Ein Dirigent mit Lampenfieber - Arnold Bonaker - E-Book

Ein Dirigent mit Lampenfieber E-Book

Arnold Bonaker

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Beschreibung

"Ich lebe für die Musik", dessen ist sich Vincent van Delft, Dirigent und Familienvater sicher. In seiner großen Familie findet er Liebe und Rückhalt. Seine Karriere bereitet ihm Freude und lässt seine Leidenschaft für Musik immer wieder aufs Neue entflammen. Doch als er sich mit seinem Orchester auf der ersten, großen Tournee durch Europa mit neuen Herausforderungen konfrontiert sieht, gerät sein Leben ins Wanken. Die Bühne, auf welcher sich Vincent sein ganzes Leben lang so zuhause fühlte, wird zum Austragungsort seines bisher schwierigsten Stückes. In einem Balanceakt, zwischen Schicksal und Glück, macht sich der Dirigent auf die Suche nach Antworten auf die großen Fragen des Lebens.

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Seitenzahl: 170

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

Impressum 2

Vorwort 3

Zusammenfassung 4

Tournee durch Europa 5

1 Aufführung in der Scala in Mailand am 21. März; Edvard Grieg und Beethoven, Messe in C 9

2 Aufführung in der neuen Pariser Philharmonie am Samstag, den 28. März; Mozart, Requiem 15

3 Aufführung in dem Concertgebouw in Amsterdam am Donnerstag, den 2. April 21

4 Aufführung in der Berliner Philharmonie am Dienstag, den 14. April; Requiem in C von Cherubini 24

5 Aufführung in der Sala Koncertowa in Warschau am Dienstag, den 14. April; 29

6 Aufführung in der Großen Gilde in Riga am 19. April, Mozart, Requiem 33

7 Aufführung in der modernen Sarjade in Moskau am 26. April; Cherubini, Requiem in C 37

Die Gartenfeier 41

Aufführung in der Sacré-Cuœr am 25 Mai, Messe in C-Moll von Robert Schumann 51

Hochzeit von Petra und Bernhard am 17 Juli 52

Proben für die Messe in C-Moll von Robert Schumann 80

Aufführung der Messe in c-moll von Robert Schumann am 15. August in der Pfarrkirche Saint-Paul Saint Lois 81

Daniel und Friederike 83

Schwangerschaft, Geburt und Taufe 88

Aufführung des Weihnachtsoratoriums in der Pfarrkirche Saint-Paul Saint Lois am 19. Dezember 94

Weihnachten 96

Familienneuigkeiten 98

Tournee durch Frankreich 100

75. Geburtstag meines Vaters 107

75. Geburtstag meiner Mutter 109

Die Begegnung mit einem Pferd 111

Bootsfahrt auf der Seine mit Tanzmusik 123

Die Beerdigung meines Vaters 125

Schlusswort 129

Leseprobe 130

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2021 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99107-519-6

ISBN e-book: 978-3-99107-520-2

Lektorat: Anna Skalsky

Umschlagfotos: pixabay.com, Miceking | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum Verlag

www.novumverlag.com

Vorwort

Eines Morgens hatte ich die Idee, ein Buch über Musik zu schreiben. „Musik ist mein Leben“ sollte es heißen. Am Abend vorher hörte ich ein Video mit harmonischer Musik: Gitarre, Harmonium und meditativem Gesang von einer Frau und einem Mann. Das muss mich so bewegt haben, dass ich über Nacht den Wunsch entwickelte, schriftstellerisch tätig zu werden.

„Musik ist mein Leben“ gab es schon als Buchtitel, so wählte ich „Ein Dirigent mit Lampenfieber“.

Natürlich gibt es schon genügend Bücher, aber nicht dieses von mir.

Mein Dank gilt meiner Partnerin Ingrid und meinen Töchtern Sophie und Alva. Sie haben Korrektur gelesen.

Einen herzlichen Dank spreche ich auch meiner Lektorin Anna Skalsky aus.

Zusammenfassung

Ein Dirigent mit Lampenfieber plant eine Europatournee mit seinem Orchester und seinem großen Chor von Mailand über Paris, Amsterdam, Berlin, Warschau, und Riga nach Moskau. Er möchte berühmt werden.

