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Fünf Jahre nach dem Mauerfall gerät der Berliner Journalist Max Strehlow in den Verdacht, jahrzehntelang für den Spionagedienst der DDR gearbeitet zu haben. Nachzuweisen ist ihm das nicht, weswegen die arbeitslose Historikerin Susanne Ehrlich versuchen soll, Strehlow zum Reden zu bringen. Tatsächlich erzählt Strehlow der jungen attraktiven Frau seine Geschichte. Allerdings stellt sich heraus, dass sich hinter jeder Geschichte noch eine weitere Geschichte verbirgt.
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Seitenzahl: 372
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Nein, Hellpach hatte nur frische Luft in sein von Tabaksqualm erfülltes Zimmer im vierten Stock der Pension Giulietta lassen wollen, dazu die beiden Doppelfenster weit geöffnet und so die Ankunft dieses Deutschen beobachtet. Zufällig, wie er sagte. "Am 15. Juni, einem Mittwoch, nachmittags, gegen vier oder fünf. Er kam aus Zürich. Dorthin ist er geflogen. "
"Gewiss ist er geflogen". Der Polizist sass seit schon einer halben Stunde in Hellpachs Besuchersessel vor dem Schreibtisch, doch noch immer standen Schweissperlen auf seiner Stirn. Es war ihm nicht leicht gefallen, die vier ziemlich steilen Treppen zu Hellpach hinauf zu steigen.
"An seiner Ledertasche flatterte einer dieser Anhänger, wie die Fluggesellschaften sie um die Gepäckstücke binden. Er fuhr einen Leihwagen. Mit Basler Kennzeichen. Einen roten Opel. Wenn er es sich aussuchen kann, wird ein Deutscher im Ausland immer ein deutsches Auto mieten."
Der Polizist griff nach dem Glas mit Mineralwasser, das vor ihm auf der Tischkante stand. „Ein kleiner Wagen“.
"Von klein habe ich nicht gesprochen, aber Sie haben recht. Der Wagen war klein. Klein und rot, ein Zweitürer. Wahrscheinlich hat er ihn am Flughafen gemietet. Man fährt nicht erst in die Stadt, wenn man am Flughafen ein Auto mieten kann."
Pellegrini hatte noch nie ein Auto gemietet und war ziemlich sicher, dass er nie ein Auto mieten würde.
"Das heisst, dass er sehr früh aufgestanden ist".
"Ja, sehr früh". Pellegrini nickte bedächtig.
"Gegen sieben. Er ist gegen sieben Uhr aufgestanden, hat gefrühstückt und sich dann mit einem Taxi zum Flughafen fahren lassen. Man braucht, wenn man aus Deutschland nach Zürich fliegt, immer rund eine Stunde."
"Ah ja ?"
"Natürlich, er könnte in Stuttgart abgeflogen sein; das dauert nicht so lange. Oder in München. Aber wer von Stuttgart oder München aus anreist, fährt mit der Bahn. Oder mit dem Auto."
Pellegrini wischte sich den Mund ab. Der alte Mann, der ihm jetzt wieder in seinem mit braunem Samt bezogenen Ohrensessel gegenübersass, beachtete ihn nicht.
"Also ist er in Hamburg abgeflogen oder in Berlin. Das müsste sich doch feststellen lassen, oder ? Ich kenne nicht alle deutschen Flughäfen".
Der Polizist stand auf und trat an das rechte der beiden hohen Fenster. Der Kitt müsste erneuert werden, dachte er. Er wandte sich um. "Es wird ein Gewitter geben".
"Wenn er hier um vier eingetroffen ist, sollte er gegen elf in Zürich gelandet sein. Mit dem Auto fährt man etwa vier Stunden von Zürich".
"Der Kitt...", sagte Pellegrini.
Hellpach hatte sich erhoben. "Stimmt".
"Und ? Weiter ? Wie sah er aus ? Gesund, müde, erschöpft ? "
"Nun, er war gross. Ziemlich gross. Etwa 1,85, vielleicht sogar 1,90 Meter. Schlank. Bis auf den Bauch. Aber nicht viel. Nur so ein bisschen. Graue Haare, am Hinterkopf schon gelichtet, an den Seiten gewellt. Gutes, sympathisches Gesicht, grauer, kurzer Bart. Keine Brille, auch nicht beim Lesen. Erschöpft ? Naja, nicht eben in Topform, aber gesund."
"Die Fenster müssen auch gestrichen werden. Die Fensterrahmen...“.
Robert von Hellpach nickte. "Ich traf ihn ein paarmal. Unten, im Speisesaal. Trank Wein. Dagegen das Essen..."
"Was ist mit dem Essen ?"
"Es ist nicht gut. Zu fett." Die beiden Männer schwiegen.
"Ungefähr Mitte fünfzig, nicht älter".
Pellegrini nickte. Dem Fax aus Bern zufolge war der Mann 55 Jahre alt.
"Er war allein. Telefonierte nicht, bekam keine Post, schrieb keine Karten. Blieb drei Tage".
"Allein ? Die ganzen drei Tage ?" Pellegrini wischte sich erneut mit dem Taschentuch über die Stirn.
"Er war ein- oder zweimal drüben, in Italien. Auch in St. Moritz. Kam wieder mit einer Plastiktüte vom Migros dort."
Pellegrini trank einen Schluck. Obwohl die ungewohnte Hitze draussen nicht in Hellpachs Zimmer drang, schwitzte er. "Die Fenster brauchen neuen Kitt", brachte er endlich hervor. Schon die Autofahrt über den Maloja-Pass hatte ihn müde gemacht.
"In der Plastiktüte waren Blöcke, grosse Schreibblöcke." Hellpach wies auf einen Stapel, der auf seinem Schreibtisch lag. "Wie die da." Selbst hier oben war das Scheppern der Teller im Speisesaal zu hören.
"Am Achtzehnten ist er abgereist, am frühen Nachmittag. Trug die Ledertasche und die Plastiktüte zum Auto, kam noch einmal zurück, bezahlte seine Rechnung, stieg dann ein und fuhr ab."
"Wohin ?"
Hellpach zuckte mit den Achseln.
Es gebe kein Fahndungsersuchen, erklärte Pellegrini. "Es ist nur so, dass man schon wissen möchte, was er macht. Wo er ist. Ob er mit jemandem in Verbindung steht und mit wem. Jemand in Bern, denke ich."
Es klopfte. Eine der Saaltöchter, ein blondes Mädchen mit hohem Busen und blauen Augen, brachte ein Tablett mit Schüsseln, Geschirr und Besteck. Die junge Frau hatte aufregend nackte Arme, und Hellpach lächelte sie dünn an.
Neugierig warf Pellegrini einen Blick auf das Essen und verzog das Gesicht. "Denken Sie an die Fenster".
"Immer zuviel Fett", antwortete Hellpach, als die Serviererin den Raum verlassen hatte. "Immer zuviel Fett. Gesund ist das bestimmt nicht.“
"Ein Journalist. Schrieb für ein paar Zeitungen und fürs Radio. Ein Kollege, nicht wahr?“
Doch der alte Mann löffelte missmutig seine Suppe und antwortete nicht.
