Eifelbilder - Hermann Ameling - E-Book

Eifelbilder E-Book

Hermann Ameling

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Beschreibung

Eifelbilder - das sind Erzählungen aus vergangenen Tagen, es sind Gedichte, es sind Aquarelle und Acrylbilder, die die einmalige Landschaft der Eifel lebendig werden lassen. Eifelbilder - das sind Geschichten und Gemälde, die von einem rauen und einsamen Landstrich erzählen, der er einst gewesen und der er auch heute noch ist.

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Seitenzahl: 153

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Bilder schaffen durch Worte. Bilder, die im Kopf entstehen, Gefühle wecken – Trauer, Freude oder Angst. Die Stimmung auf den Leser übertragen, das ist das Ziel.

Einige der Erzählungen von Hermann Ameling basieren auf historisch belegten Ereignissen. Ob sich jedoch die schöne Müllerin Matisse wirklich gegen eine Handvoll französischer Soldaten zur Wehr gesetzt hat? Vielleicht – es könnte so gewesen sein, finden Sie es heraus.

Paula Neumann lässt ebenfalls Bilder entstehen, allerdings verwendet sie dazu Pinsel, Leinwand und Farbe. Auch sie schafft Stimmungen. Landschaften, Blumen, Abendrot.

Ihre Bilder fangen den Betrachter ein, lassen in ihm den Wunsch entstehen, in diese wundervollen Landschaften einzutauchen, darin zu wandern, die bunten Blumen zu pflücken oder sich einfach nur von der untergehenden Sonne verzaubern zu lassen.

für Johannes

“im Hohen Venn“

Inhaltsverzeichnis

1871 Das Kreuz der verlobten

1878 Der Weg nach Fließem

Der Schneemann

1945 Anna-Lena

1945 Das Kreuz

1752 Der Perlenfischer

Wasser

1872 Abschied

1590 Die Frau des Schmieds

Wunder

1891 Gertrud und Matthias

Zeit

1937 Die Wasser der Kyll

Träume

1816 Das Jahr ohne Sommer

Wolken

1794 Die Müllerin

Was zählt

1888 Die Wölfin

Sommernacht

1880 Drei Jahre und ein Tag

September

1944 Der Zug

Dezemberwind

1921 Schneesturm

Das Glöcklein

Verzeichnis der Abbildungen

Wo Eifel und Ardennen ineinander übergehen und wo sich Deutschland und Belgien berühren, dort liegt eine einsame weite Landschaft: das Hohe Venn. Durchzogen von weiten Mooren, stillen Heideflächen und Wäldern mieden es die Menschen von jeher, dort ihre Häuser zu errichten. Manch einen befielen schon arge Ängste, wenn er an trüben Tagen das unwegsame Venn durchqueren musste. Wegekreuze und Gedenksteine zeugen von den Tragödien, die sich in dieser einsamen Landschaft abgespielt haben.

1871 Das Kreuz der Verlobten

»Nun komm schon, François. Bis Xhoffrais ist es noch ein ganzes Stück! Und es hat auch wieder zu schneien angefangen!« Der blonde Mann lachte. François Reiff leerte sein Glas, wischte sich den Mund ab und stand auf. »Hast recht, Marie, wir sollten uns wirklich auf den Weg machen.«

Die ersten Schritte in der klirrenden Kälte fielen schwer. Marie sehnte sich zurück nach der warmen Gaststube und schlang den groben Wollmantel fester um die Hüften. François schob seine Kappe tiefer in die Stirn und legte den Arm um ihre Schulter. »Wie weit ist’s bis Xhoffrais?«, fragte er seine Verlobte.

»Es liegt Schnee. Drei Stunden, denke ich.«

»Gehen wir gleich zum Pfarrer?«

»Aber sicher!« Marie blieb stehen und sah ihn prüfend an. »Wie soll ich dich denn heiraten ohne Papiere?«

»Was, du willst mich heiraten?« François zog fragend die Augenbrauen hoch.

»Gut, wenn du das anders siehst, können wir uns den Weg nach Xhoffrais ja sparen!« Sie wand sich aus seinem Arm und ging geradewegs zurück zum Gasthaus. Drei Schritte – weiter kam sie nicht. François schloss sie in die Arme und drückte ihr einen leidenschaftlichen Kuss auf den Mund.

