Ein besonderes Haus an der Steilküste - Jasmina Marks - E-Book

Ein besonderes Haus an der Steilküste E-Book

Jasmina Marks

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Beschreibung

Er liebte die Steilküste, das Meer und auch die Abgeschiedenheit. Diese Tage, die er hier würde verbringen müssen, waren so sehr von allem entfernt, was er bisher kennengelernt hatte. So voller Wärme und Liebe ... Oder ist es doch alles bloß ein Traum? Irgendwie kann doch gar nicht sein, was sich hier, fern ab der Stadt, weit weg von seinem eigentlichen Dasein, als real darzustellen versucht! Eine Tote, die des Nachts zurückkommt - so etwas gibt es nicht. Und doch kann sich Maron dem Zauber, der ihn im Haus an der Steilküste umgibt, nicht entziehen. Außerdem ist da noch Maja, eine wunderschöne Frau ... und der Tod seiner Mutter ... und eine ganz besondere alte Dame, die er fest ins Herz geschlossen hat, kaum, dass er sie traf ...

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Seitenzahl: 185

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Jasmina Marks

Ein besonderes Haus an der Steilküste

Erzählung

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Widmung

Ein Haus an der Steilküste

Ein sonderbares kleines Dorf

Ein unerwartetes Wiedersehen

Eine belastende Erinnerung

Eine außergewöhnliche Begegnung

Ein sich erhebender Leuchtturm

Ein ganz besonderer Morgen

Eine unglaubliche Liebe

Ein ungewolltes Ende

Ein verlassenes Haus

Ein schmerzlicher Abschied

Ein unausweichlicher Fluchtversuch

Eine überfällige Erkenntnis

Eine lösbare Aufgabe

Eine ersehnte Heimkehr

Autoreninfo

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Impressum neobooks

Widmung

Lebe und atme,

mit Deiner Seele!

Für eine einzigartige Frau,

Ein Haus an der Steilküste

Stotternd heulte der Motor noch einmal auf und versagte schließlich endgültig. Der Ford rollte aus, und nachdem die Scheinwerfer erloschen waren, konnte Maron nichts mehr sehen. Fluchend schlug er mit seiner Faust aufs Lenkrad und starrte hinaus in den heftigen Regen. Er musste sich verfahren haben, denn laut seiner Karte hätte er schon vor mehr als zwei Kilometern an einer Wegkreuzung nach rechts abbiegen müssen – aber da war nichts. Der Straße war schmal und zu ihrer Linken befand sich ein so eben noch haltendes Geländer, das wohl nur notdürftigen Schutz vor dem sich steil eröffnenden Abhang hätte bieten können.

Prasselnd trommelten die Regentropfen auf das Dach und Maron hüllte sich in seinen Mantel. Es war kalt und er fror. Außerdem hatte er seit Stunden nichts mehr gegessen. Er ließ den Ford stehen und kämpfte sich durch das Unwetter zu einem Licht hin, das wohl von einem Haus kommen musste - vielleicht könnte man ihm dort helfen?

Ernest Maron schlug den Mantelkragen hoch und folgte dem Schein, den er in dem dichter werdenden Regen nur noch mühsam erkennen konnte. Ein kleiner Weg führte von der Straße ab und knirschend gab der Kies unter seinen Füßen nach. Endlich erreichte er die Vordertür und begann, wild dagegen zu hämmern. Nass bis auf die Haut stand er frierend davor und hoffte auf Einlass in dieser ungemütlichen Nacht.

Die Tür öffnete sich und eine alte Frau schaute ihn fragend an. „Guten Abend, gnädige Frau. Entschuldigen Sie die Störung – ich bin mit meinem Wagen liegen geblieben. Dürfte ich vielleicht bei Ihnen telefonieren?“

„Treten Sie ein, junger Mann.“

„Vielen Dank. Maron mein Name, Ernest Maron. Nochmals vielen Dank.“ Die Frau war vielleicht um die 70, womöglich auch etwas älter. Sie trug einen schwarzen Umhang und ihr langes weißes Haar hing lose über ihre Schultern. Der kleine Vorraum, der hell erleuchtet war, führte in einen großen rundlichen Raum. Dieser war nur schwach beleuchtet, aber es wirkte sofort gemütlich.

