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Dieses Buch nimmt den Leser mit auf eine abwechslungsreiche Reise quer durch verschiedene Genres. Hier macht er unter anderem Bekanntschaft mit Cyber-Omis, gespenstischen Verlobten, tierischen Polizeiverbündeten oder erlebt die erstaunliche Wandlung eines Ex-Präsidenten. Nachdenklich bis tragisch. Komisch bis bissig-satirisch. Kriminalistisch. Spannend. Geheimnisvoll. Märchenhaft. 31 Geschichten zum Lachen, Weinen, Nachdenken und Wundern.
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Seitenzahl: 162
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Dieses Buch nimmt den Leser mit auf eine abwechslungsreiche Reise quer durch verschiedene Genres. Hier macht er unter anderem Bekanntschaft mit Cyber-Omis, gespenstischen Verlobten, tierischen Polizeiverbündeten oder erlebt die erstaunliche Wandlung eines Ex-Präsidenten. Nachdenklich bis tragisch. Komisch bis bissigsatirisch. Kriminalistisch. Spannend. Geheimnisvoll. Märchenhaft. 31 Geschichten zum Lachen, Weinen, Nachdenken und Wundern.
So bunt und vielseitig wie ihre Heimat Nordrhein-Westfalen sind auch die Geschichten, die sie schreibt. Die Autorin lebt mit ihrem Ehemann in der Nähe von Dortmund. Das Zuhause teilen sie sich mit zwei Katzen. Im Jahr 2018 stürzte sie sich nach einer langen Schreibpause erneut in das Abenteuer Schreiben. Seitdem skizziert sie phantasievoll und einfühlsam den alltäglichen Wahnsinn auf unterschiedlichste Weise in ihren Geschichten.
Drei in Eins
Männer morden anders
Hitchcock lässt grüßen
Der Vorgarten von Eden
Das Märchen von den verlorenen Märchen
Diamonds are a girl’s best friend
Heiße Milch mit Honig
Hilde
Metamorphose
Tante Irmas Geheimnis
Opa nervt
Tiefer Fall
Unvollendet – Ein Serienmörder erzählt
Gulasch mal anders
Weihnachtswahnsinn
Ein B steht selten allein
Lenas Vermächtnis
Man muss den roten Knopf drücken
Josefine
Zukunftspläne
Ein dicker Hund
Rosen für Tante Frieda
Dunkle Stunden
Plädoyer für Sebastian Sommer
Frühstück in Hannover
Weihnachtsmann Ahoi
Ein neues Outfit für Isi
Eines dieser Bücher
Projekt G
Gazellen werden von Löwen gefressen
No risk, no fun
„Über jedem guten Buch muss das Gesicht des Lesers von Zeit zu Zeit hell werden.“
(Christian Morgenstern)
Pleite! Zu allem Übel war jetzt auch noch seine kostspielige Frau dahintergekommen. Die packte gleich ihre Koffer, nachdem sie einem heftigen Wutanfall freien Lauf gelassen hatte. Der nunmehr mittellose Helge saß vor dem Foto seines verstorbenen Vaters und hielt einsame Zwiesprache mit dem Dahingeschiedenen. Zu Lebzeiten war dieser ein gewitzter Geschäftsmann gewesen, der Helge in seiner misslichen Lage jetzt sicher mit Rat und Tat unterstützt hätte.
Helges Blick fiel auf die Konservendose Campbell's Tomato-Soup, original aus dem Jahr 1962. Die Rarität war auf Vaters Schreibtisch neben dem Telefon platziert.
So oft Helge das Foto auch betrachtet hatte, die Dose darauf war ihm nie aufgefallen. Typisch für Papa! Er hatte auf dieses Kleinod immer sorgsam achtgegeben.
»Für schlechte Zeiten«, hatte er mitunter gesagt und dabei bedeutungsvoll gezwinkert.
»Die Zeiten könnten kaum schlechter sein«, klagte der Pleitier und schickte einen Stoßseufzer hinterher.
Dann, einer Eingebung folgend, marschierte Helge hinunter in den Keller. Die Suppe musste dort noch irgendwo lagern. Er kramte in Schränken und Kisten, bis er endlich die Konserve in den Händen hielt. Schließlich betrat er die Küche und fingerte einen Dosenöffner aus der Besteckschublade.
Der Inhalt war nicht der Erwartete. Statt roter Brühe, nach all der Zeit vermutlich verdorben, erblickten seine Augen ein weißes Pulver. Zucker! Wieso denn Zucker? Oder war es Salz?
