Ein Engel an Güte - Ippolito Nievo - E-Book

Ein Engel an Güte E-Book

Ippolito Nievo

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Beschreibung

Große Oper: ein Roman voll tiefer Gefühle und zauberischer Betörungen

Was vermag menschliche Güte angesichts einer Welt, in der die Unmoral regiert? Dieser venezianische Bilderbogen erzählt von den Prüfungen einer edlen Seele inmitten des liederlichen Settecento. Er entführt uns in eine hinreißend märchenhafte Welt, wo indes Gut und Böse selten klar voneinander zu scheiden sind. «Was Verdi für die Musik, ist dieser Autor für Italiens Literatur.» (Lothar Müller)

Ein Frühlingsabend im Venedig des Jahres 1749: An der Riva di San Pieretto drängen sich die Gondeln, auf jeder Brücke lauert ein parfümierter Cavaliere, und die Serenissima gefällt sich in ihrer ganzen schwülen Pracht und Verkommenheit. Morosina, ein Engel an Güte und von vollendetem Liebreiz, fiebert dem Tag entgegen, an dem man sie aus dem Mädchenpensionat der Seraphinerinnen ins Leben entlässt. Noch ahnt sie nichts von den Leimruten der Galanterie, von Heuchelei, Tücke, Liebesverrat, die hinter den malerischen Fassaden der Palazzi lauern.

Ippolito Nievo (1831–1861) inszeniert in seinem Romanerstling eine Opera buffa vor der zauberhaften Kulisse des historischen Venedig. Mit souveräner Hand bringt er zur Aufführung, was fühlende Herzen höher schlagen lässt: große Gefühle, dramatische Wendungen, Grandezza und nicht zuletzt das mondäne Flair des 18. Jahrhunderts. Spielt das heitere moralische Lehrstück doch in jener Epoche, in der die Dogenrepublik – politisch wie kulturell längst im Niedergang begriffen – noch einmal eine späte Blüte dekadenter Prachtentfaltung erlebt. Die Geschichte der schönen Seele Morosina, eine Parabel auf die Macht der Liebe, kann als Prolog zu Nievos Hauptwerk «Bekenntnisse eines Italieners» verstanden werden. In dieser Neuübersetzung, die mit dem deutsch-italienischen Übersetzerpreis 2010 ausgezeichnet wurde, liest sie sich ebenso vergnüglich.

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Seitenzahl: 516

Veröffentlichungsjahr: 2012

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MANESSE BIBLIOTHEK DER WELTLITERATUR

Inhaltsverzeichnis

MANESSE BIBLIOTHEK DER WELTLITERATURI - Der Sprechsaal der SeraphinerinnenCopyright

I

Der Sprechsaal der Seraphinerinnen

Am ersten Sonntag im Mai des Jahres 1749 gab es ein dichtes Gedränge von Gondeln an der Riva di San Pieretto: In der Abenddämmerung war der Kanal dann gänzlich verstopft, Ruder wirbelten durcheinander, Bug stieß an Bug, Rufe schollen von Boot zu Boot, kurzum, es herrschte ein Tumult, wie ihn nur die Bootsführer von Venedig zu veranstalten wissen. Es war der höchste Feiertag im Kloster der Seraphinerinnen1, und da diese einem der besten Erziehungsinstitute für Töchter des Patriziats vorstanden, drängte sich die adlige Sippschaft in den Sprechsälen, und unter Angehörige, Vormünder und Freunde mengten sich auch etliche Schaulustige; was die ehrwürdigen Schwestern überhaupt nicht schreckte, ganz im Gegenteil, sie erfreuten sich am harmlosen Gepränge, das ihnen sehr geeignet schien, den Ruhm ihrer Schutzpatronin, der Heiligen Teresa2, zu mehren. Überdies weder durch Gelübde noch Klausur eingeengt, scheuten sie weltlichen Prunk weniger als alle anderen Orden und waren über die verwickelten venezianischen Verhältnisse so gut unterrichtet, dass sie in der Konversation mit den Damen und Herren würdig bestehen konnten. Die Pförtnerin hatte also für diesen Abend ihren vertrauten Platz am Guckloch verlassen, und die beiden Torflügel der Pforte standen den Vorübergehenden einladend offen; die in ihrer klösterlichen Schlichtheit an sich schon schöne Vorhalle war über und über mit Damast und Blumen geschmückt; die brennenden Wachskerzen auf zweiarmigen silbernen Leuchtern, die Rosen-, Geranien- und Veilchensträuße hier und da und der letzte Widerschein des Sonnenuntergangs, der im Violett der Vorhänge noch einmal aufflammte, brachten jene in Farben und Düften einzigartige Stimmung hervor, die frommen Gemütern so lieb und vertraut ist. Aber wenn die Vorhalle kraft solch religiösen Zaubers etwas Klösterliches ausstrahlte, wirkte der Sprechsaal umso erstaunlicher, denn dort durchdrangen Heiligkeit der Klausur und weltliche Lebenslust einander auf eine Weise, dass man meinen konnte, es sei dies ein Fleckchen vom Paradies auf Erden. In der Mitte sah man in unterschiedlichsten prachtvollen Toiletten jüngere und ältere Damen der Aristokratie in Grüppchen beieinanderstehen; und dort, inmitten all des Glanzes von Juwelen und entblößten Busen, die braune Ordenstracht irgendeiner kleinen Nonne, allerdings aus feinstem Tuch und so geschnitten, dass die reizende Gestalt darin ganz vorzüglich zur Geltung kam; weiter drüben fein geputzte, parfümierte und gepuderte Kavaliere mit Mantel und Degen, wie es damals hieß; den nutzlosen Degen schräg hinter den Beinen baumelnd, den weißen Mantel über dem Arm und den kleinen Fächer in der Hand, stolzierten sie wie die Pfauen im anmutigen Schwarm der Jungfern umher; und da wurde im Schatten der Hüte und Fächer insgeheim gelacht, spitze Bemerkungen flogen hin und her, ebenso Blicke und Lächeln; doch alles völlig harmlos, denn hinter halb geschlossenen Lidern döste dort hinten eine ehrwürdige Klosterschwester. Überall ringsum an den Wänden saßen auf hohen Stühlen aus schwarzem Maroquinleder Mütter, Väter, Onkel und Vettern; ihnen zur Seite noch unreife, aber aufgeweckte und schwatzhafte Mädchen; Wesen, so schmächtig wie Schattengewächse, doch voller Feuer und Schalk auf dem Grund der Augen; junge Dinger mit scheuen Blicken, aber verstohlenem, wissendem Grinsen. Und zwischen alldem glitten schwatzend, lauschend, lächelnd, Kerzen putzend, Erfrischungen reichend acht oder neun Klosterschwestern unterschiedlichen Alters und Aussehens hin und her, allen aber lag der Ausdruck von Festtagsfreude auf dem Gesicht und die heitere Zufriedenheit klösterlichen Lebens.

