Ein Buch für Lenie - Astrid Ebi - E-Book

Ein Buch für Lenie E-Book

Astrid Ebi

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Beschreibung

"Ich könnte wetten, dass sie genau gewusst hat, was sie tut. Ich meine, merkt ihr was?" Lenie, eine ungewöhnliche Frau, verbündet sich nach dem Tod ihres Mannes mit ihrem innigsten Freund Hendrik. Ihr Leben scheint gut zu sein, bis sie unheilbar erkrankt. Lenie hinterlässt nach ihrem Tod unvorhersehbare Spuren. Eine Sammlung entzückender Kindergeschichten wird Wort für Wort ein Schatz für Hendrik und Lenies vier Kinder. Gemeinsam wagen sie es, die Erzählungen auf den Weg zu bringen und als Buch zu veröffentlichen. Doch das eigene Leben fordert sie immer wieder heraus, und sie stoßen dabei nicht selten an ihre Grenzen. Ein anrührender Roman mit vielen Geschichten in der Geschichte, voller Wärme und Verbundenheit zum Leben.

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Seitenzahl: 269

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Astrid Ebi

Ein Buch für Lenie

Roman

© 2019 Astrid Ebi

Verlag und Druck: tredition GmbH,Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

Paperback:      978-3-7482-3705-1

Hardcover:     978-3-7482-3706-8

e-Book:            978-3-7482-3707-5

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlichgeschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmungdes Verlages und des Autors unzulässig.Dies gilt insbesondere für die elektronische odersonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitungund öffentliche Zugänglichmachung.

Für Lu-Ann-Lu-Ja. Halleluja, meine Königskinder.

Ihr seid die Krönung meines Lebens.

Kapitel 1

Nicht einfach so

Hendrik saß ganz außen an einem großen Tisch in einem gehobenen Restaurant. Er wollte überhaupt nicht hier sein. Niemand ist gerne auf einer Beerdigung. Ein klammes, unbehagliches Gefühl drückte schwer auf seine Seele. Draußen vor dem Fenster tobte ein heftiger Sturm. Er fegte die letzten bunten Blätter vor sich her. Der Wind spielte mit ihnen, wohl wissend, dass er der Stärkere sein würde und die Richtung vorgab. Es war ein goldener Oktober, aber heute erschien er Hendrik schwarz.

Normalerweise bot der Herbst mit all seiner Farbenpracht in den warmen Gelb-, Rot-, und Brauntönen die Möglichkeit zur Ruhe zu kommen. Die Menschen bereiteten sich auf eine lange, dunkel Zeit vor. Die ersten Kerzen brannten abends in der Stube und der Duft von frisch aufgebrühtem Tee stimmte die Gemüter milde. Hendrik liebte die Spaziergänge durch das raschelnde Laub, den Geruch der modernden Blätter auf nasser Erde. Wenn er als kleiner Junge das Buch aufschlug, in dem er die bunten Blätter getrocknet hatte, sog er den Duft ein und träumte von Feen, Elfen und kleinen Waldgnomen.

Nun fand er sich inmitten all dieser traurigen Menschen wieder. Nicht die schönsten Farben, ja nicht einmal die Liebe zu den Kindern, vermochten heute an dem schlimmsten aller Tage seine Sinne zu erfreuen. Noch ungefähr dreißig Personen nahmen mit Hendrik Platz auf den wuchtigen, altertümlichen Stühlen, die rings um den massiven, dunklen Holztisch, wie um eine Rittertafel, standen. Zwei festliche Kronleuchter, die von der Decke hingen, erhellten den Raum. Einige Gäste blickten aus ihren verheulten Augen stumm vor sich hin. Unlustig stocherten sie in einem Stück Kuchen herum. Andere kauten abwesend ein belegtes Weißbrot. Manche unterhielten sich leise. Kaffeelöffel klirrten in den Tassen. Die Kellnerin nahm Bestellungen entgegen. Hendrik saß wie in Trance auf seinem Stuhl und starrte auf seine Hände, die unkontrolliert mit dem leeren Whiskyglas spielten.

„Alles bedeutungslos“, dachte er bei sich. „Alles nicht wirklich.“ Er trug ein hellblaues Hemd mit weißen Streifen, eine verwaschene Jeanshose, eine helle Jeansjacke und dunkelblaue Sneakers. Möglicherweise etwas unpassend für eine Beerdigung, aber Lenie liebte seine Art sich zu kleiden.

Wenn sie dann freudig sagte: „Schau mal einer an, ich wusste gar nicht was für einen flotten Typen ich meinen Freund nennen darf“, dabei lachte und ihre Haare in den Nacken warf, funkelten ihre Augen. Es störte sie nie, was die Leute dachten, wenn sie sich nach ihr umsahen. Ihre dunklen, langen Haare fielen seidig auf ihre Schultern. Große, braune Augen, untermalten die weichen Züge des lieblichen Gesichtes. Um mit Hendrik auf Augenhöhe zu sein, musste sie sich auf Zehenspitzen stellen. Hendrik hielt Lenie gerne in seinen Armen. Ihre weichen Rundungen fühlten sich gut an und der unwiderstehliche, süßliche Duft ihres Parfums haftete anschließend an seinem Hemd, das er am liebsten nie mehr ausgezogen hätte.

