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Das Buch beinhaltet drei Erzählungen, die in einer sinnbildlichen Welt spielen und den Weg des seelischen Reifens der unterschiedlichen Hauptfiguren beschreiben, deren Ziel es ist, zu sich selbst stehen zu können und dem eigenen Herzen zu folgen. Es ist die Geschichte zweier misshandelter Frauen, die aufgrund ihrer gemeinsamen Wunden die Liebe zueinander entdecken und füreinander den anstrengenden Weg der seelischen Heilung auf sich nehmen, um in eine gemeinsame glückliche Zukunft gehen zu können.
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Seitenzahl: 168
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Jasmina Marks
Schirijana
Ein Märchenbuch über die Liebe
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Schirijana
Melana
Dalanamee
Viele Jahre später
Impressum neobooks
Es war einmal und es war auch nicht - zu einer anderen Zeit - an einem weit entfernten Ort.
Nur allmählich kam Schirijana zu sich, ein gleichmäßiges Rauschen war um sie herum und eine sanfte warme Brise streifte ihr langes Haar. Sie hatte das Gefühl, als würde sie leicht geschaukelt. Wo war sie nur?
Die Luft roch irgendwie salzig, deswegen vermutlich jener Geschmack in ihrem Mund. Merkwürdig - nein, schon mehr als merkwürdig, sie getraute sich nicht, ihre Augen zu öffnen.
Eine dumpfe Vorahnung schlich in ihr auf. Dieser seltsam salzige Geschmack machte sie von Moment zu Moment ängstlicher und sie beschloss, es zu tun. Sie sammelte all ihren Mut und ihre Kraft zusammen und tat es - sie öffnete ihre Augen und sah sich allein im offenen Meer treiben…
Blankes Entsetzen packte sie, wild begann sie mit den Armen zu rudern, Wasser spritzte in ihr Gesicht, plötzlich über ihr. Sie versuchte, nach Luft zu schnappen, schluckte diese salzige Brühe, kein Halten, kein Gleichgewicht, untergetaucht - Wasser, Wasser überall und plötzlich war sie wie gelähmt!
Die Starre vertrieb die blinde Panik und den gehetzten Gedanken, was nur passiert sein mochte. Sie konnte nicht richtig denken, Wasser, überall nur Wasser - Wasser, und sonst nichts…
Die Sonne, sie sah die Sonne, aber sie begann zu brennen. Das Salz verklebte ihr Haar und vertrocknete ihr Gesicht. Kaum noch ein Muskel ließ sich bewegen, Steifheit in all ihren Gliedern und wieder lag sie da - ihr Kopf dröhnte vor Schmerzen und sie gab sich dieser Betäubung hin.
Nichts mehr denken und nichts mehr fühlen - nichts mehr riechen und vor allen Dingen -nichts mehr sehen…
Lange, lange Zeit hatte sie so dagelegen, war dahingetrieben auf offener See. Schleichend kehrten ihre Sinne zurück und sie erinnerte sich daran, wie sie hier hergekommen war. Tränen rannen über ihre Wangen, als sie sich über ihr bisheriges Dasein bewusst wurde - wie man sie unaufhörlich gedemütigt und erniedrigt hatte. Und wie sie dann, in all ihrer Verzweiflung schließlich ins Meer gelaufen war, in der Hoffnung zu sterben - sie sich selbst hatte auslöschen wollen - und nun lag sie da, sie lag da und lebte noch immer!
Das sanfte Schaukeln holte sie gegen ihren Willen stetig aus ihrer Trance - ohnmächtig ausgeliefert. Sie begann sich zu fragen, warum sie denn eigentlich nicht untergegangen war? Sie wollte sterben, sie wollte sich von diesem tiefen, innerlichen Schmerz lossagen, ihn nicht mehr bedingungslos ertragen müssen - sie wollte nicht mehr ständig darauf gefasst sein, dass man sie erneut verletzte, misshandelte und gewaltsam zu etwas zwang, das sie nicht wollte, nie gewollt hatte! Sie wollte nicht mehr dazu genötigt werden, dass man wieder und wieder ihren Körper entehrte sowie ihren Willen brach, damit sie bedingungslos gehorchte und willenlos über sich ergehen ließ, was auch immer man von ihr verlangte – man von ihr ein stetiges Lächeln im Gesicht forderte, das sich längst einzementiert hatte - denn Tränen waren untersagt und wurden aufs Schärfste bestraft, um ihr unmissverständlich klar zu machen, wo ihr Platz war – nämlich dort, wo es keinerlei Rechte gab - sie hätte es nicht anders verdient!!!
