Eifel-Ritter - Monika Tworuschka - E-Book

Eifel-Ritter E-Book

Monika Tworuschka

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Beschreibung

Wenn die Vergangenheit nicht ruht, wird die Gegenwart tödlich. Ein brutaler Mord im Eifeler Burgenmuseum erschüttert die Region-und ist nur der Anfang. Hauptkommissar Johannes Nöthen steht in seinem neuen Fall unter Hochdruck, denn bei den jährlichen Ritterspielen droht ein weiteres Verbrechen., Die Spur führt zu der Chronik der Eifel-Ritter. Der Fall droht aus dem Ruder zu laufen: In der Buchhandlung Schmökerecke bildet sich eine Gruppe aus Hobbydetektiven, und die Ermittlungen von Nöthen und seiner Kollegin Sarah Berger-Roth treiben beide in einen Strudel aus dunkler Vergangenheit und und tödlicher Gegenwart. Zwischen historischen Mauern und mörderischen Geheimnissen entfaltet sich ein rasanter Krimi, der die Eifel von ihrer schönsten und ihrer gefährlichsten Seite zeigt. Eifel-Ritter-spannend, atmosphärisch, überraschend.

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Seitenzahl: 271

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

KAPITEL 29

KAPITEL 30

KAPITEL 31

KAPITEL 32

KAPITEL 33

KAPITEL 34

KAPITEL 35

KAPITEL 36

KAPITEL 37

Literaturnachweis

Personen

Sarah Berger-Roth:

Oberkommissarin, vor einem Jahr aus Köln in die Eifel gezogen, steht oft unter Stress und im Interessenskonflikt zwischen Familie und Beruf, vermisst Köln, FC-Fan

Mark Berger:

ihr Mann, Gymnasiallehrer für Sport und Geschichte, hat mit seiner Frau Sarah ein denkmalgeschütztes Haus gekauft und kümmert sich um die Renovierung

Christoph, Tilda und Benjamin:

ihre Kinder; Benjamin ist ritterbegeistert

Johannes Nöthen:

Hauptkommissar, stammt aus der Eifel, geschieden, selbstbewusster und erfahrener Ermittler, große Zuneigung zu seiner Tochter Lotte und seiner Labradorhündin Tessa

Lotte:

seine Tochter, selbstbewusst, provoziert gern ihren Vater, findet mit ihrem Vater und Tessa die Chronik der Eifel-Ritter

Tessa:

Nöthens Labradorhündin, sorgt für Comic- Relief und manchmal für Verwirrung

Hanna Meyer:

sehr belesene und erfahrene

Buchhändlerin, Besitzerin der Schmökerecke, liebt Kriminalromane, Hobby-Detektivin, Mitglied im Eifeler-Kochclub, hat ein Antiquariat neu eröffnet

Hermann Josef Schuster:

pensionierter Oberstudienrat und Hobby-Imker, verkauft neuerdings Honig und Met auf Mittelaltermärkten, ist Teil des Hobby-Ermittler-Teams der Schmökerecke und trägt wesentlich zur Lösung des Falls bei

Greta Reiser:

Journalistin, schreibt für den Eifeler Beobachter

Miriam Bischoff:

Lehrerin für Sport und Geschichte, Kollegin von Mark Berger, schreibt auch für den Eifeler Beobachter als Mittelalterexpertin

Lisa Kramer:

Apothekerin, hat eine traditionsreiche Apotheke in Arloff, einem Dorf in der Nähe von Bad Münstereifel, übernommen

Adrian Adler:

Eventmanager, organisiert Veranstaltungen in der Eifel

Noah Ginsterbusch:

Schmied, arbeitet an der Altbausanierung des Hauses der Berger-Roths, spielt in der Band Bardenwut

Max Lanzerath:

Buchhändler, hat ebenso fundierte Kenntnisse als Buchrestaurator und Buchdrucker, ist der neue Mitarbeiter von Hanna Meyer in der Schmökerecke

Eva Schneider:

Oberkommissarin der Kriminalpolizei in Düren

Gandolf Merheim:

Prof. Dr. Dr. h.c. Gandolf Merheim hat an der Universität zu Bonn Literaturgeschichte gelehrt. Jetzt ist er „Resident Reader“ in der Schmökerecke

Kai Sötenich:

Chefredakteur des Eifeler Beobachter, Stadtrat, fördert Mittelaltermärkte und Ritterspiele aus touristischen Motiven

Harald Bongart:

Stadtarchivar, Mittelalterexperte (eine real existierende Person, die eingewilligt hat, in dem Krimi aufzutreten)

Andrea Reuter:

Ex-Freundin von Adrian Adler, bewirbt sich in der Schmökerecke

Ralf Richter:

Hauptkommissar der Kriminalpolizei in Düren

Birte Wagner:

Architektin, spezialisiert auf Altbausanierung

Andreas Horch:

Fachkraft im Burgschneider Store Mechernich, die eingewilligt hat, in dem Roman aufzutreten

Die lateinischen und deutschen Namen der Eifel-Ritter aus der Chronik

Henricus Scutifer Eifeliensis:

Heinrich, Schildträger der Eifel

Wilhelmus Custos Gladii Eifeliensis:

Wilhelm, Schwerthüter der Eifel

Rudolfus, Eques Montium Eifelianorum:

Rudolf, Ritter der Eifeler Berge

Agnes, Maga et Sagittarum Magistra Eifeliensis:

Agnes, Magierin und Pfeilmeisterin der Eifel

Walreamus Vates et Defensor Castellorum Eifeliensium:

Walram, Barde und Verteidiger der Eifel-Burgen

Elisabetha Cauponaria et Custos Luci Eifelensis:

Elsbet, Marketenderin und Hüterin der Eifelhaine

Johann de Veynau Miles Castelli Eifeliensis:

Johann von Veynau, Ritter der Eifelfestung

Adelheidis Herbaria Sapientissima Eifeliensis:

Adelheid, höchst weise Kräuterfrau der Eifel,

Die in diesem Roman beschriebenen Personen und Ereignisse sowie Namen, Institutionen und Organisationen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen oder tatsächlichen Ereignissen sind rein zufällig. Die dargestellten Szenen aus Erlebnis Mittelalter in Bad Münstereifel stammen aus verschiedenen Jahren.