Es tat so weh. Alles tat weh ohne sie. Wie konnte sie ihm das antun und einfach sterben. Er hatte keine Pläne mehr ohne seine Lenie. Sechsundfünfzig und keine Perspektiven mehr. Wo sollte das hinführen? Hendrik war wütend auf Lenie. Hätte sie nicht noch damit warten können? Er schämte sich nicht für seinen Zorn, der ihn seid ihrer Diagnose manchmal überkamen.

Sterben auf Raten, jeden verdammten Tag ein Stückchen mehr. Hilflos musste er mitansehen wie der Krebs die Zerstörung aufnahm. Das Schlimmste war die Angst. Er wollte stark sein für sie und war doch so schwach. Wohl denen, die mit dem Vertrauen gesegnet waren, dass im Jenseits der bessere, schönere und glanzvollere Zustand des Seins vollendet wird. Für ihn war Lenies Tod eine Erschütterung seiner Grundfesten und hinterließ ein Chaos in seiner Seele.

Egal, von nun an würde Hendriks geliebte Freundin unerreichbar für ihn sein. Diese Tatsache, machte Hendrik zu einem Vogel ohne Flügel, dem der Sinn des Seins, geraubt wurde. Verdammt dazu auf dem Boden zu sitzen. Nie mehr emporzusteigen, um den Himmel zu stürmen.

Vor Hendriks geistigen Auge erschien ein kleiner Vogel. Er zwitschert unentwegt: „Du kannst ihr ja folgen. Geht ganz einfach.“ Hendrik schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Verschwinde! Sei still!“ rief er laut. „Alles in Ordnung bei Ihnen?“ erkundigte sich der ältere Herr der zu seiner Rechten saß. Beschämt sah Hendrik ihn an. „Entschuldigung. Ja, alles gut. Ich war nur gerade in meinen Gedanken versunken.“ „Keine guten Gedanken wie es scheint.“ „Nein, keine guten Gedanken.“ Der ältere Herr klopfte mitfühlend auf Hendriks Rücken. „Wissen sie, alle meine Bekannten und Freunde sterben mir zurzeit weg. Man stumpft regelrecht ab und geht gelassener mit einer Todesnachricht um. Die Überzeugung, dass es ein Drüben gibt, wo es für uns weitergeht wächst, und nimmt dem Tod den Schrecken.“ „Ist das so? Ich wünschte, diese Überzeugung käme auch bei mir an“, antwortete Hendrik leise, trank einen Schluck Whisky, lehnte sich zurück und lenkte seine Gedanken auf die Erlebnisse mit Lenie.

 

Gedankenreise

Wie so oft saß er mit ihr bei Francesco, in dessen Restaurant gleich um die Ecke von Lenies Wohnsitz. Verträumt schob sie sich ein Blatt Salat mit der Gabel in den Mund. „Sag, kannst du nächste Woche Donnerstag beim Kindergeburtstag helfen? Sind nur zwölf Kinder“, lachte sie und rollte mit den Augen. „Na dann, nur zwölf?“ witzelte Hendrik und stöhnte. „Ja, hat mich alles gekostet, dass es nicht zwanzig sind. Kennst doch Frieda.“ Hendrik kannte alle vier Kinder von Lenie nur zu gut. Als engster Freund der Familie übernahm er so manche Aufgabe, die eigentlich dem Vater zukommen sollte.

„Thilo?“ „Hat eine Lehrerkonferenz.“ „Gut, ich komme. Frau Eckert soll mich im Laden vertreten.“ „Super. Danke. Du, hab ich dir schon von dem Kinderbuch erzählt, das ich Magdalena vorgelesen habe?“ „Nein, schieß los.“ „Also, da sagt der kleine Tiger zu dem Bär, dass er sich nicht fürchtet, weil er ihn als besten Freund hat. Ich find das so knuffig und musste gleich an dich denken.“ „An mich?“ „Klar, an dich. An wen denn sonst.“ Hendrik hatte nicht sofort begriffen was Lenie ihm nun damit sagen wollte und runzelte die Stirn. „Ich glaube, manchmal sprechen wir eine andere Sprache. Na, macht`s endlich klick? Ich fürchte mich auch nicht wenn du bei mir bist“, sie strahlte ihn mädchenhaft an und ahmte seine Denkerstirn nach. Wie er sie dafür liebte.

Lenie war noch nicht fertig mit ihren Ausführungen. Irgendwie war sie nie fertig. Bei ihr gab es für alles und jeden einen freien Platz. Platz für neue Wege und für Erkenntnis.

„Hör mal“, sie stieß ihren Freund leicht am Arm, auf den er sein Kinn gestützt hatte, während er sie anhimmelte. Der Kopf sackte ihm kurz weg, er erschrak und war wieder ganz bei ihr. Hendrik fuhr sich mit den Fingern durch seine schwarzen, kurzen Haare. Er signalisierte ihr mit einem hellen Blick aus den dunkelbraunen Augen, dass er nun wieder aufnahmefähig war.