Weil es einfach nicht aufhörte, über viele Jahre hinweg - wollte sie sterben. Was auch immer sie versucht hatte, um sich zu wehren, war sinnlos gewesen – sie hatte bitter erkennen müssen, dass es für sie kein Entrinnen gab!
Dieser Durst und die brennende Sonne ließen sie austrocknen. Wann denn endlich war sie tot? Ihre Lippen waren aufgeplatzt, ihre Haut spannte im Gesicht und an den Armen, ihr Haar fühlte sich an wie Stroh - sie wollte und konnte es nicht mehr ertragen!!!
Mit letzter Kraft begann sie mit den Beinen zu strampeln und tauchte hinab in die Untiefen des Meeres - bereit das elendige Stück von ihrem Wesen, das man ihr gelassen hatte, endgültig herzugeben, ihr Sterben zu verkürzen!
Sie kniff die Augen zusammen. Wasser in ihrer Nase, in ihrem Mund und sie wünschte sich, dass wenigstens diese Schmerzen erträglicher sein würden - dennoch tauchte sie ruhig und entschlossen immer weiter nach unten, tiefer runter, und noch tiefer - eine bleierne Schwere trat in ihre Glieder und endlich, endlich schwanden ihre Sinne…
Es war dunkel, aber es war warm und es war ganz ruhig. Auf einmal jedoch öffnete sich eine riesige Hand - in ihr lag Schirijana, weit unten auf dem Grund des Ozeans - nun in ein strahlendes Licht getaucht. Neben ihr saß eine wunderschöne Frau in einen Schleier von feinen weißen Sandkörnern gehüllt, die mit liebevollem Blick behutsam den Kopf der Schlafenden in ihren Schoß hob und sanft ihre Wangen zu streicheln begann.
Langsam bewegte sich Schirijana und öffnete ihre Augen. Sie hatte keine Angst. Ihr Innerstes erstrahlte, als sie sich in den Armen jenes Wesens bemerkte - zum ersten Mal konnte sie fühlen, wie sich all der Schmerz in ihr löste und mit Liebe füllte.
Eine warme Stimme sprach zu ihr: „Schirijana – gib dich nicht auf … es ist noch nicht an der Zeit, dass du gehen darfst … lebe weiter … du wirst noch gebraucht!“
„Ich will nicht – ich sehe keinen Sinn mehr darin … für mich gibt es da oben keinen Platz, an dem ich in Frieden leben kann. Ich will dieses Leben nicht - nicht das, was ich hatte!“
„Das musst du doch auch gar nicht – du wirst einen anderen Weg finden, ganz sicher … lerne, an dich zu glauben…“
„Wer bist du?“
„Ich bin dein wahrer Wille, dein Traum, dein Wunsch, deine Sehnsucht – ich bin dein tiefstes Selbst – und doch bin ich nicht du. Geh zurück, Schirijana, kämpfe um dein Selbst. Ich werde bei dir sein, wenn du mich brauchst, aber du musst um dich kämpfen!“
Schirijana sah in die Augen dieses wunderschönen Wesens, das sie so innig hielt. Die Reinheit in deren Blick ließ sie fühlen, dass diese Frau von einer unfassbaren, höheren Wahrheit sprechen musste. Allmählich setzten sich die Worte in ihrem Innern fest und schleichend erwachte in ihr der Wille, leben zu wollen…
Sie hob ihren Kopf, setzte sich auf und klammerte sich an den Blick der anderen. Sie lächelten alle beide und solange dieser Moment des tiefen Erkennens ineinander dauerte, des Erkennens der wahren Liebe, so lange wuchs das Vertrauen in Schirijana. Schließlich nahmen sie einander in den Arm - das strahlende Licht, das sie umhüllt hatte, verblasste und jener besondere Augenblick wurde von der undurchdringlichen Finsternis aufgenommen, lediglich ein flacher Schein blieb zurück.
