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In diesem Buch geht es über elf Etappen auf dem Westweg von Pforzheim nach Basel. Der Wanderbericht gibt einerseits knappe Beschreibungen der einzelnen Etappen, legt aber andererseits den Fokus auf Themen im wahrsten Sinne des Wortes abseits des Westwegs. Auf dem Weg dürfen die Gedanken in alle Richtungen schweifen, es wird sprichwörtlich der Affe losgelassen - bisweilen essayistisch, mit launig-satirischem Unterton. So soll das vorliegende Buch ein inspirierender Wanderbegleiter sein, jenseits des klassischen Wanderführers. Als Bonus liefert der zweite Buchteil den unveränderten Nachdruck des 2023 erschienenen Wanderberichts "Schwarzwald über 1000 m" mit 59 Wanderungen abseits ausgetretener Pfade zu Gipfeln über 1000 m.
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Seitenzahl: 214
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Teil I: Ein Affe auf dem Westweg
Im ersten Buchteil geht es über elf Etappen auf dem Westweg von Pforzheim nach Basel. Der Wanderbericht gibt einerseits knappe Beschreibungen der einzelnen Etappen, legt aber andererseits den Fokus vor allem auf Themen im wahrsten Sinne des Wortes abseits des Westwegs. Auf dem Weg dürfen die Gedanken in alle Richtungen schweifen, es wird sprichwörtlich der Affe losgelassen – bisweilen essayistisch, mit launig-satirischem Unterton. So soll das vorliegende Buch ein inspirierender Wanderbegleiter sein, jenseits des klassischen Wanderführers. Der Westweg ist ohnehin bereits bestens markiert und dokumentiert, erwähnt sei an dieser Stelle nur die Broschüre von Schwarzwald Tourismus[1]. Diese und das Buch im Rucksack, steht dem eigenen Westwegerlebnis nichts mehr im Wege.
Teil II: Schwarzwald über 1000 m
Als Bonus liefert der zweite Buchteil den inhaltlich unveränderten Nachdruck des im November 2023 erschienenen Wanderberichts »Schwarzwald über 1000 m«[2]. In diesem werden 59 Wanderungen abseits ausgetretener Pfade im Schwarzwald beschrieben. Die Wanderziele liegen teils in abgelegenen Gegenden, die zwar über lange Strecken auf Wanderwegen, aber letztlich auch über wenig gepflegte oder verwachsene Wege, manchmal gar nur Wegspuren erreicht werden. Das Ersteigen von wenig bekannten Gipfeln führt mitunter querfeldein über Stock und Stein und durchs Unterholz. Am Ende dieser Mühen steht eine Liste von allen Gipfeln über 1000 Höhenmetern im Schwarzwald – was auch immer ein Gipfel sein mag. Eine präzise Definition ist nicht leicht, und der vorliegende Wanderbericht möchte kein geografisches Lehrbuch sein.
Die Nachahmung der Touren geschieht auf eigene Gefahr.
Ob auf den im Buch beschriebenen oder anderen Wanderungen: Verlassen Sie sich nicht auf das Mobilfunknetz, sondern orientieren Sie andere über Ihre geplante Route und Dauer der Abwesenheit, wenn Sie alleine unterwegs sind. Respektieren Sie die Natur und beachten Sie die Einschränkungen in Naturschutz-, Waldschutz- und Wildruhegebieten.
