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Ricarda, Anfang 50 und seit mehreren Jahren geschieden, ist in ihrem Leben angekommen und glücklich. Der einzige Wermutstropfen: Ihr geschiedener Mann Holger verweigert jede Kommunikation mit ihr, denn sie hat ihn verlassen. Holger könnte glücklich sein, wenn er sich endlich auf die Suche nach einer neuen Partnerin begäbe, meint Ricarda. Und wenn er eine Partnerin fände, dann würde er vielleicht auch wieder ganz normal mit ihr reden können. Da Holger aber keine Anstalten zum Glücklichsein macht, hilft ihm Ricarda auf die Sprünge und gibt eine Kontaktanzeige für ihn auf, mit Folgen…
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Seitenzahl: 146
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Sigrid Schüler
Eigentlich eine gute Idee
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Kapitel 1: Der Anruf
Kapitel 2: Die Briefe
Kapital 3: Ich brauche eine Strategie
Kapitel 4: Ina
Kapitel 5: Brigitte
Kapitel 6: Svetlana
Kapitel 7: Annette
Kapitel 8: G.
Kapitel 9: Eine Lösung
Kapitel 10: Am Ende ist alles gut
Kapitel 11: Unvermutet
Kapitel 12: Auf dem Markt
Kapitel 13: Ganz weit weg
Kapitel 14: Vergessen bei gutem Essen
Kapitel 15: Was geschah im Sahnehäubchen?
Kapitel 16: Sonntag
Kapitel 17: Beim Arzt
Kapitel 18: Bringen Sie Klarheit in Ihre Beziehungen
Danksagung
Impressum neobooks
Um eins klarzustellen: Ricarda ist nicht so. Sie ist eigentlich ganz anders, und sie würde sowas nie tun. Okay, sie hat manchmal merkwürdige Ideen, aber sie meint es nicht böse. Nie! Fast nie. Und für diese Geschichte kann sie eigentlich gar nichts. Was passiert ist, ist ganz allein meine Schuld. Ricarda ist nämlich erfunden, frei erfunden, und es gibt sie gar nicht. Und diese Geschichte sollte, zumindest war das meine Absicht, ganz anders laufen. Ricarda ist als erfundene Person einfach so reingeschlittert, wie das eben im Leben so ist. Und das Leben ist nicht planbar, auch wenn wir das nicht wahrhaben wollen und andauernd Pläne schmieden. Und so war diese Geschichte auch ganz anders geplant, als sie jetzt geworden ist. Ich muss zugeben: Ich habe die Kontrolle verloren, und Ricarda muss es jetzt ausbaden. Sorry.
Suche für meinen Ex, 52 Jahre, Nichtraucher, ehrlich und verantwortungsbewusst, eine Frau fürs Leben. Sie sollte zwischen 45 und 55 Jahre alt sein, häuslich und liebevoll. Gerne auch mit Kindern. Bitte nur ernstgemeinte Zuschriften. Jede Zuschrift wird beantwortet.
„Wie teuer ist das?“, frage ich empört.
„Wir berechnen unsere Preise nach Anzahl Wörter beziehungsweise nach Zeichen.“ Die Dame am anderen Ende der Leitung bleibt auch nach meinem Ausbruch gelassen und freundlich. „Ich schlage Ihnen vor, wir kürzen den Text, dann wird es für Sie günstiger.“
Was soll man da kürzen, denke ich. Ich hab schon nur wenig in den Text gepackt, zu wenig, meine ich, aber die Dame spricht unbeirrt weiter.
„Wir können zum Beispiel den Nichtraucher abkürzen, das wird dann immer noch verstanden. Die Adjektive können wir auch kürzen, soll ich mal?“, fragt sie. Ich höre sie auf ihrer Tastatur tippen, und nach wenigen Sekunden sagt sie: „Also: Suche für meinen Ex, 52, Nichtr., ehrl. u. verantwortungsbew., Frau fürs Leben, zw. 45 u. 55, häusl., liebev., gerne m. Kindern. Nur ernstgem. Zuschr., alle werden beantw.. Das sind jetzt noch 172 Zeichen beziehungsweise 27 Wörter, vorher waren das 266 Zeichen und 38 Wörter.“
„Klingt verstümmelt“, sage ich. „Und wie teuer ist das jetzt?“
Sie nennt den Preis, und ich überlege, ob der Text vielleicht nicht doch noch ein bisschen zu lang ist. Schließlich geht mein Ex-Mann Holger auch sehr verantwortungsbewusst mit seinem Geld um, und ich sollte das mit meinem auch tun, denke ich. Mir wird ja schließlich auch kein Euro geschenkt.