« Nur zu, Marchesa, ein Schlückchen von diesem Rosolio...! Ein wahres Labsal in unserem Alter, Sie werden sehen! Exzellenz Carletto, Sie wollen doch nicht etwa dieses Konfekt verschmähen...? Wo ich es doch selbst zubereitet habe? Wie, Don Zefirino kommt heute nicht? Dabei hatten wir Eiermilch für ihn geschlagen! Ach, Contessa, sehen Sie nur diesen kleinen Cavaliere dort, wie er sich mit Blicken nach Ihrer Tochter verzehrt...! Ach, man könnte glatt... Donnerwetter...! Hören Sie, ich meine...! Was sagt man da, dieser Cavaliere! Apropos, wie ist es denn ausgegangen mit der Ärmsten ...? Denkbar schlecht, na ja, versteht sich...! Armes junges Ding, das musste ja so enden, bei dem Lebenswandel!»Solcherart waren die Gesprächsthemen der ehrwürdigen Schwestern, und der Saal füllte sich immer mehr, ohne dass die heitere Stimmung oder die Freundlichkeit des Empfangs geschmälert worden wären.

Der Sprechsaal war zum Bersten mit Menschen gefüllt und kein einziger Stuhl mehr frei, als auf der Schwelle ein alter Mann erschien, ein wahrhaft ausgefallenes Exemplar. Er war eher klein und wohlbeleibt, aber der ausgediente Galarock, den er trug, schien für einen Riesen geschneidert, sodass darunter wie aus dem Panzer einer Schildkröte zwei rundliche Füßchen, gänzlich überwölbt von zwei enormen Silberschnallen, gerade eben zum Vorschein kamen. Der unter den Arm geklemmte Dreispitz bedeckte ihm auf der einen Seite die Brust; auf der anderen Seite ragte er wie ein Bugsprietsegel drei Spannen über die Hüfte hinaus. Doch all das war nichts im Vergleich zum Kopf, der wie mit dem Hammer zwischen die Schultern gerammt schien; malerisch umrahmt von einer wirklich pompösen Taubenflügelperücke, die auf den Schultern in einem Zopf endete, der sich schwerlich mit einer Hand hätte umfassen lassen. Eingezwängt von dieser Perücke und diesem Rock, war der arme Mann glutrot, er schnaubte und drehte den Hals in alle Richtungen, lockerte dann mit der Hand die Enge des Kragens; doch all diese Gesten brachten ihm überhaupt keine Erleichterung, und er wirkte dadurch nur umso komischer. In der Tat waren die Grüppchen nächst der Tür dieses Pantalone3 schon gewahr geworden und begannen sich über ihn zu amüsieren, als ihn von der anderen Seite des Saales her ein hübsches blondes Mädchen erblickte, das seit einer Stunde dort neben einem schmucken Cavaliere saß; kaum hatte sie ihn entdeckt, war sie auch schon mit einem Freudenschrei aufgesprungen, mit aller höflichen Gewandtheit durch das Menschengewühl geglitten, war dem sonderbaren Menschen um den Hals gefallen und hatte ihm zwei schallende Küsse auf die Wangen gedrückt. Dann nahm sie ihn bei der Hand, und ohne auf den Zopf zu achten, der sich in den Toupets4 der Damen verfing, oder auf den Hut, der vor lauter Knüffen schon ganz zerdrückt war, oder auf die Litzen seines Rocks, die an allen Ecken und Kanten hängen blieben, schleppte sie ihn ohne größere Havarie zu dem Platz, wo sie zuvor gesessen war. Doch als sie, dort angekommen, zwei Stühle frei fand, sah sie sich verwundert um.

« Wo ist denn Celio geblieben?», sagte sie für sich.

« Hast du etwas gesagt, mein Töchterchen?», fragte der Alte, wobei er sich mit seligem Lächeln auf einen der Stühle fallen ließ.«Ach, diese Polster sind aber hart, mein Liebling!», setzte er etwas betrübt hinzu.

Unterdessen hatte das Mädchen bei genauerem Umherspähen denjenigen, den sie suchte, in einem Grüppchen junger Herren ausgemacht und setzte sich nun liebevoll neben den Neuankömmling.

« Was hat denn das zu bedeuten, Herr Vater», fragte sie,«dass Sie nicht wie sonst am vergangenen Sonntag gekommen sind?»

Der Herr Papa schlug die Augen nieder und antwortete, die Ecken seines Hutes auf seinem Schoß zurechtzupfend: Podestà5 von Asolo zu sein sei etwas ganz anderes, als Podestà von Lonigo6 zu sein, und mit der Übernahme dieser neuen Würde seien so viele Geschäfte auf ihn zugekommen, dass er seine jährliche Reise nach Venedig wenigstens um eine Woche habe verschieben müssen.

« Und weißt du», fügte er hinzu,«wäre da nicht die Krankheit Seiner Exzellenz Formiani gewesen, die allem Zögern ein Ende machte, so hätte ich noch einen weiteren Monat bleiben müssen...? Und denk dir nur, was mir jetzt widerfährt, just im Augenblick meines Eintreffens hier wird der Kranke plötzlich gesund!»

« Wie, Formiani auf dem Weg der Besserung? Lob sei dem Herrn!», rief das junge Mädchen.« Aber weshalb haben Sie mich denn nicht von der Verzögerung Ihrer Ankunft unterrichtet? Ich war so in Sorge, diese sieben Tage lang.»

« Ich dachte, das hätte wie sonst auch die edle Frau Cecilia besorgt», erwiderte der Podestà,«aber diese Perle einer Gattin nimmt solchen Anteil an meinen Amtsgeschäften, dass sie es vergessen haben wird.»

« Und hat sich die Frau Mutter indessen an die Luft dort oben gewöhnt?», fragte das Mädchen.

« Ach, meine Tochter, das ist eine Frau, die sich an alles gewöhnt, und wo andere vor Entkräftung umfallen, setzt sie Speck an!»

« Umso besser! Ihre Worte sind mir ein echter Trost. Ich bin nämlich sehr erschrocken, als sie mir schrieb, welche Krankheiten sie im Winter durchgemacht hat!»

« Ja, ja, meine liebe Morosina!», antwortete der Alte, und von seiner sonstigen gravitätischen Art abweichend, küsste er das schöne Köpfchen, welches sie zutraulich an seine Schulter lehnte,«ich weiß, wie zärtlich du mich und deine Frau Mutter liebst! Und schau, ich habe doch nur dich auf dieser Welt!»

« Und auch dieses Jahr», sagte das junge Mädchen,« auch dieses Jahr konnten Sie Signora Cecilia nicht dazu bewegen, einen Abstecher nach Venedig zu unternehmen...? Und dabei hatte ich mir wegen der geringeren Entfernung schon so große Hoffnungen gemacht! Jetzt weiß ich, wie schwer es ist, seit sechs Jahren wieder eine Mama zu haben und sie immer noch nicht zu kennen!»