„Soll ich aufhören? Langweile ich dich? Du weißt, dass du mir das sagen kannst.“ Hendrik lächelte und nickte auffordernd, wohlwissend, dass seine Freundin platzen würde, wenn sie nicht die Möglichkeit bekäme, ihre Gedanken zu vollenden. „Wenn wir das Leben immer sachlich betrachten, entgeht uns doch etwas, oder? Sehen wir aber das Ganze, wird es erst spannend. Überall ist Schönheit auch wenn es unheimlich wird. Das wird in den Kinderbüchern oft so deutlich. Da hat man zu dem geschriebenen und gesprochenen Wort ein Bild. Wörter können schließlich so oder so gemeint sein. Der Interpretation sind keine Grenzen gesetzt, solange wir unseren Gesprächspartnern nicht in die Augen blicken. Worte sind manchmal gefährlich, wenn es kein Bild oder ein Gesicht mit seiner Mimik dazu gibt.“

Nachdenklich lehnte Hendrik sich zurück. „Was du dir wieder für Gedanken machst. Jetzt wo du es sagst, muss ich dir recht geben.“ Er zog eine Augenbraue hoch. „Freut mich, dass du das auch so empfindest. Denn das ist es, was mich an den Kinderbüchern so fasziniert. Die Kleinen lesen in den Gesichtern und lernen daraus.“

Lenie fing an zu gähnen. „Bist du müde? Soll ich zahlen?“ „Ja, bitte. Ich hab heute Nacht kaum ein Auge zu gemacht. Merle macht mir gerade Sorgen.“ „Warum? Was ist passiert?“ „Sie hat sich so verändert. Ist still und oft in sich gekehrt. Aber sie redet nicht mit mir.“ „Dann lass ihr Zeit. Sie steckt in der Pubertät. Das ist keine einfache Phase. Merle weiß, dass sie mit allem zu dir kommen kann und das wird sie auch tun, wenn ihr danach ist.“ „Meinst du wirklich?“

Wie so viele Eltern machte Lenie den liebevollen Fehler und wollte Tag und Nacht für ihre Kinder da sein. Für jedes Problem suchte sie eine Lösung. Alles nahm sie sich zu Herzen und nicht selten grübelte sie nächtelang über den Sorgen der Kinder, die unterdessen schon längst keine mehr hatten. Ein enormer Kraftaufwand, der all ihre Energie kostete. Energie, die Lenie durchaus sinnvoller einsetzen konnte, fand Hendrik. „Lenie, es gibt eine Sorte Sorgen, mit denen man sich das Leben schwer macht. Sorgen, die gar keine sind und Sorgen um das, was du weder in der Hand hast, noch ändern kannst. Entspanne dich. Merle wird auf dich zukommen.“ Hendrik wusste zu gut, dass sein Versuch Lenie zu beruhigen wie immer fehlschlagen würde.

„Ich werde mich bessern, versprochen. Was würde ich nur ohne dich machen? Wahrscheinlich würde ich sterben“, liebevoll streichelte sie Hendriks Hand. „Komm schon, das würdest du nicht. Du bist eine wundervolle Mutter, die natürlich ihre Fehler macht, aber immer mit ganz viel Liebe.“ „Findest du? Danke, dass du das sagst. Manchmal glaube ich wirklich, dass wir Menschen ganz viele Tode sterben, nur um der Wahrheit näher zu kommen. Glaubst du auch?“ Hendrik glaubte ihr so ziemlich alles. Sie war seine Heldin, wenn es um die Verknüpfung der Gedanken ging. Er hatte es nie geschafft, ihr in all den Jahren zu gestehen, dass sie der hellste Stern an seinem Firmament war. Aus Angst vor ihrer Reaktion schwieg er. Hendrik wusste, wenn er sie mit seiner Liebe bedrängen würde, brächte er seine Freundin in eine Verlegenheit.

Die Kellnerin kam an Hendriks Tisch. „Darf ich Ihnen noch etwas bringen?“ Er schaute sie verwundert an, überlegte kurz und schüttelte verneinend den Kopf. Für einen Moment tauchte sein Geist auf, nur um im nächsten Augenblick wieder abzutauchen. Seine Blicke wanderten über den großen Tisch zu Lenies Kindern. Die mittlerweile junge Erwachsene, sorgten im Kindesalter für so viel Umtrieb, dass ihm manchmal der Atem stockte. Irritierend, wie klar seine Erinnerung seit Lenies Erkrankung war. Vorkommnisse die er längst vergessen glaubte, konnte Hendrik auf einmal bis ins Detail wiedergeben. All die Erlebnisse mit den Kindern oder die mit Lenie selbst, waren so nah und hielten ihn gefangen in seiner Verwirrung. Auch diese Begebenheit war in seinem Gedächtnis präsent, als wäre es erst gestern geschehen.

 

Dies und Das

Er lief, vor vielen Jahren, mit Lenie durch seinen altertümlichen, fast schon prähistorischen Buchladen. Sie hatten sich gestritten. „Du musst etwas unternehmen, modernisieren. Investiere endlich in eine neue Einrichtung, sonst hast du keine Chancen mehr auf dem Buchmarkt. In der heutigen Zeit ist der Internetverkauf die größte Konkurrenz. Wenn du die Kunden, und damit meine ich vor allem die junge Kundschaft in deinen Laden locken willst, dann bleibt dir nur eine Veränderung“, argumentierte Lenie eifrig. Seit Tagen hatten sie kein anderes Thema mehr. Die Stimmung war sehr aufgeheizt. Obwohl Hendrik kurz vor einer Insolvenz stand, weigerte er sich vehement die Verkaufsräume zu sanieren.

