Ein Ehemann ist besser als keiner - Frédérique Hébrard - E-Book

Ein Ehemann ist besser als keiner E-Book

Frédérique Hébrard

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Beschreibung

Ludovique, schöne und charmante Frau des berühmten Dirigenten, hat es satt, auch im Urlaub die Ganztagshausfrau zu spielen. Sie nimmt Ferien von der Ehe und dem sympathischen Chaos der Familie. Ein turbulenter Roman von französischer Heiterkeit und zugleich eine Liebeserklärung an die Provence.

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EPUB

Seitenzahl: 296

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Frédérique Hébrard

Ein Ehemann ist besser als keiner

Aus dem Französischen von Brigitte Schenker

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Ludovique, schöne und charmante Frau des berühmten Dirigenten, hat es satt, auch im Urlaub die Ganztagshausfrau zu spielen. Sie nimmt Ferien von der Ehe und dem sympathischen Chaos der Familie. Ein turbulenter Roman von französischer Heiterkeit und zugleich eine Liebeserklärung an die Provence.

Über Frédérique Hébrard

Frédérique Hébrard, geboren 1927, ist eine französische Autorin und Schauspielerin.

Inhaltsübersicht

Für meinen Mann – ...Concepcion und ich ...Fanny war abgereist!Ich stellte die ...Seit einiger Zeit ...«Mein Gott! So ...

Für meinen Mann – den ich auch lieben würde, wenn er nicht mein Mann wäre

Concepcion und ich waren um 4 Uhr aufgestanden. Die morgendliche Frische des heraufziehenden Tages verlieh der Luft über Paris eine trügerische Reinheit.

Die Sonne würde erst um 4 Uhr 59 aufgehen.

Und die Männer würden erst sehr viel später aufstehen.

Es war der 9. Juli, und wir fuhren in die Ferien nach Foncaude.

Der 2CV jagte durch den Morgen wie ein Füllen über eine Lichtung. Es war noch wenig Verkehr auf der Autobahn nach Süden. Wir hatten gut daran getan, so früh aufzubrechen.

Frankreich schlug seine grünen Lider auf, schüttelte seine Weizenröcke und trillerte seine Freude mit tausend Lerchenstimmen in einen klaren Himmel mit hübschen kleinen Wolken, die das Blau noch blauer machten.

«Wie schön, der Morgen», sagte Concepcion.

Concepcion muß man gesehen haben, wenn man glauben will, daß es sie gibt.

Vor fünf Jahren kam sie nach Foncaude, mit dem Bus aus Perpignan, ein Häufchen Elend und schwanger bis zu ihren Samtaugen. Und so kam es, daß Ignacio und sie mehr oder weniger gleichzeitig bei uns einzogen. Ignacio ist ihr Sohn, gezeugt von einem Vater, über den man nichts weiß. Das stört uns nicht. Da er immer bei uns gelebt hat, nennt er – wie unsere Jungen – Jean «Papa». Unsere Freunde finden das anscheinend peinlich. Sie wissen ganz genau, daß es nicht stimmt. Trotzdem, sie sagen, es mache sie verlegen. Der arme Kleine! Man kann ihm doch nicht alles vorenthalten unter dem Vorwand, daß ihm das Wesentliche fehlt.

Concepcion ist von atemberaubender Schönheit. Auch das scheint Anlaß zu peinlicher Verlegenheit zu sein. Was uns angeht, wir sind daran gewöhnt, aber wenn wir Gäste haben und Concepcion das Soufflé herumreicht, starren sie das Mädchen wie hypnotisiert an und sehen erst wieder verwirrt auf ihren Teller, wenn das Soufflé zusammengefallen ist. Das ist nicht verwunderlich, denn sie trägt Sommer wie Winter nichts unter der Bluse, ist klein, zierlich und wohlproportioniert und hat die Hautfarbe der Mädchen, die an den Ufern des Mittelmeers zwischen Orangen- und Olivenhainen aufgewachsen sind. Aber Schönheit ist doch keine Sünde, soviel ich weiß. Und drei kräftige Männer, mit der Peitsche angetrieben, würden in einer ganzen Woche nicht das bewältigen, was sie an einem einzigen Nachmittag schafft – zu der Melodie: «Ich bin der Prinz deiner Träume! Ich werde dich lieben Tag und Nacht …»

Liebe Concepcion, du magst uns und wir mögen dich.

Heute morgen sind wir beide glücklich. Unsere Ferien haben begonnen! Unsere Ferien, die wir nach einem genau ausgetüftelten Plan zusammen verbringen werden.

Unsere Ferien!

Der 2CV rollt in die Freiheit, in einem Verkehrsstrom, der im Radio gerade als flüssig bezeichnet wird.

Der 2CV ist bis oben hin vollgestopft mit Koffern, Körben, Taschen, ungeschickt verknoteten Paketen und Kartons. Ein richtiges Gammlergefährt. Auf dem Rücksitz lecken sich Ignacio und Octave, der Hund, gegenseitig zärtlich das Gesicht. Pfoten und Hände klatschen zum fröhlichen Exodus.

Der 2CV macht Tempo, den Schnabel schief im Wind.

Ja, er reizt schon zum Lachen, mein 2CV, seit er einmal ziemlich unsanft mit einem Bordstein Bekanntschaft gemacht hat. Es hat ihm die linke Lippe hochgezogen, glücklicherweise ohne etwas an den wesentlichen Organen zu verletzen. Und wie sagt doch Jean: «Hauptsache, er fährt …»

Jean ist mein Mann.

Er schlief noch tief um 4 Uhr, als wir uns fertig machten. Aber als ich mich über ihn beugte, um ihn zu küssen, fand er doch die Kraft, zu sagen:

«Ich fahre mit dir in die Ferien!»

