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1869: Die Lebenswege der Schwestern Marie, Julie und Caroline scheinen vorgezeichnet. Erzogen als höhere Töchter, sollen sie ein Leben als Ehefrau und Mutter führen mit standesgemäßen, damenhaften Beschäftigungen. Marie, die Älteste, ist aber fasziniert von den Vorkämpferinnen der Frauenbewegung. Sie setzt eine Ausbildung zur Lehrerin durch und lebt fortan in Marburg als autonomer "Blaustrumpf". Julie heiratet zur Freude der Eltern zwar einen Casselaner Unternehmer. Nach dessen frühem Tod jedoch übernimmt sie, obwohl sechsfache Mutter, die Geschäftsführung. Und Caroline verliebt sich in einen ostindisch-niederländischen Seefahrer, der eine Plantage auf Java besitzt… Der Roman basiert auf einer wahren Familiengeschichte und erzählt sie bis zu Julies Tod 1921. In diesem Mikrokosmos spiegeln sich die Geschichte des Kampfes um Gleichberechtigung und die komplexen Strömungen des Zeitgeistes. Die drei Schwestern überschreiten den vorgesehenen Weg zugunsten eines selbstbestimmten Lebens. Und folgen damit Maries Credo: "Warum nicht ein eigenes Leben wagen?"
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Seitenzahl: 261
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Dorothee Lehmann-Kopp
Ein eigenes Leben wagen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Kapitel 1- Julie
Kapitel 2 - Caroline
Kapitel 3 - Marie
Kapitel 4 - Julie
Kapitel 5 - Caroline
Kapitel 6 - Marie
Kapitel 7 - Julie
Kapitel 8 - Caroline
Kapitel 9 - Marie
Kapitel 10 - Julie
Kapitel 11- Caroline
Kapitel 12 - Marie
Kapitel 13 - Julie
Kapitel 14 - Caroline
Kapitel 15 - Marie
Kapitel 16 - Julie
Kapitel 17- Caroline
Kapitel 18 - Marie, Julie
Kapitel 19 - Caroline
Kapitel 20 - Marie
Kapitel 21- Julie
Kapitel 22- Caroline
Kapitel 23 - Marie
Kapitel 24 - Julie
Kapitel 25 - Caroline
Kapitel 26 - Marie
Kapitel 27 - Julie
Kapitel 28 - Caroline
Kapitel 29 - Marie
Kapitel 30 - Julie
Kapitel 31 - Caroline
Kapitel 32 - Marie
Kapitel 33 - Julie
Kapitel 34 - Caroline
Kapitel 35 - Marie
Kapitel 36 - Julie
Kapitel 37 - Caroline
Kapitel 38 - Marie
Kapitel 39 - Julie
Kapitel 40- Caroline
Kapitel 41- Marie
Kapitel 42 - Julie
Kapitel 43 - Caroline
Kapitel 44 - Marie
Kapitel 45 - Julie
Nachwort
Impressum neobooks
Kurz nach dem Osterfest 1869 fand Maries Abschlussfeier der Töchterschule statt; mit Bestnoten hatte sie diese absolviert und stolz ihr Reifezeugnis entgegen genommen. Zum festlichen Mittagsmahl im elterlichen Haus war auch ihr Großvater, der Regierungsrat Theodor Kleinschmit, aus Arolsen angereist. So saß die ganze Familie vergnügt um den Tisch; nur den kleinen Otto hatte die Kinderfrau in ihre Obhut genommen. Beim Dessert jedoch sorgte die sonst so zurückhaltende 17-Jährige für Aufruhr. Großvater Kleinschmit hatte einige launige Bemerkungen über ihre Zukunft und mögliche Verehrer gemacht, die ihre Mutter damit konterte, dass es noch nicht dränge mit einer Heirat, erstmal sei sie froh, wenn ihre älteste, nun fast erwachsene Tochter ihr zur Hand gehe und auch bei der Betreuung der Geschwister helfe. Marie legte den Dessertlöffel nieder. Sie wollte die schöne Stimmung nicht verderben, aber für das, was sie zu sagen hatte, war jeder Zeitpunkt ungünstig. Also blickte sie ihren Eltern in die Augen und erklärte in sanften Worten, dass sie zwar an der Erziehung von Kindern mitwirken wolle, jedoch anders, als die Mutter es sich vorstelle. „Ich möchte so sehr gern ein Lehrerinnenseminar besuchen; in Marburg gibt es eines mit exzellentem Ruf. Zwei Plätze sind dort noch frei, ich habe mich erkundigt“, sagte sie mit einer Festigkeit in der Stimme, die sie selbst wunderte.
