Ein beschneites Feuerwerk - Harry Schmidtt - E-Book
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Ein beschneites Feuerwerk E-Book

Harry Schmidtt

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Beschreibung

Industriegestalterin Rike ist keine Außenseiterin und auch nicht privilegiert. Sie muss als allein erziehende Mutter Geld verdienen. Doch ihr Beruf wird nicht mehr benötigt. Und sie hat keine Schulter, um sich mal anzulehnen. Statt die neuen Freiheiten zu nutzen, arbeitet sie sich ab an deren Zwängen. Manchmal aber bricht sie aus. Da sprühen an ihrem Himmel die Funken. Eine tapfere, illusionslose Suche nach Sinnerfüllung im Leben, nach Schönheit und Glück. Eine Liebesgeschichte jenseits aller Klischees. Tiefen auslotend, sinnlich, pointiert.

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EPUB

Seitenzahl: 626

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhaltsverzeichnis

Impressum

Teil I: Rike und Robert

1

2

3

Nachruf 1

Nachruf 2

Nachruf 3

Nachruf 4

Nachruf 5

Nachruf 6

Teil II: Rike und Felix

1

2

3

Mühle eins

Mühle zwei

4

5

6

7

8

9

10

11

Teil III : Jahreswende

1

Epilog

Anhang

Wörter und Wendungen aus anderen Zeiten

Quellen

Der Autor

Impressum

Harry Schmidt

Ein beschneites Feuerwerk

Sinnsuche und Liebesleben der Ulrike B. in zwei Systemen

ISBN 978–3–95655–903–7 (E–Book)

ISBN 978–3–95655–902–0 (Buch)

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

© 2018 EDITION digital Pekrul & Sohn GbR Godern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinnow Tel.: 03860 505788 E–Mail: verlag@edition–digital.de

http://www.edition–digital.de

Teil I: Rike und Robert

1

Alles geht jetzt so schnell. Rike muss schon blinken, muss schon einbiegen in die Pappelallee. Die Straße dreht sich. Schwenkt für einen Wimpernschlag weiter, als gerate sie ins Trudeln. Stoppt dann aber. Die kahlen Bäume – eben noch eine Wand aus überhohen Palisaden – lösen sich von einander, formieren sich zu Fluchten. Und gleiten stumm vorbei. Wie Schattenbilder, regengrau, verwaschen, gleichgültig. Rike entspannt sich, lächelt: Das da draußen hat etwas Unwirkliches, wenn man im Auto sitzt. Eine der vielen gefährlichen Illusionen! Sie wusste es schon früher; so was merkt man auch als Beifahrerin. Und zieht seine Schlussfolgerungen. Trotzdem, manches war einfacher, als sie noch mit dem Rad fuhr. Und umständlicher.

Der Nieselregen legt sich immer wieder als Schleier auf die Frontscheibe. Wird immer wieder verlässlich weggewischt. Rike genießt das schon. Sie hat sich längst gewöhnt an ihren kleinen, wendigen Eins–Einser. Auto fahren macht ihr inzwischen sogar Spaß. Sie versucht allerdings, möglichst wenig zu schalten. Ihr Bein mag es nicht, wenn sie die Kupplung tritt. Schmerzt heftiger als beim kontinuierlichen Strampeln auf dem Fahrrad.

Am Glaskasten des verwaisten Pförtnerhauses bremst sie vorsichtig, blinkt wieder. Der Schlagbaum steht jetzt immer offen, wurde in der Senkrechten arretiert. Rike findet es nach wie vor seltsam, ja ein wenig vermessen, einfach mit dem privaten Pkw auf das Gelände des ehemaligen Kombinates zu rollen.

Dann wird es kompliziert. Überall neue hohe Metallzäune. Neue Firmenschilder. Die Straßenführung gleicht einem Irrgarten. Dort wo früher der Flachbau mit der EDV-Technik stand, erhebt sich – fast schon fertiggestellt – ein dreigeschossiges Verwaltungsgebäude. Die Front aus Glas und Aluminium, im Mittelteil geradezu sakral aufsteigend. Dahinter das durchsichtige Treppenhaus, hell erleuchtet. Die Flügel zu beiden Seiten enden in Türmen. Gekrönt von kupfernen Kuppeln.

Rike verzieht jeden Morgen den Mund, spöttisch und angerührt zugleich: SEINE RESIDENZ! Am Firmenlogo wird noch geschraubt.

Der neue Parkplatz aus rötlichen, ineinander verschränkten Pflastersteinen, matt glänzend im Nieselregen und vollgestellt mit Autos. Fast nur noch Marken aus dem Westen! Da fällt sie mit ihrem kleinen Eins-Einser schon wieder aus dem Rahmen. Zusätzlich stehen noch viele Transporter von Handwerkerfirmen hier. Dazwischen Fliesen, Kabelrollen, Sanitärzubehör, ein Abfallcontainer, transportable Toilettenhäuser. Rike wird sich hüten, dazwischen zu parken. Sie wendet. Weiter vorne vor einer der neuen Firmen ist Platz. Da steht nicht ein Auto, ganz als habe man die Geschäftstätigkeit bereits wieder aufgegeben. Das Tor ist mit Panzerschlössern versperrt. Rike überzeugt sich, dass sie ihre Handbremse angezogen hat. Sie öffnet die Tür. Und lässt sie wieder zufallen. Der Unternehmer da vorne hat es versucht und ist gescheitert. Na und! Sie hat es auch versucht. Aber sie kann das nicht mit ihrem Bein. Sie ist für die Marktwirtschaft nicht geschaffen!

Ein Blick zum Innenspiegel: Der kahle Hals, schutzlos, ein dünner, weißer Stängel. Die Haare weg. Ihr schönes, dunkles Fließen bis hinab zum Gürtel ratzfatz beendet. Mit der Küchenschere und mit Annes Hilfe. Unumkehrbar, ohne RETURN-Taste. Rike starrt sich böse an. Reine Bilderstürmerei! Wie bescheuert war sie eigentlich! Und ist doch immer so stolz darauf, dass sie ihre Gedanken bis zu Ende denkt. Gerade mit so einem Bein!

Sie schiebt den Zündschlüssel ins Schloss. Startet den Motor. Legt den Gang ein. Zögert, den Fuß auf der Kupplung, die struppigen Brauen zusammengezogen. Wohin denn? Anne wird sie verwundert angucken unter ihren Schlupflidern. Die Mutter wird sich vortasten, als bewege sie sich auf vermintem Gebiet, um schließlich doch das Tabuthema Operation anzusprechen.

Rike schaltet die Zündung wieder aus. Stößt die Tür auf. Und rutscht vorsichtig nach draußen. Die Regenluft, ein prickelndes, herrlich kaltes Tuch. Wenn nur das Knie nicht wäre! Dort beißt und brennt es jetzt schon. Als hätte Rike bereits den halben Tag am Reißbrett gestanden. Sie wird Mühe haben, die Treppe hochzukommen, obwohl die doch breit und bequem ist. Projektiert nach den neuen Vorschriften. Sie zwingt sich, langsam zu gehen. Auf die paar Minuten kommt es auch nicht mehr an! Und dann sieht sie sich nach oben schweben. Sieht sich gehalten, getragen von Männerarmen, die teuer nach Tabak duften. Sieht blütenweiße Manschetten, den breiten Ehering. Sie schüttelt ärgerlich den Kopf: Pubertäre Anwandlungen, späte Teenager-Fantasien. Sie will das nicht! Sie ist mehr denn je ein Krüppel. Das hat das neue alte System noch deutlicher gemacht. Alleinerziehend, mit einer Tochter, die bereits zur Schule geht. Und überhaupt hat der Chef anderes zu tun, als sich um seine hinkende Mitarbeiterin zu kümmern. Der hat nächste Woche seinen großen Tag. Den Tag, auf den er – wie er sagte – seit der Wende mit aller Kraft hinarbeitet.

Rike lächelt in sich hinein. Sie muss ihm schon wieder dankbar sein. Sie kommt einfach nicht los von diesem Menschen – diesem Mann. Andere hatten schon hundert Bewerbungen geschrieben. Sie bekam Post vom Chef persönlich. Einen mit der Hand geschriebenen Brief. Von ihm, der immer in Eile war, sich nie Zeit nahm. Kalkül? Sicher, auch das. Die Buchstaben akkurat, wie gestochen. Mit gelegentlichen Ausreißern, kühnen Strichen, Bögen steil aufwärts. Liebe Rike, begann sein Brief, nun ist es endlich so weit. Man sei nicht mehr die verlängerte Werkbank, schrieb er, man könne endlich wieder kreativ arbeiten … Es klang, als habe er sich vor allem für sie, Ulrike Bittner, so erfolgreich abgemüht. Ja, sie hatte allen Grund, erneut dankbar zu sein.

Sie erschrak zunächst, wie schmal er geworden war – ihr neuer alter Chef. Sie könnten die Eigenentwicklungen in aller Ruhe vorbereiten, versicherte er, etwas fahrig lächelnd. Kein führender Genosse mache ihnen da Vorschriften. Sie müssten nur sehen, dass sie zur Messe die ersten Musterhäuser … Ihm schwebe da so ein HERRENHAUS FÜR JEDERMANN vor. In landestypischer Architektur.

Warum ein Haus fürHerren? Und was war überhaupt typisch für diese Gegend? In grausigem Material-Mix ausgebaute Gutsarbeiterkaten? Einfamilienhäuser wie Trutzburgen, mit Tiefgarage und steilem Satteldach? Rike hatte da viele Fragen, aber sie sagte nichts. Sie hat sich vorgenommen, in der Marktwirtschaft den Mund zu halten. Sie wollte diese Knall auf Fall – Vereinigung nicht; sie macht sich da keine Illusionen. Sie nicht!

Apropos Musterhäuser …, fuhr er fort. Und gab sich wieder väterlich wie früher. Nur die Brombeeraugen blieben unruhig, fanden nicht zu der alten warmen Tiefe. Diese Wohnung im Terrassenblock habe ja keine Zukunft mehr. Jeder, der irgendwie könne, ziehe raus aus der Platte. Er zwinkerte Rike zu, legte den Kopf schief. Und kaufe sich ein Haus bei ODEINHEIM.

Ach, meinte Rike, bisher sei nur die Familie über ihr ausgezogen, die mit der Stasi-Vergangenheit.

Das komme noch, versicherte er lächelnd. Man brauche da nur in die alten Länder zu fahren. Und er fahre oft dorthin; denn dort sitze ja sozusagen das neue POLIT-BÜRO. Er zwinkerte wieder. Das soziale Image der Plattenbauten drüben sei nicht vergleichbar, sei geradezu konträr.

Rike lächelte friedlich zurück: Wenn er meint! Noch fühlte sie sich ganz wohl in der Wohnung, die er ihr mal verschafft hatte.

