Ein 68er auf Spurensuche - Michael Hesseler - E-Book

Ein 68er auf Spurensuche E-Book

Michael Hesseler

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Beschreibung

Der Journalist Leo Herzfeld hat Paul Linaris auf einem abgeschiedenen Eiland Neufundland entdeckt. Der 68er erzählt Herzfeld seine Lebensgeschichte. Sie hat in seinem Geburtsort Pflaumenheim begonnen und ist nach einem Umzugs-, Beziehungs- und Berufskarussell des 68ers in diesem Lebensmittelpunkt am Rande der Welt geendet. Radikale Experimente zur Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen, von Traumata und Verlustängsten haben die Entwicklungsstationen von Linaris in der Herkunftsfamilie, der Schule, im Studium, im Arbeits- und Privatleben geprägt. Diese Spurensuche wird zum Motor einer Identität fördernden Metamorphose. Findet die facettenreichen Entwicklungsgeschichte von Paul Linaris ein Ende, als er im Alter seine lang ersehnte Wikingerfrau trifft?

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Seitenzahl: 1131

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Michael Hesseler

Ein 68er auf Spurensuche

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Inhaltsverzeichnis

Vorrede

Abgespeicherter Anfangsstand: Goldener Käfig Familie

Wegweisende Begegnung am Rande der Welt

Monologe und Gespräche zwischen einem Vater und einem Sohn

Ein Vater im totalen Krieg

Geschichten über die Originale in Pflaumenheim

Kennenlernen an der Front und Heirat nach dem Krieg

Ein Kind betritt die Welt und greift sie beim Schopf

Die Verwandtschaft der Linaris

Die Verwandtschaft der Pieperings

Großfamilie in einem Haus

Vom Kaufmann zum Karnevalsprinzen

Blücherfeld: Umzugsschock und Stress im schwarzen Gymnasium

Goldener Käfig in Albersbüren

Die Konfirmation und ausgewählte Verwandte

Durchwachsende Urlaube ohne Sex bis zum Abi

Die paradoxen Verwicklungen in Pauls Herkunftsfamilie

Ein nachahmenswertes Altersmodell

Wackelige Brücke zur alten Familie: Besuche und Frauen

Gespräche über Politik ohne Menschen

Erster abgespeicherter Zwischenstand: Vom Bildungs- zum Sexualdrang

Das hohe Lied der Freundschaft

Freunde auf großer Fahrt

Eine sogenannte Band und andere Streiche

Befreiung vom inneren Schweinehund: Übergänge

Ohne Malochen geht es bei den 68ern nicht

Zweiter abgespeicherter Zwischenstand: Befreiungsschlag eines 68er-Studenten

Die verschiedenen Blöcke der 68er

Umzüge und Beziehungsstörungen

Beziehungsgeplänkel in der Wieselloserstraße

Beziehungsexperimente in der Elfriedegasse

Beziehungsnotlandung im Hohenhorsterweg

Beziehungsende in der Ochsenallee

Die Schöne und das Biest in der Schweinsstraße

Die Schafstraße: Beziehung im Übergang

Beziehungswahnsinn in der Milchgasse

Zerronnene Milchsuppe

Beziehungsmarathon in der Hilligenkrongasse

Ein Doktorandenkolloquium und die Geburtstagsfeier ohne Tina

Viermal Mal ins gelobte Land

Dritter abgespeicherter Zwischenstand: Im Dunklen zwischen Arbeit und Familie

Am Scheideweg: Die Jägergasse

Erste Höhlen und Arbeit in Gutholz

Oberkerndorf und Staublingen: Zerrissenheit

Statik im Eigenheim von Deichbeck

Job-Implantationen in Deichbeck und im roten Afrika

Weitere Jobs in Deichbeck

Der Vater in der Urne Nr. 642

Bis dass der Rost sie scheidet

Die demente Mutter und Beerdigungen

Erinnerungsreisen

Vater und Söhne

Abgespeicherter Endzustand: Späte Entdeckung seines Selbst in ferner Stille

The Complex Man

Auf nach Neufundland: Abschied und Ankunft

Die Wikingerfrau

Nachklang

Impressum neobooks

Inhaltsverzeichnis

Buch

Paul Linaris hat Neufundland zu seinem Lebensmittelpunkt erkoren. Er ist Sachbuchautor und pflegt Wikingerforschung als Hobby. DerJournalist Leo Herzfeld hat ihn auf einem abgeschiedenen Eiland entdeckt. Linaris erzählt Herzfeld seine Lebensgeschichte. Sie hat in seinem Geburtsort Pflaumenheim begonnen und ist nach einem Umzugs-, Beziehungs- und Berufskarussell des 68ers in Neufundland ausgelaufen. Herzfeld erzählt die facettenreichen Entwicklungsgeschichte von Paul Linaris anhand von prägenden Stationen in der Herkunftsfamilie, der Schule, im Studium, im Arbeits- und Privatleben. Motor auf dieser Zeitreise sind radikale Experimente zur Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen und von Traumata. Finden die befreiende Häutung und Metamorphose von Pauls facettenreicher Persönlichkeit eine Ende, als er im Alter mit seiner lang ersehnten Wikingerfrau Räume zu erweitern sucht?

Autor

Michael Hesseler lebt mit seiner Frau in Bremen. Er ist promovierter Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler, Sachbuchautor, Lehrbeauftragter an der Hochschule, Publizist und Schriftsteller. Viele seiner Sachbücher sind in namhaften Verlagen erschienen. Außerdem hat er zahlreiche Kurzgeschichten, Erzählungen und Gedichte veröffentlicht, zuletzt z.B. den Satire-Band „Der hustende Fisch. Chinesische Geschichten für den Alltag“ (Buchtipp des Bremer Literaturkontors) oder „Die unglaubliche Geschichte eines Weltreisenden“ in „Neue Sirene. Wegweisende Literatur der Gegenwart“ oder „Eine Wette“ in „Am Erker“ oder diverse Erzählungen in IGdA-aktuell. Ein Erzähl- und Gedichtband sowie ein Krimi sind in Wartestellung.

Michael Hesseler

Ein 68er auf Spurensuche

© 2024 Michael Hesseler (Autor, Selfpublisher)

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Printed in Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.- Zudem sind Personen, Handlungen, Ereignisse, Geschichten des Romans frei erfunden. Ähnlichkeiten mit der Wirklichkeit sind zufällig.- Im Interesse einer besseren Lesbarkeit wird davon abgesehen, bei Fehlen einer geschlechtsneutralen Formulierung sowohl die männliche als auch weitere Formen anzuführen. Die nachstehend gewählten männlichen Formulierungen gelten deshalb uneingeschränkt auch für die weiteren Geschlechter.

„Indem er schrieb, und bei dem, was er schrieb, dem „Buch“, galt ein Gesetz“ (Peter Handke).

„ - Geben Sie zu, dass das da Ihr Werk ist? Ich gebe nichts zu! Nie! Niemals! - In andern Worten: Sie schwindeln! Immer! Aber in meinen Worten! Beruflich! Ich bin Schriftsteller“ (Walter Mehring).

„Die Menschheit zerfällt in zwei Teile: der erste drückt sich falsch aus, und der zweite mißversteht es“ (Alexander Roda Roda).

„Beide waren in Baracke 22 gestorben und mittags im Krematorium angeliefert worden. Buchsbaum allerdings nicht ganz vollständig; drei Finger, siebzehn Zähne, die Zehennägel und ein Teil seines Geschlechtsgliedes hatten gefehlt: Sie waren ihm während seiner Erziehung zu einem brauchbaren Menschen verloren gegangen“ (Erich Maria Remarque).

„Und dann machen sie Dummheiten und wählen einen, der Schluss mit Diskussionen machen soll. Einen, der durchregiert, der endlich mal durchgreift.“ (Ferdinand von Schirach).

Vorrede

Kommunikation dient der Verständigung. Treffen sich Menschen von Angesicht zu Angesicht, können sie sich im Gegensatz zum Kontakt über soziale Medien persönlich begegnen und ihre Gefühle spüren. Im Fluss einer vierdimensionalen Raum-Zeit dahin strömend, tauschen sich manche Existenzen aus und denken sich in losen oder festen Verbindungen gemeinsam zurück oder mit Mut voran. Gehen ihre Themen nur mit Erinnerungen aus der Vergangenheit schwanger, bleiben sie zurück. Ehe sie sich versehen haben, läuft das Diesseits ohne Ankündigung und nach unbekanntem Plan aus: Als ob Narren als Sklaven oder Herren der Welt Sinn gebären könnten. Gefangen in endlichem Einfallsreichtum, versuchen sie dennoch, ihr vorgegebenes Zeitkontingent bis in die Unendlichkeit auszudehnen. Nur die Mitspieler, die über diese beschränkte Grenzüberschreitung aus vollem Herzen lachen können, entkommen ihrem seelischen Gefängnis und werden zu Traumtänzern mit ungebremster Vorstellungskraft. Mit wohlwollenden Menschen an ihrer Seite überwinden diese kreativen Spinner Grenzen und schaffen völlig Neues. Aber den Himmelstürmern fällt es auf ihrer abenteuerlichen Zeitreise schwer, ihre Existenz zu kultivieren. Denn sie wollen nicht zu Spießern werden, die nur bei Regen Töpfe nach draußen stellen. Die folgenden Lebensstationen sollen zeigen, ob und in welchem Maß ihnen das heute gelingen kann.

Abgespeicherter Anfangsstand: Goldener Käfig Familie

Manche Menschen fühlen sich klein und daher einem wunderbaren und Ehrfurcht einflößenden Weltall ausgeliefert. Sie können dieses Gefühl in Demut zulassen, wenn sie nicht an Ichsucht leiden oder meinen, sich selbst ohne andere lieben zu können. Die meisten Menschen brauchen irgendeine Geborgenheit in Lebensgemeinschaften, schützende Bäume an einer Allee. Der Zusammenhalt in Familien bietet Schutz. Diese sozialen Gebilde können ihre Mitglieder bei der Sinnsuche helfen. Dann können die Jüngeren das Glück im Vorwärtsleben zu einem Ort finden, der hinter ihnen liegt, weil sie ihn nicht sehen. Für die Älteren verschwindet dann das Glück in der Vergangenheit, die, weil im Gedächtnis gespeichert, vor ihnen liegt. Fehlt aber der Lüfter, laufen irgendwo dazwischen, d.h. in der sogenannten Gegenwart die sozialen Moleküle der Familie heiß. Sie zerfallen in Atome, die sich in noch kleinere Einheiten spalten. Körper, Seele und Geist harmonieren nicht mehr miteinander, sodass manche Mitglieder in der Gegenwart nicht Fuß fassen können. Sie hängen im System wie in der Schraubzwinge vergangenen Unglücks fest und verspielen möglicherweise ihr Glück in der Zukunft. Oder sollten sie wie die Aboriginal nur in der Gegenwart leben und ihr Glück mit anderen zusammen verschwenden?