Lieber Gott, lass es niemals enden, betete Marie, schloss die Augen und ließ sich ins Nirgendwo fallen. Dann, als es doch irgendwann endete, weil beide atmen mussten, blickte sie in François’ Gesicht. »Ich liebe dich sehr, du Schuft, und ich werde dich immer lieben, immer, immer, immer!«

François drückte sie noch fester an seinen Körper. »Der Tag, an dem ich dir begegnet bin ..., ich danke Gott dafür!«

Sie lachte glücklich. »Komm, wir gehen!« Marie griff seine Hand und zog ihn weiter.

Die letzten Häuser von Jalhay lagen hinter ihnen und lichter Wald umschloss sie bald. Kleine Gruppen von Birken wechselten mit Tannen ab, deren Äste sich unter der Last des Schnees tief zur Erde neigten. Auf dem hart gefrorenen Boden kamen die beiden gut voran. Den Wald ließen sie bald hinter sich und die Weite des einsamen Venns tat sich auf. Der Schneefall wurde heftiger und ein stürmischer Wind ließ die Flocken wirbeln und tanzen. War der Weg im Wald noch gut zu erkennen, verwischte der Schnee nun allmählich alle Konturen und ließ den schmalen Pfad eins werden mit der weißen Einöde.

François blickte ein wenig besorgt zu Marie, die ihre Hand tief in seiner Jackentasche vergraben hatte. »Du kennst den Weg?«, fragte er und in seiner Stimme schwang unüberhörbar die aufkeimende Sorge mit.

Sie spürte, dass diese Frage nicht einfach belanglos gestellt war. Marie sah ihn an und drückte seine Hand fest in der warmen Tasche. »Ich weiß nicht, wie oft ich diese Pfade schon gegangen bin. Vertraue mir!«

François lächelte.

Drei Stunden waren vergangen, ohne dass sie einem Lebewesen begegnet waren. Im heftigen Schneetreiben war weder Weg noch Steg zu entdecken. Der Wind tobte und jagte dicke Flocken über die einsame Weite. Dann setzte die Dämmerung ein und das Weiß verwandelte sich in bedrohliches Grau.

Erschöpft blieb Marie nun stehen, schlang die Arme um François’ Körper und lehnte den Kopf an seine Schulter. Wortlos drückte er sie an sich.

»Ich weiß nicht mehr, wo wir sind«, schluchzte sie, »ich weiß es nicht mehr!«

François hatte es gefühlt. Schon vor einer Stunde hatte ihn ein merkwürdiges Gefühl beschlichen. Er strich ihr über die Wange und küsste sie auf die kalte Nase. »Macht nichts, Chérie. So groß ist das Venn auch nicht, als dass wir da nicht wieder herausfinden würden.« Doch seine Worte waren ihr kein Trost.

»Das Venn ist tückisch, du kennst es nicht, François«, flüsterte sie mit tränenerstickter Stimme.

Und da hatte sie wohl Recht. François stammte aus Bastogne, er war beim Bau der Talsperre von la Gileppe beschäftigt und das Venn, das kannte er wirklich nicht.

Während er die zitternde Marie in seinen Armen hin und her wiegte, arbeiteten seine Gedanken fieberhaft. Was konnte er tun? Sie hatten sich verlaufen und in diesem Schneesturm sah man kaum die Hand vor den Augen. »Was können wir tun, Marie?«, fragte er leise.

Ein klägliches Schluchzen war die Antwort auf seine Frage.

Was kann ich tun? Was kann ich bloß tun? hämmerte es in seinem Hirn. François wurde mit einem Mal sehr bewusst, dass sie sich in einer weiten Moorlandschaft verirrt hatten. Dicke Flocken fielen und die Dunkelheit fiel rasend schnell über das Land her. Stehe ich hier auf festem Boden oder schon auf gefrorenem Sumpf? Mit dem rechten Fuß stampfte er vorsichtig auf. Nichts. Noch einmal, fester. Eis knackte.

»François!« Aus weit aufgerissenen Augen starrte Marie ihn entsetzt an. Er tastete nach ihrer Hand. »Es ist nichts geschehen, Chérie. Wir gehen jetzt weiter. Wir müssen weiter!«

Einander an der Hand haltend setzten sie vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Ganz behutsam, den Atem anhaltend und nach bedrohlichem Knacken lauschend. An einem Haselnussgebüsch schnitt François einen dicken Knüppel, mit dem er das Gelände abtastete. Immerhin, dachte er, wo ein solcher Busch steht da muss auch fester Boden sein. »Dort lang!«, befahl er.

Bevor er einen Schritt, tat, rammte er den Stecken in den Grund. Wieder und wieder und wieder, vor jedem Schritt den er tat. Seine Hand schmerzte, doch wieder stieß er in die Erde. Eis krachte, der Boden bewegte sich. Instinktiv warf sich François zur Seite, packte Maries Hand fester und riss sie herüber. Zu spät.