Er beugte sich vor, und Rike sah nun noch deutlicher die vielen Falten. Das unruhige Flackern in den Brombeeraugen. Die ungesunde Gesichtsfarbe. Die welke Haut am bläulichen, glatt rasierten Kinn.

Was halte Rike von einem Haus im Grünen? Er lächelte immer noch. Einem ODEINHEIM natürlich. Viel Platz, viel Auslauf für die Tochter. Keine nervenden Nachbarn. Keine Randale vor allem! Er machte die typische, Probleme jeder Art vom Tisch wischende Handbewegung: Nun ja, ein Musterhaus, um ganz ehrlich zu sein. Aber gegen einen wirklich geringen Obolus. – Da werde man sich schon einigen. Und vor allem mit einem für Rike kalkulierbaren Aufwand an Zeit für die Führungen, die interessierten Kunden.

Nein, so etwas wollte sie natürlich nicht. Sie konnte sich schon denken, wie das in der Praxis aussah. Aber sie hatte sich ja vorgenommen, den Mund zu halten. Die neueMacht nicht zu verstimmen. Dankbar zu sein. Mal sehen, erwiderte sie ausweichend, das sei ja noch etwas hin. Und in geradezu neckischem Ton fügte sie hinzu: Da müsse sie mal mit Anne, ihrem stolzen Schulkind, reden. Sie bedanke sich jedenfalls für den Job. Ganz herzlich bedanke sie sich.

Er ging noch mit ihr zum Panorama-Fenster seines Büros. Dort am Dorfrand sei das Baugebiet. Mit direktem Blick auf den Bodden. ZWISCHEN HIMMEL UND HAFF, werde auf den Prospekten stehen, fügte er augenzwinkernd hinzu. Vorher müsse aber noch der Firmensitz fertiggestellt und endlich die Anbindung an die Hauptstraße gepflastert werden. Eins nach dem anderen, sagte er, als müsste er sich rechtfertigen.

Rike nickte. Er war grau geworden, so grau, dass der weiße Haarfleck hinten über dem Kragen gar nicht mehr auffiel. Sein Stigma begann sich aufzulösen. Wahrscheinlich war es kompletter Blödsinn, was die Mutter ihr da mal zugeraunt hatte. Der Aberglaube einer verbissenen Atheistin.

Die Glastüren stehen offen. In der Eingangshalle fehlt noch der Fußboden. Nur ein Steg aus Brettern führt zur Treppe und zu den hinteren Büros. Rike hat noch nie so viele Handwerker in einem Raum gesehen. Die Leute sind schon jetzt am frühen Morgen gereizt, knurren sich an, schimpfen. Die Installateure für die Sanitärräume, die Elektriker, die Fliesenleger, die gerade erst mit ihrem komplizierten spiralförmigen Muster begonnen haben und ein paar Maler auch noch – alle laufen durcheinander. Rike mag gar nicht mehr hinsehen: Dafür muss sie kein Bauleiter sein; das kann so nicht funktionieren. Aber nächste Woche ist die Eröffnungsfeier. Die Einladungen sind längst raus.

Rike greift nach dem Geländer aus Edelstahl. Hievt sich Stufe für Stufe die breite Treppe hoch. Zieht mit beiden Armen und zerbeißt dabei zornig den wühlenden, oft jäh zustechenden Schmerz. Ihr ist, als folgten ihr von unten etliche Blicke, gespannt, belustigt und auch schadenfroh. Von Leuten, die zum Gaffen doch gar keine Zeit haben! Aber es guckt nur einer. Und der blickt auf ihre kurzen, wie abgehackten Haare.

Oben angelangt, zieht Rike den feuchten Anorak aus und hinkt in ihren Arbeitsraum. Graues Morgenlicht. Die beiden Schreibtische Stirn an Stirn. Ein großes Fenster, an dem die Tropfen laufen. Und wie immer der schwache Geruch nach Ammoniak. Von nebenan, aus der Kammer mit der Lichtpausmaschine. Längs der Wände die Schränke für Transparentrollen und Mutterpausen. Auf jedem Tisch ein Personalcomputer. Davor ein voluminöser Sessel mit brombeerfarbener Stoffbespannung.

Rike lässt sich in das Polster fallen und fährt als Erstes ihren Rechner hoch. Sie greift in ihre Tasche, fingert eine Tablette heraus. Stellt eine Flasche mit stillem Wasser neben den Monitor. Sie nimmt jetzt häufiger etwas gegen die Schmerzen. Dafür sind Tabletten ja schließlich da!

Dann widmet sie sich dem Bildschirm. Robert Zacharias hat einen Mail-Dienst einrichten lassen. Sein neuestes Spielzeug, spottete Kollegin Grit gleich am ersten Tag. Das Postfach ist zum Glück noch leer. Aber der Stapel gefalteter Pausen mit Grits handschriftlichen Änderungen wird nicht kleiner. Die Kollegin hat gestern Abend noch welche nachgeschoben. Und dazu mit der Rechten eine Kurbelbewegung vor ihrer Stirn gemacht: „Bekloppt! Total bescheuert! Der Mensch begreift nicht, dass wir industriell produzieren.“

Rike hinkt zur waagerecht gekippten, auf ihre Größe eingestellten Zeichenmaschine. Sie streckt leise stöhnend das linke Bein aus. Sie versucht wieder, für das Knie eine optimale Lage zu finden, obwohl es nie hilft. Die neue Mutterpause hat sie gestern noch aufgespannt. Das macht sie jetzt immer so.

Grit kommt herein gestürmt. Schmeißt ihre voluminöse Tasche in den zweiten Bürosessel.

„Hallo, DESI!“

„Hallo, BING!“

Sie schütteln sich lachend die Hand.

„Uff!“, sagt Grit. Und pustet sich – während sie ihren Anorak auszieht – eine Locke ihrer rotblonden Mähne aus der Stirn. Körnige Pupillen, nicht grün, sondern blaugrau. Zahlreiche Sommersprossen. Keine Schminke. Pullover und Jeans. Rasche, gleichsam optimierte Bewegungen.

Welch ein Naturkind! denkt Rike nicht ohne Neid. Schon am ersten Tag – häppchenweise inmitten der vielen Arbeit – hat sie den halben Lebenslauf erfahren: Keine Architektin, bloß das nicht; nein, Bauingenieurin! Verheiratet, zwei Jungs. Ein eigenes Haus am Bodden, gleich nach der Wende gebaut. Auf dem Grundstück der Schwiegereltern. Mit vielen, vielen Eigenleistungen. Grit lachte fröhlich: „Wir waren abends so platt, so kaputt; dass wir …; ich frag mich heute, wann wir überhaupt Zeit hatten, unseren Sonnenschein zuschnitzen.“

In der Mittagspause dann ging sie ins Detail. Da informierte sie Rike darüber, dass sie auch jetzt kaum Zeit hätten für gediegenen Sex. Und diese Vögelei abends kurz vor dem Einschlafen … Kaum rein und schon wieder raus. Zum Schluss die Flügel ausgeschüttelt wie die Spatzen. Dann lieber gar nix!

Rike gab zu erkennen, dass sie das verstehe. Lächelte tapfer.

Nachdem sie mit ihrem Döner fertig war, erzählte Grit weiter. Und biss zwischendurch immer wieder krachend in einen Apfel. Ihr Mann habe seinen Angelkahn hergerichtet. Sogar mit Ofen und mit einer Plane als Überdachung. Er rudere dann hinaus bis hinter den Schilfgürtel. Und wenn doch ein Angler rübergucken sollte? Na und! Stundenlang nur auf die eigene Rute starren … Sie lachte herzlich.

Rike biss die Zähne zusammen. Ihr würde schon eine Schulter reichen, sich mal anzulehnen.

Grit warf den winzigen Rest vom Kerngehäuse in den Papierkorb. Ihr Mann sei zum Glück Brigadier – nein, Polier heiße das ja heute wieder – in einem kleinen Dachdeckerbetrieb. Direkt im Ort. – Obwohl, sie müssten schon beide voll verdienen. Nicht auszudenken, wenn das Luftschloss hier mal einstürze.

„Und ein eigenes Ingenieurbüro? Die Baubranche boomt doch.“

Grit schüttelte ihre rotblonde Mähne. Nein, keine Ambitionen! Bloß das nicht. Sie würde keine Nacht mehr in den Schlaf kommen. Reichten schon die beiden Kinder. Ihr Sonnenschein werde gerade erst zwei.

Grit hat ihren Rechner ebenfalls hochgefahren und schimpft sofort los: „So ein Blindficker! Wenn ihm der Kunde sagt, er möchte in der Außenwand, die wir längst produziert haben, noch eine zweite Tür für sein Pferd – damit das mal eben auf die Toilette kann –, da bekommt er die Tür. Klar doch, kein Problem; Kundenwünsche sind uns Herzenssache. So was entscheidet unser Chef frei schwebend. Und fühlt sich wie Gott Vater dabei. Kein Gedanke an die Statik. Erst recht kein Gedanke, uns oder die Produktion mal zu konsultieren.“

„Und was will er wirklich anders haben?“

„Ach!“ Grit schnaubt nur. Dann beginnt sie mit ihrem täglichen Änderungsmarathon.

Ein junger, rundlicher Mann reißt die Tür auf. „Eh, wer hat das denn wieder verzapft?“ Er ruft es, schimpfend und lachend zugleich. Und hält Grit eine zerknitterte Zeichnung unter die Nase. „Ist doch Scheiße, eh!“ Sein Gesicht lacht immer noch. „Gibt ja wohl keine Hütte mehr, wo wir nicht im Nachhinein Wände wieder rausreißen.“ Er schwenkt den hoch geschorenen Lockenkopf, als könne er es nicht fassen.

„Zeig mal!“ Grit blickt kurz auf die Zeichnung. „Na, wer schon! Ich habe, verehrter Bauleiter, wie immer unser rotes Blatt ÄNDERUNGEN NACH FREIGABE rangeheftet. – Und wo ist das?“

Der junge Mann schüttelt sich, dass die fleischigen Wangen beben. „Was weiß ich? Mit euren dauernden Änderungen und Extras kommen meine Leute einfach nicht zurecht.“

„Wie habt ihr es denn überhaupt gemerkt?“

Der Bauleiter lacht belustigt auf. „Der Alte kam vorbei. Der hat sofort gesehen, dass die Türöffnung zu klein war.“ Er bläst die Backen auf. „Paff, ist er explodiert.“

Grit macht die Kurbelbewegung vor ihrer Stirn. „Das Teil war längst in der Produktion. Das mussten wir nachfertigen. Und ihr, ihr baut das alte ein, obwohl dick und fett ein roter Zettel …“

Seine Monteure seien farbenblind, behauptet der Bauleiter mit spaßiger Ernsthaftigkeit. Er seufzt. „Was willst du! Gute Leute bekommst du nicht für ein Butterbrot.“

„Erzähl das mal Robert Zacharias!“, knurrt Grit. „Mach ihm mal klar, dass er nicht dauernd nach Freigabe noch am Zeiger drehen kann. In seinem eigenen unternehmerischen Interesse, kapito?“

„Er ist der Chef“, entgegnet der Bauleiter. Wendet sich schon zur Tür, dreht sich noch mal um: So ganz begreife er das trotzdem nicht. In ihrem größten Projekt, der Ferienhaussiedlung am Faulen See, da funktioniere es doch. 30 baugleiche Häuser in der Produktion und nicht eine Änderung! – „So müsst ihr das immer machen!“, ruft er lachend und knallt die Tür zu.

