertraut in einem Maße, dass er es als natürlichen Fortsatz des eigenen Geistes und Körpers empfand. Bis auf eine scharfe Biegung zog sich die Gasse in die Länge. Die Gegend war dafür bekannt, dass hier die Karren pausierten und die Esel getränkt wurden. Das Haus, in dem er geboren und aufgewachsen war, hatte man niedergerissen und stattdessen einen kleinen Schuppen gebaut, in dem Handkarren abgestellt wurden. Nur wenige der hier Geborenen verließen das Viertel für immer, es sei denn, sie gingen ins Grab. Die Leute arbeiteten an verschiedenen Orten, in Mabjada, Darrasa, Sikkat al-Gadida oder gar noch weiter weg. Aber ging der Tag zu Ende, kehrten alle wieder zurück. Zu den Eigenheiten des Viertels gehörte, dass es weder Flüstern noch gedämpftes Reden kannte. Hier ging es unter kräftigem Lärm hoch her, schwankte die Spannung zwischen Weisheit und Banalität. Eine Stimme war ihm besonders vertraut. Laut und grob schallte sie durchs Viertel, und selbst das Alter konnte ihr nichts anhaben. Es war die von Umm Husni, der Hausbesitzerin.

Von der Ewigkeit zu träumen, über sie nachzusinnen, war kein einfach Ding – es war zermürbend. Was für ein Mensch war er gestern gewesen, was machte das Heute aus ihm? Einem wie ihm ziemte es nicht, das Unmögliche zu kennen; einer wie er durfte sich nicht planlos in den Strom des Lebens stürzen. Ein kluger, peinlich genauer Kurs musste her. Seltsam, wie oft er nachts träumte zu urinieren, aber immer wachte er gerade noch rechtzeitig auf. Hatte das etwas zu bedeuten?

Umm Husni hatte mit seiner Mutter zusammengearbeitet und war ihre jahrelange Freundin und Vertraute gewesen. Beide Frauen hatten Kutscher geheiratet. Mit der Geduld und Emsigkeit von Ameisen waren sie jedem Piaster hinterhergejagt, um die Männer zu unterstützen und das Nest in Ordnung zu halten. Sie hatten Trödel verkauft, sich als Brautwerberinnen betätigt, andere Frauen frisiert und so weiter und so weiter. Bis zu ihrem Tod war die Mutter arbeiten gegangen. Umm Husni plagte sich noch immer ab. Sie hatte mehr Glück gehabt als die Mutter, hatte besser verdient und vom Ersparten ein Haus gebaut: Im Erdgeschoss gab es eine Holzhandlung, darüber zwei Wohnungen; in der einen wohnte sie, in der anderen er, Osman. Von ihrem Sohn Husni war ihr nur der Name geblieben, denn Krieg und Elend hatten ihn in ein fernes Land getrieben.

Hatte er nicht das Recht zu träumen? O ja, dank der heiligen Flamme, die in der Brust loderte, stand es ihm an. Auch das kleine Zimmer war Grund zu träumen. Er war ans Träumen genauso gewöhnt wie an Bett, Sofa, Truhe, Matte … wie an die manchmal grellen, manchmal melodiösen Töne, die aus seiner Kehle drangen und von den dicken, dunklen Wänden als Echo widerhallten.

Was hatte ihm das Gestern gebracht? Sein Vater wollte einen Kutscher aus ihm machen, aber der Scheich der Koranschule sagte: »Amm Bajumi, vertrau auf Gott und schick den Jungen zur Schule.«

»Wieso?«, fragte der Vater erstaunt. »Kann er noch nicht genug vom Koran, um das Gebet zu verrichten?«

»Der Junge ist klug, hat Verstand. Könnte sein, dass er eines Tages Beamter wird.« Amm Bajumi lachte schallend los, aber der Scheich fuhr unbeirrt fort: »Versuchs bei einer Stiftungsschule, vielleicht nehmen sie ihn, und du musst nichts bezahlen.«

