Ein empfindsamer Mensch - Jáchym Topol - E-Book

Ein empfindsamer Mensch E-Book

Jáchym Topol

0,0
23,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Eine tschechische Künstlerfamilie, eine Art Living Theatre, gastiert beim Shakespeare Festival in Großbritannien und wird von Brexit-Anhängern aus dem Land gejagt (LEAVE MEANS LEAVE! NO CZECH VERMIN!). Im Campingwagen reisen sie quer durch Europa, gegen den Strom der Flüchtlinge, Richtung Osten. Sie geraten ins russisch-ukrainische Kriegsgebiet, treffen Gerard Depardieu, klauen ihm seinen BMW und machen sich auf den Heimweg nach Böhmen. Ihre Odyssee führt durchs »Labyrinth der Welt« und ins »Lusthaus des Herzens«.

Als »politischer Gegenwartsroman« wurde Topols neuer Roman in Tschechien gefeiert. Er spielt 2015 und nimmt Motive aus seiner mitteleuropäischen 1989er-Road-Novel Die Schwester auf, mit der Topol als junger Dichter berühmt wurde. Damals reisten seine Helden durch eine Landschaft nach dem Ende des Ost-Westkonflikts, die ihnen die Lavabrocken der Vergangenheit vor die Füße schleuderte – alles war in Bewegung, die einst geschlossenen Gesellschaften brachen auf in eine ungewisse, aber lockende Freiheit.

Sprachgewaltig und karnevalesk ist auch Topols heutige Vermessung Europas. Ein Kontinent, der wieder Mauern hochzieht und sich in nationalistische Träumereien verkriecht, während die Suche nach dem Sinn menschlichen Daseins und der eigenen Identität immer weiter geht.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 580

Veröffentlichungsjahr: 2019

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Jáchym Topol

Ein empfindsamer Mensch

Roman

Aus dem Tschechischen von Eva Profousová

Suhrkamp

Inhalt

1 Bristol Globe · Warum er sich an beide wendet · Nächtliche Horden · Mama am Morgen · Das Heft · Tätowierter Junge · Brennendes Lager · Raus! Eleanor and her boys · Weiter geht’s

2 Travelers – No Holidays! Grimmiger Offizier · Erinnerung an die Slowakei, Erinnerung an die Liebe · Das Bein · Die Sucht · Auf der Brücke · Unter der Brücke: Die Sinfonie des Weltenraums

3 Charleville, les poètes maudits · Proviantsicherung · Vorbereitung eines Auftritts · Brielle und weiter · Nach München · Soschtschenkos Ende · Ins Land der Ruhebluter

4 Kurortmomente · Kommissar nimmt Spur auf · Wohin mit den Finanzen · Keleti pu · Iwan und Waska · Drama am Schwimmbecken · Tragödie der Schwimmer · Wer spielt Othello? Von wo ist Iggy geflogen?

5 Vater, gib Maske! Von den Ajwaren · Die Vision vom Geistesstaat · Über Literatur · Feuerüberfall · Der große Gérard und das Mönchlein · Feier von Noworossija – gefloppt · Politische Diskussion · Abzweigung nach Slowatsch · Zitadelle

6 Armada – wir zuhauf! Monastyr, die Katakomben · Glühende Maschinen · Tote Urlauber · Über Ehe und Kinder · Wer steckt hinterm Türchen · Mal sehen! Bete zu Gott …

7 Die Karpaten · Pass von Snina · Was hat Serafion bei sich, das pocht und klopft · Der Göttliche tanzt · Massel gehabt! Sonja … Auf D1

8 Auf der D1 · Die Brücke von PoŘíč · Das Bildnis der Jungfrau wird erwähnt · Scherben und Insekten · Perfekte Pläne · Bist du’s, Sonja? Welk und männlich · In dem Duschdings, vor dem Duschdings: Mama

9 Die Polizistin · Zusammenrottung der Bürger · Richie als Späher · Baschta, der Herr des Autofriedhofs · Ein etwas anderes Hospiz · Hunnenfeldzüge · Reinigung in der Strömung · K-Haus anrufen · Jungens weinen nicht

10 Clan-Treffen · Der Jux mit dem Umschlag · Er atmet unterm Tuch, wächst, nimmt zu · Vom Pfannenmann · Ins Gewitter · Etwas vom Himmel · Die Große Kirmes von Pyšely · Bison taucht auf · Und das Mädel

11 Echt, Mutter? Der Ratz · Vom Panzer · Russennutte in deiner Sippschaft · Tirade gegen Milda Zeman · Wo ist Moni? Er krabbelt und saugt · Irrung an der Tür · Kopftuch mit Erdbeeren usw.

12 Mit Kinderwagen · Bei der Moni wird’s euch gefallen · Sollte einer, der vielleicht böswillig … Schießbudenkorso · Grausiger, fliegender Balken · Helfer · Wieder die Rothaarige · Die Flucht

13 In der Garage · Lomoz · Ratz seine Zugreise · Die Moni · Kája: Prag-Ost und D1 · Vom Flugzeug · Ein Stück Vieh · Kalium · Die Nutten kommen

14 Ein paar Watschen im Dunkeln · Wie weit nach Městečko? Ums Vögeln geht’s gar nicht · Ach nee? Grüß dich, Broněk! Broněk sein Geront · Was für’n Knast würd ich wohl haben? Chlum.

15 Der Schwarze Lukas · Trockengelegtes Totenhaus · Oben in den Putzabschilferungen … Tod eines Kriegers · Ich will, dass es dich gibt

16 Nach MĚstečko · Fromme Truppe · Lukas · Erwähnung von Prokop · Deibels Furche · Das Rätsel der Altblockhütten · In den Flussbiegungen … Die Mühle, das neue Büfett

17 Mit Schubkarre · Wer mit Hörnern herumgeht · Grausame Freibeuter · Gartenkolonie · Im Rauschen der Gewässer schreitet unhörbar …

18 Die Bande beim Wassermann · Mit der Armbrust bedroht · Kälbchen · Nachrichtenmagazin · Wo steckt Lojda? Lächelt rot im Gesicht …

19 Begegnung mit Fischer Schuppe · Ihr dahinschwindendes Antlitz · Bei Fischschuppe daheim · angeschwemmtes Zeug · Liebe in der Hütte · Rache der Kolonisten · ins Bötchen · Auf dem Wasser

20 Hochzeitssalon · Die Mädchen, der Betrieb · Monis Tricks · Moni ist nett · Die Jauchegrube · Reiter der Gerechtigkeit · Disput über Fortschritt · Veränderte Uferlandschaften

21 Lange Halde · Alter Hrom, junger Hrom · Ankunft von Kardinal · Über Vendula · Verschnürt · Vertrag · Wie wird Glück gemacht · Neutschechen · Schicksalsschwerer Toast

22 Wieder Shakespeare · Leben ohne Wärme · Erneutes Wiedersehen · Beschuss der Tasche · Bisons Abteilung · Knutschen und Momente der Wonne · Mir kannst du das sagen

23 Du kommst zurück · Trocknung · Grabstätte am Schrottplatz · Pille, Mütter oder Nichtmütter · Als Napalm kam · Lagerplatz · Lass es dir schmecken, du Scherzkeks! Lomoz seine Strapazen

24 Das Megaprojekt Jubiläumsgeschenk · Aus der Lokalgeschichte · Recherche · Rekognoszierungsarbeit zu Wasser · Arbeit zu Lande · Bergung · Lötis Versprechen

25 Sandbank · Erscheinung der Motoreiter · Gefecht im Wasser · Zweifel am Teufel · Was der Kleine braucht … und wo sie hintreiben · Wassergebrüll · Das Kohlenschiff

26 Warten auf Löti · Aus der Geschichte der Kriegführung · Macinkas Bestürzung · Killer aus dem Wasser · Lötis Treffer · Napalm: Damals auf der Brücke · Mirans Entscheidung · Miran ist der Älteste!

27 Napalms Gespräch mit dem Fischer · Gottessprache · Dorle? · Wohin mit der Jungfrau · Napalms Träume

28 Hygiene auf dem Schiff · Käpt’n Lojda · Herrlicher Pelz · Was mit den Altblockhütten los war · Die Suffkolonie · Ratz Fatz und sein Nachlass · Von Ratz und dem Pfannenmann

29 Mirošovice · Kirsche mit Mama · Wovon Ratz besessen war · Versammlung am Ufer der Sázava · Die Begegnung mit dem Herrn Präsidenten · Koryčans Meinung · Koryčan wundert sich

30 Wenzels Vorschlag · Unter der Brücke und weiter · Röslein und der Mond, sein Gesicht · Noch weiter

31 Begegnung mit Mücke · Die Elende in der Höhle · Muhme Habdieehr · Bei Lojda · Ein Stadion oder eher ein Bolzplatz · Große Liebe · Was auf Lojdas Zettel steht · Was nach Ratz geblieben ist · Hilfst du mir?

32 Wen und was man rausgefischt hat · Überfall · Ende vom Berg · Richies Schlupf · Der Fund in Käpt’ns Kajüte · Auf dem Floß

33 Moni … die Hüterin des Salons · Hampelmannwerdung des Menschen · Ankunft der frommen Truppe · Lukas und Lomoz · Schon wieder der Gestank · Baracke Hölle · Und was? Im Gebüsch

34 Beisammensein mit Fischschuppe · Festmahl · Zur Jungfrau · Schon wieder der Tätowierte – eine Lektion in Humanismus · Die Kavalkade brettert los · Von Pražma · Ich hab Respekt vor den Alten, aber … Zerbissene Brust

35 Venca Bajer · Kaputter Köter · Mehr Kinematographie · Lomoz seine Wette · Mit Armbrust und Tannenzapfen · Die Bitte um den Walnussschnaps · In die Grotte

36 Napalm aus dem Traum gerissen · Ankunft der Kavalkade · Zank vorm Idol · Der verlorene Bruder · Handschellen · Absperrung · Das Liebespaar – die neugierige Světla · Kleiner König · Erscheinung im Busch

37 Im Wachhäuschen Leere und Grauen · Wir haben dich befreit … Bruder! Er hämmert, er wummert · Ein wenig Maurerarbeit

38 Die Kette und die Luke · Verstummte Sirene · Der letzte Kämpfer · Durch die Talenge und durch den Wald · Mit Moni am Wasser · Ans Ufer

1 Bristol Globe · Warum er sich an beide wendet · Nächtliche Horden · Mama am Morgen · Das Heft · Tätowierter Junge · Brennendes Lager · Raus! Eleanor and her boys · Weiter geht’s

Wie soll ich mich hier konzentrieren, Himmel am Arsch?!

