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Im Mittelpunkt des Buches stehen humorvolle und nachdenkliche Geschichten über das Leben von Menschen in der Kleinstadt. Es geht um das örtliche Schützenfest aus der Sicht eines Mitglieds der begleitenden Blaskapelle, eine alte Dame mit Demenz, eine Hochzeit in Frankreich sowie eine intensive und tiefe Begegnung zweier Menschen.
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Seitenzahl: 63
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Sigrid Schüler
Geschichten aus der Kleinstadt, Band 3
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Frauen und Kinder zuerst
Frau Federer und Frau Freisinger
Les Allemands Mangent La Decoration
Einfach so
Bisher erschienen
Impressum neobooks
„Beim Marschieren kann dir nichts passieren“, sagte Hermann und lachte laut.
Na ja, dachte ich, ich kann mir vorstellen, dass einem da eine Menge passieren kann. Man kann aus dem Gleichschritt geraten, oder über die eigenen Füße stolpern und dem Vordermann in die Hacken treten. Man kann die Noten verlieren, oder gleich die ganze Marschgabel, die die Noten hält, oder auch gleich das ganze Saxophon mit Marschgabel und Noten. Das kann zum Beispiel hinfallen, man versucht es aufzuheben, und schon hält man den Verkehr auf, der ganze Zug gerät ins Stocken, und dann kommen wir zu spät am Schützenplatz an und das Königsschießen kann erst mit Verspätung beginnen. Und der König kann dann nicht mehr vor Einbruch der Dunkelheit ausgeschossen werden, und am nächsten Tag steht in der Zeitung, dass zum ersten Mal seit dem 123jährigen Bestehen des Rüschendorfer Schützenvereins kein König ermittelt werden konnte, und dass das alles die Schuld der Tenorsaxophonistin ist, die erst seit kurzen im Musikverein mitspielt und noch gar keine Erfahrung hat.
Hermann musste meine Zweifel bemerkt haben, denn er meinte: „Aller Anfang ist schwer. Halt dich einfach an mich.“ Er zwinkerte mir aufmunternd zu.
Na ja, er wird´s wissen, dachte ich, lange genug dabei ist er ja schon. Hermann hatte mir nämlich erzählt, dass er schon seit sieben Jahren im Musikverein spiele. Als Kind habe er ein paar Jahre Unterricht auf der Posaune bekommen, aber das Saxophon habe er für sich erst im Erwachsenenalter entdeckt. „Genau wie du“, hatte er gelacht, „nur dass ich schon viel besser klarkomme, weil ich ein paar Jahre mehr Übung habe.“ Und er fügte hinzu: „Alles eine Frage der Konzentration.“
Mit sehr gemischten Gefühlen sah ich also meiner ersten Teilnahme am Festumzug der Rüschendorfer Schützen entgegen. Unser Musikverein sollte mit zwei weiteren Blasorchestern den Umzug begleiten und anschließend im Zelt für Stimmung sorgen. Alles in allem wären es schätzungsweise hundert Musiker, die Rüschendorf beschallen würden, wurde mir gesagt, und damit stieg meine Hoffnung, in der Masse der Menschen und Instrumente nicht allzu sehr aufzufallen.
Ein Bus sollte uns und unser Equipment zum Einsatzort bringen. Wir verstauten die sperrigen Koffer mit den Notenständern und dem Schlagzeug im Gepäckraum, und Hermann passte ganz genau auf, dass der Stauraum richtig genutzt wurde. Dann fuhren wir los.
In Rüschendorf begann dann das Sortieren: Wessen Koffer ist das? Wem gehört der Notenständer? Wer trägt die Pauke? „Wo ist mein Koffer? Mein Koffer ist weg!“
Das war Hermann. Kreidebleich begann er aufgeregt hin- und herzulaufen und jedes Teil, das wir dem Gepäckraum entnommen hatten, zu begutachten. Meinen Koffer hatte ich schon gefunden, als Hermann plötzlich mit einem Gib-ihn-mir-her-Blick auf mich zusteuerte.
„Das ist meiner!“, protestierte ich, als er danach greifen wollte. Ich wies auf den Aufkleber, mit dem ich meinen Koffer gekennzeichnet hatte. Hermann sah mich verzweifelt an.
„Ich glaube, das gehört dir!“,rief jemand von den Musikerkollegen und schleppte aus dem Fahrgastraum des Busses einen Tenorsaxophonkoffer. Hatte der jetzt wirklich im Gepäckraum keinen Platz gehabt oder hatte sich jemand einen kleinen Scherz erlaubt? Die Frage blieb unbeantwortet, aber Hermann war sehr erleichtert, dass er sein Instrument wiederhatte.
