Ein Anfang mit Biss - Michelle Rowen - E-Book

Ein Anfang mit Biss E-Book

Michelle Rowen

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Beschreibung

Suchtverdächtig!

Was für eine Nacht! Erst wird Sarah Dearly in den Hals gebissen. Dann belästigen sie ein paar Typen mit Holzpflöcken. Und schließlich wird sie von einem umwerfend aussehenden Fremden gerettet, der behauptet, ein Vampir zu sein – und das ist erst der Anfang …

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MOBI

Seitenzahl: 474

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Inhaltsverzeichnis
 
Autorin
Von Michelle Rowen bei Blanvalet lieferbar
Widmung
 
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
 
Danksagung
Copyright
Buch
Sarah Dearly hat ja schon so manches verkorkste Blind Date gehabt, doch so einen verkorksten Abend hat sie noch nie erlebt. Und zum Abschluss beißt der blöde Kerl sie sogar noch in den Hals …
Sarah hat gar keine Zeit zu glauben, dass sie jetzt ein Vampir sein soll, da wird sie auch schon von ein paar Männern mit Holzpflöcken gejagt und rennt um ihr »untotes« Leben – mitten in die Arme von Thierry de Bennicoeur. Und damit wird der Abend auf einmal doch noch unerwartet toll: Denn der sexy Obervampir nimmt die quirlige junge Frau nur allzu gerne unter seine schwarzen Fittiche, um sie in ihr neues, aufregendes Nachtleben einzuführen. Doch da erkennt Sarah erst die wahren Tücken des Vampirdaseins: Wie soll man sich zum Beispiel den Lidstrich nachziehen, wenn man plötzlich kein Spiegelbild mehr hat?
Autorin
Michelle Rowen wurde in Toronto, Kanada, geboren. Als Kind nahm sie sich vor, Stewardess, Juwelendiebin und Schriftstellerin zu werden. Inzwischen konzentriert sie sich voll auf einen der drei Berufe. Michelle Rowen ist bekennende Suchtleserin, Frauchen einer launischen Katze namens Nikita und großer Fan von allem, das mit Buffy – Im Bann der Dämonen zu tun hat.
 
Mehr über die Autorin erfährt man unter www.michellerowen.com
Von Michelle Rowen bei Blanvalet lieferbar
Ein Anfang mit Biss. Roman 37116 Ein bisschen verliebt. Roman 37117 – erscheint im März 2009 Ein Happy End mit Biss. Roman 37118 – erscheint im Mai 2009
Für meine Eltern, für ihre Liebe, ihre Unterstützung und ihre unerschöpfliche Geduld mit einer Göre wie mir.
1
Für eine Tote fühlte ich mich verblüffend gut.
Ich nahm jedenfalls an, dass ich tot war; denn das Erste, was ich wahrnahm, als ich die Augen aufschlug, war, dass mich jemand im kalten Boden begrub. Ich lag zwar nur ein paar Zentimeter tief im Boden, aber auf meiner Brust landete eine Schaufel Erde nach der anderen und bildete bereits einen schnell wachsenden Hügel. Es roch nach Moos und Würmern und... billigem Eau de Cologne.
Billigem Eau de Cologne?
Ich verrenkte mir fast den Hals, als ich mich umsah. Ein hübsch verzierter Grabstein befand sich etwa anderthalb Meter von meinem Kopf entfernt. Ich blinzelte. Es war zwar dunkel, aber ich war ziemlich sicher, dass nicht mein Name darauf eingemeißelt war.
Die nächste Schaufel Erde landete mitten auf meinem Gesicht.
»He!« Mehr brachte ich nicht heraus, weil ich spucken und husten musste. Ich zog meine rechte Hand aus dem Erdhügel und wischte mir über das Gesicht.
»Oh, du bist wach.« Die überraschte männliche Stimme kam aus der Dunkelheit irgendwo links neben mir.
»Was zum Teufel ist denn hier los?«
»Du bist wach und stellst Fragen.« Er klang wenig erfreut. »Das habe ich befürchtet.«
Etwas Metallisches landete mit einem scharfen Knall hinter meinem Kopf auf dem Boden. Es klang wie eine Schaufel. Dann hockte sich der Besitzer der Stimme neben mich und hielt sein blasses, hageres Gesicht dicht vor meines.
»Hi«, sagte er.
Es war Gordon Richards, mein Blind Date an diesem Abend; seine Stimme hatte ich bereits wiedererkannt, genauso wie sein Duftwasser. Ihre weinerliche und leicht näselnde Art machte den Eindruck, als würde sie einer sehr bedürftigen Person gehören, ich meine die Stimme, nicht das Duftwasser. Und je länger unser Rendezvous dauerte, desto klarer war mir geworden, dass die Stimme nicht log.
»Hi?« Ich fing an, mich zu winden. »Holen Sie mich hier raus, Sie Knallkopf, bevor ich die Cops rufe.«
Er runzelte die Stirn. »Aber die Erde ist ein wesentlicher Bestandteil des Heilungsprozesses.«
»Des Heilungspro... Ich werde Ihnen zeigen, was ein Heilungsprozess ist, sobald ich hier raus bin.«
»Tut mir leid.« Gordon fing an, die Erde von mir wegzuwischen, und ich versuchte, mich aus der lockeren Erde hochzustemmen. Er hielt mir hilfsbereit eine Hand hin, die ich aber ignorierte. Ich schaffte es allein.
Dann versuchte ich, den Dreck von meinem neuen, übrigens recht teuren Seidenkleid zu wischen und jeden Anflug von Panik zu vermeiden. Meinen dreiviertellangen, burgunderroten Ledermantel bekam ich mit Leichtigkeit sauber, aber mir war sofort klar, dass mein Kleid ruiniert war. Obwohl ich gewiss nicht falschlag, wenn ich annahm, dass dies im Moment nicht mein größtes Problem war.
Dieser Kerl war ganz offensichtlich durchgeknallt.
Ich sah mich um. Wie ich dank des unübersehbaren Winkes mit dem Grabstein bereits vermutet hatte, standen wir mitten auf einem Friedhof. Mein Blind Date hatte gerade versucht, mich auf einem Friedhof zu verscharren. Auf dem es von toten Menschen nur so wimmelte. Ganz zu schweigen von Krabbeltieren.
Ich schüttelte mich und sah dann zu Gordon hin, der geduldig dastand.
»Vielen Dank für dieses Rendezvous.« Ich gab mir Mühe, gelassen zu klingen. Ruhig, cool, und weit von einem Nervenzusammenbruch entfernt. Noch, jedenfalls. »Aber ich denke, ich sollte jetzt lieber nach Hause gehen.«
»Woran genau erinnerst du dich noch?«
Ich zwang mich zu einem etwas gequälten Lächeln. »Dass ich mich wunderbar amüsiert habe. Und dass ich mich unbedingt bei Amy bedanken muss, weil sie dieses Blind Date eingefädelt hat. Das verspreche ich Ihnen. Jedenfalls war es toll, Sie kennengelernt zu haben.« Ich machte Anstalten zu gehen, aber er packte meinen Arm und zog mich zu sich herum.
»Was ist das Letzte, an das du dich erinnerst?« Gordons Stimme klang jetzt etwas barscher. »Es ist wichtig.«
Ich schluckte. »Wir hatten ein entzückendes Dinner. Dann sind wir spazieren gegangen …«, ich sah mich um, »… aber nicht hier. Drüben, am Fluss und bei der Brücke, dem Bloor Viaduct. Wir haben über den Fluss geblickt und … Sie haben etwas gesagt …«
»Wie hinreißend du bist«, murmelte er und strich mit der Hand über den Ärmel meines Mantels.
Ich biss die Zähne zusammen und zuckte vor seiner Berührung zurück. Warum hatte ich mich nicht bei diesem Selbstverteidigungskurs angemeldet, mit dem Amy mir so oft in den Ohren gelegen hatte? Ich kniff bei diesem Gedanken die Augen zusammen. Amy. Ich würde sie umbringen, weil sie mir das hier eingebrockt hatte.
»Ja, richtig.« Ich versuchte, mein Zähneknirschen in ein liebenswürdiges Lächeln zu verwandeln. »Dass ich hinreißend bin, oder was auch immer. Und dann...«
Ich runzelte die Stirn, als ich mich zu erinnern versuchte, aber irgendwie war alles ein bisschen verschwommen.
»... bot ich dir die Ewigkeit an.«
Oh, oh! Jetzt fiel es mir wieder ein. Das war der Moment gewesen, an dem ich dieses Rendezvous für offiziell beendet erklärt hatte. Und dann …
Ich riss die Augen auf, als ich ihn anstarrte. »Dann haben Sie mich gebissen, Sie Spinner!«
Gordon wirkte zerknirscht. »Die Wunde heilt schnell, das verspreche ich dir.«
Ich legte die Hand auf meinen Nacken und starrte entsetzt auf das Blut an meinen Fingern, als ich sie mir vors Gesicht hielt.