Vater, die Flasche griffbereit, das Heft auf den Knien, sitzt am Steuer der Nomadenkarre und schreibt und schreibt.

Um ein Haar hätt ich nachts ein Kapitel fertig geschrieben, aber bei dem Gewusel ging nur ne Skizze! Dabei war das Bristol immer super! Die Schatzinsel, mal vom Schiffsjungen Jim Hawkins gehört, Jungs? Er wendet sich an beide, weil er sie, wie er sagt, zum Reden bringen will. Den im Babystrampler und auch den, der gewachsen ist.

Weißt du, was ich interessant finde? Er dreht sich zu Sonja um, die über einer Kocherflamme den Löffel wärmt. Über der anderen rührt sie ab und zu den Winzlingbrei um.

Inzwischen identifizier ich mich mehr mit Long John Silver!

Wird wohl am Alter liegen, Mama setzt mit hochgekrempeltem, mandalaschrillen Blusenärmel ihre Morgenzeremonie fort.

Vaters Heft, bekritzelt bekrakelt, mit Wein und Kaffee bekleckst, saust über das schlafende Kindlein und verschwindet im Plunder.

Er macht die Beine lang, bohrt den Nacken in die Kopfstütze und entspannt. Nimmt den Nomadenstützpunkt ins Visier. Versifftes T-Shirt, Shorts, in den Augen beständige Glut der Wissbegier. Auf dem Histrionenhaupt ein alter Hippie-Hut, darunter sprießt rötliches, mit grauen Büscheln durchwirktes Haar.

Er beobachtet das Tor ins Zeltlager, genau genommen eine winzige Nachbildung des Globe Theaters, wo unzählige, erst am Abend aufflammende Lämpchen die Zahl 400 bilden, ein etwas bizarres Porträt des Dramatikers und die Überschrift HIS WORDS: WISDOM, FREEDOM AND BEAUTY!

Anstelle des festivalüblichen Treibens, diesmal dem Leben und Werk von William Shakespeare geweiht, herrscht dort wegen der nächtlichen Besucher eine ungewohnte Geschäftigkeit. Einst hatten hier Vater und Sonja mit einer einfallsreichen Kreation den Jahrestag des Beitritts der Tschechischen Republik zur Gemeinschaft gefeiert und damit herrliche dreihundertdreizehn Pfund ertanzt. Nun ist alles anders. Vater stiert, pliert, sinniert. Wittert. Womöglich folgt er auch den feinsten Regungen seines Riechers, er hatte sogar die Idee gehabt, ihn von innen mit megadünnem Edelblech zu beschlagen, doch der ausbleibende Erfolg brachte ihn von diesem Vorhaben ab.

Im Eingangstor machen sich eilends einberufene Immigrationsbeamte breit. Tischchen, Rechner, Schriftstücke, die Lücken dazwischen mit kunstvoll aufgetürmten Krapfen geschlossen, Teller mit Keksen und coffee cups.

Gestern war die Fläche noch leer. Heute bietet sie ein Wimmelbild. Reihen von Schläfern auf Isomatten, Frauen in bodenlanger Kluft mit Babys, dazwischen kleine Grüppchen; man sitzt auf dem Boden und gestikuliert. Alte Weiber schleppen sich mit Kanistern zum Hydranten, herumgaffende Halbwüchsige in abgetragenen T-Shirts und Jeans sehen aus, als bewachten sie die Frauenarbeit.

Die Ansammlung, deren vorwiegend schwarze Montur den Eindruck einer Kompaktmasse hervorruft, wird von Polizeiautos flankiert. Die nächtlichen Besucher haben sich meist dort fallen lassen, wo sie hundemüde angekommen waren, Wellen von Unsicherheit und Angst brandeten die ganze Nacht gegen die Menge.

Ich steh auf Bristol! Bloß in den Hafen haben wir’s nie geschafft, vielleicht heute, was meinst du?, brüllt Vater dem Jungen hinterher, der mit Kanistern zum Wasserholen losdackelt.

Die Schlange vor den Hydranten zieht sich am Tor entlang. Vermutlich ist ein Schlauch geplatzt oder eine der Wasserquellen angezapft worden, der Pulk der dunklen und verschleierten Weiber, die sich mit Plastikbehältern oder Bergen von PET-Flaschen in der Tasche im Schneckentempo nach vorne schieben, watet im feinen Schlamm, um die Treter des Jungen quillt Wasser.

Hey you … er hebt den Kopf, ein lächelndes Fräulein, die blonde Mähne schulterlang, reicht ihm aus dem Fenster der glühbirnenumrankten Globe-Kopie einen schokoüberzogenen Donut.

Er reckt sich auf die Zehenspitzen, spürt, wie die Marmelade ihm die Finger heruntertröpfelt, aber da patscht ihm wer auf die Schulter. Zwei dunkle schlaksige Jungs. Der Größere schiebt sich den ergatterten Donut mit verträumt gesenkten Lidern in den Mund.

Oh, no … das Fräulein lehnt sich hinaus und reicht ihnen nun eine ganze Schachtel buntglasierter Leckereien, die schon eine Weile in der Sonne stehen.

Der rasche Schlagabtausch treibt ihn von den Kanistern weg, jetzt sind sie schon ein ganzer Haufen, zwischen den Hosen und T-Shirts und Schläge austeilenden Ellbogen ist er kaum zu sehen, er schlingert hin und her wie ein Welpe, den sein erbarmungsloses Herrchen mitten in ein Dobermann-Match geworfen hat.

Aus dem Augenwinkel sieht er seine umgekippten Kanister hinter Röcken, Schuhen, Latschen und Sandalen der vorrückenden Schlange verschwinden, er wälzt sich zu den Weibern, die weichen zurück vor ihm mit wütenden Schreien wie vor einem angreifenden Käfer. Zu seiner eigenen Überraschung presst er die Schachtel an seinen Bauch, mit plattgedrückten Donuts in den Ecken: gewonnen.

Ohne die Beute loszulassen, hechtet er in die schlafende Menge, einer, der noch halb im Schlafsack steckt, fuchtelt nach ihm, der Junge springt zur Seite.

Und steht einem nackten Kerlchen vis-à-vis. Von ähnlichem Alter und Größe wie er selbst. Sein ohnehin dreckverschmiertes Frätzlein ist pechschwarz, seine Wangen, Arme und Schenkel tätowiert, mit, wie es scheint, entzündeten Einstichen übersät. Um sie herum wogt die Menge, man beäugt sie. Die Festung auf Rädern, wo die Eltern weilen, ist weit. Er kredenzt dem Kerlchen die Schachtel. Dreht sich um und schnappt sich den einen Kanister, den anderen zerrt er unter irgendwelchen Quanten hervor, schleppt sich mit ihnen in die Schlange, später steckt er den Schlauch rein und füllt sie bis zum Anschlag. So wie immer.

Die Abendveranstaltung in Bristol wird aber abgesagt. Unter Berufung auf einen Paragraphen für unerwartete Ereignisse, Unfälle und sonstige Katastrophen oder höhere Gewalt (plus zweiundsechzig Pfund für beide).

Na und, wir wollen sowieso aus Regenhausen in den Süden ziehen!

Sie schließen sich einer Karawane von anderen Benzinkutschen an und ziehen im Laufe des Tages zum nächsten Lagerplatz um.

Sonja und die Jungs sind von der Fahrerei erschöpft, also hauen sie sich gleich aufs Ohr. Ein Zelt brauchen sie nicht, sie schmiegen sich auf der Rückbank aneinander.

Mama hält den Winzling im Arm, sie flüstert ihm etwas ins Ohr, der Junge ratzt weg, sein letzter Blick fällt auf den Vater auf dem Vordersitz, wie er mit gerecktem Kinn etwas in sein Heft ritzt.

In der Nacht bricht im pikeys camp Feuer aus. Ein Brandsatz ist in einem Zelt gelandet, den anderen haben die Angreifer in die Wächterbretterbude geworfen. Während die Insassen der Wohnwagen nach draußen sprinten und die Feuer löschen, die es übrigens nicht mal zum Auflodern gebracht haben, und die anderen sich eilig ans Packen machen, mahnt Vater die Familie zur Ruhe.

Die haben das mit Absicht ins Zelt geschmissen, wo keiner drin war. Das haben die gecheckt, die wollen keinem was tun.

Die wollen aber, dass wir uns verpissen.

Wundert dich das?

Mach mal hin, leg einen Zacken zu, wir fahren mit!, Mama fordert ihn mit ihrem einzigen sehenden, noch verklebten Auge auf, auch sonst ist der Grad ihrer morgendlichen Strubbeligkeit imposant.

Vater mosert herum, er möchte jetzt wirklich das Kapitel zu Ende schreiben. Vielleicht baue ich es doch zum Theaterstück um, murmelt er. Aber dann landen kleine Steinchen auf der Frontscheibe. Aus großer Entfernung geworfen, fallen sie kraftlos, wie ein Wassertropfenwirbel.