I Ein Affe auf dem Westweg
1 Einleitung
2 Etappen
2.1 Dobel
2.2 Forbach
2.3 Mummelsee
2.4 Alexanderschanze
2.5 Hausach
2.6 Wilhelmshöhe
2.7 Hohlengraben
2.8 Hinterzarten
2.9 Wiedener Eck
2.10 Kandern
2.11 Basel
3 Epilog
II Schwarzwald über 1000 m
4 Einleitung
5 Touren
5.1 Hoher Ochsenkopf
5.2 Hornisgrinde ★
5.3 Altsteigerskopf
5.4 Passeck
5.5 Gitschbühl
5.6 Obereck
5.7 Brend
5.8 Stöcklewald
5.9 Rabenhöhe
5.10 Kandel
5.11 Bosberg
5.12 Hornkopf
5.13 Staatsberg
5.14 Grosser Hausberg
5.15 Michelshöhe
5.16 Steinberg
5.17 Bossenbühl
5.18 Steinbühl
5.19 Die Rauh
5.20 Weisstannenhöhe
5.21 Rossberg ★
5.22 Fehren
5.23 Schauinsland
5.24 Wiesenwaldkopf
5.25 Hochfirst
5.26 Toter Mann
5.27 Windeck
5.28 Eckle
5.29 Haldenköpfle
5.30 Schuppenhörnle
5.31 Feldberg
5.32 Trubelsmattkopf
5.33 Horn
5.34 Köpfte ★
5.35 Bärhalde
5.36 Heidstein
5.37 Ahaberg
5.38 Herzogenhorn ★
5.39 Sommerberg
5.40 Spiesshorn
5.41 Belchen ★
5.42 Schnepfhalde
5.43 Brenntkopf ★
5.44 Rabenstock ★
5.45 Bötzberg
5.46 Köhlgarten ★
5.47 Blössling ★
5.48 Wagnersberg
5.49 Blauen ★
5.50 Hochgescheid
5.51 Oren
5.52 Zeller Blauen
5.53 Hochkopf (Todtmoos)
5.54 Brendenkopf
5.55 Lehenkopf
5.56 Freiwald
5.57 Hohe Muttlen
5.58 Rohrenkopf
5.59 Hornbergbecken
6 Liste aller Gipfel
7 Literatur
Der Westweg, der sich auf rund 290 km durch den Schwarzwald zieht, ist 125 Jahre alt geworden. Damit ist er noch ein Jungspund im Vergleich zum bald zehnmal so alten Camino Primitivo, auf dem man über rund 310 km von Oviedo nach Santiago de Compostela pilgert. Neben der Gesamtlänge haben beide Wege auch in etwa die gleichen zu überwindenden Höhendifferenzen gemeinsam, der Camino kann allerdings mit erreichten Höhen bis zu 1200 m nicht ganz mit den Schwarzwaldhöhen mithalten, auf dem Westweg erklimmt man mit dem Feldberg den höchsten Punkt auf 1494 Höhenmetern.
Beide Wege sind in mancherlei Hinsicht nicht zu vergleichen mit den bekannteren Jakobswegen, beispielsweise dem populären Camino Frances, oder dem touristisch ruhigeren, dafür landschaftlich wilderen Camino del Norte, dem Küstenweg, die sich beide ab der französisch-spanischen Grenze über gut 800 km bis nach Santiago erstrecken. Auf dem Westweg wie auf dem Camino Primitivo sind die Höhenmeter auf deutlich kürzerer Gesamtstrecke zu bewältigen, und die touristische Infrastruktur für den Wanderer ist entlang der populären Wege deutlich besser ausgebaut.
Um den Vergleich mit den Jakobswegen abzuschliessen, es werden sich auf dem Westweg aller Wahrscheinlichkeit nach keine »spirituellen« Erfahrungen einstellen, das braucht seine Zeit, und nach eigener Erfahrung muss man schon drei Wochen unterwegs sein, um sich wirklich selbst gegenüber zu stehen. Das mag selbstverständlich für jeden Wanderer individuell verschieden sein. Keine Rolle spielt dabei, ob ein Weg a priori als Pilgerweg begangen wird und in einer Kathedrale vor einem Reliquienschrein endet, auch auf ausgewiesenen Pilgerwegen sind Menschen mit verschiedenster Motivation unterwegs, die von sportlicher Ambition bis Religiosität reichen kann. Der Westweg hat vielleicht auch »zu wenige« monoton-meditative Abschnitte, er ist dafür mit anderen Vorzügen gesegnet, insbesondere die sportliche Herausforderung in landschaftlicher Schönheit und – zumindest abschnittsweise – wohltuende Ruhe.
Ruhe und Einsamkeit im Schwarzwald (Etappe 2.5)
Gleichwohl bietet der Westweg genug Gelegenheit, die Gedanken schweifen zu lassen. Wenn man einige Stunden draussen unterwegs ist, dann geniesst man nicht nur die Landschaft, sondern bekommt auch den Kopf frei. Frei sind auch die Gedanken, und zudem flüchtig, in unserer schönen neuen Welt kann man sie mit einem winzigen Sprachrecorder einfangen. Die künstliche Intelligenz wandelt Sprache in Text um, welcher im vorliegenden Buch – nach gebührender Bearbeitung - begleitend zu den einzelnen Etappen aufgenommen wurde. Die in alle Richtungen schweifenden Gedanken werden festgehalten, bisweilen in essayistischer Form, auf dass die Leserin oder der Leser sich mit ihnen auseinandersetzen möge. Manche stehen für sich allein, manche verbindet ein lockerer roter Faden. Dabei soll nichts allzu ernst genommen werden, was der Affe in diesem Buch schrei(b)t. Um es mit Sebastian Brant zu sagen: »Wie sehr ich mag die [Narren-]Kappe rütteln, kann ich sie nicht vom Kopfe schütteln.«[3, S.436]
Über diese Gedanken hinaus bietet das Buch eine Wegvariante mit sportlicher Etappenplanung über elf Tage. Wanderführer zum Westweg gibt es abgesehen davon in ausreichender Zahl, schon die ausgezeichnete Broschüre »Westweg Etappen & Unterkünfte« der Schwarzwald Tourismus GmbH[1] bietet eigentlich ausreichend Informationen, um den Westweg in Angriff nehmen zu können. Ganz zu schweigen von der Schwarzwald-App vom gleichen Herausgeber, in der die Route auf einer digitalen Karte ersichtlich ist.