„Kann man noch was kürzen?“, frage ich deshalb. Die grundsätzliche Frage, ob er mir das wirklich wert ist, hatte ich für mich bereits vor einigen Tagen mit einem „Ja“ beantwortet, denn es geht ja schließlich nicht nur um sein Wohlbefinden, sondern auch um meines.
„Jaah, mal sehen“, sagt die freundliche Dame geduldig. Sie scheint an Kunden wie mich gewöhnt zu sein. Einen Augenblick später spricht sie: „Suche für meinen Ex, 52, Nichtr., ehrl., verantwortungsbew., Partn. ab 45, häusl., liebev., gerne m. Kind. Nur ernstgem. Zuschr.. 19 Wörter, 128 Zeichen. Ich glaube, kürzer kriegen wir es nicht hin.“
„Wie ist das, schicken die Frauen wohl ein Foto mit?“, möchte ich wissen.
„Das weiß ich nicht. Wir können die Bitte um ein Foto natürlich in den Text aufnehmen.“
„Nein danke, nicht nötig“, sage ich rasch und bestelle die Kontaktanzeige für die Samstagsausgabe unserer örtlichen Tageszeitung.
Ein paar Stunden lang habe ich mich an meiner genialen Idee, für meinen geschiedenen Mann eine neue Frau zu suchen, erfreut. Anders gesagt: Ich bin stolz auf mich, diesen klugen Schritt getan zu haben. Seit ich ihn verlassen habe (und dafür gab es gute Gründe), ist er allein. Es sind nun schon acht Jahre vergangen, aber er scheint überhaupt nichts zu unternehmen, um jemanden neues kennenzulernen. Er geht nicht aus, gönnt sich keine Abwechslung (habe ich von den Kindern gehört, die ihn natürlich besuchen, wenn sie nach Hause kommen).
Ich würde mich für ihn freuen, wenn er jemanden kennenlernt. Allein, das passiert einfach nicht.
Ich habe den Verdacht, dass er mich mit seiner Passivität ärgern will. Die hat etwas Anklagendes, so nach dem Motto: Du hast mich verlassen und hast deinen Spaß, und mir bleibt nichts außer der Arbeit.
Vielleicht bin ich jetzt ungerecht, denn er war schon immer häuslich. Und natürlich hat er das nicht wörtlich gesagt, aber bei den wenigen Gelegenheiten, bei denen wir uns seit unserer Scheidung begegnet sind, spricht sein Blick Bände. Und der Blick sagt immer das Gleiche und spricht von meiner Schuld.
Mich ärgert das maßlos, denn zu einer gescheiterten Ehe gehören immer zwei (meine ich). Mir hat es gut getan, eigene Wege zu gehen, und ich bin sicher, das Leben hat auch ihm viel zu bieten.
Ich frage mich, wieso ich mich nach all den Jahren immer noch so sehr an seinem vorwurfsvollen Blick störe. Meine Baustelle ist das doch nicht mehr! Aber wenn ich ehrlich bin, also wirklich ganz ehrlich zu mir selbst, dann muss ich sagen: Ja, ich habe ein schlechtes Gewissen. Mir geht es nämlich richtig gut, und wenn es auch ihm richtig gut ginge, dann wäre doch für uns beide alles in Ordnung.
Deshalb die Idee mit der Kontaktanzeige, die er, sparsam und verantwortungsbewusst wie er ist, nie selbst aufgeben würde.
Ich rufe meine beste Freundin Marie an, um ihr von meiner tollen Aktion zu berichten.
„Was hast du gemacht?“ Ihre Stimme klingt entgeistert.
Obwohl ich denke, dass ich das Richtige getan habe, bin ich jetzt ein bisschen verunsichert.
„Sag mal, Ricarda, was denkst du dir eigentlich dabei? Ist doch ein bisschen viel Einmischung in Holgers Leben, meinst du nicht?“
Obwohl ich dachte, dass ich das Richtige getan habe, bin ich jetzt sehr verunsichert. Ich muss schwer schlucken.
