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Der Schlüssel zur Erfüllung von Rudolf Zurkirchens Traum war SAMANTHA, eine 16 Meter lange und 4 Meter breite Segeljacht. Über einen Zeitraum von zwei Jahren ebnete sie ihm den Weg über teils ruhige, teils raue See und trug ihn zu den Karibik-Inseln, nach Südamerika.Unterwegs kämpfte er gegen Naturgewalten, dem Boot nicht unbedingt wohlgesinnte Kobolde und den ein oder anderen Zollbeamten. Der Lohn dafür waren einmalige Sonnenaufgänge, sternenklare Nächte und kristallklare Gewässer. Mit viel Witz und Selbstironie schildert er seine Erlebnisse, ohne dabei Missgeschicke oder unerwartete Komplikationen außen vor zu lassen. Durch die vielen erzählten Erlebnisse und Begebenheiten auf Wasser und an Land, sind die Erzählungen nicht nur für Segler, sondern auch für Jedermann spannend und amüsant.
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Seitenzahl: 640
Veröffentlichungsjahr: 2023
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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© 2023 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99146-035-0
ISBN e-book: 978-3-99146-036-7
Lektorat: Solaire Hauser
Umschlagfoto: Cameramannz | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
Innenabbildungen: Rudolf Zurkirchen; AMEL
www.novumverlag.com
Vorwort
Nachdem ich endgültig entschieden habe, die Arbeit auf Eis zu legen und endlich meinen Traum zu leben, den ich schon seit 1972 habe, die Welt zu bereisen.
In Düsseldorf an der Bootsmesse habe ich die AMEL SM 2000 gesehen und sofort gewusst, das ist mein Boot. Die Ausstattung ist großartig und das Preis-Leistungs-Verhältnis absolut in Ordnung.
16 m lang, 4,6 m breit und 2,05 Tiefgang2 Masten, 20 m hoch, mit einer Gesamt-Segelfläche von 119 m², elektrisch betriebenDieselmotor, 110 HPGenerator, 7 KWWarmwasserboiler, 50 LiterDieseltank, 600 LiterFrischwassertank, 1.000 LiterWasserentsalzungsanlage, 50 l/Std.AnkerwaschanlageKartenplotterAutopilotFernseherRadio mit CD-PlayerAISFunkstationKochherd mit 4 GasflammenKühlschrankTiefkühlerWaschmaschineGeschirrspülerMikrowelle mit Grillfunktion3 Klimaanlagen (Heizen/Kühlen)2 Nasszellen mit elektrischem WC, Lavabo und DuscheDecksduscheElektrische Winschenund vieles mehr.Nach zwei Jahren Wartezeit wurde mir die „SAMANTHA“ am 26. Mai 2003 in La Rochelle, Frankreich, übergeben.
Von dort aus habe ich während vieler Monate das Mittelmeer befahren und die schönen Plätze von den Balearen bis in die Süd-Türkei erkundet.
Dann entschied ich mich für die Weltumsegelung.
Angefangen habe ich diese Reise am 3. Januar 2014 und seitdem schipperte ich im Mittelmeer herum, bis ich dann vom 20. November an mit meinem Sohn Patrick von Teneriffa aus über den Atlantik in die Karibik gesegelt bin. Von hier geht die Reise weiter mit Zwischenziel Kuba.
Auf der Insel Dominica feiere ich mit Rita Silvester 2014/2015.
Im Jahr 2014 bin ich etwa 12.000 Seemeilen gefahren und habe viel gesehen, viele neue Leute kennengelernt und auch Freundschaften geschlossen.
Ab 2014 geht es rund. Karibik – Kuba – Belize – Guatemala – San Blas – Panamakanal – Galapagos – Südseeinseln – Neuseeland – Australien – Indonesien – Malaysia – Thailand – Sri Lanka – Madagaskar – La Réunion – Südafrika – Namibia – St. Helena – Brasilien – Karibik – Bermuda – Florida – New York – Azoren – Portugal – Balearen – Spanien – Port Napoleon, Endziel in der Camargue.
75.000 SM habe ich mit der SAMANTHA zurückgelegt. 8 SM vor dem Endziel, Port Napoleon, hat uns (Sohn Philippe und Enkel Louis sind dabei) ein Gewitter erwischt und mit einem Blitzeinschlag wird alles, was elektrisch oder elektronisch ist, kaputt gemacht.
Am 13. August 2019 ist die SAMANTHA am Ziel angekommen, wird aus dem Wasser gehoben, repariert und zum Verkauf vorbereitet.
Für mich hat hiermit ein Lebenstraum und Lebensabschnitt sein Ende gefunden.
Was bleibt, sind die Erinnerungen und der Stolz, diese Herausforderung gemeistert zu haben.
Ich werde immer wieder gefragt, ob es nicht langweilig sei, alleine zu segeln. „Nein“, denn ich bin nur wenig alleine. Freunde kommen Teilstrecken mit, überall trifft man Leute und man sieht und erlebt so viel, dass zur Langeweile gar keine Zeit ist.
Die SAMANTHA mit voller Besegelung.