„Ich mag den Laden so wie er ist. Er erzählt eine lange Geschichte.“ „Ja, eine verstaubte Geschichte vielleicht, die keinen mehr interessiert, außer dich“, antwortete Lenie ihm pampig. „Du kannst es dir nicht leisten in der Vergangenheit zu leben. Mein Herz hängt genauso wie deines an diesem Laden und dein Ruin bedeutet auch für mich das Aus. Nur weil du nicht in der Lage bist mit der Zeit zu gehen, soll hier alles den Bach runter gehen? Das ist egoistisch. Ich verstehe dich nicht. Wie kannst du nur so stur und eigensinnig sein? Für heute reicht es mir. Denk drüber nach, oder ich bin raus und suche mir schon jetzt eine neue Arbeit“, wütend warf Lenie sich ihre Jacke über, schnappte sich ihre Handtasche und eilte betrübt aus dem Laden. „Jetzt renn doch nicht davon. Das ist auch keine Lösung.“ Entgeistert starrte Hendrik ihr nach.

Lenies Wut rüttelte ihn auf, brachte ihn zur Besinnung. Die Umbauarbeiten schweißten ihn und Lenie wieder zusammen. Lange hatte er sie nicht mehr so unbeschwert glücklich gesehen, wie an dem Tag der Neueröffnung. Stolz begrüßte sie die Gäste und lächelte dabei unentwegt zu Hendrik rüber.

Verträumt nippte Hendrik an seinem Glas, als seine Gedanken aus der Erinnerung auftauchten. Er sah aus dem Fenster. Es dämmerte bereits. Die junge Kellnerin verteilte Mineralwasserflaschen auf dem Tisch und beugte sich seitlich über Hendrik. Dabei sah sie ihn freundlich an. „Alles gut bei Ihnen?“ fragte sie. „Danke, aber es wird nie wieder alles gut sein“, antwortete Hendrik traurig.

„Kommst du klar Hendrik?“ Caspar, Lenies Sohn sprach ihn von hinten an. Hendrik drehte sich um. Es fiel ihm schwer in die Augen des jungen Mannes zu schauen. Caspar legte die Hand auf Hendriks Schulter. „Danke mein Lieber, meinst du nicht, das sollte ich besser dich fragen?“ Mit einem leeren Blick, gezeichnet von schlaflosen Nächten, betrachtete er Caspar und dachte daran, wie dieser Junge zu seinem Namen kam.

„Caspar bedeutet der Schatz oder der Schatzmeister. Unser Kind wird ein alles überbietender Schatz für uns sein, mit nichts auf dieser Welt vergleichbar“, erklärte Lenie damals mit Nachdruck ihre Namensgebung. Ohne jeden Kompromiss musste ihr Mann Thilo sich fügen.

Hendrik war Caspars Patenonkel, sein Freund und Vorbild. Gewiss, der junge Mann liebte seinen leiblichen Vater, wenn die Verbindung auch eher kühl war. Zu hohe Erwartungen des Vaters. Klar, dass die von dem Sohn enttäuscht wurden und ihm wiederum ein Gefühl der Unzulänglichkeit brachten. Hier gab es keinen Platz für eine innige Beziehung. Das ewige, immer gleiche Rollenspiel. Mit Hendrik war es etwas völlig anderes. Ein tiefes Vertrauen und Verständnis verband Caspar mit ihm. Hendrik klärte auf. Er nahm ernst, was den Jungen bekümmerte. „Dein Vater kann nicht aus seiner Haut. Thilo glaubt daran, dass Männer nur mit dem nötigen Kampfgeist, eiserner Disziplin und Unnahbarkeit richtige Männer sind, die es zu etwas bringen. Er musste hart kämpfen in seinem Leben, um dort zu stehen wo er heute ist. Sei nicht traurig. Er liebt dich, auch wenn er es nicht zeigen kann.“ Dann drückte er den Jungen tröstend an sich.

Nach Thilos tragischem Unfall wurde Hendrik die wichtigste männliche Bezugsperson für die Kinder. Wehmütig sah er wie Magdalena, Merle und Frieda auf seinen Tisch zukamen. Wo war nur die Zeit geblieben? Standen sie als Kinder nebeneinander, unterschieden sie sich immer um eine halbe Kopfes Länge und waren pikiert darüber, wenn Hendrik sie seine vier Orgelpfeifen nannte. Nun wurde Caspar dreißig Jahre alt, Magdalena achtundzwanzig, Merle sechsundzwanzig und das Küken Frieda schrieb stattliche vierundzwanzig Jahre.

Da saßen sie, verloren, verzweifelt und es verband sie die gleiche unbarmherzige Leere. „Was machen wir denn jetzt nur ohne Mama? Wo darf ich denn noch ein Kind sein? Ich war nie zu groß für Mamas Schoß und egal was mich Umtrieb, sie war für mich da“, weinte Frieda und sprach allen aus der Seele. Keiner konnte es begreifen. Wie sollten sie auch? Lenie war nicht mehr greifbar. Von nun an existierte sie nur noch in den Gedanken und das Denken schmerzte noch über alle Maßen.

So sehr Hendrik auch versuchte, seine Sinne beisammen zu halten, es gelang ihm einfach nicht an diesem Tag. Die Vergangenheit holte ihn ein.