Rike guckt immer wieder zur Uhr. ihr Bein schmerzt und schmerzt. Ohne grelle Spitzen noch, dafür in langen, an- und abschwellenden Intervallen. Egal, ob sie es ausstreckt oder vorsichtig anwinkelt. Sie fragt sich, wie sie im Feuerlöschgerätewerk den ganzen Tag stehend arbeiten konnte.

Endlich ist Mittag. Grit sagt, sie fahre mal schnell zur Pizzabude. Hawaii oder Spinat?

Hawaii, antwortet Rike, ohne nachzudenken.

Grit ist kaum aus dem Zimmer, da klopft es leise. Eine kleine Frau mit vollem, etwas teigigem Gesicht und dunklen Augen schiebt sich ins Büro. Sie müsse doch mal Guten Tag sagen. Ja, so sehe man sich wieder.

Es ist Rikes ehemalige Obermieterin; sie arbeitet jetzt als Sekretärin bei Robert Zacharias. Sie bietet an, beim Zeichnen und überhaupt beim Erstellen aller Produktionsunterlagen zu helfen. Herr Zacharias habe schon zugestimmt. Sie müsse die jeweiligen Ordner dann nur mit rübernehmen ins Sekretariat.

„Ja, danke“, antwortet Rike reflexartig. Sich im gleichen Moment ärgernd über ihre Höflichkeit. Es sei nur oft – im Detail – etwas problematisch, wenn man sich nicht auskenne mit Holzkonstruktionen. Ihre Stimme wird schroff. „Wir überlegen uns das.“

„War ja nur ein Angebot“, entgegnet spitz die kleine Frau. Dann scheint sie sich zu besinnen. Sie lächelt befreit, als sei sie nur einer Pflicht nachgekommen. Ihr Mann habe sich übrigens selbstständig gemacht, erzählt sie. Der habe jetzt eine Sicherheitsfirma. Ihre Mundwinkel ziehen sich spöttisch nach unten. „Einmal Sicherheit, immer Sicherheit.“

Rike sagt nichts dazu. Bietet der kleinen Frau aber Grits Sessel an.

Die beugt sich vertraulich vor. Wie ihr Mann vor der Wende zur FIRMA kam, das müsse sie endlich mal erzählen. Man denke ja immer – in der Bevölkerung –, das seien so Brutalos, denen gehe es nur darum, Leute anzuscheißen. Sie blickt Rike an, als wolle sie sagen: Kannst ruhig zugeben, dass es so ist! Der kleine, wohl gerundete Mund vollführt eine Bewegung, als wolle er sich umkrempeln. Nein, ganz anders sei es gewesen. ihr Mann hätte bei den Weißen Mäusen gearbeitet. Und das tägliche Elend dort, die vielen Verwundeten, die Halb- und Ganz-Toten bei den Verkehrsunfällen –, das alles hätte er nicht mehr ertragen. Immer größere Schlafstörungen hätte er gehabt, sei schweißgebadet aufgeschreckt. Habe manchmal sogar geschrien. Da sei dann dieses Angebot gerade zur rechten Zeit gekommen.

Rike ist ein wenig irritiert. „Und bei der Staatssicherheit hatte er diese Probleme nicht?“

Nein, versichert die kleine Frau. Da habe er ja nur Innendienst geschoben.

Als Grit die Pizza bringt, erzählt Rike vom Besuch der Sekretärin. Von deren ungewöhnlicher Stasi-Rechtfertigung sagt sie nichts.

„Alte Seilschaften, wenn du mich fragst“, meint Grit schnaubend. Und versucht wieder mal, sich eine Haarlocke aus der Stirn zu pusten. Dann lacht sie belustigt auf. Frau Roth sei das, Roth mit th. Wirklich, so habe die sich vorgestellt.

„Aber du kannst die Frau ja nicht in Sippenhaft nehmen!“

„Da hast du auch wieder Recht. Trotzdem hab ich nur Verachtung für solche Weiber.“

Als sie nach der Mittagspause ihre Rechner kontrollieren, meldet sich eine neue Mail. Robert Zacharias schreibt, er gebe hiermit den Startschuss für die Eigenentwicklung landestypischer Holzhäuser. Er denke zunächst an drei Modellreihen. Er nennt Termine, die unbedingt einzuhalten seien.

Grit lacht laut heraus. Kurbelt mit der Hand vor der Stirn. Nun sei er endgültig übergeschnappt, dieser Blindficker: Design, Entwurfsplanung, Konstruktion inklusive Statik – und alles neben der täglichen Arbeit, die schon jetzt nicht zu schaffen sei!

Rike bleibt auf dem Weg zu ihrem Zeichenbrett neben Grit stehen. „Und wenn wir die Hilfe der Stasi-Frau doch annehmen würden? Mal ganz pragmatisch gedacht!“ Sie verzieht ironisch den Mund. „Wenn wir uns einfach mal überlegen, was uns dasWeib abnehmen könnte!“

„Ja, wahrscheinlich hast du wieder mal Recht.“

Der Nachmittag dehnt sich ewig. Rike fragt sich, wie sie das Tag für Tag durchhalten soll: Immer nur sitzen! Ständig nach vorne gebeugt. Konzentriert auf ein winziges Detail in der großen, leuchtenden Fläche. Von morgens bis abends gezeichnet hat Rike zuletzt im Feuerlöschgerätewerk. Doch da gab es kaum Zeitdruck. Da bestimmten die Pausen den Arbeitstag. Da konnte sie sich so oft ausruhen, wie es ihr gefiel. Trotzdem hat sie dann studiert, vor allem, weil sie weg wollte. Nicht nur von Gert. Auch von der blöden, monotonen Zeichnerei. In ihr kichert es.

Und wann soll sie sich befassen mit den neuen Entwürfen? Vielleicht könnte sie einiges zu Hause, nach Feierabend … Aber zunächst braucht sie den Istzustand. Alles über die aktuellen Modelle. – Und wenn die Mutter abends … Sie hatte doch immer so viel Verständnis für Forderungen des Staates, der ALTEN Macht. Sie müsste allerdings auf der Couch schlafen …

Rike runzelt die dichten, struppigen Brauen. Ja, sie wird ihr Leben umorganisieren, es ganz auf diese Arbeit auszurichten. Sie wird mit der Mutter reden. Und mit Grit auch. Das wird schwieriger: Hat so viel Engagement in einem privaten Unternehmen nicht etwas Kurzsichtiges, Naives, etwas von Anbiederei und Verrat?

Rike drückt ihr Kreuz gegen die Rückenlehne. Sie habe schon überlegt, ihre Mutter für einige Zeit zu sich zu holen, sagt sie, sich gleichsam vortastend. Dann sei man doch flexibler. Habe nicht den Zeitdruck von zwei Seiten zugleich.

Grit nickt. Und beginnt sofort wieder von sich zu erzählen. Von ihrer Schwiegermutter, die ja zum Glück immer vor Ort sei und sich auch gewissenhaft um die Jungs kümmere. Sie lacht ungehalten auf. „Aber frag nicht nach dem Preis! Die steckt den Zinken in rein weg alles: Was die Kinder essen, was wir essen. Was sie anziehen, was ich anziehe. Wann wir schlafen gehen …“

„Und was sagt der Sohn, was sagt dein Mann dazu?“

„Was Söhne so sagen: Lass doch; sie meint es ja nur gut!“ Grit knallt mit dem Schubfach ihres Schreibtisches. „Die meint es nicht gut, jedenfalls nicht mit mir. Was gehts diese Nebelkrähe an, ob ich sommers ein Hemd drunter hab oder nicht!“ Sie hebt die Faust zu ihrer sonst dem Chef vorbehaltenen Kurbelbewegung. Wegen der Hygiene, säusele die bigotte Alte dann auch noch. Sie reckt sich, dass die Gelenke knacken. Ja, auch ein Grund, es nur noch im Kahn zu machen. Und wenn es Eiszapfen regne …

Rike blickt ein letztes Mal zur Uhr. Sie haben wieder eine Stunde länger gearbeitet. Der Stapel Zeichnungen ist kaum kleiner geworden. Sie spannt noch die nächste Mutterpause auf und hinkt zurück zu ihrem Schreibtisch.

Da öffnet sich die Tür: Robert Zacharias, der neue alte Chef. Er nickt nur kurz. Baut sich dann, auf den Fersen wippend, neben Grits Bürosessel auf. Fragt ungnädig, ob sie die Mail gelesen habe.

„Gelesen schon.“

Rike sieht, wie es in seinem Gesicht arbeitet. Wie der Unterkiefer mahlt. Das kennt sie.

Nun, dazu komme er noch. Zunächst was anderes: So gehe es nicht weiter. Schlamperei, wohin er blicke. Fehler über Fehler, Nacharbeit bis hin zu gepfefferten Regressforderungen. Das nehme Überhand. Man produziere viel zu teuer. Man verärgere die Kunden. Er holt tief Luft. „Gnadenloser Preisdruck“, doziert er. „Wir müssen besser sein als die in den alten Ländern. Wir müssen erst mal beweisen, dass wir was können.“

Schon wieder diese großen Worte, denkt Rike. Und ist gegen ihren Willen mehr gerührt als ärgerlich. „Robert, wir machen –, du machst hier INDUSTRIELLE VORFERTIGUNG.“ Sie guckt ihn beschwörend, fast bittend an aus ihren tief liegenden Augen. „du weißt doch, wie viele Änderungen noch eintrudeln, wenn die Teile längst produziert sind!“

Er blickt weiter hinunter auf Grit, als sei der Einwurf von ihr gekommen. Das sage er doch, der Kunde sei heute immer und überall der König. Seine Kinnladen mahlen. Routinearbeit! Dabei könne gut Frau Roth – seine Sekretärin – helfen.

„Routine?“, empört sich Grit. „Wenn der Kunde eine neue größere Außentür verlangt, dann muss Dr. Popp die Statik neu rechnen. Das alleine dauert schon mehrere Tage. Dann muss das Wandsegment neu produziert werden. Und in der Regel können wir das alte wegschmeißen.“

Er beachtet ihre Argumente nicht. Heftig auf den Absätzen wippend, meint er, dann müsse sie eben mal eine Stunde länger arbeiten.