Sanft glitt die riesige Hand hinauf - in ihr die reglos daliegende Schirijana. An der Oberfläche, einem kleinen Strand im Irgendwo, wurde sie von dem weichen Wellengang aufgenommen und behutsam an Land getragen. Das Wasser spülte die klägliche Gestalt wie auf weicher Watte ruhend ins warme Sandbett, während die riesige Hand wieder in den Tiefen versank, zurück in die unendliche Dunkelheit...
Sonnenstrahlen kitzelten an ihrer Nase und zum ersten Mal seit langer Zeit spürte sie sich wieder, spürte, dass sie lebte - aber es erschreckte sie nicht.
Noch immer strahlte jener überwältigende Moment in ihrem Herzen, und es war unmöglich zu sagen, ob es nur ein Traum gewesen war oder mehr als das. Aber eigentlich interessierte es sie auch nicht - es war nicht wichtig. Was auch immer das gewesen war, es hatte in ihr eben das wecken können, was sie brauchte, um weiterleben zuwollen- das Gefühl, dass es eine Liebe geben konnte, die stärker war als das, was ihre Vergangenheit ihr bisher gezeigt hatte.
Sie wusste, dass sie in der Zeit, die nun vor ihr lag, sich selbst wiederfinden musste, dass es nur einen Weg für sie geben konnte: sie musste sich dem Vergangenem bedingungslos stellen, um es irgendwann hinter sich lassen zu können.
Langsam richtete sie sich auf. Vor ihr lag das offene Meer, aber sie saß im warmen, weichen Sand. Als sie sich umwandte, erblickte sie eine wunderschöne Bucht. Blühende Sträucher und Palmen säumten den feinen weißen Sand und an ihren Ästen und Zweigen trugen sie einladend glänzende Früchte, bei deren Anblick Schirijana merkte, wie hungrig sie war. Noch unsicher stand sie auf, ging in den Schatten der Bäume, setzte sich nieder und begann zu essen.
Gedankenverloren saß sie dort, schaute aufs Meer hinaus, lauschte den sich leise ausrollenden Wellen - dem sanften Rauschen der sich in seichter Brise wiegenden Palmen und Sträucher - zweifelsohne war sie in einer anderen Welt gelandet, weit weg von dort, woher sie so zutiefst verzweifelt geflohen war - es war ein Wunder!
Langsam brach die Dämmerung herein, das Dunkelrot der am Horizont versinkenden Sonne fesselte Schirijana. Als der letzte Sonnenstrahl im Meer erloschen war, legte sie ihren Kopf weit in den Nacken. Der klare Sternenhimmel über ihr ließ ihren Geist hinübergleiten in ein anderes Sein und teilhaben, an allem Unbegreiflichen, an all den Dingen, die unfassbar bleiben würden…
Sie dachte an das Wesen, das sich ihrer in den Untiefen jenes gewaltigen Wassers angenommen hatte und in diesem Moment glaubte sie daran, sich niemals wieder so verloren und hilflos fühlen zu müssen wie in all der Zeit davor. Sie spürte die unendlich tiefe Verbundenheit zu dieser Frau - zu etwas weitaus Größerem, als ihr Verstand erfassen konnte…
Die Sterne leuchteten auf sie herab, während in ihr noch einmal das Gespräch und auch das Gefühl jener Geborgenheit aufstieg - was mächtig genug war, ihr Herz mit einer nie zuvor erahnten Intensität zu wärmen. Sie legte sich in den Sand und nahm all diese überwältigenden Gefühle mit hinein in einen tiefen Schlaf…
Als sie am nächsten Morgen erwachte, freute sie sich, dass dieses so große Gefühl noch immer in ihr strahlte. Sie würde es auch brauchen, denn als Erstes musste sie sich finden! Aber wo sollte sie anfangen? Schirijana saß da und starrte aufs Meer hinaus – es gab auf diese Frage keine Antwort. Was sollte sie tun, womit sollte sie beginnen?
Ratlosigkeit stieg in ihr auf. Nur eines war allzu deutlich, sie würde eines Tages diesen friedlichen Ort verlassen müssen, um zu finden, wonach sie suchte. Sie würde nur auf dem Weg, den sie vor sich hatte, all jene Dinge berühren, die sie zu sich selbst führen würden.
