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Die 28-jährige Elisa Schön lebt ein unscheinbares, langweiliges Leben und beschließt, aus ihrem tristen Dasein auszubrechen. Sie ist wütend, weil sie nie das gemacht hat, was sie wollte, sondern nur, was andere von ihr erwartet haben. Auf der roten Couch der Psychoanalytikerin Frau Hirte versucht sie, die wirren Puzzleteile ihres bisherigen Werdegangs zu ordnen und endlich das zu tun, was sie schon immer wollte: Selbstbestimmt leben. Doch wie geht das, wenn man bisher immer nur nett, lieb und artig war? Das frech-sympathisch geschriebene Buch schildert die wundersame Wandlung der Elisa Schön von einer erstarrten Puppe zu einem leuchtenden Schmetterling, der nun los fliegt. Mitten ins Leben hinein.
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Seitenzahl: 351
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Engelische Episoden eines Erdenlebens
Kathleen Christochowitz
Die Originalausgabe vonEin Engel auf der Couch erschien 2009 bei Books on Demand.
2. gründlich überarbeite Auflage, letzte Aktualisierung vom 22. November 2017.
Umschlagbild von Juliane Egner,juliane-egner.blogspot.de.
Mehr von Kathleen Christochowitz aufTwitter und Instagram unter @seelenselfie.
Das im Buch erwähnte Visionsseminar wird vom Verein mannaz – Dasein erleben e.V. angeboten.
Die 28-jährige Elisa Schön lebt ein unscheinbares, langweiliges Leben und beschließt, aus ihrem tristen Dasein auszubrechen. Sie ist wütend, weil sie nie das gemacht hat, was sie wollte, sondern nur, was andere von ihr erwartet haben. Auf der roten Couch der Psychoanalytikerin Frau Hirte versucht sie, die wirren Puzzleteile ihres bisherigen Werdegangs zu ordnen und endlich das zu tun, was sie schon immer wollte: Selbstbestimmt leben. Doch wie geht das, wenn man bisher immer nur nett, lieb und artig war?
Das frech-sympathisch geschriebene Buch schildert die wundersame Wandlung der Elisa Schön von einer erstarrten Puppe zu einem leuchtenden Schmetterling, der nun los fliegt. Mitten ins Leben hinein.
Dass ich mal zu einer Psychologin gehen würde, hätte ich im Traum nicht gedacht. Da gehen doch nur Bekloppte hin. Bin ich etwa eine? Ich muss schmunzeln. Normal war ich eigentlich noch nie und mein Leben war in letzter Zeit alles andere als normal. Aber heißt nicht normal auch gleich bekloppt?
Im Moment habe ich für solche Gedanken keine Zeit. Ich stehe vor der großen, weißen Haustür mit der verschnörkelten Klinke und klingle. Die Tür gehört einer alten, im roten hanseatischen Stil gebauten, Rostocker Villa in der Friedensstraße Nummer 38.
Hoffentlich wird das nicht wieder ein Desaster. Wie bei den anderen zwei Psychologinnen, die ich »ausprobierte«. Als ich bei der ersten war, hatte ich 40 Minuten am Stück geredet und geredet und kurz vor Ende der Stunde sagte sie, dass sie Verhaltenstherapeutin wäre und dass ich mir lieber jemanden suchen sollte, der Tiefenpsychologe sei. Da war ich vielleicht sauer. So etwas aber auch! Eine Stunde verschenkt! Ich redete mir den Mund fusselig und dann durfte ich aufstehen und gehen und meine Geschichte gleich mitnehmen. Danke dafür, dass ich mich so benutzt und beschämt fühlte, dachte ich nach dem Termin verwirrt.
Eigentlich war mit dieser Erfahrung die ganze Psycho-Sache für mich gelaufen. Doch mein Leidensdruck war scheinbar so groß, dass ich mir trotzdem noch einen Termin bei einer anderen Therapeutin holte. Und auch dort war es nicht gerade ein Hit! Ich weiß noch, dass ich zur goldigen Morgenstunde um zehn Uhr meine Sitzung bei ihr hatte und die gute Frau gähnte mich in einer Tour an. War ich so langweilig oder hatte sie so eine kurze Nacht? Wie unhöflich war das denn! Mein Leben und ich schienen belanglos und öde zu sein, dachte ich irritiert. Die schlief mir ja fast ein. Ich hätte am liebsten »Aufwachen!« gerufen. Und dann nickte sie immer so mitleidsvoll, wenn ich erzählte. Das fand ich ganz daneben.
Jetzt bin ich kurz davor die dritte Dame zu besuchen. Was für eine Odyssee! Zum Glück bin ich nicht selbstmordgefährdet, sonst wäre ich schon drei Mal tot. Schon die langen Wartezeiten bis man einen Termin beim Psychologen erhält, sind höchst bedenklich.
Die Tür surrt und ich stoße sie gespannt auf. Aller guten Dinge sind drei. Im Treppenflur hängen alte Schwarz-Weiß-Fotografien von der Hansestadt Rostock. Es sind Großaufnahmen aus der Luft. Sie sehen ein bisschen trostlos aus. Auf dem einen Bild ist ein Schiff im Stadthafen zu sehen, auf dem anderen der historische Rathausplatz von früher und außerdem noch ein Foto von der Petrikirche in der östlichen Altstadt. Ich gehe das alte Treppengeländer bis in den ersten Stock hinauf.
Die Bürotür öffnet sich und da steht sie. Groß, lange rotbraune Haare, geschminkt, attraktiv gekleidet, kurvenreiche Figur. Was für ein Weibsbild! Und ich stiefle ihr auf den Stufen entgegen. Klein, halblange, dunkelblonde Haare, pummelig und angezogen wie eine aus dem Pfadfinderlager.
Ich fühle mich in ihrer Gegenwart wie eine Fritte, klein und fett. Sie streckt mir freundlich, lächelnd und offenen Blickes die Hand entgegen. Endlich eine, die richtig lächelt.
»Schön«, sage ich selbstbewusst.
»Wie?« Sie guckt irritiert.
»Ich heiße Elisa Schön.«
»Ach so.« Sie lacht laut auf. »Ich bin Frau Hirte.«
Beim Schütteln unserer Hände drücke ich fest zu. Sie soll schließlich nicht denken, dass ich schwach wäre. Ihr Parfüm riecht angenehm. Es war bestimmt kein Duftwässerchen aus dem gewöhnlichen Drogerie-Discounter. Sie bittet mich herein. Ich stehe im kahlen und dunklen Flur der Praxis. Von hier aus führen vier weitere Türen in verschiedene Zimmer. Sie zeigt in ihren Raum und bedeutet mir hineinzugehen. Das Zimmer ist klein und eng und wirkt etwas dunkel. Gleich rechts neben der Tür steht eine rote Couch.