„Wissen Sie, wie spät es ist! Meine Arbeitszeit ist seit anderthalb Stunden – zu Ende!“

Er hört schlagartig auf zu wippen. Sein brutaler Mund zuckt. „Was für eine überholte sozialistische Einstellung! Sie …, Sie brennen eben nicht!“

„Was, wofür soll ich brennen? Dafür, dass Sie sich noch zehn Luxuspferde zusätzlich kaufen können, ja?“ Grits Gesicht glüht vor Zorn, vor Empörung.

Rike blickt ihre Kollegin bewundernd an. Und denkt, dass Robert Zacharias jetzt gleich explodieren, den Schreibtisch zerlegen werde.

Er wirft den Kopf zurück; der kleine Blitz in seiner Nasenwurzel zackt sich schon. Doch dann reagiert er ganz anders. „GERMANIA, DIE SCHLACHTENJUNGFRAU“, murmelt er mit glänzenden Augen. Jetzt zu Rike gewandt, als erwarte er, dass sie ihm zustimmt. Seine Schwärmerei teilt.

Er sieht uns gar nicht real, nicht so, wie wir wirklich sind, denkt sie. Und es ist wie eine plötzliche Erkenntnis. Er sieht nur Schablonen, Ganzkörpermasken, die er uns mal übergestülpt hat. Auch verstaubte, wer weiß wo her geholte …

Robert Zacharias starrt bekümmert auf den neuen, noch fleckenlosen Spannteppich. Ach, was wisse DIE WELT schon! Er sei praktisch 24 Stunden am Tag in der Firma. Er verprasse hier nichts; er investiere. Und die Pferdezucht, die werde sich selber tragen.

Grit stemmt die Hände auf die Tischplatte. Will offensichtlich erneut widersprechen.

„Sie!“, knurrt er. „Vergessen Sie mal so langsam ihre Weisheiten von den Jungpionieren, diesen dicken Schlotbaron mit der Brasil im Mundwinkel!“

Grit vollführt eine Armbewegung, als wolle sie kurbeln.

„Das funktioniert nicht mehr“, sagt er, die Zornige gekränkt und doch voller Wohlgefallen betrachtend.

Er reißt sich los. „Zunächst betrifft es ja nur dich“, meint er zu Rike.

„Ich tue, was ich kann“, sagt sie. Und fühlt sich im gleichen Moment als Verräterin.

Er nickt ihr zu. Guckt auf seine Armbanduhr. Tänzelt geschäftig aus dem Zimmer. So als habe er schon viel zu viel Zeit verloren.

„Ihr duzt euch?“ In Grits blaugrauen Augen blitzt Argwohn auf.

„Alte Seilschaften“, entgegnet Rike mit ironischem Mund. Doch sie wird ein wenig rot dabei. Schnell erzählt sie von der Konsumgüterproduktion, von den damaligen Problemen. „Übrigens, du!“ Sie zögert; ihre Stimme bittet um Verständnis, zumindest um etwas Nachsicht. „Ich muss abends noch ein paar Mal herkommen. Ich schaffe das sonst nicht.“

„Bist du bescheuert? Entschuldige, aber …, der nutzt uns doch schamlos aus. Und dann – bei dem Hungerlohn! Weißt du, was Leute wie wir drüben verdienen! – Lachhaft! Und du willst freiwillig …; Selbstausbeutung nennt man das.“

Rike zieht die schmalen Schultern hoch, sich entblößt und schutzlos fühlend. Sie erwartet immer noch, dass – so wie früher – im Rücken ihre Haare rascheln.

„Wofür denn, Mädchen? Für seinen ganz persönlichen Ehrgeiz, seinen Größenwahn. Nein, ohne mich. Irgendwann ist Schluss!“

Alles richtig, erwidert Rike kleinlaut, aber sie sei Alleinverdienerin. „Ich hab diesen zügellosen Kapitalismus nicht gewollt“, fügt sie trotzig hinzu.

„Ich auch nicht“, knurrt Grit. Und packt, heftig klappernd, ihre Sachen zusammen.

„Den meisten aber konnte es gar nicht schnell genug gehen“, stellt Rike fest. Froh, von ihrem angekündigten Verrat wegzukommen.

Grit nickt knapp. Und verabschiedet sich, ohne ihr die Hand zu geben.

Die Mutter ist in ihrem Element. Sie hat ihre Kittelschürze mitgebracht. Sie schmiert gleich mal das Pausenbrot für Anne. Und notiert sich nebenbei auf der Rückseite eines Briefumschlages was alles fehlt im Kühlschrank und auf dem Gewürzbord.

Rike streicht der Tochter, die schon im Schlafanzug neben der Oma herumzappelt, erleichtert über die Haare. Sie wisse noch nicht, wie lange sie in der Firma durchhalte. Für alle Fälle stecke sie den Zweitschlüssel ein. Sie weiß, die Mutter würde nicht schimpfen, den Firmenchef nicht kritisieren, auch wenn sie die ganze Nacht wegbliebe. Die Mutter mit ihrem befremdlichen Verständnis für alles, was dasSystem gerade erwartet, mit Druck einfordert. Als Bruder Thomas nach seinem Studium in Moskau noch zum Grundwehrdienst eingezogen wurde, obwohl er bereits eine Familie hatte, da äußerte sie kein Wort der Kritik. Aber sie besorgte einen Stapel Kragenbinden.

Auf dem Parkplatz steht nur noch das Auto von Robert Zacharias. Das wundert Rike nicht, sie glaubt dem Chef schon, dass er Tag und Nacht in seiner Firma zubringt. Sie bemüht sich, keine Geräusche zu machen. Hievt sich vorsichtig von einer Granitstufe zur nächsten. Sie weiß nicht warum, aber sie möchte nicht, dass er sie hört.

Jetzt, am Abend, ist der Ammoniakgeruch noch stärker. Rike klappt ein Fenster an. Dann holt sie sich die ersten Modellmappen, stapelt sie neben sich auf dem Schreibtisch. Legt einen neuen Zeichenblock daneben. Welche Typen sind überhaupt noch aktuell? Wie oft wurden sie verkauft und mit welcher Tendenz? Rike hat weder revolutionäre noch konterrevolutionäre Ambitionen; sie wird hier nichts umschmeißen. Sie ist ja eher bodenständig. Während andere Kommilitonen Ufos in die Gegend stellten, entwarf sie Häuser mit senkrechten Wänden und spitzem Dach. Häuser, in denen man richtig wohnen konnte. Also wird sie die erfolgreichen Modelle nur behutsam anfassen, nur behutsam verändern! Beim Fischerkaten sieht sie keine Probleme. Der ist schlicht und schnörkellos. Und innen bereits total funktional. Hat vor allem ein großes Dach und geringe Traufhöhen. Aber diese Bäderarchitektur mit ihren geschnitzten Balkonen, ihren verspielten Fahnen und Säulen. Was soll das? Hilft da die „neue Sinnlichkeit der 80er Jahre“? Und vor allem: Was wird mit Roberts jüngster Vision, seinem HERRENHAUS FÜR JEDERMANN? – Nun, eines nach dem anderen! Rike summt leise vor sich hin. Es macht sogar ein bisschen Spaß, so alleine, so ungestört in dem still gewordenen Gebäude zu werkeln.

Die Tür öffnet sich zeitlupenartig. Rike erschrickt, aber nur ein wenig. Sie denkt zunächst an einen Sicherheitsdienst, der hier seinen Rundgang macht. Doch es ist Robert Zacharias. Er trägt eine an den Ärmeln ausgebeulte Strickjacke.

Sie befasse sich schon mal mit den neuen Modellen, erklärt Rike. So, als müsse sie ihre späte Anwesenheit in seiner Firma rechtfertigen.

Er nickt nur, müde blinzelnd. „Lass dich nicht stören!“

Er nimmt einen Prospekt vom Schreibtisch. Betrachtet ihn, als sehe er den abgebildeten Haustyp zum ersten Mal. Oder als sei er nicht ganz bei der Sache. Er geht schlurfend zu Grits Sessel. Lässt sich hineinfallen, in der Hand immer noch das Werbeblatt.

Er werde sich scheiden lassen, sagt er unvermittelt. Das wolle er, das müsse er Rike doch mitteilen. Um seinen fleischigen, oft brutal wirkenden Mund zuckt es. Überraschend fein, verletzlich sogar. Er habe sich endgültig getrennt, bevor er die Eigenentwicklung angeschoben habe.

Rike blickt ihn verständnislos an.

Nein, er könne das alles nicht mehr. Vier Kinder, dreißig Ehejahre, da sei man doch kein Hallodri; da überlege man sich solchen einschneidenden Schritt doch reiflich!

Rike legt ihren Stift zur Seite. Was soll dieser persönliche Kram? Sie bekommt den bösen, abweisenden Blick. Doch ihr wird warm dabei.

Ja, ein Klischee, aber nun mal die Wahrheit: Seine Frau verstehe ihn nicht mehr. Habe keine Träume mehr. Sei nur noch sorgendes Muttertier. Arbeite sich ab, reibe sich auf an allem, was da ist oder kommen kann. Die neuen Versuchungen, die neuen Gefahren, die Kinder! Dabei seien die längst aus dem Gröbsten raus, zwei lange schon erwachsen. – Dazu das Risiko einer eigenen Firma!

Rike nickt kaum merklich.

Robert Zacharias scheint mehr zu erwarten. Alles verständlich in dieser Zeit des Aufbruchs, meint er lauter, aber er könne so reduziert und runtergedrückt nicht leben. Wo solle er denn die Kraft hernehmen, nach drei Stunden Schlaf wieder aufzustehen, die Produktion zu leiten, die Baustellen zu kontrollieren, mit den Kunden zu verhandeln …? Wenn er immer nur dieses Gesicht vor sich habe!

Und da Rike immer noch nichts sagt, mit eindringlichem Blick: „Ich bin jetzt 55. Das ist meine letzte Chance, ein paar Spuren zu hinterlassen.“

„Ja“, sagt Rike, „das verstehe ich.“

Robert Zacharias strahlt. Ist wie verwandelt. „Wie findest du denn unseren neuen Firmensitz?“

„Willst du meine ehrliche Meinung?“

„Von dir immer.“

Rike hört nicht auf ihr fest verwurzeltes Misstrauen und auch nicht auf ihre Erfahrung; sie glaubt ihm für einen Moment. Zu groß, zu auftrumpfend, zu angeberisch, meint sie lächelnd. Sie hätte viel kleiner, viel schlichter angefangen. Sie hätte versucht, sich schrittweise hochzuarbeiten.