Herrgottsakra, jault Vater auf und pfeffert das Heft nach hinten, wo es auf einem Stapel ähnlich unvollendeter Werke liegen bleibt.

LEAVE MEANS LEAVE! POLISH VERMIN!

Zornige Vetteln und ein paar grimmige alte Knacker halten das in Heimarbeit gefertigte Transparent hoch und auch noch zwei drei andere.

An der Spitze des Umzugs, der um die Ecke biegt und sich zum verwüsteten Zeltplatz aufmacht, tummelt sich ein Trupp kleiner Jungs.

Angeführt werden sie von einer streng dreinblickenden Person in schwarzer Kleidung mit einem Lautsprecher vor dem Mund. Unter ihrem dünnen Oberlippenbart skandiert sie lauthals, was auf dem in der Luft segelnden Transparent steht, mit ihrem kleinen schwarzen Regenschirm gibt sie dem gefühlswuchtigen Stimmenchor den Takt.

Kuck, Sonja, sieht aus wie in einem Beatles-Clip, oder?

Ein herumkreischender Knirps erwischt mit einem Ziegelbrocken den Kotflügel. Die anderen johlen begeistert.

Jawohl, die Rigby!

Der nächste Knirps schleudert einen Ziegelstein auf den Caravan, trifft aber nicht.

We are not Polish vermin, we are CZECH VERMIN!, schreit Vater aus dem Fenster. Wir haben für euch gekämpft! Battle of Britain, sagt dir das was, du dumme Pute?, ruft er der Anführerin zu, die mit dem ganzen Schwarm rasch näher kommt.

Da bist du bestimmt schon auf der Welt gewesen, du alte Kuh!

Mach mal halblang!

Blöde Kuh!

Und er startet. Mama packt den Jungen an der Hand. Mit der anderen zeigt sie in die Straße, aus der zwischen schmucken ziegelroten Postkartenhäusern weitere Bürger strömen. Über den platt getrampelten Rasen stampfen baumlange Kerle und junge Burschen in T-Shirts und Jeans auf sie zu, Schläger in der Hand.

Der Schnellste von ihnen, so ein Feschak in Shorts mit bunt tätowierten Armen im gestreiften, von den Hosenträgern zerschnittenen Trikothemd, spuckt auf die Haube und schickt sich an, das Auto von hinten zu umrunden.

Da fahren wir lieber, sagt Vater. Und sie fahren. Mit der Fähre und weiter.

2Travelers – No Holidays! Grimmiger Offizier · Erinnerung an die Slowakei, Erinnerung an die Liebe · Das Bein · Die Sucht · Auf der Brücke · Unter der Brücke: Die Sinfonie des Weltenraums

Frankreich nehmen sie im Flug, morgens rein, abends raus, der Vater, in südlichen Gefilden gleich der große Sommelier, lässt den Veranstaltungskalender nicht aus den Augen.

In Spanien indes warten auf vertrauten Lagerplätzen nur rausgerissene oder einbetonierte Stromanschlüsse auf sie und Parolen, in denen Verbissenheit über die Grammatik triumphiert wie TRAVELERS, LEAVE! WE HAVE NO HOLIDAYS!, wie auch offene, um die ausgewiesenen Stellplätze auf Steinbrocken oder Betonmäuerchen gesprühte Aufforderungen, sie sollen sich verpissen. In dem traditionellen Hippie-Treff im weltentlegenen Dörflein Peñascosa steht unter dem Transparent NO! THANK YOU! ADIOS! die Bürgerwehr mit einem Wasserwerfer bereit, und aus dem alten Travelerplatz, noch ein ganzes Stück vor Toledo, ist ein riesiges Flüchtlingslager geworden, es schwappt in die Stadt, wo die Zahl von Demos und Straßenschlachten mit der Polizei täglich zunimmt, so dass das Festival GRUBE UND PENDEL zu Ehren von Edgar Allan Poe abgeblasen werden muss (minus dreihundertsiebenundvierzig Euro für beide). Ähnlich sieht es auch in dem Nest San Guzmán aus, wo in diesem Sommer null Interesse an Theateraufführungen besteht (minus zweihundertfünfzig Euro für sie, minus dreihundertfünfzig Euro für ihn, minus fünfzehn Euro für die Jungs, die in der Rolle der Pucks hätten glänzen können, der Winzling im Hängetuch), und so weiter und so fort.

Sie wechseln nach Frankreich und am Ende eines fulminanten Sonnenuntergangs überrascht sie bei der Einfahrt zu einem Lagerplatz eine Wohnwagenburg und mürrische Schnurrbartkerle in vorsintflutlichen Synthetikanzügen, hier und da prangt eine rote Schärpe über der Plauze. Weiber mit lärmenden Kleinkindern, die um ihre bodenlangen bunten Röcke wuseln, sie selbst tragen im Haar, an den Armen und Handgelenken Silberschmuck und sonstigen Zierrat, richtig leise sind sie nicht.

Die haben uns den Schlafplatz geklaut, das gibt’s doch nicht!, keift Vater in den allgemeinen Tumult und Krakeel.

Noch bevor sie sich mit den Usurpatoren konfrontieren können, werden sie von Gendarmen mit geschultertem Maschinengewehr gestoppt.

Die Flasche, aus der sich Vater soeben stärken wollte, landet flink zwischen seinen Beinen.

Eine düster dreinblickende Bohnenstange mit Offiziers-Käppi steuert schnurstracks das Beifahrerfenster an.

Wir sollen wenden und Leine ziehen, aber dalli.

Soll er weiter träumen! Die Jungs sind müde! Mein Gott, wir zelten hier seit tausend Jahren, sag’s dem Macker doch.

Dem Gendarmen schmeckt Vaters Ton evident nicht.

Er umrundet die Motorhaube und sein Blick versinkt in Vaters Pupillen, in denen das gleiche dämonische Feuer lodert.

Nach der neuesten Anordnung ist der Platz hier nur für französische Bürger da. Du sollst la carte du nomade rausrücken.

Was soll der Dünnschiss, mon capitaine! Welche Karte, sind wir etwa Zigos? Mon colonel, nu nessompa les ciganes, wir sind Tschechen. Nu ssom bohèmes oh Bohèmia!

Ausländische Gäste würden gerne die Pension Zu den drei Klöten von Kaiser Napoleon Bonaparte nehmen, nicht mal drei Kilometer von hier.

Wie stellt sich das der Louis de Funès vor, wie sollen wir das bezahlen? Der hat nen Knall. Sag ihm das.

Mach ich nicht!

Wir haben Kinder dabei! Jungs, zeigt euch!

Der Polizist streift die verzweifelt lächelnde Sonja und den verängstigten Jungen mit einem Blick, dann zieht er den Revolver aus dem Holster und setzt ihn Vater an den Hals.

Selbiger starrt vor sich hin und leckt fieberhaft die Schweißtropfen ab, die von seiner Stirn perlen.

Der Offizier spricht leise und eindringlich.

Heute wär das schon die vierte Kolonne aus Rumänien, sagt er, er wär total erschöpft und obwohl er persönlich Hitler hassen würde, müsste er sich das doch immer wieder in Erinnerung rufen. Wir hätten hier nichts verloren, hat er gesagt. Und außerdem sollst du aufhören, ihn zu verarschen.

Schon gut, knurrt Vater. Sein Exkusé mua, messjé, pardon mua röchelt er beim Wenden schon zu dem Polizistenrücken. Während sie staubumhüllt eine Holperpiste zurückrasen, sagt er kein Wort, und auch als sie auf eine Asphaltstraße kommen und ein paar vertraute Schilder passieren, hüllt er sich in Schweigen, dabei fahren sie durch eine verdammt vertraute trockene und staubige Landschaft, in der Ferne sieht er schon die Flussbiegung und saust dahin, hier in der Gegend hatte es mal ein paar Engagements für sie gegeben, ein paar Lagerplätze, wo sie ohne die Jungs gewesen waren und dann mit ihnen, jawoll! Hier kennen sie das doch gut, nicht nur wegen der Schauspielerei hat sich ihnen die Gegend ins Gedächtnis geritzt, und die Jungs? Na, bei denen wird sie sich auch irgendwo eingraviert haben.

Schlückchen gefällig? Feiner Tropfen, echter Amontillado!

Spinnst du? Beim Fahren säuft man nicht, sagt Mama, reißt ihm die Flasche aus der Hand und trinkt und trinkt.

Ein Schluck des edlen Amontillado erfrischt den Wandrer wie Limonado.

Stimmt, sagt Mama, nachdem sie die Flasche abgesetzt hat. Ihre Gesichtszüge, bis dato imposant verstrubbelt, entspannen sich langsam, Seligkeit macht sich ihr in den Kapillaren breit. Sie zupft am Fußverband, streckt ihr Bein aus.

Die Froschfresser sind ernst geworden, findest du auch?

Kein Wunder, nach Bataclan.

Was?

Ist doch ständig in den Nachrichten. Aber stimmt, du verstehst das nicht …

Was für ein Clan?

Als sie es ihm erklärt hat, fängt er an, im Handschuhfach zu kramen, tastet alle Taschen ab und findet zwei rosa Rechtecke aus hartem Glanzpapier, wedelt mit ihnen vor Sonjas Augen.

Siehst du die? Da sollten wir hin! Ich hab sie von einem Kumpel, gewonnen hab ich sie. Der hat fast geheult, es war seine Lieblingsband, aber Wette ist Wette, da ließ sich nichts machen.

Was?

Ich wollte dich dort zu unserm Jubiläum einladen, dann hab ich’s voll verschwitzt. Wie viele Tote hat es gegeben? Da haben wir schon wieder Schwein gehabt, oder?

Du hast unseren Jahrestag verpennt! Typisch!

Tschuldigung!

Hmmm!