"Aus Berlin. Am Mittwochmorgen traf er mit der Lufthansa um elf Uhr dreissig in Zürich ein, mietete für eine unbestimmte Zeit einen roten Opel Corsa, bezahlte mit deutschen Geld und liess sich eine Strassenkarte fürs Engadin geben. Tauschte dann an der Flughafen-Filiale des Schweizerischen Bankvereins zweitausend Mark in Franken und fuhr direkt auf die Autobahn nach Chur."
"Na also".
"Er hatte kein Zimmer bestellt, muss sich aber gut ausgekannt haben. Den Weg hatte er ja gleich gefunden. Er war schon einmal oder zweimal hier. Früher".
"Vielleicht". Hellpach hatte die Suppe aufgegessen und schaufelte Kartoffeln und Gemüse auf einen flachen Teller.
"Wir werden sehen. Er reiste unter seinem richtigen Namen. Das Ticket war nicht reserviert. Es ist in Berlin am Schalter gekauft worden."
"Sind die Maschinen denn immer ausgebucht ?"
"Weiss ich nicht. Ich fliege nicht. Es macht mir angst." Pellegrini stand abermals auf.
"Er hat das Ticket bar bezahlt, auch die Kaution für den Mietwagen. Und er hat noch einmal zweitausend Mark in Franken gewechselt.“
Hellpach kümmerte sich um Kartoffeln, die in einer mehlig-fetten Sauce lagen, um ein paniertes, ziemlich zähes Kalbschnitzel und hartgekochten Rosenkohl.
Der Polizist sah auf die schneebedeckten Gipfel der Berge auf der anderen Seite des Tals. Die Pension Giulietta lag fast 1 400 Meter hoch.
Pellegrini kehrte zum Tisch zurück. "Nein, er hat sich nicht versteckt." Er schob das Salzfass über die blaugrüne Tischdecke neben die Pfefferdose. "Strehlow war schon einmal hier. Vor zwanzig Jahren, ganz genau. In Begleitung.“ Er schüttete ein wenig Mineralwasser in sein Glas und trank.
"Ein alter Mann, gross und ausserordentlich kräftig. Deutscher. Aus der DDR. Aber mit westdeutschem Pass." Er trank das Glas leer und stellte es auf den Tisch. Hellpach schob sorgfältig zerkleinerten Rosenkohl auf seine Gabel und in den Mund.
„Günther, Ernst Günther aus Düsseldorf, Geschäftsmann. Unter diesem Namen hat er jedenfalls ein Safe gemietet bei der Banca Commerciale del Ticino. In Castasegna. "
"Damals war ich noch in Frankreich". Hee H
llpach hatte das Hauptgericht beendet und wandte sich dem Dessert zu.
"Strehlow hat eine Vollmacht für die Bank," sagte Pellegrino leise. „Am Morgen vor seiner Abreise war er dort, zweimal.“
"Was ist in dem Safe, Geld ?"
"Nein, vermutlich nicht. Oder nur wenig."
"Also Dokumente, Papiere, Unterlagen". Hellpach, schob die flache Schüssel mit dem Flammeri unter einer klebrigen Himbeer-Sauce angewidert fort und suchte in den Taschen der Jacke nach Tabak für seine Pfeife.
"Er trug eine schwarze Ledertasche, eine Art Aktenmappe, wie es sie früher für Angestellte gab. Er müsste sie noch gehabt haben, als er aus Castasegna wiederkam."
"Wann war das ?"
"Vormittags. Die Bank öffnet um neun und schliesst um eins. Man fährt ungefähr eine halbe Stunde von Castasegna hierher. "
Pellegrino war abermals aufgestanden und ans Fenster getreten. "Sie haben ihn gesehen, nicht wahr, ein paarmal mit ihm geredet, unten, im Foyer ?"
Hellpach hatte den Tabak gefunden. Er stopfte sehr langsam und sorgfältig die gelblichen Krümel in den Kopf seiner Pfeife und antwortete erst, nachdem er sie in Brand gesetzt hatte.
"Jaja, was man eben so redet, abends, vor dem Schlafen."
"Er kam gegen zwölf aus Castasegna zurück. Mit der Mappe. Er hatte sie auf den Beifahrersitz gelegt und das Auto abgeschlossen. Ganz gegen seine Gewohnheit, oder ? Er ging dann erst in den Speisesaal, wo er das Mittagessen abbestellte und danach in sein Zimmer. Er packte seine Sachen und bezahlte seine Rechnung.“
Von Hellpach antwortete nicht. Pellegrini hatte Recht. Die Fensterrahmen mussten neu gestrichen, der Fensterkitt erneuert werden. Es war heiss und das Essen, wie immer, zu fett und zu mehlig gewesen. Er hatte nichts gegen Pellegrini, doch er wünschte, dieser Oberhauptpolizei-General werde endlich aufhören mit seinen Fragen nach diesem komischen Deutschen. Fliegen tummelten sich auf den Resten seines Essens. Er verscheuchte sie nicht.
"Dann ist er abgereist".
Hellpach hatte die Augen geschlossen. Die Pfeife, in der die Glut längst wieder erloschen war, glitt ihm aus der Hand. Der alte Mann atmete ruhig und gleichmässig. Pellegrino durchquerte behutsam den Raum, öffnete die Tür und trat hinaus.
*
Ernst Günther aus Düsseldorf, Kaufmann, Im- und Export zahntechnischer Geräte. Herbert Glogowski aus Kassel, Ingenieur. Hanno von Bentheim aus Hamburg, Rechtsanwalt. Ulrich Koch, Dr. Erich Glaser, Karsten Schumacher. Und so weiter. Otto hatte tausend Namen und vielleicht auch noch ein paar mehr. Welchen er damals benutzte, hätte ich nicht mehr sagen können. Otto war Otto. Immer. Und überall.
Meine Erinnerung zeigt ihn in längst gebrechlicher Hünenhaftigkeit vor der Eingangstür des alten, von wildem Wein und Efeu überwucherten Hauses, verborgen hinter einer dichten Hainbuchen-Hecke und inmitten hoher Bäume, märkischer Kiefern, Buchen, Birken und knorriger Eichen aus der Bismarck-Zeit. Da steht er, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben und wartet, bis ich das rostige Gartentor erreicht habe und die Rechte hebe zum Gruss und Abschied.
Es ist ein früher Abend im September, der warme Tag hatte schon nach Herbst gerochen. Zarter Dunst über den Feldern, die Stille des Landes. Einen Augenblick lang frage ich mich, ob die Fahrt nach Berlin wirklich zwei Stunden dauern wird, und ob, was ich dort zu tun habe, nicht auch am nächsten oder übernächsten Tag getan werden kann. Doch dann trete ich entschlossen auf die Strasse, winke ihm zu, über das Gartentor hinweg, und besteige das Auto.
Schon gut, ich hätte bleiben sollen. Ein paar Stunden. So weit reichte Dein Arm ja wohl noch immer, dass Unannehmlichkeiten an der Grenzübergangsstelle nicht zu befürchten waren. Wir hätten eine Kleinigkeit essen, eine Flasche Wein trinken, ein paar Deiner Platten hören können.