Er nickt amüsiert. Das habe er nicht anders erwartet. So sei sie nun mal, seine nüchterne, seine bescheidene Designerin. So seien viele aus dem bankrotten Arbeiter- und Bauernstaat. So könne man aber keine Firma gründen. In einem Umfeld, in dem es alles im Überfluss gebe, in dem die Konkurrenz erdrückend sei. Er springt auf aus seinem Sessel, kommt zu Rike herüber. Legt ihr kurz den Arm um die Schultern. Dann baut er sich auf vor ihr. Dann beginnt er, ihr die Marktwirtschaft zu erklären.

Sie hört kaum zu. Sie ist wieder mal enttäuscht. Obwohl sie ihn doch kennt.

Er müsse repräsentieren, müsse sofort Stärke und Erfolg zeigen, doziert er. Mit einem Paukenschlag sozusagen. Ja, auch wenn noch gar nichts erarbeitet sei. Er guckt sie triumphierend an; er trägt keine Brille. Früher trug er eine mit violetten Gläsern. Schulden hätten heute nichts Ehrenrühriges mehr. Mut bis hin zur Tollkühnheit sei der Schlüssel zum Erfolg. Seine Augen blitzen. Mit einem Wort, er sei nicht größenwahnsinnig geworden, nein, er mache bewusst den zweiten Schritt vor dem ersten.

Rike lächelt traurig. „Und Dein Pferdehof? Ich hätte gar nicht gedacht, dass du so ein Verhältnis zu Tieren hast.“

Er legt ihr erneut die Hand auf die Schulter. Doch, doch, er sei ja ein echter Bauernjunge. Stamme aus einer bereits in den dreißiger Jahren aufgesiedelten Wirtschaft. Sein Vater habe dann als republikweit bekannter LPG-Vorsitzender …; bis nach China sei der geschickt worden.

Rike nimmt sanft seine Hand von ihrer Schulter. „Hör mal bitte! Die Grit ist so eine gute Bauingenieurin, schnell und genau. Und vor allem behält sie immer den Überblick, in allem Chaos!“

Ja doch, ja, sagt er und geht zurück zum anderen Bürosessel. Er möchte dieses streitbare Mädchen ja auch nicht missen. Aber VISIONEN, fügt er eigensinnig hinzu, die habe sie nicht.

„Aber Realismus für dich mit“, entgegnet Rike.

Er lacht laut auf. „Ach, ihr Frauen!“

Plötzlich wird er förmlich. Knöpft seine alte Strickjacke zu, als wäre es ein Jackett. Er habe noch ein Anliegen. Er lade Rike ein zu einer kleinen Feier. Zur Einweihung seines, nun ja, protzigen Firmensitzes. Nur im engsten Kreis, erklärt er. Und es klingt fast bittend.

Rike wird rot vor Freude. Dann erst hört sie die innere kichernde Stimme.

„Aber nein, Robert! Warum denn? Ich habe doch gar keine Aktien an deinem – Palast. Im Gegenteil!“

Er lacht sie an. „Weil du mal so eine Wahnsinnsmähne hattest. Bis zum Gürtel, glaube ich.“ Und augenzwinkernd: „Nur deshalb!“

Rike guckt irritiert auf die angefangene Skizze ihres Fischerkatens.

„Und nicht so einen praktischen Bubikopf, wie meine Ex ihn seit je her trägt.“ Er macht ein Gesicht, als habe seine Frau ihn damit permanent beleidigt.

Rike hebt das Kinn. „Wenn ich vier Kinder hätte, dann hätte ich wahrscheinlich gar keine Haare mehr.“

Er lacht beifällig. Es gehe nun mal nicht gerecht zu im Leben.

Rike behauptet noch, sie könne abends nicht lange bleiben; sie habe jetzt ein Schulkind. Dann fragt sie nach der Kleiderordnung.

„Nun ja“, meint er verschwörerisch. „Kein Arbeitsessen. Wir wollen schon ein wenig feiern.“ Er blickt sie sinnend an. „Die Architektin aus den alten Ländern sitzt übrigens im Rollstuhl!“

Rike lächelt in sich hinein. „Meine Garderobe ist so gar nicht eingerichtet auf Glanz und Glimmer.“

Seine Brombeeraugen umfangen sie mit Wärme. Manchmal reiche es ja, einfach etwas wegzulassen.

„Ach, ihr Männer!“

2

Rike ist zufrieden; sie hat es geschafft. Insgesamt zehn Entwürfe für Fischerdorf und bädertypische Holzhäuser liegen in der Mappe. Die konstruktive Entwurfsplanung fehlt natürlich. Da ist noch gar nichts passiert.

Rike fährt noch die Mutter nach Hause. Bedankt sich herzlich. Versichert ihr geradezu übermütig, dass sie ja so frohsei.

Die Mutter droht mit dem Finger.

Als Rike gerade zurück in der Wohnung ist, klingelt es. Anne läuft zur Tür. Kommt grienend zurück. Da stehe so ein komischer Mann. Sie glaube, der habe … Sie legt den Kopf in den Nacken. Trinkt aus einer imaginären Flasche.

Auch das noch, denkt Rike. Und beglückwünscht sich, dass sie die Türkette, dieses kleinbürgerlich spießige Relikt, endlich angebaut und auch vorgelegt hat.

Es ist Robert Zacharias. Er lehnt am Türrahmen. Sein Mantel steht offen. Den Schal hat er sich mehrfach um den Hals geschlungen.

„Könntest du mir … einen Kaffee kochen? Nur eine kleine Tasse?“ Er zeigt, wie klein die Tasse sein darf. Er hat glasige Augen; doch die Stimme gehorcht ihm noch.

„Komm rein.“ Rike zieht ihn hastig in den Flur. Sie macht Anne, die neugierig vor ihrer Tür steht, ein Zeichen zu verschwinden.

Im Wohnzimmer dann sieht er weniger betrunken aus. Sitzt etwas zusammengesackt in ihrem alten Cocktailsessel, so als sei er nur müde. Als brauche er nur etwas Zeit.

Rike zeigt befangen auf die Kiefernbretter, die seit Monaten an der Wand lehnen. Sie sei noch nicht dazu gekommen, die zusammenzubauen. Obwohl es doch Spaß mache. Vor allem, wenn man Buch für Buch in solche neuen Regale aus Massivholz stellen könne. Sie blickt ihn unsicher an. Es sollte nicht wie ein Vorwurf klingen. „Die alten Bretter aus Faserplatte kommen in den Keller.“

Er nickt zustimmend. Das sei doch kein Wunder, meint er mit der Listigkeit des Betrunkenen, wenn der Chef, dieser Ausbeuter, seinen Leuten so viel Arbeit aufhalse.

Rike hinkt schnell in die Küche. Sie muss ihm doch den Kaffee brühen! Sie nimmt die große Tasse mit dem Spiraldekor vom Regal. Die hat sie als Studentin selber entworfen, selber getöpfert. Aus der trinkt sie jeden Morgen. Sie stellt den Wasserkocher an. Und bindet schon mal die Schürze ab. Dann steht sie ratlos vor dem offenen Kühlschrank: Sie kann ihm doch jetzt keinen Schnaps anbieten! – Aber sie selbst kann …! Sie nimmt die angebrochene Flasche aus dem Türfach. Sie holt sich ihr Weinglas. Zum Schluss stellt sie alles zusammen auf ein Tablett.

Er sitzt noch so, wie sie ihn verlassen hat.

„Hier ist schon mal dein Kaffee. Ich bin gleich wieder da.“

Sie läuft ins Kinderzimmer. Zu Anne, die – berstend vor Neugierde – hinter der Tür herumspringt. Das sei ihr Chef, ihr Arbeitgeber, flüstert sie. Da müsse man heutzutage ganz höflich und entgegenkommend sein. Sie werde morgen alles erzählen. „Ehrenwort! Aber jetzt …“ Sie macht ihr strenges Gesicht. „Jetzt wird geschlafen! Auch wenn wir noch im Wohnzimmer …“

„Auch wenn ihr euch da liebt“, beendet Anne altklug den Satz.

Rike läuft weiter, hin zu ihrem Kleiderschrank und wechselt ihren Pullover gegen den einzigen mit größerem Ausschnitt, den sie besitzt. Die Pluderhosen behält sie an. Die Überknie Stiefel streift sie nur mit kurzem Blick.

„So“, sagt sie, „das Kind liegt in der Falle.“ Sie ist ein wenig rot geworden. Hastig gießt sie sich ihren Wein ein. „Ich muss ja erst mal aufholen“, erklärt sie, Robert Zacharias über den Rand ihres Glases anguckend.

Er merkt es nicht, blickt unruhig umher im Zimmer. „Schön warm hast du es hier“, stellt er fest. Und trinkt langsam seinen Kaffee, Rikes Designertasse mit beiden Händen umfassend, als käme er aus der Kälte.

Sein Blick wird stier. Haftet fest am Plattenspieler, als sei der die Wurzel allen Übels. „Da denkt man, jetzt kann es richtig losgehen, jetzt können wir es den Wessis endlich zeigen“, grollt es aus ihm hervor. „Alles hab ich dafür getan, alles auf eine Karte gesetzt. Keine Frau mehr, keine Familie mehr. Das schöne, weiträumige Haus, eine Jugendstilvilla mit wunderbaren Bleiglasfenstern, … Sogar der Kontakt zu den beiden Kleinen, der mir doch gesetzlich zusteht …“

Ein fremder Mann! Mit fremden, ja, befremdlichen Problemen. Und doch …!

Rike holt sich einen Stuhl vom Esstisch, stellt ihn neben seinen Sessel, als wollten sie zusammen fernsehen. Sie sitzt höher als er.

„Und deine Pferde?“, fragt sie, sich das Glas erneut vollgießend.

„Ach die Pferde!“ Er lächelt in zärtlicher Trunkenheit. Noch habe er sie, die braven Rösser. Wer weiß, wie lange noch.

Rike muss an die fehlenden Konstruktionsunterlagen denken. Vielleicht könne man ja ein bisschen improvisieren, ein bisschen schummeln, schlägt sie listig vor. Die Grit habe es einfach noch nicht geschafft. Neben den Tagesaufgaben, dem täglichen Wust an Änderungen …

Robert Zacharias macht seine wegwischende Handbewegung. Etwas unsicher, etwas schwankend. Aber in der Art, die Rike von ihm kennt. Er dreht den Kopf, starrt glasig auf den Rest ihrer Haarpracht. „Ich habe bis eben mit unserem Prokuristen zusammengesessen“, murmelt er. „Ich wollte, dass du es als Erste erfährst.“ Hilfloser Blick aus starren, vorquellenden Brombeeraugen. „Ich bin am Ende.“

Sie berührt mit den Fingerspitzen das grau Gesprenkelte in seinem Nacken. Den hellen Fleck, der sich kaum noch abhebt. Sie weiß nicht so recht, was sie glauben soll. Aber sie möchte ihn trösten. Also streicht sie ihm sacht über den Kopf. Wortlos und mütterlich, so wie sie es bei Anne tut.

Da umschlingt er sie plötzlich mit beiden Armen. Im Sitzen, das Gesicht an ihrer linken Brust.

