Ein Elternhaus für Tom und Toni - Patricia Vandenberg - E-Book

Ein Elternhaus für Tom und Toni E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Im Sonnenwinkel ist eine Familienroman-Serie, bestehend aus 75 in sich abgeschlossenen Romanen. Schauplätze sind der am Sternsee gelegene Sonnenwinkel und die Felsenburg, eine beachtliche Ruine von geschichtlicher Bedeutung. Wundervolle, Familienromane die die Herzen aller höherschlagen lassen. »Ein Brief für dich, Carlo. Von einer Dame«, sagte Marianne Heimberg mit einem anzüglichen Lächeln zu ihrem Mann. Er zwinkerte ihr vergnügt zu. »Eifersüchtig, Anne?« »Gott bewahre! Du kehrst schon an den Futtertrog zurück.« »Nicht nur an den Futtertrog«, erwiderte er und fing ihre Hand ein, um sie an die Lippen zu drücken. Sie hatten sich erst im reifen Alter gefunden. Er als bis dahin eingefleischter Junggeselle, sie als verwitwete Frau von Rieding ohne jede Ambition, noch einmal zu heiraten. Aber sie waren glücklich geworden und fühlten sich mit ihrem innig geliebten Adoptivsohn Tino als junge Familie. »Nun lies den Brief doch endlich!«, drängte sie. »Wie kann man nur so neugierig sein«, neckte er sie. »Die Handschrift kenne ich. Gibt es das auch, dass Marisa mal wieder etwas von sich hören lässt?« »Marisa?« Marianne war der Name bekannt.

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Seitenzahl: 141

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Im Sonnenwinkel – 13 –Ein Elternhaus für Tom und Toni

… in dem die Liebe an erster Stelle steht

Patricia Vandenberg

»Ein Brief für dich, Carlo. Von einer Dame«, sagte Marianne Heimberg mit einem anzüglichen Lächeln zu ihrem Mann.

Er zwinkerte ihr vergnügt zu. »Eifersüchtig, Anne?«

»Gott bewahre! Du kehrst schon an den Futtertrog zurück.«

»Nicht nur an den Futtertrog«, erwiderte er und fing ihre Hand ein, um sie an die Lippen zu drücken.

Sie hatten sich erst im reifen Alter gefunden. Er als bis dahin eingefleischter Junggeselle, sie als verwitwete Frau von Rieding ohne jede Ambition, noch einmal zu heiraten. Aber sie waren glücklich geworden und fühlten sich mit ihrem innig geliebten Adoptivsohn Tino als junge Familie.

»Nun lies den Brief doch endlich!«, drängte sie.

»Wie kann man nur so neugierig sein«, neckte er sie. »Die Handschrift kenne ich. Gibt es das auch, dass Marisa mal wieder etwas von sich hören lässt?«

»Marisa?« Marianne war der Name bekannt. Sie war die Nichte ihres Mannes, aber persönlich waren sie sich noch nie begegnet. Marisa war verheiratet und lebte irgendwo in Norddeutschland.

»Mich sollte es nicht wundern, wenn ich doch recht behalten hätte und ihre Ehe schiefgegangen wäre«, überlegte er laut, während er den Umschlag aufschlitzte. »Sie war mir damals mächtig böse, als ich meine Bedenken äußerte.«

»So etwas tut man auch nicht, Carlo. Eine Ehe ist immer ein Lotteriespiel. Man weiß nie, ob man ein Glückslos gezogen hat.«

»Ich bin doch hoffentlich keine Niete?«, fragte er schmunzelnd.

»Ich habe eben Glück gehabt«, erwiderte sie zärtlich.

»Und ich erst! Komm, setz dich zu mir, Anne! — Nun, was habe ich gesagt! Dein alter Carlo hat sich nicht getäuscht. Zwei Jahre ist sie schon geschieden.« Er versank in Nachdenken. »Sie war ein so bezauberndes Mädchen, Anne«, stellte er seufzend fest.

»Lies vor!« rüttelte sie ihn auf.