Es gibt sie also wirklich, denke ich amüsiert, die Psycho-Couch von Sigmund Freud. Die große Couch, das große Unbewusste, die große Unbekannte. Ich möchte nicht wissen, wie viele Patienten jeden Tag darauf liegen oder schon darauf gelegen haben. Daneben steht ein runder Tisch mit zwei Korbstühlen direkt am Fenster. Frau Hirte kramt in einem Regal und zieht zwei Blätter hervor. Ich stehe etwas verloren herum.
»Wie ist Ihr richtiger Name?«
»Elisa Schön«, wiederhole ich. »Wie ich anfangs schon erwähnte.« Hatte sie mir überhaupt zugehört? Sie schaut auf ihren Zettel.
»Da passt ja Lieschen. Kann ich Sie Lieschen nennen?« Sie guckt von ihrem Papier hoch und mich fragend an. Ich glaube mich verhört zu haben.
»Nein, so will ich nicht genannt werden. Ich heiße Elisa. Der Name steht nicht umsonst in meiner Geburtsurkunde.«
Das regt mich auf. So eine Frechheit. Ich überlege noch, ob ich sie gut finden soll oder nicht. Das gibt auf jeden Fall einen Punktabzug. Eindeutig. Sie merkt, dass ich ungeduldig werde.
»Was machen Sie hier?«, fragt sie neugierig.
Na, was wohl, denke ich amüsiert. Brot will ich bestimmt nicht bei ihr kaufen.
»Ich will in mein Leben endlich wieder Ordnung bringen. Es ist alles kompliziert.«
»Dann setzen Sie sich und erzählen Sie mal.«
Mit der Hand weist sie auf die Stühle. Ich entscheide mich für die linke Seite, stelle meine große beige Handtasche an das hintere Stuhlbein und setze mich.
»Wo soll ich anfangen? Ich habe so viel erlebt«, sage ich etwas überfordert.
»Was wollen Sie mir denn erzählen?«, fragt sie.
Hm, ich merke wie forschend wir uns beide ansehen und muss darüber fast lachen. Wir beschnuppern uns vorsichtig wie zwei Hunde. So, als wollten wir unser Revier abstecken. Die ist wirklich nicht ohne und jetzt muss ich auch noch antworten, denn Frau Hirte hatte mir mit ihrer Gegenfrage geschickt den Ball zugeworfen.
Tja, was soll ich jetzt sagen? Mir lag als Antwort »Alles« auf der Zunge. Und das »Alles« war mein Leben, mein ganzes Dasein.
»Was wollen Sie mir erzählen?«
Sie schaut mich gespannt und neugierig an. Ja, sie wirkt interessiert und hellhörig, und sie hat einen großen Notizblock vor sich auf dem Tisch liegen mit einem Stift. Auf dem weißen Blatt steht ganz oben das heutige Datum und mein Name unterstrichen darauf. Unterstrichen wohlgemerkt. Sie hat also vor mitzuschreiben. Sie wäre damit die erste, die sich etwas notiert. Bei den anderen zwei Berufskolleginnen vor ihr ging es in ein Ohr rein und aus dem anderen wieder raus. Und sie hier will alles festhalten. Das gefällt mir. Ich fühle mich gut aufgehoben.
»Ich habe so viel erlebt, dass ich es jemandem erzählen muss«, entgegne ich nur.
»Na, dann fangen Sie mal an.«
Sie stützt ihr Kinn auf ihren linken Arm und wirkt hoch konzentriert. Wo soll ich nur anfangen, denke ich angestrengt. Die Antwort steckt ja eigentlich schon drin: Am Anfang. Ich grüble dennoch.
»Es war ja ganz schön schwierig hier einen Parkplatz zu finden«, sage ich.
Mensch, dass interessiert sie ja wohl überhaupt nicht! Sie schaut mich prüfend an:
»Es hat Sie aber nicht abgeschreckt herzukommen, wie ich sehe. Oder was bedeutet das für Sie, dass Sie keinen Parkplatz gefunden haben?«
Wie bitte? Was soll denn diese Frage? Das habe ich doch nur so gesagt. Wird das etwa gleich analysiert? Da muss ich höllisch aufpassen, was ich erzähle, wenn jedes Wort sofort auf die Goldwaage gelegt wird. Ach, du meine Güte! Na gut, dann werde ich erstmal die seichten Fakten auf dem Tablett liefern.
»Ich bin 28 Jahre alt, wohne derzeit wieder bei meinen Eltern, weil ich vor über einem halben Jahr aus Frankfurt am Main zurückgekommen bin. Ursprünglich bin ich aus der hiesigen Gegend.« Ich mache eine kurze Pause. Sie guckt mich weiter an.
»Ich habe hier in Rostock mit meinem Umzug auch eine neue Arbeitsstelle angefangen.«
»Sind Sie wegen der Arbeit hier hergezogen?«, fragt sie mich. Schön, dass sie mir Fragen stellt, die anderen wollten nie etwas wissen.
»Nicht nur, ich bin hauptsächlich hergekommen, weil ich mich in Frankfurt nicht mehr wohlfühlte.«
»Was machen Sie denn beruflich?«
»Ich arbeite im Marketing und in der Werbung und bin jetzt hier in der QBits GmbH tätig. Das ist ein IT-Unternehmen. In Frankfurt habe ich in einer großen Werbeagentur gearbeitet.«
»Was macht man denn so im Marketing? Ich kann mir darunter gar nichts vorstellen. Es hört sich aber interessant an.«
Schon wieder so eine Frage zu meinem Job. Wie mich das nervt! Immer muss ich alles erklären. Alle denken, dass Marketing sonst wie interessant ist. Dabei ist das überhaupt nichts Besonderes. Ein Job wie jeder andere auch. Ich spule die übliche Antwort herunter.
»Flyer und Internetseiten erstellen, Veranstaltungen bewerben, Konzepte entwickeln, Broschüren gestalten, Werbeaktivitäten planen. Alles, was mit der Produktdarstellung eines Unternehmens zu tun hat.«
»Das hört sich für mich spannend an«, sagt Frau Hirte. »Da müssen Sie ja auch sehr kommunikativ sein, nicht wahr?«
Ich nicke nur. So viel zum Thema kommunikativ. Der Job ist mir doch piepegal, um ihn geht es doch gar nicht.
»Haben Sie Probleme in der Arbeit? Werden Sie gemobbt?«
Sonst noch was, denke ich verwundert.