Gekommen war ich am frühen Vormittag. Gehorsam, folgsam, zuverlässig, wie Du es haben wolltest. Aufbruch also im Morgengrauen, die üblichen Formalitäten, nicht anders als sonst. Die Fahrt durch die Mark, über holprige, leere Strassen, vorbei an geduckten Häusern, durch vereinsamte Dörfer. Ankunft rechtzeitig für den Frühstückskaffee. Nach einer kurzen Begrüssung - er gab mir nie die Hand sondern legte sie mir auf die linke Schulter - begannen wir eine jener Unterhaltungen in kurzen, codierten Sätzen, wie sie einander vertraute Leute auch nach langer Trennung miteinander führen.
Meine kalte Angst beim Blick in Dein Gesicht und die Ahnung, dass Du auch diesen letzten Krieg bald verlieren wirst. Diese Unfähigkeit, in einem erlöschenden Körper zu leben, diese Qual, den Verfall zu bemerken, wie er Tag für Tag ein wenig schneller voranschreitet, dem Tod entgegen.
Für Deine geliebten, langen Spaziergänge fehlte Dir schon die Kraft. Fürst war gestorben, und mir war klar, dass er keinen Nachfolger bekommen würde.
„Da hat er gelegen, da in der Ecke, neben dem Bücherregal. Er frass nichts mehr. Kein Fleisch, nichts. Er hat noch ein bisschen getrunken, aber wirklich nur ein paar Schlucke. Und mich angeschaut. Er wollte mich nicht allein lassen, weißt Du, er machte sich Sorgen“.
„Ja, ich weiss.“
„Siebzehn Jahre – das ist eine lange Zeit für einen Hund.“ Otto stand auf und trat an die halboffene Tür zur Terrasse. Ich folgte seinem Blick. „Da draussen...“ Er machte eine vage Handbewegung. „Wir sind dort oft durch den Wald gelaufen oder die Feldwege entlang. Er war nicht so der stürmische Draufgänger, der Fürst. Eher so ein ganz ruhiger, trottliger, gutmütiger Bär...“ Ich antwortete nicht.
„Er machte sich nichts vor. Er war nicht eigentlich krank, verstehst Du ? Nur müde. Schrecklich müde. Alt. Vielleicht, mag er gedacht haben, wenn ich ein wenig schlafe... ein paar Wochen, ein paar Jahre ?“
„Ein schöner Tod“.
„Er ist in der Nacht gestorben. Ganz allein. Als ich aufwachte und nach ihm schauen wollte, atmete er nicht mehr.“
Ich schwieg. Otto hatte den riesigen Neufundländer mit dem Haus übernommen, als dessen Besitzer mit seiner Familie plötzlich verzogen war und den Hund zurückgelassen hatte wie die alten Möbel, die Bilder und die Bücher. Tagsüber, heisst es, fliegen die Vögel scheinbar ziellos umher. Doch wenn es Abend wird, suchen sie ihr Nest. In diesem Haus hatte Otto endlich so etwas wie eine Heimat gefunden.
„Gribarjan hat ihn begraben. Dort hinten, bei den Birken.“ Er seufzte. „Schliesslich war das sein Haus, sein Garten, nicht wahr ? Er hat ihn immer bewacht. Aufmerksam, aber nicht misstrauisch. Weißt Du, dass er nie jemanden gebissen hat ?“
Fürst bellte nicht einmal. Sobald ich die Gartentür öffnete, sah ich ihn kommen. Er ging langsam auf mich zu, näherte sich bis auf zwei, drei Meter. Lief dann neben mir her bis zur Haustür und drängelte sich an Otto und mir vorbei. Wenn es regnete, legte er sich gern auf den Teppich in der Mitte des grossen Raums im Erdgeschoss, senkte den Kopf auf die ausgestreckten Vorderpfoten und schlief ein.
Fürst vertraute Dir. Er hatte keine Angst davor, in Deiner Gegenwart die Augen zu schliessen. Hier kauerte er zu Deinen Füssen, wenn Du abends in Deinem Sessel Deine Bücher lasest, das Glas und die Flasche mit dem Rotwein aus Frankreich in greifbarer Nähe und im Raum die Musik Deiner Jahre. Bruno Walter, der Wagner und Mozart dirigiert, die Comedian Harmonists, Erna Berger, Maria Cebotari, Richard Tauber, vielleicht. „Dinah, is there anyone finer, in the State of Carolina, if there isn’t you, Norah...“ Ist es denn wahr, dass wir nur die Geschichten sind, die man von uns erzählt ?
Aber wen interessiert das alles heute noch – zehn Jahre und mehr nach jenem Morgen im November, an dem Gribarjan vor der Tür stand und „Gestern abend“ sagte. Andrej Gribarjan, der Freund, Gefährte, Kumpan, Chauffeur, Leibwächter und ein letztes Mal auch Bote. Wer wirklich etwas über Otto wissen will, hätte ihn fragen sollen, nicht mich. Aber jetzt ist auch Gribarjan schon lange tot.
Ich liess ihn eintreten und kochte ihm frischen Kaffee. Er legte beide Hände um den heissen Becher, trank mit kleinen, vorsichtigen Schlucken. „Er ist einfach gestorben. Als ich gegen zehn kam, sass er in seinem Sessel. Das Buch war ihm aus der Hand gefallen.“ Wie Fürst.
Seit Monaten, vielleicht schon seit Jahren hatte ich mit dieser Nachricht gerechnet. Otto war nicht krank gewesen. Doch immer seltener liess er sich von Gribarjan in die Stadt fahren, zu einem Abend in der Linden-Oper und zu seinem Lieblings-Antiquar am oberen Ende der Friedrichstrasse. Nach West-Berlin, auf die andere Seite der Mauer, lockte ihn in den letzten Jahren gar nichts mehr.
Die Beisetzung fand in aller Stille statt. Ohne Nachruf des Zentralkomitees im „Neuen Deutschland“, ohne Kranz des Genossen Minister, ohne Teilnahme einer Abordnung ehemaliger Kollegen und ohne Samtkissen mit den Orden und Ehrenzeichen. Ein paar Tage später räumte man das Haus.
Gribarjan stellte den Becher ab. „Viele sind jetzt nicht mehr da“.
Seine Augen unter der zerfurchten Stirn hatten ihren Glanz verloren, seine Bewegungen waren langsam und schwerfällig geworden, sein Gang unsicher. Gribarjan, der Mann aus Armenien, dem Otto wohl ein paarmal das Überleben und seinen Namen dankte. „So, wie Du aussiehst“, hatte er gesagt, „müsstest Du Reinhardt heissen. Oder Wolf. Auch Heinrich würde gerade noch passen.“ Er grinste. „Aber das, mein Lieber, wäre zu vollkommen, verstehst Du ? Nein, Du wirst Otto heissen, Otto Voss, mit SS am Ende.“ Und dann hatte er den Namen fein säuberlich auf das Formular geschrieben.
Gribarjan erhob sich. „Addio Max“. Er trat auf mich zu und wir umarmten uns. Ich blickte ihm nach, wie er langsam und vorsichtig, die rechte Hand am Geländer, die Treppe hinunterging und ich hörte, wie die Haustür ins Schloss fiel. Auch ihn, auch Gribarjan, habe ich nie wieder gesehen.