Er sagt zu sich:

An meinem Lebensende möchte ich nicht denken, hätte ich doch das Leben mehr genossen. Ich möchte das Leben mit all meinen Sinnen und Fasern auskosten, denn ich bin jung, vierzig Jahre, das ist kein Alter, und möchte viel erleben, Alles, was möglich ist, musizieren, dirigieren, eine harmonische Familie haben und noch viel mehr. Geld spielt eine untergeordnete Rolle.

Ich lebe für die Musik, heiße Vincent van Delft, bin gebürtiger Holländer und wohne in Paris in der Rue La Fayette zwischen der Opera und dem Parc des Buttes-Chaumont.

Vor 18 Jahren habe ich meine Frau Chantal geheiratet. Wir leben glücklich mit unserer 17-jährigen Tochter Petra und unserem 15-jährigen Sohn Daniel. Beide gehen in eine Waldorfschule. Daniel spielt Cello und Petra spielt mit ihrer Querflöte in unserem Orchester. Sie hat einen Freund, der in dem Orchester den Kontrabass spielt.

Tournee durch Europa

21. März, Samstag, in der Mailänder Scala Grieg; Beethoven, Messe in C28. März, Samstag, in der Pariser Philharmonie Mozart, Requiem02. April, Donnerstag, in dem Conzertgebouw in Amsterdam Haydn, die Schöpfung07. April, Dienstag, in der Berliner Philharmonie Cherubini, Requiem in C14. April, Dienstag, in der Sala Concertowa in Warschau Grieg; Beethoven, Messe in C19. April, Sonntag, in der Großen Gilde in Riga Mozart, Requiem26. Mai, Sonntag, in der modernen Sarjade in Moskau Cherubini, Requiem in C

Am 21. März ist unser erster Auftritt in der Mailänder Scala, in diesem wunderschönen Raum. Dort haben wir noch nie gespielt. Bin ich nicht etwas größenwahnsinnig? Aber, jetzt ist unsereTournee fest geplant. Ehrlich gesagt: ich habe Bammel vor soviel Publikum und soviel Aufmerksamkeit. Warum eigentlich?

In der Mailänder Scala wollen wir die Peer Gynt, Suite No.1, Op. 46 von Edvard Grieg spielen und von Beethoven die Messe in C.Dur für Soli, Chor, Orchester und Orgel, op. 86. Die Peer Gynt Suite müssen wir noch mit dem Orchester und dem Chor proben, bis es einwandfrei klingt. Es sinddoch noch zwei Wochen bis zum Tournee-Beginn.

Heute ist erst der 7. März. Ich muss mich ein wenig beruhigen, sonst wird es wieder so eine Blamage wie im letzten Herbst, als wir dieBerliner Messevon Arvo Pärt in der Großen Gilde in Riga gespielt haben. Der Saal war voll. Das „Kyrie“ haben wir gut gespielt. Doch als ich den Taktstock für das „Gloria“ hob, wurde mir ganz anders. Mein steifer Kragen war mir zu eng, so als wenn ich nicht genügend Luft bekomme. Ich musste den Taktstock sinken lassen und konnte mich gerade noch auf den Beinen halten und die Bühne verlassen.

Das Konzert musste abgebrochen werden. Um die Entschädigung für die Gäste wegen des Konzertabbruchs musste ich mich nicht kümmern. Das machte meine Agentur. Meine Frau brachte mich damals gleich zur Notaufnahme ins nahe gelegenen Krankenhaus. Ich bekam Spritzen, erholte mich und konnte auch bald nach Hause. Chantal, meine Frau, redete auf mich ein, erst einmal keine Konzerte mehr zu geben. Auch meine Kinder waren der gleichen Meinung. Ich aber konnte doch nicht aufhören Musik zu machen, zu dirigieren. Ich musste weiter machen,

Musik ist mein Leben.

Also plante ich mit meinem Manager diese Europatournee. Um die Fahrten von Stadt zu Stadt musste ich mich zum Glück auch nicht kümmern. Wir werden mit dem Zug fahren, 1. Klasse mit Platzreservierungen. Das beruhigt mich.

