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Im azurblauen Wasser vor Nizza schwimmt eine Wasserleiche. Kurze Zeit später stirbt an der Côte d’Azur ein Assistenzarzt der renommierten Berner Parkklinik Eiger. Alles deutet auf einen Segelunfall hin. Frau Knecht, die Mutter des verstorbenen Arztes, glaubt nicht an einen Unfall. Sie vermutet einen Zusammenhang zwischen den beiden Todesfällen. Sie bittet den ehemaligen Studienfreund ihres Sohnes, Dr. Franco Weber, um Rat und Unterstützung. Anfänglich nimmt Franco Weber die Zweifel der Frau nicht ernst. Er befürchtet vielmehr, für die trauernde Mutter die Rolle des Ersatzsohnes spielen zu müssen. Dem vielversprechenden und ehrgeizigen Herzchirurgen des Berner Inselspitals bleibt kaum Zeit für sein Privatleben, geschweige denn für die Sorgen einer verwirrten Trauernden. Gemeinsam mit einem Freund stellt Franco Weber Frau Knecht zuliebe ein paar halbherzige Nachforschungen an. Statt klare Antworten auf einfache Fragen zu bekommen, stossen die beiden auf komplizierte Widersprüche und dunkle Flecken – auch auf
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Seitenzahl: 412
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Prolog
Erster Teil
Zweiter Teil
Epilog
Seit seiner Geburt lebte Louis Blanc am Meer, in der Nähe des Strandes von Cap d’Antibes an der Côte d’Azur. Als einfacher Fischerssohn hatte er nach seiner Schulzeit den einzig denkbaren Beruf erlernt: Fischer.
Er war knapp zwanzig, als an seinem Strand die ersten Fremden auftauchten. Sie wurden zuerst mit Neugier beobachtet, später mit Skepsis gemieden und schliesslich mit der Geduld der Notwendigkeit toleriert. Louis hatte sich nie gross den Kopf darüber zerbrochen. Ohne Widerstand passte er sich dem Wandel der Zeit an. Heute pflegte er die Gärten der Ferienhäuser mit derselben Gründlichkeit, mit der er früher die Fischernetze gesäubert hatte.
Bei rund zwölf Hausbesitzern stand Louis unter Vertrag. Er hätte noch mehr Häuser übernehmen können, aber zwölf, so fand er, waren genug, und solange er sich jeden Tag eine Flasche Wein zum Essen leisten konnte, sah er keinen Grund, weitere Arbeit anzunehmen.
Er verfügte über das, was die meisten Menschen für Geld oder Ansehen aus der Hand gaben – über Zeit. Das machte ihn reicher als alle die Ferienhausbesitzer, für die er arbeitete. Ohne dass er ihn je formuliert hätte, steckte dieser Gedanke tief in seinem Bewusstsein und machte ihn stolz. Deshalb hatte er auch keine Probleme mit den Hausbesitzern. Niemals wäre es ihm eingefallen, diese ernsthaft zu beneiden. Er verrichtete zufrieden seine Arbeit und überliess die Feriengäste ihrer gestressten Ruhe.
Am Abend des ersten Mai beschäftigte er sich mit den Sträuchern im Garten der Germanns.
Bedächtig schnitt er Zweig um Zweig am Mimosenhain. Er arbeitete ohne Hast, aber mit einer konstanten Beharrlichkeit. Er ergriff das Holz mit seinen von Sonne und Wind gegerbten Händen behutsam und kräftig zugleich, zog es zu sich und führte die Baumschere, als ob jeder Schnitt vorgezeichnet wäre. Die wärmende Kraft der abendlichen Sonne stärkte seinen gebückten Rücken wohltuend, nicht wie im Sommer, wenn die lähmende Hitze jede Arbeit mühsam macht.
Von Germanns Grundstück aus bot sich der schönste Blick auf die Bucht.
«Ob sich die Germanns bewusst sind, dass sie diesem Umstand den bestgepflegten Garten in der Umgebung zu verdanken haben?», dachte Louis und schaute kurz zum Haus. Er hatte sich auf der Veranda einen Stuhl und ein Glas bereitgestellt, um bei einem Pastis den Sonnenuntergang zu geniessen.