»Nein, überhaupt nicht«, sage ich deshalb. »Meine Arbeit hat gar nichts damit zu tun.«
»Worum geht es Ihnen dann?«
»Um mich, um mein Privatleben. Mein Leben ist außer Kontrolle geraten. Ich weiß selbst nicht mehr, wo hinten und vorne ist. Es ist so, als müsste ich eine Bestandsaufnahme machen, sonst geht es nicht weiter. Wie eine Inventur, verstehen Sie. Ich schaffe das nicht alleine, ich brauche dabei Hilfe.«
Habe ich das gerade gesagt? Noch nie habe ich jemanden um Hilfe gebeten und schon gar nicht eine völlig fremde Person. Bisher machte ich alles mit mir alleine aus.
»Haben Sie keine Freunde, denen Sie das erzählen können?«, fragt sie mich doch glatt.
»Ich habe viele Freunde, sehr viele Freunde. Doch es gibt keinen Menschen, der mich wirklich kennt. Noch nie habe ich mich jemandem anvertraut. Ich meine richtig anvertraut. Ich treffe mich mit Freunden, um Spaß zu haben, eine nette Zeit zu verbringen. Probleme wälzen wir in der gemeinsamen Zeit eher weniger.« Ich benutze meine Hände beim Sprechen, damit sie mich besser versteht.
»Ah.« Sie blickt mich kurz an und schreibt sofort etwas auf. Mit diesen Aussagen habe ich vielleicht ihr Interesse geweckt. Das Gespräch strengt mich an, ich schwitze.
»Dann ist in Ihrem Leben also alles nur oberflächlich und Sie vermissen die Tiefe?«, fragt sie weiter.
»Ja. Vieles ist oberflächlich.« Was soll das jetzt wieder, denke ich. Kommen wir hier bald mal auf den Punkt?
»Wissen Sie, ich weiß noch immer nicht richtig, was Ihr Problem ist. Sie machen auf mich nicht den Eindruck, als wenn Sie überhaupt eins hätten. Sie wirken ganz souverän und erfolgreich, ehrlich gesagt. Sie haben einen guten Job, Freunde, also ein soziales Umfeld.«
»Ich habe auch kein Problem, rein äußerlich betrachtet«, rede ich dazwischen. »Also es ist nicht so, dass ich mich nicht auf die Straße traue oder dass ich Angst habe, anderen Menschen zu begegnen von wegen Sozialphobie oder Ähnliches. Ich werde auch nicht gemobbt oder sonst was. Ich komme äußerlich gesehen sehr gut klar im Leben. Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll«, seufze ich. Es ist wirklich anstrengend für mich. Soll ich mir jetzt irgendeine psychische Krankheit ausdenken?
»Für mich ist es auch schwierig«, sagt Frau Hirte distanziert. »Ich muss schauen, ob wir beide überhaupt miteinander arbeiten können. Doch dafür muss ich natürlich erst einmal wissen, was Ihr Problem ist. Und dann muss ich einen Bericht schreiben und bei der Krankenkasse einen Antrag einreichen. Die genehmigen einen Therapieplatz oder nicht. So läuft das Ganze ab. Das bedeutet natürlich, dass ich ungefähr wissen muss, woran Sie leiden. Vielleicht fangen wir damit an, dass Sie mir sagen, was Sie sich von einer Therapie überhaupt erhoffen.«
So läuft also der Hase. Ich muss zuerst in eine Psycho-Schublade passen, für sie und für die Krankenkasse. Dann wird mir erst geholfen. Soll sie doch irgendwas schreiben, geht es durch meinen Kopf. Die wollen was ganz Bestimmtes hören und ich soll was ganz Bestimmtes sagen. Was sind denn hier bitte schön für Oberflächlichkeiten in diesem Raum? Ich komme mir vor wie bei einem Bewerbungsgespräch. Ich sage ihr, was sie hören will, was in ihr Schema passt und dann kriege ich den Job, beziehungsweise den Therapieplatz.
»Es dauert in der Regel vier bis sechs Wochen, bis die Krankenkassen eine Psychotherapie genehmigen. Dann erst würde unsere Zusammenarbeit beginnen. Wir müssen beide also erst auf die Antwort warten.«
Na super, da wäre ich ja dann schon das vierte Mal tot.
»Haben Sie Schwierigkeiten mit Ihren Eltern?«, will Frau Hirte wissen.
»Nein, da ist alles okay.« Langsam wünsche ich mir, ich hätte irgendeine Phobie oder ein offensichtliches Trauma.
»Ich habe das Gefühl, dass ich nicht richtig ich bin oder nicht richtig ich war. Ich habe immer nur gemacht, was andere von mir wollten. So gesehen ist es mir nie schlecht gegangen. Ich war eine gute Schülerin, habe Abitur gemacht, bin brav studieren gegangen, habe in einem guten Job gearbeitet und bin jetzt wieder in einem guten Job gelandet. Doch ich selbst bin dabei die ganzen Jahre auf der Strecke geblieben.« Die Leiden der jungen E. denke ich im Stillen, in Anlehnung an mein Lieblingsbuch von Goethe.
Sie horcht auf. Ich will nicht, dass sie mich wegschickt. Ich habe es satt, mir wieder eine andere Psychologin suchen zu müssen und mich beim Ersttermin seelisch nackig zu machen. Was für ein Alptraum! Ich wünsche mir so sehr, dass sie mich versteht.
Mein Leben lang habe ich das Gefühl, dass mich einfach keiner versteht. Die Leute sehen immer nur die nette Außenfassade und denken, alles ist toll. Na ja, wir zeigen ja auch nur die Außenfassade. Wer weiß schon, wie es innen drin aussieht?
Ich habe keine Lust mehr. Ja, ich gebe auf. Es hat wohl doch keinen Zweck, Hilfe zu suchen. Dabei fühle ich mich ganz wohl bei ihr. Wirklich. Der Raum ist nicht gerade gemütlich, aber Frau Hirte macht es wieder wett. Sie scheint eine Lebefrau zu sein, das gefällt mir. Ich blicke sie begutachtend an. Sie mustert mich.
Was sie sich wohl überlegt? Ob ich hier bei ihr richtig bin? Oder ob ich nur ihre Zeit verschwende? Sie hat bestimmt ein tolles Leben. Einen tollen Mann, zwei tolle Kinder. Alles toll eben!
»Wie war Ihre Kindheit?«, fragt sie mit ihrem Stift in der Hand plötzlich weiter.
»Gut. Ich hatte eine ganz normale Kindheit, wie jeder andere auch. Es ist äußerlich nichts Weltbewegendes passiert. Es ist keiner gestorben oder so, meine Eltern haben sich nicht scheiden lassen, ich wurde nicht geschlagen. Es war alles ganz normal«, sage ich. »Sie war schön meine Kindheit«, schließe ich die Frage zusammenfassend ab und muss wegen meines Namens grinsen und wegen eines so hohlen Satzes.