Das Bild um den Tisch gefror; mucksmäuschenstill war es mit einem Schlag. Julie, die im Juni elf Jahre werden würde, stand der Mund offen, sogar die sechsjährige Caroline schien die Ungeheuerlichkeit dieses Ansinnens ihrer Schwester zu verstehen. An des Großvaters Stirn pochte eine Schläfe. Maries Vater, der Rechtsanwalt Rudolph Kleinschmit, räusperte sich. „Schließ den Mund, Kind“, sagte er zu Julie. Dann wandte er sich Marie zu. „Ich verstehe vollkommen, dass Du die Schule und Deine Freundinnen vermissen wirst. Aber“, er tupfte mit der Serviette den Mundwinkel ab, „diese Idee entspringt dem Augenblick. In zwei, drei Jahren wirst Du heiraten, und bis dahin hast Du ein schönes Leben hier.“ Marie schüttelte den Kopf und richtete sich noch ein wenig höher aus. „Nein, Vater, ich habe es gründlich überdacht. Für eine Laune des Augenblicks wäre ich nicht die Gefahr eingegangen, Euch allen einen Schrecken einzujagen oder Euch zu enttäuschen.“ Sie warf ihrer Mutter einen liebevollen Blick zu. „Es tut mir Leid, Maman, aber ich wünsche mir sehr, meinen eigenen Weg zu versuchen.“
Was sie ihren Eltern nicht ohne Weiteres sagen konnte, ohne es wie einen Angriff auf ihr Weltbild klingen zu lassen: Sie fand die Aussicht, den Alltag der nächsten Jahren mit den akzeptierten Beschäftigungen junger Damen wie Nadelarbeiten, Musizieren, Kanarienvogelfüttern und Kleiderproben zuzubringen, gelinde gesagt ermüdend. Die Höhere-Töchterschulen, die es erst seit 1840 gab, vermittelten eine zwar nur oberflächliche, aber breit angelegte Ausbildung. Da Rudolph zutiefst vom Wert humanistischer Bildung überzeugt war und, anders als viele männliche Zeitgenossen, keinen Grund sah, sie seinen Töchtern zu verweigern, ihnen sogar seine Bibliothek öffnete, hatte Marie über den Schulstoff hinaus ihre Kenntnisse in fast allen Bereichen - Mathematik, Geographie, Geschichte, Literatur und Naturwissenschaft - erweitern können. „Dem Reich der Freiheit werb ich Bürgerinnen“ hatte die große Louise Otto schon 1850 in ihrer „Frauen-Zeitung“ geschrieben. Zerknitterte Exemplare kursierten unter ihren Mitschülerinnen, und Marie hatten die Texte und das freie Gedankengut, der Aufbruch in eine neue Zeit mit neuen Regeln, wie ein Blitz getroffen. Als Lehrerin zu arbeiten, war vielleicht nur ein kleiner Schritt auf dem Weg, aber der einzige, der im Augenblick in ihrer Macht stand. Und sie beabsichtigte, ihn zu gehen. So sehr sie ihre Eltern und die kleinen Geschwister liebte; das Hauswesen kam gut ohne sie zurecht.
Bevor sie jedoch weitersprechen konnte, kehrte in den Regierungsrat Leben zurück. „Zum Donnerwetter, Kind, lass die Fisimatenten. Noch nie war eine Dame unserer Familie – berufstätig.“ Er spie das Wort aus. Elise, obwohl selbst erschreckt vom Begehr ihrer Tochter, sprang ihr bei. Sie war nicht abgeneigt, nachzugeben, denn Marie war stets folgsam gewesen und hatte nur höchst selten für sich um etwas gebeten. Und zum Heiraten wäre schließlich immer noch Zeit. „In unseren Familien nicht, Schwiegerpapa, das stimmt. Sie haben jedoch selbst für eine Dame gearbeitet – und Fürstin Emma hat ihre Regierungsgeschäfte vorzüglich versehen“, sagte sie spitzzüngiger, als sie eigentlich vorgehabt hatte. Das Pochen der Ader verstärkte sich. „Ich muss doch sehr bitten. Die Fürstin von Waldeck und Pyrmont, die während ihrer Regentschaft den gesamten Staatsorganismus umgestaltet und erneuert hat, woran ich die Ehre hatte mitzuwirken, mit einer… einer Lehrerin zu vergleichen – das ist ridicule, lächerlich ist das!“ Der alte Herr schnaubte. „Rausgeworfenes Geld und vergeudete Zeit, inacceptable. Und dann heiratet sie, und alles war umsonst. Wenn nicht überhaupt ihre Chancen auf eine gute Partie perdu sind danach.“
„Aber Großvater, Sie selbst haben die verbesserte Bildung für Mädchen begrüßt“, schaltete sich nun wieder Marie ein. „Und die Mitglieder des Rates, die sich gegen die Töchterschulen aussprachen, ‚rückschrittliche Esel auf Abwegen‘ genannt.“ Sie zögerte und wandte sich an ihren Vater. „Du hast mir eine gute Ausbildung ermöglicht, wofür ich sehr dankbar bin. Aber ist es nicht sogar meine Aufgabe, daran mitzuwirken, diese Möglichkeiten auch anderen zu eröffnen? Bitte lasst es mich wenigstens probieren.“ Rudolph seufzte leicht. „Contenance und Courage, ja, die hast Du wirklich, Kind. Ich werde darüber nachdenken. Und nun lasst uns in Gottes Namen zu anderen Themen übergehen...“
Vier Wochen später verabschiedete sich Marie mit einer innigen Umarmung von ihrer Mutter und reiste nach Marburg, um ihre Ausbildung zur Lehrerin anzutreten. Die kleine Julie aber, zutiefst beeindruckt von der Szene am Mittagstisch, murmelte beim Einschlafen des Abends noch oft vor sich hin „Contenance und Courage, Contenance und Courage...“
Julie hatte die sieben Jahre, die seit Maries Auszug vergangen waren, weidlich genutzt. Wie die große Schwester war sie von beachtlicher Wissbegierde erfüllt, hatte gar dem älteren Bruder Carl bei seinen altsprachlichen Schulaufgaben über die Schulter geschaut und ihre Kenntnisse – „Lehrerin spielend“ - an die jüngeren Geschwister weitergegeben, insbesondere an Ernst und Caroline. Julie war die Anführerin dieser kleinen Troika der „mittleren“ Geschwister, die altersmäßig recht nah beieinander waren: Ernst zwei Jahre, Caroline fünf Jahre jünger als sie.