Hab das wahrscheinlich schon gefragt, aber wie bist du zu den vielen Sprachen gekommen?

Gelernt.

Da beneide ich euch drum. Bei uns gab es nur Russisch.

Das werden wir nicht brauchen.

Dafür hast du einen russischen Namen. Findest du das nicht seltsam?

Vati halt.

Das sagst du immer, Vati hin, Vati her, aber deine Mutter?

Mit großer Geste winkt sie ab.

Ich dagegen hab nen Mauschelnamen.

Das sagt man nicht.

Wie, sagt man nicht.

Wenn, dann einen biblischen. Einen Namen aus der Bibel.

Ach so, ja! Kuck mal …

Da befinden sie sich schon im Anflug auf die Brücke, eine riesige Konstruktion über dem Tal, die Brücke kennen sie von unten, sie sehen sich an, ein linder Blick aus tiefstem Innersten voll tief in den anderen hinein, so dass man selbst für einen Bruchteil der Ewigkeit der andre wird, und logisch schießt den beiden durch die Birne, wie sie sich kennengelernt haben. Damals in der Slowakei.

Das Mädel hatte er gleich am Morgen wiedergesehen. Sie schälte sich aus dem Schleier, in dem die anderen Festivalteilnehmer verschwammen, und setzte sich zu ihm. Er klappte sein Heft zu, steckte den Kuli ein und glotzte.

Fesch und schlank, wallende bunte Locken, ihr Busen sang.

Welchem Umstand hab ich die Ehre zu verdanken?

Sie loderten. Also küssten sie sich. Aus den slowakischen Bergen, die um den Beton und die grünen Flächen der Versammlungsstätte des Festivals PALETTI aufragten, kam eine laue Brise, sie strich sanft über ihre glühenden Herzen und befriedete sie.

Weil du bist echt so ein geiler Typ!

Die frühen Gäste am Tischchen hinter ihnen prusteten, dem mit einem Knochen in der Nase entrang sich ein lauter Seufzer, der andere, der vom Kopf bis zu den Zehen mit einem Comic bedeckte Metrosexuelle, grunzte nur und kippte auf einen Schlag eine ganze Mirinda herunter.

Sie lächelte. Ein Moment der vergangenen Nacht tauchte vor ihr auf, als der stattliche Belagerer, endlich ermattet, wie ein gesättigter Wonneproppen in ihrer vor Zärtlichkeit geschwollenen Hand liegen blieb.

Bist’n toller Stecher. Man sagt, die Generationen driften auseinander, aber deine Generation find ich super.

Echt? Und was macht dein Vater?

Wir kommen von Benešov.

Dein Auftritt gestern, wow. Du warst die Beste!

Und wo hast du dein Zeug her?

Klinikaufenthalt, Art-Therapie, er rückte mit der Wahrheit raus.

Du bist halt eigen. Außerdem find ich gut, dass du keine zugemalte Haut hast.

Hab mal drüber nachgedacht, aber Tätowierte machen mir eher Angst.

Weiter holte er nicht aus. Sagte nichts über die blassbläulichen Tattoolandschaften, wo Tüten mit Aceton rascheln und Päderastenmünder schmatzen, hinter den Gittern, wo die Seele ächzt unter der Finsternis schweren Pratzen, warum sollte er damit das Mägdelein auch beunruhigen?

Was?

Keinen Selbsterhaltungstrieb haben die.

Aha! Und wohin geht’s weiter?

Kein Plan.

Auch gut.

Aus der innigen Erinnerung heraus schwippten sie mit Karacho über die gelb abgesteckten Geschwindigkeitsstopper auf die ellenlange Brücke. Als hätten Außerirdische den Bau in die Gegend geknallt! Dutzende Meter über dem Fluss eine schwebende Konstruktion aus Metall! Spitze Brückenbogen, filigrane Schrauben und Muttern, Stifte und Mütterchen, achtsam behauene Steine, fest ineinandergefügt. Ein irres Ding.

Und eben unter dieser Brücke war sie niedergekommen, so etwa, wer weiß, ungefähr neun Monate nach ihrem Kennenlernen, eine Woche her, eine Woche hin, welcher Korinthenkacker wollte die einzelnen Augenblicke zählen im reißenden Strom der Liebe und Harmonie, der zu Beginn wie ein Geysir aus ihnen herausbrach.

Hinter der ausgedörrten Landschaft glänzt das ferne Meer, der französische Fluss unter ihnen saugt aufs Neue den Abglanz ihrer Seelen ein, schleift sie auf den Grund, zwischen die Kieselsteine, in den herumschwappenden Bodensatz.

Sie reißt die Augen von der Straße, schleudert einen raschen Blick auf seine Nase, den nach vorn gerichteten Wegweiser, dreht den Kopf nach hinten, auf den Rücksitz zu den Jungs, der schlafende Winzling stellt sein süßes Bäckchen zur Schau, der Ältere sieht gedankenverloren aus dem Fenster. Und ihr ist so traurig! Und so herrlich auch!

Hör mal! Vielleicht ist dieser Augenblick alles, was wir haben!

Du hast versprochen, die Finger davon zu lassen!

Einen Himmel gibt es nicht, eine Hölle auch nicht, alles beides hat es nie gegeben, Ehrenwort.

Bist also wieder reingeschlittert.

Das Leben ist schön! Trauerumflort schön. Mehr weiß ich nicht!

Dass ich dir egal bin, kann ich ab, aber denk um Gotteswillen an die Kids!

Gegenwart ist alles, mehr haben wir nicht, glaub mir! Das ist mir gerade so gekommen!

Letzter Auftritt und ab nach Hause, da bringe ich dich in die Klinik, du willst es ja nicht anders. Und was ist mit deinem Bein? Du meintest, dass es immer wieder wehtut.

Wird dick, ja.

Woher kommt das?

Null Ahnung. Vom Leben.

Nadeln sind nicht ungefährlich.

Angeschwollen ist es, stimmt.

Am besten kuriert man sich in der Muttersprache. Wir werden schon eine prima Privatklinik finden, dein Vati drückt das bisschen Kohle gerne ab, oder?

Unsinn. Wohin dann mit den Jungs?

Wo sollten sie hin, ich kümmere mich.

Schwöre es bei der Mutter Gottes.

Null problemo.

Nein, richtig schwören.

Donnernd, er hätte ja vor der gelben Markierung bremsen müssen, hat er aber nicht gemacht, verließen sie die Brücke, und nun rasen sie die Asphaltstraße lang, vorbei an Sträuchern, die sich über die betongestählten Ufer beugten.

Schnall dich gefälligst an! Warum bist du nicht angeschnallt? Woher sollen wir das Bußgeld nehmen, wenn uns die Bullen schnappen, kannst du mir das bitte schön sagen?

Aber zurückgeblickt haben sie.

Damals waren sie nachts durch die Gegend geirrt, hatten sich gegenseitig beteuert, sie würden mit Sicherheit und rechtzeitig eine Klinik erreichen und dort direktemang die Entbindungsstation anpeilen, aber Pustekuchen.

Es regnete Stricke und er hielt zwischen ihnen Ausschau nach den Straßenschildern, während sie stöhnte und die Hände auf die dicke Wampe presste, sie mussten die Abzweigung verpasst haben, wie auch alle weiteren, allein nur unter der Brücke ein roter Schein.

Er hielt an und stieg aus. Fragen kostet nichts. Mühevoll kroch sie hinter ihm raus. Er scheuchte sie zurück, sie gab nicht nach. Sie musste sich wohl Erleichterung verschaffen von dem erdrückend kleinen Raum voller Gestöhn und Geschrei, sie bettelte um Luft. Was soll’s, der Sprit war eh alle.

Sie stolperten durch den Schlamm auf den Brückenbogen zu, er stützte sie. Die Straße über ihnen schwang sich in atemberaubende Höhen. Gleich unter dem ersten Bogen stießen sie auf einen Berg von Pappe. Sie sackte zusammen, konnte nicht weiter, gut, dass sie wenigstens Pappdeckel unterm Rücken hatte.

Alle viere von sich gestreckt, machte sie die Beine breit, wollte sich den Rock vom Leibe reißen, er zerrte die Klamotten über ihre zitternden Hüften, die milchprallen Brüste sprangen im Rhythmus ihres Atems wie zwei Blasebälge, er rollte seinen Nicki zusammen und schob ihn unter ihren Kopf, das war nur gut so.

Wuchtvoll schlug ihr Nacken gegen das Kissen, wie sie sich hin und her warf, und ihr fürwahr tierisches Geschrei schallte vom eisernen Gewölbe wider.

Er bemühte sich, sie nicht mit dem Lichtkegel zu blenden, vielleicht wollte er auch nur nicht ihr verzerrtes Gesicht sehen, in ihren Mundwinkeln stand weißer Schaum. Sie kreischte pausenlos, ihr Monsterbauch ragte auf wie eine Beule.

Zwischen ihren Beinen kniend, richtete er die Stirnlampe auf die klaffende blutige Spalte, in der sich das Köpfchen zeigte. Er wartete, bereit, die Frucht aufzufangen. Das Köpfchen tauchte auf. Und schwang sich hinaus. Als hätte eine feste Hand den Riesenbauch gedrückt und den Inhalt rausgepresst. Das Neugeborene schlüpfte heraus, purzelte ihm weich in die hohle Hand. Die Nabelschnur erspürte er eher, als dass er sie gesehen hätte. Mit dem Finger trennte er sie aus dem blutigen Schleimknäuel heraus und schnitt sie mit seinem Schnappmesser durch. Er starrte das blutverschmierte Kindlein an. Ein Junge, schoss ihm durch den Kopf. Mit dem kleinen Finger strich er den Schleim aus seinem Mündchen. Er wischte seine Linsleinäuglein sauber, das Kind wimmerte leise. Und dann legte es los.