Später, viel später, bin ich auf den Friedhof gefahren, obwohl das übliche Tagesvisum für Bürger der Bundesrepublik Deutschland nur für Berlin, Hauptstadt der DDR, galt. Ich musste eine Weile suchen, bis ich das Grab fand, eins unter vielen, ohne Kreuz natürlich und ohne Stein. Wer denn auch hätte ihm einen Stein setzen sollen ? Ich hatte keine Blumen gekauft, weil ich keine Fragen beantworten wollte. Und als es niemanden mehr gab, der Fragen hätte stellen können, war das Grab schon verschwunden. Manche Erinnerungen sind gar nicht schnell genug zu tilgen.
*
Sie habe, sagte sie, den Auftrag vom Intendanten, persönlich. Zwar sei die Anregung zu diesem Forschungsprojekt aus den Gremien gekommen - von wem, genau, wisse sie auch nicht - doch habe der Intendant die Bedeutung dieses Vorschlags sofort erkannt und die Bereitstellung der notwendigen Mittel für die nächsten zwei Jahre angeordnet. Selbstverständlich sei niemand verpflichtet, Fragen zu beantworten. Auch stehe Max ja, soweit sie es beurteilen könne, in keinem vertraglich bindenden Verhältnis zu der Anstalt. Zweifellos aber werde er verstehen, wie wertvoll und wichtig gerade seine Auskünfte für sie seien und dass sie fest auf seine Hilfe rechne.
Susanne Ehrlich, etwa Mitte dreissig, vielleicht auch jünger, mit kurzgeschnittenen, rotbraunen Haaren, einer missglückten Nase, einer tiefen, gelegentlich fast heiser wirkenden Stimme und dem intensiven Blick der Kurzsichtigen. Unter den Gästen dieses Cafes am Hackeschen Markt hatte sie ihn sofort erkannt, den Stoffbeutel mit ihren Unterlagen auf den Tisch gelegt und sich ihm gegenüber gesetzt. Den üblichen small-talk über die S-Bahn, die Touristen und den zunehmenden Verkehr in der Stadt hatten sie schnell absolviert.
„Sie haben, zwischen 1974 und 1989, eine ganze Menge Reportagereisen in die DDR unternommen, nicht wahr ?“ Sie hatte ihren Capuccino ausgetrunken, aber noch nicht nach dem mitgebrachten Papier gegriffen. „Sie waren in Leipzig, in Dresden, in Rostock, in Karl-Marx..., Verzeihung, in Chemnitz, in Magdeburg...“
„...in Neuruppin, in Rheinsberg, in Barby an der Elbe und wer weiss wo noch alles. Ja, ich war dort. Für ein paar Zeitungen, fürs Radio, ein paarmal fürs Fernsehen.“
„Und Sie hatten da nie Probleme ...“ Mehr eine Feststellung als eine Frage. Wie meinst Du das ? Womit hätte ich denn wohl Probleme haben sollen, Deiner Meinung nach ?
Mit den Wächtern an der Staatsgrenze, die misstrauisch Pass und Gepäck beäugten und dann zuweilen lange telephonieren mussten ? Mit den agilen grauen Herren vom Internationalen Presse-Zentrum beim Ministerrat der Deutschen Demokratischen Republik, die um die Vorlage eines detaillierten Sende- oder Artikel-Konzeptes ersuchten und auf langen Verhandlungen über allerlei Details schon deswegen bestanden, weil dabei in irgendwelchen Valuta-Hotels Export-Bier getrunken wurde, auf Kosten des Antragstellers, na klar ? Mit jenen anderen genauso grauen Herren, die zwischen Pressezentrum, Zentralkomitee und Politbüro prüften, welches journalistische Vorhaben zu genehmigen sei und welches nicht ? Mit dem Fach-Redakteur, der mir auf allen Reisen zugeordnet wurde, für zweihundert Mark(West) am Tag, zuzüglich Spesen und der natürlich für gewisse Instanzen gewisse Berichte zu schreiben hatte ? Mit der so demonstrativen wie törichten Selbstsicherheit der Ober-Genossen mit und ohne Uniforrn ? Mit diesen Leuten, die Geld tauschen wollten, zu jedem gewünschten Kurs ? Mit den Frauen, die mir ihren Busen und ihren Hintern zur gefälligen Benutzung anboten gegen ein paar West-Mark für den Intershop ?
Darum geht es doch gar nicht, oder ?
Soll ich von den Einschusslöchern in den Fassaden der alten Berliner Häuser am Prenzlauer Berg oder in Friedrichshain erzählen ? Von verwahrlosenden Vorort-Villen und verwilderten Gärten in Dresden, aus denen ich mir ein versunkenes Elternland baute ? Von den Ohrfeigen, die ein erboster Erfurter seiner sechs- oder siebenjährigen Tochter verpasste, als die in einer HO-Raststätte an der Autobahn nach Leipzig ihr Limonadenglas umwarf ? Von der Pampigkeit des Bahnpolizisten, der auf Fragen nach einem Zug mit hoheitsvollem Schweigen reagierte ? Von der Verkäuferin in der berühmten Buchhandlung am Alexanderplatz, die mich laut rügte, weil ich den Laden betreten hatte, ohne ordnungsgemäss nach einem Warenkorb zu greifen ? Von der Unsicherheit, in welcher der vielen Wirklichkeiten dieses Landes ich mich denn gerade befand ?
Oder meinst Du am Ende doch wieder nur das Ministerium für Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik ?
„Nein, ich hatte keine Probleme. Es gab da so eine Art Fahrplan, wie Sie ihn ja wohl schon kennen : Antrag, Konzeptentwurf, Prüfung, Vertrag, Recherche, Produktion. Daran hielt man sich, das war die Geschäftsgrundlage.“
Sie rührte in der inzwischen geleerten Tasse und blickte mich an. „Ein paar Ihrer Manuskripte habe ich gelesen. Sehr kritisch waren die nicht.“
Nein, das waren sie nicht. Aber muss ich Dir jetzt wirklich erklären, warum sie das nicht waren ? Da nehmen wir doch lieber erst einmal die Kurzfassung.
„Wer ein Land besucht und es dann beschimpft, sollte sich nicht wundern, wenn er nicht wiederkommen darf, nicht wahr ? Ich wollte wiederkommen.“
„Hat man Ihnen denn jemals einen Antrag abgelehnt ?“
„Nicht bloss einen, gewiss nicht. Es gab so Themen, die gar nicht gern erörtert, so Pläne, die gar nicht gern gesehen wurden. “
Das ist so schwer doch nicht zu verstehen. Da werden alle möglichen Anträge abgewiesen. Anträge von Paris-Match, von Time/Life oder Newsweek, des Manchester Guardian oder Le Monde. Und ich, dieser kleine Journalist aus Westberlin, freier Autor für ein paar Sender, Zeitungen und Zeitschriften, ausgerechnet ich darf alles ? Immer ? Was ich will ? Ach, entschuldigen Sie bitte, aber ich würde gern darüber schreiben, warum es längst kostengünstige Alternativen zur WBS 70 gibt, und warum die im sozialistischen Wohnungsbau nicht berücksichtigt werden ? Ich würde gern mal mit einer dieser Damen plaudern, die in den Bars der Valuta-Hotels auf Freier aus dem Westen warten ? Ich würde mich gern mal danach erkundigen, warum es bei Euch in ganzen Strassenzügen noch genau so aussieht wie unmittelbar nach dem Sieg der glorreichen Roten Armee ? Oder auch mal die Probleme eines Stasi-Offiziers schildern, des armen Teufels vielleicht, der das abgehörte Telefongespräch alle sechs Minuten unterbrechen muss, weil die Spule seines Tonbandgeräts voll ist ? „Stell mal einen Antrag“, sagte Otto. „Wir haben zur Zeit ziemlich Probleme mit dem Tagebau im Bezirk Cottbus.“
Also erbat ich beim Internationalen Presse-Zentrum Hilfe bei der Realisierung eines Projektes „Braunkohlen-Förderung in der Lausitz“. Es dauerte ein paar Wochen. Es dauerte immer ein paar Wochen. Dann wurde das Projekt abgelehnt, und ich mochte getrost einen neuen Antrag stellen, der prompt genehmigt wurde ohne dass irgendwer peinliche Fragen stellte.