Die Mädchen besuchten, wie Marie, eine private Höhere Töchterschule; Ernst das Fürstlich-Waldecksche Gymnasium in Korbach. Wenn das Trio zuhause vereint war, saßen sie gern im heimatlichen „Musikzimmer“ – Caroline meist am Klavier, Julie und Ernst vertieft in Lektüre.
Ernst, der später über den römischen Satiriker Lucilius promovieren und nach der Habilitation als ordentlicher Professor in Hamburg lehren würde, bevorzugte lange Zeit die Werke Homers. Julie assistierte bei den Übersetzungsversuchen, vor allem aber bei deren anschließenden „Aufführungen“; mit angemessenem theatralischen Pathos und mal mehr, mal weniger geglückten Hexametern. Außerdem verschaffte die Anwesenheit des Bruders Zugang zu gänzlich undamenhafter französischer Lektüre, darunter Alexandre Dumas‘ „Comte de Monte-Christo“ und „Les trois mousquétaires“.
An den Wochenenden veranstaltete die Familie Landpartien und Picknicks; oft kamen Freunde der Eltern mit Familien zu Besuch; man traf sich zu geselligen Abenden, in der Saison auch zu Tanzveranstaltungen – und immer wieder zu herbeigesehnten Theaterbesuchen. Die Fahrten ins Hoftheater in Cassel waren ein Fest, das in langer Vorbereitung zelebriert wurde.
Carl, vier Jahre älter als Julie, hatte 1872 das Abitur am Fürstlich-Waldeckschen Gymnasium absolviert und eine kaufmännische Ausbildung gewählt. Besonders förderte ihn ein Freund seines Großvaters, der als Regierungsrat am Hof von Arolsen auch Bekanntschaften zum Kurfürstlichen Casselaner Hof pflegte. Den alten Herrn verband persönliche Sympathie mit dem Hofrat Fedor Ludwig Cramer. Dieser hatte gemeinsam mit seinen jung verstorbenen beiden Brüdern 1845 die „Farben- und Drogengroßhandlung Gebrüder Cramer“ am Steinweg 4 in Cassel gegründet. Das Unternehmen florierte und avancierte rasch zum kurhessischen Hoflieferanten. Der Hofrat nahm Carl unter seine Fittiche und begleitete seine Lehrzeit. Emil Cramer, seit 1873, seiner Volljährigkeit mit 24 Jahren, an der Führung der Geschäfte beteiligt, wurde bald Carls engster Freund.
So entstand eine herzliche Verbindung zwischen den Familien. Reiste die Familie Kleinschmit zu Theateraufführungen nach Cassel, war sie gern gesehener Gast im großen Haus am Steinweg, in dem sich über den Geschäftsräumen im Erdgeschoss auf zwei Etagen die weitläufigen Wohnräume der Familie befanden. Emils Mutter Mathilde, als Tochter des kurhessischen Forstverwalters in einer großen Familie im ländlichen Umfeld von Cassel aufgewachsen, war zutiefst unglücklich gewesen, nach Emil keine weiteren Kinder mehr bekommen zu können. Eine Reihe von Fehlgeburten hatten immer wieder auch ihr Leben in Gefahr gebracht, bis sie sich damit abfinden musste: Emil würde das einzige Kind bleiben. Ganz besonders eine Tochter hätte sie sich gewünscht, und so war die rundliche, gutmütige, aber ein wenig eigene Matrone nur allzu glücklich, Julie und Caroline verwöhnen zu können und in Elise eine handfeste, verlässliche Freundin zu finden.
„Wie schön, dass Sie da sind, Sie lieben Deare“, begrüßte sie die Besucher stets strahlend, ohne Ernsts Feixen und das leise Glucksen der Mädchen angesichts der merkwürdigen Pluralbildung des englischen Wortes je zu bemerken. „War Ihre Reise komfortabel? Man weiß ja nie in diesen Zeiten …“ Welche Risiken „diese Zeiten“ bargen, in denen kein Krieg mehr herrschte, noch gemeinhin Räuberhorden am Straßenrand lauerten, blieb offen. „Überaus angenehm, liebe Hofrätin“, antwortete Elise dann. „Wir hoffen, Ihr Befinden ist zufriedenstellend?“ „Nun ja, ach Gottchen, ach Gottchen, aber man weiß ja nie“, war die nebulöse Antwort.
Dieser sich wiederholende Dialog sorgte jedes Mal für Erheiterung. Obwohl Elise, die selbst mehrere Fehlgeburten hatte erleiden und die ersten Jahre ihrer Ehe, teils verzweifelt, auf die Geburt ihres ersten Kindes hatte warten müssen, dem Spott einen Riegel vorschob: „Sie hat viel Unglück erlebt. Jammern und Klagen helfen nicht, aber sie gefällt sich nun mal darin. Nehmt es besser als Lehre, selbst immer …“ – „…Contenance, Discretion und Courage zu wahren“, ergänzten Julie und Caroline wie aus einem Mund. „Ja, Maman, das wissen wir. Sie ist halt ein ‚armes Dear‘.“ Caroline prustete wieder los: So nannte die Hofrätin Marie. Das „arme Dear“ hatte eine Anstellung an einer Marburger Töchterschule angenommen und lebte nun – glücklich, aber unbemannt – ein für ihre Schicht „scandaleuse“ selbstbestimmtes Leben. Den Vogel schoss Mathilde Cramer jedoch ab, als Caroline den Damen des Hauses stolz ein neues Kleid in ihrer Lieblingsfarbe vorführte. „Ach, wie reizend, Du liebes, grünes Dear!“, rief sie arglos aus und schaute angesichts des schallenden Gelächters verständnislos in die Runde.