Die alte Dame hatte seinen Mantel am Kamin aufgehängt und war in ein kleines Nebenzimmer geeilt, um ihm Handtücher zu bringen. „Sie müssen sich aber sehr verfahren haben. Hierher zu mir findet sonst selten jemand den Weg.“

„Ja, es war schon dunkel und ich suchte eigentlich die Abzweigung nach Saltenborough. Aber irgendwie muss ich sie wohl verpasst haben und zu allem Überfluss streikt nun auch noch mein Motor.“

„Nun, Herr Maron, Sie werden wohl über Nacht bleiben müssen. Um diese Zeit kommt niemand mehr hier raus und schon gar nicht bei diesem Wetter. Die Küstenstraße ist sehr gefährlich.“

„Ich will Ihnen aber keinesfalls Umstände machen.“

„Ist schon recht so. Oben gibt es noch eine Kammer, die ich eigentlich nicht mehr benutze. Sie finden dort ein Bett und einen kleinen Ofen gibt es auch. Haben Sie Hunger, Herr Maron?“

„Ehrlich gesagt schon, eine Kleinigkeit wäre sehr freundlich.“

Die Frau deckte den Tisch, rückte den dreiarmigen Kerzenleuchter etwas zur Seite und holte etwas kalten Braten, ein paar Tomaten und einen großen Laib selbst gebackenes Brot. Der Duft von Speck und Eiern, die inzwischen auf dem Ofen in einer Pfanne brutzelten, erinnerten Maron daran, wie hungrig er war. Auf einer bequemen Sitzbank nahm er schließlich Platz und auch die Frau setzte sich zu ihm, nachdem sie ihm als auch sich selbst von dem knusprigen Speck gegeben hatte. Der dampfende Tee wärmte ihn und allmählich erholte er sich von dem Sturm, der draußen noch immer heftig tobte. Doch irgendwie schien das hier drinnen keine Rolle zu spielen. Neugierig betrachtete Maron den Raum.

Vor dem Kamin lag ein dicker, weißer Teppich. Angrenzend daran stand ein mit schwarzem Samt bezogener Ottomane, mit vielen hellen Kissen, daneben ein Schaukelstuhl. Die Wände waren bis zur Decke mit einem Bücherregal durchzogen. Die überschaubare Essecke war umrandet von einer kleinen Küche, in der auch ein antiker Herd stand. Es gab viele Blumen und größere Gewächse, die sich in der Offenheit des Raumes wunderbar verteilten. Eine breite Treppe führte in ein oberes Geschoss. Das Flackern des Kaminfeuers tauchte alles in ein wärmendes Licht. Und obwohl von draußen der heulende Wind und starke Regen zu vernehmen war, fühlte sich Maron hier drinnen so wohl, wie er es selbst eigentlich nie zuvor hatte spüren können. Kurz horchte er genauer hin. Ihm war, als hätte er inmitten dieses Getöses eine Schiffsglocke gehört. Oder etwas Ähnliches. Konnte das sein? Bei diesem Wetter? Wie ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten. Heutzutage wäre doch ein Horn eher das, was man erwarten würde, oder nicht? Mal abgesehen davon, dass bei so einem Sturm kaum ein Schiff auf offener See treiben würde, in unmittelbarer Nähe zur Küste. Aber es klang erneut wie der tiefe Laut einer Glocke. Irritiert trank er von seinem Tee und betrachtete die alte Frau, die sich inzwischen erhoben hatte und ihren Teller zur Spüle brachte. Ihre Gestalt war zierlich. Der Ausdruck in ihren großen dunklen Augen wachsam und klar. Das Gesicht ebenmäßig und trotz oder gerade wegen der einen oder anderen Falte war sie umgeben von Herzlichkeit und Wärme, die von weit innen zu kommen schien. Das nahezu weiße Haar reichte bis an die Hüften hinunter. Ihre Bewegungen waren fließend und voller Anmut – zweifelsohne ein besonderer Mensch, der da vor ihm stand.