Wegweisende Begegnung am Rande der Welt

Der Journalist Leo Herzfeld liebte die wärmende Sonne. Für ihn begann unter +10 Grad Celsius die Eiszeit, schon im September musste er lange Unterhosen tragen. Auf der kalten Insel Neufundland fror er schon im Juli, trotz Winterkleidung. Ausgerechnet hier musste er einem Phantasten mit beschränkter Bodenhaftung begegnen, für den die Zukunft schon kürzer als die Vergangenheit war. Wie kam es dazu, und wollte sich Herzfeld für etwas bestrafen?

Private Recherchen über seine Familie hatten Herzfeld in die U.S.A und nach Kanada getrieben, zum riesigen Dorf „Kanata“, wie die Irokesen sagen. Das war sein Plan. Doch auf dem Weg zur Lifecross Bay lud ihn Mary Hopekins zu einem Besuch in Neufundland ein. Die freie Schriftstellerin arbeitete für The New Island in Dorset-Town, einer bedeutenden Stadt am Rande der Welt. Sie war mit Tom verheiratet, der eine Papierfabrik im Westen leitete. Das Ehepaar hatte drei erwachsene Kinder. Herzfeld freute sich über die Abwechselung. Der Rundgang mit Mary in der Hauptstadt, der ältesten Stadt im hohen Norden der Neuen Welt, beim Besteigen des Labrador-Tower auf dem Kilkenny Hill, dem Besuch des Social Media Innovation Building an der Avancez University of Newfoundland (AZUF) und des Entertainment Centre an der Hochstraße war die übliche touristische Ochsentour. Erst beim abendlichen Fischessen bei irischem Bier und Whiskey im alten Bauernhaus taute er auf. Die Geschichten der Hopekins handelten davon, wie Menschen die alltäglichen Missgeschicke des Lebens mit Humor und heiterer Gelassenheit ertragen und sich als Ganzes spüren können.

Bei ihrem Verdauungsspaziergang war die Idee entstanden, für „The New Island“ eine spannende Geschichte oder Serie über Neufundland aus europäischer und deutscher Sicht zu schreiben. Beim Angeln in der Wildnis, untergekommen in einer Hütte abseits der Zivilisation, wollte er dafür die notwendige Ruhe finden. Er müsste nur wieder kreativ gammeln lernen. Als Platz eignete sich der fast 500m2- große Johnston Lake, der nach Flutung des Hauptstaudamms entstanden war. Seine Turbinen liefern die Energie für die Papierfabrik westlich in Daniels Castle, die Tom leitete. Herzfeld konnte ihn ohne große Mühe besuchen, wenn das langweilige Alleinsein den erfüllenden Genuss von unzugänglicher Natur zu verdrängen drohte. Schon bei seinem ersten Erkundungstrip entdeckte er im See die Egg Island. Aus der Ferne erinnerte sie tatsächlich an ein orangenes Eigelb inmitten von Eiweiß. Am westlichen Ufer des Johnston Lake, direkt gegenüber der Insel, stand eine Hütte. Sie schien bewohnbar zu sein, also zog er ein. Ein Generator lieferte Strom. Als er von dort aus am nächsten Morgen auf der Insel Rauch aufsteigen sah, hielt ihn nichts mehr von einer Entdeckungstour ab. Er lieh sich bei den Einheimischen ein Kanu. Darin verstaute er Zelt, Schlafsack und Lebensmittel für etwa eine Woche, außerdem eine Angel und ein Gewehr gegen die Angst des guten Stadtmenschen in freier Wildbahn: Aus Angst vor dem bösen Anderen oder vor den bösen 30 % in ihm selbst oder vor der Angst. Dabei hätte er im Ernstfall anstatt eines Bären einen harmlosen Wanderer erschießen können. Er war ein Schreibtischmensch, kein Indianer, der, auf dem Boden knieend, das offene Kanu ohne Mühe mit einem Stechpaddel vorangebracht hätte. Die Überfahrt mit dem Kanadier strengte Herzfeld daher so an, dass bei der Landung sein ganzer Körper zitterte. Wenigstens empfingen ihn keine Trommeln, Freudentänze oder Pfeile von unbekannten Lebewesen, beispielsweise eines Drachen, der Eicheln sät. Er schlug sein Zelt in der Nähe des Ufers auf, davor entfachte er zur Abschreckung ein Lagerfeuer. Dennoch raubten ihm die fremden Geräusche den notwendigen Schlaf. Als am nächsten Morgen seine Angst verflogen war, wagte er sich in das Innere der Insel vor. Er wollte alles in Augenschein nehmen, seine Eindrücke in Form unverbundener ganzer Sätze und verdrehter Buchstabenketten hinkritzeln und vor dem Dunklen zu seiner Hütte zurückpaddeln. Dort wollte er die Buchstabenklumpen enträtseln, aber nicht nach Vorgaben eines Medizinmanns in Steinplatten, sondern in sein aufladbares Notebook hämmern und zu fertigen Texten verarbeiten. Am nächsten Tag hätte er vielleicht seine Handschrift nicht mehr entziffern können.

Diesen Plan trug er in seinem Kopf mit sich herum, als er auf eine bewohnte Hütte mit einer einfachen Feuerstelle draußen und einen kanadischen Warm-Luft-Holzofen drinnen stieß. Neugierig umrundete er das Holzwerk. Den Platz um die Hütte herum hatte wohl ein Ordnungsmensch hatte von Unkraut frei geharkt, das Moos auf den Wänden und dem Dach der Hütte war auch abgekratzt. Eine Ecke füllte ein Generator aus. Herzfeld bekam keinen Menschen, kein Tier und auch kein namensloses Zwitterwesen zu Ge-sicht. Mit zwiespältigen Gefühlen klopfte er an die Tür. Als sich nichts regte, schob seine Neugierde jeden Zweifel beiseite, und er trat beherzt ein. Die Hütte war einfach ausgestattet: mit einem Bett aus Fellen, einem Schrank, Garderobenständer, einer Zinkbadewanne, einem Regal für Geschirr, Töpfe, Küchenkram und einer ummauerten Feuerstelle, deren Abzug aus dem Dach nach draußen führte. Außerdem war die Hütte mit Bücherregalen vollgestopft. Auf einem kleinen Schreibtisch standen ein Notebook und die dazu gehörenden Geräte der Peripherie. Ohne jede Scheu begann er in den Büchern zu stöbern, bis eine fensterlose Wand seinen Blick fesselte. Sie war übersäht mit Wikinger-Exponaten, Waffen, Kleidung, Hausgeräten, Schmuck, die Lederkappen der einfachen, jüngeren Krieger, die Eisenhelme der Begüterten und Vornehmen mit einem Visier zum Nasenschutz. An der Wand hingen auch Abbildungen mit Runensteinen, Drachenbooten, Häusern und Siedlungen. Der Bewohner kannte sich aus, denn Herzfeld konnte keine gotischen Helme mit Hörnern an der Wand entdecken, die den Heldenepos in Wagners Opern und die Weltanschauung der braunen Todesengel glorifizieren. Als Herzfeld die Exponate aus der Nähe studieren woll-te, riss jemand die Tür hinter ihm auf. Mit der hereinwehenden kalten Brise sprang ein weiß-grauer Wolfshund auf ihn zu. Nur ein lauter Befehl in Deutsch, ließ die wütende, lautknurrende Bestie wie vor einer Mauer stillstehen. Im Türrahmen stand eine Gestalt, den ein Outdoor-Laden mit Kleidung ausgestattet zu haben schien. Ein Gewehr baumelte an einem Riemen über seiner rechten Schulter. Im Gürtel steckte ei-ne Art Bowing-Messer, in der rechten Hand trug er einen Eimer mit Fischen und in der linken Hand ein Fischnetz. Die Gestalt schrie den Eindringling mit den Worten „Get the hell out of my house!“ an. Die unfreundliche Stimme passte zu den durchdringenden Augen unter der Pelzmütze, die den Ruhestörer wie einen Verbrecher abtasteten. Herzfeld versuchte, den Mann in seiner Heimatsprache zu beruhigen. Wie ein Kind, das sich bei einem Streich erwischt fühlt, entschuldigte er sich und erläuterte seinen Plan. Bis auf die Tatsache, dass er abhauen sollte, schien den Einsiedler nichts zu interessieren. Das schloss der Journalist aus der abweisenden Handbewegung des Mannes. Anscheinend empfing er hier in der saukalten Einöde selten Besuch. Wider Erwarten sprach er ihn nach einer kurzen Wutentladungspause mit einer gewissen Freundlichkeit auf Deutsch an und lud ihn sogar zum Fischessen ein. Kartoffeln und Salat, die er aus der Stadt herangekarrt hatte, waren schon fertig. Die Fische hatten sie schnell ausgenommen, beidseitig mit Gewürzsträuchern umwickelt und gar gedünstet. Unter purer Essenslust floss ihr erstes Gespräch bei einem entspannten Abendessen dahin. Substantielles über sein Leben gab der Sonderling nicht preis. An diesem Abend kehrte der Journalist zu seinem Zelt am Ufer der Insel zurück. Sie hatten sich für den nächsten Tag verabredet, danach war die Rückfahrt zu seiner Hütte eingeplant. Aber es sollte anders kommen.