»Sie haben mich in den Hals gebissen? Was für ein armseliger Möchtegern-Vampir sind Sie eigentlich?«
Ich hob meine dreckverschmierte Handtasche auf, die vor meinen Füßen lag. Ich schleppe immer eine Sprühdose mit Pfefferspray zu meinem Schutz darin herum, jedenfalls normalerweise. Hatte ich sie vielleicht noch? Haben solche Dinge ein Verfallsdatum? Macht nichts. Wenn es sein musste, würde ich sie ihm einfach über den Schädel ziehen.
»Ich bin kein Möchtegern-Vampir.« Er besaß doch tatsächlich die Frechheit, beleidigt auszusehen. »Ich bin ein echter Vampir.«
Verrückt, dachte ich. Vollkommen durchgeknallt.
»Hören Sie«, erwiderte ich gedehnt. »Sie haben Ihren Spaß gehabt, okay? Ich kenne mich nicht so gut in dieser Rollenspielszene aus, oder was das hier sein soll. Aber der Biss ist wohl nicht sehr schlimm. Glaube ich jedenfalls. Also sagen wir einfach, nichts passiert und Schwamm drüber, einverstanden?«
»Von dem Moment an, als ich dich letzten Monat an diesem Hotdog-Stand vor deinem Büro gesehen habe, wusste ich, dass du mir gehören musst, Sarah.« Er lächelte sehnsüchtig.
Seine Zähne sahen tatsächlich ein bisschen spitz aus, jetzt, da ich genauer hinsah. Doch vermutlich spielte mir lediglich das Mondlicht einen Streich. Trotzdem war es irgendwie unheimlich, gelinde gesagt. Ebenso beunruhigend war, dass jemand mich heimlich bei meiner täglichen Dosis italienischer Würstchen beobachtet hatte. Gruselig.
»Sie wollten mich also haben, hm?« Ich starrte ihn einen Moment an. »Und Sie konnten es nicht so anstellen wie alle anderen und versuchen, mich betrunken zu machen?«
Normalerweise fühlte ich mich besser, wenn ich einen Witz machte. Im Moment jedoch konnte ich kaum verhindern, dass meine Stimme zitterte.
»Es hat eine Ewigkeit gedauert, mich bei deiner Freundin einzuschmeicheln, damit sie dieses Rendezvous arrangierte, aber es war das lange Warten wert. Jetzt gehörst du mir. Wir werden für ewig zusammen sein.«
Ohne ihn eines weiteren Wortes zu würdigen, drehte ich mich um und ging weg. Ich war immer noch ruhig. Und hatte alles fest im Griff. Genauso wie mein Höschen.
Gordon schrie mir mehrmals etwas nach, bevor er losrannte. Nach nur zwei oder drei Schritten hatte er mich eingeholt. Er packte meinen Ellbogen und wirbelte mich herum.
»Es ist sehr unhöflich, jemanden einfach so stehen zu lassen, der dir die Ewigkeit angeboten hat.« Es gefiel mir gar nicht, wie er mich jetzt ansah. Überhaupt nicht. Und seine Stimme klang auch nicht mehr bedürftig oder verzweifelt.
Ich riss mich los. »Sie können sie behalten. Ich verzichte.«
Er packte wieder zu. Trotz seines hageren Äußeren war sein Griff eisenhart.
»Lassen Sie mich los...!« Weiter kam ich nicht, dann schlug er mir mit dem Handrücken ins Gesicht. Vor meinen Augen explodierten bunte Wellen, und meine Zähne wackelten in meinem Kiefer, während die Wucht des Schlages mich bis in die Zehenspitzen erschütterte.
»Es ist zu spät, um es zurückzunehmen, Miststück!«, knurrte er und zeigte mir dabei die ganze Pracht seiner langen, spitzen Reißzähne. »Mit dem Biss in den Hals habe ich dich zu der Meinen gemacht. So ein Geschenk kann man nicht zurückgeben.«
Dann schien er zur Besinnung zu kommen. Seine Miene entspannte sich, und seine Brauen berührten sich fast, als er die Stirn runzelte und seine Hand nach mir ausstreckte. Ich trat hastig zurück, die Augen aufgerissen und die Hand auf meine brennende Wange gepresst.
»O Gott, das tut mir so leid«, stammelte er, während er erneut auf mich zukam. »Das wollte ich nicht. Wie zur Hölle konnte mir das passieren?«
Ich packte mit meiner anderen Hand die kühle Sprühdose mit Pfefferspray ganz unten in meiner Handtasche. Mir verschwamm immer noch alles vor Augen, aber es gelang mir, die Dose herauszureißen und ihm das Zeug lange und genau in die Augen zu sprühen. Er heulte vor Schmerz auf und schlug die Hände vor sein Gesicht.
Ich fuhr herum und tat, was jedes Mädchen, das etwas auf sich hält, tun würde, wenn es sich mit einer Bisswunde am Hals nach Mitternacht in Begleitung eines Verrückten, der sich für einen Vampir hält, auf einem Friedhof wiederfindet.
Ich rannte los, als wäre der Teufel hinter mir her.
Verrückt. Genau. Er war eindeutig manisch und brauchte sehr wahrscheinlich dringend eine passende Therapie. Vermutlich hatte ihn irgendein Ereignis in seiner frühesten Kindheit in diesen Wahnsinnigen verwandelt. Ich hatte in meinem Jahr an der Universität von Toronto im Nebenfach Psychologie studiert, bevor ich das Studium geschmissen hatte. Er war ein Verrückter. So lautete das offizielle Urteil. Und er brauchte eindeutig kompetente Hilfe.
Genauso wie ich in diesem Moment. Ich rannte über den Friedhof. Es war ein verdammt großer Friedhof. Wo zum Geier war die Straße?
Schließlich sah ich das Eingangstor direkt vor mir. Gordon, der nicht weit hinter mir war, brüllte mir zu, ich solle stehen bleiben. Klar, gute Idee. Vergiss es, Blödmann!
Der Sieben-Zentimeter-Absatz einer meiner schwarzen Riemchensandaletten wählte exakt diesen Augenblick, um abzubrechen. Diese Schuhe hatten mich fast den ganzen Gehaltsscheck des letzten Monats gekostet, daher war es ein wenig enttäuschend, gelinde ausgedrückt, dass sie nicht mal die kleinste Belastung aushielten. Ich stürzte wie ein Sack zu Boden, sprang jedoch genauso schnell wieder auf, wie einer von diesen Pseudo-Sandsäcken von Bozo, dem Clown. Das Adrenalin, das durch meine Adern raste, war gewiss sehr hilfreich, aber irgendwie war mir auch schwindlig. Der Blutverlust von dem Biss in den Nacken holte mich möglicherweise gerade ein. Vielleicht war die Wunde doch ernster, als ich angenommen hatte.
Ich zog den ruinierten linken Schuh vom Fuß, fuhr herum und schleuderte ihn meinem Verfolger entgegen.
»Au!« Offenbar hatte die Sandalette ins Ziel getroffen.
Da ich schlecht mit einem Schuh weiterhumpeln konnte, zog ich den anderen ebenfalls aus und schleuderte dieses kleine Wurfgeschoss aus teurem italienischen Leder dem ersten hinterher. Allerdings verfehlte es sein Ziel, also ließ ich noch ein paar ausgewählte Beleidigungen folgen.
»Warte doch!«, brüllte Gordon. »Sarah, Baby, wir können das klären.«
Ich rannte durch den Eingang des Friedhofs und prallte gegen etwas Festes, Unnachgiebiges. Ich blickte hoch. Es war groß, muskulös und hatte blaue Augen. Die Straßenlaterne über ihm wirkte wie ein himmlischer Leuchtturm.
»Wow, hallo Miss«, sagte der unnachgiebige Fremde. »Immer mit der Ruhe.«
Nach meinem Sprint rang ich keuchend nach Luft. »Gott sei Dank! Sie müssen mir helfen!«
Der Blick des Mannes glitt von meiner Bisswunde am Hals zu meinem höllischen Begleiter, der uns fast erreicht hatte.
»Keine Angst, Darling«, sagte er und lächelte. Seine Zähne schimmerten weiß im Mondlicht.
Zwei weitere Männer tauchten aus dem Schatten auf. Der eine war dünn wie eine Bohnenstange und hatte strähniges, blondes Haar, der andere war so groß wie ein Kleiderschrank, massig und von Kopf bis Fuß tätowiert. Die Tätowierungen an seinem Hals lugten sogar aus seinem Hemdkragen heraus. Ich hatte die beiden nicht bemerkt, bis sie sich bewegt hatten.
He, je mehr, desto besser.
Der Mann mit den glänzenden Zähnen schob mich sanft zur Seite. »Warten Sie hier, Darling. Wir kümmern uns gleich um Sie.«
Ich nickte und atmete tief auf. Was für ein Glück, dass diese feinen Gentlemen Lust gehabt hatten, auf dem Friedhof spazieren zu gehen.
Nach Mitternacht.
Ich runzelte die Stirn. Was zum Teufel wollten sie eigentlich hier? Meiner Meinung nach war das wirklich ein ziemlich glücklicher Zufall. Aber da er sich zu meinen Gunsten auswirkte, hütete ich mich zu fragen.