Die LARP-Cons 1997 Burgunder Garnisions auf Burg Bilstein sowie 1998 Tales of the Eagle-The Awakening bei den Burgen von Manderscheid haben stattgefunden. Die fiktiven Personen dieses Romans können jedoch nicht teilgenommen haben. Die LARP-Con Ritterbund zu Lork-Das Turnier der Ehre 1999 auf Burg Reifferscheid ist frei erfunden.

KAPITEL 1

Noch nie zuvor hat sich Hauptkommissar Johannes Nöthen so überfordert gefühlt. Seine sonst so unerschütterliche Souveränität brüchig, jetzt nur noch Fassade. Plötzlich wirkt der erfahrene Ermittler unsicher, fast hilflos. Und das ausgerechnet in einem Fall, der ihn mehr berührt als alle zuvor, beruflich wie privat.

Er weiß: Er hätte längst handeln müssen. Diese Gewissheit lässt ihn seit Stunden nicht los. Die Namen von Täter und möglichem Opfer sind ihm bekannt. Die Informationen sind brisant, die Gefahr ist real. Diese Informationen hätte er sofort an seine Kollegen weitergeben müssen.

Doch er hat geschwiegen. Nicht aus Fahrlässigkeit. Sondern wegen eines Versprechens. Einem Ehrenwort, das ihn lähmt: Niemand darf erfahren, wer ihm die entscheidenden Hinweise geliefert hat. Denn dieser Informant ist ihm nicht fremd , steht Nöthen persönlich sehr nah.

Der innere Konflikt zwischen Loyalität und Pflicht droht ihn zu zerreißen. Soll er das Vertrauen einer geliebten Person brechen, um eine Katastrophe zu verhindern? Oder riskiert er alles – seine Karriere, seine Integrität und schweigt?

Um Zeit zu gewinnen, greift er sogar zu einer Lüge: Seinen Kollegen gegenüber orakelt er von einer angeblich anonymen Quelle. Doch er weiß, dass eine anonyme Information kaum Gewicht hat – nicht im Vergleich zu einem glaubwürdigen Zeugen.

Schlimmer noch: Er verschweigt bewusst eine entscheidende Tatsache. Er nennt nur das mögliche Opfer, verschweigt aber den Namen des mutmaßlichen Täters.

Mit seinem Schweigen riskiert Nöthen nicht nur das Vertrauen seiner Kollegen, sondern auch das von Oberkommissarin Sarah Berger-Roth. Schon vor Wochen hatte sie ihn mit Indizien und einem eindeutigen Verdacht konfrontiert. Doch statt auf sie zu hören, wich Nöthen aus, redete sich heraus, bastelte an fadenscheinige Erklärungen und offenbarte damit mehr Unsicherheit als Professionalität.

Mit seinem Entschluss, den Verdächtigen im Alleingang zu beschatten, verstößt er gegen jede Regel.

Doch für Nöthen gibt es kein Zurück mehr. Zu viel steht auf dem Spiel.

Seit den frühen Morgenstunden harrt Nöthen im Wagen aus, die Augen fest auf das Gebäude gerichtet. Quälend langsam schleicht die Zeit dahin. Die ersten Sonnenstrahlen erhellen zögernd den noch kühlen Morgen. In der Luft liegt das Versprechen eines warmen Spätsommertags. Schon bald würden die Straßen vom geschäftigen Treiben der Menschen belebt werden, die sich auf ihre Wochenendaktivitäten vorbereiten.

Nöthen hat die Augen fest auf das Haus gerichtet, Notizbuch und Kamera griffbereit auf dem Beifahrersitz. Immer wieder greift er zum Handy und tippt hinein, um nicht untätig zu wirken.

Dann endlich - Bewegung. Die Haustür schwingt auf. Die Zielperson tritt heraus, hastig, beinahe flüchtig. Graue, weite Hose, ein langärmeliges Oberteil in verwaschenem Blau, darüber ein breitkrempiger, sandfarbener Stoff-Hut, tief ins Gesicht gezogen. Über der Schulter eine große, robuste Tasche. Das Erscheinungsbild, bewusst neutral, fast unsichtbar. Und doch: Irgendetwas daran lässt Nöthen aufhorchen. Vielleicht der Schritt, ruhig, aber voller Zielstrebigkeit. Oder die beiläufige Art, wie die Tasche geschultert wird. Die Haltung aufrecht, nicht angespannt. Es ist nichts Offensichtliches, aber etwas stimmt nicht. Oder besser: Es ist anders, als er erwartet hat.

Die Person blickt sich kurz um, bevor sie einen älteren beigefarbenen Volvo-Kombi besteigt und losfährt. Auch Nöthen startet seinen Wagen. Im langsamen Tempo und mit gebührendem Abstand folgt er dem Volvo.

Auf den Straßen ist jetzt einiges los. Nöthen bemüht sich, nicht aufzufallen. Der Verfolgte biegt in den Kreisverkehr vor den Toren der Stadt und fährt entlang der Stadtmauer stadtauswärts den Berg hinauf. Die Sonne wirft ihr flackerndes Licht durch das Blätterdach der Bäume. Die kurvige Straße lässt kaum Tempo zu.

Als er die Anhöhe erreicht hat, wird der Volvo schneller, durchquert mehrere Kreisel, biegt nach links und schließlich wenige Kilometer später nach rechts in eine alte Landstraße. Diese windet sich zunächst durch dichten Mischwald, dann durch eine offene Hügellandschaft.