Helge bohrte seinen angefeuchteten Zeigefinger in die noch nicht identifizierte Masse und schleckte die Substanz ab. Seine Stirn legte sich in Falten, denn es handelte sich weder um das eine noch um das andere. Abwechselnd betrachtete er seinen Finger und das Pulver in der Suppendose. Sieht aus wie Schnee, dachte Helge.
Just kam ihm ein unerhörter Verdacht.
»Papa, du Schlitzohr. Das hätte ich niemals von dir erwartet«, wetterte er entrüstet. Was fing er mit dem Zeug jetzt an?
Verkaufen? Diese Idee verwarf Helge sofort wieder. So etwas machten nur Kriminelle.
Papa posthum zu denunzieren, kam auch nicht in Frage. Andernfalls hätte er den Stoff der Polizei übergeben.
Also blieb nur eine Option. Ab in den Müll mit dem unliebsamen Fund. Noch bevor er den Deckel des Abfalleimers geöffnet hatte, erinnerte Helge sich daran, dass man Drogen im TV immer in der Toilette entsorgte. Da zeigte es sich wieder einmal, Fernsehen bildete.
Auf dem Weg Richtung WC fiel ihm aus heiterem Himmel sein alter Sandkastenfreund Luigi ein. Mit dem hatte er lange nicht mehr gesprochen. Helge stellte die Dose erstmal beiseite und wählte die Nummer seines Buddys.
Luigi freute sich über den Anruf und noch mehr über die Aussicht auf ein lukratives Geschäft. »Ich spreche mit der Familie«, sagte er und gab Anweisungen.
»Aha«, wiederholte Helge die Instruktionen. »Zehn-Gramm-Portionen abwiegen, in kleine Plastiktütchen füllen und verschließen.« Das war alles!
Schon abends käme ein Kurier vorbei, um die Ware abzuholen. Luigi sicherte Helge ein Honorar von zwanzigtausend Euro zu. Gar nicht mal so schlecht in Zeiten der Not, fand dieser.
Luigi war ein netter Mensch, sinnierte Helge. Immer so hilfsbereit. Die ganze sizilianische Großfamilie hatte eine ausgeprägte soziale Ader. Voller Hingabe unterstützten sie Restaurantbetreiber und Kneipenwirte in Sicherheitsfragen.
Helge stellte die benötigten Utensilien zusammen. Ein Tablett sowie die Dose mit dem Pulver. Als Briefmarkensammler lagerte er sogar kleine Plastikhüllen. Es fehlte nur noch etwas zum Abwiegen.
Wozu lange Suchen? Es gab jemanden, den er fragen konnte: »Mama Mia«, rief er. »Wo finde ich die Küchenwaage?«
Mama Mia war seit Jahren die gute Seele im Hause Oswald. Unbemerkt wie die Heinzelmännchen sorgte sie Tag für Tag für eine wohnliche Atmosphäre und strahlende Sauberkeit. Diskret hielt sie sich stets im Hintergrund.
»Unten links im Schubladenschrank, Chef«, kam prompt die Antwort aus dem hintersten Winkel des Hauses.
»Danke Mama Mia«, rief Helge dem emsigen Hausgeist zu und stellte die Waage zu den anderen Gegenständen auf das Tablett.
Endlich saß er vollständig ausgerüstet auf dem Sofa. Bereit für die Abfüllaktion.
Dem standen einzig und allein seine Grübeleien im Wege. Die veranlassten ihn auch dazu, sich völlig geistesabwesend wieder zu erheben. Das Tablett auf seinen Knien hatte er dabei komplett vergessen. Alles flog im hohen Bogen auf den Teppich.
Helge schlug sich die Hände vors Gesicht. »Oh, no!«, schrie er aus und traute sich gar nicht, hinzuschauen. Vorsichtig lugte er zwischen zwei Fingern hindurch und sah das Dilemma.
Um Fassung ringend meinte er, ein Tropfen Alkohol zur Beruhigung wäre ratsam, bevor er alles wieder in Ordnung brächte.
Die letzte Flasche seiner bevorzugten Rotweinmarke befand sich ebenfalls im Keller.
Dort unten griff Helge außerdem zu Kehrschaufel und Besen, um damit das Kokain zurück in die Dose zu befördern. Ein wenig Staub darin sollte kein Problem darstellen, es sei denn für einen Allergiker.