Im Festzelt bekamen wir eine Ecke zugewiesen, in der wir unsere Instrumente abladen konnten. In aller Eile machten wir uns fertig, denn es sollte sofort losgehen. Wir sollten den Festzug anführen, den König mit seiner Königin abholen und anschließend zum Schützenplatz begleiten. Ich fummelte ein bisschen an der Marschgabel herum, ehe sie so saß, wie sie sollte. Die kleine Mappe mit den vierzig Märschen aus dem deutschsprachigen Raum einschließlich traditioneller Egerländer Blasmusik nahm ich erst mal in die Hand. Vor dem Zelt formierten wir uns in Marschreihen, und ich merkte, dass mein Schnürsenkel am linken Schuh etwas locker war.
Mir wurde ein Platz in der dritten Reihe zugewiesen. Hermann stand rechts von mir, er ging außen. Dann falle ich wenigstens nicht so auf, dachte ich erleichtert. Links von mir standen die beiden Altsaxophone.
„Beim Marschieren geht´s mit links los!“, rief mir ein wohlgesinnter Tubaspieler über seine Schulter zu, „auf den Paukenschlag immer den linken Fuß!“
Ich überlegte, ob ich mit dem Saxophon vor dem Bauch und den Noten in der Hand eine Chance hätte, meinen Schuh richtig zuzubinden, da hob unser Dirigent auch schon die Hand zum Zeichen, dass es los gehe.
„Nummer fünfundzwanzig!“, rief jemand, und ich blätterte in der Marschmappe nach dem entsprechenden Marsch. Gruß an Kiel – das hatte ich schon mal geübt – prima. Die Pauke machte BUMM- BUMM- BUMM BUMM BUMM, und wir setzten uns in Bewegung. Die Musik ertönte, und ich hatte meinen Einsatz verpasst, denn ich war noch damit beschäftigt, die Noten in der Gabel festzuklemmen. Bevor ich das Saxophon an die Lippen setzte, kontrollierte ich meine Schritte. Alles stimmte, und so konnte ich tatsächlich in der zweiten Wiederholung einsteigen. Allerdings konnte ich mein Instrument nicht wirklich ruhig halten. Die Noten bewegten sich wie ich im Gleichschritt, und irgendwo in der Mitte des Blattes hatte ich schließlich die Zeile verloren.
Wie machen das denn die anderen?, fragte ich mich. Die Schwierigkeiten dürften ja wohl überall die gleichen sein. Ich riskierte einen Blick zu Hermann, der ungerührt marschierte und musizierte. Alle anderen taten das auch.
„Also irgendwas machst du falsch“, kommentierte Hermann mein Tun, als wir eine Spielpause hatten und ein Blasorchester weiter hinten im Zug für die Marschmusik sorgte. „Im Grunde ist das ganz einfach: Du musst dich bloß richtig konzentrieren.“
„Das ist ein guter Hinweis“, antwortete ich. Schade, dass mir das jetzt nicht wirklich weiterhalf. Ich müsste mein Saxophon ruhiger halten, sagte ich mir, etwas mehr vom Körper weg, damit es nicht bei jedem Schritt wackelte. Ich versuchte es, aber nun konnte ich die Klappen nicht mehr richtig greifen. Und die Daumen, mit denen man das Instrument in der richtigen Stellung hält, begannen schon ein wenig zu schmerzen. Ich begriff, dass noch viele Trainingseinheiten vor mir lagen, ehe ich beim Gehen einwandfrei würde spielen können. Ich hatte Marschmusik und Schützenfeste nie besonders gemocht, aber mein Respekt vor den Musikern, die das scheinbar so locker absolvierten, wuchs enorm.
„Und du musst dein Saxophon etwas weiter weg vom Körper halten, damit es nicht so wackelt“, erklärte Hermann.
„Achtzehn“, ertönte es von vorne. Ich nahm die Noten wieder zur Hand und schlug den nächsten Marsch auf. Als ich die Mappe wieder festklemmen wollte, merkte ich, dass sich die Marschgabel etwas gelockert hatte. Also zog ich das Schräubchen noch mal an und fluchte, als mir dabei die Noten fast zu Boden fielen. Immerhin hatte ich meine Vorbereitungen abgeschlossen, als der Dirigent die Hand hob. Hinter mir ertönte die Pauke, es ging los. Alles schien gut zu klappen. Ab und zu hatte ich einen Aussetzer, aber so schlimm war das nicht, fand ich, denn diesen Marsch hatte ich noch nie in meinem Leben gespielt, und ich fand, ich hielt mich tapfer.
Dann kam die Kurve. Ohne Vorwarnung gingen die Musiker links von mir plötzlich langsamer, und rechts legten alle einen Zahn zu. Ich hatte mich voll auf mein Instrument konzentriert und musste nun irritiert feststellen, dass wir die Marschrichtung geändert hatten. Gerade so kratzte ich an Hermann vorbei und konnte meinen Platz in der Reihe wieder einnehmen. Das war knapp, dachte ich, aber ich war nicht aus der Kurve getragen worden und einen Auffahrunfall hatte ich auch nicht gehabt.