« Komm, komm, Morosina!», versetzte der Podestà, die in seiner Stimme bebende Zärtlichkeit bezwingend.«Wein jetzt nicht, wo du doch deinen Vater hier hast! Signora Cecilia ist zum Wohle der Republik dort oben geblieben, und das muss dir genügen...! Und außerdem, kommst du nicht in einem Monat zu uns? Mir scheint also, in diesem Jahr bestand weniger Grund als in anderen, ihr diese Strapaze zuzumuten!»

« O ja, ja! In einem Monat», rief Morosina, klatschte in die Hände und sprang vom Stuhl auf,« in einem Monat werde ich ständig bei Ihnen sein, mein lieber, guter Herr Vater!»

« Ja, ja, mein Schätzchen, ständig bei mir, bis es Seiner Exzellenz Formiani und deiner Frau Mutter beliebt, dich zu verheiraten.»

Bei diesen Worten traten Morosina Tränen in die Augen, sie bewahrten aber immerhin so viel Klarsicht, dass sie am anderen Ende des Saales einem jungen Mann nachspähen konnten, der sich in diesem Gedränge einen Weg zum Ausgang zu bahnen suchte.

« Einen Augenblick, mein Vater!», sagte sie, sich die Tränen trocknend,«nur einen winzigen Augenblick, ich bin gleich wieder da!»

Sie eilte davon und schlüpfte mit wahrhaft venezianischer Geschmeidigkeit, den kleinen Leib drehend und wendend, zwischen den Personen hindurch und erreichte den jungen Mann, als er eben den Fuß auf die Schwelle setzte.

« Signor Celio!», flüsterte sie, ihn fast vertraulich beim Arm nehmend.

Der Cavaliere, der sich auf diesen Ruf hin umwandte, war von hohem, schlankem Wuchs, von schönen und edlen Gesichtszügen und prunkvoll gekleidet.

« Was gibt es, Signora Morosina?», erwiderte er leicht errötend.

« So schnell verlassen Sie uns schon?», sagte das Mädchen leise.

« Hier drin wird man ja gesotten wie in einem Kessel!», erwiderte der junge Mann und wandte sich zum Gehen.

Aber die Hand des Mädchens ruhte noch leicht auf seinem Arm, und es lag eine so zarte Bitte in dieser Geste, dass er den Fuß wieder zurückzog. Was die Hand begonnen hatte, brachten die Augen des Mädchens zu einem guten Ende, weshalb Celio sagte, die Hitze sei ihm vergangen, und er wolle noch ein Weilchen bleiben.

« Das freut mich», sagte Morosina und begann, sich ihren Weg zurück durch die Menge zu bahnen, wobei sie sich jeden Augenblick umwandte, wie um den Cavaliere mit den Augen zu lenken.« Das freut mich, so kann ich Sie endlich meinem Herrn Vater vorstellen!»

An welchem Glück dem jungen Mann nicht eben viel zu liegen schien, denn bei diesen Worten zögerte er noch einmal; doch Morosina, die Terrain gewonnen hatte, sah sich nun nach ihm um, und damit hatte sie die Auseinandersetzung endgültig für sich entschieden, denn eine Minute später machte der schöne Cavaliere, sich ein verräterisches Lächeln verbeißend, vor dem Podestà eine tiefe Verbeugung.

« Oh, was für ein hübscher junger Mann du geworden bist, Celio, du Schlingel!», nahm dieser die ehrerbietige Huldigung entgegen.«Es ist schon eine ganze Weile her, dass wir uns gesehen haben, nicht wahr? Seit der Zeit, als ich in Castelfranco war, dünkt mich. Bravo, bravissimo, mein lieber Celio ...! Celio Terni, nicht wahr...? Ach ja! Terni, wahrhaftig! So hieß dein Vater; was für herrliche Gelage habe ich dort oben mit ihm veranstaltet, als er Podestà in Caneva war! Ja, das waren noch Zeiten! Ich hatte eben meine arme Chiaretta verloren! Die gute Seele ...! Jetzt habe ich ja eine andere...! Aber was für eine Frau, und wieviel Geist sie besitzt! Komm mich doch einmal besuchen, liebster Celietto, komm mich besuchen, dort oben in Asolo7, dann wirst du sie kennenlernen! Es ist ein bisschen abgelegener als Castelfranco, aber ich schwöre dir, es lohnt sich!»

« In Asolo hat der Cavaliere seine Besitzungen», bemerkte Morosina.

« Wahrhaftig ...? Ach ja, stimmt ja...! Und ich Rindvieh erinnere mich nicht daran! Und dabei springt mir jeden dritten Tag dein Name auf diesen Aktendeckeln in die Augen, und Chirichillo trägt dich auf Händen, weil du beim Entrichten der Steuern nicht auf die festgesetzten Tarife achtest...! Bravo, bravissimo...! So macht man sich um unsere Durchlauchtigste Republik verdient!»

« Oh, ich bitte Sie, Exzellenz Alvise!», antwortete Celio,«verwöhnen Sie mich nicht mit Ihren Schmeicheleien! Ich komme nur im Herbst dort hinauf, und der Verwalter hat Anweisung, den Behörden gegenüber seine Schuldigkeit zu tun.»

« Gut, sehr gut, das sind goldene Worte!», riefder Alte,«anderen befehlen, sie gewähren lassen und sich nicht einmischen, das sind die Züge des echten Cavaliere! Und dein Vater war ein Cavaliere! Ja, wahrhaftig! Ein Cavaliere aus Treviso, und mit so viel Herz, wie man in Treviso zu haben pflegt.»

« Danke, danke», murmelte Celio und musste sich auf die Lippen beißen, um vor Morosina einen Anflug von Unmut zu verbergen.

« Apropos, und dieser... dieser gute Graf Carmini, wollte ich sagen, du musst ihn doch kennen, oh, hat er nicht auch eine Tochter hier?»

« Ja, ja, Costanza!», rief Morosina und ließ ihre Blicke auf den Suche nach ihr über die Menschenmenge schweifen.

« Sie steht uns direkt gegenüber», bemerkte Celio,« mit dem Grafen Fabio, der Gräfin Teodora und diesem Prachtkerl von Momolino8.»

« Was ...? Was ...? Wie ...? Der Grafisthier?», rief der Podestà, rutschte auf seinem Sitz hin und her und nestelte mit den Fingern am Kragen herum.« Und du hast mir nichts davon gesagt, mein Töchterchen...? Aber bei Gott, ich sehe ihn nicht!»

« Diese Damen stehen dazwischen», erwiderte Celio,«von dort aus können Euer Hochwohlgeboren ihn auch nicht sehen, kommen Sie ein Stückchen herüber ...»

« Nein, nein», unterbrach ihn der Podestà,«ich will ihn gar nicht sehen, da ich ihn dort oben nur zu oft sehe...! Aber zum Teufel, wie kann er hier sein ...? Hatman nicht erst gestern dem Diener ausrichten lassen, er sei ins Brescianische gefahren ...?»