Mein Arzt, den ich drei Tage später konsultierte, weiß, dass ich unter Lampenfieber leide. Er besänftigte mich, in dem er mir sagte, keine Medikamente zu nehmen, lieber Yoga zu machen, kleine Spaziergänge in der Natur zu unternehmen, allein, oder mit meiner Frau. Er meinte, ich könnte meine Tournee machen wie geplant, soll aber nicht immer in die Zukunft abschweifen, sondern im Hier und Jetzt sein. Ich sollte meine Stücke gut proben, nicht gleich an die Zuschauer denken und daran, wie es wohl in der jeweiligen Stadt ankommt und wie die Kritik hinterher in den Zeitungen steht.

Ich versuchte, den Rat meines Arztes zu befolgen und machte mit den Proben an der Peer Gynt Suite weiter, mit dem Orchester und mit dem Chor. Stücke von Edvard Grieg zu spielen heißt, sensibel für seine leisen Töne und für die Dramatik zu sein. Ich war zufrieden mit unseren Fortschritten. Die Musiker harmonierten gut miteinander. Es gab keine großen Streitigkeiten, höchstens mal eine kleine Meinungsverschiedenheit, die ich, wenn ich sie mitbekam, in einem kurzen 6-Augen-Gespräch schlichten konnte. Und doch passierte es mir ab und zu, dass ich bei der Probe an unsere dritte Konzertstation dachte, an die schöne niederländische Philharmonie in Amsterdam. In den Niederlanden nennt man sie Concertgebouw. Dort wollen wir „Die Schöpfung“ von Joseph Haydn spielen.

Ob meine Musiker und Sänger es wohl merken, wenn ich mit meinen Gedanken beim Dirigieren abschweife? Bisher hat noch niemand etwas gesagt. Während des Probens dachte ich, wir könntenauch in jeder der Städte das gleiche Programm spielen, aber ich habe den Anspruch, das Programm an die Gegebenheiten der jeweiligen Stadt anzupassen. Alle sieben Konzertsäle sind schon gebucht und die Plakate sind auch schon in Arbeit.

Mit einem Mal merkte ich, dass ich beim Dirigieren mit meinen Gedanken in der Zukunft und nicht bei der Sache war, und musste jetzt mit der Probe aufhören. Ich erklärte es den Musikern so, dass wir die Suite schon nahezu perfekt können, und dass wir in drei Tagen mit den Proben für die Messe in C-Dur von Beethoven für Soli, Chor, Orchester und Orgel op. 86 beginnen werden, und zwar zunächst nur mit dem Chor. Zum Glück fragte keiner weiter nach, und alle packten ihre Noten ein. In Wirklichkeit war ich etwas erschrocken über mein erneutes Abschweifen bei der Arbeit.

Auf dem nach Hause-Weg kam mir der Gedanke, dass wir vor dem Auftritt in der Berliner Philharmonie am 14. April gemeinsam einen Spaziergang im Tiergarten machen sollten. Dann fiel mir ein, was mein Arzt mir geraten hatte: Yoga. Also begann ich mit einem Yogakurs, einmal in der Woche.

Von Berufskollegen hatte ich gehört, dass sie während des Dirigierens mitsingen, manchmal laut, manchmal leise oder stimmlos. Ich hatte schon lange nicht mehr gesungen. Bei der nächsten Chor-Probe für die Messe von Beethoven werde ich mitsingen. Das wird mir helfen, ganz und gar in der Gegenwart zu sein.

Unsere Chor-Proben sind normalerweise an den Dienstag Abenden um 19 Uhr. An diesem Abend fing ich nach dem Einsingen mit allen Singstimmen an, das Kyrie zu proben. Die Solisten waren noch nicht dabei. Ich sang innerlich mit. Es hat mir so eine Freude gemacht, wie schon lange nicht mehr. Dann das Gloria, das Credo, Sanctus, Benedictus und das Agnus Dei. Wir machten eine kurze Pause und sangen dann das ganze Werk im Stehen. Ich war zufrieden, die Sänger auch. Mit dem Orchester mussten wir in einer Kirche proben, weil zu der Besetzung des Stückes eine Orgel gehört.

1 Aufführung in der Scala in Mailand am 21. März; Edvard Grieg und Beethoven, Messe in C

Am Freitag, den 20. fuhren wir morgens mit dem Zug nach Mailand. Den Transport der Instrumente übernahm eine Spezialfirma. Dort angekommen, haben wir unser Hotel bezogen und sind dann zu einem kleinen Besuch in der Viktor-Emanuel-Galerie gestartet.

Mein Vater ist Architekt, und so habe ich ein Interesse an besonderen Bauten entwickelt.