Im Laufe der Jahre hatte sich das Verhältnis Julies zu Carl und seinem Freund Emil kaum verändert – sie waren Freunde, gute Freunde, die zusammenhielten, gern die Freizeit miteinander verbrachten, ins Theater und gelegentlich auch auf Bälle gingen. Im Herbst 1877 ereigneten sich zwei tiefe Einschnitte: Carl hatte im Vorjahr geheiratet, nun wechselte er von Cassel zu einer Anstellung nach Quedlinburg. Dort konnte er als Assistent des Geschäftsführers in eine gehobene Position mit Aussicht auf Übernahme in die Firmenleitung einsteigen, wie Emil sie im Großhandel der Gebrüder Cramer innehatte. Und im Oktober verstarb überraschend und unerwartet der Hofrat. Emil trauerte aufrichtig um ihn; Mathilde war verzweifelt. An ein gesellschaftliches Leben war im Trauerjahr nicht zu denken. Elise und Julie reisten jedoch häufiger nach Cassel, um der unglücklichen Witwe beizustehen. Die 14-jährige Caroline ging noch zur Schule und durfte nur während der Ferien mitfahren; Julie jedoch hatte die Schule schon Ostern 1875 abgeschlossen und war, wie die Mutter es sich ursprünglich mit Marie ausgemalt hatte, nun zuhause, um ihr zur Hand zu gehen.
Während Elise sich um die Trauernde kümmerte, verbrachten Julie und Emil viel Zeit gemeinsam. Emil arbeitete hart, um die unvorbereitete Übernahme der Geschäfte zu bewältigen. Immer häufiger besprach er an den Abenden, wenn beider Mütter sich zurückgezogen hatten, die Angelegenheiten der Großhandlung mit Julie. Mit schneller Auffassungsgabe und praktischem Verstand dachte Julie sich rasch in die geschäftlichen Belange und Sorgen ein und entwickelte sogar zunehmendes Vergnügen am Unternehmerischen. Da Mathilde nicht mehr in der Lage war, den Haushalt selbst zu leiten, und Elise ihr Hauswesen in Wildungen und die jüngeren Kinder – Otto und Walther waren erst sieben beziehungsweise zwölf Jahr alt - nicht zu lange Zeit allein lassen mochte, übernahm Julie während ihrer Besuche schnell die Führung des Hauspersonals, verteilte die Aufgaben, besprach mit der Köchin den Speiseplan und die Einkäufe und sorgte für die alltäglichen Belange.
Julie liebte das Haus am Steinweg; die lichten Räume in der ersten Etage mit Blick auf das Ottoneum, das Naturkundemuseum, ursprünglich das älteste Theater Deutschlands, die hohen Kastanienbäume und die im Sommer warm leuchtende Blutbuche. Gegenüber lag der Reitplatz der Militärakademie, auf der anderen Seite der Friedrichsplatz mit Schloss und Regierungsgebäuden. Mit wenigen Schritten erreichte man die „Schöne Aussicht“, die Orangerie und die Karlsauen ebenso wie die Königsstraße, das Kurfürstliche Hoftheater und die von pulsierendem Leben erfüllte Innenstadt.
An einem Abend im Mai saß sie jedoch bedrückt und auffällig still am Tisch und schien abwesend. „Haben Sie irgendwelchen Kummer, Fräulein Julie?“, erkundigte Emil sich besorgt. „Ist Ihnen nicht wohl?“ Julie sah auf und lächelte ihn an. „Nein, es geht mir gut, Danke. Ich habe nur heute eine Freundin aus Schultagen besucht, die ich länger nicht mehr sah. Sie lebt mit ihrem Gatten, einem hohen Beamten, in Berlin und ist für einige Tage hier in Cassel.“ Emil zog fragend eine Braue hoch. „Und die Begegnung hat Sie bekümmert? Haben Sie Sehnsucht nach der Schulzeit bekommen? Oder nach einem hohen Beamten?“ „Gewiss nicht“, Julie schüttelte den Kopf. „Das nun als Allerletztes. Ich hätte sie kaum wiedererkannt. Sie hatte ein strahlendes Wesen, immer unbekümmert. Und jetzt…“ „Jetzt?“, hakte Emil nach. „Jetzt ist sie ein elegant gekleideter, steifer, förmlicher, lebloser… Fisch“, schloss sie etwas lahm. Emil unterdrückte ein Lachen. „Mit toten Fischen Kaffee zu trinken, stelle ich mir in der Tat wenig amüsant vor. Auch wenn ich noch nie das Missvergnügen hatte.“ Julie zog eine Grimasse. „Ich finde ihr Leben furchtbar. Sie empfängt einmal die Woche vormittags Besuch, geht an zwei bis drei weiteren Tagen ihrerseits zu Besuchstagen und Kaffeekränzchen, ansonsten sitzt sie mit ihrer Schwiegermutter zusammen und stickt zierliche Deckchen. Hier wie dort plaudert sie über die immer gleichen „damenhaften“ Themen und Klatsch. Alles, was über Nichtigkeiten hinausgeht, ist Angelegenheit ihres Gatten. Ihre Lektüre ist strikt beschränkt, von den Zeitungen kriegt sie nur den Gesellschaftsteil zu sehen, und jedes Thema, das ich ansprach, – wirklich jedes! – war tabu. Ihre Schwiegermutter und ihr Gatte bedenken jeden Vorstoß, eigene Interessen oder, Gott behüte, gar Gedanken zu entwickeln, mit schärfster Missbilligung. Am schlimmsten finde ich jedoch, dass sie selbst diese Haltung übernommen hat. Ich glaube, Marie hat doch Recht.