„Gab es eigentlich so eine Faustregel, an der man sich orientieren konnte ?“ Es klingt, als frage ein Zöllner nach Schmuggel-Ware, als interessiere die Antwort gar nicht. Tut sie ja auch nicht, oder ? Aber gut, spielen wir das Spiel.
„Ja, die gab es schon. Zum Beispiel war es leichter, wenn die deutschdeutschen Beziehungen gerade mal schlecht und schwieriger, wenn sie gerade mal gut waren. Und dann – es gab ein paar Tabu-Themen : die Stasi, natürlich, die Dissidenten, Umweltprobleme, bestimmte Engpässe in der Versorgung, Übergriffe der Vopos. Und so weiter.“
„Darüber haben Sie also nie geschrieben ?“ Sie betont das „nie“.
„Nein, darüber habe ich nicht geschrieben. Jedenfalls nicht unter meinem Namen. Manchmal habe ich andere schreiben lassen, ihnen ein paar Informationen gegeben. Und dann war ich sowieso der Meinung, dass darüber genug geschrieben wurde.“ Max betont das „darüber“.
Sie spielt mit dem kleinen Kaffeelöffel. „Warum haben Sie sich überhaupt so für die DDR interessiert ?“
Wie schön es wäre, denkt Max, jetzt locker vom Vaterland, von Deutschland reden zu können, von der deutschen Nation, die nicht stirbt, wenn da eine Mauer, ein Zaun, ein Graben den Osten vom Westen trennt. Wie schön es wäre, von Erinnerungen an eine Kindheit in Mecklenburg zu erzählen oder in Schkeuditz, von Verwandten in Halle oder Eisenach. Wenn er in seinem Leben irgend etwas hätte finden können, das ihn mit dieser gottverlassenen Gegend zwischen Thüringen und Usedom verband. Aber da ist nichts.
Max sieht Martine auf ihren kräftigen, braungebrannten Beinen am Strand von Plouinec in der Bretagne, ihr Lachen, ihr dickes im Wind flatterndes helles Haar, ihre weissen Zähne und die schmalen blauen Augen. Er sieht ihren kurzen um die Hüfte geschwungenen Leinenrock, die von Muscheln und Seepflanzen überzogenen Felsbrocken, das flache Gestrüpp, das sich gegen den Wind zu wehren versucht. Er sieht die Möwen und die aufgeregten Kinder, die mit einem Käscher nach Krabben fischen oder Muscheln von den Felsen schaben. Er sieht Dongh und den kleinen Ho mit Graham am Strand von Vung Tau, die schlanke Esther in ihrer Boutique auf Ibiza und Agneta aus Stockholm, die nach ihrer Scheidung auf einer griechischen Insel Kinderbücher illustriert. Wir erinnern uns an Landschaften nur der Leute, der Freunde, der Geliebten wegen, die wir dort trafen.
„Die Wahrheit ist, dass sie mich eigentlich gar nicht interessierte.“
Stimmt. Sie war mir egal und sie nervte manchmal, wenn ich mit dem Auto nach Hamburg fuhr oder nach Köln, nach Kopenhagen, nach San Casciano oder nach Audierne. Diese Züge der Reichsbahn, die nach Desinfektions-Chemie rochen, diese Staus bis Königslutter auf der einen, bis zum Funkturm auf der anderen Seite. „Die Reisedokumente !“ Gelegentlich sogar, später : „Bitte!“ . - „Waffen, Munition, Funkgeräte ?“ Visagebühr : fünf Mark. Strassenbenutzungsgebühr : fünf Mark. – „Öffnen Sie bitte den Kofferraum, öffnen Sie bitte das Handschuhfach, öffnen Sie bitte die Motorhaube, öffnen Sie bitte diesen Koffer, was befindet sich in dieser Aktentasche ?“ - Naja, was sollte schon in ihr befinden : ein paar Bücher, ein paar Manuskripte vielleicht.
Aussteigen, Sitz hochklappen, Rückbank anheben, Motorhaube schliessen, Kofferraum schliessen, Tankdeckel schliessen, einsteigen, weiterfahren. Höchstens hundert. Von Marienborn nach Magdeburg, nach Ziesar, Michendorf, Drewitz. Oder von Warnemünde über Rostock, Güstrow und Nauen nach Spandau. Hinter stinkenden Zweitaktern und Lastwagen, die mit Schweröl fuhren. Und noch einmal : Aussteigen, Motorhaube und Sitz hochklappen, Tankverschluss öffnen. Deutschland einig Vaterland. Schon im Transit eine Zumutung.
„Dafür sind Sie aber oft dagewesen.“ Max weiss natürlich, dass sie eine Erklärung haben will, möglichst eine glaubhafte. Kein Problem für Max.
„Der Job wurde gut bezahlt. : Fünf-, sechs-, siebentausend für ein Feature, für das ich ansonsten mal gerade drei- oder viertausend bekam. Und was man damit verdiente, war auch noch steuerfrei.“ Das wird sie überzeugen. Geld überzeugt immer. Aber sie sitzt bloss stumm auf ihrem Stuhl und gibt keinen Kommentar. Schaut ihn an, aufmerksam, skeptisch. Na, gut. Max kann nachlegen. “Es war eine seltsame Erfahrung, mit einer S-Bahnfahrkarte für 20 Pfennig in einen anderen Teil der Welt zu reisen. Faszinierend fand ich immer das Licht.“
Sie könnte jetzt eine Frage stellen. Aber sie fragt nichts.
„Es war nicht richtig hell, verstehen Sie ? Es war dunkel, und doch konnte man genügend sehen. Es war sehr rücksichtvoll, sehr behutsam, sehr diskret. Es erinnerte mich an die Herbst- und Wintermonate meiner Kindheit, besonders, wenn dieser zähe, eklige Rauch aus den Kaminen in der Luft hing. Auch die manchmal aufgeweichten Wege, die ungepflasterten Strassen mit ihren Pfützen und die wackligen Zäune am Saum der Gärten. Und die Leute : die respektvolle Vorsicht, mit der sie etwas auspackten zum Beispiel. Ihre zeremoniöse Art, eine Einladung auszusprechen oder eine Bitte. Sie waren so förmlich.“
„Ja. Ich bin in Mecklenburg aufgewachsen, jetzt wohne ich in Pankow“. Max ist erleichtert : „In Pankoff, wie mein Vater immer sagte.“ Sie lächelt.