Wo sollten wir die Generalprobe machen? Ich entschied mich für den Aufführungsort, die Scala in Mailand. Am Vormittag des 21. März. Vorher lasse ich immer eine Stellprobe machen. Um 19 Uhr ist Aufführungsbeginn.

Wir waren alle zwei Stunden früher da. Ich betrachtete den großen, imposanten Raum. War ich aufgeregt? Ja, ein bisschen. Hatte ich Lampenfieber? Auch ein wenig. Aber ich war zuversichtlich, dass alles gut laufen würde, weil unsere Generalprobe schon so gut war. Ich setzte mich auf einem der Besucherplätze und versuchte, mich in einen Zuhörer hineinzuversetzen. Nun ist es endlich so weit. Wir, der Chor und das Orchester, sind im Künstleraufenthaltsraum versammelt. Ich richte noch ein paar Worte an alle. Es ist wie eine stille Meditation.

Ich weiß, dass meine Frau mit unseren Kindern in der 7. Reihe im Parkett sitzt.

Zwischen dem ersten und dem zweiten Werk wird es eine Pause geben. Die Sänger und Sängerinnen gehen erst zum zweiten Stück auf die Bühne.

Die Spieler des Orchesters betreten die Bühne. Es gibt Applaus. Er beflügelt meine Stimmung. Nun gehe ich auf die Bühne. Der Zuspruch des Publikums nimmt zu. Ich verbeuge mich und gebe ein Zeichen zum Hinsetzen. Noch ein letztes Stimmen der Instrumente, und es herrscht eine totale Ruhe. Ich sammle mich, öffne den obersten Knopf meines Hemdes, damit ich keine Atemnot bekommen werde. Das Orchester beginnt auf mein Zeichen zu spielen. Es ist wunderbar. Ich bin im Fluss, fühle mich in meiner Rolle sehr wohl.

Wir spielen den ersten Teil:Morning. Alles läuft gut. Dann den zweiten TeilAse’s Death, den dritten TeilAnitra’s Danceund den viertenIn the Hall of the Mountain King. Am besten gefällt mir der erste Teil:Morning“ wie sie sich in ihrer Lebendigkeit steigert und dann wieder etwas ruhiger und beschaulicher wird.

Der letzte Ton ist gespielt. Es herrscht noch eine verhaltene Stille, bis das Publikum mit ihrem lautstarken Applaus zeigt, dass es sehr zufrieden ist. Ich bin es auch. Ich verbeuge mich, gebe dann Zeichen für die Spieler, sich zu verbeugen. Wir verlassen geordnet die Bühne und gehen in den Pausenraum.

Die Pause ist vorbei und wir betreten erneut die Bühne, um die Messe in C-Dur von Beethoven zu Spielen. Nach meinem Erfolg mit dem ersten Stück bin ich zuversichtlich, dass ich jetzt genauso konzentriert sein werde. So ist es.

Wir spielen dasKyrie, ich singe innerlich mit. Dann dasGloria, dasCredo, dasSanctus, dasBenedictusund dasAgnus Dei. Es ist geschafft. Ich bin erleichtert. Dass Publikum zeigt uns, dass wir eine großartige Leistung vollbracht haben. Die Solisten und ich verlassen die Bühne, um dann erneut zu erscheinen. Wir bekommen Blumensträuße gereicht. Der Applaus will nicht enden. Nun wird es langsam ruhiger im Saal und die ersten Besucher verlassen ihre Plätze. Ich sammle mein Orchester, meinen Chor und die Solisten in unserem Pausenraum noch zu einem Abschlussgespräch zusammen, in dem ich ihnen allen für die hervorragende Leistung danke.

Mit meiner Frau und unseren Kindern gehen wir zum Essen in ein Restaurant, in dem ich einen Tisch für fünf Personen reservieren ließ. Vorher ziehe ich mich noch um. Im Restaurant angekommen, schenke ich meiner Frau die Blumen. Sie freut sich genauso wie ich, dass ich nun einen großen Erfolg errungen habe. Während des Essens fragt meine Frau mich, warum meine Eltern nicht zur Aufführung kamen.

Mein Vater interessiert sich für Musik und auch für mich, aber seit etwa zwei Wochen hat er Probleme mit seinem Herzen. Diese lange Fahrt nach Mailand und dann die Aufregung, ob sein Sohn die Nerven behalten wird. Sein Arzt hat ihm von der Reise abgeraten. Aber zur Aufführung in die Pariser Philharmonie will er kommen.