Nöthen verlangsamt das Tempo und überlegt, wohin seine Zielperson fahren könnte. An der nächsten Kreuzung geht es nach rechts. Die Straße steigt merklich an, der Verkehr nimmt sichtbar zu.

Nöthen biegt um die nächste Kurve und schaut nach oben. Über ihm thront die Burg Hohenfels. Ihre dunklen Türme, umgeben von schroffen Felsen, erheben sich eindrucksvoll in den Himmel. Nöthen erinnert sich. Hohenfels ist mehr als bloß ein Relikt vergangener Zeiten. Heute werden hier die weit über die Region hinaus bekannten Ritterspiele sowie ein Mittelaltermarkt veranstaltet.

Als Nöthen die Menschenmenge sieht, die in mittelalterlichen Gewändern zur Burg strömt, bleibt ihm nichts anderes übrig: Er muss abbremsen. Das bunte Treiben – Autos, Fußgänger, Gäste in Kostümen – zwingt ihn, langsam zu fahren. Im Schritttempo schlängelt er sich durch das Chaos, immer darauf bedacht, niemanden zu gefährden und den Volvo nicht aus den Augen zu verlieren.

Plötzlich zwingt ihn ein parkendes Auto am Straßenrand zu einem abrupten Halt. Im selben Moment verliert ein Ritter vor seiner Motorhaube das Gleichgewicht, taumelt und stürzt beinahe direkt vor seinen Wagen. Nöthen reißt das Lenkrad herum, tritt hart auf die Bremse. Das war knapp am Limit!

Verdammt! Der Volvo ist weg! Für einen Moment sieht er ihn nicht mehr. Dann entdeckt er das Fahrzeug in der Einfahrt eines alten Fachwerkhauses. Doch vom Fahrer keine Spur. Der Verdächtige ist wie vom Erdboden verschluckt.

Nöthen überlegt fieberhaft. Die Zeit läuft ihm davon. Bisher waren ihm die Hände gebunden; denn er hatte keine Ahnung, wo der Täter zuschlagen würde. Ohne diese Information aber war es unmöglich, rechtzeitig Maßnahmen zu veranlassen. Jetzt ist der Verdächtige im Gewühl des Mittelaltermarkts verschwunden. Was hat er vor?

Gerade als Nöthen sich dem Eingang nähert, vibriert sein Handy: Eine Nachricht vom Kollegen Erwin Schmitz. Die schutzwürdige Person ist nicht erreichbar, offenbar übers Wochenende mit unbekanntem Ziel verreist.

Nöthen atmet tief durch. Diese Information verschafft ihm einen kleinen Zeitvorsprung. Wenn das mögliche Opfer verreist ist, gibt es vielleicht eine einfache Erklärung dafür, dass die verdächtige Person das Burggelände betreten hat. Nöthen will trotzdem überprüfen, ob der Gesuchte wirklich harmlos unterwegs ist.

Johannes Nöthen blättert zwei Scheine für eine Eintrittskarte hin und spricht kurz mit der Kontrolle am Eingang. Die schüttelt ahnungslos den Kopf. Diese vage Beschreibung passt für viele.

Nöthen hat das Gefühl, in eine andere Welt einzutauchen: Ihn empfängt eine die Sinne überwältigende Atmosphäre aus Gerüchen, Geräuschen, einem Meer aus Farben. Überall bieten Händler ihre Waren feil: handgefertigter Schmuck, Lederwaren, Gewänder, allerlei mittelalterliches Zubehör. Kinderlachen, vor Begeisterung in die Hände klatschende Menschen, die Gaukler für ihre Kunststücke bewundern, lautstarke Rufe der Marktschreier, dazwischen fremdartige musikalische Klänge.

Jäh wird Nöthen von einem verkleideten mittelalterlichen Bauern angerempelt, der offensichtlich schon reichlich dem Met zugesprochen hat. Ohne jede Entschuldigung torkelt er weiter. Ein Schmied hämmert mit kräftigem Schlag auf dem glühenden Stahl. Unwillkürlich zuckt Nöthen, den so schnell nichts aus der Ruhe bringt, zusammen: Ihn erschreckt das Zischen und Fauchen, als der Schmied das heiße Metall ins Wasser taucht. Er bahnt sich seinen Weg weiter durch das Gedränge. Der klare und scharfe Ton des Amboss verliert sich im allgemeinen Klangteppich des Mittelaltermarktes.

In der Luft liegt der schwere Duft von frisch gebackenem Brot, gegrilltem Fleisch und exotischen Gewürzen.

Aufmerksam nimmt der Hauptkommissar alles wahr. Seine Augen scannen systematisch jeden Einzelnen. Unauffällig sucht er nach Anzeichen von Nervosität oder ungewöhnlichem Verhalten.

Freundlich nickt er alten Bekannten zu: der Buchhändlerin Hanna Meyer, die mit anderen Frauen des Eifeler Kochclubs mittelalterliches Brot verkauft. Sie hat für ihren Auftritt auf dem Mittelaltermarkt ein schlicht-elegantes Kleid aus grob gewebtem Leinen gewählt. Es ist in einem warmen Erdton gehalten und mit einer einfachen, geflochtenen Kordel um die Taille gebunden.

Die Kochclub-Damen bieten mittelalterliche Brotsorten feil: ein herzhaftes dunkles Roggenbrot, ein leichteres luftiges Weizenbrot und ein raffiniertes Gewürzbrot mit traditionellen Kräutern. Außerdem präsentieren sie Laibe eines typischen mittelalterlichen „Brotes für Arme“, gebacken aus den billigsten und einfachsten Zutaten.