Es herrscht Waffenstillstand. Sie könnten über Kulinarisches reden. Max könnte bemerken, dass es früher Abend ist oder, wenn man so will, später Nachmittag und Susanne Ehrlich zum Essen einladen. Natürlich nicht in Berlin, Hauptstadt der DDR, sondern drüben in der besonderen politischen Einheit von Westberlin. Und wirklich geht sie zum Telefon und verschiebt eine Verabredung auf den folgenden Tag.
*
Anfang fünfzig, denkt sie. Gross, schlank, graues, lockiges Haar, freundliche Augen, angenehme Stimme. Ein nicht mehr junger und wahrscheinlich ziemlich komplizierter Mann. Einer, der zuhört. Mal sehen.
„Als die Mauer fiel, war ich 28. Wir hatten keinen Mercedes. Wir trugen keine Kleider von Versace, die Männer keine Klamotten von Armani. Wir machten keine Diäten und wir konnten nicht nach Mallorca. Was Vongole oder Langusten sind, wann man einen Brunello dekantiert und dass man Spaghetti mit grünem Pesto aus Salbeiblättern würzen kann, wussten wir auch nicht. Woher sollten wir denn Pinienkerne bekommen ? Oder parmeggiano ? Wir hatten ja nicht einmal immer Spaghetti. Es gab keine Gossen-Blätter, keine Bordelle. Wir lasen das „ND“, und wenn dort stand, dass die Renten erhöht werden sollten, dann gab es keine Diskussionen, dann wurden die Renten erhöht. Wir wohnten in der Platte, sparten seit unserer Geburt für den Trabbi und guckten West-Fernsehen, aber nur die Reklamesendungen oder mal die Filme. Es war alles sonnenklar, übersichtlich, vorgeschrieben, geregelt: Gute Leistungen in der EOS und politisch-gesellschaftliches Engagement in der FDJ, bei der DSF und in der GST, Kandidatenjahr in der Partei, Hochschule, Karriere, Kader...“
Sie sagt „Diskusion“ und „Angaschemang“, redet in diesen seltsamen Kürzeln, die schon in Hannover keiner mehr dechiffrieren kann, geschweige denn in Karlsruhe oder Stuttgart. Verfällt, wie Max bemerkt, ins DDRsche, sobald sie über diese DDR spricht. Und studiert die Speisekarte wie ein kostbares, neu entdecktes Evangelium.
Sie nimmt einen Schluck Weisswein, wobei sie den Stil des Glases sehr vorsichtig zwischen dem Daumen und ihrem Mittel- und Zeigefinger hält.
„Ja, die typische Ost-Biographie, Ausgabe weiblich. Also mit 17, 18 die Entdeckung, dass Parkbänke hart und im Winter obendrein kalt sind, Eheschliessung und Schwangerschaft, damit man möglichst bald die Wohnung bekam, und dann die Entdeckung, dass Martin doch nicht so ganz der richtige war, jedenfalls nicht fürs Leben.“
Sie stellt das Glas behutsam zurück auf die weisse Tischdecke. Max, ihr gegenüber, hat Messer und Gabel sinken lassen.
„Anfang Mai hatte er den Wartburg gekauft, aus dritter oder vierter Hand für ich weiss nicht mehr wieviel, aber es war ein Haufen Geld, und mindestens noch einmal soviel hat es gekostet, diesen Schrottberg überhaupt fahrbereit zu machen. Von der Jagd nach Ersatzteilen und den Stunden, die er mit einem Freund unter dem Wagen gelegen hat, mal ganz zu schweigen. Aber dann war der Wagen fertig, pünktlich zum Fedi-Termin in Kühlungsborn, Anfang Juli. Zwei Wochen Ostsee. Sie können sich wahrscheinlich gar nicht vorstellen, was das bedeutete. Auch wenn es für uns drei bloss ein Zimmer gab, ohne Waschbecken oder Dusche, mit stinkendem Linoleum ausgelegt, die Matratzen durchgelegen und die Bettwäsche so dünn, dass der Mond durchscheinen konnte. Aber trotzdem, zwei Wochen am Wasser ! Wir fuhren los, Samstagmorgen, gegen sechs. Weil um elf Uhr das Zimmer zur Verfügung stehen sollte. Drei Stunden rechnete Martin bis Rostock, eine halbe von der Autobahn bis zum Kreisverkehr am Westrand und noch einmal eine halbe bis Kühlungsborn - keine Minute wollte er verschenken und spätestens um halb zwölf zum ersten Mal ins Wasser springen.“
Max hört zu, er liebt diese Geschichten.
„Auf dem Berliner Ring jede Menge Westler. Richtung Rostock war wenig Betrieb und hinter dem Abzweig nach Hamburg waren wir beinahe allein. Ein paar Trabbis, ein paar Roburs, Laster aus Polen, Ungarn und der SU. Dann kam diese langgezogene Steigung. Wir waren hundert gefahren. Exakt hundert. Mehr war ja nicht erlaubt, damit keiner merkte, wie holprig sogar die Autobahn war und dass der technische Fortschritt einen grossen Bogen um unsere KfZ-Produktion gemacht hatte. Also stur und brav hundert. Und nun sah Martin im Rückspiegel den Ford. Oder Opel. Oder VW. Ich weiss es nicht mehr, nur dass es eben ein Westauto war mit Westkennzeichen und dass es ganz langsam näher kam. Nein, der Wessi raste nicht. Der wusste schliesslich auch, dass überall hinter den Büschen die Vopo darauf wartete, satt Valuta zu kassieren. Also fuhr er so hunderteins, hundertdrei und kam näher. Martin drückte aufs Gas, aber der Wartburg fiel zurück. Es ging ja diese Steigung hoch.
Der Wessi dürfte ein bisschen zugelegt haben. Hundert waren hundert, auch am Berg. Und wir fuhren 98, 96, 94. Martin lief rot an. Ich sah, wie sich seine Hände am Steuer verkrampften. Die Knöchel wurden ganz weiss. Er blickte stur durch die Windschutzscheibe. Er trug kurze Hosen, und an den angespannten Muskeln seiner Oberschenkel konnte ich sehen, dass er das Gaspedal mit aller Macht nach unten drückte.
Doch der Wessi zog an uns vorbei. Mit exakt hundert, vermute ich. Oder eben mit hundertzwei oder hundertvier. Der Fahrer, ein junger Mann mit Bart und Brille, schaute nicht einmal zu uns herüber. Ihm war das offensichtlich völlig egal. Als wir das Ende der Steigung erreicht hatten, fuhren wir gerade noch 88. Den Wessi konnten wir schon nicht mehr sehen.
Am nächsten Parkplatz wollte Andreas pinkeln. Wir hielten und während der Junge im Gebüsch verschwand, packte ich Brote aus. Einen Augenblick lang sassen wir, Martin und ich, in der Sonne, aber Martin brachte kein Wort heraus. Und als Andreas wiederkam und nach seiner Stulle griff, verpasste Martin ihm eine knallende Ohrfeige. Weil sich der Junge nach dem Pinkeln nicht die Hände gewaschen hatte, bevor er sein Essen anfasste. Ein Jahr später waren wir geschieden“.