Sie zuckt ein wenig zusammen: Was wird das? Was hat sie denn gemein mit diesem Menschen! Sie möchte trotzdem, dass er dort bleibt mit seiner Wange. Dass seine Hände nicht wieder loslassen.

Er rutscht tiefer im Sessel. Sie spürt ein Zupfen an ihrem Pullover.

Sie zögert nicht, streift den Pullover über den Kopf. Wirft ihn auf die Couch. Wirft ihren BH gleich hinterher. Der rutscht vom Polster. Dreht sich noch, als gewinne er eigene Kräfte. Bleibt auf dem Rand des Sisalteppichs liegen. Vertrauensvoll geöffnet wie ein Tier, das seine Bauchseite zeigt. Rike schwenkt die Haare hin und zurück. Greift sich verwundert in den gekappten Schopf. Kein Vorhang mehr für die kleinen, blassen Brüste; alles frei.

Robert Zacharias sieht nicht hin; hat die Augen schon wieder geschlossen. Doch seine Hände sind kundige, feinfühlige Eigenwesen. Viel sanfter, zarter, findet Rike, als der Mann, dem sie gehören. Viel zu rücksichtsvoll, findet sie. Mehr doch, fass doch endlich zu! schreit es in ihr. Und ihr Mund öffnet sich; die Gesichtszüge verschwimmen.

Sie spürt seine feuchten Lippen auf der Haut rings um den Bauchnabel. Sie riecht den Alkoholdunst. Sie fasst nach Roberts Fingern, die schwärmerisch oder stupide immer wieder ihre rechte Hüfte umkreisen. Er ist ja vielleicht am Ende; aber ihr Körper ist es nicht. Dort, am Hosenbund!

Sein Kopf fährt zurück. Robert Zacharias richtet sich auf im Cocktailsessel. Die Kinnladen arbeiten, als müsse er etwas zerbeißen, zerreiben.

„Du weißt doch von unserem größten Projekt, diesen 30 baugleichen Ferienhäusern am Faulen See?“

Rike krallt die Fingernägel in Roberts Handfläche.

Er lächelt gequält. „Aus, vorbei“, flüstert er. „Der Investor, ein Betreiber von Feriensiedlungen in ganz Norddeutschland, viele Jahre im Geschäft, grundsolide – ganz gleich, wen man auch fragt –, die Fördersumme vom Land bereits zugeteilt! Und jetzt …, Pleite. Einfach Pleite!“ Robert Zacharias blickt Rike an, von unten, mit schwimmenden Augen, so wie die Mutter manchmal. „Du verstehst?“, fragt er, und es ist fast ein Wimmern.

Sie legt die Arme um seinen schwitzigen Hals, versucht den Mann erneut an sich zu ziehen.

„Woran soll man da noch glauben?“, ruft er verzweifelt. Und macht sich behutsam wieder frei. „Guck mal, das Land ist doch genauso reingefallen! Ja, wenn ich leichtsinnig gewesen wäre, mich nicht kundig gemacht hätte!“

„Komm!“, bittet sie mit rauer Stimme.

Er schüttelt den Kopf. „Ich hab nur das Beste gewollt.“

Ihr Mund zuckt. In ihr kichert das zweite, schadenfrohe Ich. Im Kopf kreisen die bunten Nebel, die nichts wissen wollen von insolventen Investoren. „Schlaf erst mal drüber!“, sagt sie. „Ich mach dir jetzt dein Bett.“

Sie zieht die Seite der Couch aus, auf der auch immer die Mutter geschlafen hat.

Sie holt Bettwäsche aus dem großen Schrank. Ihr Blick fällt in den Spiegel, und in ihr kichert pure Boshaftigkeit: Hat alles nichts genutzt! Die abgeschnittene Mähne nicht und nicht die nackte Haut! Sie mustert sich im Profil. „Hätten vielleicht die Overknees sein müssen“, kichert es in ihr, „statt der Hose vom Kleinen Muck.“

„Nein!“, widerspricht sie schroff.

Er hat inzwischen das Jackett ausgezogen und vorne über einen Stuhl gehängt.

Als Rike fertig ist mit seinem Nachtlager, erhebt er sich mühsam wie ein alter Mann. Legt die Hände auf ihre Hüften. Und ihre Brustspitzen drücken sich ein wenig in sein weißes Hemd.

„Ich danke dir für alles“, sagt er feierlich. Mit schwankender, aussetzender Stimme. Seine Finger sind jetzt kalt und ohne Gefühl.

„Schlaf erst mal!“, antwortet sie rau.

Sie selbst schläft kaum. Die Nebel, die gar nicht mehr bunt sind, drehen sich in ihrem Kopf. Ist er wirklich am Ende, wie er behauptet? Ist etwa auch mit der Firma Schluss?

Rike hat Mühe, folgerichtig zu denken. Kommt aber auch nicht los von solchen beunruhigenden Fragen. Zwischendurch horcht sie immer wieder: Ein fremder und dazu noch angetrunkener Mensch in ihrer Wohnung!

Als der Wecker klingelt, braucht sie lange, sich zurechtzufinden. Sie hat doch noch geträumt. Heftig und überaus lustvoll. Der riesige, gesichtlose Mann in ihrem Traum hat da weitergemacht, wo Robert Zacharias aufhörte. Und er war nicht zart, nicht feinfühlig. Ganz im Gegenteil. Rike lächelt in sich hinein.

Dann springt sie erschrocken auf. Schleicht über den Flur zur Wohnzimmertür.

Sie hört nichts. Sie öffnet entschlossen. Schnapsgeruch. Klumpiges Halbdunkel. Hier und da ein bisschen Licht von den Lampen längs der Straße. Eine leere Couch. Das Oberbett liegt noch so, wie Rike es aufgeschlagen hat.

Sie ist sehr erleichtert. Sie mag gar nicht daran denken, wie unangenehm, ja peinlich dieser Morgen gewesen wäre. Mit ein wenig Mühe kann sie sich einreden, sie habe alles nur geträumt. Sie hinkt geschwind ins Bad. Als sie zurückkommt, stößt sie mit dem Zeh gegen ihr Schlüsselbund.

Auf dem Parkplatz vor der Firma stehen viele Leute. Da steht auch ein Polizeifahrzeug. Aber ohne Blaulicht. Rike denkt an Einbruch, an bandenmäßigen Diebstahl. Es passiert ja so viel in letzter Zeit! Beunruhigt hält sie Ausschau nach einem freien Platz für ihr kleines Auto. Dann stellt sie sich einfach mit zwei Rädern neben die befestigte Fläche. Denn sie ahnt, dass es heute auf solche Dinge nicht ankommt.

Sie kontrolliert noch, ob beide Türen abgeschlossen sind. Nun erst sieht sie das mit Bändern abgesperrte Rechteck, in dem verlassen ein großer, schwarzer Pkw steht: Sein Auto! – Er war wirklich AM ENDE; er hat Schluss gemacht! Sie weiß es sofort. Und ihr schaudert vor so viel Konsequenz. Zugleich ist sie in bestürzender Weise beeindruckt, ja sogar ein wenig stolz: Jedenfalls sei er damit sich selbst und seinen Visionen treu geblieben.

Grit kommt ihr entgegen. Ungewohnt blass, ungewohnt ernst. „Da!“, sagt sie und zeigt auf den gelben Schlauch, der sich vom Auspuffrohr hoch zur Fahrertür schlängelt und in einem Spalt zwischen Scheibe und Rahmen verschwindet. „Und ich war die Letzte, mit der er geredet hat! – Bin ich jetzt schuld?“

Rike schüttelt entschieden den Kopf.

„Hab ich ihm etwa den Rest gegeben mit meiner Weigerung?“, fragt Grit erneut. Und guckt aus großen, verstörten Augen.

„Natürlich nicht.“ Rike verzieht gequält den Mund, so dass er ganz dünn wird. Sie legt der Gleichaltrigen für einen Moment die Hand auf die Schulter.

„Weißt du, es war eigentlich wie immer. Er hat gebrüllt. – Du kennst ihn ja. – Na, und dann hab ich auch gebrüllt.“ Grit beißt sich auf die Lippe. Knetet die Finger.

Rike aber sieht sich wieder in ihrem Wohnzimmer. Sieht wieder die ausgeklappte Couch, das unbenutzte Bettzeug. Das Zwielicht mit dem Rechteck des Fensters. Sie merkt, wie ihre Augen feucht werden.

„Er wurde dann immer leiser“, berichtet ihre Kollegin. „Zuletzt meinte er mit einem seiner theatralischen Seufzer, dass ich eben nicht brenne.“ Sie lächelt kläglich. „Da musste ich einfach kontern! Er flackere auch nur noch, habe ich ihm geantwortet.“

„Ja“, sagt Rike, „und jetzt ist er tot.“

„Jetzt brennt er nie mehr, flackert nicht mal mehr. – Ist das nicht komisch?“

Grit zerreibt mit zornigen Fäusten ihre Tränen. „Und dabei ist ..“, schnieft sie, „und dabei war er so ein Arschloch.“

Ein großer, etwas gebeugt gehender Mann hat sich neben die beiden gestellt. Wartet, bis Grit ihre Hände aus dem Gesicht nimmt. „Hallo!“, begrüßt er sie gedämpft. „Haltet euch bitte bereit; die Kriminalpolizei möchte noch mal kurz reden mit jedem von uns.“

„Grüß dich, Hans-Werner. Stell dir vor, ich war die Letzte, mit der er zusammen war. Es ging um diese Eigenentwicklungen. Ich mach mir echt Vorwürfe, dass ich ihn so … Seine empfindlichste Stelle wohl.“

Rike hat sich weggedreht. Sie sieht nur ihr leeres, graues Zimmer. Und eine Couch, auf der aus unerfindlichen Gründen ihr Gäste-Bettzeug liegt. Vielleicht, um es noch mal auszulüften, vielleicht aus einer verrückten Sehnsucht heraus. „Mehr war nicht!“, flüstert sie tonlos. Und würde es am liebsten hinausschreien.

Der Angesprochene schüttelt den grauhaarigen Katerkopf. „Du warst nicht die Letzte. Wir haben noch zusammengesessen in der Storchenbar. Im One Night, wie es sich jetzt nennt. Gleich nach 17 Uhr; eigentlich hatten die noch gar nicht auf.“ Sein Frauenmund verzieht sich traurig. „Wir haben beschlossen, dass wir heute Vormittag Insolvenz anmelden.“ Er holt tief Luft. „Ja, es war fünf nach zwölf. Das musste sogar er einsehen. Auch wenn er mich immer als Pfennigfuchser beschimpfte, als Kleingeist und …“

„Scheiß Kapitalismus!“, ruft Grit. „Das fehlt mir gerade noch. Ich kann einpacken. Kann meine Familie schon mal anmelden – in der Suppenküche.“

„Also doch“, murmelt Rike.