« Was sagen Sie, Herr Vater?», fragte Morosina.

« Ach, nichts, nichts ...! Ich habe nur diese dumme Angewohnheit, Selbstgespräche zu führen ...! Das ist ja ein schöner Schwindel...! Der Graf in Venedig, während... Basta...! Soll Cecilia zusehen, wie sie damit fertig wird! Nun leb wohl, mein Töchterchen...! Bleib gesund, und auf Wiedersehen in einem Monat! Wir schicken jemanden, du weißt schon ...».

« Oh, so rasch wollen Sie schon wieder aufbrechen?», sagte Morosina mit einem leichten Schmollen.

« Ach, mein liebes Schätzchen, ich fühle mich hier nicht wohl mit gewissen... doch genug...! In einem Monat kommt Chirichillo dich abholen, mein Schatz, unterdessen sei guter Dinge... Nun sieh einmal zu, ob wir nicht hinter diesen Damen hinausschlüpfen können... Himmel, was für ein Gedränge! Kein Hirsekorn hätte hier mehr Platz ... Nein, nein, hier entlang, mein Liebling, ich lege keinen Wert darauf, mich von Angesicht zu Angesicht... Wenn Signora Cecilia ihn so vor der Nase hätte, ich wette, sie würde ihn erwürgen, diesen... Endlich ...! Eine Stunde in diesem Lärm und in dieser Hitze, da kommt man ja um.»

« Gute Reise, Exzellenz Alvise!», rief Celio, hocherfreut, ihn loszuwerden, als der Podestà in die Vorhalle hinaustrat.

« Leb wohl, leb wohl, Celietto, mein Lieber, und es bleibt dabei, du kommst mich dort oben besuchen.»

« Verlassen Sie sich darauf! Den ganzen Herbst bin ich für Sie da», entgegnete der junge Mann.

Unterdessen war der Podestà, sich den Schweiß von der Stirn wischend und Hut, Anzug und Perücke immer wieder zurechtrückend, mit Morosina bis zur Eingangstür gelangt. Dort küsste er sie auf den Mund und erneuerte sein Versprechen, sie noch vor Ablauf des Monats von diesem Chirichillo abholen zu lassen, dann ging er schließlich, wobei er vor sich hinbrummte:«Sapperlot... dieser Graf ist mir einer...! Tut so, als führe er nach Brescia, und dabei ... verflucht ... Der Herr hatte Angst vor dem Prozess dort oben, und er wird hierhergekommen sein, um sich Beistand zu holen...! Im Übrigen aber ist es besser, sich in Acht zu nehmen! »Bei diesen Worten presste er die Lippen zusammen und drückte den Hut auf die Perücke, da diese aber riesig war, rutschte ihm der Hut mal hierhin, mal dorthin vom Kopf; er zog seine Rockschöße zurecht und trippelte geschwinder davon, als man das bei seiner untersetzten Statur für möglich gehalten hätte. Bei einer Anlegestelle überkam ihn die Versuchung, eine Gondel zu nehmen, doch nach einem Griff in die Tasche der Weste, die ihm bis zu den Knien reichte, beschloss er, zu Fuß zur Piazza9 weiterzugehen.

Nachdem sie ihrem Vater mit Blicken bis zur nächsten Straßenecke gefolgt war, kehrte Morosina ins Innere des Gebäudes zurück, wo Celio noch immer an der Schwelle zum Sprechsaal stand:« Stimmt es denn», fragte sie, den Kopf senkend,« dass Sie vor August nicht nach Asolo hinaufkommen werden?»

Doch es war ihr nicht vergönnt, eine Antwort zu vernehmen, da die Mutter Oberin sie in der Zwischenzeit schon vier- oder fünfmal beim Namen gerufen hatte und der Ruf sich, während sie die erwähnte Frage stellte, so laut und gebieterisch wiederholte, dass sie sich notgedrungen von Celio losmachen und in den Kreis treten musste, wo zwischen fünf oder sechs Veteraninnen der eleganten Welt die Äbtissin saß.«Morosina Valiner! Signora Valiner, sage ich!»

« Hier bin ich, ehrwürdige Mutter», erwiderte diese mit einer ehrerbietigen Verbeugung.

« Also, ich habe wohl zwanzigmal schon nach Euch gerufen!», fuhr die Äbtissin fort.«Es sieht so aus, als wärt Ihr hier im Kloster die Prinzessin, und dabei kann ich Euch versichern, wenn da Lumpen in der Garderobe hängen, so sind es bestimmt die Euren!»

Morosina errötete übers ganze Gesicht.

« Keine Angst, mein Schatz», versetzte eine der Damen.«Seine Exzellenz Formiani wird in seinem Testament für alles gesorgt haben; er war Eurem Vater ja so zärtlich zugetan...»

Allgemeines Gelächter folgte auf die sarkastische Bemerkung der Matrone, das Rot wich aus Morosinas Gesicht, und ohne zu wissen warum, wurde sie bleich wie eine Leinwand. Zum Glück war Signor Terni in ihrer Nähe, als sie solche Schmach erdulden musste – er trat in den Kreis, und zu der Dame gewandt, die gesprochen hatte, sagte er halb scherzhaft, halb spöttisch:«Teure Gräfin, halten wir uns doch an die neuen Geschichten und lassen die alten ruhen ...! Wozu sich in der Vergangenheit verlieren, solange man noch einen Teint hat, auf dem dieses Diamanthalsband so vorzüglich zur Geltung kommt?»

Alle im Kreis hätten auf Anhieb eine pikante Geschichte über dieses Schmuckstück erzählen können, und erneutes Gelächter folgte auf Celios mysteriöse Anspielung. Auch die Unglückliche, der sie galt, lachte darüber, schleuderte dem Cavaliere aber gleichzeitig einen Basiliskenblick zu.

« Nun, wir werden uns doch nicht mit Sticheleien duellieren wollen!», griff die Äbtissin ein.« Seien Sie so gut, Signorina Morosina, setzen Sie sich ans Cembalo und spielen Sie diesen erlauchten Damen etwas vor, die die Güte haben werden, Ihnen zu lauschen.»

Morosina sah Celio mit dem Ausdruck eines Engels an; dann suchte sie mit dem gleichen engelsguten Blick die Augen der Äbtissin, und auch als sie diese mürrisch und abweisend fand, änderte das an ihrem Ausdruck nichts, nur schlug sie zum Zeichen des Gehorsams die Augen nieder. Dann setzte sie sich ans Cembalo und stimmte eine so wehmütige Weise an, dass mit dem ersten Ton das Gelächter und die Gespräche der versammelten Gesellschaft wie durch Zauberschlag verstummten und sogar auf den bemalten Gesichtern einiger alter Schachteln ein Anflug von Rührung sichtbar wurde. Aber Morosina achtete nicht darauf, die seltenen Blicke, die sie über den Rand des Cembalos hinaus schweifen ließ, suchten keinen Beifall, sondern flogen alle an das Ende des Saals, wohin Celio sich zurückgezogen hatte und wo er mehr als alle anderen von dieser unerhört neuen, schlichten, erhabenen Harmonie ergriffen und überrascht schien. Und tatsächlich hatte Morosina diese Musik nicht beim Musiklehrer des Klosters erlernt, sondern schöpfte sie unmittelbar aus ihrem Herzen; mit einer durch lange Übung erworbenen Meisterschaft übersetzte sie dessen innigste Regungen in Töne und flößte so den Seelen ihrer Zuhörer dieses unerhörte Entzücken ein.