Zu jeder Etappe gibt es nebst den technischen Daten eine kurze Beschreibung der Eindrücke entlang des Wegs, einige Hinweise auf Einkehrmöglichkeiten (☕) sowie Karten mit dem Routenverlauf und Höhenprofil. Die auf den Karten dargestellten Routen sind aufgezeichnete, tatsächlich begangene Wegstrecken. Auf dem Westweg in seiner ganzen Länge ist es wohl unvermeidbar, dass es wegen Wegreparaturen, Holzfällungen oder Bau von Windkraftanlagen zu Umleitungen kommt, die dann auch jeweils sehr gut ausgeschildert sind. Diese Umleitungen sind in den Wegen mit enthalten. Die »idealtypische« Wegstrecke kann man sich in der Schwarzwald-App anschauen, wo übrigens oft auch zusätzlich die Umleitungen angegeben sind. An die Wegbeschreibung schliesst jeweils der Abschnitt mit Gedanken an.
Die Wanderung ergab eine Gesamtstrecke von rund 290 km gegenüber geplanten 286 km in der Broschüre[1] bzw. 289 km in der App. Die Aufstiege und Abstiege summieren sich zu 7835 m bzw. 7859 m (gegenüber 8003 m bzw. 7968 m in der Broschüre und 7889 m bzw. 7854 m in der App). Kleine Unterschiede entstehen durch Umleitungen und dadurch, dass ich ab Bahnhof Pforzheim rechne. Die Differenz Aufstiege minus Abstiege von – 24 m passt ziemlich gut zum digitalen Geländemodell[22]. Rechnet man ab der Goldenen Pforte in Pforzheim, dann müsste die Höhendifferenz nahe Null sein (Broschüre und App + 35 m), da der Badische Bahnhof in Basel fast auf gleicher Höhe über Meer liegt. Man muss aber bei den aufgezeichneten Daten gewissen Ungenauigkeiten in Kauf nehmen.
Übrigens, wie der Affe in den Titel und auch sonst in dieses Buch kam, ist Gegenstand der Gedanken zur ersten Etappe.
»Guten Westweg!«
→ 27.6 km ↑ 735 m ↑ 307 m
Der Einstieg in den Westweg lässt sich gemütlich an. Die Landschaft ist ruhig, der Verkehr nicht. Zeitweise ist die Strasse nicht weit entfernt und muss zur Kenntnis genommen werden. Ansonsten geht es auf unspektakulären Forstwegen durch den herbstlich schönen Wald. Die Szenerie erinnert tatsächlich an Pilgeretappen auf dem Camino Santiago. Als passende, kleine Überraschung ein unerwarteter Zuruf »Guten Westweg!«, ganz wie das »Bon Camino!«, das einem auf dem Weg nach Santiago ab und an mitgegeben wird. In Neuenbürg wird eine kleine extra Schleife fällig, um die einzige am Montag offene Einkehrmöglichkeit sowie Einkaufsmöglichkeiten zu erreichen.
Der in Dobel gesprochene Dialekt bewegt mich zu einer kurzen Recherche: Pforzheim, der Startpunkt, ist badisch, aber Dobel württembergisch. Tatsächlich, der Westweg wechselt anfangs zwischen den ehemaligen Landesteilen Baden und Württemberg hin und her. In Forbach (Etappe 2.2) befindet man sich wieder in Baden, ebenso wie am zu Seebach (Ortenaukreis) gehörenden Mummelsee (Etappe 2.3). An der Alexanderschanze (Etappe 2.4) ist man wieder in Württemberg, bevor man dann bis zur Schweizer Grenze auf badischem Territorium geht.