„Ich muss weiter“, gibt Nöthen zu verstehen. Fast hätte er Hermann Josef Schuster, den hochgewachsenen Imker und ehemaligen Studienrat, nicht erkannt. Auch dieser schlanke Endachtziger ist traditionell mittelalterlich gewandet. „Mit Honig will Gott dich anfüllen.“ Schuster zitiert den Kirchenvater Augustin. „Soll mir recht sein“, stammelt der eilige Nöthen, der mit dem Spruch nicht viel anfangen kann.

Unter normalen Umständen hätte Nöthen mit dem zitierfreudigen ehemaligen Deutsch- und Religionslehrer ein Schwätzchen gehalten. Davon hält ihn jedoch ein Marktschreier ab, der lautstark Gewürze und kunstvolle Handwerksstücke anpreist.

Inmitten der Menschenmassen wirkt die Suche hoffnungslos. Er kann nicht jeden Einzelnen überprüfen, doch hilft ihm seine jahrelange Erfahrung, die richtigen Zeichen zu erkennen. Nöthen bleibt unauffällig, vermeidet direkten Augenkontakt. Er mischt sich unter die Leute, als gehöre er selbstverständlich dazu. Doch sein Blick ist wachsam, seine Sinne sind geschärft.

Die Zuschauer strömen voller Erwartung zur Vorführung. Die meisten haben inzwischen bereits ihre Plätze eingenommen. Er folgt den Besuchern. Flüchtig blickt er in Richtung Tribüne. Er stutzt.

Der Mann, der angeblich über das Wochenende verreist sein sollte, sitzt mitten unter den Zuschauern, deutlich erkennbar, ahnungslos und fröhlich, als wäre alles ganz normal. Für Nöthen jedoch ändert sich in diesem Moment alles.

Seine Gedanken werden durch Panik überflutet. Was soll er tun? Die gefährdete Person muss sofort gewarnt und in Sicherheit gebracht werden! Doch wie ernst ist die Bedrohung wirklich? Betrifft sie nur das Opfer oder reicht sie weiter?

Ein winziger Fehler, ein Augenblick des Zögerns – und die Konsequenzen könnten schwerwiegend sein.

Quälende Schuld und lähmende Angst vor dem Versagen beherrschen Nöthen. Unablässig verfolgt ihn der Gedanke, zu spät zu kommen und die drohende Katastrophe nicht verhindern zu können.

Siedend heiß fällt ihm ein: Sarah und ihre Familie! Sie sind heute auch bei den Ritterspielen.

Er tippt hastig die Nachricht: „Verlasst das Gelände schnellstmöglich. Gefahr im Verzug. Erklärung folgt.“

Hoffentlich sieht Sarah die Warnung rechtzeitig.

Doch während er die Nachricht absendet, geschieht etwas, das ihn erstarren lässt.

KAPITEL 2

Alles, was bisher geschah, ist nur das Vorspiel. Jetzt wird aus diesem Spiel bitterer Ernst.

Die im Halbdunkel verborgene Gestalt verspürt für einen flüchtigen Moment einen kalten Hauch im Nacken. Sie hat das Gefühl, jemand sei ihr auf der Spur, verfolge sie.

Doch sie schiebt den Gedanken beiseite. Wenn es tatsächlich einen Verfolger gibt, hat sie ihn längst abgeschüttelt.

Der Ritter hatte sich lange den Kopf darüber zerbrochen, an welchem Ort er sich am würdigsten für seinen großen Auftritt rüsten sollte. Angemessen wäre ein ehrwürdiges Schloss , umgeben von alten Mauern.

Auch eine Scheune oder ein Stall, erfüllt vom würzigen Duft frischen Heus und dem Geruch von Pferden, könnte die richtige Atmosphäre schaffen.

Der Wald mit seinen versteckten Lichtungen übt eine besondere Anziehung aus – der ideale Ort, um sich auf eine gefährliche Mission vorzubereiten. Doch der Weg von dort zum Parkplatz wäre zu weit, zu riskant.

Schließlich fällt seine Wahl auf das nahe gelegene urige Gasthaus. Knarrende Holzbalken, das warme Licht des Kaminfeuers – hier findet er die Atmosphäre, die er sucht. Hier kann er sich einstimmen, sammeln, vorbereiten.

Er hat den richtigen Ort gewählt! Kraftvoll lodert das Feuer im Kamin. Die Glutreste verbreiten einen warmen Schein, der den Raum in ein gedämpftes Licht taucht. Der Ritter blickt in die tanzenden Flammen, und seine Fantasie beginnt zu schweifen.

Die rote Glut. Sie erinnert ihn an geschmolzenes, brodelndes Metall im Schmiedeofen, das nur darauf wartet, zu Schwertern und Rüstungen geformt zu werden.

Vor seinem inneren Auge erscheinen die Silhouetten von Rittern. Im fahlen Licht der Dämmerung bereiten sie sich auf eine Schlacht vor. Das Flammenspiel der Holzscheite wird zum Schein der Fackeln auf einer Burgmauer, das Knistern und Knacken des Holzes zu fernem Schlachtenlärm und Kommandorufen, die durch die Nacht hallen. Der Moment der Entscheidung rückt näher. Alles, was bisher geschehen ist, war nur der Auftakt. Jetzt beginnt das eigentliche Abenteuer.

Seit jener längst vergangenen Zeit hat sich die Welt von Grund auf verändert: Die ehrlichen Gefechte von damals sind zu Intrigen und Machtspielen verkommen. Er seufzt; denn er weiß, dass er sich neuen, gefährlichen Herausforderungen stellen muss.

Damals waren sie alle noch Gefährten, vereint an knisternden Lagerfeuern. Ihre Geschichten von Mut und Heldentaten gingen von Mund zu Mund.

Damals entschied ein fairer Zweikampf auf dem Schlachtfeld über Ehre und Charakter eines Ritters. Die Regeln waren klar, und die Kämpfe wurden mit Respekt und Würde ausgetragen. In seinem Herzen brennt immer noch die tiefe Sehnsucht nach jener verlorenen Zeit.