Er war warm wie ein Brot im Backofen. Ich hätte tausend Jahre zusammengekugelt in dieser Wärme verbringen mögen … Was für ein Mut, jetzt aufzubrechen.

Und ein bißchen Angst hatte ich auch …

Gestern abend hatten wir alles geplant und vorbereitet und die letzten Ratschläge gegeben. Es ist immer ein bißchen aufreibend, Männer sich selbst zu überlassen … Man sagt ihnen, sie sollen nicht vergessen, den Zähler abzustellen, den Fernseher auszuschalten, beim Weggehen die Tür abzuschließen, die Tür des Kühlschranks hingegen offenzulassen, und sie sehen einen dabei mit einem Gesichtsausdruck an, der Anlaß gibt zur Sorge. Erstens hören sie nicht zu und zweitens verstehen sie nichts. Allerdings muß ich zugeben, daß ich in den Augen meiner Söhne manchmal einen flüchtigen Funken von Interesse wahrgenommen habe, was darauf hinzuweisen scheint, daß das Geschlecht sich bessert.

Das Geschlecht der Männer.

Was das Geschlecht der Frauen angeht, frage ich mich wirklich, was daran noch verbessert werden könnte.

Nein, ich brauche mir keine Sorgen zu machen. Madame Charles, die Concierge, hat ein saftiges Trinkgeld bekommen, damit sie überall nach dem Rechten sieht, wenn sie weg sind. Wir werden bei unserer Rückkehr weder eine Feuersbrunst noch eine Überschwemmung vorfinden …

Nicht, daß ich mißtrauisch bin, aber ich denke nach.

Nein, ich glaube, ich brauche mir keine Sorgen zu machen …

Und außerdem – ich hatte zwischen zwei Risiken zu wählen: entweder das Haus selbst abschließen oder in Foncaude alles vorbereiten. Es war richtig, vor ihnen aufzubrechen. Ich hoffe nur, daß ich früh genug abgefahren bin. Die Ente ist kein Meteor, für Jeans Mercedes wäre sie eine leichte Beute …

«Ique», sagt Ignacio, während er zart mit seiner kleinen, schon jetzt schmutzigen Hand über mein Gesicht streicht. «Ique, wann sind wir da?»

«Oh, fang nicht schon wieder an», sagt seine Mutter.

Plötzlich weint er. Im Rückspiegel sehe ich Tränen, dick wie Erbsen, über seine Backen kullern.

«Ich war es nicht», schluchzt er, «Octave wollte es wissen!»

Octave bestätigt es, indem er mir mit der Zunge übers Ohr fährt.

«Du wirst sehen!» droht Concepcion, die nur über diese Formulierung verfügt, um ihrem Sohn ein Bilderbuch, ein Himbeerbonbon oder eine Ohrfeige anzukündigen.

Ignacio heult, Octave winselt und Concepcion ärgert sich: «Sei brav! Jetzt sind Ferien!»

«Ich will keine Ferien!»

Ignacio ist nicht immer umgänglich, aber er hat Charme und ist erfinderisch. Außerdem stehe ich bei ihm in einer Schuld, die noch lange nicht abgetragen ist. Er hat mich von einem Fluch befreit, der über meiner Kindheit lastete.

Von dem Fluch meines Vornamens.

Dazu muß ich sagen, daß ich auf einem Boden und in einer Familie geboren bin, wo man die römische Besetzung noch nicht vergessen hat. Wir sind Leute aus der Provincia. Wir haben uns nie davon losgesagt und – wenn Sie meine Meinung wissen wollen – wir werden uns auch nie davon lossagen. Die Namen Antonin und Jules sind in den Registern der Standesämter unserer Städte und Dörfer über Gebühr vertreten. Und wenn der Name Vespasien wieder aus der Mode ist, wird man getrost auf César oder Marius zurückgreifen. Meine Großeltern gingen noch weiter. Sie gaben ihrem Sohn den Namen Théodore. Und mein Patenonkel, sein geliebter Schulfreund vom Gymnasium in Nîmes, der, der später, 1949, Admiral werden sollte, heißt Aurélien. Sie werden verstehen, daß es meinen Eltern unter diesen Bedingungen schwergefallen wäre, mich auf einen Allerweltsnamen wie Ginette oder Maryvonne zu taufen.

Meine Kindheit war ein Leidensweg. Besonders an jedem 1. Oktober, wenn das neue Schuljahr begann. Vor diesem Tag ängstigte ich mich besonders, weil ich dann immer das Gelächter meiner Lehrer und Schulkameraden ertragen mußte, wenn mein Vorname bekannt wurde.

Ludovique.

«Das macht sich gut, in Marmor gehauen», sagte mein Patenonkel.

«Vergiß nie, daß du von einer Quelle stammst», sagte mein Vater.

Sie nahmen mich bei der Hand und führten mich zum Trinken. Denn es ist wahr, wir stammen von einer Quelle.

Fons Calda, Fontaine Chaude, Foncaude.

Ein dunkelgrüner Strauß inmitten der Trockenheit der Heide, das ist unser Brunnen. Ein Becken aus Stein, ein Löwenmaul, aus dem unermüdlich ein Wasser hervorsprudelt, das sich, zum Erstaunen der Besucher, über die Jahreszeiten lustig macht, ein Zaubertrank, der durch ein unsichtbares Feuer heiß gehalten wird. Heiliges Wasser im Lande des Weins.

Ich trank aus der Höhlung meiner kleinen Hände und hörte meinen Paten das Gedicht vortragen, das mein Vater im Alter von dreizehn Jahren verfaßt hatte.

«Bei Nîmes, das einstens römisch war,

Tief unter den uralten Reben,

Schläft eine Venus, wunderbar,

Aus weißem Marmor voller Leben.