»Lieber Carlo… – Als Onkel war ich ihr nie seriös genug«, kommentierte er. »Na, sie würde staunen, was für ein treusorgender Familienvater ich geworden bin.«

»Vorlesen sollst du!«, ermahnte ihn seine Frau.

Es war ein langer Brief, dennoch knapp gefasst und ohne Klagen, Umschreibungen und Entschuldigungen.

Marisa, mit vollem Namen Marie-Luise Ruland, hatte erst auf Umwegen in Erfahrung gebracht, wo ihr Onkel, den sie schlicht Carlo nannte, jetzt lebte. Ihren Mann und den Grund ihrer Scheidung – unüberbrückbare Gegen­sätze – erwähnte sie nur am Rande.

»Du hast es besser gewusst als ich«, schrieb sie weiter, »und gerade darum fällt es mir schwer, Dich um Hilfe zu bitten. Doch ich tue es nicht für mich, sondern für meine kleine Toni, die lange Zeit schwer krank war. Die kostspielige Behandlung hat meine Ersparnisse aufgezehrt. Das Kind brauchte Pflege, so konnte ich keine Stellung annehmen. Nun soll und muss sie aus der Stadt heraus und Luftveränderung haben. Ich weiß nicht, woher ich das Geld nehmen soll. Ich bitte Dich herzlich, es mir zu leihen. Wenn ich Toni in einem Heim unterbringen kann, könnte ich arbeiten und würde Dir Dein Darlehen – nur als solches würde ich Deine Hilfe betrachten – bald zurückzahlen können.«

Carlo Heimberg hielt inne.

»Ersparnisse?«, sagte er grimmig. »Sie hatte eine Mitgift von ein paar Hunderttausend. Ahnte ich es doch, dass der Kerl alles verpulvern würde. Dieser Schlawiner, es ist doch immer dasselbe!«

»Daran wirst du jetzt nichts mehr ändern können, aber ihr muss geholfen werden«, stellte Marianne fest. »Wozu ein Heim für das Kind, in dem es die Mutter entbehren muss? Sie sollen beide herkommen. Sofort wirst du es ihr schreiben, Carlo!«

»Meine liebste, beste Anne, du bist wundervoll, aber wie ich Marisa kenne, wird sie das nicht annehmen wollen. Sie muss in einer schrecklichen Situation sein, wenn sie eine solche Bitte ausspricht.«

»Dann werden wir ihr eben schreiben, dass sie mit dem Kind herkommen soll, und wir es hier in einem Heim unterbringen. Alles Weitere wird an Ort und Stelle geklärt. Wie mir scheint, hat auch sie eine Erholung verflixt nötig.«

Er nahm sie in den Arm und küsste sie zärtlich.

»Weißt du, wie einem Mann zumute ist, der mit einem Engel verheiratet ist?«, fragte er leise.

»Nun übertreib nicht«, wehrte sie verlegen ab. »Das ist doch selbstverständlich! Wo könnte sich das Kind besser erholen als hier.«

*

Voller Dankbarkeit hatte Marisa Ruland den Brief gelesen, den Marianne und Carlo Heimberg ihr geschrieben hatten.

Nach dem Fiasko ihrer eigenen Ehe war sie skeptisch gewesen, als sie erfahren hatte, dass Carlo noch in späten Jahren geheiratet hatte.

Ein Mann wie er, erfolgreich, vermögend, von Frauen umschwärmt, taugte ihrer Ansicht nach eigentlich nicht zum Ehemann. Doch jetzt war dieses Vorurteil ins Wanken geraten.

»Warum freust du dich?«, fragte die kleine Antonia, die an ihrem Schreibpult saß und sich die Zeit mit einem Puzzlespiel vertrieb.

»Wir werden eine Reise machen, Toni, eine weite Reise«, erwiderte sie.

»Nach Afrika?«, fragte die Kleine.