„Na ja“, sage ich. „Stimmt schon, aber… Du weißt doch, wie schlecht er immer in die Hufe kommt… Also, ich glaube, die Idee war gut.“
Marie schweigt. Marie schweigt anklagend. Das höre ich durch das Telefon. Dann sagt sie: „Das Beste für Holger und dich ist doch, dass jeder sein Ding macht.“
„Ja aber er macht nicht sein Ding!“
„Das behauptest du! Vielleicht ist das ja sein Ding, so, wie er jetzt lebt. Vielleicht will er es nicht anders. Vielleicht…“
„Ist doch Quatsch!“, unterbreche ich sie. „Wenn das sein Ding wäre, dann wäre er viel zufriedener. Viel ausgeglichener. Entspannter.“
„Vielleicht ist er ja entspannt“, meint Marie, „wenn du nicht da bist. Das kann doch sein. Ich meine, du hast ihn verlassen! Du hast ihn verletzt! Was erwartest du? Dass er dir dafür um den Hals fällt?“
Ich hatte bis jetzt Marie auf meiner Seite geglaubt. Habe ich mich so sehr in ihr getäuscht? Oder noch schlimmer: Habe ich so falsch gehandelt, falsch gedacht, falsch empfunden? Gibt es überhaupt etwas in meinem Leben, das ich richtig gemacht habe? Meine Gedanken laufen komplett aus dem Ruder. Sie laufen Amok!
Ich frage mich: Habe ich der Menschheit Leid zugefügt? Wie kann ich es wieder gut machen? Ich werde in der Hölle schmoren! Ich muss noch einmal schwer schlucken, als mir mein Schicksal bewusst wird. Automatisch gehe ich in den Verteidigungsmodus.
„Jetzt mach aber mal halblang“, sage ich entschiedener, als ich mich fühle. „Die Briefe gehen doch an mich, nicht an ihn. Holger weiß doch gar nichts davon. Es ist doch noch gar nichts passiert.“
„Ja, aber genau das macht mir Sorgen: Dass irgendwas passiert, wenn du dich einmischst“, sagt Marie.
Ich höre, wie sie tief Luft holt.
„Ich meine das nicht böse!“, sagt sie. „Es war richtig, dass ihr euch getrennt habt, aber ich finde, du musst Holger sein Leben leben lassen. Du darfst dich nicht einmischen. Du willst bestimmt auch nicht, dass er das bei dir tut.“
„Ach er mischt doch überhaupt nicht, nicht für sich und nicht für andere“, sage ich.
„Ja, aber das war schon immer so, und deswegen bist du gegangen“, sagt Marie. „Und das war richtig. Aber wenn Holger was anderes machen soll, dann muss er das selbst wollen. Das ist nicht in deiner Verantwortung.“
Ich bin ein bisschen erleichtert, weil es anscheinend doch etwas gibt, das ich richtig gemacht habe. Außerdem war die Annonce gut gemeint, ich will ihm nichts Böses.
Marie versteht das, denn sie sagt: „Ich weiß, du meinst es gut.“
„Ich habe einfach das Gefühl, dass Holger nicht glücklich ist“, sage ich.
„Ja, Ricarda, aber es liegt nicht an dir, ihn glücklich zu machen. Mit deinem schlechten Gewissen, das du hast, musst du anders klarkommen.“ Und sie fügt hinzu: „Du musst kein schlechtes Gewissen haben. Die Dinge sind so, wie sie sind.“
Marie hat Recht, aber dennoch weiß ich (ich weiß es einfach!), dass diese Kontaktanzeige sein muss. Sie wird ein Schritt nach vorne sein, für Holger, und für mich auch, denn ich denke, Holger braucht nur einen kleinen Schubs, und dann kann er endlich sein Glück finden. Vielleicht schafft er es dann sogar, dass er wieder mit mir reden kann.
Als Marie danach fragt, was ich mit den Zuschriften machen werde, sie Holger offiziell überreichen oder sie ihm einfach in den Briefkasten stecken, wird mir klar, dass ich keinen richtigen Plan dazu habe. Bis jetzt hatte ich nur daran gedacht, sie bei der Zeitung abzuholen, und vielleicht auch selbst einen Blick reinzuwerfen.
Zum Glück haben wir die Zusage, jede Zuschrift zu beantworten, gestrichen, denke ich. Die, die sich melden, werden nicht unbedingt mit einer Antwort rechnen. Ach, vielleicht lasse ich es ganz bleiben und werfe die Zuschriften, falls überhaupt welche kommen, gleich in den Müll. Das Ganze läuft über Chiffre, also wird niemand wissen, wer die Anzeige geschaltet hat. Und überhaupt, wahrscheinlich wird sich sowieso niemand melden, wenn eine Frau für ihren Ex eine Anzeige aufgibt.
„Du hältst mich aber auf dem Laufenden“, sagt Marie abschließend. Sie besteht darauf, zu erfahren, wie viele Antworten ich erhalte.
Nanu, denke ich, sie ist aber doch ganz schön neugierig.