„Jetzt sollten wir zur Feier des Tages einen Sekt trinken“ sage ich.

„Für mich nicht“ sagt Petra, „weil ich schwanger bin.“

„Aha“ entfährt es mir. Ich weiß nicht, was ich sagen soll.

„Freut ihr euch darüber?“ frage ich schließlich.

„Ja, wir freuen uns beide. Wir haben es nicht zu diesem Zeitpunkt geplant, aber jetzt ist es gut.“

„Im wievielten Monat bist Du? Man sieht noch gar nichts.“

„Im Dritten.“

Ich bestelle Sekt für meine Frau, für Bernhard und mich. Für Petra und Daniel bestelle ich stilles Wasser.

„Ein paar Monate wirst du noch spielen können, Petra. Aber ab September dann nicht mehr. Dann werde ich mir eine Ersatz-Flötistin suchen. Das werdende Kind wird sich bestimmt gut in deinem Bauch entwickeln, bei soviel guter Musik.“

„Ja bestimmt.“

Unsere Getränke kommen und wir stoßen zu fünft an:

„Auf unseren Erfolg und auf deine Schwangerschaft.“

Wir übernachten in einem Hotel und fahren am nächsten Morgen nach Hause. Am Bahnhof kaufe ich zwei Zeitungen. Ich will sehen, wie unsere Aufführung in der Öffentlichkeit dargestellt wird und kaufe dieCorriere della Seraund dieLa Republica. Im Zug kann meine Frau mir daraus vorlesen. Sie hat Italienisch als Fremdsprache in der Schule gehabt und ist sprachbegabt. Meine Frau sitzt mir gegenüber und blättert im Feuilleton herum. ImCorriere della Seraist eine Spalte über den gestrigen Abend in derScala.

„Na, was steht da?“ frage ich.

Sie liest vor. Die Kinder hören auch mit. Die anderen Reisenden in dem Großraum interessieren mich nicht. Meinetwegen können sie es auch mithören. Außerdem kann es ja jeder in den Zeitungen lesen. Sie ließt und übersetzt spontan ins Deutsche:

„Gestern Abend hatte es sich gelohnt, einmal in dieScalazu gehen. DasOrchestre Lamoureuxunter Leitung von Vincent van Delft gastierte dort. Der Saal war bis auf den letzten Platz ausverkauft. Pünktlich um 19 Uhr wurden zu Beginn die Suite No. 1, Op. 46 von Edvard Grieg gespielt, und zwar die Teile 4 bis 7 aus „Peer Gynt“. Der Dirigent hat es verstanden, die sanften, melodischen Sequenzen mit seinem Orchester den Zuhörern so zu präsentieren, dass es ein Ohrenschmaus war. Entsprechend war der Applaus am Ende des Stückes. Nach der Pause hat das Orchester mit demChoeur classiquedie Messe in C-Dur von Beethoven gespielt. Alle sechs Teile dieser Messe, vomKyriebis zumAgnus Deiwurden so gespielt, dass man als Zuhörer nichtsanderes konnte, als es zu genießen. Auch hier hat das Publikum nicht mit dem Applaus gespart. Alles in allem war es ein gelungener Abend“.

„Also mein Schatz, du kannst zufrieden sein.“

„Das bin ich auch.“

„Und was steht in derLa Republica?“

„Ach, jetzt nicht, jetzt möchte es erst mal genießen, was du mir vorgelesen hast. Später kannst du mir das Andere vorlesen“.

Nun sind es noch drei Tage bis zur nächsten Aufführung in Paris. Dort steht das Requiem von Mozart auf dem Programm, KV 626. Das haben wir natürlich fest in unserem Repertoir.

Es sind noch sechs Tage bis zur Aufführung am 28. März. Hierfür habe ich Proben am Dienstag und am Donnerstag angesetzt. Es sollen immer freie Tage für alle Beteiligten sein, damit keiner sein Privatleben vernachlässigen muss.