Amm Bajumi war eine Weile unschlüssig, aber dann nahm das Wunder seinen Lauf. Osman brachte verblüffende Erfolge nach Hause und erreichte den Grundschulabschluss. Er hatte alle seine barfüßigen Altersgefährten im Viertel übertroffen, und zum ersten Mal spürten seine geschärften Sinne, dass das heftig pochende Herz heilige Funken sprühte. Er war überzeugt, dass Gottes Segen auf ihm lag und die Tore zur Unsterblichkeit offen standen. Er bekam einen kostenlosen Platz auf der Oberschule, und auch dort war er in einem Maß erfolgreich, dass es im Hussain-Viertel niemand glauben wollte. Als er das zweite Jahr die Oberschule besuchte, erkrankte Amm Bajumi und lag auf den Tod darnieder. Er bereute, was er dem Sohn angetan hatte, und klagte: »Als mittellosen Schüler lasse ich dich zurück. Wer wird jetzt den Karren kutschieren, wer wird die Familie unterhalten?«

Bekümmert gab der Vater den Geist auf. Von nun an mühte sich die Mutter doppelt ab, hoffte sie doch, dass Gott aus ihrem Sohn einen der ganz Großen machte. Vermochte Gott nicht alles und jedes? Wäre nicht völlig unerwartet der Tod der Mutter eingetreten, hätte Osman die Ausbildung mit einem Hochschuldiplom abgeschlossen. Groß war sein Kummer, und vor lauter Schmerz verbiss er sich noch stärker in den Vorsatz, es an Ehrgeiz und hehren Träumen nicht fehlen zu lassen. Zu den ihm heiligen Dingen gehörte auch das Gedenken der Eltern. Kein Festtag verstrich, ohne dass er ihr Grab besucht hätte. Es war eins der vielen anderen, die, bezahlt von der Armensteuer, verloren unter freiem Himmel lagen. Einsam und allein stand Osman im Leben – ein Ast, abgehackt vom nährenden Baum. Sein ältester Bruder, ein Polizist, war bei einer Demonstration getötet worden. Die Schwester war im Krankenhaus an Typhus gestorben und der andere Bruder im Gefängnis. Wann immer er der Familie gedachte, fühlte er Schmerz und beklagte den Verlust. Die vielen betrüblichen Ereignisse erachtete er als Teil eines erhabenen Dramas, dem er ebenso ehrfurchtsvoll wie furchtsam beiwohnte. Im Viertel galt das Schicksal, war es von miteinander ringenden, unbekannten Kräften erst einmal beschlossen, für ewige Zeiten als heilig. Deshalb baute er letztendlich, trotz des grenzenlosen Glaubens an sich selbst, auf Gott den Allmächtigen. Deshalb vernachlässigte er keine der religiösen Pflichten, schon gar nicht das Freitagsgebet in der Hussain-Moschee. Wie alle Leute seines Viertels machte auch er im Glauben keinen Unterschied zwischen Religion und Welt, denn die Religion gehörte der Welt und die Welt der Religion. Ein funkelndes Juwel wie die Stellung des Ministerialdirektors bedeutete lediglich eine geheiligte Station auf dem göttlichen, nimmer endenden Weg. Da er schon in der Schulzeit ein heller Kopf war und sich mit wachem Verstand bewegte, hatte er alles, was ihm wichtig erschien, gierig aufgenommen. Danach entwarf er dann einen genauen Plan für die Zukunft, und den Extrakt brachte er zu Papier. Jeden Morgen, bevor er das Haus verließ, prägte er sich das Programm Punkt für Punkt ein:

Arbeits- und Lebensplan

1.  Zuverlässige und korrekte Pflichterfüllung.

2. Analyse der finanziellen Lage, als handelte es sich um ein heiliges Buch.

3. Erwerb des Diploms per Fernstudium.

4. Neben Pflege der arabischen Sprache Erlernen von zwei Fremdsprachen, Englisch und Französisch.

5. Erwerb allgemeiner Kulturkenntnisse, insbesondere solcher, die einem Beamten nützlich sind.

6. Auf jede nur mögliche Weise sich als fromm, moralisch und fleißig präsentieren.

7. Beharrlich daran wirken, das Vertrauen der Vorgesetzten und ihrer Günstlinge zu gewinnen.

8. Ausnützen günstiger Gelegenheiten unter Wahrung des persönlichen Ansehens, wie zum Beispiel: höfliche, angemessene Hilfe für Leute in wichtigen Positionen, Erwerb nützlicher Freundschaften, Schließen einer günstigen Ehe, die dem Vorankommen dient.

Es geschah nicht gerade selten, dass er in einen kleinen Spiegel blickte, der an einem Nagel zwischen dem Fenster und der Kleiderhakenleiste hing. Es ging darum, sich seines Aussehens und des Eindrucks seiner Person zu vergewissern. Was sein Äußeres betraf, würde es ihm keinesfalls hinderlich sein. Immerhin hatte er die fürs Viertel typische kräftige Statur, und das längliche, braune Gesicht wurde von einer hohen, glatten Stirn und ordentlich geschnittenem Haar gekrönt. Alles in allem bot sein Äußeres das, was man zum Ausfüllen jedweder gehobenen, wichtigen Stellung brauchte.

Mit den Worten: »Der Anfang ist gemacht, der Weg liegt vor dir«, sprach er sich Mut und Stärke zu.

4

Auch die Stunde des Stelldicheins gehörte zu den heiligen Dingen des Lebens. Sie trafen sich dort, wo die Einöde begann. Er eilte verliebten Herzens hin, erfüllt von einer Heiterkeit, die von der Freude kündete, der üblichen Last der Tage entronnen zu sein. In Sichtweite der Wüste, dort, wo der alte, verlassene Brunnen stand, setzten sie sich Seite an Seite auf die unterste Stufe und genossen den nicht enden wollenden Sonnenuntergang. Bis zum Fuß des Bergs erstreckte sich die Wüste, und die Stille jubilierte in ihrer unbekannten Sprache.

Das dunkle Braun von Sajjidas Haut glich der Farbe der auf der Lauer liegenden Nacht. Es war ein Braun, das ihr von der ägyptischen Mutter, mehr noch vom nubischen Vater vererbt worden war; schon mit sechs Jahren war Sajjida Halbwaise gewesen. Aufgewachsen im gleichen Viertel, schien die erste Begegnung des jungen Paars bis an den Ursprung allen Lebens heranzureichen. Schaute er in ihre großen, runden Augen, oder betrachtete er ihren kleinen, festen Körper, der vor Lebensfreude überschäumte, dann bot sie ein so aufregendes Bild, dass all seine Instinkte erwachten und flehten. Mit ihr hatte er als Kind auf der Straße und dem Dach gespielt, mit ihr war er zur Koranschule gegangen. Obwohl sie erst sechzehn Jahre alt war, galt sie als tüchtige Hausfrau. Seit ihre sieben Schwestern geheiratet hatten, ging sie der Mutter fleißig zur Hand.

Sajjida lächelte. Wie auch nicht? Ihr Gesicht war immer heiter, immer strahlten die Augen, immer bewegte sie sich mit anmutiger Kraft. Die Strähnen des dicken, krausen Haars tanzten im Hauch der leichten Brise, die vom Berg herüberwehte.

Plötzlich durchbrach ihre Stimme die süße Stille. »Meine Mutter freut sich sehr, dass du jetzt bei der Regierung bist.«

»Du etwa nicht?«, neckte er sie.

Sie lächelte, gab aber keine Antwort. Da legte er den Arm um sie, und beider Lippenpaare begegneten sich, schmal die einen, üppig und voll die anderen. Das Wort Liebe kam in ihren Gesprächen nicht vor, aber wann immer sie allein waren, drückten sie das Gefühl füreinander durch Umarmungen und Küsse aus. Unkompliziert und heiter, wie Sajjida war, stillte sie jenen Hunger seiner Seele, der nach Leben gierte. Aber er liebte sie auch mit dem Verstand, schätzte er doch ihre Tugendhaftigkeit und Aufrichtigkeit. Instinktiv fühlte er, dass sie ihn glücklich machen konnte.