Prokurist Hans-Werner guckt sie überrascht und befremdet an: „Wussten Sie das schon?“

Rike bekommt ihren bösen, abweisenden Blick. „Weiß nicht.“ Widerstrebend fügt sie hinzu: Robert habe ja gerne dramatisiert, ja oft maßlos übertrieben. Da habe sie gehofft, so schlimm werde es schon nicht werden.

„Alte Seilschaften zwischen den beiden“, klärt Grit den Prokuristen auf. „Man möchte lachen, wenn es nicht so traurig wäre.“

„Na ja, unser Robert konnte ja durchaus charmant sein.“ Er streift Rike mit einem kurzen, neugierigen Blick. „Jedenfalls war wohl alles zu viel für ihn. Erst die neue Firma, dann die Scheidung nach dreißig Ehejahren und dann das.“ Er wendet sich direkt an Rike, als müsse er ihr noch etwas Persönliches mitteilen. „Der Robert“, erklärt er ihr, „war einfach nicht geschaffen für die Marktwirtschaft. Der kam nicht zurecht mit dem Diktat der Zahlen. Der brauchte immer was Übergeordnetes, eine höhere Idee sozusagen, eine Ideologie, mit der er die ökonomischen Fakten vom Tisch wischen konnte.“

„Und was habt ihr dann …, wie sollte es weitergehen?“, fragt Grit ungeduldig, so als habe sie noch eine kleine, unbestimmte Hoffnung.

„Dann …? Dann haben wir nur noch gesoffen“, antwortet Hans-Werner, der Prokurist.

3

Es ist Rikes erste längere Fahrt. Ihr kleines Auto schnurrt über die Fernverkehrsstraße in Richtung Westen. Auf dem Beifahrersitz liegt ausgebreitet eine Karte. Mit Filzstift ist die Route eingezeichnet.

Anne in ihrem Kindersitz hat die ganze Rückbank für sich. Sie redet die meiste Zeit wie aufgezogen. Malt sich alles Mögliche aus, besonders jedoch den Moment, an dem sie ihren Vater trifft. Wenn sie mal nicht redet, knetet sie Tierfiguren. Hunde und Katzen, die kann sie am besten.

„Eigentlich könnten wir umkehren“, spöttelt Rike mit angestrengtem Gesicht. „Du siehst ja schon vor dir, wie alles sein wird.“ Aber da protestiert das Kind heftig.

Es ist voll auf dieser Verbindung zwischen den alten und den neuen Ländern. Die meisten Autos kommen den beiden entgegen. Trotzdem werden sie immer wieder von großen Wagen überholt. Rike muss aufpassen, wenn sich einer so knapp vor ihnen einordnet, als wären sie nur ein Hindernis. Kaum ernst zu nehmen, keineswegs gleichberechtigt. Es ist ja nicht nur, dass sie einen Eins-Einser fährt. Sie hält sich auch noch an die Verkehrsvorschriften.

Die Qualifizierung, die Rike vom Arbeitsamt bekommen hat, erweist sich als überaus lässig. Kennt keine Termine, keinen Zeitdruck. Und sie dauert fast ein Jahr. Danach gibt es einen Schein, eine Urkunde, dass die Teilnehmer sich auskennen mit einem der großen CAD-Programme. Und mit einer Aufsatzlösung für den Bau.

Rike müsste gar nicht in den Urlaub fahren, sie fühlt sich jetzt schon erholt. Hat sogar ein wenig zugenommen um die Hüften. Sie kann endlich in aller Ruhe frühstücken mit Anne. Kann ihr jeden Morgen Zöpfe flechten. Dann marschiert das Kind allein zu der einen Schule um die Ecke, und Rike fährt mit dem Rad zur anderen. Durch die Klosterwiesen, als wollte sie die Mutter besuchen. Direkt gegenüber der ehemaligen Villa steht das leere Gebäude, Plattenbauweise, in Form eines Hufeisens. Von der verwitterten Giebelwand grüßt noch das Wandbild „Aufbruch in den Kosmos“.

In den ersten Wochen war auch Grit dabei. Sie saßen nebeneinander vor ihren Rechnern. Und sie hatten viel zu lachen. Ihr Dozent, ein schmächtiger Lockenkopf mit verschmitzten, blauen Augen, hat geradezu begeistert mitgealbert, gar mitgelästert. Der scheint überhaupt nichts ernst zu nehmen, am wenigsten den Lehrgang, den er für seinen Computerdienst abhält.

Inzwischen hat Grit sich eine Arbeit in einer großen Firma für Hoch- und Tiefbau besorgt. Nahe der ehemaligen Grenze. Zwei Stunden hin und zwei Stunden zurück. Rike schüttelt es, wenn sie sich das vorstellt.

Jetzt hat sie nur noch eine Banknachbarin. Auch eine Designerin. Eine ehemalige Schmuckgestalterin der ehemals volkseigenen Bernstein-Manufaktur. Eine grauhaarige Frau mit langem, skeptischem Gesicht. Und so gar keinem Talent zu strukturiertem, programmgestütztem Arbeiten. Da kann Rike viel helfen. Aber so lustig wie zu Anfang ist es nicht mehr.

Doch das Wichtigste: Sie hat bereits Aussicht auf einen neuen Job. Der Computerdienst BCD versucht, die Teilnehmer am Kurs auch gleich zu vermitteln. Im Hauptgeschäft verkauft er die Software, zusammen mit den erforderlichen Geräten. Dem Plotter, dem großen Monitor, dem Digitalisiertablett … Einen frisch qualifizieren Mitarbeiter gibt es als Draufgabe. Und da Rike gut zurechtkommt mit den Programmen …

Nein, sie muss endlich mal nicht strampeln. Ihretwegen könnte es noch lange so weiter gehen, wenn das Geld nicht so knapp wäre. Sie hat sich überwunden, besorgt Oberbekleidung und Schuhe für das Kind oft in einer Tauschbörse: Ist der Ruf erst ruiniert, …!

Anselm möchte endlich einen Blick auf seine Tochter werfen, hat er angekündigt in seinem letzten knappen Brief. „Natürlich nur auf meine Tochter!“, schrieb er. Rike lächelt in sich hinein. Sie ist schon ziemlich aufgeregt, auch wenn sie nicht herumzappelt wie das Kind.

Sie erklärt ihrer Tochter, dass draußen die Gebäude der ehemaligen Grenze zu sehen sind:

„Da standen Soldaten mit Gewehren. Die hätten uns beide sofort angehalten.“

„Und dann? Wie wären wir dann zu Papa gekommen?“

„Gar nicht“, entgegnet Rike heftig. „Und alle dachten, es würde immer so bleiben“, fügt sie leiser hinzu. „Und dann haben sie demonstriert, mit Transparenten und so. Und plötzlich wollten alle – die meisten jedenfalls –, dass wir nur noch ein Land sind, so wie ganz früher.“

„Du auch? Hast du das auch gewollt?“

„Ich hatte vor allem – Angst.“

Einzelne Gehöfte. Dunkler Backstein. Solide, einheitlich, wie aus einem Guss. Um die Häuser herum alles aufgeräumt. Der Rasen kurz geschnitten. Die Wirtschaftsgebäude weiter hinten, manchmal von der Straße aus gar nicht zu sehen. Ein makelloses, oft auch steriles Bild. Was dazu nicht passt, wird versteckt. Rike denkt an die Dörfer zu Hause. An zusammengeflickte Wohnhäuser, an schreiende Geschmacklosigkeit. An Gerümpel, Schrotthaufen, verrostende Geräte. An Schweineställe der ehemaligen Genossenschaft direkt neben der Straße.

Sie muss abbiegen. Ein asphaltierter Weg schlängelt sich vorbei an Weideflächen, die schläfrig in der Sonne liegen. Ein paar Kühe sind auch zu sehen. Verstreut, irgendwo wiederkäuend im hohen Gras.

Verblühte Fliedersträucher, sich buschartig am Boden verzweigende Kiefern. Rotdorn, Birken, die schräg in den Garten ragen. Ein Bohlenzaun, eine schmiedeeiserne Laterne. Das Wohnhaus – Backstein natürlich. Breite Fenster, neben der Eingangstür ein Briefkasten mit rostiger Klappe. Der Rasen längere Zeit nicht gemäht.

„Ich glaub, wir haben es geschafft.“ Rike seufzt erleichtert. Sie manövriert ihr Auto in die enge Zufahrt. Anne rutscht aus ihrem Kindersitz. Macht als erstes ein paar Hampelmänner. Schüttelt die Arme, die Beine.

Rike blickt sich suchend um: Der Schlüssel soll hinterm Haus im Wasserkasten hängen. Sie weiß zwar nicht, wozu ein solcher Behälter gut ist. Aber am Regenfallrohr befindet sich wirklich ein eiserner Kasten. Und dort, auf einem Vorsprung, liegt auch das Schlüsselbund.

Im Flur rümpft Anne die Nase.

„I–i, das stinkt!“

Ja, die abgestandene Luft riecht gar nicht gut. Und sie scheint Nachschub zu bekommen. Als gebe es eine offene Grube im Haus, angefüllt mit Spüllicht und Verwesung. Rike stellt ihren Koffer gegen die offene Haustür. Sie stößt in der Küche das Fenster auf.

„Erst mal richtig durchlüften, Anne!“

Eine alte Holztreppe führt ins obere Stockwerk. Hier riecht es fast neutral: Papier, Sägemehl, allerlei trockene und vertrocknete Dinge. Anne möchte – wie zu Hause – ihr eigenes Zimmer haben und guckt hinter jede Tür.

Sie nehme dann mal den größten Raum, den mit den Fischernetzen, verkündet Rike forsch. Und bekommt ein wenig Farbe dabei. Unter dem Netz mit den Glaskugeln steht das Ehebett. Stabile Eiche, an den Kanten abgestoßen. An den Stirnseiten gerahmte Kassetten. Vom Möbeltischler für die Ewigkeit! Daneben der Kleiderschrank und ein Vertiko mit Spiegelaufsatz. Alles in gleicher Machart. Rike kichert in sich hinein, obwohl sie das Zimmer ziemlich bedrückend findet. So als hätten sich fremde Schicksale jahrzehntelang abgelagert im Eichenholz.

Sie öffnet das zweiflügelige Fenster.

Anne sucht nach ihren Zeichenutensilien. Sie muss unbedingt ein Begrüßungsbild malen.

„Papa kommt aber erst in drei Tagen! Und heute ist erst Sonnabend.“

„Weiß ich doch, Mama!“ Annes dunkle Augen glänzen.

Im Schuppen findet Rike einen Klapptisch und mehrere rostige Klappstühle. Sie stellt die Campingmöbel im Garten auf. So weit es geht in den Schatten der Fliedersträucher. Einen Sonnenschirm hat sie nicht gefunden.