Gordon kam unmittelbar vor uns zum Stehen, blinzelte heftig und rieb sich die Augen, die vom Pfefferspray brannten. Auf seiner Stirn prangte ein kleiner, roter Fleck … vermutlich vom dem Schuh.
Ich hatte die Arme um meinen Körper geschlungen, um das Zittern zu unterdrücken. Schließlich war ich für eine Verabredung angezogen, nicht für einen Sprint auf einem Friedhof Ende November. Hätte ich vorher die Karten gelegt, hätte ich wenigstens einen hübschen Schal mitgenommen. Außerdem war mir schlecht: vor Angst, wegen des Blutverlustes … und sehr wahrscheinlich auch von der Fajita, die ich zum Dinner verdrückt hatte.
»Warum bist du weggelaufen?« Gordon schien verwirrt. »Ich wollte dir nicht wehtun.«
»Sie können mich mal!« Er würde sich wundern, wenn ich ihn wegen Körperverletzung anzeigte. Vielleicht würde ich diesem erbärmlichen Armleuchter sogar verbieten lassen, sich mir mehr als auf eine Meile zu nähern. »Oh, Sekunde, Sie haben mich ja bereits gebissen, richtig? Sie... Psychopath!«
Er verdrehte die Augen. »Du musst wirklich langsam darüber hinwegsehen, wenn unsere Beziehung nur den Hauch einer Chance bekommen soll.«
Endlich bemerkte Gordon, dass wir nicht allein waren. »Oh.« Mehr sagte er nicht, als die Männer sich ihm näherten. »Hört mal zu, Jungs, es ist nicht so, wie es aussieht.«
Ich sah ihn finster an und versuchte, Mr. Strahlezahn anzulächeln. Er war wirklich süß. Vielleicht würde die Nacht doch noch ein besseres Ende nehmen, als ich dachte. »Hören Sie, wie wär’s, wenn Sie mir helfen würden, ein Taxi zu finden? Ich möchte wirklich gern nach Hause. Sorgen Sie einfach nur dafür, dass er mir nicht mehr folgt, dann haben Sie etwas gut bei mir.«
Strahlezahn grinste breit. »Nun seht doch, was wir hier haben, Jungs. Freundin und Freund Vampir bei einem kleinen Zwist.«
»Er ist nicht mein Freund«, versicherte ich ihm.
»Ich bin kein Vampir«, erklärte Gordon ruhig.
»Sehr komisch. Noch vor einer Minute hat er mir gesagt, dass er ein Vampir wäre. Deshalb hat er mich gebissen.« Ich rieb mir vorsichtig den Hals. »Er ist eindeutig meschugge.«
»Ja, meschugge«, erklärte Strahlezahn, bevor er sich zu seinen Freunden umdrehte. »Die Wievielten sind das heute Nacht?«
Der strähnige Blonde antwortete. »Es war eine echt gute Nacht. Fünf? Vielleicht sechs?«
»Hören Sie«, Gordon sah zu Tode verängstigt aus, »wir können uns vielleicht einigen. Ich habe Geld...«
Strahlezahn schlug Gordon in den Bauch. Der presste seine Hände auf den Bauch und sank hustend und keuchend in die Knie.
»He!« Ich sah ihn finster an. »Das ist wohl nicht notwendig. Hören Sie: Ich will nur, dass Sie mir helfen, nach Hause zu kommen. Mehr nicht.«
»Halt die Klappe!«, fuhr Strahlezahn mich an. Gordon versuchte sich aufzurichten, wurde jedoch erneut niedergeschlagen, diesmal mit einem Kinnhaken.
So behandelt man keine Verrückten. Sie brauchen Aufsicht, nicht Gewalt.
Ich marschierte zu Strahlezahn und packte seinen Arm. »Das reicht jetzt. Es gibt keinen Grund, hier den Macker...«
Er sah mich kurz an und lächelte dann. »Darling, du musst lernen, wo du hingehörst.« Er stieß mich zurück, so fest, dass ich stürzte, und ich schrie auf, als ich mir den Knöchel verdrehte.
Das Mondlicht funkelte auf etwas, das meine sogenannten Retter in den Händen hielten. Etwas aus Metall. Es waren Messer! Blondsträhne hielt ein Schnappmesser zwischen den Fingern und der Kleiderschrank eine kleine Axt. Außerdem fiel mir auf, dass sie in Schlaufen an ihren Gürteln angespitzte hölzerne Pflöcke trugen.
Dann kreischte Gordon. Strahlezahn stand so dicht neben ihm, dass es den Eindruck machte, als würden sie tanzen, als sie in einem engen Kreis umeinander schlurften. Dann trat Strahlezahn zurück und ich sah, dass aus Gordons Bauch ein Messergriff herausragte.
»Ich sagte Ihnen doch, dass ich Geld habe!«, keuchte er.
Strahlezahn streckte die Hand aus wie ein Chirurg, der wartet, dass eine Schwester ihm das nächste Operationsbesteck hineinlegt. Ein hölzerner Pflock landete klatschend darin.
Ich wollte etwas sagen, Einhalt gebieten, bevor es zu weit ging, aber ich brachte nur ein winziges Kieksen zustande.
»Aber Vampir, das hier ist so viel amüsanter als Geld«, erklärte Strahlezahn, hob den Arm und rammte den Pflock in Gordons Körper.
Ich schlug entsetzt die Hand vor den Mund und krabbelte rückwärts weg. Ein stechender Schmerz zuckte durch meinen Knöchel, als ich vergeblich versuchte mich aufzurichten. Mein Herz hämmerte wie wild. Die drei Männer stürzten sich alle gleichzeitig auf meine Verabredung. Sie waren so sehr mit Gordon beschäftigt, dass sie mich völlig vergessen zu haben schienen. Was ich allmählich für ganz gut hielt.
Mühsam konnte ich mich aufrappeln und blieb unsicher stehen. Aber ich war wie erstarrt, während ich das Spektakel vor mir beobachtete, das aus einem Horrorfilm zu stammen schien. Ich hatte meine Meinung geändert. Ich wollte ihre Hilfe nicht mehr. Nein, danke. Und was hatte Strahlezahn noch gleich gesagt: dass sie sich um mich kümmern würden?
Gordon schrie nicht mehr und flehte auch nicht mehr um sein Leben. Er stöhnte nicht mal mehr. Und rührte sich nicht. Genau genommen schien er sich aufzulösen. Je mehr sie auf seinen am Boden liegenden Körper einstachen, desto weniger schien von ihm übrig zu bleiben, bis schließlich nur noch seine Kleidung in einem widerlichen, dunklen Fleck auf der Straße lag.
Dann drehte sich Strahlezahn zu mir herum. Ich wich einen schmerzhaften Schritt nach dem anderen zurück. Mein Hirn brüllte mir zu, mich endlich in Bewegung zu setzen, bis ich schließlich akzeptierte, dass dies die beste Idee war, die ich bislang heute Nacht gehabt hatte. Ich drehte mich um. Blondsträhnchen hatte sich jedoch lautlos hinter mir aufgebaut. Er grinste, als er seinen blutigen Holzpflock in den Gürtel steckte, meine Handgelenke packte und mich zu sich zog. Ich versuchte, mich aus seinem Griff zu winden.
»Wohin willst du denn, Vampir?« Sein Atem roch nach faulen Eiern.
Ich wollte ihm widersprechen, ihm sagen, dass ich kein Vampir war, weil es keine Vampire gab. Außerdem hätte ich ihm gern eine gründliche Mundspülung empfohlen. Aber ich fand einfach meine Sprache nicht. Eine Träne lief mir heiß über die Wange, als ich die beiden anderen Männer ansah und zitternd Luft holte. Ich hatte das merkwürdige Gefühl, dass diese Kerle noch mehr Flecken auf mein schon von Gras und Schmutz ruiniertes Kleid machen wollten.
Ich wünschte, ich hätte noch ein Paar Schuhe zum Werfen.
»Seht sie euch an, sie ist wie versteinert«, erklärte Strahlezahn amüsiert.
»Sie ist noch neu«, antwortete der Kleiderschrank. »Es ist fast grausam, sie so früh auszulöschen. Sie sieht aus, als könnte man Spaß mit ihr haben. Seht euch diese Beine an. Kann es nicht bis morgen früh warten?«
Strahlezahns Lächeln wurde noch strahlender. »Ja. Vielleicht können wir noch ein bisschen warten. Was meinst du, Darling? Möchtest du dir eine kleine Galgenfrist erkaufen?«
»Träum weiter«, zischte ich ihm zu.
Er lachte. »Es gibt nur eine Antwort, Darling, und zwar das, was ich sage. Jetzt komm her, sonst …«
Ich wählte ohne zu zögern das »sonst«. Der Mann, der mir noch attraktiv erschienen war, als ich gegen ihn gerannt war, mein potenzieller Held, kam mir jetzt schon fast grotesk hässlich vor. Sein Gesicht war von Gordons Blut gesprenkelt.
Ich versuchte, Blondsträhnchen zu entkommen, aber er hielt meine Handgelenke fest und funkelte mich lüstern an.
»Netter Versuch«, meinte er grinsend.
Ich zuckte die Schultern und rammte ihm dann mein Knie in die Lenden. Jetzt ließ er meine Handgelenke los. Ich warf einen Blick über die Schulter auf Strahlezahn, ignorierte den stechenden Schmerz in meinem Knöchel und rannte los.