Am nächsten Morgen schlug sich Herzfeld auf dem schmalen Trampelpfad, der wie in einer Kette vieler lyrischer Ichs durch den Busch mäanderte, zur Hütte durch. Paul Linaris, mit diesem Namen hat sich der Bewohner Herzfeld vorgestellt, hatte schon den Tisch gedeckt und war dabei, Kaffee aufzubrühen. „Guten Morgen, Herr Herzfeld“, schallte es ihm mit freundlicher Stimme entgegen. Jeder der beiden lebte allein, der eine am Arsch der Welt, der andere unter Menschen im Wettbewerb. Linaris konnte bisher die Welt nur über die Medien in die Einöde holen. Jetzt bot sich ihm die Gelegenheit, wieder unter Menschen zu sein, angefangen bei einem. Herzfeld musste sich als entdeckender Forscher zurückziehen und mit seinem Innenleben beschäftigen. Beide hatten eine neue Orientierung bitter nötig. Daher konnten sie nicht im Schweigemantel frühstücken, als ob sie mit ihrer letzten Krawatte unter einer Brücke schlafen würden. Schon in der ersten Phase ihrer Begegnung wollte Herzfeld den Eremiten aus seinem Schneckenhaus herauslocken. Aber er erfuhr nichts über die Beweggründe für seinen Rückzug in die Wildnis an. Sie hatten lediglich das Sie durch das Du ersetzt, sodass bei offenem Versier kein Zurück mehr möglich war. Das Frühstück zog sich so lange hin, bis es in das Mittagessen übergegangen war. Obwohl Herzfeld mit der Serie vorankommen wollte, paddelte er erst mit abnehmendem Tageslicht zu seiner Hütte zurück. Aber der Austausch ihre Emailadressen und Handynummern stellte weitere Treffen sicher. Kurze Rede langer Sinn. Sie trafen sich jeden Tag, zwei Wochen lang. Dann machte Paul Leo den Vorschlag, für ein paar Wochen zu ihm ziehen, sodass er Mary vertrösten musste. Linaris wollte nicht bloß mit jemandem auf der Oberfläche seiner Vergangenheit herumturnen. Er sei ein Mensch, der nicht nur materielle Werte vorzeigen könnte, sondern zum Kern des Lebens vorgestoßen sei. Seine Lebensgeschichte sei nicht banal, sondern eine mit Tiefe, er wolle sie daher in guten Händen wissen. Andere, die an Argumente und Fakten unterhalb der Oberfläche des Alltags glauben, sollten verstehen, was ihn ausgerechnet hierhin verschlagen hat. Sie waren in Phase zwei angekommen. Den Journalisten überraschte die Wende, obwohl er sie sich gewünscht hatte. Er nistete sich in der Hütte ein, ein kanadisches Militärklappbett diente ihm als Schlafstelle. Anders als reine Stadtmenschen wollten die beiden aber nicht die ganze Zeit vor einer Waschmaschine sitzen, um Unterhosen zu angeln, sondern an der frischen Luft fischen, auf der Suche nach Wild durch den Busch streifen und Bäume fällen. Der Einkauf von Lebensmitteln in der nahegelegenen Stadt reichte als Kontaktpunkt zur Zivilisation aus. Irgendwann wagte es Herzfeld, den Einsiedler auf eine mögliche Veröffentlichung seiner Lebensgeschichte anzusprechen. Linaris begegnete dem Vorschlag seines Untermieters mit Skepsis, weil er nicht mit seinem Namen als Autor auftreten wollte. Er hätte sich bei einem solchen Vorhaben wie ein Chamäleon gefühlt, dass sich zum ersten Mal in einem Spiegel erblickt und vor Schreck grün verfärbt. Herzfeld sollte daher den Ghostwriter-Autor spielen. Er hätte als Unbeteiligter die notwendige Distanz zu den Geschichten. Linaris als Stofflieferant würde nur insofern mitmischen, als Herzfeld ihn während des Schreibens anrufen oder besuchen könnte. Vielleicht würde der Journalist dabei Neues erfahren. Die Gespräche durfte er aufzeichnen. Aus den rohen Erzählbruchstücken wollte Leo Pauls Lebensgeschichte herausfiltern. Das würde nicht so schnell gehen, wie ein Vulkan bei einem Ausbruch eine Insel aus dem Meer hochdrückte. Linaris hielt seine Entwicklung nicht für eine Sinn stiftende Abfolge toter Materie oder eine waghalsige Abenteuerreise. Bis auf die Erfahrung, sterben zu müssen, konnte der Autor Herzfeld daher in der altersbedingt versöhnlichen Rückschau kein historisches Schema entdecken. Herzfeld konnte wenigstens erfahren, dass sich Linaris in seinem Drama nicht vor dem wahren Leben gedrückt hatte. Er war aber mit einem kleinen Bündel losgezogen und hatte sich eingebildet, mit einer Armee vorgerückt zu sein. Den Suchenden hatte nicht die Angst zu sterben, sondern die Angst davor, gelebt zu haben und an der Front des Lebens zu verkümmern, vorangetrieben.

Herzfeld war bei Schreiben auf sich allein gestellt. Linaris hatte ihm beim Abschied keinen Leitfaden ge-schenkt. Beide waren sich aber einig, dass die Veröffentlichung in gängigen Verlagen kein Muss ist. Self-Publishing oder BoD würden heute immer mehr das Rennen machen: Trotz der Hype der sogenannten normalen Verlage, dass diese Veröffentlichungen keine Literatur seien. Beiden waren außerdem der Meinung, dass sich Schreiben nicht darin erschöpft, wie ein Schwamm jeden Mist in der meist medial vermittelten Welt aufzusaugen, ihn zu sensationslüsternen lesbaren Worten ohne Tatsachen-Authentizität und Tiefe zu verarbeiten und als Belletristik wieder auszuscheißen. Dann könnte Herzfeld das Manuskript für zufällig vorbeiziehende, lesefreundliche Wanderer, verpackt in einer wasserdichten Herzfeld Schachtel, in die Astgabel eines Baums legen. Die beiden liebten Substanz. Daher hatten sie sich auf zwei Punkte geeinigt. Es sollte keine beschönigende Geschichte über eine heile (Werbe) Welt entstehen, die niemandem wehtut. Außerdem sollten die Geschichten von anonymisierten beliebigen Figuren an beliebigen Orten und in beliebigen Zeiten handeln und übergreifende raumzeitliche Ereignisse von allgemeinem Interesse widerspiegeln, gekrümmt von der relativen Schwerkraft der Geschichten. Nur für einen erfahrenen Autor konn-te die Abkopplung von konkreten namentlichen Bezügen in Zeit und Raum und ihre Anonymisierung literarische Kunstgriffe sein. Für den Hobby-Autor Herzfeld war ein autofiktionaler Roman eine Herausforderung. Daran könnte er scheitern, wenn er die verbindenden Inhalte nicht vor die Form stellen würde. Linaris war daher damit einverstanden, an markanten Stellen erklärende Worte für die Leser einfließen zu lassen.

Trotz seiner Bedenken schlüpfte der Journalist in die Rolle eines echten Schriftstellers oder Autors und versuchte, aus den mit Phantasie gewürzten Geschichten von Linaris wie aus einem Stück Holz ein handgreifliches Buch zu schnitzen. Nach Rückkehr in die Hauptstadt transkribierte er seine Hieroglyphen in ei-nen durchgängigen Word-Text über die Erfahrungen von Linaris mit seinen Angehörigen in Familie und Verwandtschaft, mit Freunden, Bekannten und Frauen, Lehrern, Professoren und Vorgesetzten. Das Material oder den Stoff (ca. 300 Seiten), in dem noch viele inhaltliche Lücken klafften, wollte er strukturieren und zu einer durchgängigen Erzählung verdichten. Das Vorhaben glich allerdings dem Versuch, ohne Bagger einen Berg abzutragen und dennoch beim Schreiben in einer eigenen Sprache einen geistigen Gipfel zu erklimmen. Bei dieser üblichen Ochsentour, die vor allem (entgegen Remarque) aus mehrfachem Um- und Neuschreiben sowie Wegwerfen von Fassungen besteht, musste der Möchtegern-Schreiberling die Spitzen des sperrigen Stoffs glätten und seine Gefühlsschichten in die Zeit und den Raum des Hier und Jetzt, wozu er auch selbst gehört, einbetten. Herzfeld dachte bei seinen Versuchen noch nicht an den Leser oder den Lektor, der sich auf der wackeligen Brücke zwischen Autor und dem Verkauf eines Produkts auf dem Markt bewegt und Unterhaltung als Lesbarkeit ausgibt. Manchmal kennen die Autoren dann ihr Werk nicht mehr wieder, und der Erfolg trägt fälschlicherweise ihren Namen. Herzfeld fiel dazu das Buch „Die gelbe Prothese“ von Hans Stutzfinger ein. Das Buch stützt sich vor allem auf die Akten der Kripo als Material. In der Tat gehören den Autoren ihre fertigen Werke - ihre Kinder - nicht mehr, wenn sie einen Verlag gefunden haben bzw. der sie. Darf nur der Unterhaltungswert als Qualitätsmerkmal von Literatur zählen? Der erste Schritt auf diesem Irrweg ist vielleicht, dass der Autor sein Werk seiner übervorsichtigen Partnerin vorgelesen hat, die die Figuren mit realen Menschen gleichsetzt. Allerdings wären einige Werke ohne sie nicht zustande gekommen.