Marisa gab es einen Stich. Sie hatte ihrer Tochter damals, als sie sich scheiden ließ, gesagt, dass ihr Vater nach Afrika gegangen sei, was auch stimmte. Nur hatte sie Toni verschwiegen, dass er nie mehr zu ihnen zurückkommen würde. Sie hatte gehofft, dass die Zeit ihr und auch dem Kind helfen würde, diese Trennung zu überwinden.

So bitter ihr Mann sie auch enttäuscht hatte, er war ihre erste Liebe gewesen, und damals, als sie heirateten, hatte sie geglaubt, dass eine solche Liebe ewig währen müsse.

»Warum sagst du nichts, Mami?«, fragte Toni mit ihrem zarten Stimm­chen.

»Ganz so weit fahren wir nicht«, erwiderte sie gepresst.

Das ernste Gesichtchen des Kindes hellte sich auf.

»Da bin ich eigentlich froh. Ich mag gar nicht nach Afrika. Ich dachte schon, Papa würde uns doch noch holen.«

Marisas Herz schlug dumpf. Ein Staunen war in ihr.

»Hast du es dir nicht gewünscht?«, fragte sie leise, ihr Kind zärtlich in den Arm nehmend.

Toni schüttelte den Kopf.

»Er hat immer mit dir gestritten, das konnte ich nicht leiden. Ich bin gern mit dir allein, Mami.«

Ein riesengroßer Stein fiel Marisa vom Herzen. Sie konnte es gar nicht so schnell fassen, dass diese Beklemmung ein Ende haben sollte.

»Wir fahren zu Onkel Carlo und Tante Marianne«, erklärte sie rasch.

»Zu dem Carlo, der Häuser baut?«, fragte Toni. »Ich wusste gar nicht, dass er eine Tante Marianne hat.«

»Sie haben uns einen lieben Brief geschrieben.«

Sie hatten auch geschrieben, Toni nichts von einem Heim zu erzählen, damit sie keinen Schock bekäme. Es würde sich alles finden, wenn sie erst bei ihnen waren, hieß es in dem Brief weiter.

Vielleicht gelang es ihr, dort drunten eine Arbeit zu finden, damit sie Toni wenigstens öfter besuchen konnte.

»Kommt Papa gar nicht wieder, Mami?«, fragte Toni in ihre Gedanken hinein.

»Nein, mein Kleines«, antwortete sie stockend, »er kommt nicht mehr wieder.«

»Ihm gefällt es wohl in Afrika?«, wollte Toni wissen. »Uns würde es da gar nicht so sehr gefallen, nicht wahr, Mami?«

Er hatte in Kapstadt eine andere Frau gefunden, die Geld genug hatte, sein aufwendiges Leben zu bestreiten. Wie lange?

Auch sie hatte einmal ein beträchtliches Vermögen besessen, und nichts war geblieben.

»Nein, uns würde es da nicht gefallen, Toni«, sagte sie.

»Aber bei Onkel Carlo und Tante Marianne ist es sicher schön, wenn du dich freust, Mami.«

»Ja, mein Liebling«, erwiderte sie, und sie hoffte mit heißem Herzen, dass ihr geliebtes Kind einmal so fröhlich und ausgelassen wie andere Kinder herumspringen konnte.

Die kleine Toni hatte ein Hüftgelenkleiden gehabt. Sie war mehrmals operiert worden, und während der letzten Operation hatte sie auch noch eine Lungenentzündung bekommen.

Marisa durfte gar nicht daran denken, wie viel Angst sie ausgestanden hatte, auch dieses Kind zu verlieren, das alles war, was sie noch besaß. Er war ihr Kind! Rainer hatte nichts für die Kleine übriggehabt, die so zart und anfällig gewesen war.

Toni war ein zärtliches, anschmiegsames Kind. Sie liebte ihre Mami abgöttisch. Sie war überglücklich, immer bei ihr sein zu können, und ahnte nichts von den Sorgen, die Marisa bewegten.

Aber nun tauchte mit diesem Brief ein Silberstreif am Horizont auf.

»Wann machen wir denn die Reise, Mami?«, fragte Toni.