Während Blondsträhnchen vor Schmerz stöhnte, brummte der Kleiderschrank nur genervt. »Dass es auch nie einfach sein kann, oder?« Dann klatschten Stiefelsohlen auf den Asphalt, als sie sich an meine Verfolgung machten.
Spät in der Nacht sieht alles anders aus, und es war so dunkel, dass ich kaum wusste, wo ich war. Ich wusste, dass das Bloor Viaduct, eine große Brücke, die den Don überspannte, nicht allzu weit entfernt sein konnte. Wenn ich es auf die andere Seite schaffte, konnte ich vielleicht ein Telefon finden oder jemanden, der mir half.
Die Frage war nur, wie lange ich noch so rennen konnte. Meine Lungen brannten und mit meinem verletzten Knöchel konnte ich nur eiligst humpeln, kaum jemandem davonlaufen. Außerdem flehten meine nackten Füße mich an, stehen zu bleiben. Allerdings wusste ich, dass ich erledigt war, wenn ich stehen blieb. Sie würden mich auf dieselbe Art und Weise umbringen, wie sie Gordon getötet hatten. Oder noch Schlimmeres mit mir anstellen. Es schüttelte mich, als ich daran dachte, wie dieser blonde Freak mich angegiert hatte. Ich musste weiterlaufen. Es gab keine andere Möglichkeit.
Eigentlich war ich überrascht, dass sie mich nicht längst eingeholt hatten. Ich konnte sie sogar nicht mal mehr hinter mir hören. Ich wurde langsamer und riskierte einen Blick über die Schulter.
Ich befand mich jetzt mitten in einem Park und konnte Straßenverkehr hören, was bedeutete, ich war nicht weit von der Bloor Street entfernt. Aber ich sah nur Bäume um mich herum. Ich war mutterseelenallein.
Ich blieb stehen und atmete so schnell und flach, dass ich sicher war, gleich zu hyperventilieren.
Sie mussten aufgegeben haben. Vielleicht war ich zu schnell für sie gewesen. Immerhin war ich in letzter Zeit häufiger als normal ins Gymnastikstudio gegangen, um mir für meine große teure Reise nach Puerto Vallarta eine ordentliche Bikinifigur anzutrainieren. Amy und ich planten diese Reise jetzt fast schon ein Jahr, und in einem Monat würde der große Moment kommen. Das musste der Grund sein. Ich war einfach erstaunlich fit. Genauso fit und gefährlich wie diese junge Frau in den Terminator-Filmen.
Dann hörte ich einen Motor aufheulen und das Quietschen von durchdrehenden Reifen. Ein Jeep rumpelte etwas weiter von mir entfernt auf die Straße und ließ den Kies nur so spritzen.
Lauf denen davon, Terminator, dachte ich, als die Panik mir wieder die Brust zusammenpresste.
Verflucht.
Ich konnte sie hören, diese Männer, und ich hatte albernerweise geglaubt, ich wäre ihnen entkommen. Sie johlten und brüllten, als sie sich mir näherten. Offenbar war das ihre Vorstellung von Spaß.
Aber ich erreichte nun die Brücke. In der Ferne sah ich die Skyline von Toronto.
Ich rannte weiter, ignorierte den Schmerz. Der Betonfußweg, der über eine Seite der Brücke führte, fühlte sich durch meine zerfetzten Nylonstrümpfe an meinen aufgescheuerten Füßen kühl an. Ich spähte um mich, hoffte, dass vielleicht jemand anhalten und mir helfen würde, doch die Wagen fegten an mir vorbei, ohne dass die Fahrer mich überhaupt registrierten. Als ich auf die Fahrbahn trat, um jemanden zu stoppen, hupte ein Fahrer wild und wich mir aus. Er verfehlte mich nur um Haaresbreite. Ich flüchtete mich hastig wieder auf den Fußweg.
Es sah aus, als würde es eine Sache zwischen mir und Strahlezahn und den Jungs bleiben.
Und der dunklen Gestalt, die auf einem der Metallstreben der Brücke balancierte. Er stand auf der anderen Seite des sogenannten »Schleiers«, dünne Metallstäbe, die in gleichmäßigem Abstand angebracht waren und verhindern sollten, dass jemand über die Barriere kletterte und in den Tod sprang. Aber ich bemerkte, dass einige Stäbe verbogen waren, weit genug, dass jemand hindurchpasste. Also kletterte ich eilends dorthin und zwängte mich hindurch, bis ich dicht neben dem Fremden stand und mich an die Barriere lehnte. Ich hörte, wie der Jeep hinter mir quietschend zum Stehen kam und die Türen schlugen, als die Männer ausstiegen, um mich zu Fuß zu verfolgen.
»He!«, rief ich die Gestalt an. Er trug einen langen Mantel, dessen Schöße im Wind klatschten. Er wirkte wie eine Galionsfigur von einem Piratenschiff. Oder wie Kate Winslet, wie sie mit ausgebreiteten Armen am Bug der Titanic steht – nur nicht ganz so keck. Und ganz sicher war er keine Frau.
»Verschwinden Sie.« Er klang ziemlich mürrisch.
»Heiliges Kanonenrohr, das ist ziemlich hoch, was?« Ich schob mich dichter an ihn heran. »Helfen Sie mir!«
»Helfen Sie sich selbst. Sehen Sie nicht, dass ich vorhabe, mich umzubringen?« Der Mann blickte in das dunkle Wasser tief unter uns.
»Helfen Sie mir erst, dann können Sie sich immer noch umbringen«, schlug ich vor.
Ich stand jetzt so dicht bei ihm, dass ich sein Gesicht erkennen konnte. Er war wohl etwa Mitte dreißig und von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet. Hätte ich in meiner derzeitigen Leben-oder-Tod-Situation einen Moment über sein Aussehen nachgedacht, hätte ich ihn als echt heiß beurteilt. Und gleichzeitig als total unglücklich. Ob er unglücklich aussah, weil er sich umbringen wollte, oder weil ich ihn dabei störte, wusste ich nicht.
»Ein Freund von dir?«, fragte Strahlezahn hinter mir, auf der anderen Seite der Stabbarriere.
Ich riss mich zusammen und wandte meinen Kopf. »Ein sehr guter Freund sogar. Er wird Ihnen mächtig in den Hintern treten, wenn Sie mich nicht in Ruhe lassen, verdammt.«
Strahlezahn sah mich sehr unfreundlich an. »Das würde ich gern sehen.«
Der Fremde sah uns von seinem Platz auf der Haltestrebe aus uninteressiert zu. Es schien ihn nicht im Geringsten zu stören, dass wir uns mehr als hundert Meter über dem Fluss befanden. Ich merkte, wie sein Blick zu meinem Hals glitt, und ich strich sanft über die Bisswunde.
»Vampirjäger«, sagte er.
»Wer will das denn wissen, hm?« Strahlezahn zog eine Zigarre aus seiner Jackentasche und zündete sie an. Er schien das Gefühl zu haben, dass ihm alle Zeit der Welt zur Verfügung stand.
Ich schob mich vorsichtig noch dichter an den Fremden heran. Obwohl er Selbstmordabsichten hegte und vermutlich genauso verrückt war wie alle anderen, denen an diesem Abend zu begegnen ich das Pech gehabt hatte, war er im Moment meine beste Chance, heil aus dieser Angelegenheit herauszukommen.
»Es spielt keine Rolle, wer ich bin«, antwortete der Fremde jetzt auf Strahlezahns Frage. »Sie stören meine Privatsphäre. Seien Sie bitte so liebenswürdig, Ihre Angelegenheiten woanders zu erledigen.«
Strahlezahn musterte ihn finster. »Wir wollen nur diesen süßen, kleinen Vampirhintern einsammeln, dann verschwinden wir wieder, und Sie können mit dem weitermachen...«, er sah sich um, »... was Sie gerade tun wollten.«
Ich packte den Mantel des Fremden und hielt mich fest, als hinge mein Leben davon ab. »Lassen Sie nicht zu, dass sie mir etwas antun. Bitte.«
Er riss mir den Mantel aus den Händen. »Ich will damit nichts zu tun haben.«
»Zu spät.«
Strahlezahn hatte sich auf Kniehöhe durch eine Lücke zwischen den Stäben und dem Beton des Fußwegs gezwängt, die Zigarre zwischen den Zähnen. »Ich wollte ein Gentleman sein und dich schnell umbringen. Na ja, jedenfalls mehr oder weniger schnell. Aber jetzt werde ich dich langsam und genüsslich in Stücke reißen. Du wirst jede Sekunde davon spüren.«
Strahlezahn hatte sich halb durch die Lücke gezwängt und griff nach mir. Ich zuckte zurück, drehte mich um und trat ihm mit meinem nackten Fuß ins Gesicht. Es gab ein ekliges, feuchtes Schmatzen, als mein großer Zeh sein linkes Auge traf. Es war das Widerlichste, das ich jemals gefühlt hatte.