Das Kap der Guten Hoffnung ist ein beliebtes Reiseziel in Südafrika. Es ist fast der südlichste Punkt Afrikas, und der Tourist lässt es sich nicht entgehen, diesen Punkt zu besuchen, auch wenn es nicht wirklich viel zu sehen gibt. Man stellt sein Auto auf einem Parkplatz ab, der von Pavianen belagert wird. Die Paviane haben gelernt, dass es beim Touristen etwas zu fressen gibt. Manche Touristen füttern gedankenlos wilde Tiere und stören sie auf diese Art in ihrem natürlichen Verhalten. Der Affe meint nun, der Mensch sei etwas in der Rangordnung unter ihm Stehendes, was ihn füttert, und wenn dieses Futter nicht mehr kommt, dann schreit er. So wird der Pavian aggressiv gegenüber Touristen, die ihm nichts zu fressen geben. Dieses Bild war die Inspiration für den Buchtitel: Der Affe, der schreit, wenn er etwas nicht (mehr) bekommt, worauf er meint, Anspruch zu haben.
Der Westweg beginnt in der »Goldstadt« Pforzheim. Die in der Broschüre[1] erwähnte Gelegenheit, beim Aufenthalt in der Schmuck- und Designstadt eine der vielen Schmuckund Kunstausstellungen anzusehen, ergab sich nicht. Einige »wertvolle« Gedanken kamen dennoch des Wegs:
Einer von Jules Vernes weniger bekannten Romanen, »Ein Lotterielos«[4], handelt in Norwegen. Ein Schiffbrüchiger übergibt sein Lotterielos einer Flaschenpost, welche auf wundersame Weise zu seiner Verlobten gelangt. Das Los bietet Aussicht auf den bald zu ziehenden Hauptgewinn von 100000 Mark, und dies bei einer Gewinnchance von eins zu einer Million. Angesichts der tragischen Umstände lassen sich viele Leute zur Ansicht verleiten, das Los müsse unweigerlich den Hauptgewinn landen, was Interessenten zu immer höheren Geboten bis zu 8000 Mark für den Erwerb des Loses verleitet. Die Verlobte denkt selbstverständlich nicht daran, das letzte Lebenszeichen ihres Geliebten zu veräussern, bis es schliesslich doch – den Umständen geschuldet – dem Antagonisten des Romans gegen Erlass einer Hypothek von 15000 Mark überlassen werden muss. Als diese Geschichte ruchbar wird, erlahmt das öffentliche Interesse an dem Los schlagartig und das Ansinnen des Wucherers, das Los mit Gewinn weiterzuverkaufen, läuft ins Leere. Vernes Herz-Schmerz-Geschichte - deren Ausgang hier nicht verraten werden soll1 – wird somit gewürzt durch ein kleines, satirisch angehauchtes Börsenspiel zwischen Hausse und Baisse.
Um viel Geld geht es auch in der wunderbaren Erzählung »Das Flaschenteufelchen«[5] von Robert Louis Stevenson, die vielleicht auch vage Bezüge zu Wilhelm Hauffs Schwarzwaldsaga »Das Kalte Herz« aufweist (die Märcheninstallation im Zweigmuseum des Badischen Landesmuseums in Neuenbürg war leider geschlossen). Der von Hawaii stammende Keawe kauft in San Francisco für fünfzig Dollar ein kleines, milchiges Fläschchen, der darin befindliche Teufel erfüllt ihm jeden Wunsch. Einen Haken hat die Sache, bevor er stirbt, muss er die Flasche wieder loswerden, sonst wird er in der Hölle schmoren. Und – das macht die Sache kompliziert – der Preis muss niedriger sein als der, den er selbst bezahlt hat. So ist der Preis von anfänglich in Millionenhöhe mit den vielen Besitzerwechseln drastisch gefallen, und Keawe ist zunächst froh, das Fläschchen wieder loszuwerden, nur um es später noch einmal – für einen Cent! – zu kaufen. Wer das Fläschchen für nur einen Cent kauft, der wird es ja nicht mehr los! Aber nein, es gibt ja noch andere Währungen auf der Welt, auf Tahiti gilt der französische Centime, der ist weniger wert als ein Cent . . . Das Ende der Geschichte soll hier nicht erzählt werden2, fragen wir uns lieber, wer denn Interesse an einem solchen Fläschchen von unermesslichem Wert und lächerlichem Preis haben würde. Für die kleinstmögliche Münze der Welt wohl niemand, es drohen ja unwiderruflich Höllenqualen. Aber dann kauft man es auch nicht für die zweitkleinste Summe, die möglich ist (egal in welcher Währung), denn man würde es nicht mehr verkaufen können. Aber dann kauft man es auch nicht für die drittkleinste Summe, und so weiter ... Es scheint paradox, wir können dies immer weiter bis ins Unendliche spinnen, niemand würde das Fläschchen kaufen wollen!? Das Paradoxon wird aufgelöst wie in Stevensons Erzählung, indem das Fläschchen eben doch einen Käufer findet, solange der Preis noch hoch genug ist und ein Wiederverkauf möglich erscheint. Erst als der Preis sehr niedrig ist, müssen andere Motive hinzukommen, aber das sei hier nicht verraten.