“ „Was hat denn Marie damit zu tun?“, erkundigte sich Emil irritiert. „Als Marie damals ankündigte, eine Ausbildung zur Lehrerin absolvieren zu wollen, sagte sie mir abends, sie wünsche sich etwas anderes im Leben als die belanglosen Beschäftigungen einer höheren Tochter. Nun, der Alltag einer Dame des gehobenen Bildungsbürgertums ist dem häufig nicht unähnlich, das wurde mir heute bewusst. Vater hat uns Mädchen sehr viel mehr Freiheiten gelassen, als üblich ist.“ Emil runzelte besorgt die Stirn. „Dann kann ich nur hoffen, dass Sie jetzt nicht den Besuch eines Lehrerinnenseminars planen.“ Julie grinste schief. „Das war nie mein Traumberuf. Außer Schriftstellerin gäbe es allerdings kaum eine Alternative. Obwohl Marie erzählte, dass mittlerweile einige Frauen in der Schweiz Medizin studieren. Was ich aber ebenfalls nicht vorhabe.“ „Das stimmt“, nickte Emil. „Im Mittelalter hatten es die Damen der gehobenen Gesellschaft leichter. Denken Sie an die Siegel führenden Handelsherrinnen – als solche könnte ich Sie mir sehr gut vorstellen. Auch die Brauereien waren fast alle in weiblicher Hand; das hätte vielleicht weniger gepasst. Und es gab Apothekerinnen, Hebammen und so weiter. Allerdings“, fügte er mit seinem scheuen Lächeln hinzu, „muss eine bürgerliche Ehe ja nicht unbedingt so verlaufen wie die Ihrer Freundin. Der Ehemann könnte seine Gattin auch als gleichwertige Gesprächspartnerin respektieren und sich verpflichten, sie keinerlei Einschränkungen und Vorschriften zu unterwerfen. Wäre es für Sie auch dann undenkbar, als Ehefrau und Mutter glücklich zu werden?“ War es nicht. Nach Ablauf des Trauerjahrs gab das Paar im Oktober 1878 die Verlobung bekannt.
Im Juli 1878, lange vor der öffentlichen Bekanntgabe und Feier, war Emil nach Wildungen gefahren und hatte bei Julies Eltern um ihre Hand angehalten. Die ihm herzlich gern gewährt wurde. Caroline war aus dem Häuschen vor Freude. Eine Hochzeit! Und sie als Brautjungfer dabei! Ein neues grünes Kleid! Zu schade, dass man es bis Oktober geheim halten musste. Dafür wurde die Hochzeit nur ein halbes Jahr nach dem offiziellen Verlöbnis auf den 29. März 1879 angesetzt.
Ab September lag allerdings im Waldeck-Pyrmontschen Fürstentum ohnehin Hochzeitsfieber in der Luft, so dass man das Thema - allgemein gehalten – überall anschneiden konnte: Der 61-jährige verwitwete niederländische König Willem III. war im Sommer zur Brautschau in die Sommerresidenz der Fürstenfamilie nach Pyrmont gereist. Die Wahl nahmen ihm allerdings die Prinzessinnen weitgehend aus der Hand, so munkelte man allerorten, und so wurde es Legende. Sie beobachteten die Ankunft der beleibten königlichen Hoheit vom Fenster aus. Pauline, mit 23 Jahren die älteste, schüttelte entsetzt den Kopf, „uhh, ist der alt“, die mittlere Schwester, Marie, schloss sich ihr an: „Ich glaub, ich hab schon einen anderen.“ Emma, 20 Jahre alt und wegen ihrer Freundlichkeit überall, auch im Volk, beliebt, seufzte: „Aber wir können den armen Mann doch nicht so allein nach Hause schicken.“
Damit war die Entscheidung getroffen: Im September wurde die Verlobung bekannt gegeben, am 7. Januar 1879 fand im Heimatschloss in Arolsen die Hochzeit statt. Zu den glanzvollen, mehrtägigen Festlichkeiten waren zahlreiche Mitglieder des europäischen Hochadels angereist, aber auch die Bürger des Fürstentums wurden einbezogen.
Mit zwei Geheimen Räten als Großväter hatten die Kleinschmit-Töchter seit je eine gewisse Verbindung zum Hof gehabt, waren dort auch vorgestellt worden. Julie hatte zu Emma eine besondere Neigung: Beide waren fast gleich alt – Emma am 2. August, Julie am 3. Juni 1858 geboren – beide hatten ein einnehmendes, kluges Wesen, und die unprätentiöse Art, mit der Emma die Enkelinnen der Räte ihrer Großmutter und ihres Vaters begrüßt hatte, beeindruckte Julie nachhaltig. Als die Prinzessin knapp zehn Jahre zuvor tief um ihre jüngste, an Lungentuberkulose gestorbene Schwester Sophie trauerte, war Julie kaum zu trösten gewesen.