Ich seh sie, der ich zugeneigt,

Wie sie, im Schatten von Kastanien,

Ihr blankes Hinterteil mir zeigt

Im Lande Septimanien.»

Ich mußte laut lachen über das «blanke Hinterteil». In jenen grauen Vorzeiten waren die Kinder noch gänzlich unbelastet von der Sexualerziehung ihrer Eltern und genossen die seltenen Anspielungen aufs Fleischliche.

Der bronzene Löwe spie sein Wasser, wie es ihm gefiel, und der Wind trieb die Tröpfchen auseinander … Seit Urzeiten waren Menschen an diese Quelle gekommen – hier war einer der Rastplätze der Via Domitia gewesen, hier hatten die Römer die Thermen errichtet.

«Ludovique? Wo bist du, Chérie?»

Im hellen Kleid und mit gebräunten Armen rief Mama mich von der Terrasse her.

Ich sah Théodore an, Aurélien, den bronzenen Löwen, die schöne junge Frau unter dem Judasbaum, und ich hielt uns für unsterblich.

Ich wußte sehr bald, daß das nicht stimmte, und mein Vorname wurde mir verhaßt. Dann trat ein junger Iberer ohne Vater in mein Haus und in mein Leben und sagte: «Ique.»

Er hatte die Marmormauer zertrümmert. Er zertrümmerte später noch viele andere Sachen, aber warum kleinlich sein?

Die Ente fährt, wie es sich gehört, auf der Fahrbahn, die den langsamen Fahrzeugen vorbehalten ist. Die Zeit vergeht. Bald ist es 11 Uhr. Mein Herz schlägt schneller, denn um 11 Uhr habe ich eine Verabredung mit meinem Mann – im Radio, bei France Musique.

Vor drei Tagen hat Jean in Versailles die 9. Symphonie in C-Dur von Schubert im Théâtre Montansier dirigiert. Und heute morgen sendet Radio-France eine Aufzeichnung des Konzerts.

Vor drei Tagen hatte ich solches Herzklopfen, daß ich fürchtete, es könnte das Orchester übertönen. Ich hatte blind, taub und zitternd dagesessen und hatte niemanden um mich herum wahrgenommen. Jetzt, in meinem 2CV, höre ich die Musik, und sie ist schön, schön wie der Sommer.

Der Ruf des Horns im Andante grüßt die Bourgogne. Wenn die Ente schön weiterfährt, wird Schubert uns bis zu den ersten romantischen Dächern des Rhônetals begleiten. Ich frage mich, in welcher Landschaft, inmitten welcher Getreidefelder oder Wälder Jean und die Jungen jetzt der Musik zuhören. Die gewaltige Symphonie fährt durch Frankreich hindurch wie ein Messer, vereint die Reisenden vom Norden bis zum Süden, strömt dahin wie ein Fluß von Tönen. Für mich kommt dieser Fluß von sehr weit her. Er entsprang an einem Sonntagnachmittag im Théâtre des Champs-Elysées. Der Admiral hatte mich ins Konzert mitgenommen, so wie er mich auch in den Louvre oder in die Comédie-Française führte, wenn meine Mutter bei Banketten präsidierte und bei Wahlversammlungen das Wort ergriff, die Arme. An diesem Sonntag applaudierte der Saal Munch. Ein junger Mann, der auf einem Stuhl stand, schrie seine Begeisterung so laut heraus, daß mein Patenonkel auf ihn losstürzte: «Es ist mir ein Vergnügen, Ihnen die Hand schütteln zu dürfen, mein Freund!»

Wie entsetzlich! Einen Unbekannten einfach so anzureden! Ich wußte nicht, wo ich mich verstecken sollte. Und wenn mein Patenonkel es dabei nur hätte bewenden lassen! Aber nein, er hatte den jungen Mann auch noch eingeladen, bei Colombin mit uns Tee zu trinken. Ich mißbilligte das und sagte kein Wort. Ich fand den Jungen unsympathisch. Er schenkte mir nicht die geringste Aufmerksamkeit. Und außerdem war er zu schön. Vor zu schönen Menschen muß man sich in acht nehmen. Ich war sehr erstaunt, als er mich am nächsten Morgen anrief: «Ich bin der junge Mann von gestern … Der, den Ihr Onkel zum Tee eingeladen hat …»

«Das war nicht mein Onkel», sagte ich verstört.

«Hauptsache, Sie sind Sie. Sie sind es doch? Gut. Ich habe zwei Plätze für die Oper heute abend. Es gibt Die Macht des Schicksals. Wollen Sie mitkommen?»

Wäre ich nicht hingegangen, könnte ich Ihnen heute nicht all das hier erzählen. Ich bin hingegangen. Der junge Mann war Jean. In der Pause sagte er zu mir: «Eines Tages will ich hier Verdi dirigieren. Verdi, das bedeutet für mich Theater, Feste, Drama, Schönheit, Leben. Einverstanden?»

Ich sagte: «Einverstanden.»

Nach der Oper, als er mich zu Fuß nach Hause begleitete, sagte er plötzlich: «Ich möchte Sie küssen. Einverstanden?»

«Einverstanden.»

Ich habe gut daran getan, ihm so zu antworten.

Dieser Kuß öffnete die Tür zu meinem Leben. Fünfundzwanzig Jahre ist das jetzt schon her, fünfundzwanzig Jahre im Laufschritt, Hand in Hand. Die Kinder, Viviane, Albin, Paul … Eines Tages lernte Viviane dann Thomas kennen. Auch sie sagte: «Einverstanden.» Und nun war die Reihe an ihr, in den Kreis des Lebens einzutreten.