„Nun, Herr Maron“, unterbrach sie ihn in seinen Gedankengängen, „geht es Ihnen etwas besser?“

„Ja, vielen Dank.“

„Sie müssen sich sehr verfahren haben. Die Abzweigung nach Saltenborough liegt mehr als 10 Kilometer weiter zurück. Morgen werde ich für Sie den Monteur rufen. Etwa 10 Minuten zu Fuß von hier ist ein kleines Dorf. Dort finden Sie dann Hilfe.“

„Das ist sehr nett von Ihnen.“

„Ich glaube, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt, nennen Sie mich einfach Landana. Wenn Sie wollen, können Sie im oberen Geschoss noch heiß duschen. Sie werden alles finden, was Sie brauchen.“

„Das wäre wirklich schön. Wenn ich mich irgendwie erkenntlich zeigen kann ...“

„Junger Mann, ist schon gut!“

Ohne dass er es gehört hatte, war eine ebenfalls ältere Dame hereingekommen. Ihre Erscheinung glich der von Landana sehr, nur waren ihre Haare nicht ganz so lang. Jedoch schien die Ausstrahlung identisch zu sein.

„Celia, schön Dich zu sehen.“ Lächelnd trat die Dame, die ihm inzwischen als Landana bekannt war, auf die andere zu. Stirn an Stirn gelehnt, die Hand an der Wange der jeweils anderen, verharrten sie für einen Augenblick in inniger Umarmung. Erst als sich die beiden dann zu ihm umwandten, bemerkte Maron, dass er sie fasziniert angestarrt hatte - so sehr in den Anblick vertieft gewesen war, dass ihm der Atem stockte. Er erhob sich und reichte ihr seine Hand.

„Das ist Ernest Maron, Celia. Sein Wagen ist liegen geblieben und verfahren hat er sich auch. Ich habe ihm gesagt, dass er über Nacht bleiben kann.“

„Guten Abend, gnädige Frau.“ Was sagte er denn da? Er hatte ungeheuren Respekt vor beiden, warum, wusste er nicht zu benennen. Sie strahlten irgendetwas Unbestimmtes aus - etwas, das ihn ohne Zweifel berührte und sich nicht in Worte fassen ließ, sondern allein mit dem Herzen spürbar war. Und zwar auf so sinnliche Weise, dass er völlig verwirrt schien. „Ich möchte mich nun auch verabschieden. Angenehme Nachtruhe wünsche ich.“

„Wenn Sie etwas brauchen sollten, sagen Sie nur Bescheid.“

Ein Stück weit erleichtert, dieser sonderbaren Atmosphäre entfliehen zu können, eilte er die Stufen hoch. Das ihm zur Verfügung gestellte Zimmer war leicht zu finden. Nachdem er eingetreten war, schloss er leise die Tür hinter sich. Was auch immer es war, das die beiden alten Damen so außergewöhnlich erscheinen ließ, er konnte es nicht greifen! Er fühlte sich tief im Innersten erschüttert, nur weil er in ihrer Nähe verweilt hatte. Dieser Moment, in dem sie sich begrüßt hatten, schien etwas nahezu Heiliges auszustrahlen. So etwas hatte er noch nie gesehen oder erlebt. Er war sowohl beeindruckt als auch verzaubert von ihnen.