Die Seelen der guten Venezianer – im Laufe des achtzehnten Jahrhunderts hatten sie sich wahrhaft sehr verleiblicht! Der Wohlstand hatte zu Müßiggang und Leichtsinn geführt und im gleichen Maße zu Sittenlosigkeit, die wie eine Seuche um sich griff; Schändliches, was sonst in der Familie blieb, war nun in aller Munde, und auch das Gefühl für Anstand blieb von dieser allgemeinen Umwälzung der moralischen Ordnung nicht verschont. Die Fabel, welche die Welt mit einer Schaubühne vergleicht – hier in dieser finstren Kloake wurde sie Wirklichkeit, alles spielte sich vor den Augen aller ab, Damen und Herren staffierten sich ungeniert mit falschem Pomp und schändlichem Flitter aller Art aus wie mit eigenen Gewändern und trugen sie in Theaterlogen oder in den marmornen Wandelgängen der Prokurazien stolz zur Schau. Trotzdem lebten inmitten von so viel Verderbtheit zwei Eigenschaften der einstigen venezianischen Rechtschaffenheit fort, und das waren Schlagfertigkeit des Geistes und Güte des Herzens. Erstere jedoch, edler Vorzug eines Menschen nur, wenn von wahrer Tugend und gesundem Urteilsvermögen getragen, war zu verborgenem Opportunismus geworden; die zweite, ganz in die engen Schranken der privaten Sphäre verwiesen, war leicht zu verwechseln mit der philisterhaften Sorge um das eigene Wohlleben; sodass die einzige Tugend, von der eine zukünftige Erneuerung hätte ausgehen können, durch eine wundersame Verkehrung der Begriffe weder zu Stolz noch zu Achtung Anlass geben konnte. Indem man immer so weitermachte (und anders war es gar nicht möglich, wo doch die törichte Untätigkeit der Regierung jedes Bedürfnis nach Bildung und bürgerlichen Grundsätzen zunichte gemacht hatte), musste die Zersetzung der Organe früher oder später den Lebensnerv der Republik selbst erfassen; und das rührte nicht von Unmoral im Staatswesen her oder von Ehrlosigkeit der politischen Prinzipien – die waren eher zu schwach ausgebildet als im eigentlichen Sinne schlecht –, sondern von einer weitreichenden Übereinstimmung der Laster bei Regierenden und Regierten, weswegen sich jede offene Gesetzesänderung verbot. Die Generationen folgten aufeinander, eine schlechter als die andere, und so war die Signoria10 von höchster Tugendhaftigkeit zu gröbster Schamlosigkeit herabgesunken, von großartigster Prachtentfaltung zu lächerlicher, pompöser Armut. In dieser Masse von vertrottelten Geistern und verweichlichten Gemütern vermochte auch das Licht der Tugend und Gerechtigkeit sich nicht Bahn zu brechen, welches allein imstande ist, die Staaten zu blühendem Leben oder in einen ruhmreichen Tod zu führen. Dass unter diesen Bedingungen jeder ausschließlich auf sein Vergnügen erpicht war, ist nur zu natürlich; angesichts der Erbärmlichkeit der Zeiten war jedoch von Besonnenheit und ruhiger Erörterung auch dringend abzuraten, da dies allzu leicht zur Quelle lästiger Gewissenbisse werden konnte, und so ließ man sich nur zu solchen Freuden verleiten, in denen die Vernunft zum Schweigen gebracht wird oder sich selbst verleugnet, um die Sinne anzustacheln. Verpönt war daher jede Form von Mäßigung; verloren der Sinn für das Schöne, der sich ja nur in harmonisch gebildeten Seelen entfalten kann; sämtliche Künste verdorben durch die Notwendigkeit, sich einem aufs Materielle gerichteten Geschmack anzupassen, possenhaft, wo sie gefallen, manieriert, wo sie schmeicheln wollten; nichtig die Wissenschaften, oder schlimmer noch, zur Scharlatanerie verkommen; Ämter, Titel, Würden käuflich, denn Gold ist das Mittel zur Befriedigung jeder rohen Lust; Erziehung ein Hohn; die öffentlich bestallten Lehrer entweder feiste Günstlinge oder schwülstige Phrasendrescher; die Dienerschaft servile Weggefährten oder wissende Kumpane; die Gesellschaft insgesamt schließlich ein Gemisch aus Hochmut, Verderbtheit, unsäglicher Einfalt, feiger Heuchelei und widerwärtiger Speichelleckerei. Dass in dieser Gesellschaft die Frauen regierten und welche Art von Regime sie führten, das wissen wir aus dem Munde älterer Leute, die, sofern sie diesem Haufen Unrat mit einem Rest von Verstand entronnen und aus dem nach und nach hereinbrechenden Unheil gefestigt hervorgegangen waren, uns sogar um unsere triste, schwere Jugend beneideten.

Aber nicht das war die Wurzel des Übels, noch war es ein Übel an sich, zeigt doch die Geschichte, dass die Frauenverehrung einst ein Moment der Zivilisation war; nur der hohe Stellenwert, den die Männer bei derart verlotterten Sitten den Frauen beimaßen, verleitete diese, sich ihre Vorherrschaft unter Aufbietung ihrer unwiderstehlichsten Reize zu sichern.11

Aus einem solchem Bordell musste natürlich längst jene süße Schwermut gewichen sein, welche das Böse beklagt und sich ganz auf das künftige Gute richtet; so konnte Morosina auch mit den wehmütigen Empfindungen, die sie dem Cembalo anvertraute, jene Herzen nicht rühren, die vom Lärm der Feste betäubt oder in der Flut der Vergnügungen sich selbst abhanden gekommen waren; denn die nachdenkliche Schwermut rief einen Funken von Gewissen in ihnen wach, und dadurch regte sich insgeheim ein Stachel der Scham und ein entsetztes Grauen vor sich selbst. Da sich aber derlei Gefühle nicht auf Anhieb bekunden, war ihr Triumph zunächst groß; im Sturm eroberte sie Herzen, die allseits gegen den keuschen Zauber des Schönen gewappnet waren; als die Zuhörer indes spürten, wie dieses vage Entzücken überging in unerwarteten Abscheu, war der Triumph in künstlerischer Hinsicht zwar noch vollkommener, doch schrieb nun jeder den Stimmungsumschwung dem faden Gejammer der Musik zu.