Ja, ich bin Großmutter. Ich kann mir denken, wie erstaunt Sie sind, daß ich noch so wohlerhalten bin. Obwohl der Weg hart war. Und lang. Was die Musik betrifft, da hat man entweder mit sieben Jahren Erfolg oder erst sehr viel später oder nie. Für Jean war es ein außerordentlich schwerer Weg, aber wir haben uns daran gewöhnt. Doch das Jauchzen dieses Morgens, über dem jetzt das Finale ausklingt, sagt mir, daß sich irgend etwas geändert hat. Ob sie endlich gekommen ist, die Zeit der Ernte?

«Hörst du», sagt Concepcion zu ihrem Sohn, «sie applaudieren uns. Sag: Bravo!»

«Bravo», sagt Ignacio widerwillig.

Er ist noch kein großer Musikliebhaber. Die Symphonie kommt ihm ebenso endlos vor wie die Reise.

«Möchte Madame ein hartgekochtes Ei oder etwas Hackbraten?» fragt Concepcion, an deren Kräften die Neunte offenbar gezehrt hat.

Sie beißt herzhaft in ihre Wurst und gießt Mineralwasser in die Pappbecher.

«Monsieur ist fabelhaft!» sagt Concepcion mit der Befriedigung des Besitzers.

«Pipi», sagt Ignacio finster.

«Du machst Pipi in Foncaude. Es muß alles fertig sein, wenn Monsieur ankommt. Er liebt Foncaude so sehr.»

Ich lachte: «Ich habe mich schon oft gefragt, ob er mich nicht nur wegen des Hauses geheiratet hat.»

Concepcion lacht noch lauter als ich. Das gefällt mir.

«O nein, Monsieur hat Madame geheiratet, weil er sie haben wollte!»

Ein bezauberndes Mädchen. Und dann fährt sie fort: «Und wenn Monsieur etwas haben will … Ich kenne das! Er sieht so sanftmütig aus, aber wenn er etwas haben will, dann muß er es haben. Das ist so. Wenn er etwas haben will, Monsieur, oh, là, là!»

Was wollte sie damit sagen?

Ich habe es nicht erfahren, weil Ignacio vorgab, Leibschmerzen zu haben. Ich habe angehalten. Dreimal. Es stimmte nicht. Beim viertenmal habe ich nicht angehalten. Da stimmte es.

Doch wir waren am Ziel. Der Tour Magne lag hinter uns, und wir verließen die Autobahn, um auf den Weg nach La Paillade einzubiegen, den Weg meiner Kindheit.

Wir fuhren durch das schreckliche Neubaugebiet, das meinen Vater umgebracht hätte, wenn er nicht schon tot gewesen wäre, als man begann, die Heide zu verwüsten. Ja, Papa ist tot. Von ihm, von meinem Schmerz werde ich noch sprechen.

Dann kamen wir auf die kleine Straße, die hinabführt zum Wasserblumenweg, wo die wilde Kresse wächst und die Jungen Kaulquappen fangen. Dann kam das Gitter. Stellen Sie sich jetzt kein Versailles vor! Das Tor war verrostet und hing schief in den Angeln. Es stand immer weit offen, und seit mindestens einem halben Jahrhundert war ein Schild daran befestigt mit der Inschrift:

P ivatbes tz

intritt verbot n

«Es fehlen ihm ein paar Zähne», hatte Paul schon vor Jahren gesagt.

Wir haben gelacht, aber die Zähne wurden nicht ersetzt.

Hinter dem Tor beginnt unser Besitz.

Foncaude … Ich wage nicht, davon zu erzählen. Ich zitiere lieber aus einem Schulheft meines Vaters, aus einem Heft des jungen Théodore, der damals etwa so alt war wie zu der Zeit, als er das unschuldige Gedicht schrieb, das ich so liebe.

Auszug aus einem Heft von Théodore Campredon, Schüler der Rhetorik am Gymnasium zu Nîmes.

«Der Reisende, der die einsame Languedocsche Heide durchstreift und dessen Blick sich an die niedere und kümmerliche Vegetation gewöhnt hat, wo manchmal mitten zwischen Kermeseichen, Steinen und Kapitellen ein Mandelbaum zu seiner sanften Anmut in die Höhe ragt, der Reisende, sage ich, ist erstaunt, wenn er dieses von Winden gepeitschte und von der Sonne verbrannte Plateau verläßt und plötzlich bei einer Wegbiegung eine Bodensenke erreicht, die ihm den Eindruck vermittelt, eine geheimnisvolle Welt zu betreten, die von der Natur vor neugierigen Blicken geschützt wird. Kaum hat er ein Tor durchschritten, ergreift ihn die Stille. Er folgt einer langen Allee uralter Bäume und grüßt die Platane, den Baum des Südens. Die lange gewundene, Kühle spendende Allee führt ihn in wohltuendem Dunkel quer durch Weingärten auf ein geheimnisvolles grünes Dickicht zu. Den Schlummer welcher schlafenden ‹Schönheit des Waldes› beschützt man an diesem Ort? Fremdling, es ist eine Göttin! Eine Venus schläft unter den Reben, nicht erst seit hundert, nein, seit Tausenden von Jahren. Ehre diese marmorne Nacht, und wenn du als Freund kommst, wird dir der Herr dieses Ortes Wasser anbieten, deinen Durst zu stillen, und seinen Wein, um deine Sinne zu entzücken. Denn bescheidene Sterbliche leben in diesem Frieden, in dem langen ockerfarbenen Haus mit dem romanischen Ziegeldach, mitten in einem Garten, wo der Lorbeer des Apollo wächst und der rosa Lorbeer und Rosmarin und die kleine Zypresse und die Kamelie mit ihren zarten Streifen und Thymian und Majoran, den die fröhlichen Elfen so gern mögen.»