Und heute? Heute regieren Verrat und Hinterlist. Die Werte der alten Krieger, sie sind von Intrigen und Heimtücke verdrängt worden.

Jetzt musste der Mörder ausgeschaltet werden. Die anderen Schuldigen hatte ihre verdiente Strafe bereits ereilt. Sie hatten schon zu viel Unheil angerichtet. Die Rache ließ zwar lange auf sich warten, doch sie war unvermeidlich.

Im gedämpften Licht der Glut reckt sich die Gestalt vor dem Kamin auf. Ihr Atem bleibt ruhig. Doch in ihren Augen flackert die innere Anspannung. Sie ist bereit für alles, was noch kommen mag.

Als Ritter hätte er sich jeder Zeit auf sein Nahkampfschwert verlassen, den wuchtigen Streitkolben oder eine Lanze. Kürzlich noch hatte ihm auch ein kleiner scharfer Dolch gute Dienste geleistet. Heute aber führt er einen Bogen bei sich, praktisch für die Jagd und hilfreich zur Selbstverteidigung. Er beherrscht den Bogen vortrefflich.

Üblicherweise trägt er ein schlichtes Lederwams, doch der Anlass verlangt heute nach festlicher Kleidung. Mit bedächtiger, beinah ritueller Präzision legt er das Kettenhemd an. Wie eine zweite Haut schmiegt es sich an seinen Oberkörper, schützt ihn vor Pfeilen und Nahkampfangriffen, verleiht ihm ein Gefühl von Stärke und Unbesiegbarkeit.

Langsam gleiten die Beinschienen und der Knieschutz an ihren Platz, Stück für Stück. Auch sie stecken voller Erinnerungen an ruhmreiche Schlachten. Er spürt die wachsende Last der Verantwortung. Mit jedem Schritt wird sie schwerer.

Der Helm ist leicht und offener als der eines Ritters. Er schenkt ihm freie Sicht und Beweglichkeit. Mit einer ruhigen, fast zeremoniellen Bewegung schließt er das Visier, seine Augen fokussiert auf den entscheidenden Moment.

Er atmet tief durch, schließt für einen Moment die Augen und sammelt sich.

Bevor die Zuschauer ihre Plätze eingenommen haben, will ermöglichst unbemerkt im Getümmel untertauchen. Er verlangsamt seine Schritte, um sicher zu sein, dass alle vor ihm am Ziel sind.

Sein Kampfgewand verschmilzt perfekt mit der Umgebung. Wahrscheinlich würde sich später niemand an ihn erinnern.

Der Tag der Rache ist gekommen. Ein heftiger Strudel aus Gefühlen packt ihn: Wut, Trauer, Entschlossenheit wirbeln durcheinander. Jedes Detail, jeder Schritt, jeder Atemzug – alles muss stimmen. Er nimmt die Menschenmenge um sich herum kaum wahr, ein Schatten unter vielen.

Ein Zurück gibt es nicht mehr.

Der Bogenschütze tastet nach seiner Waffe. Das geschwungene Holz liegt vertraut in seiner Hand. Die gespannte Sehne vibriert regelrecht vor aufgestauter Kraft. Der Pfeil – tödlich präzise, mit Feder und Metallspitze – wartet nur darauf, sein Ziel mit unfehlbarer Genauigkeit zu durchbohren.

Selbstbewusst, aber unauffällig schreitet er weiter. Niemand schenkt ihm Beachtung. Warum auch? Er ist Teil der Menge, einer von vielen, eine perfekte Tarnung.

Er hat sich viel Zeit genommen, um den perfekten Ort für seinen Hinterhalt auszuwählen. Der Turm? Zu weit entfernt. Die Burgmauer? Ungünstig. Die dichten Laubbäume? Perfekte Deckung. Entscheidend ist, dass sich alle Blicke in jenem Moment von ihm abwenden. Der Moment, den er exakt berechnet hat.

Ein letzter Blick zur Kirchturmuhr. Noch bleibt ihm Zeit.

Die Aufführung beginnt, die Menge an Gesichtern ist wie gebannt. Er kennt den exakten Punkt, den seine Pfeilspitze treffen wird.

Er hat den Buhurt gewählt – das chaotische Aufeinandertreffen gepanzerter Ritter. Ein Massenkampf, brutales Gedränge, wildes Johlen. Alle Augen sind auf die Bühne gerichtet.

Perfekt.

Das Opfer würde nichts ahnen. Wie die anderen würde es die spannende Atmosphäre genießen und mit den anderen Zuschauern jeden Schwerthieb bejubeln.

Im Lärm des Gefechts würde er weder das leise Surren des Pfeils, der wie aus dem Nichts hervorschießt, noch das kurze, scharfe Geräusch beim Aufprall wahrnehmen. Er sehnt den Moment herbei, in dem das Lächeln des Gegners erstarrt und sich zu einem Ausdruck reinen Entsetzens verwandelt.

Die Umstehenden würden ihn nicht beachten. Sie wären ganz auf das Kampfgeschehen konzentriert. Niemand würde sofort bemerken, wenn das Opfer auf der Zuschauerbühne getroffen zusammenbricht.

Und in diesem einzigen, schicksalhaften Augenblick erstarrt sein Lächeln.

DREI MONATE VORHER

KAPITEL 3

„Ach nö“, mault Lotte und verschränkt demonstrativ die Arme. „Bei diesem miesen Wetter willst du doch nicht wirklich draußen herumlaufen!“

Die 13-jährige Tochter des Hauptkommissars Nöthen trägt eine angesagte, ultradünne Jacke über ihrem modischen Sweatshirt und figurbetonenden Jeans – Hauptsache cool, Hauptsache unpraktisch.