„Also, ich muss zugeben, ein bisschen spannend ist das schon“, gibt sie zu.
Acht Tage später habe ich einen Stapel Briefe vor mir auf dem Küchentisch liegen. Es sind fünf Personen, die sich auf die Kontaktanzeige gemeldet haben. Sehr übersichtlich, finde ich, aber vielleicht ist das auch kein Wunder. Die Anzeige war schließlich winzig, fiel überhaupt nicht auf in der großen Zahl an Anzeigen, die auf dieser Seite zu lesen waren. Ich hatte sie nicht auf Anhieb finden können und hatte schon vor, mich bei der Anzeigenannahme der Tageszeitung zu beschweren.
Marie hatte die Anzeige allerdings direkt entdeckt und gemeint, ich hätte meinen Ex doch durchaus interessanter beschreiben können. Wer wolle sich denn melden, wenn jemand lediglich mit den Attributen ehrlich, verantwortungsbewusst und nichtrauchend beschrieben werde.
„Langweiliger geht´s kaum“, hatte sie festgestellt. „Und ich dachte, du suchst jemanden, der ihn glücklich macht!“
„Ich bin einfach nur ehrlich“, war meine Antwort gewesen.
Marie hatte laut gelacht. „Ja klar. Aber du hättest ja durchaus auch schreiben können, dass er gutaussehend ist, gut verdient, so was in der Art.“
Stimmt, Holger sieht gut aus. Und wenn er sich aufbrezelt, dann macht er richtig was her. Sein Haupthaar ist auch nur wenig ausgedünnt, auch das hätte man erwähnen können. Aber halt! Ich erklärte Marie, wie die Zeitung die Texte berechnet. Und die Rechnung werde ja schließlich ich übernehmen müssen.
Marie meinte, wenn ich bei sowas nicht in die Vollen gehe, brauche ich gar nicht erst anzufangen. Und: Nicht kleckern, sondern klotzen, solle hier die Devise lauten, andernfalls könnte ich das Geld gleich auf ihr Konto überweisen, dann sei es wenigstens sinnvoll angelegt.
Marie weiß, dass ich heute bei der Zeitung war, um die Briefe zu holen. Deshalb hat sie angerufen.
„Und? Wie viele haben sich gemeldet? Hast du schon mal reingeschaut?“, will sie wissen.
„Wie stellst du dir das vor?“, frage ich. „Hast schon mal was vom Briefgeheimnis gehört?“
„Wieso, die Briefe sind doch an dich gerichtet, nicht an Holger. Also darfst du sie aufmachen und reinschauen!“
Marie hat gut reden. Natürlich überlege ich, ob ich da mal reinschauen soll. Ich möchte gerne wissen, wer sich gemeldet hat (das ist keine Frage von Neugier, sondern das ist ein Informationsbedarf). Sind Fotos dabei? Was schreiben die so?
Doch, ich gebe es zu: Ich bin neugierig, aber wahrscheinlich sollte ich die Post ungeöffnet an meinen Ex weitergeben. Dann kann er einen Blick in die Wundertüten riskieren oder aber die Briefe wegwerfen, ganz wie er möchte.
Ach Blödsinn, ich weiß doch, was er möchte: Mich mit seiner Passivität strafen, und deshalb darf ich ihm die Post nicht einfach so überlassen. Ich muss handeln!
Marie findet weitere Argumente. Als sie sagt: „Du hast die Musik schließlich bezahlt, also darfst du zumindest mal reinhören!“, habe ich, das Telefon zwischen Schulter und Ohr geklemmt, mit einem Küchenmesser den ersten Brief bereits geöffnet.
Der Brief enthält ein Foto, das eine unspektakuläre Mittfünfzigerin zeigt (meine Schätzung), rundes Gesicht, warme Augen, Frisur aus den 80ern. Sie lächelt freundlich. Im Brief schreibt sie, dass sie Brigitte heißt und nach einer Enttäuschung den Mann fürs Leben sucht. Ich schiebe Foto und Brief wieder in den Umschlag und widme mich dem nächsten Brief. Das Telefon rutscht mir weg und kracht auf die Tischplatte, und ich höre Marie sagen: „Was ist denn jetzt? Sag doch mal! Machst du die Briefe auf?“
„Ja, mache ich“, sage ich, als ich den Hörer wieder am Ohr habe.
Ich bitte meine Freundin, dass wir das Gespräch jetzt beenden, denn ich möchte mich auf die Post konzentrieren. Ich verspreche ihr, später Bericht zu erstatten. Marie lädt sich spontan für heute Abend zu einem Glas Wein ein. Sie will einen guten Tropfen mitbringen, sagt sie.