Und nun also, ebenfalls nur wenige Wochen versetzt, Verlobung und Hochzeit! Elises Eltern lebten nicht mehr, Theodor Kleinschmit jedoch bewohnte noch das schöne Stadthaus an der Großen Allee in Arolsen, in unmittelbarer Nähe zum Barock-Schloss gelegen. So quartierte sich die Familie Kleinschmit kurz nach dem Neujahrsfest dort ein, um die die Hochzeitsfeier flankierenden Bälle auszukosten. Caroline, die am 22. Januar ihren 16. Geburtstag feiern würde, sollte daran teilnehmen dürfen, begleitet von Ernst, Julie und Emil. Auch Carl reiste an, und endlich einmal gab es Zeit und Raum, das herzliche Verhältnis wieder aufleben zu lassen. Die kleinen Brüder Otto und Walther waren, begleitet von ihrer Kinderfrau, ebenfalls dabei. Nur Marie fehlte; sie hatte das Weihnachtsfest bei der Familie in Wildungen verbracht, musste jedoch am Morgen des 2. Januar an ihre Schule nach Marburg zurückkehren.
Das kleine Städtchen Arolsen und die umgebenden Dörfer waren bis auf das letzte Kämmerlein ausgebucht; auch aus allen Teilen des niederländischen Kolonialreiches waren Gäste eingetroffen. Trotz der Januarkälte pulsierten die Straßen von buntem Leben; die exotisch aussehenden Dienstboten weckten Neugier und Abenteuerlust, allerorten herrschte Betriebsamkeit und erwartungsfrohes Gedränge. Am Morgen des 6. Januar hatten Caroline und Julie einen Spaziergang gemacht und das farbenprächtige Treiben bewundert, als ihnen ein bemerkenswertes Paar entgegenkam: Ein überaus braungebrannter, athletisch-schlanker, mit seinen dunklen Haaren fast fremdländisch aussehender, etwa 30-jähriger Mann, neben ihm ein kleiner, zierlicher Asiate unschätzbaren, aber vermutlich hohen Alters, der ihm gerade bis zur Brust reichte. Carolines Augen wurden groß, und sie blieb mit offenem Mund stehen. Julie stupste sie an, „Schnabel zu, Schwesterchen. Und starre nicht so.“ Caroline klappte den Mund zu und wurde feuerrot. Der elegante Korsar musterte sie mit amüsiertem Blick und trat galant beiseite, um sie passieren zu lassen, „mes Demoiselles....“ Julie nickte ihm kurz zu und zog ihre Schwester fort. „Hast Du den gesehen!“ Caroline blieb wieder stehen. „Kaum vermeidbar“, Julie grinste, „nun mach nicht so ein Schafsgesicht.“ „Der sah aus wie – wie Edmond Dantès“, Caroline blickte sich vorsichtig um, aber die hohe Gestalt war schon aus ihrem Blickfeld verschwunden. „Woher willst Du denn das wissen?“, neckte Julie sie. „Die zwei hätten auch Don Quichotte und Sancho Pansa sein können.“ Caroline streckte ihr die Zunge heraus, „Sancho Pansa war dick und Don Quichotte….“ Sie wurden unterbrochen, weil Ernst ihnen entgegen kam. „Wo bleibt Ihr denn? Mutter hat mich geschickt, Euch zu holen. Das dicke S ist gerade eingetroffen!“ – „Das dicke S?“ -„Deine Schwiegermama in spe, Schwesterherz“, Ernst zog eine übertrieben würdevolle Miene und machte einen Diener. Caroline kicherte. „Hätte von mir kommen müssen. Als Revanche für das grüne Dear.“ Julie versuchte einen mütterlich-strafenden Blick. „Caro hat soeben den Grafen von Monte-Christo gesichtet“, erklärte sie ihrem Bruder. „Vor der Kerkerhaft, versteht sich. Und darüber jegliches Benehmen verloren. Nimm sie mir ab, und ich eile in Schwiegermutters Arme.“
Am Mittag des 7. Januar verkündeten 101 Kanonenschüsse vor dem Schloss die Hochzeit, eine große Menschenmenge jubelte dem Brautpaar zu; Arolsen verwandelte sich in einen Festplatz. Für die abendlichen Festlichkeiten hatten Julie und Caroline sich neue Ballkleider schneidern lassen dürfen – Julies aus einem wunderbar warm leuchtenden blauen Seidenstoff, der perfekt zu ihren dunkleren Haaren passte, Caroline mit ihren rotblonden Locken hatte ein zartes Lindgrün (was sonst) gewählt. Am frühen Abend während des Ankleidens erreichte die Aufregung ihren vorläufigen Höhepunkt; für Caroline war es der erste wirklich große Ball. Und es wurde ein wundervoller Abend, für die ganze Familie. Ernst geleitete sie zu ihrem ersten Tanz, Julie und Emil nahmen neben ihnen Aufstellung, und schon vor den nächsten Tänzen mit ihren Brüdern und dem Verlobten ihrer Schwester war Carolines Tanzkarte ausgefüllt. Julie fiel jedoch auf, wie ihre Blicke schweiften. Es bestand wenig Zweifel daran, wonach, oder besser, nach wem sie suchte. Sie sah sich ihrerseits um: Edmond-Quichotte schien nicht im Saal zu sein; gut so. Besser, wenn ihre kleine Schwester sich nicht an ihrem ersten Ballabend in jemanden verguckte – und schon gar nicht in jemanden, der zwar großartig, aber doch ein wenig anders wirkte als die Herren aus ihren Kreisen.