Lieber Papa – er war so sicher, daß irgendwo eine Venus schlief unter den Jahrhunderten der Erde. Er hatte seinem Vater sogar vorgeschlagen, alle Rebstöcke herauszureißen und den Boden umzugraben, bis man auf sie stieß. Man stelle sich die Begeisterung meines Großvaters vor, der den Wein selber anbaute!

Jetzt bist du es, lieber Vater, der «unter den uralten Rebengärten» schläft. Und wir, deine Getreuen, kommen Jahr für Jahr zurück auf diese Insel, die das Neubaugebiet erbarmungslos vernichtet. Noch ein Buchstabe fällt vom Schild herunter, noch ein Gitterstab vom Tor, ein Ziegel vom Dach … Der Weingarten verwildert, die Blumenkübel von Anduz bekommen Risse, ja, sogar eine Platane ist letzten Winter eingegangen. Aber die Allee mit ihren stolzen Windungen ist noch so schön wie einst. Die verlassenen Wirtschaftsgebäude stehen noch. Und wenn der Stall auch noch das alte rosa Pferd des Pächters beherbergt, so hört man doch unten in den Kellergewölben noch das muntere Lachen der Weinleser von damals.

 

Octave und Ignacio springen kläffend aus dem Auto. Und schon kommt Félicité, die Hofhündin, vor Vergnügen wedelnd auf uns zu, die Zitzen noch näher am Boden als im vorigen Jahr. Concepcion hat den Kofferraum geöffnet. Ich betrachte das Haus. Mit geschlossenen Läden und der verschlossenen Tür sieht es richtig böse aus.

Ignacio fragt: «Fängt es jetzt an?»

«Was fängt an?»

«Die Ferien?»

Ach, die herrliche Ungeduld eines kleinen Kindes!

«Schau», sage ich und nehme aus meiner Handtasche den riesigen Schlüssel mit der ehemals goldenen Schnur, an der ein altes Schildchen mit der Aufschrift Foncaude hängt. Es war die Handschrift meines Vaters. «Schau, Ignacio, das ist der Schlüssel zu den Ferien!»

Ich drücke gegen die Tür, sie scharrt über den Steinboden der Diele, und ich betrete das Haus.

Ein Geruch nach Gruft, Staub und Schimmel hüllt mich ein. Irgend etwas fliegt raschelnd auf in der Finsternis, irgend etwas entwischt ans Licht und streift mein Bein. Der Hund, der es gewagt hat, mir zu folgen, niest, und Ignacio schreit: «Ich hab Angst!»

«Du wirst sehen …» sagt Concepcion, die bereits alles aus dem Auto angeschleppt hat.

Was uns im Haus erwartet, ist erschreckend. Lord Carnarvon kann, als er die Grabkammer des Tut-ench-Amun betrat, bestimmt nicht ein solches Chaos vorgefunden haben wie wir am Abend dieses 9. Juli.

Und dabei steht das Haus erst seit Mitte September leer. Wir hatten es selbst sorgfältig abgeschlossen, die Sessel abgestaubt, die Teppiche aufgerollt, die Vorhänge heruntergenommen … Aber Häuser rächen sich, wenn sie vernachlässigt werden, genau wie eine ungeliebte Frau. Es hat auf den Billardtisch geregnet, der bedruckte Kattun, mit dem die Wände des Eßzimmers bespannt sind, verschwindet unter einer grünlichen Schimmelpilzkultur, ein Siebenschläfer hat sich in der Tischwäsche eingenistet, und bei jedem Schritt treten wir auf Gipsschutt.

Am meisten schmerzt mich der Sturz von Großonkel Sabin. Die Schnur ist gerissen, die ihn an seinem Nagel festhielt, und er liegt auf dem Boden, das Glas zerbrochen, sein schöner Mund gespalten. Armer Sabin, er hat nie Glück gehabt. Er war es, der während des zweiten Kaiserreichs Foncaude wieder zum Badeort machen wollte. Fast hätte er übrigens damit Erfolg gehabt, denn über eine gewisse Zeit hin erlangten die wieder aufgebauten Thermen noch einmal den Glanz, den sie zur Zeit der Cäsaren gehabt hatten. Unglücklicherweise aber war Onkel Sabin ein schöner Mann, und der übermäßige Gebrauch, den er von dieser Schönheit machte, führte zu seinem Ruin und zu dem meiner Familie. Man erzählte sich hinter vorgehaltener Hand, daß er infolge eines Aufenthalts in Marseille und dort erlebter nächtlicher Exzesse eine üble Krankheit aufgelesen hätte. Eine wirklich beruhigende Bezeichnung, die davon auszugehen scheint, daß es auch gute Krankheiten gibt. Aber Onkel Sabins Krankheit war wirklich sehr schlimm. Die Spirochäten wurden schnell zahlreicher als die Kurgäste. Die Bädergesellschaft machte Bankrott, und die neuen Thermen verfielen sehr viel schneller als die alten. Aus dieser traumhaften Zeit blieb uns nur noch eine Flasche (Paul hat die vorletzte zerbrochen, als er klein war) und zwei grünbemalte Badewannen, auf der indische Nelken blühen.

«Madame Lasblaise ist eine Schlampe», höre ich die Stimme von Concepcion.

Madame Lasblaise ist eine Plage, die sich den Titel Haushaltshilfe zweifellos einzig und allein deshalb zugelegt hat, um fremde Haushalte zu verschmutzen, sich dafür bezahlen zu lassen und zu verschwinden. Das ist ein Kunststück für sich.