Nach einigen Tagen dann beschloss Schirijana, einfach loszulaufen. Was sollte sie hier noch - es war an der Zeit. Sie hatte Kraft und Mut und vor allen Dingen war sie gewillt, das unmöglich Scheinende doch eines Tages zu schaffen! Auch wenn es sie sehr ängstigte, so wusste sie unumstößlich, dass ein Verharren in dieser so schönen Bucht nicht länger hilfreich sein konnte…
Sie erhob sich und ging am Meer entlang, folgte einfach dem Strand. Noch einmal drehte sie sich um, blickte zurück - sah, wie ihre Fußspuren von den herankommenden Wellen fortgespült wurden und war in diesem Augenblick aus tiefstem Inneren davon überzeugt, das Richtige getan zu haben. Ein kleiner, zunächst noch leiser Gedanke begann, in ihr heranzuwachsen. Vielleicht war es doch gut, noch am Leben zu sein und womöglich war es nie wirklich zu spät, um sich aufzurichten…
Schon bald wurde es immer beschwerlicher für Schirijana, an der Küste entlang zu wandern, rutschige Felsen machten ein Vorwärtskommen nahezu unmöglich. Sie wand sich um und ging ins Landesinnere hinein. Ein dichtes Blätterdach versperrte den Blick in den Himmel. Die Bäume und Sträucher schienen auf einmal so fremd, und sie begann, sich ebenso zu fühlen. Kein Laut war zu hören, kein Vogelgezwitscher, noch nicht einmal leises Blätterrauschen, es war unheimlich - diese Stille!
Hervorstehendes Wurzelwerk, immer dichteres Geäst, dorniges Gestrüpp. Es fiel ihr von Schritt zu Schritt schwerer, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Noch einmal stiegen die Ängste und Sorgen der Vergangenheit unaufhaltsam in ihr hoch. Panik überkam sie und verwirrt begann sie durch die Enge jenes Waldes zu laufen, wollte alles ihr unheimliche abstreifen, es loswerden, der Grausamkeit davon rennen … sie rannte und rannte … stolperte … fiel hart zu Boden … ihre Wunden kaum wahrnehmend, kämpfte sie sich weiter und endlich schleppte sie sich auf eine Lichtung, die urplötzlich dem bedrohlichen Wald ein Ende setzte…
Eine riesige Platane stand dort inmitten einer mit Blumen übersäten Wiese, Sonnenstrahlen erreichten einen weichen Boden. Völlig zerzaust stand sie überrascht da. Langsam, beinahe ungläubig schritt sie auf den Baum zu und ließ sich erschöpft fallen. Noch immer am ganzen Leib zitternd rollte sie sich zu seinen Füßen zusammen. Völlig außer Atem versank sie im weichen Moos, überglücklich, diesem finsteren, engen Teil des Waldes mit all seinen Schrecken entkommen zu sein. Als die Dämmerung anbrach, senkte sich das Blätterdach des riesigen Baumes herab und schützte die völlig aufgelöste Schirijana vor der Kälte der Nacht…
Mit den ersten Sonnenstrahlen, die am folgenden Morgen den Boden des Waldes erreichten und ihn in ein bunt schillerndes tiefes Grün tauchten, hob die Platane Uribambia ihre Baumkrone sachte an. Schirijana lag da und das wärmende Licht fiel auf ihren Leib. Ein großer Löwe und ein Zwerg, die in dem Wald Omaganan lebten, standen schweigend vor ihr und sahen sie an. Als Schirijana die beiden bemerkte, schrak sie zusammen und sprang auf, den Rücken schutzsuchend an Uribambias Stamm gepresst.
„Du musst keine Angst haben“, sprach eine warme Stimme über ihr, Schirijana wand den Kopf nach oben und sah unter dem beginnenden Blätterdach zwei große liebevolle Augen auf sie herabblicken, „hier bist du sicher. Ich bin Uribambia, der größte Baum hier bei uns im Omaganan.“
Fragend hob Schirijana die Augenbrauen und sah sich noch etwas verunsichert um.