2.1 Erste Etappe nach Dobel
2.2 Zweite Etappe nach Forbach
Ruhetag
→ 26.2 km ↑ 556 m ↑ 952 m
Die zweite Etappe ist über weite Strecken ebenso unspektakulär wie die erste, bis dann ab dem Latschigfelsen der kräftige Abstieg ins Murgtal kommt, das durchquert werden will. (Am nächsten Tag muss man sich diese Höhe wieder erarbeiten, um zur Schwarzenbachtalsperre zu kommen.) Äusserst schön ist allerdings der Plankenweg entlang des Hohlohsees.
Die touristische Infrastruktur am Weg ist bislang eher dünn und anfangs Woche durch Ruhetage gezeichnet, vereinzelt auch Betriebsferien oder gar dauerhafte Schliessungen. Als grosser Pluspunkt erweist sich daher die KONUS-Gästekarte, mit der man im ganzen Schwarzwald im Nahverkehr unterwegs sein kann. Oft ist es recht einfach, sich mit Bus oder Bahn in einen Nachbarort zu begeben, in dem man noch ein geöffnetes Restaurant oder Einkaufsmöglichkeiten vorfindet.
Der von mir so schmerzlich vermisste Kabarettist Georg Schramm hat in seinem letzten Auftritt im »Scheibenwischer« (ARD, 25. Mai 2006) gesagt: »Diese Politkasperle dürfen auf der Bühne der öffentlich-rechtlichen Bedürfnisanstalten bei den Klofrauen Christiansen und Illner ihre Sprechblasen entleeren, und wenn es nach Verrichten ihren intellektuellen Notdurft noch nachtröpfelt, dann können sie sich noch bei Beckmann und Kerner an der emotionalen Pissrinne unters Volk mischen.«[6, S.154] In den Sendungen der »Bedürfnisanstalten«, gegen die Schramm so gewettert hat, und die heute teils von anderen »Klofrauen« (oder auch -männern) geleitet werden, treffen Interessen aufeinander, die damals wie heute vordergründig mit Argumenten gegeneinander ausgefochten werden. Selten genug verweile ich bei solchen Sendungen, in Erinnerung geblieben ist mir jedoch die Sendung von »Klomann« Markus Lanz, in der am 15. Juli 2025 (ZDF) die designierte Verfassungsrichterin Frauke Brosius-Gersdorf zu Gast war. Diesmal zwar ohne »Politkasperle«, dennoch eine journalistische Sternstunde, welche die Frage aufwirft, welche Interessen Lanz mit seiner Sendung verfolgt hat. Frau Brosius-Gersdorf liegt auf dem Seziertisch. Ihre Äusserungen zu heiklen politischen Themen werden mit chirurgischer Präzision analysiert. Lanz meint, es komme auf jedes Wort an. Auch in der anschliessenden Debatte mit zwei Journalisten fällt man immer wieder auf Brosius-Gersdorf zurück und verliert sich in Wortklaubereien. Es bleibt eine Randnotiz, dass die Regierungsparteien politisch handwerkliche Fehler begangen hätten. Das Wort Medienkampagne hört Lanz nicht gern, und die Hetzkampagnen auf anderen Kanälen sind gar nicht erst der Diskussion wert. Das wäre allerdings das einzige gewesen, was mich an diesem Fall je interessiert hat, wie es möglich ist, dass nicht die politischen Parteien eine Verfassungsrichterin bestimmen, sondern ein Pöbel im Deckmantel der sogenannten sozialen Medien. Diese Frage wird auch in Lanz’ Sendung am Folgetag nonchalant entsorgt, Brosius-Gersdorfs Gesinnung und Spahns Leistungen sind wichtiger.
Warum eigentlich nicht gleich zu Beginn solcher Sendungen reinen Tisch machen und die Interessen aller Beteiligten offenlegen? Raten wir mal: Moderatoren und Sender wollen Einschaltquote, mit Friede, Freude, Eierkuchen ist da nicht viel zu holen. Die Teilnehmer (laut Schramm »Politkasperle«) sind Lobbyvertreter. Der eine oder andere vermeintliche Experte darf auch mal ins Rampenlicht, wenn sein Fachgebiet gerade gehypt wird, einer späteren Buchveröffentlichung muss das nicht schaden. So wäre schon nach drei Minuten alles gesagt, und man könnte entspannt zum Krimi auf den anderen Kanal schalten.