Helge, nicht bekannt für seine Schnelligkeit, hatte einige Minuten Zeit benötigt, bis er wieder im Wohnzimmer eintraf. Dort traute er seinen Augen nicht. Der Fußboden war porentief rein. Das Tablett mit den Utensilien stand wieder ordentlich auf dem Tisch. Um Himmels willen! Sofort rannte er in die Küche und suchte nach Mama Mia. Zu spät. Die sah er nur noch durch das Fenster freundlich winkend in ihrem Cabrio davonbrausen. Er winkte zurück und erklärte seine fleißige Haushälterin zu einem übereifrigen Trampel.
Hoffentlich hatte sie nicht obendrein den Beutel ausgewechselt, überlegte er und schleppte den Staubsauger stöhnend ins Wohnzimmer.
Auf irgendeine Art musste er das Zeug in die Tütchen bekommen. Zuvor öffnete er aber die Weinflasche, schenkte sich ein und kippte das Glas mit dem edlen Tropfen in einem Zug hinunter. Langsam entspannte er sich.
Draußen dämmerte es schon. Während Helge darüber nachdachte, wie er dem Saugmonster zu seinen Füßen das begehrte Pulver wieder abringen konnte, positionierte sich im Garten der Drogenkurier und richtete das Zielfernrohr seines Gewehres aus. Ein schallgedämpfter Schuss reichte aus, um zum Nulltarif an die Ware zu kommen.
Derweil wurde es Helge flau im Magen. Sein Zustand war bedenklich. Das Herz raste. Das Atmen fiel ihm schwer.
Schlagartig war das letzte Licht des Tages der nächtlichen Dunkelheit gewichen. Ein paar Stunden nur und ein neuer Tag bräche an. Das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Nur nicht für Helge, der musste nun den Löffel abgeben.
Die kluge Ehefrau sorgt vor. So auch Frau Oswald. Seit dem Abschluss der hohen Lebensversicherung für ihren Gatten hatte sie für alle Fälle ein Fläschchen Gift in ihrem Kosmetikkoffer deponiert. Die Anwendung war todsicher, wie der Verkäufer im Darknet glaubhaft versichert hatte. Frau Oswald war äußerst zufrieden mit der unkomplizierten und freundlichen Abwicklung des Handels. Deshalb bewertete sie den Anbieter mit fünf Sternen und dem Kommentar: jederzeit gerne wieder!
Es war nicht schwierig gewesen, die Rotweinflasche mit dem Wirkstoff zu präparieren. Bei ihrem Auszug hatte sie das Haus dann mit dem guten Gefühl verlassen, in naher Zukunft wieder über ausreichend finanzielle Mittel zu verfügen.
Helge kämpfte seinen finalen Kampf. Mühsam erhob er sich ein letztes Mal vom Sofa. Das Zimmer war hell erleuchtet. Zum Sterben eher unpassend. Aber des einen Leid, des anderen Freud. Denn dem Schützen im Garten erleichterte es die Arbeit. Es war ein sauberer Schuss direkt ins Herz. Die Kugel traf gleichzeitig mit dem Herzstillstand ein, den das Gift im Wein ausgelöst hatte. Was für ein Timing!
Helge stürzte unglücklich. Bevor auch das Gehirn endgültig abschaltete, knallte er mit dem Hinterkopf höchst übel auf den Staubsauger. Die tödliche Kopfverletzung fiel unter den gegebenen Umständen überhaupt nicht ins Gewicht. So war Helge nun mal. Immer tollpatschig.
Seine letzte Station war der kühle Keller der Pathologie. Die Leiche auf dem Tisch gab Rätsel auf. Todesursache und -zeitpunkt konnten nicht zweifelsfrei geklärt werden.
Deswegen verweigerte die Lebensversicherung die Auszahlung. Die Witwe war außer sich.
»Natürlich!«, fluchte sie erbost. »Auf Helge konnte ich mich noch nie verlassen!«
Lothar Lehmann sah auf seine Armbanduhr und dann wieder in das bleiche Gesicht der Verdächtigen. Mit den Fingern trommelte er auf der Tischplatte herum. Gerade in diesem Moment war der Anpfiff seiner Lieblingsmannschaft.
»Reden Sie endlich!«
Pia Berger atmete tief ein und senkte ihren Blick. »Wie oft denn noch? Ich habe nichts mehr zu sagen«, müde wischte sie sich mit der Hand durchs Gesicht. »Ich bin unschuldig!«
»Genau das, meine Liebe, glaube ich nicht. Haben Sie es sich überlegt?«
Pia blickte ihn fragend an.