„Omaganan ist der Name dieses Waldes und das dort sind seine Bewohner: Barasidan, der Löwe, dessen Aufgabe es ist, all diejenigen, die sich verloren fühlen, zu begleiten und zu beschützen - ein Wichtel namens Simu, der ein Geheimnis behütet und natürlich noch ganz viele andere Tiere wie Hasen, Rehe, Vögel, Schmetterlinge sind hier zuhause - wie in jedem anderen Wald auch. Aber du, du bist Schirijana, nicht wahr?“ Uribambia lächelte auf sie herab und Schirijana erwiderte zaghaft den ungewohnt warmen Blick, der sie erreichte.
„Woher weißt du das?“
„Manche Dinge erzählt der Wind längst, bevor es ein anderer tun kann.“
„Uribambia weiß immer alles, Schirijana. Sie ist die Klügste und weiseste von uns allen und wacht über uns“, sagte Simu, „komm, wir führen dich herum.“
„Geh nur“, sagte Uribambia noch immer lächelnd, „sie werden gut auf dich aufpassen, nicht wahr, Barasidan?“
Der Löwe erhob sich majestätisch und schritt langsam auf Schirijana zu. Simu lief zu ihr und nahm ihre Hand. Barasidan legte sich nieder und Schirijana kletterte noch etwas verunsichert auf seinen Rücken. Gemächlich erhob sich das große Tier und sie gingen in einen anderen Teil des Waldes. Schweigend saß Schirijana da und sah sich verwundert um. Die Farbenpracht der Bäume und Sträucher, die bunt schillernde Blüten trugen - sie glaubte, noch nie zuvor etwas so Wunderschönes gesehen zu haben. Das dunkelgrüne Moos und das hellere Gras, es sah so weich aus, eine andere Welt, in der sie da plötzlich war. Fassungslos saugte sie alles in sich auf…
Barasidan hielt an und sie kletterte langsam von dem Löwen herunter. Vor ihnen lag ein See, in dem ein kleiner Wasserfall plätschernd weiß schäumendes Wasser trug. Schirijana sah an sich herunter, sah das zerrissene Kleid, die dreckigen Füße und ihr strähniges Haar.
Fragend richtete sie ihren Blick auf Barasidan, und als dieser ihr zunickte, ging sie vorsichtigen Schrittes in das seichte Wasser. Das angenehm kühle Nass umspielte ihren Körper und erleichtert tauchte Schirijana unter, kam sich die Haare aus dem Gesicht streichend wieder hoch und ließ all den Schmutz, den Schweiß ihrer Hetzjagd in dem rauschenden Wasser zurück. Die Krusten auf ihrer Haut lösten sich und perlende Wassertropfen fielen zurück in den See. Sauber und glücklich wand sie sich um und bemerkte erst jetzt, dass die beiden sie beobachtet hatten. Verschämt sah sie an sich herunter und zupfte an ihrem so eben noch haltenden Kleid. Verständnisvoll richtete sich Barasidan auf und bot ihr mit seiner flauschigen Mähne Schutz.
„Mach dir keine Sorgen, Schirijana, du bist trotzdem wunderschön“, sagte er mit seiner tiefen warmen Stimme. Simu kletterte zu ihr auf Barasidans Rücken, steckte ihr eine Blume ins Haar und blieb vor ihr sitzen. Sie schritten durch den friedvollen Wald. Schirijana war sicher, etwas so Schönes noch nie zuvor gesehen zu haben. Sie lehnte sich vor, kuschelte sich in des Löwen Mähne…
Bei Anbruch der Dämmerung erreichten sie Uribambia. Barasidan legte sich vorsichtig nieder, bedacht darauf, die überwältigte Schirijana nicht zu verletzen. Er lehnte sich sachte zur Seite und der Zwerg half ihr herunter. Schirijana rollte sich zusammen und kuschelte ihren Kopf an Barasidans Pranke, Uribambia senkte ihr Blätterdach, wie am Abend zuvor, über sie und eine friedvolle Stille hielt mit der Nacht Einzug im Omaganan.
Der folgende Morgen brachte eine Überraschung. Eng an den Löwen gekuschelt musste sie dagelegen haben und etwas verschämt richtete sie sich auf, aber die Augen des Tieres sahen sie lächelnd an. Sein Blick hatte etwas, was sie zutiefst rührte. Sie spürte instinktiv, wie gern er sie hatte und ein Stück weit stolz darauf zu sein schien, ihr mit seiner mächtigen Erscheinung Schutz bieten zu dürfen. Noch immer verunsichert wand Schirijana ihren Blick auf Uribambia, aber auch diese lächelte warmherzig zu ihr herab.