Er brüllte vor Schmerz auf und presste die Hände vor sein Gesicht. Die Zigarre fiel ihm aus dem Mund und in den Fluss. Ich verlor meinen Halt, aber bevor ich stürzen konnte, streckte der Fremde seine Hand aus, packte mich um die Taille und zog mich an sich, in Sicherheit.
»Danke.« Ich bekam die Worte kaum heraus, so klapperten mir die Zähne. »Ich dachte, Sie wollten mir nicht helfen.«
»Das war ein Reflex«, gab er zurück.
Die beiden Vampirjäger, die gerade nicht vor Schmerz brüllten, obwohl Blondsträhnchen sich recht vorsichtig bewegte nach dem Zwischenfall mit seinen Lenden, zogen ihren außer Gefecht gesetzten Freund zurück und machten Anstalten, selbst durch die Öffnung zu steigen.
Der Fremde blickte in das schwarze Wasser hinab. »Ich nehme an, uns bleibt nichts anderes übrig, als zu springen.«
Ich hob meine Brauen und klammerte mich an ihn, während die Vampirjäger nach meinen Beinen griffen. »War das nicht Ihr ursprünglicher Plan? Und hatten Sie nicht eigentlich vor, sich auf diese Weise umzubringen?«
»Bei meinem Glück heute Abend wird der Sturz mich nicht umbringen«, antwortete er und schlang einen Arm um meine Taille. »Aber Sie vielleicht.«
Er stieß sich von der Brücke ab, und wir fielen eine, wie es mir erschien, sehr lange Zeit durch die Luft, bevor wir in dem eisigen, schwarzen Wasser verschwanden.
2
Ich musste mich anstrengen, mit dem Fremden Schritt zu halten, nachdem wir wie begossene Pudel aus dem eiskalten Don auf einen steilen, grasigen Hügel geklettert waren. Er ging so schnell, als wollte er nicht, dass ich ihm folgte. Aber was hätte ich sonst tun sollen? Er hatte eben mein Leben gerettet. Er konnte sich wenigstens davon überzeugen, ob ich unversehrt und in einem Stück war. Ein verängstigtes, zitterndes, tropfnasses Stück.
Bis jetzt gab es keine Spur von diesen Verrückten, die versucht hatten, mich umzubringen. Eventuell hatten wir sie ja endgültig abgehängt. Vermutlich hatten sie keine Lust gehabt, hinter uns her ins Wasser zu springen. Was ich ihnen ehrlicherweise nicht verdenken konnte.
Es war ein höllischer Sturz gewesen. Wie wir das hatten überleben können, ahnte ich nicht, aber es war mir letztlich egal. Es war okay. Jetzt brauchte ich ein Telefon, ein Taxi, eine Anzeige bei der Polizei und eine lange, heiße Dusche. Nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.
»He, warten Sie!«, rief ich »Mr. Dunkel und Tropfnass« nach.
Nach unserem improvisierten Badeausflug hatte ich von ihm nur seinen Hinterkopf gesehen, der sich stetig von mir entfernte; deshalb war ich eigentlich ein wenig überrascht, als er tatsächlich stehen blieb. Seine breiten Schultern hoben und senkten sich, als hätte er gerade lange geseufzt.
Er drehte sich zu mir herum. »Was denn jetzt noch?«
»Wohin gehen Sie?«
»Nach Hause. Ich würde vorschlagen, dass Sie das Gleiche tun. Suchen Sie Ihren Schöpfer und verschwinden Sie.«
»Meinen was?«
»Ihren Schöpfer.«
»Was ist denn das?«
Er deutete mit einem Nicken auf meinen Hals. »Der, der Ihnen diesen Knutschfleck verpasst hat. Sie brauchen Ihren Schöpfer, damit er Sie einführt.«
Ich berührte die Wunde an meinem Hals und zuckte zusammen. »Diese Kerle haben den umgebracht, der das gemacht hat.« Ich hatte einen Kloß im Hals, als ich das sagte. Was sie Gordon angetan hatten, ging mir unablässig durch den Kopf. Ein paar Tränen traten mir in die Augen, und ich wischte sie mit meinem nassen Ärmel weg. »Er war ein Trottel, völlig durchgeknallt, aber er hatte... so etwas nicht verdient. Sie haben ihn umgebracht und wollten mit mir dasselbe tun. Es war grauenhaft.«
»Sie haben Ihren Schöpfer ermordet«, wiederholte der Fremde. Mehr sagte er nicht, sondern starrte mich nur an.
Mir wurde mulmig unter seinem Blick. Das heißt, noch mulmiger, als ich mich sowieso schon fühlte. Die Idee, nach Hause zu gehen, kam mir plötzlich genial vor. Die Cops konnte ich auch von dort aus anrufen.
»Haben Sie von ihm getrunken?«, erkundigte sich der Fremde.
»Was?«
Er seufzte. »Haben Sie von Ihrem Schöpfer getrunken, bevor er getötet wurde?«
»Ich hatte ein paar Margaritas zum Dinner.«
»Das habe ich nicht gemeint.«
Ich blinzelte verständnislos. »Dann lautet die Antwort Nein. Nach dem Dinner gab es nichts mehr zu trinken. Hören Sie, vielen Dank für...« Ich stockte, weil ich nicht wusste, wie ich diesen Sprung in die rettende Tiefe nennen sollte. Ich blickte zur Brücke zurück. »Für diese Nummer da drüben.«
Er antwortete nicht.
Ich schob meine Hände in die aufgeweichten Taschen meines Ledermantels. Dreck war eine Sache, Wasser dagegen war eine vollkommen andere. Vermutlich war der Mantel jetzt ebenfalls ruiniert. Ich hatte wirklich ein verdammtes Pech. Ich zwang mich zu einem gequälten Lächeln, bevor ich dem Fremden den Rücken zukehrte und Anstalten machte, wegzugehen.
»Warten Sie«, rief er, als ich fast einen halben Block weit gekommen war. »Sind Sie sicher, dass Ihr Schöpfer tot ist?«
»Absolut«, erwiderte ich grimmig. Das Bild von den leeren Kleidern schoss mir durch den Kopf. Was war mit der Leiche passiert? Wahrscheinlich hatte mir die Dunkelheit einen Streich gespielt. Es war stockfinster gewesen, und ich hatte doppelte Margaritas zum Essen getrunken.
»Wie heißen Sie?« Er kam auf mich zu.
Ich zögerte etwas mit der Antwort. Ich hatte echt genug und wollte nur noch nach Hause. »Sarah«, antwortete ich schließlich. »Sarah Dearly.«
Seine Miene wirkte irgendwie angespannt, als ringe er innerlich mit sich. Ich sollte mit dem Kerl nicht rumhängen, sagte ich mir. Auch wenn er mein Leben gerettet hatte. Er hatte schließlich versucht, sich umzubringen, jedenfalls seinen eigenen Worten zufolge. Das konnte man kaum als normales, vernünftiges Verhalten bewerten.
»Hat Ihr Schöpfer Ihnen etwas erklärt, bevor er ermordet wurde?«
»Ich weiß nicht, wieso Sie ihn unaufhörlich meinen Schöpfer nennen. Er war eine Verabredung, ein Blind Date, wenn Sie es genau wissen wollen.«
»Schön. Also, hat Ihr... Ihre Verabredung Ihnen etwas erklärt?«
»Erklärt, was?«
»Ihren Hals betreffend und was es bedeutet.«
Ich legte unwillkürlich die Finger auf meine Wunde.
»Er sagte, er wäre ein Vampir, und dass ich jetzt auch einer wäre.«
Der Fremde nickte. »Gut, das ist immerhin ein Anfang. Und weiter?«
»Dann habe ich ihm Pfefferspray ins Gesicht gesprüht und bin weggelaufen. Er war verrückt.«
Der Fremde sah mich finster an. »Er hat nicht gelogen.«
»Nein, ich bin sicher, dass er glaubte, was er da erzählte. Das ist ja eines der Anzeichen von Wahnsinn, richtig?«
Der Fremde kam noch näher, und jetzt konnte ich ihn zum ersten Mal richtig betrachten. Er sah gut aus, auch wenn sein Gesicht im Mondlicht sehr blass wirkte und seine Augen fast silbern zu sein schienen; sie spiegelten selbst das dämmrige Licht wie die Augen einer Katze.
Als er weitersprach, sah ich seine langen Reißzähne.
»Sie sind ein Vampir, Sarah. Er war nicht verrückt.«
Wie ein Blitz zog ich die Dose Pfefferspray hervor und hielt sie ihm vor die Nase. »Gehen Sie sofort weg!«
»Ihr einziges Verbindungsglied zu Ihrer neuen Welt ist getötet worden. Sie müssen mir zuhören, wenn Sie überleben wollen.«
»Es gibt keine Vampire.« Meine Stimme klang fest, aber meine Innereien fühlten sich an wie Wackelpeter.
»Doch, wir existieren.«
Ich drückte auf den Knopf der Dose, aber sie flog mir aus der Hand, als der Fremde sie mühelos mit einer schnellen Bewegung zur Seite schlug. Dann packte er meine Schultern, und ich kämpfte um mein Leben, kratzte und schlug wie eine Wildkatze nach ihm.