Jedes Jahr schwört sie, daß sie vorbeikommen und «hin und wieder nach dem Rechten sehen» werde. Letztes Jahr ließ sie uns das Kupfergeschirr zum Putzen auf einem alten Tischtuch im Eßzimmer der Kinder aufstellen (Eßzimmer der Kinder sagen wir nur so; wir essen dort, wenn wir keine besonders anspruchsvollen Gäste haben). Nun, das Kupfergeschirr steht immer noch da, grünspänig, glanzlos und noch staubiger, und es ist offensichtlich, daß sie keinen Fuß ins Haus gesetzt hat, trotz meiner Briefe und der Überweisung.

«Gut», sagt Concepcion, und dann haben wir kein Wort mehr gewechselt, bis wir Herr der Lage waren. Ignacio weinte im Garten und verlangte nach seinen Spielsachen. Octave bellte, daß es kilometerweit zu hören war. Und wir, wir waren zu Ameisen geworden. Wir stiegen die Treppen hinauf, stiegen die Treppen hinunter, schüttelten am offenen Fenster die Läufer aus, rollten die Matratzen auseinander, die aus alten Wunden Wolle verloren. Wir kehrten, wuschen unter fließendem Wasser, trugen Stöße von Bettwäsche umher … Die Bettwäsche war feucht, und wir hatten im großen Kamin Feuer machen müssen, um sie trocknen zu können.

«Sie werden sie doch nicht mehr nehmen, diese Schlampe?» fragt Concepcion, als alles fertig ist.

Es würde schwierig sein, Madame Lasblaise nicht mehr zu nehmen. Erstens gab es hier nur sie und zweitens würde es einen schlechten Eindruck machen, denn sie ist schon sehr alt. Das ist sie immer gewesen, und daran ändert sich auch nichts mehr. Und entgegen allem äußeren Schein ist es meine Familie, die in ihren Diensten steht. Ich habe immer sagen hören: «Die arme Madame Lasblaise, das kann man mit Madame Lasblaise nicht machen, sei nett zu Madame Lasblaise …» So was ist ärgerlich, finden Sie nicht auch?

Ignacio weint nicht mehr. Er hat unter dem Judasbaum einen Ameisenhaufen entdeckt und sich daneben gelegt. Die Ameisen fangen an, sich an ihn zu gewöhnen und klettern auf ihm herum. Von Zeit zu Zeit bellt Octave. Er scheucht wohl Kaninchen auf. Spät am Abend wird er zurückkommen, die Schnauze verklebt mit frischem Landdünger … Concepcion bietet mir eine Zigarette an, als wir auf den Stufen der Terrasse sitzen und auf die Heide hinausblicken. Wir sitzen an der Seite, die Bazille bevorzugte, wenn er kam, um unser Haus zu skizzieren. Die Sonne versinkt hinter den grünen Eichen. Die Treppenstufe, auf der ich sitze, ist locker wie ein Milchzahn. Ein Frosch schmettert das erste Notturno …

«Wie schön», sagt Concepcion und streckt eines ihrer schmutzigen, aber vollendet geformten Beine von sich. Dieses schnelle Wiederflottmachen des gestrandeten Schiffes war herrlich gewesen. Und das Herrlichste war, daß wir es ohne die Männer geschafft hatten. Ich hatte schon Angst gehabt, daß sie zu früh eintreffen würden. Jetzt konnten sie kommen. Das Haus atmete wieder. Die Betten waren gemacht, der Tisch gedeckt. Wein aus unseren eigenen Gärten stand bereit, ebenso eine Karaffe mit noch lauwarmem Quellwasser.

Mir tut der Rücken weh und ich gähne. Concepcion erhebt sich graziös, um ihren Sohn zu baden und ihm sein Essen zu richten. Ich bleibe sitzen. Regloser als der Stein unter mir, der ständig wackelt. Und die Natur, für einen Augenblick aufgeschreckt, glaubt sich wieder allein wie an den vorangegangenen Abenden. Und während die Finsternis sich auf die Erde senkt, steigt in meinem Innern sanft ein Licht aus dem Dunkel herauf. Ich höre einen Ruf, weit entfernt, das Plätschern der Quelle, das ein Windstoß zu mir herübertreibt. Ich höre das Rauschen der Bäume, den seltsamen Schrei eines Vogels und plötzlich den brutalen Lärm eines Flugzeugs, das in Fréjorgues oder Garons landen würde. Dann wieder tiefen, ursprünglichen Frieden, bis Octave hechelnd auf mich zustürmt, sicher, mich am Ende seines Dauerlaufs hier zu finden.

Warum sind sie noch nicht da? Es ist schon Nacht! Ich stehe auf. Im Haus ist es noch dunkler. Ich mache Licht, und bevor ich die Tür schließen kann, stürzen fröhlich Milliarden von Schnaken in die Diele, auf der Suche nach frischem Fleisch.

«Es macht Ihnen doch nichts aus, wenn ich zum Tanz gehe?»

Gewaschen, geschniegelt und gebügelt, parfümiert, dekolletiert, mit schwingenden Röcken und einer Rosenknospe im Haar, kurz gesagt: zum Malen schön, neigt Concepcion sich über das unsichere Treppengeländer der ersten Etage.

«Zum Tanz?» rufe ich entgeistert.

Sie muß meinen Tonfall mißdeutet haben, denn sie kommt eilig die Treppe herunter und versichert mir, ich solle es nur sagen, wenn ich sie noch brauche. Aber der Schrei, den ich da ausgestoßen hatte, war ein Schrei reinster Bewunderung gewesen. Einer Bewunderung, die sich noch verstärkte, als ich sah, wie sie an Pauls Solex einen Reifen wechselte und knatternd durch die Platanenallee losfuhr.

Ignacio schlief. Octave verschlang das Futter, das Concepcion nicht vergessen hatte, ihm zuzubereiten. Dann verspritzte er etwa 20 Quadratmeter im Umkreis Wasser, als er aus seinem Napf trank, und streckte sich vor dem Kamin aus, in dem die Kohlen verglühten, und an dem wir unsere Wäsche getrocknet hatten.