« Sag mal, Schatz», flüsterte die Gräfin Carmini ihrer Costanza ins Ohr,«ist das, was das Mädchen uns da vorspielt, vielleicht das Miserere?»

« Oh, das weiß ich wirklich nicht!», antwortete Costanza.«Es kann aber sein, und sie hätte allen Grund, es zu spielen, denn in einem Monat verlässt sie das Kloster, und Gott weiß, was für ein Leben sie führen muss, ihre Familie ist ja bettelarm. »

« Sei still, Ninettchen», versetzte die Mutter.«Ist das nicht die Valiner ...? Sei still... das Mädchen ist nicht übel, auch wenn sie jetzt ein wenig griesgrämig dreinschaut, aber wenn sie erst einmal die klösterliche Zimperlichkeit abgelegt hat, wird sie dort in Asolo schon Zerstreuung finden...! Donnerwetter, auf dem Land...! Weißt du, für ein, zwei Jährchen lebt es sich dort besser als in Venedig! »

« Was Sie nicht sagen!», antwortete Costanza lächelnd.«In Asolo besser als in Venedig! Aber wenn Sie selbst, Frau Mutter, mir doch tausendmal gesagt haben, Sie würden es in diesem elenden Nest nicht aushalten!»

« Ei, sieh doch die kleine Närrin, die noch immer nichts begriffen hat!», erwiderte die Gräfin.« Für mich ist das eine Sache, für ein junges Mädchen aber etwas ganz anderes! Weißt du nicht, wie viel weniger Zwang ihr das Landleben auferlegt...? Dort nimmt man es nicht so genau...! Sie kann sich austoben, bis sie es satt hat, dann kommt sie hierher zurück und fängt noch einmal ganz von vorne an, unschuldig wie eh und je!»

An diesem Punkt der Unterhaltung ließ Morosina mit einer düsteren Kadenz eines dieser kleinen Musikstücke ausklingen, in denen der Gegensatz zwischen Lebensfreude und Trauer den herzzerreißendsten Eindruck hervorbringt. Kein einziges Paar Hände wagte einen wenigstens schüchternen Applaus, selbst die des Signor Terni nicht; kein einziger Mund öffnete sich zu einem Laut teilnehmenden Beifalls, im ganzen Saal war nur ein erleichtertes Aufatmen zu vernehmen, das sich einmütig diesen erschlafften Busen entrang. Das alles wurde übertönt von einem tiefen Seufzer der Mutter Oberin, etwas zwischen Grunzen und Gähnen; und zu dem Mädchen gewandt, das sich hinter dem Cembalo ganz klein gemacht hatte, fragte sie:«Was habt Ihr denn da zusammengeklimpert, meine Liebe? Ich gratuliere, Ihr werdet von Tag zu Tag schlechter, auch in der Musik...! Und ich, die ich diesen edlen Damen eine angenehme Unterhaltung bieten wollte ...! Ich bitte Sie um Verzeihung ... aber heute... Dieses Mädchen ist wirklich der Nichtsnutz hier im Kloster, da aber alle anderen ihre werten Verwandten hier hatten, musste ich sie auffordern.»

Celio trat aus der Ecke, wo er bisher gestanden hatte und wo die tränenerfüllten Augen des Mädchens scheu nach ihm gesucht hatten, trat in die Mitte und sagte:«Die hochwürdige Mutter Oberin spricht zu Unrecht vom geringen Verdienst der edlen Spielerin. Was mich angeht, so schwöre ich, dass ich noch bei keiner Musik einen so großen und so vollkommen neuartigen Genuss empfunden habe wie gerade eben, ja, dass ich mir diesen nicht einmal hätte vorstellen können!»

Die Äbtissin schürzte die Lippen und stieß zwischen den Zähnen hervor, diese Worte seien einzig und allein von erlesenster Höflichkeit diktiert. Unterdessen deuteten die um sie versammelten Damen grinsend und miteinander tuschelnd auf Morosina und den Cavaliere; noch dreister benahmen sich ein paar Stutzer, aus deren Mitte lautes Gelächter erscholl. Celio errötete vor Ärger und vielleicht auch vor Scham, denn er verstand, was dieses Gelächter bedeutete; er wusste jedoch nichts Besseres zu tun als dem Mädchen einen Blick inniger Liebe zuzuwerfen, diesem Haufen von Unverschämten aber einen Blick tiefster Verachtung. Die Äbtissin gab sich freilich mit diesem Ausgang der Sache nicht zufrieden, wandte sich Morosina zu und befahl ihr, die begangene Ungezogenheit gefälligst wiedergutzumachen und irgendetwas weniger Grässliches zu spielen.«Früher konntet Ihr doch einmal vier oder fünf ganz nette Stückchen», schloss sie,«und diese edle und geneigte Gesellschaft hatte zu wiederholten Malen Gelegenheit, Euren guten Willen zu loben. Nun, strengt Euer Gedächtnis an und gebt irgendetwas Lustiges zum Besten, damit man nicht sagen kann, das Fest der Seraphinerinnen habe mit einem De profundis12 geendet.»

Trotz ihrer erstaunlichen Seelenstärke vermochte die Ärmste nicht, ihre Hände noch einmal auf die Tasten zu legen; daher musste Signor Terni zum zweiten Mal den stillschweigenden Spott der Versammlung herausfordern; er trat hinter sie, legte eine Hand auf die Stuhllehne und flüsterte ihr zu:«Nur Mut, Signorina Morosina, spielen Sie eine gängige Weise, um sie zufriedenzustellen.»

Da fasste sich das Mädchen wieder etwas und stimmte das Vorspiel zu einer munteren Barcarole an, die damals sehr in Mode war; doch die Hände standen zu sehr in Einklang mit ihrem Empfinden, als dass die Töne klar und akzentuiert hätten dahinlaufen können, wie das Stück es verlangte; bald glitt sie mit krampfhaftem Zucken flüchtig darüber hin, bald verweilte sie mit lastender Schwere auf einzelnen Tönen. Und das verstümmelte, holprige Lied glich mehr dem wilden Einhämmern kindlicher Fäuste auf ein verstimmtes Instrument als der kunstvollen Wiedergabe einer populären Melodie.

« Genug, genug, es ist klar!», rief die Oberin völlig außer sich, noch ehe das Spiel zu Ende war.« Ihr seid eine ausgemachte Stümperin, und ich bin nur froh, dass Ihr mir bald gänzlich aus den Augen kommt.»

Bei diesem wenig liebevollen Verweis erhob sich schon ein allgemeines Geraune der Zustimmung seitens der Schülerinnen, denen die Valiner wegen ihrer würdevoll zurückhaltenden Art und ihrer größeren Geistesgaben missfiel, und Celio hatte alle Mühe, sie mit seinen Trostworten davor zu bewahren, dass sie in Ohnmacht fiel, als völlig erhitzt, eine Fackel in der Hand, eine Laienschwester hereingestürzt kam und lauthals rief:« Die Gondel Seiner Exzellenz Formiani! Rasch, Platz da, der Ratsherr Formiani!»