„Dass Tessa gerne spazieren geht, ist dir doch nicht neu, oder? Sie braucht regelmäßige Bewegung!“, kontert ihr Vater. Er wirft einen liebevollen Blick auf die im Heck des Autos dösende Labradorhündin.

„Eher brauchst du Bewegung, um deine Feierabend-Bierchen abzutrainieren. Bei so ‘nem Scheißwetter liegt Tessa genauso gern auf ihrer Decke und chillt vor der Heizung!“

„Tessa muss heute unbedingt noch mal raus. Wir fahren kurz zur Hardtburg, dort drehen wir eine kleine Runde.“

Lotte verdreht ihre grauen Augen.

Mit prüfendem Blick mustert sie die sündhaft teuren Veja-Wildleder-Sneakers ihres Vaters, seine Rag&Bone-Jeans und den Burberry-Parka.

„Willst du dir deine Luxus-Klamotten ruinieren?“

Nöthen gibt mit väterlichem Tonfall eine Belehrung zum Besten: „Denk an deine Kindergärtnerin Elke. Die hatte in solchen Situationen immer diesen Spruch drauf: `Es gibt kein schlechtes Wetter, nur unpassende Kleidung`.“ Nöthen zieht mit einer theatralischen Geste seine Gummistiefel aus dem Wagen.

„Diese Old-School-Regenjacken mit Kapuze stehen mir überhaupt nicht. Sie sehen scheiße aus! Wenn ich mir in der dünnen Jacke den Tod hole, bist du schuld, Papa.“

Johannes Nöthen und Lotte haben sich eigentlich immer gut verstanden. Er plant die gemeinsamen Wochenenden mit seiner Tochter stets mit großer Sorgfalt. Schließlich ist diese Zeit kostbar, da Lotte nur alle zwei Wochen bei ihm ist. Doch seit sie in die Pubertät gekommen ist, wird es deutlich schwieriger.

„Du hast mir doch einen chilligen Fernsehabend versprochen. Mit Chips und Pizza“, erinnert ihn Lotte mit Nachdruck.

„Die Betonung liegt auf Abend. Jetzt ist Nachmittag. Dein chilliger Filmabend ist nicht in Gefahr. Und Chips und Pizza gibt`s selbstverständlich auch! Hast du dir eigentlich schon überlegt, welchen Film du sehen möchtest?“, wechselt Nöthen das Thema.

„In der Gewalt der Zombies. Die erotischen Nächte der lebenden Toten“, provoziert Lotte.

„Abgelehnt!“

„Dann Euphoria oder Spring Breakers.“

„Mal sehen!“ Nöthen sagen diese Titel rein gar nichts.

Nöthen biegt in Kirchheim links auf die kleine Straße nach Stotzheim ab, kurz darauf wieder links auf den schmalen Weg zur Hardtburg. Er stellt den Wagen ab und holt Tessa aus dem Kofferraum. Das Hundetier gähnt herzhaft.

„Gleich schüttet es hier wie aus Eimern!“ Lotte zieht fröstelnd die Schultern hoch. Skeptisch blickt sie zum Himmel.

„Wir bleiben nicht lange!“ Tatsächlich ist das Wetter schlechter als Nöthen gedacht hat. „Tessa soll sich nur kurz austoben!“

Wie auf Kommando springt die Labradorhündin aus dem PKW und rast mit unbändiger Energie über den matschigen Waldweg. Bald ist ihr Fell feucht und glänzend. Tessa platscht begeistert durch die Pfützen, und jeder Sprung hinterlässt kleine Wasserfontänen im Schlamm. Neugierig schnuppert sie an jedem Baumstamm und Busch. Ihre feuchte Nase sammelt dabei unzählige spannende Eindrücke. Immer wieder nimmt sie verlockende Spuren auf. Sie lächelt vor Freunde und Übermut. Davon ist Nöthen überzeugt.

„Und du glaubst wirklich, dass Tessa lieber auf ihrer Decke vor der Heizung liegen würde! Dabei nieselt`s doch kaum.“ Er kann sein Lachen nicht zurückhalten und beschleunigt seine Schritte.

„Ich habe dir ja schon erzählt, dass wir hier früher mit meinem Freund Christopher einen spannenden Kindergeburtstag gefeiert haben?“

„Gefühlt hundertmal!“ Lotte stöhnt und verdreht die Augen.

„Damals war ich elf. Vorher hatten wir uns Schwerter, Helme und Schilde gebastelt. Mit Umhängen aus alten Vorhangstoffen haben wir uns in wilde Ritterkämpfe gestürzt. Das war Abenteuer pur.“

„Heute ist es leider verboten, die Burg zu betreten.“ Lotte empfindet eher Erleichterung als Enttäuschung. „Die Ruine der Hauptburg ist in einem Zustand, der ein gefahrloses Betreten nicht zulässt“. Das Schild vor dem Brückentor ist eindeutig.

„Früher konnte man noch über die Brücke gehen und sogar den Turm besteigen. Im 12. Jahrhundert hat hier mal eine Familie von Hart gewohnt, später kamen die Grafen von Are.“

„Papa, ich brauche keinen Geschichtsunterricht. Gleich gibt es hier einen fetten Regenschauer und ein Gewitter.“

Nöthen lacht lauthals.

„Übrigens, die Hardtburg war eine echte Wasserburg. Ihre Ringmauer und der tiefe Wassergraben schützten sie vor Angreifern.

Lotte schüttelt den Kopf. „Wasser passt ja. Davon haben wir mehr als genug!“

Bevor Nöthen überhaupt antworten kann, verdunkelt sich der Himmel dramatisch. Düstere, schwere Wolken türmen sich auf, ein bedrohliches Grollen durchschneidet die Stille des Waldes. Ein greller Blitz jagt über den Himmel. Ihm folgt ein ohrenbetäubender Donnerschlag, so dass selbst Tessa vor Schreck die Ohren anlegt. Sekunden später regnet es so stark, dass selbst die dicksten Regenjacken keine Chance haben.