Deswegen wird er die Schritte nicht gehört haben. Und die Stimmen. Der Regen prasselte nicht mehr stark, aber das Weinen des Jungen hatte ihn taub gemacht.

Aus den Untiefen der Brücke kamen sie zu ihnen, irgendwo vom anderen Ende.

Sonja lag auf den Kartons, die Beine angewinkelt. Von ihrem unförmigen Bauch hatte sich der Schmerz noch nicht ganz verabschiedet. Es hätte sein können, dass sie schon den Höhepunkt überschritten hatte, aber immer wieder durchzuckte ein neuer Krampf ihr Gesicht.

Die Ankömmlinge, schwarze Typen, umringten sie. Sie trugen Jeans und Windjacken. Einer, ein noch ganz junger, zündete sein Feuerzeug an, ein anderer hatte eine Taschenlampe und zeigte mit ihr auf den Winzling in Vaters Händen.

In einer hilflosen, staunenden Geste hielt er ihn den Fremden entgegen, grinste sie schier entschuldigend an. Er blinzelte, sie sollten ihn nicht blenden. Das Söhnchen fügte sich in seine Hand, es wimmerte und plärrte, in der anderen hielt er das Klappmesser.

Ein Alter mit grauen Zotteln, die ihm ins Gesicht fielen, traf mit dem Lichtkegel den gelähmten, blutigen Körper. Die Männer rückten zusammen, einer lachte auf. Aus der Tiefe und Finsternis der Brücke tauchten immer neue Gestalten auf und klackerten mit den Schuhsohlen über die Steinchen, der Wind brachte einen Hauch Regen herein, überall Gemurmel und Geschwätz. Der kniende Vater, den kleinen Sohn an die Brust gedrückt, dachte allerdings, sämtliche Geräusche hätte die Natur auf dem Gewissen, es wäre der Weltenraum selbst, der seine Sinfonie sang und himmelhoch jauchzte und seine Unterstützung kundtat.

Das hier waren aber Menschen. Also stand er auf, und als er das offene Messer in seiner Hand bemerkte, blutbedeckt und noch vom Schleim und Pamp der Nabelschnur feucht, drehte er seine Spitze gegen die Ankömmlinge.

Ssa va?, fragte der zottelige Alte.

Ssa va bján!

Schak omm porte kuto, bemerkte der Graukopf und nahm ihm das Messer aus der Hand.

Sie war von Weibern umgeben. Dahinter drängelten sich junge Frauen, ein ganzes Rudel. Sie umringten sie, legten ihr weitere Pullover unter den Kopf, streichelten sie und tasteten den schmerzenden Körper ab. Wasser hatten sie dabei, ein paar Befehle, und die Jüngsten trippelten in die Dunkelheit zurück.

Er machte sich auf zu ihr. Hielt das Bürschlein sanft in beiden Händen. Mit halbgeöffneten Augen betrachtete sie die Menge um sie herum. Und ein neuer Krampf durchpflügte ihr Gesicht. Noch einer.

Er starrte Sonja an, schon wieder das Geschrei von vorhin. Ihr Bauch, der riesige Sack, der über ihrer Scham hing, wogte gewaltig. Sie warf sich hin und her, schrie und spreizte die Beine. Eine Schar plappernder Helferinnen besänftigte sie, hielt ihr die Hände, wischte die Stirn.

Er hätte nicht gedacht, dass er sich noch rühren konnte, aber eine Kraft, stärker als er, schob ihn in ihre Richtung, in das Gewimmel. Zwischen den Armen und Ellbogen der Frauen sah er, dass sie ihre Schenkel weit breit machte. Aus ihrem Körper drängte ein neues Köpfchen, ein nächstes Kind schickte sich an, auf die Welt zu kommen.

Doch, die waren damals schon eine Hilfe gewesen. Total. Bei denen auf ihrem Lagerplatz gab es sogar Wasser, heißes Wasser, so viel man brauchte. Ihre Dreckpusselchen haben bestimmt gern auf das abendliche Reinigungsbad verzichtet. Und zum Schluss ist einer sogar bei der Klinik durchgekommen.

Für die Reise schenkten sie Sonja eine volle Saugflasche, Klamotten, seltsame ausländische Wattebäusche, Zitronen und Unmengen von winzig kleinen süßen Früchten, den frischgebackenen Eltern vollkommen unbekannt. Als letzte Freundschaftsgeste schob der Alte Vater das Klappmesser in die Hand. Gewaschen, gereinigt. Ja, damals war es gut ausgegangen.

Diesmal lassen sie die Brücke ohne weitere Vorkommnisse hinter sich, sie schwindet dahin in die fernen Weiten des dürren Landstrichs.

Was hast du eben gesagt? Auskurieren? Sonja setzt das Gespräch mit heiserer Kreischstimme fort, ein untrügliches Zeichen nahender Unannehmlichkeiten.

Das ist Vokabular wie aus dem Zweiten Weltkrieg, so was sagt man nicht mehr!, schulmeistert sie und fingert dabei ihre Joppe ab, wühlt die Rocktaschen durch auf der Suche nach ihrem Junkiewerkzeug.

Woraufhin Vater einwendet, ihre jetzige Überzeugung, ihr zugedröhntes Bewusstsein sei umfassender, witziger und dem menschlichen Schicksal angemessener als das Bewusstsein eines Menschen, der keine Gifte nimmt, es sei nicht objektiv, sondern nur ein Teilaspekt ihrer Sucht.

Du redest schon wie so’n alter Sack. Solche Sprüche hätte ich zu Hause zuhauf haben können.

Auch du wirst älter, bilde dir da bloß nichts ein. Morgens hast du nur nen schmalen Schlitz statt Auge. Säufst nur noch und setzt Fett an.

Was soll der Unsinn? Hab höchstens Schmerzen im Bein!

Komm, das geht an keinem vorbei, denk bloß nicht. An keinem. Dagegen ist kein Kraut gewachsen.

Hör auf, mich zu psychisieren!

Außerdem motzt du nur noch, ist dir das aufgefallen? Das war früher nicht.

Und weil sie zur Abwechslung schon wieder die silbrige Tube rausgeholt hat, reißt er sie ihr aus der Hand und pfeffert sie nach hinten.

Also klebt sie ihm eine. Doch inzwischen kann er ihren Knallschoten gekonnt ausweichen. Auch an die Kreischstimme haben sie sich gewöhnt; angesichts der Kreissäge ihres Unmuts würden normale Sterbliche vor Panik erstarren, sie klappen bloß die inneren Horchlöffel zu. Und Vater reißt das Steuer herum, wild gestikulierende Autoinsassen auf der Gegenfahrbahn schrammen vorbei, ihre Gesichter verschwommen in einem Knäuel, das der Vergessenheit entgegenrast, während sie sich nach hinten wendet, den Jungen in die Arme schließt und ihren Kopf in die verschwitzte Mulde an seinem Hals drückt.

3 Charleville, les poètes maudits · Proviantsicherung · Vorbereitung eines Auftritts · Brielle und weiter · Nach München · Soschtschenkos Ende · Ins Land der Ruhebluter

Wusstest du, was Charles Baudelaire geschrieben hat? Belgier sind keine Menschen, Vater lächelt aus dem Autofenster die Handvoll regenbejackte Veranstalter an, die sie zum Parkplatz vorm örtlichen Kulturzentrum geleiten.

Außerdem soll er in Belgien die Lust am Rauchen verloren haben, aber er konnte es nicht lassen, das muss echt hart gewesen sein, klärt Vater beim Ausflug in einen Grenzlandsupermarkt die Familie auf.

Lenk ihn ab, er zeigt mit der Schulter auf den Typen, der zwischen den Regalen hinter ihnen trottet und sie nicht aus den Augen verliert.

Mama, den Kleinen auf der Hüfte, den Jungen im Schlepptau, sinkt dem Detektiv in die Arme, und während sie mit internationaler Gestik nach Wasser! ruft und ihrem einzigen Auge Schauspielertränen abringt, verschwindet Vater im Sauseschritt zwischen den Kassen, und hinter der Ecke des Supermarchés beschenkt er die Familie mit Schweizer Schokolädchen, winzigen Superräucherwürstchen und auch mit Minibouteillchen mit Vitaminlösung, in den Papiertüten, wo offiziell nur ein Kroasson lag, das er aber natürlich auch bezahlt hat, stapeln sich Unmengen davon. Als er aus den Hosenbeinen die prima handlichen Fläschchen Jim Beam und Jack Daniel’s schüttelt und den Jungs verkündet, die wären nur für den Papa, teilt Mama diese seine Meinung nicht.

Also dass sie an den Kassen keine Durchleuchtungsdingse wie auf dem Flughafen haben, das macht mich echt platt. Mit der Zeit werden sie die schon installieren, aber bis dahin genießen wir das Schlaraffenland.

Wo sind wir überhaupt, fragt Sonja, selbst wie eine Maurin verschmiert bis hinter die Ohren, als sie mit spuckebefeuchtetem Taschentuch dem Jungen seine Schokoladenwangen schrubbt, ein Päckchen Windeln unter jedem Arm.

Charleville, erklärt Vater. Und aus den Ärmeln schleudert er noch ein paar hängengebliebene Sardinendosen nach. Die Kamera, die häng ich immer mit Boxershorts ab, doziert er, das habe ich noch unter den Komantschen gelernt, ich hatte einen Kumpel, wenn der einen polnischen oder ungarischen Valutaladen in Shorts betrat, kam er in drei Schichten Jeans raus, die haben wir an der nächsten Ecke verkloppt und eine Woche lang gesumpft, ach, die süße Jugendzeit.

Wann treten wir heute auf?