Magische Stille am Hohlohsee
2.3 Dritte Etappe zum Mummelsee
Mummelrummel
→ 23.6 km ↑ 1236 m ↓ 533 m
Auf dieser Etappe erreicht man die in Teil II beschriebenen Erhebungen Seekopf, Badener Höhe, Hochkopf und Hornisgrinde, siehe Tour 5.1 und Tour 5.2.
Der Abschnitt von Forbach an den Mummelsee ist die nördliche »Königsetappe«. Es sind kräftige Anstiege zu bewältigen, und schwierige alpine Steige über Stock und Stein. Dies betrifft vor allem den Anstieg von der Schwarzenbachtalsperre über den Herrenwieser See zum Seekopf, später den Anstieg von der Unterstmatt (☕) zum Ochsenstall (☕) und dann zur Hornisgrinde (☕). Nebst der fantastischen Aussicht in die Rheinebene besticht diese Etappe auf den letzten Kilometern durch die Vegetation auf Hochkopf und Hornisgrinde.
Der Westweg zeigt sich bereits früh auch als Weg mit einem gewissen morbiden Charme. Am Hundseck steht eine Hotelruine, es wird nicht die letzte auf dem Weg bleiben.
Die Etappe würde »offiziell« an der Unterstmatt enden, wo auch übernachtet werden kann. Mit einer letzten Kraftanstrengung kann man aber noch die Hornisgrinde überqueren, um dann den Tag – nicht ohne heimliches Gruseln – mit der Beobachtung des Trubels am Mummelsee ausklingen zu lassen. Hier entladen sich auf kleinstem Raum die üblichen touristischen Bedürfnisse nach Verpflegung und Souvenirs vor malerischer Kulisse. Man muss respektvoll anerkennen, es hätte schlimmer kommen können. Der übliche Hong-Kong-Nippes tritt etwas hinter lokale Produkte zurück.
Wenn der Affe schreibt statt schreit . .. Das Infinite-Monkey-Theorem besagt, dass ein Affe, der unendlich lange zufällig auf einer Schreibmaschine herumtippt, fast sicher irgendwann einen beliebig vorgegebenen Text, etwa das vorliegende Buch, schreiben wird. Den Beweis dafür liefert die mathematische Wahrscheinlichkeitstheorie. Dazu muss man allerdings voraussetzen, dass der Affe willkürlich auf der Tastatur tippt, d. h. jede der Tasten mit der gleichen Wahrscheinlichkeit drückt, und das auch noch (in einem gewissen Sinne) unabhängig voneinander. Einen solchen Affen gibt es »wahrscheinlich« nicht, genauso wenig wie unendlich viel Papier. Die Unendlichkeit ist denn auch die Krux bei dieser Geschichte, wir haben keine Vorstellung davon. Selbst wenn seit Beginn des Universums tausend Affen an ihrer Schreibmaschine tippen würden, sie hätten mit hoher Wahrscheinlichkeit bisher nur Buchstabensalat produziert. 14 Milliarden Jahre sind eben keine Ewigkeit.
In Hilberts Hotel wird der Begriff der Unendlichkeit auf die Spitze getrieben. Die abzählbar3 unendlich vielen Zimmer mit den Nummern 1, 2, 3 . .. sind bereits alle gebucht, aber der spontan anreisende Gast kommt dennoch unter: Er bekommt Zimmer 1, während alle anderen Gäste aufrücken, d. h. in die um 1 höhere Zimmernummer umziehen, also von 2 nach 3, von 3 nach 4 . .. Selbst als unerwartet ein Reisebus mit abzählbar unendlich vielen Gästen vorfährt, macht das keine Probleme. Im Hotel rückt man in das Zimmer mit der doppelten Nummer auf, also von 1 nach 2, von 2 nach 4, von 3 nach 6 .. . Alle ungeraden Zimmernummern werden dadurch frei und können von den Gästen aus dem Bus bezogen werden, Gast 1 in Zimmer 1, Gast 2 in Zimmer 3, Gast 3 in Zimmer 5 .. .