Sie piekt ein paar mit Käse überbackene Zucchini auf ihre Gabel. Es war eins dieser Restaurants, in denen man sich auch leise unterhalten kann. Ganz selbstverständlich hatte Max das Essen und den Wein bestellt und wirklich gut gewählt.
„Andreas war im Hort. Heute wohnt er bei meinen Eltern in Mecklenburg, ich besuche ihn an fast jedem Wochenende. Martin ging nach Dresden. Er hat dort wieder geheiratet.“
Sie legt die Gabel beiseite. „Ich bekam eine untergeordnete, sehr untergeordnete Stelle erst in Oranienburg, dann am Deutschen Museum für Geschichte, schliesslich an der Akademie der Wissenschaften. Ich brauchte noch immer keinen Mercedes, verstehen Sie das ? Ich wollte nicht nach Mallorca, mir reichte das Schwarze Meer. Ich wollte auch nicht in den Westen. Was wäre ich dort denn wohl geworden ? Das, was ich jetzt bin, oder ? Allein erziehend und arbeitslos.“
Da dürfe sie Recht haben, denkt Max.
„Ich bin kein Opfer, keine Märtyrerin, gelitten habe ich nicht. Ich war auch in der Partei, ehrlich gesagt : nicht bloss aus Opportunismus. Das waren meine Leute. Ich mochte sie und mochte sie nicht. Es gab keine anderen. Manche von ihnen waren ziemlich lästig, manche gaben sich unendlich viel Mühe, rackerten sich ab. Und einige, die besten vielleicht, gingen langsam vor die Hunde. Irgendwann hatten sie sich verändert, ohne es zu merken. Irgendwann hatten sie angefangen, sich gegen die Wirklichkeit zu wehren. Sie einfach nicht mehr zur Kenntnis zu nehmen. Flüchteten vor ihrer Angst vor der Wahrheit in Erinnerungen, in Losungen, Phrasen, Illusionen. Brüllten mit ihren Parolen ihre Zweifel nieder oder versuchten es zumindest. Aber ihre Korsetts hielten nicht. Sie wussten doch, wie schnell diese Menschen, die ihnen zujubelten, die ihre Fähnchen schwenkten und „Hoch“ riefen, alles, wirklich alles aufgeben, zurücklassen, verraten würden. Für ein paar Westmark, Discounter-Ramsch und Dosen-Cola. Abend für Abend sassen sie schweigend in ihren Wohnungen und tranken, bis sie an nichts mehr denken mussten. Auch nicht daran, dass sie einmal an die Menschen geglaubt und sich nichts mehr gewünscht hatten als ihnen vertrauen zu können. Ich habe das damals nicht verstanden. Ich habe nicht gemerkt, wie diese Leute verdarben, jeden Tag ein bisschen mehr. Heute weiss ich es.“
Otto und sein Calvados. Vom Feinsten, mindestens zwanzig Jahre alt, fast dunkelbraun und ölig, direkt aus der Normandie, zweimal im Jahr drei Kisten mit sechs Flaschen. Nirwana de luxe, als Vorschuss auf den entwickelten Sozialismus nach Vollendung des dritten Fünfhundert-Jahr-Plans. Aber es ging natürlich genau so gut mit Nordhäuser Doppelkorn aus dem Konsum.
„Für sie war das Ende eine Befreiung. Ich hatte mir nie denken können, wie quälend Hoffnung sein kann. Tag für Tag nach irgend etwas, nach dem kleinsten Zeichen suchen zu müssen, das ihr neue Nahrung geben könnte und nichts zu finden, gar nichts. Als sie beides verloren hatten, ihren Kampf und ihre Hoffnung, waren sie erlöst. Nun tranken die anderen.“
Es war spät geworden, Zeit zu gehen. Max bringt sie nachhause, irgendwo in Pankow. Immerhin fuhr er langsamer als er zu dieser Zeit hätte fahren können.
*
Ach, Susanne, willst Du das wirklich alles wissen ? Wenn ich Deine Legende richtig verstanden habe, sollen Deine Recherchen bestätigen, dass der Sender seine Pflicht erfüllte und mit Berichten und Reportagen aus der DDR das Gefühl für die Einheit der deutschen Nation auch im Westen aufrecht zu erhalten und zu stärken versuchte, dass er aber keineswegs Propaganda für die DDR betrieb und sich vom SED-Regime und seinen Funktionären klar und deutlich distanzierte. Dafür hat man Dir eine Liste mit den Namen, Adressen und Telefonnummern aller Kollegen überlassen, die damals, zwischen 1973 und 1989, als Reisekorrespondenten wie man sie nannte, die DDR besuchten. Nach langen Gesprächen mit den zuständigen Experten und langen Konferenzen in den zuständigen Gremien. In diesem Krieg gab es viele Fronten, nicht immer war deren Verlauf ganz klar. Und weil die Feindseligkeiten noch längst nicht überall schon eingestellt worden sind, bist Du nun an mich geraten.
Ich kann Dich gut leiden. Du hast eine angenehme Stimme und lässige Manieren. Du bist, denke ich, grosszügig und wenn es sein muss, auch barmherzig. Und Du bist klug. Ist es so, dass Deine Art, zuzuhören, mich verführt, so dass ich Dir mehr erzähle als ich wollte und mich während des Erzählens an Leute, Ereignisse, Begebenheiten erinnere, die ich längst vergessen hatte ? Ich denke an die Jahre mit Ludwig, meinem Vater, an seine schlichte Tapferkeit zum Beispiel. Seine Schwäche, seine Kraft und seine Liebe, diese alles, wirklich alles überwältigende Liebe, die er mir schenkte, ohne dass ich sie begreifen konnte. Wirst Du sie verstehen ? Und wirst Du verstehen, was das mit dieser DDR zu tun hat und meinen Reisen nach Dresden oder Cottbus ?
Da lehne ich, gerade 16 Jahre alt, an der Reling der Fähre, die mich von Dänemark quer über die Ostsee nach Warnemünde bringen wird. Wie verabredet, fahre ich ein paar Tage früher nach Berlin, weil ich die letzte Woche der grossen Ferien bei Tante Ida wohnen werde. Dort unten, mitten unter winkenden Touristen, steht Ludwig : klein, nicht besonders schlank, die wässrigen Augen hinter dicken Brillengläsern, in einem Hemd, das die dünnen, blassen Arme zeigt. Unmöglich, wie er sich anzieht. Er schaut nach oben, entdeckt mich und winkt. Aber nur kurz, eher mit der kleinen Hand als mit dem Arm, weil alles andere vielleicht verraten hätte, dass er Abschied nimmt, dass er traurig ist. Und weil er eben nicht will, dass ich es merke.
Aber natürlich habe ich es gemerkt.