Tessa bleibt abrupt stehen und spitzt ihre Ohren. Nöthen und Lotte suchen Schutz unter einem Baum, doch die dicken Regentropfen prasseln so heftig herab, dass sie selbst dort nicht trocken bleiben.

Plötzlich springt die wasserverrückte Tessa mit einem gewaltigen Satz in den Burggraben. Das Wasser spritzt hoch, als sie eintaucht und wild zu planschen beginnt. Sie paddelt hin und her. Der strömende Regen stört sie nicht, sie genießt das kühle Nass.

Dann verschwindet sie auf einmal auf der anderen Seite des Grabens. Offenbar hat sie an der alten Burgmauer etwas Spannendes erschnüffelt. Mit der Nase tief an den kalten Steinen zieht sie einen unförmigen Gegenstand aus einer Lücke und schiebt ihn durchs Wasser. Indiana Jones würde vor Neid erblassen.

„Tessa! Komm! Sofort zu mir!”, ruft Lotte.

Tessa gehorcht tatsächlich, zumindest mehr oder weniger. Als sie jedoch zurück paddeln will, spürt sie einen Widerstand. Sie versucht, ans Ufer zu schwimmen, dreht sich aber hilflos im Kreis. Vielleicht hat sich eine Wasserpflanze um ihre Pfote geschlungen, vielleicht eine Kette, die einst zur Sicherung der Burg diente. Tessa zieht und zerrt, aber sie kann sich nicht befreien.

Besorgt bemerkt Nöthen, dass Tessa allmählich in Panik gerät. Ihr fröhliches Bellen kippt in ein ängstliches Winseln.

Nöthen reißt sich die Jacke vom Leib.

„Stopp! Man darf die Burg nicht betreten!“, ruft Lotte.

„Gefahr im Verzug!“ Ihr Vater hechtet eher unbeholfen als heldenhaft in den Graben.

Einen Moment schockt ihn das kalte Nass. Doch seine Sorge um Tessa ist größer, und Nöthen kämpft sich durch das undurchdringliche Dickicht der Wasserpflanzen. Schließlich erreicht er seinen tapferen Liebling, die mit ihren Pfoten verzweifelt nach Halt sucht. Mit einem kräftigen Ruck befreit er ihre Pfote. Tessa zittert vor Angst.

Gemeinsam stapfen sie ans Ufer, wo Nöthen seine Fellnase sicher auf den trockenen Boden setzt, sie beruhigend streichelt, leise auf sie einspricht: „Alles gut, mein Mädchen, du bist sicher.“

Lotte betrachtet das pitschnasse Duo und seufzt: „Jetzt sind wir alle klatschnass. Und deine superteuren Designerklamotten kannst du vergessen.“

„Die trocknen wieder“, japst ihr Vater. „Komm, wir stellen uns in der Hütte unter, bis der Regen nachlässt.“

In der Hütte lässt sich Lotte erschöpft auf die Bank fallen. Tessa sitzt neben ihr, noch ein bisschen außer Puste, doch schon wieder neugierig. „Jetzt will ich aber wissen, was Tessa da gefunden hat“, sagt Lotte und schaut ihren Vater erwartungsvoll an.

Die Labradorhündin sitzt aufmerksam neben ihnen. Immer noch ist sie außer Atem, aber ihre Angst ist verflogen.

Lotte verharrt gespannt, als sie das geheimnisvolle Paket vorsichtig von seinen Lederlagen und Plastikbändern befreit. Darunter findet sie eine Art Schatulle. Behutsam stellt sie diese auf die Holzbank und betrachtet sie eingehend.

„Ich habe echt keine Ahnung, wie die aufgeht!“ Lotte ist ungeduldig und niest heftig.

„Darum kümmern wir uns zu Hause. Wir brauchen dringend trockene Sachen und etwas Heißes zum Trinken.“

Eine knappe halbe Stunde später kauert Lotte auf dem Sofa. Gehüllt in eine warme Decke, um den Kopf kunstvoll ein Handtuch geschlungen.

Vor ihr duftet eine Pizza mit knusprigem Rand und geschmolzenem Gorgonzola und Mozzarella. Lotte genießt den würzigen Duft. Langsam schiebt sie sich ein Stück in den Mund, während der Duft der beiden Käsesorten die letzten Spuren von Graben und Regen vertreibt.

Auf dem Tisch wartet eine dampfende Tasse köstlicher Schokolade mit einer Haube Schlagsahne. Während sie genüsslich an der Pizza knabbert, hebt sie behutsam die Tasse und schlürft vorsichtig. „Das habe ich gebraucht!“

Auch ihr Vater hat schon lange nicht mehr eine heiße Dusche so genossen wie heute. Jetzt freut er sich auf seine Pizza Diavolo. Sie ist reichlich mit scharfen Peperoni, Salami und feurigen Paprikaschoten belegt. Jeder Bissen entfacht ein Feuerwerk aus intensiven Aromen und würziger Schärfe.

Neben seinem Teller steht eine Tasse Earl Grey, veredelt durch einen Schuss Rum.

Zufrieden genießt Tessa die wohltuende Wärme nach dem aufregenden Spaziergang. Ihr Abendbrot hat sie längst verschlungen, ihr Fell beginnt zu trocknen. Mit halb geschlossenen Augen und einem Ausdruck vollkommener Zufriedenheit kuschelt sie sich noch tiefer in ihr Körbchen. Die vertrauten Geräusche tragen zu ihrer Entspannung bei. Ihre Atmung wird langsamer und tiefer, ein Zeichen dafür, dass sie bald in einen wohlverdienten Schlaf gleiten wird.

„Komm, wir versuchen, die Schatulle aufzukriegen!“, drängt Lotte.