»Bald, mein Liebling. Gleich heute erkundigen wir uns nach der Zugverbindung.«

»Und dann packen wir den Koffer!«, strahlte Toni, und dieses Lächeln zauberte Glanz in Marisas Augen.

*

»Elf Uhr dreißig kommen sie in Hohenborn an«, sagte Carlo Heimberg. »Gerade recht zum Mittagessen. Ich werde einen Tisch in den ›Tessiner Stuben‹ bestellen.«

»Das wäre ja noch schöner!«, widersprach seine Frau. »Hier wird gegessen! Du fährst zum Bahnhof und holst sie ab. Dann bringt ihr gleich Tino von der Schule mit, und inzwischen wartet der Mittagstisch auf euch. Tino und Toni«, sie lachte leise, »die beiden werden sich verstehen. Unser Tino hat so viel Herz.«

Sie dachte selten an den Tag, an dem sie Tino, den elternlosen Jungen, auf der Straße aufgelesen hatten. Er gehörte so sehr zu ihnen, dass sie es gar nicht wahrhaben wollten, dass nur ein Zufall sie zusammengeführt hatte.

Ganz schnell hatte er alle Eigenheiten von Carlo angenommen, sodass er ihm so ähnlich geworden war, dass jedermann, der die Vorgeschichte nicht kannte, glaubte, er sei sein Sohn.

Eigentlich hätten sie Marisa mehr über Tino schreiben müssen, damit sie nicht gar zu sehr überrascht wurde.

Doch nun kamen sie schon heute. Mit einem Telegramm hatte Marisa die Ankunft angekündigt. Vor zehn Minuten hatte es der Postbote gebracht. Tino war schon auf dem Schulweg gewesen.

Die Gästezimmer hatte Marianne bereits hergerichtet. Sie ging nun in den Garten und schnitt Blumen.

Dann begab sie sich rasch zu ihrer Tochter Sandra hinüber, die eben ihre Zwillinge versorgte.

Mit einem zärtlichen Kuss begrüßte sie ihre schöne Tochter, die glückliche Frau des Industriellen Felix Münster.

»Marisa und Toni kommen heute«, erzählte sie.

»Auf dass das Haus voll werde«, lachte Sandra.

»Es ist ja groß genug«, bemerkte Frau Marianne entschuldigend.

»Ich habe dir doch keinen Vorwurf gemacht, Mutti«, sagte Sandra schnell. »Da, nimm Felix mal. Er ist kaum noch zu bändigen.«

Sandra war ausgelastet mit ihrem Zwillingspärchen und Manuel, den ihr Mann mit in die Ehe gebracht hatte.

Er besuchte nun die Grundschule in Erlenried.

Wäre Sandra nicht Felix Münsters Frau geworden, wer weiß, ob Marianne von Rieding sich dann entschlossen hätte, Carlo Heimberg zu heiraten!

Doch das Schicksal hatte es mit Mutter und Tochter gut gemeint, und wenn nun auch jede ihre eigene Familie hatte, litt ihre innige Zuneigung darunter nicht.

Marianne war nicht nur eine liebevolle Mutter, sie war auch eine zärtliche Omi, wenngleich dies niemand der jugendlichen Frau abnehmen wollte.

Der kleine Felix fühlte sich in ihrem Arm so wohl, dass er Zeter und Mordio schrie, als er dann in sein Bettchen gelegt wurde, während sein Schwesterchen Alexandra schon selig schlummerte.

*

Zu dieser Zeit hatten Marisa und ihr Töchterchen bereits den größten Teil der Reise hinter sich gebracht.

Es hatte viel zu schauen gegeben für Toni, und sie war dabei schließlich doch müde geworden.

Nun hieß es umsteigen, und das war für Marisa nicht so einfach mit den zwei großen Koffern und dem Kind. Zudem kannte sie sich auf dem Bahnhof in Frankfurt nicht aus.

Hohenborn war eine Zwischenstation, die auf dem Fahrplan nicht angegeben war.

Der Fahrdienstleiter war umlagert, und sie wusste, dass sie nicht lange Aufenthalt hatte.