Ein panischer Schrei entfuhr ihr und sie verschwand bis zur Hüfte im Moor. François lag im Schnee und hielt ihre Hand fest umklammert. »Bewege dich nicht! Ich ..., ich ..., ich werde dir helfen!«

»François ...«, wimmerte Marie leise, wagte noch nicht einmal zu sprechen.

Verzweifelt blickte er sich um. Ihr Ende war wohl noch keine beschlossene Sache, denn in Reichweite stand ein stacheliges Gehölz. François streckte sich, erreichte mit Mühe die ersten Zweige. Den Schmerz ignorierend griff er in die Stacheln. Marie dort herauszuziehen war viel einfacher, als er sich das vorgestellt hatte. Beinahe mühelos glitt sie aus dem Sumpf in den Schnee. Sie weinte hemmungslos. Eng umschlungen lagen beide unter dem Dornenbusch. Wieder und wieder küsste François die weinende Marie.

»Wir müssen weiter, Chérie, hier können wir nicht bleiben.« Sie nickte, wischte sich durchs Gesicht und stand vorsichtig auf, immer den Blick auf den Busch gerichtet, um jederzeit die rettenden Zweige zu erreichen. Bis zur Hüfte war Marie durchnässt und François war klar, dass es nun wirklich auf Leben und Tod ging. Weit würde sie es nicht mehr schaffen. Seine Hand schmerzte fürchterlich. Tief waren die Dornen ins Fleisch eingedrungen. Blut tropfte herab.

Ein paar zerzauste Büsche und Sträucher tauchten im Zwielicht auf. Vielleicht säumten sie ja einen Weg, einen Pfad, irgendetwas, jedenfalls war dort ganz bestimmt kein Sumpf! »Schau dort Marie, dort ist der Weg. Egal wohin er führt, wir werden ihn nehmen!«

Sie zitterte, sie weinte und er spürte, dass seine Worte nicht bei ihr angekommen waren. »Marie, wir haben den Weg wiedergefunden, wir sind gerettet!« Behutsam nahm er sie in die Arme.

»Mir ist so kalt«, antwortete sie leise, kaum hörbar.

»Komm, stütze dich auf mich, dann wird es gehen.«

In der Tat schien es ein schmaler Pfad zu sein, den François gefunden hatte. Überraschend schnell kamen sie nun voran. Der Schneefall hatte ein wenig nachgelassen, doch ein eisiger Wind war aufgekommen und trieb die Flocken nun über die öde

“die Farben der Eifel“

Fläche. Überall war ein leises Rascheln und Knistern. Manchmal hörte es sich an wie ein Flüstern und mit einem Mal hatte François das Gefühl, als wäre dort draußen jemand, als seien sie nicht alleine. Einige Male drehte er sich um und spähte angestrengt in das weite Nichts. Und dann ein plötzliches Krachen, Eis brach und beide rutschten sie in einen Bachlauf. Marie rührte sich nicht mehr.

»Marie! Du darfst jetzt nicht aufgeben!« Verzweifelt zog und zerrte François Marie die steile Böschung hinauf. Keuchend ließ er sich in den Schnee fallen und atmete tief. Er beugte sich über sie, strich das nasse Haar aus ihrem Gesicht. »Marie«, flehte er, »schau mich an, Marie.«

Mühsam schlug sie die Augen auf und blickte ihn an. Und wie ein Dolchstoß fuhr es ihm ins Herz. Aus diesen Augen wich das Leben! Marie hatte den Kampf aufgegeben.

»Marie!« Verzweifelt schlang er seine Arme um ihren Körper. »Marie, halte durch! Wir werden es schaffen! Marie!«

François hatte die Fassung allmählich wieder zurückgewonnen. Er hielt die völlig erschöpfte Marie in den Armen und blickte sich hilfesuchend um. Der heisere Ruf einer Eule drang von irgendwo herüber, und dann war da wieder dieses Rascheln und Knistern und Flüstern. Doch da war nichts als weiße Weite und eisige Kälte. »Wir müssen weiter, Chérie«, flüsterte er und strich ihr durchs Haar, »wir müssen weiter!«

»Ich kann nicht mehr«, hauchte Marie, »ich bin so müde.« Sie schloss die Augen. Sie würde keinen Schritt mehr gehen, das wurde François nun schmerzlich klar. Und diese Nacht, die würde sie hier draußen keinesfalls überstehen!