Ja, ich bin schön. Schön unscheinbar. Elisa Schön. Mit einer schönen, zierlichen Stimme. Und ich hatte eine schöne Kindheit.
»Wie schön«, sagt sie.
Wir gucken uns beide an und lachen. Sie lacht, sie hört mir zu, sie ist konzentriert. Sie nimmt mich wahr. Endlich löst sich hier irgendwas im Raum. Ich glaube, es ist die angespannte Atmosphäre. Puh, wird auch Zeit!
»Waren Sie eigentlich ein aufmüpfiges Kind oder ein ruhiges?«
»Ich war ziemlich ruhig, eigentlich war ich immer artig. Artig und brav«, melde ich zu Wort.
Das war ich wirklich, ich war immer ordentlich. Na ja, ab und zu sind da vielleicht ein paar Vorkommnisse gewesen, die meine Eltern zur Verzweiflung brachten. Plötzlich habe ich eine Szene aus meiner Kindheit vor meinem Auge, die ich ihr unbedingt erzählen möchte.
»Ich habe mal etwas getan, worüber meine Eltern not amused waren.« Ich muss dabei lächeln. Es fällt mir tatsächlich gerade jetzt wieder ein. »Ich weiß nicht mehr genau, wie alt ich da war. Doch, ich glaube, ich war so um die vier oder fünf Jahre. Wir haben bereits in unserem neu gebauten Haus gewohnt. Eines Tages betonierte mein Vater hinter unserem Haus auf dem Hof eine steile Auffahrt. In mühevoller und zeitaufwändiger Arbeit legte er Schicht für Schicht Zement darüber und achtete akribisch darauf, dass auch alles passte und stimmte. Mit seiner Wasserwaage, die er immer dabei hatte, kontrollierte er ständig, ob alles genau und gerade war. Nach getaner Arbeit wollten meine Eltern zum Einkaufen fahren und sagten zu mir, dass ich nicht auf den frischen Boden laufen darf, weil der Zement erst hart werden müsse. Ich nickte und sie fuhren los. Als sie weg waren, kam mir plötzlich eine tolle Idee; nämlich in den frischen Beton Fußspuren zu hinterlassen.«
Frau Hirte hört gespannt zu und blickt mich mit ihren großen Augen an.
»Ich also rein ins Haus, suchte mir die höchsten Pumps meiner Mutter aus dem Regal heraus, es war ein rotes Paar mit ganz hohem Hacken, zog die an und stiefelte dann die frisch betonierte Auffahrt hoch- und runter.«
Frau Hirte brüllt los vor Lachen. Sie schüttelt sich auf ihrem Stuhl und kriegt sich gar nicht mehr ein. Ich muss auch lachen. Sie steckt mich an. Die Geschichte hatte ich fast wieder vergessen.
»Ich stelle mir gerade vor, wie Sie als kleine, junge Dame in den Schuhen ihrer Mutter hoch und runter laufen. Das ist ein sehr lebendiges und schönes Bild!« Sie blickt mich prüfend an. »Wie haben Sie sich dabei gefühlt? Wissen Sie das überhaupt noch?«
»Es ist ja nun schon eine Ewigkeit her. Doch ich fand das total cool, es hat mir echt Spaß gemacht. Ich fand das irre aufregend und ich wusste auch, dass es verboten war.«
»Aber Sie haben es trotzdem gemacht.«
»Meine Eltern waren danach ziemlich wütend.«
»Wurden Sie bestraft?«
»Ich weiß es nicht mehr. Ich wurde auf jeden Fall ordentlich ausgeschimpft. Und mein Vater musste die Auffahrt noch mal neu machen. Die Schuhe meiner Mutter waren danach übrigens völlig unbrauchbar.«
»Wie reagierte Ihre Mutter?«
»Das weiß ich nicht mehr«, antworte ich schulterzuckend.
Frau Hirtes Augen leuchten. Sie fängt schon wieder an zu lachen und schüttelt dabei mit dem Kopf.
»Wo ist das lebendige Mädchen geblieben?«, fragt sie mich nach einer kurzen Weile.
Tränen schießen mir in die Augen. Ich blicke aus dem Fenster. Mist, ich will nicht heulen. Reiß dich zusammen, Lieschen, herrsche ich mich innerlich an. Fang hier bloß nicht an zu flennen!
»Was mag wohl passiert sein, dass aus dem kleinen verrückten Mädchen so ein angepasstes Kind wurde. Ja, eigentlich eine erstarrte Puppe wurde?«
Sie stellt die Frage in den Raum. Denn ich will darauf nicht antworten. Ich weiß darauf gar keine Antwort
Stille. Keiner von uns sagt etwas.
»Auf jeden Fall haben Sie mich mit dieser Geschichte herumgekriegt«, spricht sie plötzlich heiter.
»Wie meinen Sie das?«
»Ihre Geschichte hat mich eben so fasziniert, dass ich mit Ihnen zusammenarbeiten möchte. Ich möchte gern hinter Ihre Fassade schauen, wenn Sie mich lassen. Natürlich nur, wenn es auch für Sie stimmig ist. Denn wir müssen beide miteinander können. Sonst macht es keinen Sinn und wir verschwenden nur unsere Zeit. Sie brauchen es auch nicht jetzt entscheiden«, sagt sie entschlossen. »Außerdem muss ich ihnen noch sagen, dass ich in einer Zusatzausbildung stecke. Ich bin zwar bereits diplomierte Psychologin, doch ich mache gerade noch eine weitere Fachausbildung und habe daher auch eine Supervisorin. Das ist sozusagen eine Mentorin, zu der ich gehe und mit der ich auch über die Belange meiner Patienten spreche und darüber, wie ich weiter vorgehen soll mit der Therapie. Das ist insofern wichtig Ihnen mitzuteilen, weil ich mit einer weiteren Person über Sie sprechen werde. Es bleibt jedoch völlig anonym und diskret. Hätten Sie damit ein Problem?«
»Nein und ich weiß meine Antwort auch jetzt schon. Ich möchte gerne bei Ihnen bleiben.« Ja, das will ich. Definitiv. Zum Glück war mir diese Geschichte aus meiner Kindheit eingefallen, sonst hätte sie mich womöglich wieder fortgeschickt! Test also bestanden.
»Okay. Ich werde für Sie einen Therapieplatz beantragen. Wenn alles Bürokratische geklärt ist, rufe ich Sie in einigen Wochen an, damit wir unseren nächsten Termin vereinbaren. In welcher Form die Therapie dann ablaufen wird, werde ich mir noch überlegen«, fährt sie fort.