 

Noch nicht

Seine Lenie war nur zweiundfünfzig Jahre alt geworden. Als sie die Diagnose erfuhr saß sie dem Arzt gegenüber. Sie dachte, er hätte das Licht ausgeknipst. Bis ihre Augen sich an das Dunkel gewöhnt hatten sah Lenie noch einige kleine Lichtpunkte aufleuchten. Plötzlich wurde es tiefschwarz um sie herum. Die Dunkelheit verschlang alles. Sie spürte ihre Hände nicht mehr. Ein Griff ins Leere. Ihre Muskeln gehorchten nicht, als sie versuchte etwas zu sagen. Tränen flossen ihre Wangen hinunter, bevor sie überhaupt bemerkte, dass sie weinte. Unheilbar, vielleicht noch sechs Monate, vielleicht ein bisschen mehr.

„Ich will noch nicht sterben. Nicht jetzt. Es trifft doch immer nur die Anderen und jetzt soll ich die Andere sein?“ Schluchzend lag sie in Hendriks Armen. Sie war totunglücklich, verzagt und wollte nicht glauben, was gerade mit ihr geschah. Sie hoffte, als gäbe es noch Rettung.

Ein Aufbegehren trieb Lenie um. Sie konsultierte verschiedene Ärzte, die alle zu dem gleichen, traurigen Ergebnis kamen. Später, kam die Wut die ihren Kampf anfachte und dann aber, sehr schnell in Resignation umschlug. Hendrik ging mit ihr und den Kindern geduldig durch das Gefühlschaos, das alle überrollte und versuchte mit Lenie gemeinsam der tödlichen Gefahr zu entrinnen. Nächte wurden zum Tag gemacht und jede Möglichkeit, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, weitsichtig durchdacht, bis die Müdigkeit sie in die Knie zwang. Bis sie keinen klaren Gedanken mehr fassen konnten. Lenie fing an zu akzeptieren, dass dieses Leben auf der Erde für niemanden unendlich war und nun ihre Zeit des Abschieds kam. Sie hatte keine Wahl mehr. Ihr Tod war eine beschlossene Sache.

Keine Lebensverlängerung. Lenie wollte nie und nimmer ein Versuchskaninchen sein, das nur noch an lebenserhaltenden Schläuchen hing, um vor sich hinzuvegetieren. Schmerzlinderung fand sie stattdessen maßgeblich. „Wenn ich ehrlich bin, halte ich Schmerzen gar nicht gut aus. Keine Ahnung, wie ich die vier Geburten überleben konnte. Ach Hendrik, zum ersten Mal in meinem Leben entgleist mir alles. Hier gibt es nichts mehr zu tun, nichts mehr zu wollen. Hier hat das Schicksal entschieden und den Trumpf in der Hand.“ Eine gebrochene, ängstliche Lenie schaute ihm tief in die Augen. Sie sank auf einen Stuhl in ihrer Küche. Der Regen prasselte gegen das Fenster, als würde der Himmel mit ihr weinen.

Der Krebs hatte ihren Darm befallen. Die kleinen, fiesen, unermüdlichen Metastasen krabbelten aufwärts und machten es sich in der Leber, auf der Lunge und sonst wo gemütlich. Schmerzen verspürte Lenie kaum. Eigentlich ging es ihr, bis auf die ständige Müdigkeit, wie immer. Das machte diese Sache erst recht irrsinnig. „Die größte Angst habe ich vor mir selber. Ich möchte tapfer sein, weiß aber nicht ob ich das schaffe. Ich habe so viel über das Sterben gelesen, nachdem Thilo verunglückt war. Glaube mir, das Angebot ist riesig. Jede Religion all die metaphysischen Lehren, mentale Wissenschaften und Neurowissenschaften vertreten andere nicht zu belegende Theorien über das Sein, die Existenz und den Tod. Warum weiß denn keiner, was mit uns geschieht? Wie sich das anfühlt? Jedem bleibt es selber überlassen woran er sich klammert. Das ist alles eine Riesenscheiße!“ Ihr Tonfall wurde laut.

Sie schlug mit beiden Händen mehrmals auf den Tisch. „Ich hasse den Tod. Ich hasse ihn.“ Lenie trank in einem Zug ihr drittes Glas Wein aus und füllte es gleich wieder auf. Hendrik hinderte sie nicht daran. Er tat es ihr gleich. In kürzester Zeit waren zwei Weinflaschen geleert und die beiden ziemlich betrunken.