»Du bist Beamter geworden …«

Er hörte den Stolz heraus und küsste sie zum zweiten Mal.

»So viel Glück hatte noch keiner im Viertel.«

Seine Altersgefährten arbeiteten in den unterschiedlichsten Handwerksberufen. Wenn er an ihnen vorbeiging, starrten sie ihn bewundernd und manchmal auch neidisch an, Grund genug, sich zu freuen, wenn da nicht gleichzeitig das bittere Gefühl gewesen wäre, dass ein langer Weg vor ihm lag und er viel Hartnäckigkeit aufbringen musste.

»Du bist der Einzige, der einen Anzug trägt.«

»Außerhalb des Viertels bedeutet das nichts«, erwiderte er gelassen.

»Was draußen gilt, ist nicht wichtig, aber bei uns im Viertel, wo alle nur Kutscher sind …«

Da küsste er sie zum dritten Mal. Dennoch mahnte er: »Sprich nicht abfällig von den Kutschern.«

»Recht hast du, du bist eben anständig.«

Sajjidas Vater war bei der gleichen Demonstration verhaftet worden wie sein Bruder. Er war ins Gefängnis gekommen und dort gestorben. Solche Vorfälle gereichten dem Viertel zur Ehre und machten seinen guten Ruf aus.

»Und was passiert nun?«

Sajjidas Frage zeigte, dass ihre Gedanken einzig und allein um einen Punkt kreisten. Es nutzte nichts, sich ahnungslos zu stellen. Schon längst hatte er begriffen, dass sie sich nach nichts mehr sehnte, als den entscheidenden Satz zu hören, der sie zutiefst glücklich machen würde. Ebenso gut wusste er, dass sein Glück nicht geringer als ihres wäre, wenn nicht sogar größer. Er liebte dieses Mädchen in gleichem Maß wie sie ihn und wollte sie nie mehr missen. Aber er hatte Angst. Er brauchte Zeit zum Überlegen. Der bittere Arbeits- und Lebensplan durfte nicht aus den Augen verloren werden, und er hatte den langen Werdegang zu bedenken, mit dem ihn das Leben lockte, aber auch herausforderte. »Was genau meinst du, Sajjida?«

»Ach, nichts Besonderes«, erwiderte sie, und so leichthin es auch gesagt war, schwang eine Spur Eigensinn darin mit.

»Wir dürfen ja nicht vergessen, wie jung wir noch sind.«

»Wer? Ich etwa?« So sanft ihr Protest auch klang, war er doch ein koketter Hinweis darauf, dass sie, im Bewusstsein ihrer Reife, mit all ihrer Weiblichkeit nach ihm rief.

»Ich habe natürlich mich gemeint«, spaßte er.

»Lass dir einen Schnurrbart wachsen, der fehlt noch.«

Er empfand diese Bemerkung nicht als Scherz, sondern nahm sie ernst. Ein Schnurrbart würde ihm tatsächlich in seinem Kampf nützen. Wer konnte sich schon einen hohen Beamten ohne Schnurrbart vorstellen?

»Ich will meine Ausbildung zu Ende bringen, Sajjida.«

»Brauchst du noch mehr?«

»Das Diplom.«

»Wieso?«

»Es dient der Beförderung.«

»Dauert das lange?«

»Mindestens vier Jahre.« Er fühlte sich schmerzlich berührt, als er in ihren Augen Enttäuschung las, auch ein wenig verlegene Wut.