Der so atemlos Angekündigte war einer der mächtigsten Männer der Republik, seit vierzig Jahren saß er im Rat der Zehn: Nicht zu Unrecht munkelte man, er sei die Seele des geheimen Inquisitionstribunals, das sich bekanntlich aus drei Mitgliedern zusammensetzt, die aus dem Rat der Zehn gewählt werden.13 Wenn ein solcher Mann einem Haus die Ehre seines Besuchs androhte, löste das natürlich jedes Mal unbestimmte Ängste aus, und hier kam aber noch ein anderes Motiv hinzu, das sie noch weiter schürte. Vor einigen Tagen noch war von Formiani wie von einem toten Mann die Rede gewesen, da hatten einige es nicht erwarten können und hinter vorgehaltener Hand schon mit der Totenrede auf ihn begonnen. Man denke sich also, wie sich im Sprechsaal der Seraphinerinnen nun all jene fühlten, die ihr Gewissen von solcher Schuld nicht frei wussten! Bei der bloßen Nennung des Namens kam es zum Tumult; die Damen erhoben sich, Stühle wurden gegen die Wand gerückt, die Jungfern zupften ihre Kleider zurecht, die Schwestern liefen hierhin und dorthin, hinaus und herein, um Ordnung zu schaffen, wo immer es ging in so kurzer Frist. Und alle flüsterten sich ins Ohr:«Was ist denn geschehen...? Was mag das zu bedeuten haben? War er denn nicht todkrank?»

Die größte Verwirrung malte sich jedoch in den Gesichtszügen der Äbtissin, wo in einem Augenblick so viele angenehme und unangenehme Regungen aufeinanderfolgten, wie auf einem menschlichen Antlitz nur erscheinen können. Zunächst war da Bestürzung, die sie aber blitzartig mit einer Art Lächeln fortwischte, sollte man doch nicht von ihr sagen können, sie habe den Namen des Inquisitors – sei er nun lebendig, tot oder wiederauferstanden  – mit Verdruss vernommen; doch das Lächeln hielt nicht vor, verscheucht von übermächtiger Furcht, und die Furcht wich der Hoffnung und diese wiederum der Verzweiflung, als sie daran dachte, dass die eben von ihr so brüsk Gescholtene Formianis Schützling war; daher sprang sie mit einem Satz von ihrem Ehrenplatz auf, eilte zu Morosina, umarmte sie und flüsterte ihr wer weiß welche Flut von Entschuldigungen, Ermahnungen und Bitten ins Ohr; dann sagte sie, an Celio gewandt:«Und Sie, Signor Cavaliere, trösten Sie doch diese liebe, teure Seele über den Schrecken, den ich ihr, freilich ohne Absicht, eingejagt habe!»

Dann lief sie, ohne eine Antwort abzuwarten, wie von einer größeren Sorge getrieben, in die Vorhalle, wobei sie Blumenschalen umwarf, mehrfach mit den Ellbögen anstieß, Kerzen zum Verlöschen brachte und schließlich völlig zerzaust und mit verzerrten Gesichtszügen just in dem Augenblick die Tür zur Straße erreichte, als Formiani, gestützt von seinem Hauskaplan und dem Cappanera14 zwischen einer doppelten Fackelreihe die letzte Stufe der Treppe erklomm.

« Oh, ehrwürdigste Mutter!», sagte der alte Edelmann mit heiserer, fast ersterbender Stimme.«Es ist mir eine Freude, Sie in diesem irdischen Jammertal noch einmal wiederzusehen! (He, Don Gasparo, fass mich fester unter der Schulter – nachdem du heute Morgen meine Seele geheilt hast, sollst du nun doch nicht dem Leib Schaden zufügen.) Es ist Festtag heute, nicht wahr, Ehrwürdigste? »

Die Äbtissin, die im Moment des ersten Zusammentreffens mit Formiani schon im Begriff gewesen war, vor ihm auf die Knie zu fallen, erholte sich indes von dieser Verwirrung und antwortete, sie hätten der Muttergottes in diesem ihr geweihten Monat Huldigungen dargebracht, und gewiss sei ihr Tun dem Himmel wohlgefällig gewesen, wenn er es ihnen schon jetzt mit der geschätzten Anwesenheit Seiner Exzellenz vergalt.

« Holla, Bernardo, heb mir das Bein hoch, wenn ich in den Sprechsaal eintreten soll!», sagte der Kranke zum Cappanera.«Ich kann mich wegen dieses vermaledeiten Anfalls kaum auf den Beinen halten, und du willst mich vier Stufen auf einmal nehmen lassen... Aah ja, so!», sagte er, den Fuß in den Saal setzend, und grinste ein wenig über das große Füßescharren und die tiefen Verbeugungen, die sein Erscheinen dort auslöste.

« Gewiss, gewiss!», hob er zur Äbtissin gewandt wieder an, die ihn nach links zu dem Ehrenplatz geleitete, den kurz zuvor sie selbst eingenommen hatte.

« Gewiss! So eine kleine Feier zu Ehren der Madonna ist doch ein wahres Wiederauferstehungsfest für fromme Seelen, und ich sagte mir: Wir wollen unsere Genesung auf fromme Weise beginnen, gehen wir hinüber zu den guten Schwestern, vielleicht können wir da ja etwas geistlichen Zuspruch einheimsen!»

« Befehlen Exzellenz vielleicht, dass wir in die Kirche gehen und ein Dankgebet...?»

« Nein, nein, nein!», unterbrach der alte Herr sie sogleich, wobei er sich mit Hilfe von Gasparo und Bernardo auf dem Sessel niederließ.«Nein, hochwürdige Mutter! Sie werden wissen, was der heilige Paulus sagt: Mitjeder Tat, die den Geboten der Heiligen Schrift gehorcht, betet man zu Gott!15 Nun also, lasst uns hierbleiben, umringt von diesen edlen Damen und vortrefflichsten Herren, so werden wir uns, weil wir ja nichts Böses tun, das Paradies verdienen... auf bequemere Weise!», setzte er mit völlig tonloser Stimme hinzu, vervollständigte aber für diejenigen, die das Letzte nicht gehört hatten, den Satz durch eine komische Grimasse.

Morosina und Signor Terni standen noch beim Cembalo, wo sie Formiani, der sich ein ungemein scharfes Auge bewahrt hatte, während seiner Unterhaltung mit der Äbtissin musterte, und er schien auch gar nicht nach der Seite zu sehen, wo die Carminis saßen; und so rief er, als sei ihm unvermutet etwas ungemein Angenehmes begegnet, überrascht aus:«Ja, was sehe ich denn da! Den vortrefflichen Grafen Fabio und die Gräfin Teodora auch! Guten Tag, guten Tag, lieber Momolino!», setzte er zu einem schmächtigen Kerlchen gewandt hinzu, das neben der Gräfin kauerte.« Und Euer lieber Sohn Nicoletto? Wo habt Ihr denn den guten Jungen gelassen?»