Später in New York, dort hatte ich wiederum nen Freund, der hat sich spezielle Taschen in den Mantel einnähen lassen, für Bücher zum Einstecken, aber wenn’s drauf ankam, auch für Koteletts, einmal hat der auf ein teures Fotobuch ein Steak gepackt, frisch aus dem Freezer, der Schwachkopf, dabei hab ich mit ner Frau gewohnt, die sich gewunden hat, wenn ich ihr Fleisch gebraten hab. Stolen steak? Fass ich nicht an. Für sie war das ordinärer Diebstahl.

Ne Frau?

Eine von denen, die ich kennengelernt hatte, wo du noch nicht auf der Welt warst.

Hmmm.

Aber komm, das waren Übungsmatratzen für deine spätere Zufriedenheit. Na, ich hab nur Essen geklaut, bisschen, ich hatte ja nichts. Mein Held war Gavroche. Diese Szene, wo er den Schwan beklaut, damit die zwei verlorenen Brüderchen was zu essen bekommen, die hat sich mir eingestanzt. Die bringen wir mal! Aber deine Generation liest Victor Hugo nicht, na, kein Wunder eigentlich.

Schon wieder wirfst du alles durcheinander.

Stimmt, aber es ist durcheinander.

Außerdem hast du das schon erzählt.

Tschuldigung!

Lass uns über was anderes reden, ja?

Warum?

Im Auto bei der Siesta schlug er Mama vor, im Geburtsort von Charles Baudelaire des Meisters Gedicht »Ein Aas« über die Bretter gehen zu lassen, sie in der Titelrolle, die Jungs als kreisende Schmeißfliegen um sie herum, während er deklamieren würde, aber so, dass Hoffnung mitschwingt. Sie stoppte ihn mit dem Hinweis, in Charleville wäre eine andere Dichtergröße geboren.

Der war aber doch mit Baudelaire zusammen, oder? Schwuchteln wie im Bilderbuch! Aber wie man das rüberbringt.

Nein, mit dem hier war ein anderer Dichter liiert, belehrte ihn Sonja, den Blick in ihr Handy vertieft.

Ist doch wurscht, verfemt waren sie alle.

Wenn du meinst!

Ich kann mir doch nicht alles merken, grummelt Vater, wir haben nicht studieren dürfen, weißt du? Nicht jeder kommt als Samtkind zur Welt! Mit so vielen Vorteilen. In die Freiheit hinein! Ein Kind der samtenen Revolution. Ja, Sonja, ich rede von dir!

Hör mal, hast du überhaupt Abi?

Logo, ein richtig gutes, irgendwo im Kofferraum.

Che che che!

Bloß haben die mich im letzten Schuljahr rausgefischt, kennst du die Story nicht?

Wer: die?

Die Staatssicherheit. Hör zu, damals war es so …

Stopp. Kenn ich vom Vati.

Aha?

Bloß war der auf der anderen Seite.

Aber später in der Klapse, dort habe ich mich gefunden, bei der Künstetherapie. Dort gab es ne Krankenschwester, eigentlich waren’s mehrere, die brachten mir Bücher, auch verbotene, und freuten sich, wenn ich deklamierte. Auch eine Ärztin, eigentlich Psychologin, hat mich unterstützt.

Immer das Gleiche.

Im Grunde genommen ist sie zu meiner Sklavin geworden. Die Irren kriegten Ausgang, hatten Morgengymnastik, Tischtennis und sonstigen Blödsinn, von dem ganzen Zeug hat sie mich befreit. Wir hockten dauernd bei ihr im Kabuff. Die war echt nett!

Also war es eigentlich gut.

Ich wollte vor allem nicht eingezogen werden. Wer weiß, wohin uns die Russen geschickt hätten! Nach Afghanistan? Nach Polen?

Hast dich rausgemogelt …

Na, heute kann ich es dir erzählen, du bist schon ein großes Mädchen. Ich war nämlich, sagte sie, der Einzige, mit dem sie einen Orgasmus bekam, also wollte sie mich gar nicht entlassen. Das war dann schon ein bisschen heikel.

Ach du Armer!

Na ja, das war schon ein Ritt, aber man findet immer eine Hand, die hilft. Das ist die wahre Kriegskunst.

Was für’n Krieg, was laberst du da? Heute? Mein Papa, der … kuck mal, die Pampers, sind die nicht herrlich. Die hab ich wohl gekriegt, weil sie dachten, ich bin auch so ein hilfloses Refugee.

Quatsch. Von wegen Refugee. Das wird hier an Frauen verteilt. Ist halt ein reiches Land, oder.

Meinst du?

Jup.

Und Vater verkriecht sich im Kofferraum hinter Schlafsäcken, Plastikboxen, Bergen von Taschenbüchern, Kisten mit chinesischen Suppen, dem Kocher und sonstigem Kram, der sich dort türmt, schlägt eins der Hefte auf und schreibt und schreibt.

Diese Karre hat schon verdammt viel auf dem Buckel, Vater tätschelt das Armaturenbrett, und sie jagen über die Autobahn im ewiglichen Jaulen der Winde, die sich gegen die Flügel der Windmühlen stemmen, der einzigen Weitblickstörer in dem sumpfigen platten Land … Die Knete für die Kiste hab ich damals beim Beitritt der Tschechen in die NATO und in die EU aufgetrieben, die Geschichte kennst du wohl auch schon, damals hab ich das alles hier mit Lyrik abgeklappert; wo mich der Bolschewik eingebuchtet, wegen aufständischer Poesie in den Knast gesteckt hatte, hat man mich überall einladen wollen, das war die Tour der Tours! So was kommt nie wieder!

Das kommt mir schon zu den Ohren raus. Dass die dir das gefressen haben …

Die waren neugierig auf die ollen Ostblockknorren, da war noch Havel da.

Tja, das läuft jetzt anders, was?

Hm.

Jetzt haben wir Probleme, was?

Na ja, die Szene ist anders geworden, logo, spontane, oder sagen wir mal beatnikmäßige Kunst ist weniger geworden, würde ich sagen, noch dazu diese beschissenen Aufnahmekommissionen überall. Für jeden kleinen Pups Abertausende von Mails! Außerdem spielt uns der ethnische Aspekt der Sache auch nicht gerade in die Hände, um’s mal etwas schnippisch zu formulieren.

Quatsch, wir sehen doch beide, dass man uns nirgends zum zweiten Mal einlädt.

Na!

Langsam geht uns die Luft aus, würde ich sagen.

Es ist auch was anderes, einen poetischen Abend aus dem Ärmel zu schütteln oder ein Familienstück zu komponieren, weißt du? Damit es Kopf und Fuß hat, klar? Außerdem hatte ich damals halt auch andere Bedürfnisse, da beißt die Maus keinen Faden ab!

Erzähl doch keine Märchen. Als ich noch ne Wampe hatte, da wurden wir viel gebucht, jetzt lassen sie sich noch manchmal von den Kinders erweichen, ich denke, mit deiner Genialität ist es auch nicht weit her, oder?

Kuck mal, wo wir sind! Kuck richtig hin … Weißt du noch?

Sie sausen an Autobahnschildern Richtung Brügge und Damme vorbei. Es ist nicht direkt die feine Art von ihm, sie aufzufordern, richtig hinzukucken, wo ausgerechnet hier ihr Auge an Sohnemanns Hellebarde hängengeblieben war.

Das war so gewesen.

Er hatte damals gerade im Kofferraum gechillt, auf Einfälle gelauert, aber die Idee kam erst, als sie gegoogelt hatte, wo sie waren, besser gesagt, wo dieses poplige Festival eigentlich stattfand. In Südholland in Brielle, das Festival der rebellischen Geusen …

Na Mensch, easy peasy das Ganze, informierte er sie und die Jungs. In Damme nämlich, da ist der Till Eulenspiegel gestorben. Das wurde uns im Rahmen der Inthronisation vom Kommunismus in der Grundschule als Befreiungskampf des niederländischen Volkes gegen die Eroberer eingetrichtert. Schon als kleiner Steppke hab ich das in der Klapse gelesen, im Kindertrakt. Die Geusen? Das haben wir in der Tasche!

Sie kreiste auf dem Podium im Kapuzengewand, kreiert aus einem Düngemittelsack mit reingeschnippelten Löchern, das hinter dem örtlichen Supermarché herumgelegen hatte und perfekt an die Inquisition erinnerte, denn sie spielte den Tyrannen, den Herzog von Alba, und bis an die Kiemen zugedröhnt, streckte sie ihre Klauen nach den Lütten, die die widerständischen Geusen verkörperten.

Der Junge, die Waffe griffbereit, schlug die Trommel, der Kleine hing in der traditionellen Wiege in Form einer Holzpantine über dem Podium und stellte die Zukunft der Niederlande dar, während Vater mit einem Käseleib unterm Trachtenhemd, einer Leihgabe des Requisiteurs, den mächtigen Till Eulenspiegel spielte. Und während er das Kampflied der Geusen schrie, nämlich:

Reißt dem Herzog von Alba das Gedärm heraus

peitscht ihm das Gedärm ins Gesicht!

holte der Junge nach Mama aus, sie strauchelte, fiel auf dem seine Hellebarde, und abgesehen von dem ausgestoßenen Auge knackste sie sich auch noch ordentlich die Rippen an, wie sie sich jaulend auf dem Boden wälzte.