»Können Sie mir bitte sagen, von welchem Bahnsteig der Zug nach Hohenborn fährt?«, rief sie über die Wartenden hinweg.

Ein Herr, der an ihnen vorüberging, blieb stehen.

»Nach Hohenborn wollen Sie?«, fragte er freundlich. »Das ist auch mein Ziel. Ich helfe Ihnen.«

»Vielen Dank«, sagte Marisa verlegen, um dann Toni besorgt anzuschauen, die Fremden gegenüber sehr scheu war.

»Bin so sehr müde, Mami«, flüsterte die Kleine.

Der Fremde griff nach ihren Koffern. Ein leises Misstrauen erwachte in Marisa. Konnte sie ihm trauen? Nun, er sah nicht so aus, als wäre er ein Kofferdieb. Er wirkte sehr seriös.

Sie nahm Toni auf den Arm. Federleicht war das Kind, obgleich es nun schon fast sechs Jahre war.

»Leider müssen wir uns etwas beeilen«, sagte der Fremde mit seiner angenehmen dunklen Stimme. »Der Bahnsteig ist am andern Ende.«

Ja, es war ein recht weiter Weg, und Marisa war ganz außer Atem, als sie endlich dort anlangten.

»Bitte beeilen, der Zug fährt gleich ab!«, rief der Schaffner.

Der hilfreiche Fremde verstaute die Koffer und half Marisa beim Einsteigen.

Toni klammerte sich an sie, als hätte sie Angst, von ihrer Mami getrennt zu werden.

»Nun ruhen Sie sich erst einmal aus«, erklärte der Herr. »Übrigens, mein Name ist Brandes, ich bin der Apotheker von Hohenborn.«

»Herzlichen Dank, Herr Brandes«, erwiderte Marisa stockend. »Ich heiße Marie-Luise Ruland, und das ist Antonia, meine Tochter.«

»Guten Tag, Antonia«, bemerkte Viktor Brandes lächelnd.

»Mami sagt Toni zu mir«, flüsterte die Kleine. »Bin so müde, Mamilein.«

Sie waren allein im Abteil. Toni konnte sich ausstrecken. Sie kuschelte ihr Köpfchen in Marisas Schoß und schloss die Augen.

»Sagt uns der Herr, wann wir aussteigen müssen, Mami?«, fragte sie flüsternd.

»Aber gewiss, ich passe schon auf«, warf Viktor Brandes ein.

Toni schlief rasch ein.

Eine Weile herrschte Schweigen zwischen ihnen.

Unauffällig musterte Viktor Brandes die junge Frau, während Marisa aus dem Fenster schaute, den Kopf in die rechte Hand gestützt.

»Sie waren noch nie in Hohenborn?«, fragte er leise.

Marisa schrak zusammen. »Nein«, beeilte sie sich zu erwidern. »Wir wollen auch nach Erlenried.«

»Da haben Sie sich aber ein schönes Plätzchen ausgesucht«, stellte er fest.

Er war so freundlich und hilfsbereit, und da er Apotheker war, würde sie ihm sicher noch häufiger begegnen, denn sie brauchte laufend Medikamente für Toni. Warum sollte sie sich nicht ein wenig mit ihm unterhalten.

»Ich besuche Verwandte«, erzählte sie. »Herrn und Frau Heimberg, wenn diese Ihnen zufällig bekannt sein sollten.«

»Oh, wer kennt sie nicht«, lächelte er. »Herrn Heimberg haben wir schließlich die modernste und zugleich schönste Siedlung des ganzen Landkreises zu verdanken. Sie werden staunen, wenn Sie Erlenried sehen, gnädige Frau. Und Sie werden sogar Lust bekommen, dort selbst ein Haus zu kaufen.«

Sehe ich so aus, als könnte ich es mir leisten? dachte Marisa. Ihre Kleidung stammte zwar noch aus besseren Tagen, aber ganz entsprach sie der Mode nicht.

Sie wusste nicht, dass gerade dies Viktor Brandes so sympathisch berührte.