Im angrenzenden Bad stellte er sich unter die Dusche, ließ das heiße Wasser an sich herunter laufen - das tat gut! Endlich beruhigte er sich. Wenig später stand er vor dem Spiegel und betrachtete, was ihm entgegenblickte. Eine Nase, die schon immer viel zu groß zu sein schien und sein Gesicht beherrschte. Der Mund normal und das kurze blonde Haar stand strubbelig von seinem Kopf ab. Sein Alter war ihm anzusehen, fand er. Irgendwie zumindest. Im Gesicht auf jeden Fall. Sein Körper war schmächtig und er fand sich selbst nicht wirklich attraktiv. Aber egal. Spielte keine Rolle, grade jetzt. Er trocknete sich ab und hängte das flauschige Handtuch über den Halter. Noch einmal schaute er in den Spiegel und war froh, seine wenig männlich wirkende, dafür aber große Erscheinung in einem weichen Bademantel verstecken zu dürfen, der so eben noch passte. Warum auch immer ihm gerade das nun durch den Kopf schoss, wusste er nicht, als er nachdenklich in den Schlafraum eintrat, der ebenso gemütlich wirkte wie der Rest des Hauses. Auch hier gab es viele große Blumen. Die vorherrschenden Farben waren in hellen Pastelltönen gehalten und liebevoll aufeinander abgestimmt. Das große, auf einem dunklen Holzrahmen stehende Bett war einladend mit Kissen bedeckt. Die Wände waren aus weißen Steinen gemauert und ein dunkler Holzfußboden, der stellenweise leise knarrend nachgab, verlieh dem Raum, wie dem gesamten Haus, den Hauch von etwas ganz besonderem. Zweifelsohne war hier jemand mit Geschmack am Werk gewesen. In der Luft lag das Aroma von Lavendel, der getrocknet in einer Schüssel auf der Kommode dastand. Ein kleiner Ofen gab eine angenehme Wärme ab, daneben ein Weidenkorb mit Brennholz. Auch hier lagen dicke, flaumige Teppiche und in manchen Momenten schien es so, als würde das gesamte Bauwerk atmen … sich unerschrocken den wütenden Naturgewalten entgegenstellen.

Das Schlagen der Regentropfen ans Fenster ließ Maron wieder frösteln. Der sausende Wind, der energisch um das Haus pfiff, war ihm unheimlich. Flüchtend legte er sich unter die Decke und zog sie hoch bis zum Kinn. Doch er konnte nicht einschlafen, wand sich von einer auf die andere Seite. Räumte dann eines von den vielen Kissen weg, aber es nützte nichts. Das Klappern der noch geöffneten Fensterläden ließ ihn immer wieder hochschrecken.

Schließlich bekam er Durst. Widerwillig erhob er sich, sah auf das noch immer stürmende Wetter da draußen und schloss die Läden, wollte nichts mehr davon mitbekommen. Sich den Morgenmantel umlegend, öffnete er leise die Tür und trat vorsichtig heraus. Von unten drangen gedämpfte Stimmen zu ihm - also waren die beiden Damen noch auf und Maron schritt die Stufen hinab. Auf dem Ottomanen lagen Landana und Celia eng aneinander gekuschelt, und während Landana ihren Kopf an die Schulter der anderen lehnte, strich diese ihr zärtlich übers Haar. Sie unterhielten sich leise miteinander, bis Celia Maron bemerkte und ihn freundlich heran winkte.

„Entschuldigung, ich wollte nicht stören – aber dürfte ich vielleicht noch ein Glas Wasser haben?“

„Können Sie nicht einschlafen, Herr Maron?“ fragte nun Landana.

„Nein, nicht wirklich“, antwortete er.

„Dort in der Anrichte finden Sie ein Glas und auch etwas zum Trinken, bedienen Sie sich ruhig. - Wenn Sie mögen, können Sie sich gerne noch zu uns setzen.“

„Ja, danke – es ist wirklich ungewohnt für mich. Ich habe nur ein kleines Appartement und das in einem Hochhaus. Ein solches Unwetter habe ich, glaube ich, noch nie erlebt!“

„Sie sind hier an der Küste, da kommt so etwas häufiger vor.“

„Außerdem ist das hier ein ehemaliger Leuchtturm“, fuhr nun Celia fort und lächelte vielsagend. Maron nahm einen Stuhl und setzte sich zu ihnen. Das flackernde Licht des Feuers und die leise Musik im Hintergrund hatten etwas Beruhigendes an sich. Wohlig geschützt saßen sie da, im Gegensatz zum draußen heftig tobenden Sturm.