Wie, welche Form? Sie bemerkt meinen fragenden Blick.
»Na, ob wir die Gespräche im Sitzen führen oder ob Sie auf der Couch liegen werden. Ich glaube, es ist sogar besser, wenn Sie auf der Couch liegen. Sie wirken auf dem Stuhl so angespannt, finden Sie nicht?«
Wer säße nicht auf diesem knochigen und knarzenden Korbstuhl hier angespannt? Das liegt doch nicht an mir, sondern an der unbequemen Sitzmöglichkeit! Ich auf dem merkwürdigen Sofa dort? Das wäre ja wie in einem schlechten Psycho-Film.
»Tja, die Zeit ist zu Ende.« Sie springt motiviert auf. »Wir hören uns in den nächsten Wochen.«
Wir stehen uns gegenüber und blicken uns in die Augen. Irgendwie mag ich sie. Sie hat echt was! Ich schätze sie auf Ende dreißig. Ich habe das Gefühl, dass ich bei ihr in guten Händen sein werde. Als Dank drücke ich ihre Hand beim Abschied noch einmal kräftig. Zwar kurz nur, aber kräftig. Sie soll nicht denken, dass sie ein Stück Kotelett hält. Ihre Hand fühlt sich sehr weich an. Komisch, sie wirkt gar nicht so weich wie ihr Händedruck. Sie bringt mich bis zur Zimmertür, sagt noch einmal fröhlich »Tschüss« und schließt schnell hinter sich zu.
Ich stehe wieder im Treppenhaus und merke wie erleichtert ich bin.
Endlich. Nach vier Wochen meldete sich Frau Hirte bei mir. Am Telefon besprachen wir unsere Arbeitsweise. Arbeiten hört sich gut für mich an. Es klingt eher nach einer Geschäftsbeziehung. Es scheint nicht so offensichtlich, dass ich die Bekloppte bin und sie die Psychotante. Die Rollen sind nicht allzu transparent. Wie ich dieses Wort hasse! Jetzt benutze ich es selber. Ein typischer Marketingsatz: Das müssen wir den Leuten transparent machen. Es ist der Lieblingssatz von meinem Chef.
Was soll ich Frau Hirte denn nur alles erzählen? So viel hatte ich nun auch nicht erlebt in meinem mickrigen, kleinen Leben. Vor allen Dingen geht es mir inzwischen wieder richtig gut. Eigentlich bräuchte ich doch gar nicht wirklich zu ihr hin, oder?
In der letzten Zeit passierte nämlich sehr viel. Ich besuchte ein spirituelles Selbsterfahrungsseminar in der Pampa von Mecklenburg-Vorpommern, in Berghausen am Schillersee. Was erwarte ich vom Leben? Das habe ich mich dort fünf Tage lang gefragt und was ich erlebte, sprengte alle meine Vorstellungen von der Realität. Ich habe gesehen, dass es noch viel mehr gibt, dass noch eine andere Welt, eine andere Bewusstseinsebene, existiert. Eine Welt, die für uns gar nicht mehr sichtbar ist, oder die wir bereits seit der Kindheit verdrängt haben. Wenn ich das Frau Hirte erzähle, sperrt sie mich doch gleich in die Klapse. Das kann ich ihr unmöglich mitteilen. Alles musste wieder so kompliziert sein. Mir fiel es schon schwer meinem Freund Aaron zu beichten und selbst der sah mich ungläubig und belächelnd an.
Aber egal, jetzt habe ich ich zum ersten Mal meine offizielle und von der Krankenkasse genehmigte Stunde bei ihr. Wer weiß, wie das überhaupt abläuft! Ich kannte niemanden aus meinem Bekannten- und Freundeskreis, der schon mal eine Psychoanlayse gemacht hat und den ich darüber hätte fragen können. Selbst wenn, wer erzählt schon darüber, dass er zum Seelenklempner geht. Das Thema ist noch immer nicht gesellschaftsfähig, auch wenn weit über die Hälfte der Deutschen unter psychischen Belastungen leiden. Es ist wie mit den Geschlechtskrankheiten. Jeder hat mindestens einmal eine in seinem Leben, aber keiner erzählt darüber.
Welche Sorgen mache ich mir überhaupt? Ich fühle mich, als hätte ich gleich eine Unterrichtsstunde vor mir, bei der ich etwas Neues lerne. Tja, vielleicht lerne ich mich ja neu kennen? Irgendwie spannend. Ich sollte aber lieber zusehen, endlich einen Parkplatz in der engen Flöterstraße zu finden, damit ich rechtzeitig zu meiner ersten Therapiestunde komme. Vielleicht nehme ich das nächste Mal lieber die Straßenbahn. Wenn ich hier vor jeder Stunde erst ewig einen Parkplatz suchen muss, werde ich irre.
Super, vor mir wird eine Lücke frei. Es sind nur circa fünfzehn Meter zu laufen bis zum Hauseingang von Frau Hirte. Ich parke rückwärts ein, was nicht unbedingt meine Stärke ist, zumal die Autos in den Gassen eng und dicht beieinander stehen. Wie war das noch in der Fahrschule? In drei Zügen rückwärts einparken? Erst in einer Höhe zum vorparkenden Auto stehen, dann Rückwärtsgang ein und zurückfahren. Lenken, lenken und noch mal nach vorne. Kann ich noch weiter vorfahren oder stoße ich an? Oh, das ging gut.
Leider hat das jetzt wieder keiner gesehen, wie toll ich das hingekriegt habe. Sitzt neben mir ein Beifahrer im Auto, stelle ich mich immer wie der erste Mensch an. Obwohl ich besser einparke als Aaron. Und das will was heißen! Er als Kfz-Ingenieur hat dabei mehr Schwierigkeiten als ich. Manchmal frage ich ihn sogar, ob ich das machen soll. Das wurmt ihn jedes Mal und er quittiert es mir mit einem bösen Blick.
Oh, es war gleich zehn nach drei! Was ist das überhaupt für eine krumme Zeit? Eine Therapiestunde dauert nur 50 Minuten. Ich mache mein Handy aus, damit mich keiner stört. Gut, dass ich nach dieser Stunde nicht mehr ins Büro gehe. In meinem Dienstkalender habe ich diese Zeit für einen »externen Termin« gebucht. Fragt ein Kollege nach, bin ich halt geschäftlich unterwegs. Punkt. Da sollen die mal was sagen. Ich arbeite im Moment sowieso nur 20 Stunden die Woche. Ein tolles Leben. Ich will gar nicht vierzig Stunden die Woche oder noch mehr arbeiten. Wozu?