Am Dienstag wird zunächst über unseren Auftritt gesprochen. Einige berichten aus ihrem Freundeskreis, die unsere Aufführung erlebt haben, sie wären sehr angetan von der Musik, die wir gespielt haben. Ein Chormitglied hat ein Video mitgebracht, die ein Freund aufgenommen hat. Ich schlage vor, nach der Probe im Lokal das Video herumzureichen. Alle sind einverstanden. Nach dem Einsingen beginne ich mit dem letzten Teil. VIII. Lux aeterna. Einige unterhalten sich, was mich stört, so dass ich um Ruhe bitten muss. Meine Autorität soll nicht untergraben werden.

Die Bass- und Tenor-Stimmen beginnen. Die Altistinnen folgen nach zwei Viertelnoten. Bei Takt neun beginnen die Sopranistinnen. Es klingt wunderbar. Nun singen wir die anderen sieben Teile auch noch. DasOffertoriummitDomine JesuundHostiaslasse ich im Stehen singen. Beim gemütlichen Beisamensein in unserem Stammlokal verkündige ich, dass am kommenden Donnerstag die vier Solisten dabei sein werden.

Es ist der 26. März und ich freue mich, dass unsere Vorbereitungen so gut laufen. Einen Tag vorher, also am Mittwoch, bekomme ich abends einen Anruf von dem Tenor-Solisten. Er sagt, er könne nicht am Donnerstag zur Probe kommen. Er hat sich erkältet. Ich höre es an seiner Stimme. Ach du meine Güte, denke ich. Ich wünsche ihm gute Besserung und beende das Telefonat. Woher bekomme ich so schnell einen Ersatz? Das macht mich ein wenig nervös. Ich erzähle es Chantal, die mich gleich mit ihrer gütigen Art beruhigt. Sie will sich um einen Ersatz-Sänger kümmern. Wie gut, mir ist jetzt schon leichter ums Herz.

Am nächsten Tag, dem Freitag Mittag ruft sie mich an. Ich bin gerade mit dem Auto am Stadtrand von Paris unterwegs, fahre an den Straßenrand und halte an. Sie erzählt mir stolz, dass sie einen Tenor-Sänger ausfindig gemacht hat. Er sei Solist und hat schon bei einigen Aufführungen gesungen. Er heißt Theo Abelen. Ich notiere mir seine Telefonnummer und bedanke mich bei meiner Frau. Als ich wieder zu Hause bin, rufe ich ihn an. Er verspricht mir, in zwei Stunden bei mir zu sein. Er hält sein Wort und wir besprechen alles, was nötig ist.

Am Freitag Abend, den 28. März, ein Tag vor unserer Aufführung in der Pariser Philharmonie, haben wir unsere Generalprobe. Ein paar Zuhörer sitzen in der ersten bis dritten Reihe. Wir spielen das ganze Requiem durch und tun so, als wäre es eine Aufführung. Der eingewechselte Tenor-Sänger macht seinen Part sehr gut. Ich bin zufrieden. Alle sind zufrieden. Die Zuhörer spenden sogar Applaus. Es ist Balsam für meine Seele.

Ich bitte alle Spieler und Sänger, am nächsten Tag um 17,30 Uhr da zu sein. Zu Hause fragt meine Frau mich, wie die Generalprobe war.

„Es war zu meiner vollen Zufriedenheit,“ sage ich.

„Na dann kann ja nichts mehr schief gehen,“ meint sie mit einem Lächeln.

2 Aufführung in der neuen Pariser Philharmonie am Samstag, den 28. März; Mozart, Requiem

Der Saal in dieser schönen Philharmonie ist auch ausverkauft. Dieses mal wird es keine Pause geben. Mein Vater sagte mir, er wird mit Mama in der dritten Reihe sitzen. Beide haben CDs von einigen unserer Aufführungen zu Hause und hören sie ab und zu.

Bei manchen unserer Auftritte werden Aufnahmen gemacht, die dann bei den Vorstellungen im Foyer angeboten werden.Wir beginnen pünktlich mit dem Requiem. Ich bin sehr entspannt.

Während des zweiten Stücks, dem Kyrie, entsteht eine Unruhe in den vorderen Reihen des Publikums. Ich lasse weiter spielen, bis jemand ruft:

Wir brauchen einen Arzt!“

Ich breche mit dem Dirigieren ab, gehe von der Bühne zu dem Mann, der von zwei anderen Männern gehalten wird. Nun erkenne ich meinen Vater, er ist bleich im Gesicht.

„Papa“ sage ich.