Anne ist schon den ganzen Vormittag aufgeregt. Läuft immer wieder zur Pforte. Stellt sich auf die leere, sonnenbeschienene Straße. Guckt und horcht.

„Vielleicht kommt Papa ja früher!“

Mittags hat sie gar keinen Hunger. Rike besteht darauf, dass sie wenigstens den im Hofladen gekauften Kohlrabi isst.

„Papa kommt ja gar nicht!“

„Natürlich kommt er. Guck doch mal zur Uhr, auf den kleinen dicken Zeiger!“

„Ich würde so früh losfahren“, sagt Anne, „dass ich schon hier wäre.“

Dann stehen sie beide wartend am Gartenzaun. Über ihnen schwimmen große, schon spätsommerlich aussehende Wolken. Anne dreht den Kopf hin und her. Lässt ihre Zöpfe fliegen.

Kurz nach 14 Uhr hören sie ein Motorengeräusch.

„Bestimmt ist das Papa!“, ruft Anne. Doch je mehr sich das satte Brummen nähert, umso stiller wird sie. Im Schritttempo kommt ein Auto hinter der letzten, von hohen, schrägen Pappeln flankierten Wegbiegung zum Vorschein. Weiß, mit breiter, flacher Schnauze. Irgendein Sportwagen, so ein Angeberauto, denkt Rike befremdet. Während ihre Augen die Konturen der Karosserie bewundern.

Der Erwartete fährt nun noch langsamer, tastet sich geradezu vor bis zum Ferienhaus. Er blickt kaum auf, nickt nur einmal kaum merklich. Als erforderten die letzten Meter seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Dann steht er in der Einfahrt. Mit dem Heck bis hart an den Asphalt. Rike hätte ihr kleines Auto noch ein Stück weiter vorfahren können. Ja, das hätte sie. Wie klein es ist, sieht sie erst jetzt. Aber sie will nicht ungerecht sein. Und sich nicht den Tag verderben.

„Eine große weiße Flunder mit vier Rädern dran“, flüstert Anne, wieder munter werdend.

Rike streicht ihr heftig über die Zöpfe.

Sie sieht schon: Er ist breiter geworden, nicht nur in den Schultern. Und er trägt jetzt eine Brille. Die Autotür mit der nach unten gekurbelten Scheibe ein Stück offen, kramt er und kramt. Schiebt sich endlich rückwärts nach draußen. In der Rechten eine kleine schwarze Schachtel. Unter den Arm geklemmt einen großen, farbigen Karton. In der anderen Hand einen Strauß Wiesenblumen: Kerbel, Sauerampfer, Hahnenfuß. Ringsum gezackte Blätter, die Rike nicht kennt.

Er trägt ein dunkelblaues Poloshirt und eine helle Leinenhose mit geflochtenem Gürtel. So wird er auch in der Stadt unterwegs sein, wenn er nicht gerade Vorlesungen hält, denkt Rike. Und blickt runter auf ihre ausgewaschene Jeans.

Er lächelt entschuldigend. Deutet eine Umarmung an mit der Hand, die den Strauß hält.

„Ich dachte“, sagt er, „einer Designerin sollte man nicht mit Blumen von der Stange kommen.“

Rike ist erleichtert. Und ernüchtert. Ihre Befangenheit schwindet.

„Ich such mal eine Vase. Wenn du dich vielleicht hier draußen hinsetzen würdest? Im Flur riecht es reichlich unangenehm.“

„Hier stinkt es“, bekräftigt Anne wichtigtuerisch.

Ja, das sei im Westen manchmal so, meint er lakonisch wie früher.

Rike hinkt ins Haus, sucht in der Küche, in den Hängeschränken. Findet aber nur ein hohes ehemaliges Wurstglas. Füllt es mit Wasser.

Vater und Tochter sitzen sich am Gartentisch gegenüber. Anselm ist damit beschäftigt, mit einem winzigen Taschenmesser die vielfach verklebte Verpackung zu öffnen. Anne mustert abwechselnd ihn und die Bilder auf dem Karton.

Rike guckt sich suchend um. Stellt die Blumen neben dem Tisch ins Gras. Nimmt sie wieder hoch. Geht zum Haus. Platziert das Glas auf dem Schotterstreifen vor der Wand.

Anselm blickt ihr entgegen. Blickt sie zum ersten Mal richtig an mit seinen mandelförmigen, durch die Brillengläser vergrößerten Augen.

„Du hast dir ja die Haare abschneiden lassen!“

„Ja, aus Panik. Als es losging mit der Marktwirtschaft.“

Er lächelt melancholisch.

„Schade, sie hätten dir bestimmt inzwischen bis zu den Stiefelspitzen gereicht.“

„Mindestens.“

„Hast du sie noch?“

„Die Stiefel?“

„Ja, die von der Blauen Adria.“

Rike nickt kaum merklich, und der Nerv an ihrem Nasenflügel zuckt ein bisschen.

Das Kind ist gesprächiger.

„Mamas Oberknies stehen in der Schlafstube“, erzählt es eifrig. „Sie putzt die immer und zieht sie nie an.“

Anselm scheint noch etwas fragen zu wollen.

„Nein“, sagt Rike. „Neun Jahre sind eine lange Zeit.“

Er verzieht den Mund, als bekomme er ein schlechtes Gewissen. Aber nur ein wenig. Dann packt er mit Anne den Karton aus. Gleichzeitig erklärt er ihr, etwas stockend, nach kindgerechten Wörtern suchend, den Baukasten „Design for Kids“: „Die unterschiedlichen Dachformen, die Fenster und Türen, die Gesimse – das sind die waagerechten Mauervorsprünge – und sogar die Anzahl der Geschosse, das kannst du alles austauschen, miteinander kombinieren, so wie du es schön findest. Und dann gibt es auch noch viele unterschiedliche Fassaden für die Giebelhäuser.“

Rike hat ihren schwarzen Würfel geöffnet. Eine Halskette mit Anhänger. Weißgrau, Platin wohl. Zwei schmale, stilisierte Blätter, ein großes und ein kleines.

„Dankeschön, Anselm!“

Und zu Anne: „Guck mal, Mutter und Tochter!“

Das Kind ist beschäftigt, es baut schon Häuser in Reihe. Solche, wie die längs der Straße, wenn beide unterwegs sind zur Kaufhalle.

„Ich werde die Kette mal umbinden“, sagt Rike.

Das Kind hält sich nicht damit auf, mehrere Etagen aufeinander zu setzen. Voller Eifer wählt es bereits die Dächer aus. Für jedes Haus eine andere Form.

Da wird Vater Anselm gleich Einspruch erheben, denkt Rike. Seine schmale, feingliedrige Hand zuckt schon!

„Ich geh dann mal.“

Sie läuft hinkend die Treppe hoch. In die Schlafstube mit dem Fischernetz. Vor den Spiegel. Sie hält sich die Kette an. Sie hat doch gar nichts Passendes mit. Höchstens die dunkelrote Bluse mit den großen Kragenecken, Modell „Chic 80“. Die Blätter verschwinden immer wieder im Ausschnitt. Vielleicht mal zur Feier des Wiedersehens ein Knopf weniger? Sie lächelt in sich hinein: Ach, er geht ja inzwischen auf in seiner neuen Rolle!

„Na, was macht das Baugeschehen?“, fragt Rike aufgeräumt. Sie trägt ein Tablett mit zwei Tassen Kaffee, einem Glas Milch und einer Schale mit Vollkornkeksen. Und um den Hals die Kette, deren Anhänger immer wieder im Ausschnitt der Bluse verschwindet.

„Apart“, meint Anselm nach flüchtigem Blick. „Wir überlegen gerade, wie wir in eurer kleinen Stadt den Markt neu gestalten können.“

„Jetzt wird nicht gestaltet, jetzt wird erst mal Kaffee getrunken“, verkündet Rike. „Und dann wandern wir raus in Gottes freie Natur. Du musst doch ganz steif sein nach so langer Fahrt in deiner …“ Ihr Tonfall wird neckisch: „… in deiner weißen Flunder!“

Sie gehen zunächst ein Stück auf der Straße. Vorbei an zwei Anwesen, auf deren der Rasen ebenfalls nicht kurz gehalten wird.

„Bestimmt auch Urlaubsquartiere“, mutmaßt Rike. Sie biegt ein auf einen vom Gras bewachsenen Weg. „Da, soweit das Auge reichtnur Weidezäune, nur Kühe und grünes Futter!“

„Und Windmühlen!“, ruft Anne.

Anselm schlendert mit belustigter Miene neben den beiden. So als entführe man einen Erwachsenen in ein Kinderland.

„Ja mein Lieber, hier gibt’s keine Highlights, keinerlei Attraktionen, hier kann man einfach nur gehen. Von der einen Kuhweide zur nächsten. Solange mein Bein mitmacht.“

Anne läuft in der Mitte. Hat verstohlen ihre Hand in Anselms Linke geschoben. Reibt verschämt und erfreut den Kopf an seinem Arm.

„Papa, Mama und Kind“, sagt sie mit zufriedener Miene.

„Wie im Bilderbuch“, antwortet Anselm gewohnt spöttisch. Aber seine Augen leuchten unter den schweren Lidern.

Auf der einen Seite jetzt Gemüsefelder. Akkurate, wie mit dem Lineal gezogene Zeilen. Rotkohl, Weißkohl, Kohlrabi, die bläulichen Blätter der Kohlrüben. In der Luft darüber lautes, scharfes Geschrei. Vögel mit rotem Schnabel schießen über den in kleine Rechtecke aufgeteilten Acker.

„Qui, quit, quitt!“, imitiert Anne die Rufe.

„So viele Störche!“, staunt Anselm.

„Das sind doch keine Störche, Papa.“ Sie schüttelt die Zöpfe. „Was erzählst du denn! Ich bin doch kein Baby mehr.“

„Keine Störche? Und der lange rote Schnabel?“ Er wiegt bedenklich sein schmales Haupt. „Na ja, der Kopf ist nicht weiß, der ist rabenschwarz. Aber vielleicht sind es Schwarzstörche?“

Anne verneint auch das so heftig, dass die Zöpfe fliegen.

„Was sind es aber dann?“

Anne blickt fragend hoch zu ihrer Mutter.

„Austernfischer“, antwortet Rike amüsiert. „Eigentlich Wattvögel, die wohl nach und nach von der See ins Binnenland gezogen sind. Dein Vater hat gar nicht so unrecht“, sagt sie. „Die Austernfischer sind die Störche der Halligen. Die bringen hier auch die Babys“, fügt sie bedeutungsvoll hinzu.

„Ach Quatsch, Mama!“

Anselm mimt den Erschrockenen: Da müsse man ja höllisch aufpassen!

„Ja?“ Rike kichert kurz in sich hinein.

„Und woher weißt du, Mädchen von der Ostsee, so was alles?“, fragt er schnell.