Herzfeld stand dagegen wie ein Ochse vorm Berg, weil er das Leben eines Fremden als Literaturvorlage zu adoptieren hatte. Es war daher nicht verwunderlich, dass er in seiner jungfräulichen Unbefangenheit gleich zu Beginn an einem inhaltlich befriedigenden Zugang vorbeischlitterte. Sein Ansinnen verpuffte im Dickicht möglicher Erzählstränge und mündete in einer deprimierenden Schreibhemmung. Erst nach einigen frustrierenden Monaten hatte er einen erlösenden Einfall. Er verbannte die Literaturvorbilder in den Keller, die selbstgerechte literarische Quartette in ihren Deutungsorgien bis zur Unkenntlichkeit zerlegen. Erst danach gelang es ihm, die unglaubliche Entwicklung von Linaris aus seiner isolierten, den Blick auf das Ganze verstellenden Individualität herauszuholen und die facettenreiche Figur im sozialen Kontext der beteiligten Generationen zu verankern: Der zentralen Entwicklungsstationen der Hauptfigur, ihrer Kindheit in der Herkunftsfamilie, ihrer Erfahrungen in Schule, Studium, Arbeit, eigener Familie und eigenem Privatleben. Die meisten Kapitel vereinen diese Lebenserfahrungen im Fluss der Zeit. Daher teilen sie das Leben der Hauptfigur nicht in die starr abgrenzbaren Sinnabschnitte Familie, Schule, Studium, Arbeit, öffentliches und privates Leben auf. Anstatt die dazu passenden Ereignisse und Erlebnisse in kleineren oder größeren Schubladen abzulegen, verknüpfen vielfältige komplexe Übergänge die Lebensabschnitte. Dadurch scheinen sie sich zu überschneiden oder zu vereinen: Gewürzt mit dosierten Ereignissen in Rück- und Vorblenden. Herzfeld wollte nicht aus einem künstlichen roten Faden irgendeinen Sinn konstruieren, aber zwei wichtigen Aspekten sollte das Werk ein besonderes Augenmerk schenken. Für den Autor bildeten die schmerzhaften Auseinandersetzungen zwischen Vater und Sohn den Schlüssel zu den Problemen, die die Hauptfigur mit den jeweiligen Autoritätspersonen haben würde. Die widersprüchliche Ehe seiner Eltern sollte zum Modellfall für die Beziehungen von Paul Linaris zu Frauen werden. Beim Lösungsversuch im Schreibprozess musste dabei der neue Autor Herzfeld gegen den alten Journalisten Herzfeld antreten und den verfügbaren Stoff vom historischen und biographischen Staub befreien. Er konnte daher kein geschichtsgetreues Sachbuch mit einem unveränderlichen roten Spielfaden und historischen Tatsachen schreiben. Dazu hätte er vor Ort noch Recherchen anstellen oder Quellen studieren müssen. Nur eine verbindende historische Wahrheit sollte den fremden Stoff anreichern, darin sind sich Linaris und Herzfeld von Beginn an einig gewesen. Die Naziherrschaft hatte mit ihren Gräueltaten und Morden an Juden, anderen Ethnien, Andersdenkenden sowie ihrem totalen Krieg als Vervollkommnung des arischen Rassenwahns ein schicksalhaftes Band zwischen den unmittelbar und mittelbar beteiligten Generationen geknüpft. Die Alten in Pflaumenheim hatten darüber in unverstellter Offenheit gesprochen. Schon der kleine Paul hatte mitgehört, das hat seine Entwicklung zum 68er geprägt. Herzfeld wollte, um Linaris gerecht zu werden, die politische Kritik an den Machtverhältnissen im jeweiligen gesellschaftlichen Umfeld thematisieren: das Lieblingshassobjekt von Verlagen, nicht unabhängigen Zeitungen, privaten Fernsehsendern, Literaturkritikern und nur in Krimis zugelassen. Die Menschen sind eben nicht nur das, was sie als Figuren im Nichts, einem abstrakten Vakuum tun. Die Geschichten, die Paul Leo erzählt hat, haben sich nicht einfach ereignet. Alltägliche Mühsal und banaler Überlebenskampf haben die betroffenen Menschen geprägt. Aus existenzialistischer Sicht kriecht dabei absurdes Theater hinter der scheinbar rationalen Wirklichkeit hervor, wenn der Vorhang aufgezogen ist. Dahinter zeigt sich vor allem der rheinländische Humor. Er speist sich aus der unerschöpflichen Quelle kreativer Sinnlosigkeitserfahrung. Erst so spült er jede giftige Alltagsschlange weg, reißt sonnenhelle Löcher in dunkle Wolken und schafft Sinn. Das ist himmlische Lebenskunst auf Erden, nicht nur als bloßer Lebensgenuss, sondern auch als die Fähigkeit, sich - zum Leidwesen von Spießern - wie Künstler an Unnützem zu erfreuen. Zweifel und Verzweiflung konnten daher die Figuren, die auch für die Menschen dahinter sprechen, nicht aus der Bahn werfen. Die alte Generation hatte mit ihren Erfahrungen die Weichen gestellt, dadurch konnte sich die junge Generation besser durch das Leben schlagen und es in Krisenzeiten meistern. Herzfeld hoffte, dass die Leser in den Figuren auch diese realen Menschen entdecken würden. Deckungsgleichheit zu erhoffen wäre angesichts des hohen Anteils an notwendiger Fiktionalität nicht nur eine befremdliche literarische Utopie, sondern unsinnig. Die Leser müssen auch wissen, dass die Hauptfigur im Generationengeflecht mit vollständigem Namen Paul A. Linaris heißt. Der zweite Vorname, Anthony, war Paul peinlich. Er verdankte ihn den vermeintlich positiven Erfahrungen seines Vaters mit der amerikanischen Kriegsgefangenschaft. Frank Linaris hatte die übermenschlichen Strapazen, Bluttaten, Gräueltaten an den Juden und Todesangst im Krieg wenigstens in körperlicher Hinsicht überstanden. Nach der Befreiung vom totalen Wahnsinn hatte der Vierundzwanzigjährige aber die Gefangenschaft im Lager bei den Amis über seine physische Genesung hinaus wie einen seelischen Jungbrunnen erlebt. Der unerfahrene Jugendliche hatte aber seine Eindrücke überzeichnet und die Wohltaten zum nostalgischen Bild des überlegenen, coolen, unkomplizierten, seine Unabhängigkeit und Freiheit liebenden Amerikaners verklärt. Zum Lager-Paradies hatten gründliche Entlausungen, sauber desinfizierte Decken, Lebensmittel aller Art im Überfluss (sogar Schokolade), die faire Behandlung als Menschen nach der Genfer Konvention, die professionelle gesundheitliche Versorgung und die tayloristisch durchgestylte Organisation gehört. Noch Jahrzehnte später will Pauls Vater zum „Kaiser von Kalifornien“ reisen. Als er sich das Reisegeld gerade mühsam vom Mund abgespart hat, muss er es seinem Sohn für die Veröffentlichung von150 Pflichtbänden seiner Dissertation leihen. Die Reise wäre für den Vater wahrscheinlich zu einer Enttäuschung geworden, weil die Amerikaner afroafrikanischer Herkunft nur auf dem Schlachtfeld gleichberechtigt sind, nicht aber im Zivilleben. Auch das missionarische Sendungsbewusstsein, von klerikalen Christen, Rechtskonservativen, Kriegsanhängern und faschistischen Militärcorps zu einer größenwahnsinnigen Ideologie des „America First“ aufgeheizt, hätte ihn angekotzt. Während für Pauls Vater der Vorname eines amerikanischen Lageraufsehers zu einem symbolischen Fixpunkt für eine verschobene Reise verkümmert ist, war dem Sohn sein zweiter Vorname nur peinlich. Er ist ihn losgeworden, indem er ihn verschwiegen hat.

Monologe und Gespräche zwischen einem Vater und einem Sohn

Zeit seines Lebens hat Pauls Vater vor dem jeweils ausgesuchten Publikum, das ihm hilflos ausgesetzt war, Endlos-Monologe über seine Erlebnisse im Krieg und in der Nachkriegszeit gehalten. Zufällig anwesende Familienangehörige und Freunde seines pubertierenden und postpubertierenden Sohns mussten dem Wortschwall mit offenen Mündern über sich ergehen lassen. Eigene Redebeiträge oder Widerspruch bremsten den Redefluss, anerkennende Fragen hielten ihn in Gang. Das war dem Sohn schon peinlich genug. Verzerrte aber Schnaps die Worte des Vaters zum Stammeln und demütigte er vor dem jeweiligen Publikum seinen gebildeten Sohn, hasste der Sohn den Vater. Dabei war der Vater kein mickriger Zwerg, den sich Spieler hätten zuwerfen können. Er litt nur unter Minderwertigkeitsgefühlen. Je älter Paul wur-de, desto weniger schonte Paul seinen Erzeuger und widersprach ihm. Dann gerieten sie immer mehr aneinander und schrien sich an. Außerdem verwässerten die angeberisch-sarkastische Vortragsweise und die stereotypen Wiederholungen den humorvollen Atem der einmaligen Geschichten über die kleinen, ihr Leben einsetzenden Leute zu schlechten Witzen und schalem Klamauk von Comedians. Da die bemitleidenswerten Zuhörer kein „Datasuit“ im „Cyber Space“ trugen, konnten sie nicht mit einem elektronischen Handschuh die passende virtuelle Wahrheit aus der verwaschenen Darbietung des Betrunkenen ertasten. Trotz der Grenzüberschreitung zu völlig anderen Geschichten war es dem Sohn gelungen, die vom Vater gewollte eigentliche Substanz aus seinen Erinnerungen hervorzuzaubern und sie mit einem gehörigen Schuss Wahrheitsphantasie zu würzen. Das wenigstens hatte der Sohn vom Vater gelernt, ohne dass sie diese Gemeinsamkeit geeint hätte.

Fehlte das Publikum, führten sie offene friedliche Dialoge über die genießbaren oder wurmstichigen Früchte des menschlichen Zusammenlebens in der deutschen Kulturlandschaft. Weil sie „Im Westen Nichts Neues“ gelesen hatten, ritten sie auf den allgemeinen Konstruktionsprinzipien sogenannter Verteidigungskriege herum. Die Kriegsentscheider und Kriegsauftraggeber befehlen, aus einer sicheren, warmen Position fern der Front, den Kriegsauftragsnehmern, also den einfachen Soldaten, unter Einsatz ihres Lebens andere Menschen, sogenannte Feinde, zu töten. Die Verantwortlichen oben, zu denen vor allem Politiker zählen, reden den einfachen Soldaten zu diesem abartigen Zweck eine zynische Botschaft ein. Es sei für jeden eine Ehre, im Namen einer mysteriösen höheren Sache, eines Wir, in den Krieg zu ziehen, sich an Geist und Körper verstümmeln und auf dem Schlachtfeld abschlachten zu lassen. Da sich die Verantwortlichen im Gegensatz zu Napoleon aus dem direkten Kriegsgetümmel heraushalten, wissen sie nichts über den langen Leidensweg oder das kurze Ende, über zerschossene Gesichter und Glieder, Amputationen, von Hirn entleerte Schädel, Vegetieren in Gräben unter Ratten, vor Schweiß und Dreck stinkende Körper, herausquellenden Gedärmen, Panikattacken, Schlaflosigkeit, Hunger und Durst, Durchfallerkrankungen bei Kriegsgetöse als Begleitmusik. Gedenktafeln oder Grabsteine beschönigen den nutzlosen Tod der einfachen Soldaten, sie verheimlichen beispielsweise, dass sie in einer vorgeblichen Feuerpause beim Kacken von einer Granate zerrissen worden sind. Die Denkmäler stilisieren die Zerbrochenen zu Gefallenen hoch: Mit zwei gekreuzten Schwertern, nicht mit einem Kreuz vor jedem Namen. Die für ihren Tod verantwortlichen Entscheider fehlen auf den Denkmälern. Sie bleiben gesichtslos, es sei denn, manche Kasernen sind nach den gut genährten Feigen im Abseits benannt. Die Geschichtsschulbücher schwärmen nur von den großen Feldherren, also ob mit Kriegen etwas Anderes als gegenseitiger Hass zu gewinnen wäre. Bald gibt es vielleicht Feldfrauen oder Menschen mit allen sexuellen Orientierungen. Pauls Vater wusste, wovon er redete. Die daheimgebliebenen elitären Bonzen dieser Herrenrasse, von denen nicht wenige nach dem Krieg über Nacht zu Demokraten mutiert sind und sich auf neuen Karrierepfaden in der Sonne rekeln durften, zählten damals die toten einfachen Soldaten durch und feierten mit lautem Freudengeschrei das Ergebnis wie einen Sieg. Dabei waren die Ritzen der gutbürgerlichen Stube der Herrschaften gut verleimt, um den Verwesungsgeruch draußen zu halten. Frank gehörte zu dieser verlorenen Generation, die die herrschenden Psychopathen oben als Menschenmaterial, begleitet von kollektiven Siegesgesängen, in den Krieg geschickt und so am Leben gehindert hatten. Viele der sogenannten Kameraden von Frank, die unter Kriegstraumata litten, verschweigen und verdrängten bis zur Unheilbarkeit diesen Wahnsinn. Sie wollten eine Familie gründen und dafür arbeiten. Das würde die Grundlage sein, um das gleiche Spiel von vorne zu beginnen. Das wollte Frank verhindern. Dass jeder Krieg sinnlos ist, wollte er seinem Sohn weitergeben.