„Sie kommen also aus der Stadt?“ fragte Landana schließlich, sich behutsam aufrichtend.

„Ja, ich bin dort aufgewachsen und wollte nun ein paar Tage auf dem Land verbringen.“

„Und da zieht es Sie nach Saltenborough?“

„Ja, dort gibt es ein schönes altes Museum und es ist eben ländlicher hier.“

„Was machen Sie denn beruflich?“ fragte nun Celia und fuhr dann entschuldigend fort, „Sie müssen sich ja wie in einem Verhör vorkommen!“

„Nein, ist schon recht so“, entgegnete er, „schließlich bin ich ein Fremder für Sie und dennoch Gast in ihrem wundervollen Haus. Ich bin Vertreter für Staubsauger, nichts Besonderes halt.“

Verlegen nahm er einen Schluck aus seinem Glas. Was auch immer da seine Fühler nach ihm ausstreckte, es schien so, als wäre es in der Lage, ihn vor sich selbst zu entfremden. Stutzend starrte er in die Flammen. Noch nie zuvor war ihm sein Beruf so unangenehm erschienen – so, als gehöre er nicht wirklich zu ihm und entstamme einer fernen Welt. Unmerklich schüttelte er den Kopf und strich sich eine störrisch in die Stirn gefallene Haarsträhne zur Seite. Ohne zu wissen, was ihn an diesen beiden Damen so nervös machte, schaute er wieder zu ihnen hin. Sie wirkten wie eine Einheit, umgeben von etwas Unbegreiflichem irgendwie.

Das Knistern des Kaminfeuers überdeckte nur zum Teil die Gewalt des noch herrschenden Unwetters und fröstelnd erinnerte ihn die übel gelaunte Kraft der Natur daran, wie müde er war. Noch einmal bedankte er sich und verschwand dann eilig ins obere Geschoss. Innerlich leicht zerstreut, kroch er unter die Decke und schlief alsbald tief und fest ein.

Ein sonderbares kleines Dorf

Der folgende Morgen war längst angebrochen, als Maron endlich erwachte. Sonnenlicht drang durch die Ritzen der noch geschlossenen Läden und es war ruhig. Er reckte sich, stand schnell auf und öffnete das Fenster. Die See lag friedlich da und der Himmel war von nur wenigen kleinen Wolken durchzogen. Das morgendliche Licht gab den Blick auf die Steilküste in den schönsten Farben wieder. Ein herrlicher Tag - nichts mehr erinnerte an das heftige Treiben vom Abend zuvor.

Gut gelaunt wusch er sich, schlüpfte in die Jeans und warf sich ein gestreiftes Shirt-Hemd über. So locker, wie sein Kleidungsstil dem Urlaub angepasst war, so beschwingt fühlte er sich an diesem Tag. Kein steifes Hemd, keine einengende Krawatte, keine glattgebügelte Anzughose und kein unbiegsames Jackett, wie es der Job verlangte. Den er, wenn er ehrlich war, nicht mochte. Der ihn zwang, jemand zu sein, der er nicht sein wollte. Sonderbar – dass er noch immer dieses Gefühl vom gestrigen Abend in sich spürte, als es ihm merklich unangenehm gewesen war, davon berichten zu müssen, als Staubsaugervertreter durch sein Dasein zu schlurfen.

Es ging ihm anders als sonst. Was er, wenn auch nur flüchtig, zur Kenntnis nahm. Schnell noch in die Freizeitschuhe geschlüpft und frohen Mutes verließ er dann die kleine Kammer. Von unten war der angenehme Duft frischen Kaffees hochgezogen, weshalb er freudigen Schrittes die breiten Stufen hinunterging. Landana saß bereits am Tisch und winkte ihn lächelnd heran. So begrüßt zu werden, war etwas vollkommen Neues, so wohltuend. Nach einem ausgiebigen und erstaunlich gemütlichen Frühstück wand sich Maron schließlich an die alte Dame mit der Bitte, den Mechaniker anzurufen.