Ich stehe wieder vor der großen, weißen Eichentür. Mein Atem muss sich noch beruhigen. Mit großen Schritten ging ich schnell zur Tür und war nun aus der Puste. Nach meinem Klingeln und einigen Sekunden Wartezeit schrillt der Türsummer. Ich stemme mich mit meinem Körper gegen die wuchtige Pforte. Mit einem Auge werfe ich einen Blick nach draußen auf die Straße. Ich will mich vergewissern, dass auch kein Bekannter von mir hier in der Nähe ist und sieht, in welche Haustür ich meinen Fuß hineinsetze. Das wär's ja noch! Ich gehe die Treppen hinauf, lockere dabei meinen Schal und öffne meine lange Herbstjacke. Wegen der Kälte bin ich dick eingepackt.
Frau Hirte öffnet mir die Tür, während ich noch fünf Stufen zu erklimmen habe. Ich versuche mich zu beeilen und konzentriere mich auf die Treppenabsätze, damit ich nicht stolpere.
»Hallo, Frau Schön!« Sie hält mir ihre Hand schon entgegen.
Ich ergreife sie hastig, nicke und sage etwas aufgeregt »Hallo, guten Tag«. Dabei ziehe ich meine Hand auch gleich wieder zurück, weil sie eiskalt ist und ich sie noch wärmen wollte. Das bleibt ihr wohl nicht unbemerkt.
»Ihre Hand ist ja eisig, scheint draußen wirklich frostig zu sein«, sagt Frau Hirte.
Ich bestätige das mit einem Nicken.
»Kommen Sie bitte gleich ins Zimmer, sobald Sie Ihre Jacke abgelegt haben.«
Ich ziehe sie aus und hänge alles auf einen Bügel, die Jacke und meinen langen schwarzen Schal. Eigentlich ist es eine Baumwoll-Stola, doch ich benutze sie als Schal. Ich hasse normale Wollschals, die kratzen immer so fürchterlich am Hals. So etwas machte mich wahnsinnig. Ich stehe in der Praxistür und sie sitzt bereits auf ihrem Stuhl.
»Setzen Sie sich bitte zuerst, damit wir einige organisatorische Dinge besprechen können.«
Mit ihrer Hand zeigt sie auf den Stuhl gegenüber, zu dem ich mich nun hinbewege. Ich versinke schon wieder so komisch in diesem Korbsessel. Kein Wunder, dass ich so angespannt bei unserem ersten Treffen aussah. Wer soll denn hier drin bitte schön auch bequem sitzen können, ohne einen Haltungsschaden zu kriegen? Das soll sie mir mal vormachen! Wenn ich versuche mich anzulehnen, dann liege ich fast lümmelhaft in dem Sessel und wenn ich mich bemühe gerade zu sitzen, sehe ich aus wie eine brave, beichtende Klosterschülerin. Ich versuche, ein Bein über das andere zu schlagen und merke, wie ich dabei den Halt verliere. Es ist zum Verzweifeln. Ich entscheide mich für das Sitzmodell »Klosterschülerin« und sitze ihr kerzengerade und ordentlich gegenüber.
»Bevor Sie sich auf die Couch legen, möchte ich Ihnen noch etwas zum Ablauf sagen.«
Ich nicke gespannt.
»Bei der Analysearbeit geht es nicht nur um das, was Sie täglich erleben und in die Stunde mit einbringen, sondern auch um das, was in Ihnen unterbewusst vorgeht, was sich in ihrem Unterbewusstsein manifestiert hat. Das bedeutet, dass Sie alles zur Sprache bringen können, was Ihnen in den Sinn kommt. Wie verrückt oder bedeutungslos es auch für Sie sein mag! Sie bekommen hier den Raum nur für sich. Sie können über alles reden und sich ausprobieren. Es gibt in diesem Zimmer keine Tabus. Es ist Ihre Stunde und Sie bestimmen das Thema. Sie allein entscheiden, worüber Sie reden wollen.« Sie sieht mich eindringlich und irgendwie auch verschwörerisch an.
»Und womit fangen wir an? Erst die Kindheit, Eltern, Geschwister und dann zum jetzigen Alltag? Wie kann ich mir das denn vorstellen? Wie sieht denn der Ablaufplan aus für diese Therapie?«, frage ich ehrgeizig.
»Es gibt keinen Ablaufplan«, sagt sie belustigt.
»Wie bitte?« Ich habe das wohl eben nicht verstanden.
»Es gibt keinen Plan für diese Stunden. Sie erzählen und ich höre zu.«
Wie bitte? Und das soll mir helfen? »Das verstehe ich nicht ganz. Sie befragen mich also, damit ich weiß, was ich erzählen soll?« Meine Gesichtsmimik wirft reichlich Fragefalten auf.
»Ich werde ab und zu sicher ein paar Fragen stellen, wenn ich etwas nicht genau verstehe. Doch eigentlich werde ich kaum etwas sagen. Sie werden reden. Ich höre nur zu. Es ist Ihre Stunde, Ihre Zeit. Die Zeit und die Therapiestunde gehören Ihnen ganz allein.«
»Sagen Sie mir dann, was ich machen soll?«
»Nein, natürlich nicht. Wieso sollte ich das? Kennen Sie das etwa so, dass Ihnen einer sagt, was Sie tun sollen?« Sie zückt gleich ihren Stift und schreibt sich etwas auf.
»Na ja, wie soll ich denn lernen, ohne Tipps oder Ratschläge zu kriegen? Ich muss doch wissen, was ich hier sagen soll, was Sie an Informationen benötigen. Hier muss es doch so was wie einen roten Faden geben für die Therapie. So etwas wie eine Zielstellung, keine Ahnung, wie ich das sonst bezeichnen soll. Einen Anfang, die Mitte und den Schluss«, sage ich mit den Händen gestikulierend.
Jetzt verstehe ich gar nichts mehr. Wie soll das denn funktionieren? Das scheint völlig planlos. Ich hätte gerne eine Bedienungsanleitung für das hier. Ich nehme dann auch gleich eine für mein ganzes Leben! Und das was Frau Hirte macht, kann man tatsächlich studieren? So einen Job hätte ich auch gerne. Die Leute legen sich hin, sollen irgendwas erzählen und sie hört einfach zu. Das gibt es doch nicht.