Mit Schwung setzte Lenie sich vor Hendrik auf den Küchentisch. Er legte seine Hände auf ihre Oberschenkel und sah sie von seinem Stuhl aus an. Lenie nahm seinen Kopf, drückte sein Gesicht an ihre Brust und zerzauste seine Haare. Lallend erzählte sie etwas von tibetischen Totenbüchern. „Ihr entsorgt mich aber bitte nicht gleich. Ich will mich verwandeln dürfen. Verstehst du?“

Ein fragender Blick aus Hendriks Augen. „Wie jetzt? Erklär es mir.“ „Na, gebt mir wenigstens drei Tage wenn ich gestorben bin, bevor ihr mich ins Kühlhaus schiebt. Ich gehe davon aus, dass ich mich nicht plötzlich, sondern langsam von meinem Körper verabschiede und dass da vielleicht noch Zeichen zwischen euch und mir herüberkommen. Die Wand ist dünn zwischen der Welt jenseits der Schwelle und der Lebenden. Meine Seele braucht Zeit um sich zu lö, …, lösen.“ Ein Schluckauf unterbrach ihre Worte. „Und euch tut das auch g…, gut wenn ich noch ein wenig bei euch bin. Ich werde hören, was ihr mir zu sagen habt. Außerdem wollen wir ja auch sicher sein, dass ich nun endlich to…, tot bin. Verfluchte Kacke, wie krank ist das denn hier alles.“ Sie sprang vom Tisch, torkelte in ihr Wohnzimmer, holte das Buch der Tibeter vom Leben und Sterben aus dem Bücherregal und hielt es Hendrik direkt vor die Nase. „Kannst ja mal drin lesen, dann verstehst du mich besser.“ Er nahm es mit feuchten Händen. Langsam blätterte er darin, ohne auch nur ein Wort zu lesen.

„Du kannst nicht alles planen, Lenie Schatz. Die Situationen werden spontane Entscheidungen von uns verlangen.“ Lenie wurde wütend. Sie zündete sich eine Zigarette aus ihrer Notfallschachtel, wie sie ihren Vorrat nannte, an, pustete den Rauch in Hendriks Gesicht und schrie: „Willst du mir meine letzte Lebensplanung vermiesen? Ich will lediglich, dass ihr wisst was ich möchte!“ „Schon gut. Du hast ja Recht“, beruhigte Hendrik sie. Obwohl er seine Lenie kaum wiedererkannte, war sie ihm kein bisschen fremd. Er stopfte sich die Pfeife. Er wollte sich keine Gedanken über ihren kalten, leblosen Körper machen. Manchmal schmerzte das Verdrängen weniger.

Mit einem Kalender in der Hand, den die Kinder ihr zum Geburtstag geschenkt haben, schwankte Lenie durch die Küche. Zynisch las sie: „Glück ist, wenn die Katastrophe eine Pause macht, oder der hier ist toll: Hm, wenn das die Lösung ist, will ich mein Problem zurück, super, was? Passt alles irgendwie nicht mehr. So ne Scheiße aber auch. Wütend riss sie jedes einzelne Blatt in tausend Stücke, warf die Schnipsel mit Nachdruck vor ihre Füße und trampelte wie eine Verrückte darauf herum.

„Wie wär`s mit einem Kalender für Sterbende? Besser Tod als unglücklich oder Kommt Zeit, kommt Tod.“ Hysterisch lachend verspottete Lenie die ganze Welt, sackte entkräftet auf den Boden und kauerte sich zusammen wie ein kleines Tier. Ihre Augen waren rot unterlaufen, die schwarze Wimperntusche verschmolz mit den Tränen, die über ihr Gesicht liefen. Hendrik verlangte nichts von seiner Freundin, trocknete ihre Tränen und hielt sie in seinen Armen bis sie schlief.

Anschließend bei sich zu Hause, schüttelte die grausame Tatsache seine Seele durch. Er heulte, wimmerte hemmungslos, bis das Kissen wie ein nasser Lumpen an seiner Backe klebte. Vor Erschöpfung fiel er in einen traumlosen Schlaf.

Irgendwann versagte jedoch zwangsläufig jede innere Auflehnung, jede seiner Verdrängungsstrategien. Hendrik fing an, Erkundigungen zu machen. Alles war besser, als sich tatenlos das Hirn zu zermartern. Er stieß dabei auf einen Verein, der sich „Dein letzter Wille“ nannte und in der Schweiz zu finden war. Nicht, dass er wollte, dass seine Lenie sich das Leben nahm. Doch könnte er diesen Schritt verstehen, sollte Lenie ihren Qualen selber ein Ende bereiten wollen. Eigentlich, wenn er ehrlich zu sich war, war es seine Panik, bei ihrem Sterben hilflos zusehen zu müssen, die ihn dazu trieb sich mit dieser Möglichkeit zu beschäftigen.

Lenie lauschte achtsam, als er mit einem beklommenen Gefühl davon berichtete. Obwohl sie spürte, dass das wahrscheinlich nicht das Richtige für sie wäre, nahm sie Rücksicht. Sie hörte Hendrik zu. Neugierde wurde der Grund, der die beiden dazu bewegte in die Schweiz zu fahren. „Ich will dorthin fahren und die Menschen sehen, die mit mir die letzten irdischen Schritte gehen würden. Ich muss die Räumlichkeiten auf mich wirken lassen, um mir den Ort des Geschehens vorstellen zu können.“

Es wurde eine lange, anstrengende Reise vom hohen Norden in die Schweiz. Sie nahmen den Nachtzug, damit der Weg nicht allzu beschwerlich wurde. Zweimal mussten sie umsteigen, um dann zum Schluss mit dem Taxi das Haus, die Brücke zum Jenseits, zu erreichen. Während der Zugfahrt geisterte Lenie unruhig auf den engen Fluren der Waggons umher. Zu gewaltig war alles, um es zu verstehen. „Schlafen kann ich noch genug. Ich will nichts verpassen. Ich kriege vieles eh nur schemenhaft mit. Da liegt ein Nebelschleier auf meiner Seele, der sich nicht auflösen will.“

Eine freundliche, kleine Dame empfing sie. Sie bot ihnen gleich das `Du´ an. Die seriöse dunkle Kleidung, das streng nach hinten gebundene blonde Haar, ließen sie älter wirken, als sie wahrscheinlich war. Lenie musste bei ihrem Anblick gleich an eine Beerdigung denken. Traurig schaute sie Hendrik an, der sofort wusste, was in ihr vorging. Die Dame führte sie im Haus herum, zeigte ihnen eines der Zimmer und beantwortete alle Fragen. Sie beobachtete dabei intensiv Lenies Gesichtsausdruck.