„Das ist schon längst geschehen, Herr Maron“, sprach sie und deutete aus dem Fenster, wo er einen Abschleppwagen die Küstenstraße herankommen sah. Seine kleine Reisetasche war zügig gepackt und freundlich, wenn auch ein bisschen wehmütig, verabschiedete er sich dann. Insgeheim war er sehr dankbar über die Stunden, die er hier hatte verbringen dürfen. Etwas an ihr hatte ihn auf unbestimmte Weise berührt, und weil er wusste, dass er es nicht benennen konnte, gab er sich so zufrieden. Erfüllt von einer inneren Verbundenheit, die er nie kennengelernt hatte und deren Ursprung ihm inzwischen auch egal war, trat er aus der Tür. Zum Abschied reichten sie einander die Hände und beschwingt eilte er über den noch feucht glänzenden Kies hinweg zur Straße. Kurz noch eilte der Gedanke, dass er Celia gar nicht mehr gesehen hatte, an ihm vorbei und war im selben Moment schon wieder entschwunden.

Unterdessen war der Mechaniker, seine Mütze in der Hand haltend, um den alten Ford herum gelaufen, sich permanent am Kopf kratzend.

„Da haben Sie aber mächtig Glück gehabt“, sagte er, als er Maron näher kommen sah, „nicht viel und Sie wären die Klippen hinabgestürzt!“

„Ja, das ist wohl richtig, aber Gott sei Dank haben die netten alten Damen mich hereingelassen.“

„Die netten, alten Damen?“ verwundert guckte der Mann mit einem geringschätzigen Seitenblick zum Haus hinüber und begann dann die Seilwinde runter zu lassen.

Maron war seinem Blick gefolgt und bemerkte nun, dass es sich bei dem Haus um die Reste eines ehemaligen Leuchtturmes handeln musste, weil es rundlich dastand. Wie ein Überbleibsel von etwas, das einmal Bedeutung gehabt und nun, im Laufe der Zeit, einen anderen Zweck zu erfüllen hatte. Vielleicht einen, den man nicht sofort und geradewegs verstehen konnte – sondern etwas, das tiefer lag als alles offensichtlich Erkennbare – etwas, das im Innern wirkte, wirken sollte!

Es war eine eindrucksvolle Ansicht – ohne jeden Zweifel: Dieses weiß verputzte Haus, mit einem Obergeschoss – auf dem sich dunkel glänzende Ziegel kreisförmig nach unten arbeiteten … beinahe so, als erwarte man direkt darunter liegend noch immer das sich drehende Leuchtfeuer zu finden … am Rande einer scharfen Klippe postiert … den Gezeiten hätte hilflos ausgeliefert sein müssen und dennoch so beharrlich und unbeugsam dastand – als müsse es genauso sein, so und nicht anders! Die Weite des Ozeans im Hintergrund vollkommen außer Acht lassend wirkte dieses Einod, als gehöre es an diese Stelle. Vermittelte, dass ihm eine Bedeutung zukam, auch ohne noch einer tagtäglichen Aufgabe nachkommen zu müssen – es war einfach nicht in Worte zu fassen! Lächelnd glitten seine Gedanken zum gestrigen Abend zurück. Noch immer hielt ihn eine Art wärmender Schauer gefangen, wenn er sich an den Anblick erinnerte, wie die beiden Frauen auf dem Ottomanen gelegen hatten. Auch wenn ihn selbst etwas so Wundervolles nicht mit einem anderen Menschen verband, so kam es ihm dennoch so vor, als hätte er teilhaben dürfen an dem, was diese alten Damen füreinander empfinden mussten.