Es bereitete ihm Mühe, sich wieder auf seine Arbeit zu konzentrieren. In der Nähe des Strandes lärmte schon seit einiger Zeit eine Schar Lachmöwen. Stets von neuem stürzten sich die Vögel aufs Wasser, um mit lautem Gekreische sogleich wieder aufzusteigen. Das Schreien der Möwen vermischte sich mit den Rufen von Kindern, die am Strand spielten.
Louis betrachtete mit kritischem Blick den Stand der Sonne und überlegte, wie viel Zeit ihm noch verblieb. Schliesslich legte er die Heckenschere beiseite und näherte sich gedankenversunken dem Haus.
Da wurde ihm auf einmal bewusst, dass sich etwas verändert hatte.
Er hielt unentschlossen inne und blickte sich um. Das Lärmen der Lachmöwen war nur noch in der Ferne zu vernehmen. Umso deutlicher drangen jetzt die Stimmen der Kinder zu ihm hoch. Was er nun hörte, klang nicht mehr unbeschwert, aber auch nicht nach Streit.
Es klang nach Schrecken und Angst.
Unverzüglich verliess er Germanns Grundstück. Ein kurzer Naturpfad führte ans Meer. Schon bald konnte er die Kinder sehen. Einige rannten weg, die grösseren standen nahe am Ufer und starrten ins Wasser.
Da konnte er erkennen, was die Kinder derart erschreckt hatte. Wenige Meter vom Ufer trieb, mit dem Gesicht nach unten, der Körper eines Menschen. Nur Schulterpartie und Nacken ragten aus dem Wasser. Trotzdem sah Louis sofort, dass es sich um einen Mann handeln musste. Die Schultern waren breit, der Hals kräftig und die Haare kurz geschnitten. Louis spürte Erleichterung, als er die dunkle Hautfarbe bemerkte: Es konnte keiner der ihren sein, der da im Wasser trieb. Sofort schämte er sich ein bisschen für diesen Gedanken.
Als erstes schickte er die Kinder weg.
Pascal, mit dreizehn Jahren der Älteste, protestierte am hartnäckigsten: «Ich habe ihn zuerst gesehen, er ist tot.»
Bedächtig wandte sich Louis an Pascal und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter: «Ich habe eine ganz wichtige Aufgabe für dich, Pascal. Lauf nach Hause und erzähl deiner Mutter, was du gesehen hast. Sie soll dann Pierre benachrichtigen.»
Obwohl Louis wusste, dass dies eine Angelegenheit für die Leute aus Nizza war, wollte er Pierre nicht übergehen. Schliesslich war er der Dorfpolizist.
«Ich bleibe, bis du ihn an Land gezogen hast», beharrte Pascal schon weniger trotzig.
«Lauf schon», sagte Louis, «und nimm die andern Kinder mit.»
Der Knabe gehorchte nun – wahrscheinlich beruhigt, dass keines der Kinder mehr zu sehen bekam als er selber. Sie rannten den Strand hinauf, schon wieder lärmend und streitend, wer als erstes wem die Neuigkeit erzählen würde.
Sobald die Kinder verschwunden waren, trat Louis entschlossen ins Wasser und schleifte die Leiche an Land. Als er den Mann auf den Rücken drehte, schrak er zurück: Das Gesicht war aufgedunsen und über dem Bauch klaffte eine grosse Wunde.
«Sieht aus wie ein …»
Er konnte den Satz nicht fertig denken. Die aufsteigende Übelkeit verstärkte sich rasch, und er musste sich übergeben.
Es war kurz nach zehn Uhr vormittags. Max Knecht stand zufrieden mit sich und der Welt auf dem Balkon des Zimmers 305 im Hôtel des Terrasses in Nizza und genoss in der angenehmen Wärme der aufgehenden Maisonne den freien Blick auf Strand und Meer. Der Zimmerservice hatte soeben das Frühstück gebracht und durch die offene Balkontür strömte der feine Duft von Kaffee und Croissants.