„Lass dir Zeit, Lenie. Das wird deine letzte Entscheidung sein, die du in deinem Leben triffst. Ein Entschluss ohne Umkehr, der dich bei vollem Bewusstsein, im Einklang all deiner Sinne, hinüberträgt in eine Welt, zu der die Lebenden keinen Zutritt haben. Wir versuchen dir diesen Weg so angenehm wie möglich zu gestalten. Zuvor werden noch einige Untersuchungen erfolgen, um die Unheilbarkeit deiner Erkrankung zu bestätigen. Unsere Psychologen prüfen unter anderem in einem Gespräch deine Freiwilligkeit, das Leben zu beenden. Wir müssen ausschließen, dass deine Entscheidung fremd beeinflusst worden ist. Sollten Zweifel bestehen, wird diese Möglichkeit des Ablebens nicht zustande kommen. Wenn aber alle Umstände dafür sprechen, liegt es an dir, welchen Tag du für dein Sterben auswählst. Gleichwohl darfst du nicht warten, bis dein Geist verwirrt sein wird, denn an diesem ultimativen Tag musst du zurechnungsfähig sein, um deinen freien Willen nochmals schriftlich zu bestätigen.“

Lenie nahm wortlos Hendriks Hand. Sie war überwältigt. Die Atmosphäre dieses Hauses, überstieg ihr Realitätsempfinden. Sie wollte langsamer gehen, leiser sprechen, flacher atmen. Gleichzeitig bewegte Lenie sich in dieser geistigen Abwesenheit, unfähig, die Eindrücke zu verarbeiten. Hatte das wirklich alles etwas mit ihr zu tun?

„Was ist das, Hendrik? Fühlst du es auch? Ist das der Tod, der sich auf die gemütlichen Möbel hier setzt und auf seinen Einsatz wartet? Mir ist so kalt. Ich friere. Bring mich bitte heim“, flüsterte sie leise in Hendriks Ohr.

Lenie wollte mit dem Pastor über diese Art des Sterbens sprechen. Hendrik sollte sie begleiten. Lenie tat keinen Schritt mehr ohne ihren Freund. Mit Ruben, dem Pastor verband sie eine herzliche Geschichte. Ruben und Lenie besuchten in jungen Jahren die gleiche Klasse der Grundschule. Er war ihr persönlicher Begleitschutz, ihr Kampfzwerg wie sie zu sagen pflegte, weil Ruben einen halben Kopf kleiner war als sie selber. Trotzdem verteidigte er Lenie tapfer wenn es sein musste, bis auf eine blutige Nase.

Nun waren sie erwachsen und Lenie wusste, dass auch Ruben ihr keinen Schutz mehr geben konnte. Ihr Gespräch sprengte alle Emotionen. „Ich bin nicht näher an Gott und der Wahrheit dran als du und kann dir nicht helfen diese Entscheidung zu treffen. Ich glaube nicht, dass ein Mensch der Selbstmord begeht, seine Rettung verliert und in die Hölle kommt.“ Ruben erhob sich von seinem Sessel, holte drei Weingläser und eine Flasche Rotwein. Er trank einen kräftigen Schluck, bevor er weiter sprach. „Ich habe damals Theologie studiert, weil ich die Liebe verkünden wollte. Was in der Bibel steht ist von Menschenhand geschrieben und sicher nicht vom Himmel gefallen. Zeitzeugen haben ihre Berichte überliefert und gewiss auch ihre Fantasie und ihr Wunschdenken. Religion, braucht eigentlich kein Mensch, aber die Liebe brauchen sie. Meine Aufgabe als Seelsorger ist mir in meinem Beruf die Liebste. In dem Moment, in dem man wahrlich an Gott glaubt, wird man ewig sicher sein. Die Menschen, die die Liebe leben, werden der Wahrheit, dem ewigen Leben am nächsten sein. Da spielt Religion als Institution mit ihren Riten, Traditionen, der Hierarchie und starren Dogmen keine Rolle.“

Lenie rutschte aufgewühlt auf ihrem Sessel hin und her. „Du meinst es ist nicht schlimm, wenn ich mit der Bibel nichts anfangen kann?“ „Nein, das ist nicht schlimm, weil du ein liebender, mitfühlender Mensch bist. Aber vielen Menschen geben diese Worte nun einmal Halt und Trost. Sie sind ein Leitfaden in ihrem Leben und daran ist nichts verkehrt. Gehen wir einfach davon aus, wenn ein Mensch in einer Zeit geistiger und körperlicher Schwäche Selbstmord begeht, tut er das nicht, um sich und anderen zu schaden sondern weil er das Leben nicht mehr erträgt oder wie bei dir, Angst vor einem qualvollen Sterben hat. Du kannst dich mit dieser Tat gar nicht von Gott trennen. Das hier ist eine Grenzsituation in der alleine dein Empfinden im Vordergrund stehen sollte. Egal wie du dich entscheidest, es wird dein Weg sein.“