Diese kritische Haltung einte die beiden Querbeet-Denker. Bei ihren spontanen Anfällen hockten sie sich bei Bier, Wein oder „Café au Lait“ und beim Paffen ihrer verteerten Pfeifen aus Marcampelle oder Hautes Grolles in weichen gemütlichen Ledersofas gegenüber. Assoziationen beim Lesen einer Überschrift in Blödzeitungen konnten dann ebenso Gespräche auslösen wie die Nachrichten, ein Tatort oder der internationale Mittagsschoppen. In einer reinigenden Automatik spulten sich dann die Dialoge ab, über abgestürzte Starfighter, die Erhöhung des Verteidigungshaushalts oder mögliche sexuelle Übergriffe älterer Wehrdienstleistender auf Rekruten im (damals noch) frauenfreien Ghetto Bundeswehr. Heute müssen sich wohl weibliche Soldaten vor den Übergriffen einiger ihrer männlichen Kameraden schützen. Kommen dann noch die Gleichgeschlechtlichen, Diversen, Transfrauen, Transmänner und Non-Binären (alles besondere Minderheiten) ins Spiel, gibt es nur eins: Das Handtuch der Überforderung werfen. Oder würde ein neues Bundesministerium „Sexuelle Orientierung“, geleitet von einem anderswo unterforderten Kulturverantwortlichen, helfen? Wie steht es aber mit der möglichen Diskriminierung der Mehrheit! Vielleicht sollten in Pässen die Angaben über das Geschlecht fehlen, weil eh alle Menschen gleich sind. Vielleicht könnten schon Lehrer am Beispiel der medialen Militarisierung von politischen Meinungen lernen, zwischen Toleranz und Akzeptanz zu unterscheiden. Also nicht das Durchzählen von Toten zum Maßstab zu erheben, sondern Krieg zum No-Go zu erklären. Über jeden Wahnsinn philosophierten Vater und Sohn in vorausschauender Weisheit, während sie ihre Muße, eine fundamentale, oft vergessene Errungenschaft, genossen. Auf ihren Flügeln konnten sie sich zu Menschen mit kreativen Höchstleistungen und zu einer weniger belastenden Kritik an den Verhältnissen hochschwingen. Aber es musste für die beiden politisch mündigen Bürger fernab des Mainstreams deutscher Untertanen-Mentalität, Arbeitsseele und Schwarmdummheit sein. Sie glaubten, diese Fehlhaltung könnte nur ohne menschliche Würde funktionieren. Dass einige deutsche Geistesarbeiter den totgeglaubten Ansatz „Arbeit als Mühsal“ aus der historischen Klamottenkiste ausgegraben und „La Paresse“ anstatt mit Muße mit Faulheit übersetzt hatten, amüsierte sie. Hin und wieder schwiegen Vater und Sohn und warfen sich nur bezeichnende Blicke zu. Manchmal verfielen sie trotz der sich anbahnenden postmodernen Hektik in eine ungewöhnliche Schockstarre der Langsamkeit. Jeder ging dann in sich und hangelte sich wie ein Faultier an seiner individuellen Wahrheit entlang. Zur Verfremdung hörten beide Santana, den auch der unmusikalische Frank liebte, oder starrten ohne innere Anteilnahme in die laufende Glotze. Die Sendungen der jeweils laufenden (Wasch) Programme von ARD oder ZDF (mehr gab es zunächst nicht) wirkten nur als ablenkende Stimulanzien für befreienden Gedankenergüsse. Aber irgendwann fanden sie wieder zurück zum Sprechen, Ihre enttabuisierende Kritik an der privilegierten Machtelite explodierte in einer Art radikal-demokratischem Feuerwerk. Heute würde das nicht mehr funktionieren, weil die unzähligen Privatsender die Zuschauer mit Werbung ohne Informationsgehalt vollscheißen, ohne sie um Erlaubnis gefragt zu haben. Die Inhalte sind nur das Transportmittel der Werbung, ansonsten stören sie. Das wusste auch der Inhaber der Blödzeitung. Er hätte Propagandaminister werden sollen. Vielleicht sollte man die Inhalte im TV weglassen und die Werbung gleich an einem Stück zeigen. Die social media haben die Belanglosigkeit der Kommunikation und ihre oberflächliche Banalität nur verschlimmbessert, auch dehnbarer für Werbung und Profit mit Daten geformt.

In zwei Dingen waren sich Vater und Sohn immer einig. Linke und rechte totalitäre Systeme sind, da sie die individuelle menschliche Würde mit Füßen treten und daher demokratielos sind, nur miteinander verfeindete Brüder, Kinder des gleichen Verbrechens an der Menschheit und Menschlichkeit. Transportmittel ist die unausrottbare kollektive Dummheit, von der schon Bonhoeffer im KZ geschrieben hat. Erstschränken die politischen Führer oder Rädelsführer beider Systeme mit grausamen Methoden die individuelle Freiheit ein, dann enthaupten sie die individuelle Persönlichkeit. Das ist ein kollektives Gewaltmuster. Das möchte die NSAFD, für die die Nazi-Zeit nur ein unwichtiger Fliegenschiss in der ansonsten glorreichen deutschen Geschichte ist, heute gern auf Flüchtlinge, Ausländer, denkende und andersdenkende Menschen anwenden: auf alle, die anders im Sinne von nicht-deutsch sein sollen. Andere nationalistische Hardliner entwickeln Obergrenzen, abgeleitet von denen für Katzen, Hunde, Zierfische oder den Sexualverkehr der katholischen Landjugend. Verschwörungsideologen, spirituell gedopte Fanatiker und Querdenker, die die ursprünglich kreative Bedeutung des Wortes querdenken ad absurdum führen, sogar an Bevölkerungsregulierung durch eine Impfdiktatur glauben und zu neuen Rechten mutiert sind, runden alles ab. Wenige Bürger nehmen die ankommenden Schutzsuchenden und in Alternativen Denkenden an die Hand und führen sie wie Freunde durch ein Land, das – von nationalistischen braunen Mythen entsorgt - für Vielfalt und damit alle Bürger zur Heimat wird. Wie bringt man dabei Glaube und Handeln - weder dogmatisch-religiös, spirituell noch ideologisch vereinnahmt - zusammen? Sicherlich nicht im gespenstischen nationalsozialistischen, antisemitistischen oder rassistischen Wahndenken. Paul verstand erst wenig davon, aber sein Leiden in und an der Pubertät brachte ihn zum Lesen von Satire und tieferem Denken entlang von wissenschaftlichen Fakten. Und er begann zu begreifen, dass Vernunft und Wahnsinn in schizophrenen Erkrankungen und Ideologien wahre Feste individueller oder kollektiver Bewusstseinstrübung feiern. Zentrales Glaubensmuster ist „Ich habe recht, weil Du Unrecht hast!“ Fakten? Ein Fremdwort!

Ein Vater im totalen Krieg

Eine Hochzeit zur Karnevalszeit war auch 1926 das Non-Plus-Ultra, abseits der Weltgeschichte in der Kleinstadt Pflaumenheim, einem Clochemerle am „Ring“. Für die Feier hatte ein betrunkener Taxifahrer eine Blaskapelle in einem Lastwagen herangekarrt und dabei das spielende Kind Frank Linaris überfahren. Nach dem Unfall fuhren die geschockten Eltern, Heinz und Arnele Linaris, ihren vierjährigen Sohn auf einer Schubkarre in das örtliche Krankenhaus. Ein junger Arzt italienischer Herkunft fragte nicht nach der Krankenversicherung, sondern operierte, high von Kokain, ohne Angst und eigene Vorteilssuche den Jungen. Franks rechtes Bein war gebrochen, die Kniescheibe hatte sich verschoben, der Unterschenkel war auf die Hälfte zusammengeschrumpft. Die Haut, die zu dünnen Streifen zerfleddert herunterhing, musste zusammengeflickt werden, Haut musste dazu transplantiert werden. Monate lang musste der kleine Junge im Krankenhaus verbringen und lernen, den Makel seines vernarbten, arg verdünnten und verkürzten Beins zu überspielen und wie ein Gesunder zu leben. Es wird nie wieder so gesund werden, wie es für eine kurze Zeitspanne seines Lebens sein durfte. Dennoch spielte der kleine Mann Fußball und zog in den Krieg. Die Knochensplitter rotierten jedoch an schlechten Tagen frei im Knie und verursachten unerträgliche Schmerzen. Franks Eltern mussten die Behandlungskosten in Raten abstottern. Als Angehörige der unteren Mittelschicht konnten sie keine Schadensersatzansprüche an den schuldigen LKW-Fahrer stellen. Die Bestrafung des Täters beschränkte sich darauf, ihn nicht zu grüßen. In der kleinbürgerlichen Familie Linaris haben Geld und Besitz nie eine Heimat gefunden. Ihre Wohnung war aber nicht so verrottet, dass sie in ihre Bestandteile zerfallen wäre, und sie wurden alle satt. Vor allem hatten die Linaris wie Schwämme Gutmütigkeit, wärmende Mitmenschlichkeit, Hilfsbereitschaft und rheinländischen Humor aufgesaugt. Das sind Eigenschaften, die auch auf ihrem Sterbebett nicht versiegen. Frank und seine Eltern sind nicht im mörderischen „Business Process Reengineering“ des Holocaust mit gierigen und hasserfüllten Augen mitgelaufen, sondern haben ihre jüdischen Freunde vor den zivilisatorisch entarteten Nazis in abgelegenen Höhlen versteckt. Dort werden später Paul und seine Freunde spielen.