„Guten Morgen, mein Kind“, sagte sie, „wie geht es dir?“
„Guten Morgen. Gut – glaube ich.“
„Es wird dir schon bald sehr viel besser gehen, Schirijana. Schau mal, Simu hat etwas für dich“, sprach die Platane.
Schirijana drehte sich um und sah den kleinen Wichtel, der etwas Weißes auf seinen Händen trug und langsam auf sie zugeschritten kam. Als er vor ihr stand, sagte er: „Liebe Schirijana, dieses ist mein Willkommensgruß für dich. Ich hoffe, es gefällt dir.“
Schirijana kniete sich hin und nahm etwas verlegen entgegen, was er ihr hinhielt - es war ein weißes Kleid. Mit einem ergriffenen Blick wand sie sich zu Uribambia und Barasidan um, der hinter ihr hochaufgerichtet dasaß. Beide nickten ihr lächelnd zu und sie streifte das zerschlissene Kleid ab, das sie noch immer trug, schlüpfte nun in das neue hinein. Der weiße, flaumige Stoff fiel weich an ihrem schlanken Körper herunter. Sie sah sich an und schaute fragend auf den Löwen. Barasidan hatte sich erhoben, kam auf sie zu und blieb kurz vor ihr stehen, legte sich, seinen Kopf entspannt auf den Boden, zu ihren Füßen hin.
„Barasidan ist dir ein treuer Freund, er wird dich immer beschützen“, sprach Uribambia. „Du brauchst keine Angst mehr haben, mein Kind. Die Zeit, in der man dir Schaden zugefügt hat, ist vorbei. Du bist nicht mehr allein … hier bist du sicher!“
Schirijana hatte den Atem angehalten und brach vor dem Löwen zusammen, vergrub ihren Kopf in seiner Mähne und weinte bitterliche Tränen. Zu ungewohnt war ein freundlicher oder gar liebevoller Umgang mit ihr. Sie kannte es anders, weshalb sie in diesem Moment überfordert schien.
Es dauerte Stunden, bis Schirijana aufhörte zu weinen. Sie weinte ihren ganzen Kummer, ihren angesammelten Schmerz, ihre Ängste und innerlichen Qualen aus sich heraus. Barasidan jedoch blieb geduldig liegen. Tröstend brummte er leise vor sich hin und der tiefe Klang seiner Stimme verfehlte seine beruhigende Wirkung nicht. Ihr Atem begann gleichmäßiger zu werden, hin und wieder noch von einem heftigen Seufzen geschüttelt, lag sie in des Löwen Mähne vergraben. Irgendwann öffnete sie ihre Augen und sah vor sich auf einem großen Blatt viele Früchte liegen, die sie dankbar zu essen begann. Nachdenklich saß sie dann da, konnte nicht zuordnen, in was für einer Welt sie hier eigentlich gelandet war...
„Möchtest du schwimmen, Schirijana?“ fragte Barasidan. Sie sah ihn an und nickte noch immer verschüchtert mit dem Kopf.
„Dann komm, steig auf meinen Rücken. Ich bringe dich wieder zum See“, sprach er.
Das Wasser kühlte ihre geschwollenen Augen und die Erfrischung tat ihr sichtlich gut. Sie tauchte ihren Kopf unter, schwamm ein bisschen und konnte zunehmend die Erleichterung in ihrem Herzen spüren. Sie setzte sich an das Ufer des Sees und schaute auf den kleinen Wasserfall, der irgendwie sonderbar zu sein schien, entsprang er doch inmitten des Sees ohne nachvollziehbare Erklärung dafür…
Barasidan saß dicht hinter ihr und sie lehnte sich zwischen seinen Vorderpfoten an seine Brust - in diesem Augenblick fühlte sie, was es heißt, sich geborgen fühlen zu dürfen. Schweigend saßen sie da und lauschten dem plätschernden Wasser. Irgendwann fragte Schirijana, ohne sich nach ihm umzudrehen: „Wirst du mich wirklich von nun an immer beschützen, wie Uribambia es gesagt hat?“
„Ja, das werde ich.“
„