Ruben nippte nachdenklich an seinem Weinglas. „Ach ja, mein Weg, mein Weg!“ brüllte Lenie plötzlich. Tränen des Zorns rollten über ihr Gesicht. „Ich habe keinen Weg mehr. Keiner will verstehen was es heißt das Todesurteil mit sich herum zu schleppen.“ „Natürlich nicht. Ich kann nur versuchen es mir vorzustellen. Hab keine Angst. Ich weiß über das Reich der Toten zwar auch nicht mehr als andere Menschen, aber ich bin mir sicher, dass es den Tod nicht wirklich gibt. Nichts wird jemals Tod sein. Es ist das Leben, das seinen Zustand wechselt. Ich werde für dich da sein und Gott um Antworten und Führung bitten.“

Mit gemischten Gefühlen verfolgte Hendrik das Gespräch und spürte, wie Ruben seine Traurigkeit überspielte. Selbst ein Pastor stieß an seine Grenzen. „Dein Herz sollte diesen Schritt entscheiden.“ Lenie kapitulierte. Sie lehnte sich erschöpft an Rubens Schulter. „Wenn du wüsstest, mein Herz war noch niemals so sprachlos wie jetzt.“ Liebevoll legte er seinen Arm um sie. „Auch wenn du im Moment keinen Zugang zu deinen Gefühlen, zu deinen Gedanken findest, wisse, dass du nie alleine bist. Achte auf jedes noch so kleine Zeichen das dir gesendet wird.“

Lenies Beerdigung wurde für Ruben eine Talfahrt der Emotionen. Etliche kurze Pausen zwischen den Sätzen seiner Ansprache dienten ihm dazu, sich die Tränen abzuwischen und sich zu sammeln. Niemand sollte es wagen zu behaupten, dass ein Geistlicher, nicht dünnhäutig sein darf, wenn der Tod einen geliebten Menschen aus seiner Mitte reisst. Nur wer nichts liebt wird ohne Tränen sein. Die Auferstehung und ein eventuelles Wiedersehen auf der anderen Seite ist der Glaube, aber den Verlust dieses Menschen hier auf Erden zu ertragen, ist ein hartes Martyrium. Er schämte sich nicht für seine Fassungslosigkeit. Lenie würde unendlich fehlen.

Vor vielen Jahren überkam Ruben schon einmal das gleiche Gefühl der Ohnmacht, als er Lenies Mann Thilo viel zu früh beisetzen musste. Dazumal haderte er mit den Plänen Gottes genauso wie heute. Lenie, die Kinder und Hendrik sahen ihn von der ersten Reihe der Kirchenbank aus an. Er konnte den traurigen, fragenden Blicken kaum standhalten. Nun war sie ihrem Mann gefolgt und hinterließ eine Leere, die selbst ihn stumm machte.

Lenie entschied sich gegen einen Freitod. „Ich habe Angst, Hendrik.“ Sie weinte. „Ich auch. Bitte, glaube mir, Lenie, ich habe einen riesen Schiss.“ Zum ersten Mal seit der Diagnose gelang es Hendrik, mit ihr über seine Angst zu sprechen. Er nahm sich zwar vor, keine Schwäche zu zeigen, schließlich brauchte Lenie einen starken Freund an ihrer Seite, aber die Gefühle waren so gewaltig und übermannten ihn einfach.

„Weißt du was? Das tut mir richtig gut, dass du dich auch fürchtest. Dann darf ich mich fallen lassen.“ Lenie nahm ihren Freund in die Arme.

Nun ging es um die Organisation. „Was soll ich denn da reinschreiben?“ Vor ihr auf dem Tisch lag die Patientenverfügung. Hendrik sah Lenie traurig an. „Was du magst, oder anders gesagt nicht mehr magst.“ „Keine Lakritze, keine Krümel im Bett, den Klingelton des Weckers“, sie kicherte aufgekratzt. „Lenie bitte, ich weiß das ist schwer für dich, aber wir können sonst nicht in deinem Sinne Handeln.“ Hendrik sah in ihren Augen den Widerwillen, den sie zu verbergen suchte. „Ja, ich weiß“; gab sie resigniert zur Antwort. Die Patientenverfügung enthielt am Ende all ihre Wünsche. Lenie handelte mit dem Arzt einen Medikamentenplan aus. Ihre Überzeugung, dass das Sterben leichter wird, wenn sie sich der Bestimmung fügte und sich nicht dagegen wehrte, wuchs mit jedem Tag.

Um einiges schwerer als ihr eigenes Leben loszulassen, fiel Lenie das Wissen darum, den Kindern nicht mehr zur Seite zu stehen. Wer gab ihnen dann die Geborgenheit, die eine Mutter zu geben vermochte? „Du, Hendrik, mir liegt etwas auf der Seele.“ Sie liefen durch einen Park in Richtung Stadt. Regenwolken schoben sich vor die Abendsonne. Nur wenige Strahlen schafften es durch einige Lücken hindurch und umrandeten die Wolken goldorange.