Na, diesmal fuhren sie lieber nur vorbei und bretterten weiter nach Deutschland, schlugen Haken und versuchten alte Winterquartiere zu meiden, weil dort die Behörden die Angeln nach den Jungs ausgeworfen hatten, außerdem war ein befreundetes Squat, einer dieser Orte, wo sie immer ausgespannt und den eher mosaikartigen Schulbesuch des Jungen mit sogenanntem Heimunterricht vervollständigt hatten, komplett abgebrannt, ein anderer zum Youth Hostel für jugendliche Millionäre on the road mutiert, und in einem der Kulturhäuser, wo Vater noch aus den Zeiten nach dem Eisernen Vorhang Freunde hatte, befand sich nun ein Heim für geflüchtete Schriftsteller aus Ägypten, Algerien, aus der Türkei und aus Syrien …, auch an anderen Orten, wo sich früher kunstliebende Osteuropäer geschart hatten, fanden sie neue Asylhäuser für Geschöpfe vor, die in einer echten Misere steckten, und anstelle einer gewissen kleinen Alternativ-Farm gab es eine nagelneue Feministinnenzone NO MAN – NO PIG PLACE, das fand Sonja im ersten Moment richtig entzückend, überlegte es sich dann aber doch noch anders. In einem malerischen Städtchen gerieten sie in eine herumpöbelnde Demo, das Motto, unter dem dort die Bürger marschierten, kannten sie zwar nicht, aber als sich ein paar Einheimische anschickten, die ihnen im Weg stehende Karre – Kinder hin, Kinder her – umzukippen, legte Vater doch lieber den Rückwärtsgang ein, und so fuhren sie weiter; auf winzigen Marktplätzen und sonstigen Flecken, wo sie früher mit ihresgleichen überlegt hatten, mit wem und wohin weiter, reihten sich nun abgebrannte Flüchtlinge in die Schlangen, bewacht von lächelnden, an die zwei Meter langen blonden, blauäugigen, gertenschlanken, muskulösen und bis an die Zähne bewaffneten Bullen und Soldaten, die volle Pulle Gutes ausströmten.

Manchmal ließ es Sonjas Schauspielerseele keine Ruhe, und als eine Art Fingerübung band sie sich einen Schleier um, und wenn sie von den anderen Damen nicht aus der Schlange hinauskomplimentiert wurde, schleppte sie schon ein paar Lebensmittel- und Hygienepäckchen ab, hin und wieder auch Putzmittel, die überforderten sie aber eh.

Auf Granit gebissen haben sie erst in München.

Der Kommissar des altehrwürdigen Festivals FREIES THEATER verlangte nämlich erst ein Interview und eine Kostprobe, um dann entscheiden zu können, ob überhaupt und in welcher Kategorie des Festivals, in diesem Jahr selbstredend dem vierhundertsten Jubiläum William Shakespeares gewidmet, sie untergebracht werden können, was am wichtigsten war, weil das hieß Geld.

Auf dem Tisch vor dem Kommissar steht eine offene Blechkasse mit Banknoten in allen EU-Farben. Ein ansehnlicher Bursche ist das, der weiße Schimmer seiner Zähne schlägt mit dem auf Hochglanz polierten Leder der offensichtlich maßgeschneiderten Schuhe einen Akkord an, der die beiden Schmuddelakteure ganz leicht verunsichert. In die Stirn fällt dem Kommissar eine kunstvoll geformte Locke, und sobald er von Literatur spricht, schleicht sich etwas Verträumtes, Staunendes in seinen Blick. Matte, unstete, fast Hölderlinsche Augen, flüstert Vater begeistert Mama ins Ohr.

Durch das weitgeöffnete Erdgeschossfenster bietet sich ein famoser Blick auf andere Schauspielertruppen in verschiedenen Stufen des Probens oder Nichtstuns. Die tatarische Gruppe »Zwielicht der Krim« entspannt sich gerade mit Lockerungsübungen. Die Georgier aus dem Ensemble »Vaters scharfes Schwert« zaubern mit scharfen Gegenständen. Fröhlich und lebhaft geht es im Hof zu, schüchtern lächelnde Afghanen in Turban und buntem Habit trudeln ein, auch einige Tschetschenen aus der Flüchtlingsschlange, die sich über den Marktplatz windet. Eine Brigade echter ukrainischer Volksmusiker kratzt unter freudiger Anteilnahme einer herumgaffenden Multikulti-Kinderschar Grünspan aus ihren Trompeten. Vater jedoch treten Schweißtropfen auf die Stirn.

Wie, wir hätten unsere Teilnahme bis zu zwölf Monaten im Voraus per Mail absprechen sollen, ich hab schon x-mal hier gespielt, verdammt!

Das hätten wir aber tun müssen, sagt er!

Mein Gott! Rechtzeitig kommen musste man, mehr nicht. Die waren immer happy. Man kennt mich doch hier!

Damals unter Havel, wolltest du sagen?

Na ja, da hat es wohl weniger Ensembles gegeben, Vater rudert zurück.

Außerdem sollst du ihm erklären, seit wann es im Wintermärchen den Urvater Čech gibt.

Als Antigonus die böhmische Küste erreicht, mahnt ihn der Matrose, gut aufzupassen, die Gegend soll verrufen sein, der wilden Tiere wegen! Na und da taucht Urvater Čech auf!

Das findet er seltsam.

Stimmt, die Interpretation ist ein bisschen gewagt. Aber wir sind Tschechen, und Shakespeare hat nur ein Stück über Böhmen geschrieben, also müsste das doch vertretbar sein. Es steht uns zu!

Er sagt, das sieht er anders.

Hast du’s auch richtig übersetzt?

Aber klar, Mann.

Hör zu, sag ihm …

Lass uns gehen. Ist sonst zu peinlich.

In dem Moment ertönt im Kulturhaus ein Schreckensschrei. Das Erdgeschoss bebt vom Kreischen, auch der Raum, wo sie vor dem Kommissar Stellung bezogen haben, ist voll davon. Auch der Mann wird nervös, winkt mit der Hand, sie eilen aus der Tür.

Beim Anblick, der sich im Nebenzimmer bietet, legt Sonja dem Jungen die Hand vor die Augen.

Der verehrte und weltberühmte Shakespeare-Darsteller, das russische Genie Soschtschenko, bekannt für seine Verkörperung von Macbeth, Caliban und Heinrich IV., liegt in einer Blutlache auf dem Bett. Mit einem Dolch in der Brust. Dessen reichverzierter Schaft zittert noch. Der Kommissar stößt einen Schrei aus und fischt das Handy aus der Tasche. Am geöffneten Fenster hat sich inzwischen der ganze Hof versammelt, und das angsterfüllte Gejohle will kein Ende nehmen.

Die wollen uns nicht! Vielleicht kennt sich dieser Chef wirklich mit Literatur aus …, bemerkt Mama bissig, als sie Ölflecken ausweichend über den Parkplatz schreiten.

Und vielleicht merkt er auch, wenn man ihm ne echte Schmiere anbietet, weißt du!

Der Typ hat einfach keine Ahnung von postmodernen, alternativ globalen Ansätzen!

Ist doch Asbach-Uralt!

Und Kokolores. Das mit dem Soschtschenko ist aber übel, oder? Ob die das Ding absagen müssen?

Du denkst nur an dich. Der arme Witalij Semjonowitsch, vielleicht hat er Familie. Wer kann das gewesen sein, hast du ne Idee?

Keine Ahnung. Bei den Russen weiß man sowieso nie. Vielleicht hat ihm was leidgetan, Chandra hat ihn überfallen, er war leicht depri, und dann … na ja, ich hab ihn auch gemocht.

Du musst dich nicht ständig über alles lustig machen. Manchmal kann ich das nicht ab. Was machen wir bloß. Kein Geld mehr, Jesusmaria.

Du sollst den Namen des Herrn nicht unnütz im Munde führen. Und ohne Grund. Vielleicht geschieht ein Wunder.

Wie du mich ankotzt. Ne selbstbezogene Labertasse bist du, ein Meister der Manipulation und der Selbstbeweihräucherung.

Na na na …

Und Suffkopp und Kasper und außerdem ein Idiot!

Mir tut es manchmal auch leid, denk bloß nicht.

Jesusmaria, wie du mir damals in Trenčín bei PALETTI erzählt hast, dass ich die Beste bin! Das war so schön! Und ich hab dir geglaubt!

Das war auch so!

Uaaah, achich!

Sonja, hör mal, ich hab immer gedacht, dieser Text im Wintermärchen über die böhmische Küste, dass den mal unser Söhnchen deklamiert!

Was?

Auch ist die Gegend hier herum verrufen, der wilden Tiere wegen!

Jesusmaria! Unser Junge? Deklamieren?

Ja, dass er spricht! Vielleicht bekommt er Lust dazu!

Wär das schön!, Sonja heult schon und rutscht auf die Knie, schließt den Jungen in die Arme und schnieft ihm auf den Hals.

Weißt du, Sonja, die armen Flüchtlinge, ihre Häuser wurden zerbombt, ihre Familien erschlagen, manche haben Narben von Folter, sie wissen nicht, was kommt … uns geht’s ja noch gold im Vergleich!

Leck mich doch!

Wir fahren nach Budapest und danach in die Slowakei, ja?

Wie?

Slowakei, das ist fast zu Hause. An die Sázava nur noch ein Katzensprung. Hab dir doch erzählt, wie mein alter Herr dort zusammen mit meinem Bruder den berühmten Motocrosss gegründet hat, dieses Motorradwettrennen.

Ist doch deine Lieblingsgeschichte, was du als Kind für ’n armes Würstchen warst.

Mein Bruder und ich, wir haben uns ständig in der Scheune gekloppt. Er ist nen Tacken älter als ich. Der alte Herr und er, sie hatten die Motorräder in der Scheune stehen gehabt.

Na dann ist er jetzt ordentlich alt. Ein vorsintflutliches Rennen, was?

Von wegen, Motocrosss in Poříčí nad Sázavou ist immer noch was!

Sicher.

Und das möchte ich den Jungs zeigen!

Dein Ernst, ja?

Steig als Erste ein … warte, ich mach dir die Tür auf. Jungs, was soll das, Schluss mit dem Gezappel, hinsetzen! Wir fahren in die Slowakei, nach Hause!

Nach Hause? Außer dir kommt hier keiner aus der Tschechoslowakei, du Tattergreis, plappert Sonja schon auf dem Beifahrersitz.