Nöthen beugt sich über die Schatulle, seine Finger tasten vorsichtig an den Seiten entlang. Dann bleibt er an einem winzigen, kaum sichtbaren Mechanismus hängen – ein Verschluss, so raffiniert versteckt, dass er ihn fast übersehen hätte. Mit angehaltenem Atem und voller Konzentration gelingt es ihm, den Mechanismus zu entriegeln. Ein zartes Klicken ertönt, als sich der Deckel langsam hebt und die Stille durchbricht.

Im schwachen Licht wird ein Buch sichtbar, der Ledereinband abgenutzt, das Papier vergilbt und an den Rändern brüchig. Lotte wagt kaum zu atmen. „Hat das Päckchen wirklich die ganze Zeit im Wasser gelegen?“, will sie wissen, während ihre Finger vorsichtig über das alte Leder streichen.

Nöthen schüttelt den Kopf, seine Augen haften an dem Buch. „Nein. Ich könnte mir vorstellen, dass es ursprünglich in einer Nische der Burgmauer lag. Irgendwie hat Tessa es da aufgestöbert.“

Lotte beginnt, neugierig zu lesen:

Chronica Equitum Eifelienses 1

Wohl wahr, ich entsinne mich noch gar trefflich des 11. Tages des Mondes August, da ich zum ersten Male diesen ehrbaren Recken und holden Damen begegnete.

Vom hohen Turm der ehrwürdigen Burg aus erhob ich meinen Blick zum Fluss Veischede und über die weiten Ebenen, die sich in saftigem Grün bis zum fernliegenden Horizont erstrecken, wo Himmel und Erde einander begegnen.

Damals öffnete zur neunten Stunde die gewaltige Burg ihre Tore. Eingeladen hatte man Ritter, Knappen, Händler, Gaukler und Musiker, um im Feldlager Ruhm und Ehre zu erwerben und die Chroniken dieses Tages zu prägen.

Ich blicke rasch in den Spiegel des Turmgemaches und erkenne, dass mein prächtiger Umhang, und mein fein gearbeitetes Schwert meine Herrschaft und Würde eindrucksvoll zur Schau stellen.

Dann schaue ich zum Burghof hinunter. Sogleich gewahr ich zweier Jungfrauen Antlitz, deren Anmut mir bisher verborgen blieb. Mit Schönheit reich gesegnet, so viel vermag ich aus der Ferne zu erkennen, lassen sie mein Auge verweilen.

Die eine gleicht wohl einer reisenden Händlerin, die mit seltenen Waren und fernen Geschichten von Markt zu Markt ziehen.

Doch ihre Begleiterin erweckt meine Neugier noch mehr. Mit unvergleichlicher Anmut schreitet sie durch die Menge, ihr langes, fließendes Samtkleid von tiefem Burgunderrot von einem Überkleid mit kostbaren Stickereien geschmückt. Doch ach! Kaum beachtet sie mich mit einem flüchtigen Blick.

Als ich die Treppe hinunter eile, bemerke ich, dass ich nicht der Einzige bin, der seine Aufmerksamkeit auf die edle Schönheit richtet. Zwei junge Männer stehen unweit des Brunnens und mustern sie mit unverhohlener Bewunderung.

Der hochgewachsene Jüngling von kaum achtzehn Sommern, mit kurzem flammend rotem Haar, kann seine ehrfürcht'ge Verehrung kaum verhehlen.

Ein lederner Brustpanzer ziert den Leib seines Gefährten, und ein Köcher voller Pfeile ruhet über seiner Schulter, da er Worte an die dunkelhaarige Schöne richtet. Sie wendet sich ihm mit einem holden Lächeln zu.

Was ist dies für eine Ungerechtigkeit? Mich, den Burggrafen übergeht sie mit einem bloßen, flüchtigen Blick, indes sie dem dahergelaufenen Schützen ihre Aufmerksamkeit schenkt!

Um meine Gedanken von diesem Unbill abzulenken, richte ich mein Augenmerk auf die übrigen Versammelten und erblicke zwei junge Gestalten, möglicherweis' Geschwister. Der Jüngling, wohl ein Knapp' von Beruf, trägt schulterlanges, blondes Haar.

Die Jungfrau, die wohl seine Schwester sei, hat langes dunkles Haare. Mit forschendem Blick mustert sie die Umgebung. Ihr Gewand, schlicht und aus Leinen gewebt, ist mit Kräutern und kleinen Beuteln geschmückt.

Gerade als ich meine Gedanken ordnen will, da trifft mich ein heftiger Stoß, und ich stürze zu Boden. Welch' schändlicher Schurke wagt es, den Burggrafen zu behelligen?

Eine beherzte Hand zieht mich empor, und ich erblicke eine Gestalt von beachtlicher Größe, mit lockigem, kastanienbraunem Haar und Augen, dunkel und rätselhaft wie die Nacht. „Verzeiht, hoher Herr“, spricht er mit bescheidenen Worten, „Ich bin Walreamus, ein Barde. Schmerzt es mich doch zutiefst, Euch mit meiner Laute unbeabsichtigt zu treffen und Euer Gleichgewicht zu stören.“

Mit einem verschmitzten Lächeln fragt er: „Darf ich Euch zur Wiedergutmachung mit meinen Liedern in eine fremde Welt entführen?“

Doch meine Gedanken verweilen bei jener dunkelhaarigen Zauberin, deren Anblick mein Gemüt gefangen setzt. Bedauerlicherweise bleibt sie mir verborgen. Doch gleichwohl: Das Feldlager ruft, und Abenteuer harren meiner!

Henricus

„Dieser Typ denkt doch echt, er wäre der Hauptgewinn auf zwei Beinen. Läuft rum wie der König der Welt, mit einem Ego größer als sein Schatten.“

„Du meinst diesen Henricus, der alles erzählt?“ Nöthen muss unwillkürlich lächeln.