»Hören Sie auf«, sagte er. »Ich will Ihnen nichts tun.«
Es war einfach unmöglich, sich gegen ihn zu wehren. Er war so stark, dass ich mich kaum rühren konnte. Heiße Tränen liefen mir über die Wangen; der Kampf, die Flucht und mein Widerstand gegen das, was ich hörte, hatten mich total erschöpft.
In meinem Hals pochte es schmerzhaft. Ich ließ die Arme heruntersinken. Mir verschwamm alles vor den Augen; ich sah Explosionen von Farben, genau wie vorhin, als Gordon mich geschlagen hatte. Ich versuchte mich auf den Fremden zu konzentrieren, dessen Arme allein verhinderten, dass ich rücklings auf den kalten, harten Zement fiel.
»Schon gut.« Seine Stimme schien plötzlich weit weg zu sein, sie klang schwach und wurde immer leiser. »Ich kümmere mich um Sie.«
Dann wurde alles schwarz.
 
Ich schlug die Augen auf. Ich lag ausgestreckt auf einem Ledersofa in einem dunklen, unbekannten Raum. Langsam richtete ich mich auf. Mein Kopf schmerzte, als hätte ich den schlimmsten Kater meines Lebens.
Das war vielleicht ein verrückter Traum!
Ich sah mich um. Wo zum Teufel bin ich?
Links von mir ertönte ein Geräusch, und eine Tür schwang auf. Der Fremde tauchte auf, offensichtlich aus der Küche. Er hielt ein Glas Wasser in der Hand und lächelte nicht, als er sah, dass ich aufgewacht war.
Aha, ich träume wohl noch. Fühlt sich aber ziemlich realistisch an.
»Wer sind Sie?« Ich wich so weit vor ihm zurück, wie das Sofa es zuließ. Meine Stimme klang krächzend, als hätte ich eine Weile geschlafen. Das war merkwürdig, denn ich hatte noch nie zuvor geträumt, dass ich geschlafen hatte.
»Mein Name ist Thierry de Bennicoeur«, erwiderte er.
»Französisch.«
»Ursprünglich, ja.«
»Sie haben aber keinen Akzent.«
»Nicht mehr, nein.«
»Und Sie sind ein Vampir.«
»Richtig.«
»Wo sind wir?«
»In meinem Haus.«
Er war nicht sonderlich gesprächig. Ich überlegte, was ich noch sagen könnte. Wenn ich zu lange schwieg, würde ich vielleicht wieder Panik bekommen. Es interessierte mich nicht, ob das ein Traum war; wenn ja, dann war es ein reichlich schräger.
»Warum haben Sie versucht, sich umzubringen?«, fragte ich zerstreut.
Er starrte mich einen Moment an, ignorierte meine Frage jedoch. »Wie fühlen Sie sich jetzt?«
»Als hätte ich ein paar Drinks genommen und wäre anschließend von einem Bus überfahren worden. Ich will nach Hause.« Ich versuchte aufzustehen, aber der stechende Schmerz in meinem Kopf vereitelte das. Konnte man im Traum Schmerz empfinden? Das kam mir irgendwie nicht richtig vor.
»Vorher müssen wir etwas erledigen«, erklärte Thierry.
»Was?« Ich sah ihn scharf an, und meine Augen weiteten sich, als ich das scharfe Messer in seiner Hand sah. »Was zum Teufel haben Sie damit vor?«
Er hob eine Braue, als er den panischen Ton in meiner Stimme bemerkte. Meine Augen weiteten sich noch mehr, als ich sah, wie er mit der Klinge über sein Handgelenk fuhr.
Heiliger Bimbam! Er wollte hier vor meinen Augen zu Ende bringen, was er auf der Brücke angefangen hatte! Sich umbringen! Das war einfach widerlich!
Ich fühlte mich so schwach, dass ich nur wimmern konnte, als ich das Blut sah, das aus der Wunde quoll. Er hielt sein Handgelenk über das Wasserglas und ließ das Blut hineintropfen. Dann nahm er einen Löffel vom Tisch und rührte um.
»Wenn Ihr erster Trunk nicht direkt von Ihrem Schöpfer kommt«, erklärte er, »ist es besser, wenn er ein bisschen verdünnt wird.«
Ich starrte ungläubig auf das verdünnte Blut. Dann auf sein Handgelenk. Die Wunde verschwand, bis nur noch eine kleine rosafarbene Linie anzeigte, wo der klaffende Schnitt gewesen war.
»Trinken Sie.« Er hielt mir das Glas hin.
Ich winkte schwach mit der Hand. »Ich hätte lieber eine Diät-Cola, wenn es Ihnen nichts ausmacht.«
Er stellte das Glas auf den glänzenden, schwarzen Couchtisch und stand auf. »Ich möchte Ihnen ein paar Dinge erklären, Sarah Dearly. Erstens: Ihr Schöpfer hat aus Ihnen keinen richtigen Vampir machen können, bevor er getötet wurde. Die Wunde an Ihrem Hals beweist das. Hätte er die Sache richtig zu Ende gebracht, wäre sie mittlerweile schon fast verheilt. Zweitens: Um diese Sache zu beenden, müssen Sie das Blut eines ausgewachsenen Vampirs zu sich nehmen. Da sich niemand sonst freiwillig anbietet, fällt diese Aufgabe mir zu. Also stellen Sie sich nicht an.«
»Ich trinke niemandes Blut«, erwiderte ich entschlossen.
Er zuckte mit den Schultern. »Dann sterben Sie, bevor die Nacht zu Ende geht. In den Reißzähnen der Vampire befindet sich ein Gift, das seine Opfer infiziert, wenn ein Schöpfer ihr Blut trinkt. Dieses Gift macht einen zu einem Vampir. Wenn Ihre... Verabredung... sie nur hätte... kosten wollen, wäre all das überflüssig. Ihren Symptomen zufolge war es jedoch ganz offenkundig seine Absicht, Sie zu einer von uns zu machen. Das Gift, das jetzt durch Ihre Adern fließt, braucht als Gegenmittel dieses Blut.« Er deutete auf das Glas mit dem rosafarbenen Wasser. »So einfach ist das.«
Ich runzelte die Stirn und legte meine Finger auf die Wunde an meinem Hals. »Aber warum hat er das gemacht? Mich gebissen, meine ich? Ich will kein böser, blutsaugender Vampir sein.« Ich sah ihn an. »Nichts für ungut.«
»Was Ihnen zugestoßen ist, ist gewiss unerfreulich. Ihr Schöpfer hat sich nicht an die ungeschriebenen Gesetze gehalten, die vorschreiben, dass niemand einen Anfänger gegen seinen Willen zu einem von uns macht. Und: Vampire sind nicht böse.«
»Doch, sind sie wohl.«
»Nein, sind sie nicht, jedenfalls nicht grundsätzlich. Einige sind böse, andere nicht. Wie bei den Menschen. Das Verhalten eines Vampirs wird dadurch bestimmt, wie er als Mensch gewesen ist.«
Ich runzelte noch tiefer die Stirn. »Das verstehe ich nicht.«
Er seufzte. »Ich weiß nicht, warum ich mir überhaupt die Mühe mache, Ihnen zu helfen. Es ist ganz offensichtlich, dass Sie nicht durchkommen werden.«
»Was meinen Sie mit ›nicht durchkommen‹?« Ich fühlte mich schwach, hatte Angst und war nach wie vor noch einigermaßen sicher, dass dies nur ein höchst bizarrer, lebhafter Traum war. Trotzdem fühlte ich mich beleidigt.
Er zählte die Punkte an seinen Fingern ab. »Ihr Schöpfer ist tot. Sie scheinen die Jäger wie ein Magnet anzuziehen. Und Sie haben offensichtlich nicht die geringste Ahnung von Vampiren.«
Ich blitzte ihn böse an und verschränkte die Arme. »Dann darf ich Ihnen wohl sagen, dass ich einen ganzen Haufen über Vampire weiß. Anne Rice ist eine meiner Lieblingsautorinnen.«
Thierry verzog spöttisch das Gesicht. »Das wird Ihnen sicher weiterhelfen.«
Mein Ärger vertrieb meine Furcht. »Ich brauche niemandes Hilfe. Ich kommt sehr gut allein klar. Ich habe Sie nicht gebeten, mich in Ihr...«, ich sah mich in dem spärlich möblierten Raum um, »... unterirdisches Liebesnest zu schleppen, Mister. Und was das andere betrifft …«
Der Schmerz war weißglühend und zuckte durch meinen ganzen Körper. Ich klammerte mich an der Couch fest und grub meine manikürten Fingernägel in das glatte Leder. »Mein Gott! O mein Gott!«, stöhnte ich gequält. »Was passiert mit mir?«
»Sie sterben«, antwortete er ungerührt. »Aber es sollte vor Tagesanbruch vorbei sein, also machen Sie sich keine Sorgen.«
»Ich sterbe?«, quietschte ich. Allmählich fing ich an, ihm zu glauben. Eine weitere Schmerzwelle traf mich, ich krümmte mich und sank zu Boden. »Helfen Sie mir!«, stieß ich hervor. Die Furcht schnitt durch meinen Körper wie ein heißes Messer durch Butter. »Warum stehen Sie nur so rum? Tun Sie was!«
»Ich kann nichts mehr für Sie tun.« Sein gut aussehendes Gesicht war vollkommen ausdruckslos. »Ich habe Ihnen mein Blut angeboten. Trinken kann ich es nicht für Sie.«
Das Glas mit dem rosafarbenen Wasser stand unschuldig auf dem Couchtisch, neben dem ich mich in Qualen wand. Nach einer weiteren Schmerzattacke packte ich das Glas, hob es an meine zitternden Lippen und trank es in einem Zug aus.