Sie hätte es besser wissen müssen. Carolines Phantasie war angefacht. Edmond Dantès, der Seefahrer. Mit bitterem Unrecht eingekerkert und nach 15 Jahren als Comte de Monte-Cristo wieder auferstanden. Ein Abenteurer, ein Gentleman, geschmeidig, verwegen, braungebrannt (zugegeben, letzteres nur während seiner Zeiten zur See, nicht als Graf) – das Gegenbild der blassen Bürgersöhnchen und beleibten Kaufleute. Nichts gegen Emil, der sah ganz niedlich aus, und den lieben Ernst natürlich. Es gab auch noch den ein oder anderen passablen jungen Mann. Aber keine Chance gegen eine solche Gestalt! Nur war ebendiese leider nirgendwo in Sicht. Nun, das Tanzen machte trotzdem Spaß. Aber am nächsten Tage würde sie versuchen, Erkundigungen einzuholen.
Sie konnte nicht wissen, wie nah sie mit ihren Vermutungen dem Objekt ihrer Träume kam: Kerkerhaft hatte er zwar nicht erlebt, auch nicht den Verlust seiner großen Liebe an einen Intriganten oder anderes großes Unglück, eher im Gegenteil. Aber Seefahrer stimmte. Allerdings nicht mehr als einfacher Matrose. Willem Albert Meyer, geboren am 6. September 1847 in Djacarta, war der Sohn eines mittlerweile im Ruhestand befindlichen Hauptlehrers. Er liebte seine Heimat in den ostindisch-niederländischen Kolonien, aber nach Abschluss seiner eigenen Schulzeit war ihm klar: Lehrer würde er nicht werden. Auch nicht Beamter. Das Abenteuer lockte. So war er mit 17 Jahren zur See gegangen und hatte es mit viel Verstand, Tatkraft und einer gehörigen Portion Glück schon mit 24 Jahren zum Partikulier gebracht: Anders als ein normaler Reeder blieb er damit auch Kapitän seines eigenen Schiffes. Das war 1871 gewesen. Mit der Eröffnung des Suez-Kanals 1869 war das Exportvolumen explodiert. Reeder und Partikuliers konnten in wenigen Jahren ein Vermögen anhäufen. Mit 31 Jahren war er nun ein wohlhabender Mann. Nach Arolsen hatte es ihn eher zufällig verschlagen.
Nachdem sein Schiff in Amsterdam eingelaufen war, war er der Einladung eines seiner Handelspartner gefolgt und von diesem überaus herzlich aufgenommen worden. Da er ohnehin einen längeren Aufenthalt eingeplant hatte und erst sechs Wochen später neue Fracht aufnehmen und die Rückkehr antreten würde, nahm er den Vorschlag seines Gastgebers gerne an, ihn zur königlichen Hochzeit zu begleiten. So ließ er sein Schiff in der Obhut der Mannschaft; mit ihm reiste sein persönlicher Vertrauter, Mentor, Freund und Diener Hieronymus. Der pompöse Name stand in kuriosem Missverhältnis zur Erscheinung des zierlichen alten Malaien und passte ebenso wenig zu seiner Körpergröße wie die fröhliche Kurzform „Ronny“ zu seiner stets ernsten Mimik. Er hatte ihn seiner Mutter zu verdanken, die als Haushälterin eines gelehrten geistlichen Niederländers gearbeitet hatte. Obwohl sie fest an alle möglichen Geister und Gottheiten glaubte und gegen jedweden Missionierungsversuch aus Überzeugung immun gewesen wäre, faszinierte sie ein Dürer-Stich im Studierzimmer ihres Arbeitgebers derart, dass sie den titelgebenden Namen kurzerhand ihrem winzigen Neugeborenen verpasste. Sein Vater, der ebenfalls im Haushalt angestellt war, hatte dabei kein Stimmrecht erhalten.
Willem verdankte Ronny ungemein viel: Sie hatten sich auf dem ersten Schiff, auf dem er angeheuert hatte, kennen gelernt, und nachdem Willem Ronnys buntgescheckte Katze davor bewahrt hatte, von abergläubischen Matrosen ersäuft zu werden (es war noch ein Schiffskater an Bord und Frauen brachten auf selbigem Unglück, auch seidenfellige auf vier Pfoten), war er ihm unverbrüchlich ergeben. Er hatte es Ronnys wortkarger, aber sicherer Lenkung zu verdanken, zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Schritte unternommen und jugendliche Dummheiten sowie Fehler aus Unerfahrenheit unterlassen zu haben.
Im Ballsaal konnte Caroline ihn aus dem einfachen Grund nicht entdecken, weil Willem diesen nicht betrat. Er war von seinem Gastgeber mit verschiedenen Herren der obersten niederländischen Gesellschaftsschicht bekannt gemacht worden, und es wäre grob fahrlässig gewesen, diese Chance, Kontakte zu knüpfen, nicht zu nutzen. Außerdem war er der Verkupplungsversuche überdrüssig, die jeder Aufenthalt an Land mit sich brachte und zu denen sich dieses Mal sein Gastgeber und Ronny verbündet zu haben schienen. Nicht dass die beiden je ein Wort wechselten, aber sie verfolgten unzweideutig die gleichen Ziele. Also hielt er sich fern von den jungen Damen und noch ferner von ihren Müttern, die auf der Suche, ihre Tochter unter eine möglichst gutsituierte Haube zu bringen, die Blicke schweifen ließen.