Das wird mir auch bis ans Lebensende leidtun, dass wir uns von den Slowaken getrennt haben. Bis zu meinem Tod bleib ich Tschechoslowake, aber meine Kinder sind nur noch Tschechen. Wie du. Wie ist das, nur Tschechin zu sein? Fühlst du dich nicht benachteiligt, irgendwie?

Warum?

Emotional gesehen ist die Tschechoslowakei für mich immer noch meine Heimat, er schlägt mit der Faust auf die Motorhaube, spuckt aus dem Fenster und hupt.

Warum?

Bin’s halt so gewohnt.

Im Grunde genommen ist es aber wurscht, würd ich sagen.

Stimmt auch wieder.

Achich!

Hör auf zu heulen, ich bitte dich. Das bringt die Jungs durcheinander, komm schon, es gibt keinen Grund zum Heulen.

Mir hilft das aber.

Ach so, na dann.

Nicht mal mehr heulen darf ich.

Doch.

Wasserstrahlen hämmern gegen die Fenster. Das Bächlein an der Raststätte hat kein leichtes Leben, es schlägt Schaum, hüpft in der Betonrinne, im frisch herangespülten Wasser bilden sich Wellen.

Sonja, verschlafen, stupst mit zerzaustem Kopf Vater an.

Wollen wir weiter?

Ungläubig starrt sie die Banknotenstapel an, blau, orange, aber auch grün, gelb und lila, die er durch die Finger schiebt. Ihr Blick rutscht auf den Fußboden, dort liegt die Blechkasse.

Damit hast du’s endgültig verschissen. Du hast sie nicht alle.

Ach was. Da nimmt keiner Schaden von! Die sind bestimmt versichert, hundertpro. Wo sie bei jedem Pups Monate vorher auf Nummer sicher gehen. Die wissen, wie der Hase läuft, keine Panik!

Du kommst in den Knast!

Aber wo, die werden’s vertuschen.

Sicher?

Denk doch dran, wie’s dort aussah. Lauter leidende Völker. Das untersuchen die gar nicht!

Er kurbelt das Fenster herunter und schmeißt die leere Büchse in die Bachrinne.

Über den voll bekritzelten Heften auf seinem Schoß liegt nun die Autokarte.

Wir müssen durch Ungarn, dort spielen wir, dort kenn ich mich aus.

Ja?

Na klar, die Ungarn sind prima, absolute Ruhebluter.

Sicher?

Wirst sehen!

4 Kurortmomente · Kommissar nimmt Spur auf · Wohin mit den Finanzen · Keleti pu · Iwan und Waska · Drama am Schwimmbecken · Tragödie der Schwimmer · Wer spielt Othello? Von wo ist Iggy geflogen?

WORTE ALTERN NICHT – UNSERE WELT – 400 JAHRE SHAKESPEARE – BUDAPEST!, verkündet das Plakat neben dem Festivalbüro, aus dem soeben der strahlende Vater hinausstiefelt.

Wir treten gleich nach Othello auf, meldet er, die Nase tief im Programm vergraben, der laue Flusswind, der um die Margareteninsel weht, liebkost unter seinen Händen die Seiten.

Kuckt bloß, hier überall haben wir mal gepennt, ich und meine Kumpels, Vater deutet auf die Sträucher ringsum. Aber jetzt suchen wir uns die beste Unterkunft, die wir im Leben hatten, geduscht wird bis zum Abwinken, und die Leckereien erst, ihr werdet staunen! Die ungarische Küche ist herrlich!

Auch Mama lächelt und nickt, als Vater die Wonnen und Freuden schildert, die sie in den berühmten Moor- und Thermalbädern überkommen werden, an denen sie übrigens gerade vorbeimarschieren, schön mitten durch eine Budapester Insel.

Der feuchte, gar nicht schlimme Gestank der salzversetzten Schlammbäder kitzelt sie in der Nase, durch die Löcher im Plankenzaun beobachten sie die Schwimmer, die sich auf dem Wasser wälzen. Es gibt auch solche, die ins Wasser vertieft lesen, sogar Schachspieler schweben in der seltsamen ungarischen Bademischung und tröpfeln während ihrer langen, nachdenklichen Züge vor sich hin … Auf der grünen Wiese am künstlichen Wellengang pappt sich eine Clique schlammbeschmierter Jugendlicher noch weitere Schichten auf den Körper, man sieht eine Schlacht toben; Schlammmenschen bewerfen sich mit stinkigen Schlammfladen. Von dem ganzen Jauchzen und Juchuchu wird dem Jungen schwindelig, überall auf der Haut spürt er salzigen Schweiß. Ein Stück weiter befinden sich Holzbuden, Kioske voller Leckerbissen und vor allem ein grüner Anger mit Sonnenanbetern und sonstigen Faulenzern.

Jeee, Mama lächelt breit, hier kann man echt entspannen. Ins Wasser hüpfen. Und dann dalli nach Hause. Jungs, ihr kriegt die Heimatscholle zu sehen!

Klaro, Vater stimmt ein. Außerdem besorgen wir uns ordentliche Klamotten. Kuck dir an, wie wir aussehen!

Na ja, na, sagt Mama.

Und wir kaufen Berge von Geschenken, fährt Vater fort, und der ganze Müll, den wir mitschleppen, fliegt raus, das sag ich dir. Bis auf die letzte Isomatte fliegt alles raus!

Okay!

Noch der Auftritt heute, und dann frrrr …

Klaro.

Und kuck, zu Hause, ich meine in Böhmen, da können wir ein eigenes Theater gründen! Echt!

Mal langsam …

Natürlich gönnen wir uns vorher ein bisschen Ruhe.

Und die Jungs …

Die müssen zur Schule, ich weiß! Kuck mal, jetzt können wir uns die besten Ärzte leisten, die beste Pflege, alles. Mach dir keine Sorgen!

Ja, ja, Mama nickt, mit jäh abwesendem, schrägem Blick … das geschwollene Bein pocht, sie schleift den Jungen zum nächsten Kiosk, hält ihn ganz fest an der Pfote, und als sie stolpert, zerrt sie an seiner Schulter.

Du Sonja, das mit dem Othello, das will mir nicht aus dem Kopf.

Sonja gönnt sich einen Wein. Gekühlt gibt es den.

Ich meine, dass er von einem Gorilla gespielt wird! Ziemlich krass, finde ich, ein weißes Mädchen, von einem Tier erdrosselt. Wir setzen uns, oder? Ganz schön warm hier. Jungs, ne Cola, ein Säftchen? Nehmt beides! Wo wir schon mal da sind!

Das sind sie. Sie stehen am Kurparkplatz, ihre Karre inmitten der anderen in Sichtweite. Sie machen es sich also auf einer Bank bequem, löschen den Durst, essen Hot Dogs, Melek-Sandwiches, Popcorn … stopfen sich mit Köstlichkeiten voll, die Vater diesmal ausnahmsweise alle am Kiosk gekauft hat … und sobald einer Lust auf etwas bekommt, sprintet er gleich wieder zum Kiosk, Papier und Essensreste entsorgen sie gewissenhaft in einem Steinguteimer.

Ab jetzt wollen wir Ordnung halten und sparen, wo wir reich sind!, freut sich Vater.

Und wegen dem Affen … vielleicht gibt’s in Ungarn nicht so viele Tierschützer, fügt Mama hinzu.

Na, komm, am Ende ist es ein zahmes Tier ausm Zoo. Oder eins ausm Zirkus.

Warum nicht? Gorillas sind intelligent!

Jungs, hört der Mama zu! Gorillas sind fast genauso intelligent wie Menschen. Wenn nicht klüger. Warum sollten sie nicht Theater spielen? Mama hat Recht.

Sag ich doch, Sonja freut sich und irrt mit der Hand in ihren Rocktaschen herum.

Jungs, wollt ihr was zum Lesen? Zu meiner Zeit gab es nur so’n Pionierscheiß, ihr habt es gut! Lieber ein Heft mit Marsmännchen oder mit Indianern?

Ist doch ungarisch, du musst das Geld nicht zum Fenster rauswerfen …

Aber die haben die gleichen Bilder wie bei uns. Jungs, wisst ihr was? Ich kauf beide. Ihr könnt tauschen. Ihr seid Brüder, also keine Rauferei.

Jesusmaria, japst Mama und ihre Hand mit der Tube fliegt hoch, die kracht gegen die Zähne, bis die Funken stieben.

Sie haben ihn beide gesehen.

Der Kommissar. Dieser Typ aus München.

Derselbe Anzug, als hätte er sofort ihre Spur aufgenommen. Und steht direkt vor ihrer Karre. Beugt sich zum Fenster, starrt hinein. Trommelt auf die Motorhaube, schürzt die Lippen, vermutlich pfeift er vor sich hin. Dann stellt er sich auf die Spitzen seiner blankpolierten Schuhe und stiert in den Wagen. Das Minitelefon in der Hand.

Mit einem Sprung folgen sie Vater hinter den Kiosk. Stante pede. Die Bretterbude bietet Deckung, der Steinguteimer auch.

Mama rutscht in die Hocke, den Rücken an die Holzwand gelehnt, den Winzling im Arm. Der Junge schmiegt sich an sie, späht ebenfalls hinter dem Eimer hervor.

Sonja?

Hm.

Wenn dir die Arme wehtun, gibst du ihn mir.

Jetzt tut mir alles weh.

Wir warten einen Moment, der verduftet doch gleich, kein Stress.

Wir müssen verduften! Scheiß auf die Karre, ist sowieso alt und morsch. Aber um die Handys tut’s mir leid. Ich wollte Vati anrufen!

Sonja …

Los, wir quartieren uns ein. Papiere haben wir, also wo hakt’s?

Wie soll ich dir das …

Die Penunze hast du bei dir, oder?