Der Schmerz hörte schlagartig auf. Das Zeug wirkte wie ein isotonischer Energiedrink für Vampire. Ich lag rücklings auf Thierrys Tropenholz-Bodendielen und starrte ein paar Minuten an die Decke. Dann setzte ich mich auf und atmete tief durch, während ich versuchte, mich zu sammeln.
»Mehr?«, bot Thierry an.
»Nein, mir geht’s gut.«
»Sie sollten jetzt nach Hause gehen. Der Morgen dämmert bald.«
Ich nickte wissend. »Ich kann nicht mehr in die Sonne gehen, stimmt’s? Sonst werde ich zu Holzkohle gegrillt.«
Er sah mich fast amüsiert an. »Stammt diese Erkenntnis aus der Schule von Anne Rice? Sonnenlicht ist nicht gut für Vampire, das stimmt. Sie werden sich nachts stärker fühlen. Am Tag wird die Sonne Sie schwächen, und manchmal wird sie Ihnen auch übermäßig hell erscheinen, aber ich verspreche, dass Sie nicht zu Asche verbrennen werden.«
»Wirklich? Gut zu wissen.«
»Wenn es Sie zu sehr stört, solange Sie noch Zögling sind, schlage ich vor, dass Sie das unterirdische Tunnelsystem der Stadt benutzen; wie nennt man das hier in Toronto? Den PATH?«
»Und wie lange werde ich als Zögling betrachtet?«
»Etwa fünfzig Jahre.«
»Oh.« Ich dachte darüber nach. Das hieße, bis zu meinem achtundsiebzigsten Geburtstag würde ich als Zögling gelten. Dann wäre ich so alt wie Onkel Jim, der neulich dem kanadischen Winter Lebewohl gesagt hatte und für immer nach Florida gezogen war. »Also stimmt es, dass Vampire ewig leben?«
Er runzelte die Stirn. »Wir sterben nicht an den normalen Krankheiten der Menschen; unser Alterungsprozess kommt von dem Moment an zum Stillstand, an dem unser Schöpfer uns erwählt, falls Sie das meinen.«
Interessant. Völlig absurd, sicherlich, aber sehr faszinierend.
»Wie alt sind Sie denn?«, erkundigte ich mich.
Er nahm das leere Glas und ging in die Küche. Durch die offene Tür sah ich, wie er es in der Spüle abwusch und es dann in den Geschirrspüler aus rostfreiem Stahl stellte, bevor er mir antwortete.
»Alt.«
»Wie alt?«
»Weit über sechshundert Jahre.«
Meine Kinnlade sackte nach unten. »Wow! Ich meine, he, für einen Sechshundertjährigen sehen Sie echt gut aus. Ich habe gedacht, in dem Alter wären sie knittrig und welk und würden auseinanderbröseln. Das ist erstaunlich.«
Er wich meinem Blick aus, während ein merkwürdiger Ausdruck über sein attraktives, absolut nicht welkes Gesicht glitt. »Ja, erstaunlich.« Seine Stimme klang kein bisschen begeistert.
»Ich brauche wohl ein bisschen Zeit, mich daran zu gewöhnen, dass ich untot bin.«
»Un-was?«
»Untot. Ein belebter Kadaver. Eben ein Vampir.« Ich zuckte mit den Schultern. »Untot. Puh.«
Er sah mich gereizt an. »Atmen Sie noch?«
Ich runzelte die Stirn und konzentrierte mich. Ja, ich atmete ein und aus.
Yep.
»Natürlich.«
»Und schlägt Ihr Herz noch?«
Ich legte eine Hand auf meine Brust. Da war er, mein regelmäßiger Herzschlag. Ein bisschen schnell, aber mein Herz schlug noch. »Ja.«
»Und mein Herz, schlägt es auch?«
Ich sah ihn finster an, hob dann eine Hand und legte sie gegen seine sehr muskulöse, sehr warme und sehr männliche Brust. Es dauerte einen Moment, bis mir wieder einfiel, warum ich ihn berührte. Ach ja, dieses Herzschlag-Ding.
Ich nickte. »Ja.«
Er trat zurück und meine Hand fiel wieder herunter. »Was sagt Ihnen das?«
»Nicht untot?«
»Richtig.«
Ich stand auf. Angesichts all dessen, was ich heute Abend durchgemacht hatte, fühlte ich mich recht gut. »Ich denke, ich gehe jetzt. Können Sie mir ein Taxi rufen oder...«, ich versuchte ein Lächeln und hatte tatsächlich Erfolg, »… kann ich mich in eine Fledermaus verwandeln und nach Hause flattern?«
Er betrachtete mich einen Augenblick. »Ich rufe Ihnen lieber ein Taxi.«
Er erledigte den Anruf, und wir warteten zehn Minuten in unbehaglichem Schweigen.
Das mit der Fledermaus enttäuschte mich ein bisschen. Es wäre echt cool gewesen.
Jetzt mal im Ernst, das war der abgefahrenste Traum, den ich je gehabt hatte. Er war noch sonderbarer als der, in dem ich einen Hobbit geheiratet hatte und auf den Mars gezogen war. Eigentlich schade, denn dieser Thierry war auf seine mürrisch-selbstmörderische Art echt süß. Vielleicht hatte ich ihn neulich beim Friseur in einem Magazin gesehen und er hatte sich in mein Unterbewusstsein eingebrannt, zur späteren Nutzung.
Natürlich war das hier eindeutig ein Traum. Vampire? Also wirklich. Jäger? Mein Blind Date wurde zu Shish-Kebab verarbeitet und verschwand dann in einer kleinen Pfütze aus Glibber? Also bitte! Voll ein Traum. Ich war nur überrascht, dass mir das nicht aufgefallen war, als das Drama in vollem Gange war. Ich hätte mir eine Menge überflüssigen Stress erspart, der ohnehin nur Falten machte.
Als der Taxifahrer endlich auftauchte, stand ich vom Sofa auf. Ich hatte immer noch nackte Füße, aber mir fiel auf, dass mein Knöchel nicht mehr weh tat. Vermutlich war es doch keine Verstauchung gewesen. Ich hob meine Tasche auf und packte meinen Mantel, den Thierry sorgfältig zum Trocknen über einen Stuhl gehängt hatte. Er hatte ihn mir ausgezogen, während ich schlief. Mein Seidenkleid war auch in feuchtem Zustand nicht durchsichtig, also verzichtete ich darauf, ihm deswegen eine Szene zu machen.
Stattdessen lächelte ich Thierry an. »Danke für Ihre Hilfe. Auch wenn ich morgen früh aufwache und weiß, dass dies nur ein Traum war, war es zumindest ein sehr interessanter.« Ich wollte an ihm vorbeigehen, aber er hielt mich am Arm fest.
»Sie träumen nicht, Sarah. Sie müssen das hier ernst nehmen. Ob es Ihnen gefällt oder nicht, die Dinge sind jetzt anders für Sie.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Ich fühle mich aber nicht anders.«
»Sind Sie aber. Und angesichts der Jäger, die durch die Stadt streifen, sollten ebenfalls auch über Ihre Sicherheit nachdenken. Sie haben ja bereits miterlebt, was sie für Spaß und Spiel halten.« Er suchte in seinen Taschen und förderte schließlich eine Visitenkarte zutage. »Hier, nehmen Sie die.« Er drückte sie mir in die Hand. »Gehen Sie morgen Abend zu dieser Adresse. Dort wird man Ihnen bei Ihrem Start in Ihr neues Leben helfen.«
Ich schob die Karte in meine Tasche, ohne sie anzusehen. »Danke, Thierry, wirklich. Passen Sie auf sich auf, okay?«
Ich hätte gern gesagt: »Bringen Sie sich nicht um«, aber das fand ich dann doch ein bisschen zu grob.
Seine eindringlichen, silbrigen Augen blitzten. »Sie auch.«
Er hielt mir die Haustür auf. Ich ging hinaus und stieg hinten in das Taxi.
»Hundertelf, Ashburn Avenue«, sagte ich zu dem Fahrer, der sich in den Verkehr einfädelte. Ich drehte mich um. Die Tür zu Thierrys elegantem Stadthaus war bereits wieder geschlossen, und dann erlosch auch das Licht hinter den Fenstern. Vermutlich würde ich ihn nie wiedersehen.
Ich zog die Visitenkarte aus meiner klammen Handtasche.
MIDNIGHT ECLIPSE SONNENSTUDIO.
Das muss die falsche sein. Ich wühlte in meiner Tasche. Haarbürste, Brieftasche, Lippenstift, Tampons. Aber es gab nur eine Visitenkarte.