»Immer noch keinen Rechtsbeistand? An Ihrer Stelle würde ich nicht darauf verzichten.«
»Doch! Ich brauche keinen Anwalt« erwiderte Pia verängstigt.
Lehmanns junge Kollegin lächelte ihr aufmunternd zu. »Der Hauptkommissar hat Recht. Denken Sie besser noch einmal darüber nach. Noch Kaffee, Frau Berger?«
Pia winkte ab.
»Also, halten wir noch einmal fest!« Lehmann blätterte in der Akte und knallte sie zurück auf den Tisch. »Sie hatten ein Motiv und die Gelegenheit. Was Sie nicht haben, ist ein Alibi. Dann ist da der Zeuge, der Sie am Tatabend vor dem Haus des Opfers gesehen hat. Und die Bits und Bytes auf Ihrem Computer sprechen eine ganz eigene Sprache.«
Trotz der Erschöpfung machte Pia sich gerade in ihrem Stuhl. »Eine Verwechslung! Seit damals war ich kein einziges Mal mehr bei Tom. Ehrlich, Herr Kommissar!« Sie schloss kurz die Augen. »Was bitteschön meinen Sie denn damit? Was ist mit meinem PC? Ich verstehe das alles nicht.« Ratlos hob sie die Arme und ließ sie wieder sinken.
»Seit Stunden halten Sie mich hier fest. Bezichtigt, meinen Ex-Verlobten ermordet zu haben.« Eine einsame Träne rollte ihr die Wange hinunter, als sie weitersprach. »Sie glauben wirklich, dass ich das getan habe! Und dann noch auf diese Weise? Ich sagte doch schon, ich kann es gar nicht gewesen sein. Selbst, wenn ich es gewollt hätte. Meine Phobie ...«
Lehmann blieb ungerührt. Auf die Tränenmasche fiel er nicht herein. Das hatten vor ihr bereits viele andere versucht.
»Hören Sie doch auf! Ihre Phobie, die nehme ich Ihnen schon gar nicht ab.«
»Aber ich ...«
»Das würde ich an Ihrer Stelle auch behaupten«, polterte Lehmann wieder dazwischen. »Ihr Ex hat Sie auf ziemlich üble Weise abserviert.«
Der vertrauliche Ton und die gedämpfte Stimmlage seiner Kollegin irritierten Lehmann, als diese sich über den Tisch zu Pia hinüber neigte: »Mal ehrlich, wenn mein Freund nach zwei Jahren Beziehung per SMS mit mir Schluss machte, würde ich auch Rachepläne schmieden. Und dann dieses Foto von ihm und seiner Neuen, einer langbeinigen Blondine.« Die Nasenflügel der Polizistin zitterten leicht, so dass sich das Piercing hin und her bewegte. Sie scrollte in Pias sichergestelltem Handy. »Hier, dieses Foto. Und noch schlimmer der Begleittext: Tschüss Pia! Wie du siehst, habe ich mich verbessert. Drunter drei winkende Emojis. Widerlich! Echt widerlich!«
Lehmann spielte derweil mit dem Kugelschreiber zwischen seinen Fingern und musterte die junge Beamtin. Unangemessen, wie sich das Mädel da reinhängte. Glaubte die etwa, das brächte sie hier auch nur einen Schritt weiter? Frauensolidarität?
Beim Wort Blondine griff sich die zierliche Pia unwillkürlich in ihr schwarzes Haar. »Natürlich war ich damals verletzt. Aber das ist doch Schnee von gestern. Es ist ein halbes Jahr her.«
»Nicht gerade viel«, fand Lehmann.
»Tja, ich habe eben schnell begriffen, dass er es nicht wert war. Ich war einfach nur wütend.«
»Sehen Sie! Wenn das kein Bilderbuchmotiv ist.« Der Kommissar verschränkte die Hände hinter dem Kopf und lehnte sich in seinem Sessel zurück. »Übrigens, so tötet nur eine Frau. Das kann kein Mann gewesen sein. Männer morden anders!«
»Wer ist denn überhaupt dieser ominöse Zeuge?«, wollte Pia wissen.