Schon vor der Nazi-Herrschaft hänselten die Schulkameraden und Lehrer nicht nur Frank wegen ihrer Behinderung, sondern auch seinen Freund Johann Alberg, genannt Raubritter Graf von Bröselsiech. Viele Kleinstädter schimpften sie sogar Krüppel. Während Frank zu seiner Behinderung stand und sie überspielte, schämte sich Johann seines Buckels. Daher schwänzte er so oft wie möglich den Unterricht. Mit Franks Hilfe schaffte er wenigstens den Volksschulabschluss, aber eine bodenständige Ausbildung blieb ihm verwehrt. Anstatt als Narr einen gelangweilten König oder den vertrottelten Reichspräsidenten, Ersatzkaiser für die Deutschen, zu beraten, betrieb Johann oben im Wald hinter dem Adlerberg eine Gaststätte. Dort füllte er seine Gäste mit Rotwein aus dem Erpeltal ab, ohne einen Buckel voll Schulden zu haben. Auch Frank schwadronierte dort wacker mit. In einem glücklichen Moment der Bewusstseinserweiterung bildete er sich ein, dass ihm das keltische Königsfeld „patria pruni“ (Pflaumenheim) erschienen sei. Das Wissen über die Verfolgung und Auslöschung geisteskranker, schwer erziehbarer, kranker und behinderter Kinder, Jugendlicher und Erwachsener hatte sich tief in die Seelenschichten der beiden Freunde eingefräst. Sie wussten, dass sich wegen ihrer arischen Qualitätsmängel ab der „Entjudung“ in der Reichsprogrom-Nacht sowie dem Euthanasie- und Gnadenbrotgesetz, hinter dem auch die heuchlerischen christlichen Kirchen standen, für die beiden fröhlichen und wissensdurstigen Jugendlichen die Luft zum Atmen verdünnen würde. Es winkte das pseudomedizinische Experimentierschloss Hohendüsternis in Kloppweg. Die Ärzte waren wild auf wertvolles propagandistisches Material, um in Experimenten anhand unwerten Lebens die Überlegenheit der arischen Rasse zu demonstrieren. Warum das Leitbild „Arier“ das Aushängeschild des Rassenwahns wurde, weiß keiner. Wahrscheinlich wussten die braunen Sonderschüler nicht, dass das Wort in einem iranisch-indischen Begriff wurzelt, also auf nicht-deutsches Ausland deutet. Die beiden waren jung, hatten aber schon eine Überlebensstrategie. Sie fanden trotz der Unrechtsverhältnisse ihre Mitte und machten Witze über diesen Wahnsinn, beispielsweise hätte, wenn A.H. und seine Nazi-Bande nicht zu feige gewesen wären, keiner diese Experimente überlebt. Nach dem Krieg wird Paul wissen, dass dann einige hundert Millionen Menschen nicht hätten sterben müssen. Glücklicherweise waren sie damals blinde Flecken für die experimentierenden Nazi-Mediziner. Während Johann wegen seiner Verwachsung in den Wäldern untertauchte, versuchte der humorvolle Frank, mit Anstand draußen zu überleben. Er ließ es daher schweren Herzens zu, dass ihn die braune Mörderbande zum halben Krüppel umwidmete, um ihn als makelloses Menschenmaterial und Schutzschild zu rekrutieren. Da-durch, dass die Nazis ihn aus seiner vertrauten Umgebung rissen, stahlen sie ihm zwar seine Jugend. Aber der Versuch der braunen Herrenklasse, den Behinderten mit brauner Soße dauerzuberieseln, ging in die Hose. Der kleine findige Frank wurde kein williges Glied in der Masse von Befehlsempfängern und weigerte sich, mit abgeschnürtem Gehirn und im Blutrausch dem braunen Marschbefehl zu folgen. Er erkannte schon mit 21 Jahren, dass Menschen nur so intelligent wie Pferde sind. Halten ihnen die Herren, die den Kriegsschauplatz nur mit Schutzanzügen betreten wollen, ein Zuckerstück vor die Schnauze, folgen sie ihm freiwillig zum Schlachthof.

Die Paranoiker in der Reichshauptstadt brauchten keinen Schulabschluss für den totalen Krieg von Führers Gnaden. Mit dem Abitur im arischen Blut beschlossen sie 1941, die holländische Insel Dragoland in den Atlantikwall gegen die Alliierten einzufügen und im Westen der Insel Radarstationen in Bunkern einzurichten. Franks Vater Heinz, der schon in den Gräben von Groß-Verdunst liegen durfte, wirkte in Norwegen als Lagerverwalter am gleichen Verteidigungswall wie sein Sohn mit. Im Rahmen der Aktion Puma war Frank in einer schweren Flugmeldekompanie stationiert, um den aus Groß-Britannien kommenden Flugverkehr lückenlos zu überwachen. Die Einheit im luftleeren Gau-Raum hieß Nachrichten-Regiment Holland. Nach kurzer Einarbeitung in die Stellung zweiter Ordnung leistete der Gefreite in seinem Bunker einen sitzenden Beitrag für das tausendjährige, am Ende auf 12 Jahre geschrumpfte Reich. Als Funker bei der Radarüberwachung der Flugzeuge des für böse erklärten englischen Feindes konnte er wenigstens sein überfahrenes Bein schonen. Verschlüsselte Codes zur kriegsentscheidenden Irreführung des Feindes wie “Radieschen an Hamster, 14 Eier zum Listenpreis geliefert“ waren das Salz in der Suppe des megalomanen Irrsinnslaufs eines arischen Volkskörpers, der mit einem willenlosen Ja dem Befehlsgeschrei eines ungelernten, sexuell abartigen, mit Drogen und Testosteron gesund gespritzten Psychopathen folgte. Es ging das Gerücht, er habe nur einen Hoden gehabt und den Natursekt seiner Eva geliebt. Das ist besser, als kein Gehirn zu haben. Viele Soldaten auf Dragoland hatten schon die verbotenen geistigen Spirituosen vom Baum der politischen Erkenntnis konsumiert und wussten über die grausamen Verbrechen an ihren jüdischen Mitbürgern Bescheid. Mundpropaganda hatte ihnen auch zugetragen, dass die akademikergetränkte Gestapo (Amt IX, Folter 1984) mit Hilfe eines Heers von Denunzianten den Vermittler des antifaschistischen Widerstandskampfs in den Niederlanden gestellt hatte. Verurteilt durch einen von den Konservativen nach 1945 entnazifizierten Militärrichter, war der unvorsichtige W. kurz vor Kriegsende einem mutigen Nackenschuss zum Opfer gefallen. Dagegen glich die Zivilcourage des Großteils der Soldaten hier der embryonalen Vorform eines Bürgers in Uniform. Die Mannschaft verweigerte sich Befehlen und hielt auf dem tödlichen Kreuzigungspunkt von Kriegsgetöse und Rassenwahngegen gegen die Anführer zusammen. So konnte das Gute kurze Zeit die Allianz mit dem institutionalisierten Bösen der dummen Ideologen unterlaufen und sich eine wärmere menschliche Ordnung im Inselalltag schaffen. Beispielsweise stahlen sie den mit Andacht nach Oststadt blickenden Leithammeln Kohlen und Petroleum weg, als die Ressourcen knapp und die Lichtanlagen ausgefallen waren. Auch die heranbrummenden englischen „hurricanes“ und „spitfires“, vermengt mit den blechernen Siegesmeldungen des schreienden und wild gestikulierenden Hinkefußes, nahm die im warmen Bunker Karten spielende Mannschaft nur als lästiges Hintergrundgeräusch wahr. Die in den Raum gebrüllten Befehle des Spießes prallten an den Soldaten ohne Wirkung ab. Obwohl Übungen sinnlos waren, weil man den Feind nicht mehr simulieren musste, ordnete der irregeleitete Kompaniechef die Veranstaltungen als Straftherapie an. Dagegen, dass die Mannschaft dabei in den Dünen verschwand, war er aber machtlos. Die Offiziere quälten Hunger und Durst, weswegen auch ihnen die Grundlust zur Erschießung von Befehlsverweigerern vergangen war. Dünenerschießungskommandos hatten ihren Sinn verloren. Auch Frank hatte Ossietzky,Tucholsky, Mehring, Sahl, Remarque gelesen, das heißt das, was noch nicht verbrannt war und im Geheimen kursierte. Ihm konnten daher die Restriktionen, körperlichen Strapazen und der Psychoterror an der Front, die kriegsecht verstümmelten Frontzeitungen und die Feldpost (hier Feldpostnummer 49276) sowie die durch überdimensionale Lautsprecher verstärkten Sprechblasen nichts anhaben. Er war immun gegen die geistigen Rauschdrogen fürs Morden, die die braunen Medizinmänner in keimfreien Arisierungsanstalten entwickelt hatten. Auch billiger Fusel, Sonderrationen und die aus den politischen KZ-Bordellen an das Fronttheater versetzten Huren konnten Frank nicht auf Heldentaten einschwören. Er hatte nicht wie in Trance mit eigenem Blut den Pakt gegen die Menschheit unterschrieben. Franks Gewissen war nicht als namenloser Blutklecks im Dreck der Fremde verreckt. Er war sich mehr wert als ein billiges Reststück, das gierige Schmeißfliegen aufsaugen oder ein Gewitterregen wegwaschen konnten. Frank war kein gehirntoter Befehlsempfänger, der, auf wenige noch funktionierende Organe und Glieder reduziert, Held genannt werden wollte. Er war ein Mensch mit eigener Geschichte. Daher schlüpfte er wie ein frei denkendes Raubtier durch die Stäbe des braunen Freiluftkäfigs, den überdimensionale Scheinwerfer im mörderischen Endsiegszenario wie eine Opernbühne bei Wagner ausleuchteten. Weil er in aller Heimlichkeit in die Rolle eines himmelschreiend-blöden Soldaten geschlüpft war, verdampfte seine Seele nicht wie eine programmierte Motte am Lampenlicht ein, sondern er befreite sich vom Ballast moralloser Reptilienmenschen in der Urzeit. Das war in diesem Zivilisationsloch seine Widerstandsnische, so sollte für den lustigen Jungen aus Pflaumenheim am „Ring“ der Militärdienst zum Dienst an der Waffel werden. Dafür gibt es viele Beispiele.