Ich sollte ins MIDNIGHT ECLIPSE SONNENSTUDIO gehen, um mein neues Leben zu beginnen?
Ich zuckte mit den Schultern. Wohin ich gehen würde, und zwar schon nächsten Monat, war Mexiko. Aber wenn ich jetzt so darüber nachdachte, erschien es mir gar nicht schlecht, mich dafür ein bisschen vorzubräunen.
3
Und, wie war deine Verabredung?
Ich hob den Kopf und sah Amy Smith, seit vier Jahren meine beste Freundin und persönliche Amateur-Amorette. Ich versuchte eine Braue zu heben, was ihr, wie ich hoffte, sagte: »Verschwinde von meinem Schreibtisch.«
Meine Kopfschmerzen würden mich vermutlich in wenigen Minuten umbringen. Aber ein kleiner, tödlicher Kopfschmerz war kein Grund, einen kostbaren Krankentag innerhalb meines Jobs bei Saunders-Matheson zu nehmen, »Torontos erster Marketing-und-Promotion-Agentur«. Das waren wir jedenfalls laut unserer Website. Normalerweise hob ich mir meine Krankentage für die Momente auf, in denen ich mich richtig gut fühlte.
Ich war die Vorstandsassistentin für den »Saunders«-Teil des Firmennamens. Amy war die Assistentin für den »Matheson«-Teil und außerdem der Grund, warum ich den Job überhaupt bekommen hatte. Sie hatte ein gutes Wort für mich eingelegt, als die letzte Vorstandsassistentin vor drei Jahren einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte.
»Wow!«, meinte Amy. »Du siehst echt mies aus!«
»Danke vielmals!«
»Dann war es wohl eine tolle Verabredung, ja? Offenbar hast du nicht viel Schlaf bekommen, du kleiner Drachen.« Sie kicherte.
Hätte ich mich hundertprozentig auf dem Damm gefühlt, wäre ich vermutlich aufgestanden, hätte meine Finger um Amys cremeweißen Hals gewickelt und ihr das blöde blonde Leben aus dem Leib gewürgt. Stattdessen versuchte ich, wie eine Frau am Rand eines Nervenzusammenbruchs auszusehen. Was nicht weiter schwer war.
»Du hast mich veralbert. Der Kerl war ein völliger Versager.«
»Niemals.« Sie schüttelte den Kopf. »Er fuhr einen Porsche. Einen roten!«
»Ich sage es dir nicht gern, aber ich glaube, wir haben uns all die Jahre geirrt. Autos machen keine Männer. Er war ein Loser, der mich mit doppelten Margaritas betrunken gemacht hat und mich dann mitten im Nichts hat stehen lassen.«
Amy runzelte die Stirn, eine Miene, die auf ihrem hyperpositiven Gesicht nur sehr selten auftauchte. »Er hat dich stehen lassen? Was für ein Arsch. Also gut, vergiss ihn. Ich kenne da noch einen Typ, der einfach perfekt für dich ist.«
»Moment mal, du Kupplerin. Wo gräbst du diese Kerle eigentlich aus? Außerdem bist du doch selbst Single. Ich glaube, es hat etwas zu bedeuten, dass du all diese einmaligen Schnäppchen nicht für dich selbst behältst.«
Amy warf mir einen Blick zu, den man nur als »pah!« bezeichnen konnte.
»Weil, Sarah, sie für dich perfekt sind. Nicht für mich.«
»Arschlöcher sind perfekt für mich?«
»Du weißt, was ich meine.«
»Nein. Weiß ich wirklich nicht.«
Amy war dasjenige Mädchen in ganz Toronto, das am aufrichtigsten an die wahre Liebe glaubte, und nichts von dem, was ich sagte, konnte sie von etwas anderem überzeugen. Sie ging auf der Suche nach »dem Einen« mit mindestens zehn verschiedenen Typen im Monat aus. Sie war sicher, dass irgendwo da draußen ihr perfekter Seelenverwandter herumlief, und, bei Gott, sie würde ihn finden. Ich dagegen... Ich war auch mal so, aber jetzt stand ich Romanzen ein wenig nüchterner gegenüber. Seit einiger Zeit war mein perfekter Seelenverwandter meine Visa Card. Wir beide amüsierten uns prächtig im Eaton Centre, meinem Lieblingseinkaufszentrum.
Ich hatte schon vor meiner Zeit bei Saunders-Matheson keinen festen Freund mehr gehabt. Damals war ich mit einem süßen arbeitslosen Schauspieler ausgegangen. Er war der perfekte Freund, auch wenn er ein bisschen schmarotzte, jedenfalls bis er eine Rolle in einer Soap Opera in Los Angeles ergatterte. Als ich nach Hause kam, hatte er mir über meinen Anrufbeantworter kurzerhand den Laufpass gegeben. Dass ich die Maschine aus meinem Fenster im zehnten Stock warf, änderte an der Lage gar nichts.
»Also«, fuhr Amy fort und hielt ihre Hand mit gespreizten Fingern vor sich, um ihre neuen, pinkfarbenen Acrylfingernägel zu begutachten, »wenn du so früh zu Hause warst, wieso siehst du dann so mitgenommen aus?«
Trotz der Tatsache, dass ich meinen Schlaf vor allem mit diesem verrückten Traum zugebracht hatte, in dem ich ein Vampir war, fühlte ich mich gar nicht so schlecht. Genau genommen hatte ich den ganzen Morgen nicht mal einen Blick in den Spiegel geworfen. Ich war so spät aufgewacht, dass ich es nur knapp geschafft hatte, mich anzuziehen, bevor ich in diesen lächerlich grellen Sonnenschein hinausgetreten war.
Das liegt daran, dass Vampire kein Spiegelbild haben!
Ich runzelte die Stirn bei diesem Gedanken. Ich war kein Vampir. Es war ein Traum gewesen, verdammt!
»Hast du einen Handspiegel dabei?«, fragte ich Amy.
Sie schob ihre Hand in ihre pinkfarbene Jackentasche und zog ein Covergirl-Schminkdöschen heraus. »Hier.«
Ich klappte es auf und warf einen zögernden Blick in den winzigen Spiegel. Einen sehr langen Blick.
Sie hatte recht. Ich sah schlimm aus, hatte dunkle Ringe unter den Augen und was sonst noch so dazu gehörte. Aber dass es ein Spiegelbild gab, wie mies es auch aussehen mochte, beruhigte meinen paranoiden Verstand. Es war also nur ein Traum gewesen. Ganz offiziell.
»O nein! Die Teufelin persönlich ist gerade aufgetaucht.« Amy riss mir den Taschenspiegel aus der Hand, verschwand ohne ein weiteres Wort zu ihrem Schreibtisch auf der anderen Seite des mit Nischen vollgestopften Raumes und duckte sich hinter ihren Computer.
Mein Boss war bei ihrem Freitagmorgenfrühstück gewesen, mit dem Klienten, der diese Woche der Wichtigste war. Anne Saunders. Man nannte sie Missus Saunders. Nicht Miss oder Mrs.
Missus.
Sie beäugte mich, als sie aus dem Aufzug stieg und an meinem Schreibtisch vorbeiging, sagte jedoch nichts, nicht mal »guten Morgen«. Ich sah, dass sie auf den »Sarah-sieht-heute-mies-aus«-Zug aufgesprungen war. Normalerweise machte mir ihre Unfähigkeit, mit Menschen umzugehen, nichts aus.
Es musste genügen, Missus’ Saunders merkwürdige Jobs zu erledigen, ihre E-Mails zu verschicken, ihre Wäsche aus der Reinigung zu holen, so lange jedenfalls, bis ich herausgefunden hatte, was ich mit dem Rest meines Lebens anfangen wollte. Oder in der Lotterie gewann. Was jeden Tag passieren konnte.
Wenigstens konnte ich mich auf meine fabelhafte MexikoReise freuen. Es würde das erste Mal in meinen achtundzwanzig Lebensjahren sein, dass ich Kanada verließ. Es sei denn, man zählte die Einkaufstrips über die Grenze nach Buffalo mit. Auf meinem Passfoto sah ich zwar ein bisschen aus wie meine Tante Mildred, aber ich konnte mich nicht beschweren. Ich würde bald Pina Coladas und eine schöne, tiefe Sonnenbräune genießen.
Dunkle Sonnenbräune.
Aus irgendeinem Grund kam mir der Name »Midnight Eclipse« in den Sinn. Ach ja, richtig, die Visitenkarte des Sonnenstudios, die Thierry mir in dem Traum gegeben hatte.
Vampire und Sonnenbänke? Ich schüttelte den Kopf bei dem Gedanken. Na sicher, das passte bestimmt wunderbar zusammen!
Ich ging zu der kleinen Kochnische und warf die Kaffeemaschine an. Dann wurde mir klar, dass ich heute noch nicht einmal meine morgendliche Kaffeedosis bekommen hatte. Merkwürdig. Normalerweise war Kaffee das Erste, woran ich dachte, wenn ich zur Arbeit kam. Ich musste noch kaputter gewesen sein, als ich dachte.
Anschließend ging ich wieder an meine Arbeit, das heißt, mein aktuelles Solitärspiel.
Ein paar Minuten später summte mein Telefon.