Schwer atmend nahm er sie auf die Arme, trug sie, doch weit kam er nicht, zu erschöpft, zu entkräftet war auch er. Im Schutze eines niedrigen Strauches legte er Marie nieder. »Marie«, flüsterte François. Mühsam öffnete sie die Augen. »Marie, ich werde Hilfe holen! Halte aus, ich werde bald zurück sein, das verspreche ich dir!« Ihre Augen schlossen sich wieder. »Marie! Du darfst nicht schlafen! Hörst du!« François schüttelte sie heftig. Sie schaute ihn an. Es brach ihm das Herz, als er sie küsste. Der Kuss vor dem Tod.

François rannte los, stürzte, brach ein, doch immer wieder rappelte er sich auf. Und dann glaubte er in der Ferne ein schwankendes Lichtlein zu sehen. Das war die Rettung! »Ich danke dir, oh Gott, ich danke dir!« Neue Kräfte beflügelten seine Schritte. Marie ..., Marie schrien seine Gedanken. François stolperte vorwärts. Das Licht verschwand und es tauchte wieder auf. Eis krachte und brach. François versank im Moor. In wilder Panik griff er um sich und es gelang ihm wirklich einen Zweig zu fassen. Vorsichtig zog er daran. Um Gottes Willen, lass den Zweig nicht abreißen! Dann umklammerten seine Hände einen dickeren Ast und er konnte sich aus dem Sumpf befreien. Noch einmal sah er das Licht, lief darauf zu, doch es entfernte sich, bis es schließlich erlosch. François blieb stehen und blickte angestrengt in die Richtung. »Marie!« Angst befiel ihn, eine Angst wie er sie in seinem jungen Leben noch niemals gespürt hatte. Schluchzend lief er weiter, fiel hin, robbte weiter durch den Schnee, immer weiter, immer weiter. Er betete und er fluchte. Er spürte die eisige Kälte und die Schmerzen nicht mehr. Er musste Marie retten, er musste! Marie! Marie! Marie!

Zwei Monate später entdeckte ein Zöllner nahe dem belgischpreußischen Grenzstein Nr. 151 eine tote Frau. Marie-Josèphe Solheid wurde 24 Jahre alt. Sie erfror am 21. Januar 1871. Den toten Körper François Reiffs fand man etwa drei Kilometer von Maries Leichnam entfernt im Venn.

Ihr Andenken zu bewahren errichtete man 1931 ein Kreuz an jener Stelle, wo Marie gestorben war. Das Kreuz der Verlobten steht im Venn, ganz in der Nähe von Baraque Michelle.

“Fingerhut“

“Schneeglöckchen

Die Kyll, der längste Fluss der Eifel ist zwar keiner der großen Flüsse, doch gerade im Winter, wenn Eis und Schnee das Reisen ohnehin erschweren, dann kann die Kyll zu einem nahezu unüberwindlichen Hindernis werden. War man im Sommer unterwegs, dann sah man zu, dass man eine der wenigen Brücken erreichte oder eine flache Fuhrt fand. Im Winter jedoch, da war das alles nicht so einfach.

1876 Der Weg nach Fließem

»Was ist denn geschehen, Mama?« Angst griff nach der kleinen Magda, näherte sich ihr langsam und schleichend, so wie ein bösartiges Tier, das sich heimtückisch seinem Opfer nähert. Bange blickte sie in das bleiche Antlitz der Mutter und dann legte sich die kleine Kinderhand trostspendend auf Annas Arm. Die Hand der Mutter umklammerte den Brief, knüllte ihn zusammen, fester, immer fester, bis die Knöchel das Weiß der gekalkten Wände annahmen. Anna starrte durchs Fenster, hinüber zu den mächtigen alten Bäumen, dort wo der Schnee in dicken Flocken still herniederfiel.

Helene war tot! Tot, weggegangen, einfach verschwunden aus diesem Leben – für immer.

»Mama«, flüsterte Magda angsterfüllt und blickte die Mutter fragend an. Mühsam rührte sich Anna, fand erst ganz allmählich wieder zurück in die Gegenwart und dann sah sie ihre kleine Tochter an, lange und voll tiefer Trauer. Behutsam schlang sie die Arme um Magda und erst dann kamen ihr die Tränen. Hemmungslos schluchzend drückte Anna das kleine Mädchen an sich. »Tante Helene ist tot«, brachte sie schließlich mühsam hervor.