Er ließ sich z.B. zum ungefährlichen Spülen in der Kompanieküche strafversetzen, um im Lazarett keine Geruchsmischung aus Karbol und Eiter einatmen zu müssen. Nur, wer in Akten steht, (über-) lebt. Es machte daher Sinn, sich bei einer Kompanie angemeldet zu bleiben, ohne sich bei der vorigen abgemeldet zu haben, um zwei Mal Essen zu fassen. Frank wollte die Verhältnisse auf kreative Weise entwaffnen, indem er den zerstreuten Chaoten mimte, sein Gewehr vor dem virtuellen Feind unter seiner Matratze versteckte oder so tat so, als ob er sich nicht ohne Hilfe anziehen oder sein Gewehr finden könnte. Wer will schon dem Feind im absolut unbewaffneten, also nackten Zustand entgegenlaufen und ihn zu unlauteren, das heißt friedlichen Handlungen hinreißen! Manchmal begleitete ihn auf seinen nächtlichen Wachrundgängen ein gut assimiliertes holländisches Pferd und trug gegen hartes Kommissbrot sein überflüssiges Gewehr. Bei einem dieser Einsätze verlor er allerdings das nicht-deutsche und daher feindliche Pferd mit-samt Gewehr aus den Augen. Das war ein krimineller Vorfall, der die deutsche Wehrkraft schädigen und die Urteilskraft des fernen psychotischen Führers, der gerade mit der Radierung der Welt beschäftigt war, untergraben konnte. Frank hatte aber einen Trumpf im Ärmel, er kaufte sich damit frei, dass er dem Kompaniechef eine Zusatzration Kohlen und Petroleum zur Überwindung seines eiskalten Dunkels überließ. Selbstverständlich war es für den Künstler, der als vierzehnjähriger schon Grafikwettbewerbe gewonnen hatte, die Unterschrift auf seinen Urlaubsscheinen zu fälschen. Heimaturlaube verloren allerdings von dem Augenblick an ihren Reiz, als die bewohnten Häuseransammlungen zu Trümmern gebombt waren und Leichenberge das Rheinwasser trübten. Nur wenige Menschen, meist Frauen, Kinder und alte Männer, hatten überlebt. Sie vegetierten unter ein paar streunenden Hunden und Katzen, unter Millionen von Ratten und Zehntausenden nicht geborgener verwesender Toten dahin. Zwangsläufig animierten diese Erfolgserlebnisse im Umgang mit den herrschenden Idioten oben Frank zum spontanen Verfassen von knittelhaften Latrinengedichten und Karikaturen. Wären die gesammelten Bunkerblüten mit dem Titel „Da hustete der Puma“ (davor hießen sie „Beim Wolf vergeht dem Lamm das Lachen“) veröffentlicht worden, wäre Frank wegen Führerkritik erschossen worden. Das Werk hätte ohnehin nicht den Zertifizierungskriterien des Reichskulturamts entsprochen und an das hohe Niveau von „Mein kurzer Krampf“ des ungelernten Anstreichers AH, einer hinter Gittern entstandenen megalomane Kampfschrift, herangereicht. Die Bunkerblüten sind dagegen ehrlich gestrickt, können den Rechten nicht als Vorlagen dienen. Eine Karikatur verfremdet den Herrgott in surrealistischer Manier zu einem Clochard, der Bart, ein Gewand mit Flicken und eine Brille trägt. Seinen Kopf ziert ein Heiligenschein, auch Spielzeugwaffen und die kriegsentscheidende Feldflasche hat diese Figur umhängen. Seine Hand liegt auf dem Stahlhelm eines nackten Soldaten, den er mit dieser Geste segnet. Den zum Tode Verdammten, zu klein geraten und mit Engelsflügeln ausgestattet, sieht der Betrachter nur von hinten. Offensichtlich wollte Frank nicht, dass die Freiheit eines Landsers, der im Gegensatz zu seinem Häuptling keine süßen Torten, sondern schon schimmeliges Brot essen musste, in vorderer Ansicht Nacktmodell für die braune Mörderbande sitzt. Über und über bedecken das Bild Lichter und Lämpchen. Als einschlagende Bomben gleichen sie gefallenen Engeln. Dass im Vordergrund des Bildes ein Affe hockt, der mit Genuss eine Banane frisst und die Prozedur in andächtiger Neugierde begafft, passt wie die Faust aufs Auge zu dem vom Diktator angeordneten Rückschritt ins Tierreich. Die mit Moos und Gras überwucherten Bunker auf dieser Insel, die Paul bei einem Besuch entdecken wird, verdecken den kollektiven Wahnsinn gegen die Menschlichkeit, die Millionen Toten und verstümmelten Menschen. Die Bauwerke können aber als unheilvolle Hinterlassenschaft und hässliches Mahnmal wirken, anstatt dass verwirrte Eltern ihre toten Kinder auf Heldenfriedhöfen beweinen müssen.

Frank verschlug es im vorletzten Endkampfgetöse in die Normandie. Die französische Kultur streichelte seine Seele so mild, dass sie das sich nähernde bittere Ende wie in einer Urlaubsstimmung versüßte. Auch die einfachen Soldaten unten in der Hierarchie konnten so, bei der Suche nach Heimat in einer beschissenen Grenzsituation zwischen privater Freiheitssuche und von oben eingeleiteter Unfreiheit, ein lustiges Leben führen. Neben Essen, Trinken, Schlafen, Spielen und Organisieren wurde in den kampfarmen Phasen das ungebremste Rein-und-Raus-Spiel zum Kumulationspunkt soldatisch-männlicher Identität, als die Nazi-Führung die Kontakte zwischen deutschen Soldaten und Französinnen noch nicht verboten hatte. Wie Offiziere ließen sich die einfachen Soldaten im Niemandsland des Lebens mit den Frauen des abwesenden Feindes ein oder bildeten sich über Puffbesuche fort. Frank, der Umwegkatholik, war zu prüde und hielt sich heraus. Der Beerdigung seines Kameraden Alfred Pfaffs, dessen Herz beim letzten Begattungsakt in einem ähnlichen Etablissement versagt hatte, schloss sich Frank aber an und grölte ein versautes Lied als Nachruf mit. Eines Tages erhielt seine Kompanie den Auftrag, mit einem Lastwagen Material und Lebensmittel in Grandeville zu fassen. Der diensthabende Offizier veranschlagte eine Woche für die Erledigung der Aufgabe. Weil er aber die Mannschaft kannte, erteilte er ihr den Zusatzauftrag, eine Fernmeldeübung zu veranstalten. Als die Soldaten Samstag-Abend auf den Puff stießen, zog sich die Ü-bung allerdings in die Länge. Auch Frank verlor seine Hemmungen. Die junge Männer hatten zu lange Zeit enthaltsam gelebt, der vor aufgestauter Lust ausgebeulte Hosenlatz ließ den Endsieg vergessen. Die Huren ließen sich gegen Geld von betrunkenen und ungewaschenen Männern besteigen. Um Feinde und Vorgesetzte (oft das Gleiche) irrezuführen, gab die Mannschaft in den Pausen mit dem Feldtelefon die vereinbarte Meldung „Kornblumen schmecken nur mit Distel-Öl. Der Klatschmohn ist aus“ durch. Decodiert bedeutete sie „Das Auslegen der Kabel kann feindbedingt länger dauern.“ Es gehörte zur Kämpfende-Männer-Unter-Sich-Kultur, dass auch hier enthemmender Alkohol in Strömen floss. Auch viele Franzosen waren bereitwillig auf das internationale Verbrüderungsangebot eingegangen und hatten sich mit ihrem nicht exportierten, d.h. guten französischen Landrotwein hinzugesellt. Von der Résistance hatten sie nämlich erfahren, dass sich diese Soldaten nicht mit der nationalistischen bretonischen Splittergruppe verbündet hatten, sondern gute Deutsche, d.h. Menschen waren. Im unübersichtlichen Getümmel verlor allerdings der mitfeiernden Gruppenführer die Kontrolle, als ein volltrunkener Soldat mit einem irren Lachen eine Nebelbombe gezündet und ins Foyer geworfen hatte. Die Situation gipfelte in einem verwirrenden Bild von durcheinander liegenden nackten und halbnackten Nutten, Soldaten und Bürgern, die in Panik aus dem Gebäude flohen. Die Feuerwehr löschte, was noch zu löschen war. Der anwesende Rettungsdienst konnte zwar die meisten Verletzten vor dem Gebäude versorgen. Einige nackte Prostituierte musste er aber auf Bahren zum nahen Hospital befördern. Als die Karawane einen Prozessionszug kreuzte, entstand daher eine verfängliche Situation. Aus christlicher Sicht reagierten die Prozessionsteilnehmer unterschiedlich. In der religiösen Wahnvorstellung der Gruppe regneten Feuer und Schwefel als unheilvolle Straf-Automatik auf die Sünder herab. Diese verklemmten Frömmler verdammten den vorehelichen oder den die Ehe begleitenden lustvollen Geschlechtsverkehr, hielten sich aber im Alltag nicht an ihr eigenes moralisches Verdikt, nach dem sie vor allen andere verurteilten. Andere Gottesdienstbesucher waren ehrlicher sich selbst und anderen gegenüber. Für sie war Sex eben menschlich, daher verschlangen sie mit ihren vor Neugierde weit geöffneten Augen das nackte Frauenfleisch. Eine kleine Gruppe war nicht überrascht. Sie kannte den Puff aus eigener Anschauung, sodass sie das Spannungsverhältnis zwischen sexueller Lust und christlicher Agape nicht mehr aufwühlen konnte. Wie kam das Ereignis in der Öffentlichkeit an! Es brachte die Lacher im Land der Lebenskunst auf die Seite der deutschen Soldaten, sodass die französischen Zeitungen ausnahmsweise mit Wohlwollen über die Besatzer berichteten.