Max warf einen Blick zurück. Jeanne lag noch schlafend im Bett. Sie hatte ihm den Rücken zugewandt. In angenehmer Erinnerung an die vergangene Nacht betrachtete er ihre blosse Schulter und das braune Haar, welches sich ungebändigt auf dem Kissen ausbreitete. Ein unbestimmter, aber bekannter Schauer durchlief Maxens Lendengegend und er fühlte sich in diesem Moment stärker als der Stier, welcher ihm vom Reklameplakat auf der gegenüberliegenden Strassenseite die Stirne bot.
Er atmete tief durch und begutachtete seinen Körper. Am Bauch hatte er zwei, drei Kilo zu viel. Aber wenn er sich etwas reckte, machte er im spiegelnden Glas der halb geöffneten Verandatür keine schlechte Figur. Trotzdem würde er gleich nach dem Frühstück eine halbe Stunde schwimmen gehen. Er schob seine Sonnenbrille zurück. Die Beine behielten auch ohne die Tönung der Brille ihre braune Farbe. Er fläzte sich in einen der Liegestühle und schloss die Augen.
Er genoss dieses Nichtstun mit besonderer Genugtuung, weil er fand, dass er sich diese Ferien ganz speziell verdient hatte. Vor etwas mehr als einem Monat– am 30. März, um genau zu sein– hatte er die Bescheinigung erhalten, dass seine Dissertation über «Die Funktion der Schilddrüse nach der subtotalen Kropfoperation» endlich akzeptiert worden und er fortan berechtigt war, den Titel eines Doktors der Medizin zu tragen. Diese Arbeit hatte ihn in den letzten Jahren eine Menge Freizeit gekostet, und er war fest entschlossen, das Verpasste nachzuholen.
Deshalb hatte er dieses Mal die Gelegenheit genutzt und sich vom Beiboot der «Vergine» in Nizza absetzen lassen, anstatt– wie nach seinen früheren Arbeitseinsätzen auf dem Schiff– direkt nach Bern zurückzufliegen.
Zu seiner grossen Freude war es ihm gelungen, Jeanne zu überzeugen, ein paar Tage mit ihm zu verbringen. Jeanne stammte aus Marseille und arbeitete als Pflegerin auf der Krankenstation des Schiffes. Sie waren sich schon bei früheren Einsätzen näher gekommen, es war im Grunde nichts anderes als eine zufällige, flüchtige Bekanntschaft, und trotzdem fühlte sich Max Jeanne auf besondere Weise verbunden.
Er betrat leise das Zimmer und betrachtete sie eine Weile nachdenklich. Nein, es lag nicht nur daran, dass er sie aufregend attraktiv fand. Er erfuhr in ihrer Gegenwart eine unerzwungene Übereinstimmung wie mit noch keiner anderen Frau (und er hatte mit Frauen einige Erfahrung), sie harmonierten in Geschmack für Ästhetik und Stil, in Humor und Ärger, in Vergnügen und Ernst– und sie litten beide an der ungewissen Angst vor einer festen Bindung.
Wegen all dieser Gemeinsamkeiten war zwischen ihnen eine grössere Nähe entstanden, als er sie gesucht hatte. Vielleicht würde aus dieser Bekanntschaft etwas mehr als eine der üblichen flüchtigen Beziehungen. Aber Max war noch nicht sicher, ob er sich das wünschte.
Sein Appetit auf Croissants und Kaffee wurde stärker und so ergriff er das Tablett mit dem Frühstück und ging zurück auf den Balkon. Er füllte eine Tasse, nahm sich ein Croissant und sank erneut in den Liegestuhl.
Das war Urlaub: sich auf dem Balkon eines stilvollen Hotels in der Morgensonne aufzuwärmen wie das Reptil auf einem Felsen, mit trägem Blick der Grenzenlosigkeit des Meeres zu folgen, sich mit einem Schluck den Duft des Kaffees zu verinnerlichen und im Hinterkopf die angenehme Erinnerung an eine sinnliche Nacht. Das Leben war schön.
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