»Wozu ist es notwendig, dass du befördert wirst?«

Er lachte, drückte ihr einen Kuss aufs Haar; zu mehr hatte er nicht mehr den Mut. Der Duft ihrer Haare erinnerte ihn an die Spiele in der Kindheit, daran, wie sie ihn in den Rücken geboxt hatte, als sie beim Braut-und-Bräutigam-Spiel zusammen gefangen worden waren. Über dem Berg brach die Dunkelheit herein, begleitet von Gesang, der aus einem Plattenspieler herüberscholl.

»Hm, die Beförderung ist wohl wichtiger, als ich dachte.«

Er nahm ihre Hand und murmelte: »Ich werde dich immer lieben.«

Das war die Wahrheit, aber im Maß, wie er ehrlich war, überfielen ihn auch Trauer und Schmerz und ein gut Teil Wut auf sich selbst. O ja, das Leben stellte eine großartige und erhabene Erfahrung dar, aber anstrengend war es auch.

5

Er stand am Grab der Eltern, das sich zwischen den vielen anderen verloren ausnahm. Leise sprach er die Fatiha und ließ ein »Gottes unendliche Barmherzigkeit sei mit euch« folgen. Als wollte er Dank sagen, flüsterte er: »Euer Osman macht als geachteter Beamter die ersten Schritte, und mag der Weg noch so mühselig sein, ist er entschlossen, bis zum Ende zu gehen.« Er verneigte sich ein wenig und sprach demutsvoll: »Was mir an Gutem zuteilwurde, verdanke ich Gottes Gnade und eurer Huld.«

Ein blinder Junge kam näher und zitierte einige wenige Verse aus kurzen Suren. Er kam nicht umhin, ihm einen halben Piaster zu geben, und war das auch ein lächerlicher Betrag, ärgerte es ihn doch. Kaum war der Junge verschwunden, vertiefte er sich wieder ins Gespräch mit den Eltern. »Bei Gott gelobe ich, dass ich euch, so Gott meine Hoffnungen wahr werden lässt, in ein neues Grab überführe.«

Er wusste zwar nicht, was im Lauf der Zeit vom Leichnam der Eltern erhalten sein würde, vermutete aber, dass auf jeden Fall ein Rest zu finden sein werde. Plötzlich musste er an Sajjida denken, was ihn erstaunte. Klar und deutlich hatte er ihr Gesicht vor Augen. Wie immer lächelte sie, aber sie schien drauf und dran zu sein, ihm eine heftige, bitterböse Bemerkung entgegenzuschleudern. Das Herz krampfte sich schmerzlich zusammen, und leise flüsterte er: »Herr, führe mich den rechten Weg, denn alles, was ich tue, geschieht durch deinen Willen.«

In Gedanken erlebte er noch einmal die letzten Tage seines Vaters. Die Erinnerung daran ließ sich nicht aufhalten. Von Krankheit und Alter gezeichnet, hatte es der Vater zuletzt gerade noch geschafft, auf einem Fell vor dem Haus zu sitzen. Er konnte kaum noch sehen und hören und stöhnte angesichts seiner Hinfälligkeit ein ums andere Mal: »O Gott, schenk mir deine Gnade und Barmherzigkeit.«

In seiner guten Zeit gehörte er zu den starken Männern des Viertels. Ein Leben lang verließ er sich auf die Kraft seiner Muskeln, hatte er unermüdlich gearbeitet und trotzdem die ganze Härte eines Lebens in Armut zu spüren bekommen. Er ging geradezu verschwenderisch mit seiner Kraft um, und trafen ihn Schicksalsschläge, brach er, ohne dass ein Sinn darin gelegen hätte, in brüllendes Gelächter aus. Eines Abends saß er dann tot auf seinem Fell, und niemand wusste, wie der Tod ihn heimgesucht und er ihn aufgenommen hatte. Aber verglichen damit, starb die Mutter auf noch verblüffendere Weise. Sie hatte Wäsche gewaschen, plötzlich krümmte sie sich zusammen und schrie vor Schmerz. Die Erste Hilfe brachte sie ins Kasr-al-Aini-Krankenhaus, man operierte sie am Blinddarm, und auf einmal war sie tot.