Als sie nur wenige Augenblicke später an dem Haus vorbeifuhren, war Landana vor die Tür getreten und Maron hob grüßend seine Hand. Sie winkte lächelnd zurück und ihr fast den Boden berührender dunkler Rock wiegte sich im leichten Wind. Der Mechaniker brummte vor sich hin. Polternd fuhr er die enge Straße in Richtung des kleinen Dorfes entlang. Im Innern des Abschleppers beherrschte der Geruch von Öl und Schweiß alles andere, fast schon beleidigend für die Nase, welche bis eben noch den Duft eines reichhaltigen Frühstücks hatte einatmen dürfen. Ein unmerklicher Ruck ging durch Marons schlaksig wirkende Gestalt neben der kleinen, gedrungenen Figur des übel gelaunten Werkstattarbeiters, als hätte man ihn unverhofft auf den Boden der Tatsachen zurückbefördert – ungefragt.

„Das muss ja ein riesiges Pech für Sie gewesen sein, dass Sie ausgerechnet hier liegen geblieben sind“, sagte er dann. Verwundert sah Maron ihn an und fragte, wie er das meinen würde.

„Na, bei der alten Irren zu landen ist nun wirklich kein Vergnügen!“ Entsetzt starrte Maron auf den Fahrer und konnte nicht fassen, wie dieser über Landana sprach. Das hörbare Quietschen der abgenutzten Sitze konnte die plötzlich spürbare Missstimmung nicht vertuschen.

„Wieso bescheuert? Ich verstehe Sie nicht ganz! Zu mir war sie sehr nett und freundlich“, antwortete er mit einem rügenden Tonfall. Der Mechaniker tippte sich mit dem Finger an die Stirn und fügte noch hinzu, dass „die bescheuerte Alte“, wie er sie nannte, nicht ganz dicht sei. Das wüsste schließlich jeder hier in der Gegend. Nur die Tochter vom Wirt würde nach der da draußen sehen.

Maron hielt es für besser, nicht weiter darauf einzugehen. Sein Blick wanderte von dem erheblich verschmutzten Mechanikeranzug über die Schaumstoffkissen, die an etlichen Stellen durch das gerissene Leder der Sitze durchstachen. Innerlich erfüllt mit Abscheu, rümpfte er seine nach wie vor eingeschnappte Nase und dachte bei sich, dass dieser Mann wohl kaum etwas Sinnvolles über die beiden alten Damen zu sagen haben konnte, wenn er noch nicht einmal mit ihnen sprach …

Endlich erreichten sie das kleine tausend Seelen Örtchen und erleichtert stieg Maron aus dem Führerhäuschen des Lasters. Nach etwas mehr als einer endlos scheinenden Stunde stand fest, dass die Reparatur seines Autos mindestens 2 Tage in Anspruch nehmen würde. Entnervt mietete er sich in dem einzigen Wirtshaus vor Ort ein Zimmer. Spartanisch war es eingerichtet und im Gegensatz zum ehemaligen Leuchtturm wirklich ungemütlich. Ein altes Metallbett, zwei Stühle und ein kleiner Tisch, ausgeblichene Gardinen vor einem von Holzwürmern angenagten Fensterrahmen, verblasste Blumentapeten, die längst mal hätten ersetzt werden dürfen. Alles wirkte, als käme selten jemand vorbei, um sich niederzulassen. Wenig erfreut darüber, hier nun ausharren zu müssen, saß er dann niedergeschlagen auf dem Bett, sich der Situation ergebend.

Flüchtig schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, ob er nicht lieber zu Landana zurückkehren sollte, um sie zu bitten, die beiden Nächte in ihrem Haus verbringen zu dürfen. Aber dann kam es ihm ein wenig zu aufdringlich vor. Schließlich kannte er sie erst seit gestern und eine solche Bitte gehörte sich einfach nicht. Enttäuscht darüber, dass es sich nicht geziemte und ein wenig bedrückt, fühlte er sich den Schwingungen dieses seltsam anmutenden Ortes ausgeliefert. Er konnte es nicht wirklich beschreiben, aber es schien das vollkommene Gegenteil zu den Vertrautheiten im Haus an der Küste zu sein.