»Selbst wenn ich das wollte, könnte ich es mir nicht leisten«, sagte sie ehrlich. Nein, er sollte sich keine falschen Vorstellungen von ihr machen. »Lieb wäre es mir, wenn sich in der Umgebung eine Möglichkeit ergäbe, eine Stellung zu finden«, fügte sie dann leise hinzu.

»Oh, das ganz sicher«, erwiderte er rasch, um sich insgeheim zu fragen, wieso es eine Verwandte von Carlo Heimberg nötig hatte, ihren Lebensunterhalt als Angestellte zu verdienen.

Er hätte ihr am liebsten gleich selbst einen Posten angeboten, denn er brauchte dringend eine Hausdame, die seinen störrischen Sohn Tom unter die Fittiche nahm und sein Haus in Ordnung hielt, aber er wagte doch nicht, davon zu sprechen. Es kam ihm zu aufdringlich vor.

»In die Apotheke werde ich öfter kommen«, fuhr sie verhalten fort. »Toni war sehr krank. Wir brauchen laufend Medikamente. Gibt es in Erlenried auch einen Arzt?«

»Aber gewiss, einen sehr guten sogar. Dr. Riedel. Dem können Sie unbesorgt vertrauen. Er hat Jahre an der Mayo-Klinik praktiziert.«

»Wie interessant. Toni hat ein paar schwere Hüftgelenkoperationen hinter sich.«

»Das hat Ihnen sicher sehr viele Sorgen bereitet«, stellte er teilnahmsvoll fest. »Wie alt ist sie?«

»Fast sechs. Man glaubt es kaum.«

Ein trauriges Lächeln umspielte ihre Lippen.

»Mein Sohn ist auch sechs, aber ein schöner Brocken«, erklärte er. »Und ein Wildfang, den man kaum bändigen kann.«

»Es ist so besser, als wenn ein Kind nicht herumspringen kann«, bemerkte sie leise. »Haben Sie mehrere Kinder?«

»Nein, nur das eine. Ich muss sagen, zum Glück, denn einfach ist es nicht, wenn man einen Beruf hat und dann noch ein Kind erziehen soll. Die Hausangestellten laufen uns dauernd weg. Ich bin geschieden«, fügte er beiläufig hinzu.

»Ich auch«, sagte sie. Dann war wieder Schweigen zwischen ihnen.

Es kam ihnen beiden etwas eigenartig vor, dass sie sich so viel mitteilten.

Plötzlich war Viktor Brandes voller Hemmungen. Unwillkürlich verglich er Marisa mit Lisa, seiner geschiedenen Frau, die ihn von heute auf morgen mit einem anderen Mann verlassen hatte, ohne an das Kind zu denken.

Damals war er wie vor den Kopf geschlagen gewesen, denn er hatte sich immer bemüht, ihre anspruchsvollen Wünsche zu erfüllen und alle Gegensätzlichkeiten zu überbrücken.

Aber Lisa war das Leben in der kleinen Stadt zu öde gewesen. Sie nörgelte an allem herum und fühlte sich vernachlässigt. Sie wollte ihr Leben genießen, doch das konnte man in Hohenborn nicht so, wie sie es sich vorstellte.

Was mochte wohl der Grund für Marie-Luise Rulands Scheidung gewesen sein, ging es ihm durch den Sinn.

Sie hatte ähnlichen Gedanken nachgehangen und es vermieden, seinem Blick zu begegnen.

Er mochte Mitte Dreißig sein, vielleicht auch älter oder jünger.

Er war ein zeitloser Typ. Sein schmales, sympathisches Gesicht verriet viel Innerlichkeit und Güte.

Es war ihr unvorstellbar, dass eine Frau nicht mit ihm auskommen konnte. Aber vielleicht war es umgekehrt der Fall gewesen.

»Wie lange fahren wir noch bis Hohenborn?«, fragte sie, um das Schweigen, das ihr plötzlich unerträglich wurde, zu überbrücken.

»Noch eine halbe Stunde«, erwiderte er.