Graf Fabio machte Anstalten zu antworten, aber wie er sich auch mühte, das Wort erstarb ihm in der Kehle, und er verbarg den Kopf hinter seiner Frau, wo er einen Hustenanfall vortäuschte, der nicht eben natürlich klang.

« Dank der gütigen Nachfrage, Euer Exzellenz!», stammelte die Gräfin, ihrem Mann zu Hilfe kommend, obschon sie den Hohn, der in der Frage lag, sehr wohl verstand, da ihr einziger Sohn schwachsinnig war.«Nicoletto begleitet meine Schwester, die Frau Prokuratorin16, aufs Land.»(Die adlige Dame hielt sehr auf ihre verwandtschaftlichen Beziehungen mit dem Goldenen Buch17.)

« Ah, die teure Prokuratorin!», rief da Formiani mit einem Gähnen.«Danke, danke, Momolino!», sagte er dann zu diesem gewandt, der, seitdem zehn Minuten zuvor das Wort an ihn gerichtet worden war, nicht aufgehört hatte, sich vor ihm zu verneigen.«Lass gut sein...! Und wer ist denn dieser Engel an deiner Seite? Du bist ja der reinste Glückspilz, schöner Momoletto! Ach, das ist bestimmt deine kleine Herrin, möchte ich wetten!

« Allerdings, Exzellenz!», erwiderte Momolino, übers ganze Gesicht strahlend und mit so einschmeichelnder Stimme wie die Bootsführer, wenn sie ihre Gondel anpreisen.«Das ist Komtess Costanza!»

« Ah, Costanza! Ein schöner Name, bei Gott!», rief Seine Exzellenz.«Die Tante heißt auch so, glaube ich, und wer sie so getauft hat, konnte nicht in die Zukunft blicken.»18

Erleichtertlachte die ganze Gesellschaft auf über diesen Scherz, war die Prokuratorin doch stadtbekannt für ihren unermüdlichen Verschleiß an Geliebten; am schallendsten von allen lachte Gräfin Teodora, und Graf Fabio entblößte ebenfalls das Weiß seiner Zähne.

« Nur zu, nur zu – unterhaltet und amüsiert euch, edle Herrschaften», sagte Formiani,«ich bin ja schließlich nicht das Haupt der Medusa19! Don Gasparo, reich mir doch einmal die Tabaksdose. Und jetzt wollen wir uns auch ein wenig unterhalten!», fuhr er zur Äbtissin gewandt fort und schnupfte vorsichtig eine Prise, während sich die Versammlung, seine Ermunterung wie üblich als Befehl auslegend, alle Mühe gab, sich so geräuschvoll wie möglich zu unterhalten und zu amüsieren.

« Glauben Sie mir, liebe ehrwürdige Mutter, um es ganz offen zu sagen, bin ich in einer Gewissensangelegenheit hier, die mir seit fünf Jahren auf der Seele liegt, und vorgestern, als ich dem Tod nahe war, habe ich das Gelübde getan, falls ich davonkäme, diese Sache in Ordnung zu bringen.»

Die Äbtissin hüstelte etwas und wandte sich mit gequältem Ausdruck nach Morosina um, die, immer noch am Cembalo sitzend, in eine ernsthafte Unterhaltung mit dem Cavaliere vertieft war, doch als sie eines inquisitorischen Blicks gewahr wurde, der sie regelrecht durchbohrte, ließ sie auf ihren vertrockneten Lippen wieder das übliche Lächeln erblühen.

« Hören Sie, hochehrwürdige Mutter», fuhr der Alte fort und kniff die Augen zusammen, als wolle er Gott weiß was erspähen.«Es müsste hier ein Mädchen sein, das vor nunmehr sechs Jahren auf meine Empfehlung hin bei Euch aufgenommen wurde.»

« Ja gewiss, Exzellenz», beeilte sich die Äbtissin zu antworten,«und wir haben sie mit allem Respekt behandelt, der den Verdiensten ihres Gönners gebührt, und außerdem ...»

« Don Gasparo, das Schnupftuch!», unterbrach Formiani sie brüsk.

« Und außerdem...», begann die Äbtissin wieder und sah ihn von der Seite her an.

« Und außerdem ...», fiel der andere ihr ins Wort,«und außerdem war es meine Schuld, meine schwere Schuld, dass ich mich in all diesen Jahren um das arme Geschöpf nicht gekümmert habe.»

« Oh, was sagen Sie denn da!», erwiderte die Alte.«Wie könnte Euer Exzellenz auch nur einen Augenblick aus der Sphäre hochwichtiger Staatsgeschäfte herabsteigen, ohne dringende Pflichten zu vernachlässigen? Und außerdem... », wollte sie mit noch größerem Eifer fortfahren.

« Und außerdem! Und außerdem!», rief Formiani nahezu ärgerlich.«Ich steige häufig aus dieser entsetzlich langweiligen Sphäre herab, nicht wahr, Bernardo? Ich habe nur unrecht daran getan, nicht nach dieser Seite herabzusteigen! Don Gasparo, putz mir doch mein Augenglas!»

Die Äbtissin senkte den Kopf; sie hatte, wie man so schön sagt, die bittere Pille zu schlucken, dass keine einzige ihrer bemühten Schmeicheleien bei dem alten Fuchs verfing.

« Hören Sie, ehrwürdige Mutter», hob kurz darauf der schlaue Venezianer wieder an, wobei er sich eine große Linse vors rechte Auge klemmte,« seien Sie doch so gut und zeigen mir meinen Schützling. Sie heißt Morosina, scheint mir?»

« Ja, Morosina Valiner!», sagte die Äbtissin, in der Überzeugung, diesmal das Rechte getroffen zu haben.

« Valiner, Valiner», murmelte der andere mit einem Achselzucken.«Da wollen Sie mich auch gleich noch über die Geschlechter im Goldenen Buch belehren! Aber teure, ehrwürdige Mutter, den Namen wollte ich wissen, nicht den Familiennamen! Hat Gott Ihnen denn keine Zunge verliehen...? So reden Sie doch...! Wo sitzt sie? Mit wem unterhält sie sich? Wie ist sie angezogen? Wie sieht sie aus...?»

« Es ist die am Cembalo», stammelte dieÄbtissin.

Formiani blickte in diese Richtung, wo seine Augen im Übrigen auch zuvor schon verweilt hatten;

Titel der italienischen Ausgabe: «Angelo di bontà»(1856)

Die Übersetzerin dankt dem Literarischen Colloquium Berlin und dem Deutschen Übersetzerfonds für die Förderung dieser Arbeit.

Copyright © 2010 by Manesse Verlag, Zürichin der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

eISBN 978-3-641-10459-7

www.manesse.ch

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