Erwartete sie eine Antwort darauf? War sie so naiv oder eher so abgebrüht? Lehmann taxierte die Verdächtige und erwiderte: »Darüber darf ich keine Auskunft geben! Wieso fragen Sie?«
»Aber nicht Marc Schneider? Der wohnt da nämlich. Wissen Sie, dass ich den mehrmals abgewiesen habe?«
»Und?«, warf Lehmann hin.
»Ein echt unangenehmer Kerl. Ein richtiger Freak. Seine Belästigungen wurden immer massiver. Ich kannte ihn durch Tom. Sie waren Arbeitskollegen und Nachbarn. Vielleicht will der mir etwas anhängen? Aus Rache!«
»Mmmh, interessanter Gedanke.« Ein schiefes Lächeln begleitete den ironischen Unterton des Kommissars.
Die junge Beamtin tippte eifrig etwas in ihr Tablet. Lehmann verdrehte die Augen. Fräulein Oberschlau wieder, dachte er. »Sie müssen das nicht mitschreiben. Es gibt derzeit keine Hinweise darauf, dass der Mann etwas mit dem Mord zu tun haben könnte, und ich sagte doch schon …, ach egal.«
Dann wandte er sich wieder der Verdächtigen zu. »Die Dateien auf Ihrem Computer konnten wir lückenlos wiederherstellen. Sie haben sie im Darknet bestellt.«
»Darknet? Was? Wovon reden Sie eigentlich? Das ist absurd. Ich habe noch nie etwas im Darknet bestellt. Vielleicht ein ...«
Er kam ihr abermals zuvor: »Und jetzt kommen Sie mir nicht damit, dass sie gehackt wurden.«
Wieder warf Kommissar Lehmann einen Blick auf die Uhr. Gleich war Halbzeit! Zu gerne hätte er den Spielstand gewusst.
Pia unterbrach seine Gedanken.
»Außerdem war dieser Marc Schneider hinter Toms Job her. Als nicht er, sondern Tom befördert wurde, waren einen Tag später alle vier Reifen an Toms Auto zerstochen. Und der war sich sicher, dass nur Marc dahinter stecken konnte.«
»So weit, so gut, Frau Berger.« Lehmann zog das Mikro näher zu sich heran: »Der Mann soll reinkommen, bitte.«
Einen Augenblick später öffnete sich die Tür und jemand trug einen abgedeckten Behälter in den Verhörraum.
»Auf den Tisch«, wies der Ermittler den Experten an. Der junge Typ stellte die Box ab und wartete auf weitere Instruktionen.
»Nun nehmen Sie schon die Abdeckung runter.« Auf die Reaktion der Beschuldigten war Lehmann überaus gespannt. »Voilà, die Tatwaffe. Phoneutria - zu deutsch Bananenspinne. Eine der Giftigsten ihrer Art.«
Er beobachtete die Verdächtige genau. Keine Regung, keine Spur von Angst oder Hysterie. Sie saß ungerührt da und schaute auf die achtbeinige Polizeiverbündete. Die Schlinge der Indizienkette zog sich immer enger um ihren Hals. Sicher gestand sie bald.
»Na, wo ist sie denn, Ihre Phobie? Sie sitzen hier seelenruhig herum und mustern das Tierchen.«
»Chef, Chef. Hören Sie auf! Sehen Sie denn nicht, dass es Frau Berger schlecht geht?«
Noch bevor die Kommissarin ihren Satz beendet hatte, fiel Pia einfach vom Stuhl und knallte unsanft auf den Boden.
»Schnell, der Notarzt soll kommen!« Lehmanns Kollegin war mit einem Satz bei der Bewusstlosen. Der Arzt verabreichte Pia zwei Spritzen und hängte sie an einen Tropf, bevor sie ins Krankenhaus abtransportiert wurde.
Lothar Lehmann stand mit gesenktem Kopf am Tisch des Verhörraumes. Die Hände hatte er in den Hosentaschen vergraben. »Doch 'ne Phobie.« Ungläubig schüttelte er den Kopf. »Der Tatverdacht gegen Pia Berger hat sich als falsche Spur erwiesen«, gab er zu Protokoll und schloss die Akte.
Wenigstens schaffte er es jetzt noch zur zweiten Halbzeit.
Einer der ersten Frühlingstage hatte sogar die bequemste Couchpotato aus dem Haus getrieben. Das kleine, sonst so verschlafene Nest war an diesem Tag kaum wiederzuerkennen. Auf dem Marktplatz wimmelte es wie in einem Ameisenhaufen. Sogar die Kids mit ihren Skateboards mischten sich unter das Volk. An der Bushaltestelle hatten sich so viele Wartende versammelt, dass man den Eindruck gewann, es gäbe Freifahrttickets.