Der Schneefall hatte ein wenig nachgelassen, die Dämmerung zog auf. Anna warf ein knorriges Holzscheit ins Feuer. Funken stoben auf und schon bald leckten die Flammen gierig am trockenen Akazienholz. Ganz still stand Anna und blickte sinnend in die rote Glut. Tränen rannen ihr über die Wangen. Helene, die Gedanken an die tote Schwester, sonst gab es nichts. Mit zitternden Händen griff sie nach einem Kienspan und entzündete die Lampe. Müde setzte sich Anna an den Tisch und blickte auf den zerknüllten Brief. Lange starrte sie auf das zerknitterte weiße Papier, das unter ihrer flachen Hand nun wieder ein wenig glatter wurde. Helene war tot. Ihr Leben hatte am 31. Januar 1876 geendet. Nur sechsunddreißig Jahre wurde sie – das war zu wenig, viel zu wenig! Sie selbst war ja schon zwei Jahre darüber hinaus.

Das Begräbnis findet am 3. Februar statt, las Anna und starrte gedankenverloren in die rußende Flamme der Lampe. 3. Februar, 3. Februar – das ist morgen! Egal ob nun Schnee liegt oder nicht, morgen werde ich in Fließem bei Helene sein!

Steinborn lag schon hinter ihnen und aus der trüben Dämmerung des frühen Morgens tauchten nun die ersten Häuser von Kyllburgweiler auf. Gut, dass Schnee liegt, dachte Anna und fasste Magdas Hand fester. Die beiden kamen zwar nicht schnell voran, doch lag trotz der frühen Stunde blaues Zwielicht über den Hügeln. »Jetzt geht’s über die Klopp hinab nach Kyllburg, mein Schatz«, sagte Anna und schenkte ihrer Tochter ein aufmunterndes Lächeln. »In Kyllburg bei Tante Hilde werden wir eine Tasse heiße Milch trinken.«

Stille, nur das Knirschen ihrer Schritte im tiefen Schnee war zu hören. Magda fürchtete sich im düsteren Kloppewald. Im Zwielicht des aufziehenden Tages kam ihr bald jeder knorrige Baum und jeder zottige Busch wie ein bedrohliches Wesen vor. Enger drängte sie sich an die Mutter. »Und das Kloppemännchen?«, fragte sie leise, kaum hörbar und schielte dabei vorsichtig aus den Augenwinkeln in den finsteren Wald. Das heisere Bellen eines Fuchses durchschnitt die Stille und, als hätten sie sich verabredet, antwortete eine Eule mit düsterem Ruf. Erstarrt blieb Magda stehen. »Mama!«

Anna beugte sich zu der Kleinen hinab, schloss die Arme um den schmächtigen Körper und flüsterte: »Ein Fuchs, der eine Eule beschimpft hat, weiter nichts, mein Schatz. Du musst keine Angst haben.«

Die Mutter war stark und sie hatte auch keine Angst, doch was konnte sie schon gegen das Kloppemännchen ausrichten? Anna war überzeugt, dass der heimtückische Kobold hier irgendwo auf sie lauerte. Irgendwann würde er gewiss hinter einem dicken Baum hervorspringen, den großen grauen Schlapphut tief ins Gesicht gezogen, mit wehendem Mantel und grimmigem Blick.

Im Osten erwachte der neue Tag. Das Morgenrot, nur angedeutet als schmaler rosa Streifen, verkündete das Ende der Nacht. Furchtsam blickte Magda zurück, doch da war nur ihre Spur im tiefen Schnee und die stille Einsamkeit dieses kalten Morgens.

Die beiden hatten das Tal der Kyll beinahe erreicht. Am alten Wegekreuz hielt Anna an. »Wir sprechen ein Gebet für Tante Helene.« Anna faltete die Hände, senkte den Kopf und ihre Lippen sprachen das Gegrüßt sei’s du Maria. Auch Magda hatte die Hände gefaltet, doch anstatt zu beten beschäftigten sich ihre Gedanken mit den Zahlen auf dem Schaft des Kreuzes. »Siebzehnhundertundfünf«, buchstabierte sie langsam und ganz leise.

»So«, sagte Anna nun aufmunternd lächelnd und zog Magda die Mütze tiefer in die Stirn. »Jetzt geht’s hinauf auf Konert, vorbei an der Wilsecker Linde und dann sind wir auch schon bald an der Mühle. Dort schauen wir, dass wir über die Kyll kommen und bis Fließem ist es dann nicht mehr weit.«

Magda lächelte die Mutter tapfer an. Tante Hildes heiße Milch hatte ihre Lebensgeister wieder erweckt und das Kloppemännchen hatte sich klammheimlich aus ihren Gedanken geschlichen.