»Wie wär's, wenn Sie sich jetzt erst einmal auf die Couch legen und wir einfach anfangen. Ich habe das Gefühl, dass uns das ganze Theoretische nicht weiterbringt. Wir fangen einfach an. Was meinen Sie?«
»Ja, meinetwegen.«
»Gut, dann bitte.« Sie zeigt in Richtung rotes Sofa. »Die Couch gehört ganz Ihnen.«
Ich stehe gedanklich überfordert auf und zögere, bevor ich mich auf die Couch lege. »Soll ich meine Schuhe ausziehen?«
»Wie Sie wollen. Sie entscheiden«, kommt es nur von ihr zurück.
Ich entscheide sie anzulassen, dann kann ich schneller hinaus laufen, wenn mir das hier zu bunt wird. Ich dachte bisher immer, dass mit der roten Couch von Sigmund Freud war nur ein Witz, aber das hier ist kein Witz. Ich kann nämlich gar nicht darüber lachen.
Meine Güte! Elisa Schön liegt auf einer roten Couch bei einer Psychotante, das glaubt mir doch kein Mensch. Ich starre an die weiße und schlecht gespachtelte Decke und dann auf die gegenüberliegende weiße Bürotür. Nur drei Schritte und ich wäre draußen, könnte flink meine Jacke greifen und mich vom Acker machen. Über der Tür hängt eine tickende Uhr, die den gemütlichen Charme einer Bahnhofsuhr verströmt. Das macht mich wahnsinnig. Wie soll ich mich denn da konzentrieren? Tick, tack. Der Sekundenzeiger hetzt voran und die Stunde wird immer kürzer. Wir haben noch genau achtundzwanzig Minuten. Na super, wie soll ich mich unter diesem Zeitdruck entspannen? Ich atme tief durch. Das funktioniert deutlich besser als im Sitzen auf dem unbequemen Korbsessel.
Frau Hirte sagt gar nichts. Ich atme noch einmal durch. Meine Hände lege ich ineinander gefaltet auf meinen Bauch ab. Bestimmt sehe ich wie eine Tote im Sarg aus, aber ich weiß nicht, wo ich sonst mit ihnen hin soll. Neben meine Hüfte legen geht nicht, da fühle ich mich so ungeschützt, so nackig. Ich möchte mit meinen Händen meinen Bauch schützen. Keine Ahnung warum.
Was soll ich denn jetzt sagen? Nochmal durchatmen tut mir gut. Ich merke, wie mein Körper langsam in diese rote Couch einsinkt. Es ist schön hier zu liegen, ich könnte glatt einschlafen. Aber das geht ja nicht. Doch was ist, wenn hier wirklich mal einer einschläft? Weckt Frau Hirte den dann auf? Ob das schon mal vorgekommen ist? Vielleicht schläft sie ja selber nachher ein? Ich kann sie ja schließlich nicht sehen!
»Tja«, fange ich an, »ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.« Das ist doch wenigstens mal ehrlich.
»Was geht denn gerade in Ihrem Kopf vor?«, fragt Frau Hirte.
»Viele Sachen. Am meisten überlege ich, was ich jetzt sagen soll.«
»Ist diese Situation für Sie unbehaglich?«
»Ja, schon. Ich versuche mir gerade etwas aus dem Ärmel zu schütteln, was ich Ihnen erzählen kann.«
»Glauben Sie, dass Sie mich unterhalten müssen? Dass Sie etwas leisten müssen, um hier sein zu dürfen?«
Meine Stirn legt sich gleich in Falten. Ich verstehe nur Bahnhof und merke wie mir die anfängliche Lust auf die Psychosache vergeht. Das ist mir alles zu anstrengend! Zehn Minuten sind erst vergangen, seitdem ich hier liege. Es bleiben also immer noch achtzehn. Achtzehn geschlagene Minuten, die rumzukriegen sind. Meine Güte, wenn das jede Stunde so geht, dann prost Mahlzeit.
Frau Hirte meint: »Ich kann mir schon vorstellen, dass es eine komische und neue Situation für Sie ist. Wir müssen uns beide ja auch erst noch kennen lernen, uns annähern. Da kann ich Sie sehr gut verstehen. Ich bin eine völlig Fremde für Sie und da ist es doch verständlich, dass Sie abwarten.«
»Ja, das stimmt. Abgesehen davon, dass ich wirklich noch nie eine Therapiestunde hatte, geschweige denn auf einer Praxiscouch lag, dauert es bei mir immer ein bisschen länger, bis ich mit Leuten warm werde. Es braucht eine gewisse Zeit, bis ich etwas Persönliches von mir erzähle.«
»Das ist absolut okay«, erwidert sie nur.
»Im Grunde genommen weiß niemand, was wirklich in mir vorgeht. Niemand. Kein Mensch. Ich habe immer alles mit mir selbst ausgemacht. Die Ergebnisse teilte ich anderen zwar mit, aber was in mir ablief oder wie ich mich fühlte, nie. So etwas wie hier ist wirklich das erste Mal. Und selbst hier …«, ich stocke. Wenn ich ihr sage, dass ich selbst hier nicht alles erzählen will, schickt sie mich bestimmt weg, weil es dann keinen Sinn macht, mit mir zu arbeiten.
»Selbst hier müssen Sie erst gucken, was Sie zeigen dürfen und was nicht?«
Kann die gute Frau etwa Gedanken lesen? Meine Güte, das ist ja beängstigend..
»Ja«, sage ich deshalb nur. Denn es stimmt. Selbst hier bin ich mir nicht sicher, ob ich alles, wirklich alles, sagen kann. Ob sie es überhaupt versteht und verstehen würde. Ich habe Angst davor und ich kenne das Gefühl nur zu gut, verurteilt zu werden, nicht ernst genommen und belächelt, nicht gesehen und vergessen zu werden.
Und jetzt liege ich hier. Ich bin auf dieser Couch nicht zu übersehen. Und Frau Hirte ist nur wegen mir hier. Jedenfalls im Moment. Ich bin ihre Patientin, ihre Stunde, ihre Arbeit. Ihr Schäfchen. Ihr Schäfchen in der Herde der Bekloppten. Wieso kann ich nicht einfach sagen, was ich denke? Wieso nicht? Die Gedanken waren immer das einzige, was nur mir gehörte. Die habe ich immer nur für mich behalten. In meinen Gedanken war ich frei. Sie waren meine eigene kleine Welt, mein eigener Kosmos, zu dem kein anderer Zutritt besaß. Tolle Erkenntnis, Lieschen.
»Sie machen auch jetzt gerade wieder alles alleine mit sich ab, oder?«, fragt Frau Hirte leise.
Sie sitzt hinter mir und ich habe sie bei meiner Gedankenorgie fast vergessen. Nebenbei starre ich immer auf die laute Uhr. Noch zehn Minuten, dann ist die Stunde um. Eine schwere Geburt! Was soll ich denn jetzt noch erzählen, wenigstens für den Rest der Zeit?