Der grosse deutsche Mathematiker David Hilbert, nach dem das obige Hotel benannt ist, wirkte um die Jahrhundertwende. Aber bereits die alten Griechen haben mit der Begrifflichkeit des Unendlichen gerungen. Das Paradoxon von Achilles und der Schildkröte wird dem Philosophen Zenon von Elea zugeschrieben. Achilles und die Schildkröte starten zum selben Zeitpunkt einen Wettlauf, aber die Schildkröte erhält einen Vorsprung. Obwohl Achilles schneller ist, kann er die Schildkröte nicht einholen. Zenon sagt, dass Achilles zunächst den Punkt erreichen muss, an dem die Schildkröte gestartet ist. Bis zu diesem Zeitpunkt hat sich die Schildkröte um eine kleine Strecke bis zu einem anderen Punkt vorwärts bewegt. Bis Achilles die Strecke zu diesem Punkt zurückgelegt hat, ist die Schildkröte zu einem anderen Punkt vorgerückt, und so weiter . . . Jeder Knirps weiss, dass Achilles die Schildkröte überholen wird, also muss an der Argumentation von Zenon etwas faul sein. Das Paradoxon kann aufgelöst werden, indem man sowohl die immer kleiner werdenden Wegstrecken von Achilles als auch die der Schildkröte (mit Vorsprung) addiert. Obwohl man für beide eine unendliche Anzahl von Wegstrecken addiert, ergibt sich jeweils ein endlicher (und gleicher) Wert, der Punkt, an dem die Schildkröte überholt wird. Wenn wir nun aber zu jedem dieser fraglichen Zeitpunkte einen Tastschalter für eine zu Beginn ausgeschaltete (sog. Thomson-)Lampe[7, Kap. 8] betätigen, so dass sie fortwährend ein- und ausgeschaltet wird: Leuchtet sie in dem Moment, in dem die Schildkröte überholt wird, oder nicht?
Blick vom Belchen (beinahe) in die Unendlichkeit (Etappe 2.10)
Panorama
→ 22.6 km ↑ 487 m ↓ 551 m
Auf dieser Etappe erreicht man den in Teil II beschriebenen Gipfel des Schliffkopf, siehe Tour 5.3.
Es geht zunächst weiterhin über schöne Pfade durch hochmoorartiges Gelände bis zum Schliffkopf, später dann über geschotterte Waldwege, die aber immerhin streckenweise sehr schöne Ausblicke in die Rheinebene bieten. Gewisse Streckenteile decken sich mit Tour 5.3.
Die Etappe endet an der Bushaltestelle, von der aus gute Busverbindungen nach Freudenstadt bestehen.
"All models are wrong, but some are useful”4
Die Welt ist im Schwarzwald angekommen, zum »Stadtbild« gemäss Kanzler Merz (seine Äusserung am 14. Oktober 2025 hat für anhaltend viel Unterhaltung gesorgt) gehören Busfahrer, Verkaufspersonal in der Bäckerei oder an der Kasse im Supermarkt, Servicepersonal in Restaurant, Pension und Hotel, die Deutsch mit Akzent sprechen (und hier ist nicht Alemannisch oder Schwäbisch gemeint). Was wäre, wenn dieses Personal nicht hier wäre? Entlang des Westwegs liegt so manche Hotelleiche, neudeutsch »Lost Place« genannt: Am Hundseck, an der Alexanderschanze, in Kniebis ... In den Ortschaften leerstehende Ladenlokale, dauerhaft geschlossene Restaurants. Dafür brummt der Italiener in Hausach, ab Punkt 18 Uhr ist die Pizzeria ausgebucht, der Grieche ebenso, der Wanderer muss schauen, wo er was zu essen bekommt. Womit ich nicht sagen will, dass es entlang des Wegs nicht auch gut und erfolgreich geführte »traditionelle« Häuser gäbe, aber selbst diese beschäftigen bei Weitem nicht nur einheimisches Personal.
Verschiedentlich wird die Befürchtung geäussert, die Deutschen könnten aussterben oder zumindest gegenüber Ausländern in Unterzahl geraten. Solche Fragen sind gar nicht mal so neu, hier ein Zitat aus der Wikipedia[8]:
Im England des viktorianischen Zeitalters war die Aristokratie zunehmend besorgt über den Umstand, dass immer wieder Adelsgeschlechter aus Mangel an männlichen Nachkommen ausstarben und somit immer mehr traditionsreiche Namen aus der adligen Gesellschaft verschwanden. [Francis] Galton [. ..] veröffentlichte 1873 in der Wissenschaftszeitschrift Educational Times die Frage nach der Wahrscheinlichkeit einer solchen Auslöschung und erhielt prompt Antwort [. . .][des Mathematikers Henry William] Watson. Im darauffolgenden Jahr erschien ihre Gemeinschaftsarbeit “On the probability of extinction of families” [...]. Das Ergebnis, zu dem sie kamen, war, dass bei konstanter Bevölkerungszahl im Laufe der Zeit alle Namen bis auf einen aussterben würden.