Als die Alliierten landeten, musste Frank fliehen und sich als, wenn auch nach arischen Gütekriterien fehlerhaftes Menschenmaterial an die deutsche Endabsurditätsfront werfen lassen. Frank hatte sich aber dafür entschieden, nur im Ausnahmefall, sozusagen als Ausdruck einer Verteidigungshaltung in Notwehr, zu schießen. So löste er in Panik einen Pistolenschuss aus, der im Hosenbein seines unverletzten Beins ein schwarz-rauchendes Loch hinterließ. Als der Wehrhafte seinen eigenen Furz für einen Schuss des Feindes hielt, erschoss er eine Glühbirne in einem Bäckerladen. Im betrunkenen Zustand erschreckte ihn im leeren Mannschaftsraum sein eigener Schatten so, dass er mit dem Gewehr eine brennende Kerze auslöschte. Die Nazis hatten auch bei ihm auf falschen Stolz und Vaterlandsliebe gesetzt. Daher versuchten sie, ihm das Zeichen ewiger Jugend wie ein Tattoo in die Seele einzubrennen und ihn, nach dem Vorbild von 15jährigen Soldaten in nicht durchentwickelten kleinen U-Booten, bis zum eigenen Tod den Soldat spielen zu lassen. Frank beherzigte den unsinnigen Aufruf der Rudeltieren zum Endsieg nicht, sondern warf seine überflüssigen Kernwaffen in hohem Bogen ins Gebüsch, schaufelte sich auf einem Kohlfeld in der Nähe von Herndorf ein Erdloch, buddelte sich ein und beobachtete, ein lautes Gebet auf den Lippen, mit ängstlichem Blick den Himmel. Die Amerikaner waren gerade dabei, den Acker mit ihren Bomben zu einem Meer von Löchern zu formen und dabei viele seiner Kameraden in Stücke zu zerreißen. Es war nicht vergleichbar mit dem lustigen Meer der Löcher im Zeichentrickfilm „Yellow Submarine“. Die Toten hatten kein Loch in der Tasche, sondern eines in Kopf, Herz oder Bauch. Manche Körper hatten die Amis wie Schweizer Käse so löchrig geschossen, dass sie sich zu einer schleimigen Masse aufgelöst hatten. In einer Feuerpause sprang Frank aus dem Loch und entsorgte weitere kriegsentscheidenden Geräte wie Brotmesser, Nagelfeile oder Taschenmesser in Wald und Heide. Ohne überflüssige Altlasten verschanzte er sich in einem Keller und ließ sich von den Amis gefangen nehmen. Dadurch, dass er einige Kameraden von diesem Heilsweg überzeugt hatte, konnte Frank aktiv zur erfolgreichen Niederlage des mit Wahnsinn infizierten deutschen Volkskörpers beitragen und sein Glücksgefühl mit dem Satz „Hurra, wir haben den Krieg verloren!“ ins Lager schreien. Die Verhältnisse ähnelten nicht den unmenschlichen Lebensbedingungen in den Durchgangslagern. In einem dieser Millionen selbst gegrabener Löcher hätte er ersaufen können: sogar mit einem Gebet auf den Lippen. In einem Loch auf einem Feld nahe Pflaumenheim vegetierte beispielsweise ein Freund von Franks jüngerem Bruder Otto vor sich hin. Im Lager seines Bruders Frank herrschte dagegen Urlaubsstimmung. Weil es ausreichend zu essen gab, nicht nur eine rohe Kartoffel pro Tag, und sogar richtigen Kaffee und Schokolade, hatte er es so gut wie schon Jahre nicht mehr. Der Gott des Geschnetzeltes ersetzte den Gott des Gemetzels. Befreit vom Leid, fand er zu seinem Humor zurück, indem er Sprüche aus der Bibel zu Witzen uminterpretierte, zu Limonade oder zum ersten Auto oder ersten Fußballspiel. „Und der Heilige Geist nahte mit Brausen“ oder „Adam und Eva sündigten in einem Ford “ oder „Die Jünger standen im Tor und Jesus stand im Abseits“ könnten die Kalauer heißen. Die Gefangenen schliefen in sauberen Decken, nicht auf nacktem Boden im Schlamm. Kein Ungeziefer piesackte sie. Sie konnten anständige Latrinen nutzen, ein sauberes Gesäß reihte sich an das andere. Die Amis behandelten sie fair nach Völkerrecht, im Vorgriff auf die Prozesse gegen die Kern-Verbrecherbande der Nazis in Mohrkirch, worüber sich Millionen anderer, untergetauchter Nazis ein Leben lang freuen werden. Doch ein schwarzer Fleck auf der weißen Lagerweste trübte Franks Meinung über den guten Amerikaner. Es kristallisierten sich als Abbild der gesellschaftlichen Hierarchie nämlich wieder die zwei alten sozialen Lager heraus. In einem größeren Lager war die Mannschaft untergebracht, das waren die einfachen Soldaten oder Frösche, die zufällig überlebt hatten. In einem kleineren, komfortableren Lager waren die alten Führungsoffiziere der „Nazmiefs“ untergebracht, auch Störche genannt, die im Auftrag der amerikani-schen Lagerführung, ebenfalls Störche, den alten Mannschaften weiter Befehle geben durften. Vergessen, Verdrängen, Beschönigen waren Bestandteil der Führungsaufgabe, nicht die Übernahme der Verantwortung für eigene Verbrechen, ihre Vorbeugung und das Daraus-Lernen. Mitte 1944 flog Frank aus dem Paradies, weil die Franzosen den Amerikanern einige Gefangene für Arbeitsdienste abgehandelt hatten. In der französischen Kriegsgefangenschaft magerte er so ab, dass Zwiebeln, die mildtätige französische Bauern durch den Zaun reichten, zur einzigen Nahrungsquelle wurden. Weil die Verdauung ohne ausreichen-de Nahrungszufuhr brachlag, mussten sich die Kameraden wechselseitig hinten mit Stöckchen Erleichterung verschafften.

Ende 1945 entließen sie ihn endlich nach Hause. Dort lag alles in Schutt und Asche. Genügend Raum für Millionen deutscher Kriegsgefangenen. Auf der Heimfahrt traf er im Zug auf Menschen, die, obwohl entstellt von ihren Kriegsverletzungen, im lichten Halbdunkel des Güterwagons voller Stolz ihre Ehrenorden als Kriegstriumph herumzeigten. Auf Bahnhöfen verteilte die evangelische Kirche auf der linken Seite und die katholische auf der rechten Seite warme Suppen an die Hungernden. Frank wurde schlagartig klar, dass er zu früh an einen neuen Menschen geglaubt hatte. Die alten Menschen hatten überlebt und blieben so, wie sie schon immer gewesen sind: egoistisch, lauwarm und lernunfähig. Die Lektion daraus war für Pauls Vater die, keine Sekunde in einen politischen Tiefschlaf zu verfallen. Es könnte nämlich der letzter als freier Mensch sein. Paul wollte daher zusammen mit anderen politisch Wachen auch aufpassen und warnen, wenn wieder Barbaren mit Halbbildung, Gefühlskälte, Vorurteilen und Hass im kleinen Gehirn Knüppel in die Hände nehmen und ihre Nächsten, die sie der paranoiden Einfachheit halber Fremde nennen, vom Podest der Zivilisation herunterschlagen wollen. Politische Verbrechen und Kriege lassen sich nur mit Instantpulver anrühren, wenn sich Bürger ihr kritisches Denken und ihren demokratischen Widerspruchsgeist mit einem großflächigen Skalpell aus ihren Gehirnen wegoperieren lassen. Alle Kompromisse sind dabei faule:. Warum hatte die amerikanische Siegermacht den Raketenführer von A.H. (einen Nazi) als Raketenführer rekrutiert, der sich später zu einem wiedergeborenen Christen stilisiert? Paul hatte von seinem Vater gelernt, Militär, Armee, Bundeswehr, Waffen für überflüssig zu halten. Daher versuchte der Pazifist, sich in eine moralisch integre Zwischenwelt zu retten und schon im Zivilleben die Mitmenschlichkeit gegen die Waffe Hass aus der Vorhölle einzusetzen. Paul wollte bei gegebenem zivilisatorischem Stillstand nicht wie ein kleiner hilfloser Vogel von blutigen Krallen gegriffen und zerdrückt werden. Kein Mensch muss in einem Gefängnis zu einem Nichts verkommen, das keine erkennungsdienstlich verwertbaren Spuren hinterlässt. Franks Sohn Paul war sich auch mehr wert als der Sand, der in ein individuelles Verließ passt. Ihm fiel dazu das Gedicht „Bekenntnis zum Leben“ von Albert Schweitzer ein, über das er mit seinem Vater gesprochen hatte. Der Sohn hat es im Studium in einem Gedankenduell auf Blitzlichtgewitterniveau vom Positiven ins Negative umgeschrieben. Spießer sind zwanghaft zufrieden damit, Mittelmaß und pflichtbewusst zu sein und im von oben vorgegebenen Rahmen zu bleiben. Außerdem sind ihnen Risiken zuwider und nur Sicherheiten genehm. Sie bleiben gern vom Staat versorgte Nummern. Sie sehnen sich nicht nach Neuem, nach Ungeplantheit und eigenem Erfolg. Trinkgelder nehmen sie mit devotischer Dankbarkeit an. Im Leben wollen sie keine Schwierigkeiten meistern, sondern nur ein gesichertes Dasein, möglichst nicht am Rande des Existenzminimums, führen. Sie brauchen keinen Impetus aus eigenem Tun, ihnen reicht die dumpfe Kultur des Nicht-Begehrens aus. Ohne Bedenken geben sie ihre Freiheit für wohlfeile Zuwendungen auf. Menschenwürde und Selbstachtung scheren sie wenig. Ohne selbstständig zu denken und zu handeln, wenden sie sich von der Welt, dem Schlechten und dem Guten, ab. Warum sollen sie sich zur Welt bekennen und für sie kämpfen, damit sie auch ihr Werk werden kann! Der freiheitsliebende Paul war keine autoritäre Persönlichkeit mit antisemitischen oder ausländerfeindlichen Zügen, zu besichtigen am deutschen Schilderwald, an der im Vergleich zu Kinderschutzvereinen hohen Anzahl von Mitgliedern in Tierschutzvereinen, an fehlenden Spielstraßen und erweiterten Schulhöfen, an den rechten, unter Polizeischutz stattfindenden Demos gegen Flüchtlinge und Mitbürger ausländischer Herkunft oder an Demos für Diktatoren, sofern ihre Anhänger über zwei Staatsbürgerschaften verfügen. Auch laute Rufe nach Waffenlieferungen und dem wehrhaften Staat oder Hamsterkäufe von Klo-Papier und Mehl können Indikatoren sein.