Den zweiten Brief, den ich geöffnet habe, hat Svetlana geschrieben. Sie stammt aus der Ukraine und sucht einen Mann, den sie glücklich machen kann. Sie ist 45 Jahre alt, schreibt sie, gelernte Schneiderin, kocht und tanzt gerne. Als ich mir das Foto ansehe, das sie mitgeschickt hat, falle ich fast vom Stuhl. Diese Frau ist nicht hübsch, sie ist schön. Sie sieht deutlich jünger aus, eher wie 35, aber ich tröste mich mit dem Gedanken, dass sie vielleicht ein älteres Foto mitgeschickt hat. Trotzdem bleibt sie eine schöne Frau, auch wenn man sich zehn oder zwanzig Jahre dazu denkt. Ein zweites Bild fällt aus dem Umschlag: Svetlana in einem dünnen Sommerkleid, das ihr ausgesprochen gut steht und ihre tolle Figur betont.
Ich gehe sofort in Abwehrhaltung. Die will bestimmt nur sein Geld, denke ich. Gut, dass ich nicht „vermög.“ oder „gesichert. Eink.“ in die Anzeige gesetzt habe. Svetlana - eine Frau, die sich die Kerle aussuchen kann. Was will sie von Holger? Ich schiebe Fotos und Brief zurück in den Umschlag, auf den ich gedanklich den Stempel „Kommt nicht in Frage“ drücke.
Ina, die nächste Kandidatin, ist Lehrerin in einer Grundschule. Sie trägt einen praktischen Kurzhaarschnitt, schaut den Betrachter ihres mitgeschickten Fotos unheimlich klug an, sehr organisiert und entschlossen, als ob sie gleich eine Ansage machen möchte. Es sieht aus wie ein Bewerbungsfoto, denke ich, aber dann fällt mir ein, dass Ina sich ja tatsächlich bewirbt. Sie spielt in ihrer Freizeit Gitarre und wandert für ihr Leben gern, schreibt sie. Zum Beweis hat sie ein zweites Foto mitgeschickt, das Ina auf einem Berggipfel zeigt (Alpen oder Anden, ich kann es nicht einordnen). Eine Altersangabe fehlt - na ja, ich finde, von einer Lehrerin kann man mehr erwarten. Ich wette, wenn ihre Schüler ein vermeintlich wichtiges Detail in einer Arbeit vergessen, dann ahndet sie das mit Punktabzug. Die wäre was für Holger, wenn ich ihm übel wollte.
Der vierte Brief stammt von Annette, Ende vierzig, Verwaltungsfachkraft beim Landkreis. Brief und Foto machen einen ordentlichen, aufgeräumten Eindruck. Die Schrift ist zwar nicht schön oder besonders gut zu lesen, aber sauber und gleichmäßig. Das Foto zeigt eine gutaussehende Frau mit korrekt frisiertem Haar, rötlich gefärbt mit Strähnchen.
Mir fällt auf, dass bislang keine der Frauen etwas von Kindern geschrieben hat, aber vielleicht sind die alle schon groß und leben nicht mehr zu Hause, genau wie Holgers und meine Kinder.
Der kleine Stapel an Zuschriften ist fast abgearbeitet, und ich muss gestehen, ich bin ein bisschen enttäuscht. Die Kandidatinnen scheinen mir alle so…ich weiß nicht…unpassend? So normal? Andererseits: Was habe ich denn geglaubt, wer sich da melden würde?
Ich nehme den letzten Brief zur Hand und will ihn gerade öffnen, als es an der Tür klingelt. Es ist Marie. In der einen Hand hält sie eine Flasche von ihrem Lieblingswein, in der anderen eine Flasche Calvados. Ich schaue auf die Uhr: Es ist sechs.
„Ja, ich bin ein bisschen früh dran“, sagt Marie. Sie geht sofort in die Küche, stellt die Flaschen ab, holt Butter und Aufschnitt aus dem Kühlschrank und sagt: „Wir essen jetzt erst noch zu Abend. Ich denke, für so eine Arbeit brauchst du eine ordentliche Grundlage.“
Ich weiß wirklich nicht, ob ich das jetzt so gut finde, dass Marie in meiner Küche das Kommando übernimmt. Ich hätte die Briefe gerne in Ruhe allein gelesen. Aber Marie merkt davon nichts, holt Teller, Besteck und Gläser und deckt den Tisch. Da ich nichts mache, fragt sie: „Wo hast du Brot?“