Von meinem spirituellen Selbsterfahrungsseminar brauche ich wohl nichts mitteilen, dann kann ich sicher gleich gehen. Obwohl, wir hatten ja beide für diese Therapie unterschrieben, da dürfte sie mich auch nicht so ohne Weiteres vor die Tür setzen. Doch wenn sie wollte, würde sie bestimmt Gründe finden, diese Vereinbarung aufzuheben.
Himmel, woran ich jetzt schon wieder denke! Ich habe noch nicht mal richtig angefangen und mache mir schon Sorgen darüber, ob sie die Therapie mit mir abbrechen würde. Lieschen, deine Sorgen sollten mal andere haben. Ich komme mir wie ein kleines Mädchen vor, das nicht weiß, was es machen soll, von dem aber viel erwartet wird. Ich spüre es förmlich in der Luft, das ich etwas machen soll, nämlich Reden. Doch ich weiß nicht, worüber und das macht mich wütend. Ich bin wütend auf mich selbst. Ich fühle mich als Versagerin.
Schön, Frau Schön, wirklich schön. In der Agentur, in der ich früher in Frankfurt arbeitete, fanden die den Spruch immer witzig. Und dann haben sie über ihren, ach so tollen, Witz gelacht. Echt dämlich. Ich fand diesen geistigen Dünnpfiff überhaupt nicht lustig.
»Ich lese jetzt gerade noch mal Ihren Namen auf der Vereinbarung. Er ist ja schon außergewöhnlich. Hatten Sie damit eigentlich Schwierigkeiten als Kind oder vielleicht jetzt noch als Erwachsene?«, fragt Frau Hirte plötzlich.
Jetzt kommt die auch noch mit meinem Namen an. Komisch, gerade dachte ich daran und jetzt befragt sie mich dazu. Was geht denn hier vor? Langsam wird mir das unheimlich.
»Schon immer haben die Leute meinen Namen belächelt und Witze dazu gemacht. Das ist mir aber inzwischen ziemlich Wurst. Früher sagten die Jungs oft: Elisa Schön – schön, wenn's mal so wär«, sage ich zu ihr von der Couch.
»Oh, das tat bestimmt weh zu hören, oder?«
»Ach, das waren Idioten.«
»Fühlen Sie sich denn nicht schön?«
»Ich war eher immer schön unscheinbar. Ich bin keine Schönheit auf den ersten Blick, das war ich noch nie. Ich bin immer die, die erst beim zweiten Mal gesehen wird oder noch später«, sage ich frustriert.
»Und was ist das für ein Gefühl?«
»Hm.« Ich überlege kurz. »Daran habe ich mich längst gewöhnt. Ja, ich habe mich eigentlich mit der zweiten Reihe abgefunden. Es stört mich nicht mehr.«
»Also hat es Sie mal gestört?«
Herrje, was ist denn das wieder für eine haarspaltende Frage? Sie nimmt ja jedes Wort von mir auseinander.
»Keine Ahnung. Wahrscheinlich«, entgegne ich. »Ich habe mir schon gewünscht, dass auch mich mal der tollste Junge der Schule anspricht und ansieht.«
Na super, jetzt fühle ich mich richtig elendig und wie eine Versagerin. Doch dafür kommt das Gespräch langsam in Gang. Ich merke, wie ich mental und körperlich hier ankomme. In meinem Gehirn rattert es wie in einem Computerlaufwerk. Meine Nervenzellen arbeiten angestrengt. Sie wissen gar nicht, in welchen Schubladen sie das jetzt alles abspeichern sollen.
»Wie war denn Ihre Teenagerzeit? Hatten Sie schon früh einen Freund?«
Warum soll ich denn jetzt über meine Teenie-Zeit reden?
»Ich war schon immer etwas pummelig aus. Das liegt daran, dass ich nicht so groß bin. Damit wurde ich auch oft aufgezogen. Meinen ersten richtigen Freund beziehungsweise mein erstes Mal hatte ich erst mit dreiundzwanzig Jahren. Ich war ein Spätzünder. Meine Eltern und mein Bruder haben mich früher Pummellieschen genannt. Lieschen haben ja sowieso alle zu mir gesagt. Pummellieschen kam auch nicht von ungefähr. Mein Vater ist Bäcker und wir haben in unserem Haus unten eine Bäckerei, da habe ich mich schon als Kind immer sehr gerne aufgehalten und genascht. Am liebsten Kekse und Streuselschnecken und dazu dann frische Milch getrunken. Das war das größte für mich. Zuerst hab ich den äußeren Rand der Streuselschnecke abgegessen und mir die Mitte, wo der meiste Zuckerguss war, bis zum Schluss aufgehoben«, fällt es mir amüsiert ein.
»Ah ja, das Beste also zum Schluss«, resümiert Frau Hirte.
»Ja, genau. Mit vollstem Genuss vertilgte ich dann die Zuckermitte.«
Das war wirklich lecker. Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal eine Streuselschnecke gegessen hatte. Es war lange her. Jetzt verspüre ich großen Appetit darauf. Appetit auf eine Streuselschnecke. Ich weiß plötzlich, wohin ich nach dieser ersten Stunde gleich gehen werde, nämlich in die nächste Bäckerei. Zwei Straßen von hier befindet sich das Café Berta.
»Sie haben also noch einen Bruder?«
»Ja, der ist vier Jahre jünger als ich. Er heißt Heinrich, aber wir sagen alle Heini zu ihm.«
Sie lacht auf. »Das ist ja ein niedlicher Name. Was macht er beruflich? Ist er vielleicht Bäcker geworden wie Ihr Vater?«
»Oh nein. Vater hätte es schon gerne gesehen und Heini hatte auch mit einer Bäckerlehre angefangen. Aber das frühe Aufstehen war dann nichts für ihn. Er kommt mit seinem Leben irgendwie nicht so richtig in Gang. Hat verschiedene Ausbildungen angefangen, mal hier und mal dort gearbeitet, aber es war alles noch nicht das richtige für ihn. Derzeit studiert er BWL an der Universität in Rostock. Mal sehen, wie lange«, zucke ich mit den Schultern. Ob sie diese Geste überhaupt sieht?
»Das hört sich ja so an, als wüssten Sie alle, dass er das Studium auch wieder abbricht.«
»So ist Heini halt. Wenn er keine Lust mehr hat, hört er einfach auf und macht wieder etwas anderes.« Ich muss lächeln, als ich an ihn denke.
»Und Sie?«
»Was meinen Sie?«
»Hören Sie auch einfach auf, wenn Sie keine Lust mehr haben?«, fragt Frau Hirte.