Plötzlich hatte ich Angst. Ich betrachtete den Tisch mit den vier Gedecken. Sie müßten längst hier sein. Mein Gott, warum waren sie noch nicht da? Was war passiert? Glück ist etwas sehr Zerbrechliches, etwas Unbeschränktes, das vom Schicksal plötzlich mit einem schwarzen Rand umgeben werden kann. Ich hatte wirklich Angst, so große Angst, daß ich nicht begreifen kann, wie ich einschlafen konnte.

 

Es war sehr leise, was ich hörte. Ein sanftes Strömen. Ein Regen. Wie eine Flut ohne Sturm. Aber es war kein Regen, keine Flut. Es war etwas anderes … Was? Ich suchte nach dem richtigen Wort. Ich wußte, daß es dieses Wort gab, aber ich hatte es vergessen. Es war ein sehr schönes Wort. Ein wichtiges. Und dieser herrliche Strom floß weiter, drang in mich ein, erreichte die noch schlafenden Zellen meines Hirns …

Musik!

Ich wurde wach. Irgend jemand spielte Klavier in der Nacht. Irgend jemand? Ich stand von dem Tisch auf, wo ich, den Kopf auf die Arme gestützt, geschlafen hatte, und ging leise in den Salon.

Jean saß am Klavier. Er trug noch seine Lederjacke, die Glastür hinter ihm stand offen; zur Freude der kleinen Blutsauger.

Ich sehe ihn gern an, wenn er nicht weiß, daß ich ihn ansehe. Es ist, als ob ich mir etwas von der Zeit stehle, die uns vergönnt ist.

Ich sah ihn an, ein Geschenk. Ich hörte ihm zu, Mozart.

Ich spürte, wie er das stillstehende Herz von Foncaude aufweckte, wieder in Gang setzte. Manchmal, bei einem verstimmten Ton, runzelte er die Stirn. Das Klavier hatte eine Überholung nötig, wie jedes Jahr.

Ich konnte nicht lange an mich halten. Ich ging zu ihm und legte ihm die Arme um den Hals, und er küßte die nackte Haut vor seinen Lippen.

Es war zauberhaft. Und ich sah schon einen Sommer voller Küsse. Und Pillen! Er zog mich auf seine Knie. Mit der einen Hand umschlang er meine Taille, mit der andern spielte er leise. Ich sagte: «Schön ist das!» Er entgegnete: «Es ist falsch!» Er klagte über das Klavier, das noch unter der Feuchtigkeit des Winters litt. Morgen würde er ihm den Bauch öffnen und wenn nötig, alles auseinandernehmen.

Wie hatte ich nur vergessen können, von der Radioübertragung zu sprechen!

«So, du hast zugehört?» fragte er mit der unwiderstehlichen Eitelkeit der Männer, fügte aber dann hinzu: «Ich glaube, es war gut.» In demselben Ton, in dem Paul sagt: «Ich glaube, mein deutscher Aufsatz ist ganz gut geworden!»

Wir wußten beide, daß das Konzert ein Erfolg gewesen war, und gerade das bewegte uns. Diese Symphonie in Versailles war nicht nur ein beruflicher Erfolg, sondern ein wichtiger Tag in unserm Leben.

«Wir beide werden für acht Tage irgendwohin reisen. Das haben wir redlich verdient», sagte Jean.

O ja! Ich war so verrückt vor Freude, daß ich gleich ein schlechtes Gewissen bekam und mich bemühte, diesen Traum zu unterdrücken, indem ich mir ausmalte, welche Katastrophen während meiner Abwesenheit über Foncaude hereinbrechen könnten. Was wäre, wenn die Kinder krank würden? Wenn ein Landstreicher käme und sie erwürgte? Oder eine Schlange? Oder wenn ein Feuer ausbrach?

«Aber Concepcion hat doch versprochen, hierzubleiben! Das ist doch eine Beruhigung.»

In gewisser Hinsicht schon, das stimmt.

«Schließlich sind es keine Kinder mehr!»

Genau …

«Oder hast du keine Lust, mit mir zu verreisen.»

«O nein!» rief ich entrüstet.

Er hatte gewonnen. Meine Schuldgefühle sanken in sich zusammen.

«Einverstanden?»

«Einverstanden!»

Durch unsere Reglosigkeit ermutigt, gönnte sich ein Schwarm Schnaken einen guten Schluck.

«Erwischt!» sagte Jean.

Da erschienen die Jungen im Zimmer, Albin wiehernd wie gewöhnlich, Paul mit trauriger Miene.

«Wo seid ihr die ganze Zeit gewesen?» fragte ich.

«Wir sind ausgestiegen, um das Pferd zu begrüßen», sagte Paul.

«Bist du deshalb so traurig, mein Kleines?» fragte ich.

«Nenn ihn nicht immer ‹mein Kleines›», lachte Albin auf, «wo er ohnehin noch ziemlich grün ist.»

«Was fehlt dir?» fragte ich Paul.

«Tibère ist sehr gealtert», sagte Paul mit einem leichten Beben in der Stimme.

«Das kommt daher, daß er sich im Winter so beschissen fühlt, weil wir nicht da sind», sagte sein Bruder, «weiter ist das nichts!»

«Es geht ihm wie diesem armen alten Geschöpf von Klavier», erklärte Jean, indem er die Tasten streichelte.

«Trotzdem …» sagte Paul und sah mich dabei an, als ob ich alles wieder in Ordnung bringen könnte: die Zeit anhalten und das alte rosafarbene Pferd verjüngen, das wir alle so gern haben.

«Trotzdem …» wiederholte er.