Ronny war selbstredend nicht mitgekommen; seine Gedanken gingen jedoch in eine Richtung, die der von Caroline gar nicht so fern war. Er fand es überfällig, dass sein Freund, Herr und Schützling endlich sesshaft wurde. Aus drei Gründen: Zum einen täte es Willem gut, eine Familie zu gründen und das unstete Leben aufzugeben. Zum zweiten schuldete er es seinen Eltern: Die wurden nicht jünger, und für sie wäre es richtig, wenn der Sohn sich nicht mehr auf den Meeren herumtrieb. Und die Eltern hatten höchste Priorität, sie kamen sozusagen kurz hinter den Geistern. Und zum dritten wurde er selber alt und hatte wenig Lust, seine letzten Lebensjahre auf See zu verbringen. Also musste er ihm eine Frau suchen, ganz einfach. Oder auch nicht, denn die bisherigen Versuche waren grandios gescheitert, und so recht wollten ihm selbst die fraglichen Kandidatinnen auch nicht behagen. Das hübsche Mädchen mit der eleganten jungen Dame an ihrer Seite, das sie mit so großen Augen gemustert hatte, war ihm jedoch aufgefallen – sie strahlte eine so natürliche, unaffektierte Frische aus, dass sich eine Nachforschung vielleicht lohnte.
Carolines Versuche in der Richtung konnten sich zunächst nur auf vorsichtige Nachfragen beim Personal ihres Großvaters beschränken und waren nicht von Erfolg gekrönt. Ronny hatte bessere Optionen. Er fand den Wohnort seiner Zielpersonen bereits am nächsten Mittag heraus, als er ihnen unauffällig folgte, hatte dann ein Paket mit kolonialen Spezereien bei der Köchin abzugeben – ach, das war nicht die richtige Adresse? Wie bedauerlich – und erlitt vor der Tür des Dienstboteneingangs einen plötzlichen, heftigen Schwächeanfall. Natürlich wurde er mit christlicher Nächstenliebe versorgt, auch die beiden jungen Damen eilten herbei. Die Jüngere nahm wiederum Farbe an, bekam runde Augen, und kümmerte sich so fürsorglich, dass er sich veranlasst sah, sich nicht allzu schnell zu erholen. Stattdessen bat er darum, man möge einen Boten schicken und seinen Herrn informieren. Der daraufhin zu seiner Hilfe eilte (allerdings ernstlich besorgt, der Arme). Mittlerweile waren auch die beiden Brüder der jungen Damen hinzugekommen - einen kollabierten Malaien hatte man schließlich nicht alle Tage in der Küche - und so fand eine formvollendete Vorstellung statt, in deren Folge sein Herr für den nächsten Tag zum Tee geladen wurde, bevor man abends erneut einen Ball aufsuchen würde. Na bitte.
Willem fiel in der Aufregung erst später auf, dass es keinerlei Grund gegeben hatte, ein Päckchen an der besagten Haustür vorbei zu bringen. Aber da war die Verabredung schon getroffen, und die Dinge nahmen ihren Lauf. Mit den Brüdern und dem künftigen Schwager der jungen Damen verstand er sich auf Anhieb. Und diese selbst waren so charmant und bezaubernd, dass er noch nicht einmal erwog, sich dem abendlichen Tanz entziehen. Julie war besorgt, aber Caroline schwebte auf Wolken. Elise und Rudolph schienen von dem ostindisch-niederländischen Geschäftsmann überaus angetan, nahmen auch durchaus gewisse schmachtende Blicke Carolines wahr, dachten sich aber nichts dabei und wurden erst argwöhnisch, als Caroline am Folgeabend gegen jedes comme il faut nur je einen Tanz mit ihren Brüdern und Emil absolvierte und ansonsten ihre Tanzkarte für ihren neuen Bekannten reservierte. Sie hätten ohnehin nichts ändern können; Willem und Caroline hatten sich heftig verliebt, und so kam es, wie es kommen musste: Als das Ende des Aufenthalts in Arolsen nahte, sprach Willem bei Rudolph vor und bat, um die Hand seiner jüngsten Tochter anhalten oder zumindest werben zu dürfen. Rudolph war ehrlich betroffen. Schwärmerei hin oder her – dass sich Caroline mit einem Verehrer ins Einvernehmen setzte, der sie ans andere Ende der Welt bringen würde, hätte er in düstersten Visionen nicht erwartet. Noch dazu in so rasantem Tempo, und nachdem Marie schon den vorgezeichneten Weg verlassen hatte, um als Blaustrumpf und Lehrerin in Marburg zu leben. Gleichzeitig liebte er seine Töchter sehr und wollte sich nicht einer Eheschließung aus Neigung entgegenstellen. Und der Kandidat hatte durchaus auch etwas zu bieten: Sein Wohlstand war beträchtlich, und er plante, auf Java eine Zuckerrohrplantage zu erwerben, um sich dort niederzulassen. Überzeugend waren auch die Bürgen, die er nannte, so dass Rudolph die Richtigkeit seiner Angaben prüfen konnte. Der erhebliche Altersunterschied von fast 16 Jahren war zwar hinnehmbar – er und Elise waren elf Jahre auseinander - aber sein Küken! Es war noch jung, noch keine 16 Jahre alt. Er bat um Bedenkzeit und besprach sich mit Elise.