Fast sicher5 aussterben würden dabei die Familiennamen, deren männliche Träger im Durchschnitt nicht mehr als einen männlichen Nachkommen erzeugen. (Das moderne Namensrecht einmal aussen vor gelassen.) Wobei man sich nicht auf Nachnamen beschränken muss, die Modellierung kann selbstverständlich auch für anders definierte Populationen verwendet werden. Etwas kompliziertere Modelle hierfür basieren auf der Nettoreproduktionsrate, d. h. der Anzahl Töchter, die ein neugeborenes Mädchen durchschnittlich im Laufe seines Lebens hätte, wenn die momentanen altersspezifischen (und auf Frauen bezogenen) Geburten- und Sterbeziffern für den gesamten Zeitraum bis zum Ende seiner fruchtbaren Lebensphase gelten würden. Ein Wert von eins entspricht einer stabilen Bevölkerung. Wenn die Nettoreproduktionsrate nicht grösser als eins ist, dann stirbt die Population fast sicher aus[9].
Einmal, ich weiss nicht mehr wann, habe ich in einer Fernsehsendung einen Gynäkologen – zugegebenermassen überspitzt - sagen gehört, Kinder bekomme heute »nur noch der Adel und die Türken«. Der Adel mag nach obiger Geschichte gewarnt sein ... In der Türkei ist die Nettoreproduktionsrate allerdings nach Daten der Vereinten Nationen[10] von 1.39 im Jahre 1990 auf aktuell 0.78 drastisch gesunken, in Deutschland liegt der Wert – nach leichtem Auf und Ab – wie vor 35 Jahren aktuell bei 0.70, also nicht so viel tiefer. Das sieht in der Tat nicht gut aus. Eine Unterscheidung nach Nationalität der Mutter wäre höchst interessant, konnte ich aber nicht finden. Immerhin legen Statistiken zur Geburtenziffer die Vermutung nahe, dass die Nettoreproduktionsrate der Deutschen niedriger sein dürfte als die der in Deutschland wohnenden Ausländer insgesamt[11].
Der Titel dieses Abschnitts ist ein Zitat von George E. P. Box, das uns daran gemahnt, Modellberechnungen und -prognosen kritisch gegenüber zu stehen, bzw. deren Ergebnisse immer vor dem Hintergrund der Annahmen und des Modells selbst zu betrachten. In Sachen Aussterben von Namen oder gar der Deutschen sind wir bei der mathematischen Wahrscheinlichkeitstheorie gelandet. Galton und Watson haben aus der Fragestellung ein stark abstrahiertes, mathematisches Modell entwickelt, das für sich seinen Reiz hat. Die mögliche Entwicklung der Bevölkerung sollte man in Szenarien denken, die auf verschiedenen Annahmen beruhen können. Das Aussterben einer Population wird von vielen Faktoren beeinflusst, deren künftige Entwicklung schwer abschätzbar ist. Um einen Ausspruch ungeklärter Autorschaft zu bemühen: »Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.« Das entbindet uns allerdings nicht davon, Szenarien zu entwickeln, zu prüfen, zu bewerten, Entscheidungen zu fällen und Ziele zu formulieren. Der Blindflug kann den Staat auf die Palliativstation führen – ohne verbesserte Lebensqualität vor dem Exitus. Man kann der Bundesregierung zwar nicht nachsagen, dass sie sich nicht mit dem Thema Demografie auseinandersetzen würde. Im Bericht »Jedes Alter zählt, Arbeitsgruppenergebnisse zum Demografiegipfel am 16. März 2017«[12] scheint man jedoch auf das Prinzip Hoffnung zu setzen, wenn auf Seite 52 geschrieben wird: »Der Fokus der Arbeitsgruppe liegt auf der gesteuerten Fachkräftezuwanderung. Zugleich sieht die Arbeitsgruppe das mittelbzw. langfristige Potenzial von anerkannten Flüchtlingen als in Deutschland tätige Fachkräfte.«
Ist Deutschland also eine »Immobilie mit Potenzial«? Ein echtes Schnäppchen, ideal für Handwerker, das mit etwas Eigenleistung wieder in neuem Glanz erstrahlt?
Solitär im Hochmoor
2.4 Vierte Etappe zur Alexanderschanze
Lorelei
→ 33.0 km ↑ 581 m ↓ 1296 m