Selbst das altmodische Café erzielte heute noch einmal stattliche Umsätze, bevor es endgültig in die Insolvenz ging. Sämtliche Tische draußen waren besetzt und mit Leckereien überladen. Wer dachte an so einem herrlichen Tag schon an Vollwertkost?
Das betagte Ehepaar auf der Bank am Brunnen reckte synchron die alten Knochen, während beide ihre Gesichter wohlig der Sonne entgegenstreckten. Ein in die Jahre gekommener rheumatischer Hund döste entspannt zu ihren Füßen.
Er war auch der Erste, der sich mühsam auf seine kurzen Beine stellte, die Ohren spitzte und nervös Löcher in die Luft starrte. Nach und nach verstummte das Stimmengewirr der Leute. Stattdessen näherte sich ein ohrenbetäubendes Kreischen. Der Himmel wurde von einem riesigen Schwarm verdunkelt. Vogel für Vogel ließ sich auf dem Marktplatz nieder. Die Tiere wirkten aggressiv.
Während die Schwarzgefiederten das Geschrei eingestellt hatten, hörte man jetzt einzelne Personen angsterfüllte Schreie ausstoßen.
Na, hier wurde ja zum »Internationalen Alfred-Hitchcock-Tag« echt was geboten. Wahrhaft gelungen und realitätsnah das ganze Spektakel.
Die panische Menge hatte gewiss keine Kenntnis darüber, dass es sich um eine Animation handelte.
Schöne, neue Welt. Virtuell Reality 2.0.
Manchmal, wenn man sich ganz innig etwas wünscht, dann können Herzenssachen in Erfüllung gehen. Nicht nur im Märchen. Egal, wie illusorisch dein Begehren ist, halte fest daran. Vielleicht geschieht ein Wunder.
Judith hatte so einen Wunsch. Ihre Zwillingsschwester war durch einen tragischen Unfall schlagartig aus dem Leben gerissen worden. Es schien eine unlösbare Aufgabe für Judith zu sein, ohne Jana weiterzuleben. Wie eine Gefangene hielt sie der Schmerz fest in seinem Kerker. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als wieder mit ihrer zweiten Hälfte vereint zu sein.
Judith besuchte Jana an ihrem Grab. Sie setzte sich auf eine Bank gegenüber der Ruhestätte. Dort dachte sie intensiv an die Zeit zurück, in der sie Kinder waren. Bilder tauchten auf. Zwei Mädchen auf einer sommergrünen Wiese, Hand in Hand. Flatternde Haare im Wind, geblümte Kleider. Die Erinnerungen an glückliche Zeiten spendeten keinen Trost.
»Du musst durch die Pforte gehen!«, hörte sie mit einem Male ein Flüstern in ihrem Kopf. Wie aus dem Nichts erschien eine Türe vor ihren Augen, deren goldglänzende Flügel sich langsam auftaten. Zögernd setzte der verwaiste Zwilling den ersten Fuß über die Schwelle und zog den zweiten hinterher.
Jenseits des Tores durchtränkte silberdurchwirktes Licht Judiths gemarterte Seele und ließ alle Wunden im selben Moment heilen. Vor ihr stand Jana. Die Zwillinge fielen sich wortlos in die Arme. Judith spürte deutlich die Wärme ihrer Schwester, als sie einander umklammerten. Sie waren wieder vereint.
Judith drehte sich selig um ihre eigene Achse, dabei breitete sie die Arme aus. »Wo sind wir? Es ist so wunderschön hier.«
Gemeinsam standen sie auf einem Hügel und schauten in die Ferne. Am Fuße der Anhöhe schmiegte sich glitzerndes Wasser sanft an Land. Das Gras reichte ihnen bis zu den Knien, die Grüntöne in Schattierungen, die Judith nie zuvor gesehen hatte. An diesem Ort schienen die Grenzen des Farbspektrums aufgehoben zu sein. Die Landschaft explodierte in unzähligen Nuancen von durchscheinend bis intensiv.
Judith pflückte zwei sonnengebadete Blüten und steckte eine davon Jana ins Haar, die andere sich selbst. Alle Sinne schienen sich miteinander zu verknüpfen. Farben hatten Töne. Töne verströmten Düfte. So waren sie umgeben von einer ständigen, alles durchdringenden Symphonie des Lebens.