Mein lieber kleiner Junge, der sich nur schwer von seiner Kindheit trennen kann. Vierzehn Jahre, ein wunderbares, aber schwieriges Alter zwischen Kindheit und Erwachsensein …

Um ihn auf andere Gedanken zu bringen, schlug ich vor, essen zu gehen. Alle drei sahen sich an und fingen an zu lachen.

«Sie weiß wirklich nichts», sagte Albin.

«Rate mal, wohin ich diese Herren zum Essen ausgeführt habe», fragte Jean. Dann fuhr er gleich fort, weil er weiß, daß ich nie etwas errate: «Ich habe sie mit zu Point genommen!»

Was für eine wunderbare Idee! Point, der Louvre, ein Besuch im Hafen von Rotterdam, das sind Dinge, die ein Kind nicht vergißt.

«Die Neunte mußte doch gefeiert werden!» sagte Jean.

«Ich gebe zu, daß ich Schubert nicht mochte», wieherte Albin, «aber seit dem Essen bei Point betrachte ich ihn als meinen Freund!»

Ich fragte: «War es gut?» Wieder lachten sie laut auf.

«Es war sagenhaft», sagte Jean. «Weißt du, ich hatte keinen Tisch reservieren lassen, ich kam erst während des Finales auf die Idee. Als wir ankamen, war es 2 Uhr 20; und der Oberkellner machte ein betretenes Gesicht. Ich wollte schon wieder gehen, aber dann kam Madame Point …»

«Sie hat aufgeschrien, als sie Papa sah», erklärte Albin. Geschrien? Warum hatte sie geschrien? Weil sie ihn gerade gehört hatte und weil sie ihn wiedererkannte, erfuhr ich. Und dann wurde, wie durch Zauberhand, ein Tisch hergerichtet, eisgekühlter Champagner eingeschenkt, und das Fest begann.

«Ich habe sogar eine Zigarre geraucht!» erklärte Albin.

«Du hältst mich wohl zum besten!» rief ich.

Aber es stimmte. Jean hatte ihn eine Zigarre rauchen lassen, dieses Kind von sechzehn Jahren. Aber warum eigentlich nicht?

«Es gab dort kleine Pyramiden aus Butter und einen früheren Minister, der sehr schwer hört und Großmutter kennt», sagte Paul und fragte mich, ob ich Majoran und Ente nach Papa Jules mag. Ich kann es nicht sagen, weil ich noch nie bei Point gewesen bin. Paul ist ärgerlich: «Papa, es wird aber Zeit, daß du sie mal mitnimmst.»

«Morgen», sagte Jean, «nein, besser übermorgen. Sie erwarten La Sangria. Madame Point stellt mich ihr vor und schon wird ein Vertrag unterzeichnet! Aber ich träume! Und überhaupt will eure Mutter nicht mit mir verreisen.»

«Das ist nicht wahr!» riefen die Jungen wütend.

«Aber nein, natürlich nicht! Ich hab ‹einverstanden› gesagt. Ich fahre mit!» sagte ich.

Sie waren zufrieden.

«Weißt du, du darfst nicht denken, daß du unabkömmlich bist», sagte Albin zu mir.

«Wir können sehr gut ohne dich zurechtkommen!» erklärte Paul.

Ihr Wort in Gottes Ohr!

Ich gähne, erschöpft. Ich muß nur noch die verderblichen Eßwaren vom Tisch wegräumen, dann kann ich schlafen gehen. Nur noch eine kleine Partie Billard, schlagen die Jungen mir vor. Eine Partie Billard! Wo ich völlig kaputt bin!

«Du bist drollig», sagt Albin zu mir, «immer, wenn wir mal spielen wollen, bist du kaputt!»

Ich muß lachen. Wie munter sie sind!

Ich hörte es leise Mitternacht schlagen, als ich in mein Zimmer kam. Wir hatten sogar die Wanduhren aufgezogen! Wie im Traum zog ich mich aus und versank in dem Bett-Schiff unter der Krone des Betthimmels aus besticktem Musselin, der schon über meinen Mädchenträumen gewacht hatte.

Viel später kam Jean ins Zimmer. Er leerte seine Taschen aus, machte schrecklichen Krach, als er seine Schuhe auszog, warf seine Kleider in alle Richtungen, drehte den Wasserhahn auf, putzte sich die Zähne … Ich hörte Wortfetzen, die offenbar an mich gerichtet waren … Aber meine Müdigkeit hinderte mich, sie aufzunehmen.

«… du schläfst ja, mein Engel!» hörte ich ihn sagen.

Ich rief: «Nein!» und sank in tiefen Schlaf. Natürlich hatte ich gespürt, daß jemand ins Bett kam und mich in die Arme nahm. Aber da ich ahnte, daß es Jean war, schlief ich weiter. Trotzdem scheine ich ihn gefragt zu haben, ob er mit Concepcion geschlafen hätte. Ich erinnere mich nicht daran, aber ich will es glauben, weil er es behauptet hat. Zu der Zeit spürte ich weder die Küsse Jeans noch die der Schnaken.

 

Die Vorhänge waren nicht zugezogen. Das Licht fiel in Streifen durch die Läden, als ich aufwachte.

Alles war ruhig. Es waren Ferien.

Jean schlief neben mir. Sein Kopf lag auf dem bestickten Kissen.

Concepcion hatte darauf geachtet, uns die schönste Bettwäsche aufzuziehen, die mit den Spitzen und dem eingestickten Monogramm FP, den einzigen Initialen, die nie irgend jemand in der Familie gehabt hatte. Was mich schon immer verwirrt hatte.

Jean war sehr schön, wie er da lag, von Sonne und Schatten gestreift: die Stirn golden, die Nase schwarz, der Mund golden, der Hals schwarz.