Drei Wochen in diesem kleinen Haus ganz in der Nähe des weitläufigen, fast immer leeren Strandes. Morgens holte er Brötchen, die man hier „spanske“ nennt, kochte er Kaffee und für mich ein Ei. Er liess mich schlafen, las seine Zeitung auf der Terrasse, setzte sich zu mir, und sobald ich endlich aufgestanden war, packte er die Tasche mit den Badehosen und den Handtüchern, mit Büchern und Obst. Dann gingen wir zum Strand. Zu Fuss, weil er sich nicht mehr aufs Fahrrad traute. Wir kochten zusammen, kauften ein, spielten Karten und Halma. Und wenn ich mich mit Lys verabredet hatte, dieser niedlichen Dänin aus Kopenhagen, die ein so entzückendes Deutsch sprach, wartete er zwar, bis ich wiederkam, aber ich durfte solange unterwegs sein wie ich wollte.
Nun stand er dort unten. Das Schiff legte ab, der schmale schwarze Wasserstreifen zwischen der Kaimauer und dem weissgestrichenen Schiffsrumpf wurde breiter und breiter. Er winkte noch einmal und ich winkte zurück. Adieu, Ludwig, mein Vater. Nur wenige können sich an den Tag erinnern, an dem sie aufhörten, ein Kind zu sein.
Da lag Dänemark. Hinter dem Leuchtturm begann der Strand, unser Strand. In der Luft waren die Möwen, ein leichter, kühler Wind strich über die See. Das war das Paradies. Seine Pforte hatte sich geschlossen, für immer.
*
Gut. Wir werden diesen Bericht schon hinkriegen. Von der ersten Anfrage einer Redaktion, 1966, gleich nach der Rückkehr aus Paris, bis zum Frühjahr 1990, als eine Schweizer Zeitung diese Reportage von der deutsch-polnischen Grenze haben wollte und mich von Görlitz bis Stettin fahren liess. Wir werden Deinem Bericht die Manuskripte aller Sendungen beifügen und vielleicht wird es ganz sinnvoll sein, in ein paar Fussnoten daran zu erinnern, dass es eine DDR tatsächlich gab und worin sie sich von der BRD oder, meinetwegen, von Dänemark unterschied. Wir werden ihn mal bei Dir schreiben und mal bei mir. Das ist das eine.
Aber dann ist da ja noch das andere, der längere Teil dieser Geschichte. Ich habe nun einmal beschlossen, das Spiel zu spielen, und ich weiss auch, warum.
„Wo soll ich anfangen ?“
„Wo es angefangen hat.“
Als wäre das so einfach. Als ergebe sich das eine immer aus dem anderen. Wer sagt, was war, will sagen, was werden soll. Und umgekehrt. Geschichte nach dem Aschenbrödel-Prinzip. Aber gut. Zurück zu den Wurzeln. Wir sind Nachfolger, Söhne, Enkel, Erben, nichts anderes.
Vielleicht beginnnen wir also mit dieser Szene in einem Saalbau auf der Berliner Fischerinsel. 1926 ? 1927 ? Ich habe mich nie darum gekümmert, aber das würde sich, denke ich, feststellen lassen. Es sind etwa hundert Russen, die sich hier versammelt haben, Emigranten, die zwar den Bolschewismus hassen, aber durchaus nicht wissen, was nach ihrer Rückkehr nach Moskau und St. Petersburg zu geschehen hat. Soll es, sobald das rote Imperium endgültig untergegangen sein wird, wieder einen Zar geben, Fürsten und Grossfürsten, die Herrschaft des Adels und der Kirche ? Eine konstitutionelle Monarchie ? Parlamentarismus nach britischem oder französischem Modell ? Man ist sich in diesen Punkten keineswegs einig und bekämpft sich heftiger als den bösen Feind im fernen Moskau, der denn auch alles tut, damit es zu keiner Verständigung kommt. Emigranten sind Perfektionisten. Ungeduldige, intolerante Leute.
Da wäre freilich noch eine andere Szene, die sich ein paar Tage zuvor auf einer Treppe im Hauptgebäude der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität Unter den Linden abspielt. Eine Studentin, die meinetwegen Sonja oder Olga oder Nathalie oder sonstwie russisch heisst, gerät ins Stolpern und klammert sich in ihrer Angst an den Arm des Kommilitonen, der ihr gerade entgegenkommt. Und hat damit auf gleiche doppelte Weise Glück. Denn erstens ist dieser Kommilitone ein grosser, kräftiger Mann und folglich imstande, sie festzuhalten und vor dem Sturz zu bewahren. Zweitens aber denkt dieser Mann gar nicht daran, Sonja-Olga-Nathalie gleich wieder loszulassen, denn Sonjaundsoweiter ist nun einmal ein richtig schönes Mädchen, und wer ist schon herzlos und undankbar genug, ein Geschenk zurückzuweisen, das einem mit schwarzem Haar, kastanienbraunen Augen und einem strahlenden Lächeln im verlegen geröteten Gesicht so unvermutet in die Arme fällt ?
Sonja studiert. Irgendetwas. In Berlin. Auch dieser Ernst, ihr Retter, studiert. Auch in Berlin. Die Rechtswissenschaften und Nationalökonomie. Und ist so gross, so blond, so kräftig, so charmant, dass Sonjas Statik nicht nur auf der Treppe versagt. Nicht, dass wir ihren jähen Fehltritt dem Walten der Vorsehung, den Mächten des Schicksals oder nun gar einem direkten Eingriff des lieben Gottes zuschreiben wollen. Fügen wir also nur hinzu, mit aller gebotenen Diskretion, versteht sich, dass zwischen dem verträumtem Glanz in den Augen, mit dem Sonjaundsoweiter am Abend, ein paar Stunden nach diesem Vorfall auf der Treppe der Friedrich-Wilhelm-Universität, in ihr Elternhaus zurückkehrt und dem, was sich während dieser Stunden in einer Wohnung in der nahen Schlegelstrasse ereignete, ein offensichtlich herzerfrischender Zusammenhang besteht. So ist das Leben. Genauer gesagt : So kann es sein.
Doch nun Sonjas Vater. Freiherr, Baron, Graf, Fürst, Grossfürst am Ende. Legitimer Eigentümer unendlicher, unermesslicher Ländereien an den Ufern der Wolga, des Don oder Dnjepr, rechtmässiger Gebieter eines nach tausenden zählenden Gesindes und womöglich einer der Erfinder der schönen Sitte, Champagner aus dem Schuhwerk der Damen zu schlürfen. Ein hochgewachsener Herr, schlank, gerade, mit blitzenden Augen unter buschigen Brauen, ein Herr vom Scheitel seines grauen Haares bis zu den Sohlen seiner halbhohen Stiefel. Flüchtling, Exilant, Asylant indessen auch er und nur des rechtzeitig und klug befolgten Rats nun nicht mehr ganz so tief verachteter Judenbankiers wegen noch immer recht wohlhabend und stellvertretender Hauptmann der Vereinigung der Ritter des Heiligen St.Georg, einer antibolschewistischen Massenorganisation von dreissig, fünfunddreissig Mitgliedern überall im Deutschen Reich. Auch er nimmt teil an dieser Versammlung auf der Fischerinsel, bei der es, laut Ankündigung, um die Verabschiedung eines Manifestes gehen soll, das in Russland ganz zweifellos sofort einen Volksaufstand gegen das teuflische Sowjetregime und damit die Restauration der Zaren-Herrschaft auslösen wird.