** Im Cockpit.
** Mit Ballooner vor dem Wind.
** Im Salon.
** Küche.
** Navigationstisch.
** Eignerkabine.
** Skipperkabine.
** Toiletten/Duschen hinten und vorne.
** Vordere Kabine.
** Motorraum.
** Fotos von Chantiers AMEL.
Hinweis des Autors
Die in diesem Buch benutzten geografischen Koordinaten dienen lediglich dazu, die Orte auf einer Karte oder auf Google Earth zu finden. Da sich der Meeresgrund ständig ändern kann (Vulkantätigkeiten, Korallenbildungen, Auffüllungen, versenkte Objekte), gilt es, bei einer Anfahrt mit einem Boot seemännische Sorgfalt walten zu lassen.
Januar 2014
Ob ich meine elektrische Zahnbürste vermisse?
Nein. Wenn man um die Welt segeln will, sind andere Sachen wichtiger und man verzichtet auch gerne auf einige unnötige Luxusgüter und Bequemlichkeiten, um dafür neue Erlebnisse und Eindrücke zu bekommen. Trotz allem, der neuesten Elektronik, elektronischen Seekarten, Handy, Skype, E-Mails etc., bleibt es immer noch ein wenig Abenteuer, wenn auch wesentlich weniger als noch zu Kolumbus‘ Zeiten.
Ich freue mich auf diesen neuen Lebensabschnitt. Wie lange er dauern wird, das wissen nur die Götter. Ich weiß lediglich, wann ich starte, und zwar „JETZT“.
Schon 1968 hatte ich den Wunsch, mit einem Segelboot um die Welt zu reisen, doch dann kam mein Sohn Patrick zur Welt und das änderte die Pläne rasch. Dann 1972 flüsterte mir der Wind wieder zu, dass ich nun die Reise antreten soll, aber dann kam ein Jobangebot, das ich nicht ausschlagen konnte, und wieder schlugen die Wurzeln in den Boden.
2003 hörte ich mit der Arbeit in Deutschland auf, kaufte die AMEL SM 2000, taufte sie nach dem ersten Enkelkind auf den Namen SAMANTHA und startete im Mittelmeer, wo ich nach sechs Monaten die SAMANTHA festzurrte und wieder nach Hause fuhr und erneut zu arbeiten begann. Ich war noch nicht reif für den Ruhestand.
Dann aber, 2013, in einem Jahr voller Hektik, mit teilweise bis zu sechs Projekten gleichzeitig zwischen Genf und Zürich, kam ich manchmal an die physischen und psychischen Grenzen, und als Krönung des Jahres 2013 beschlossen wir im September, die letzten sechs Lofts in Wohlen fertig auszubauen. Mein Entschluss ist dann gereift, diese Lofts und alle Projekte bis zum 20.12.2013 komplett abzuschließen und mich dann an diesem Freitag um 1600 in den Ruhestand zu versetzen.
Genau so habe ich es gemacht. Am 21. Dezember bin ich morgens aufgestanden und habe mich gefragt, was ich nun tun soll.
Mit PC-Aufräumen, Files sichern und Neujahrskarten verschicken habe ich die Zeit bis Neujahr verbracht. Nun war es an der Zeit, die Koffer zu packen.
Am Freitag, den 3. Januar, holte Brigitte uns (Rita und mich) ab. Die beiden Frauen haben sich angeboten, mich mit meinem Gepäck (ein großer Rucksack, ein Rollköfferchen, eine große Reisetasche mit Rollen, und ein kleiner Rucksack) nach Genua zu chauffieren, wo ich um 1800 die Fähre besteigen sollte.
Meine große Sorge war, wie ich wohl vom Kai in die etwa zwei bis drei Stockwerke höher gelegene Kabine kommen werde, denn mit all dem Gepäck glich ich eher einem Packesel als einem Segler.
In Genua angekommen, machen wir in der noch weihnachtlich geschmückten Altstadt einen Spaziergang, dann kommt die Stunde des Abschiedes vor dem Fährterminal. Es ist schwer, von Rita Abschied zu nehmen, denn es soll eine lange Zeit sein, bis sie mich dann irgendwo besuchen kommt.
Schade ist, dass sie das Segeln nicht verträgt und mich somit nicht begleiten kann.
Leider hat auch Julia, die Tochter unserer Freunde aus Norddeutschland, mit denen wir mehrmals gesegelt sind, ihre Absicht, mich zu begleiten, absagen müssen, denn sie hat in Australien einen Studienplatz ergattern können, und die freudige Mitteilung am 20. Dezember erhalten. Nun starte ich meine Reise eben allein. Wie es wird, so ganz ohne Begleitung unterwegs zu sein, werden wir sehen, und ihr könnt das in den folgenden Berichten miterleben.
Noch ein letztes Küsschen, ein sanftes Streicheln über die Wange, dann eine Drehung um 180° und vorwärts Marsch zur Fähre.
Dank einer Rolltreppe und eines Lifts erreiche ich ohne Mühe die Kabine. Noch ein Nickerchen, dann ein kleines Bierchen an der Bar und schließlich bediene ich mich im Restaurant (Selfservice). Ich verstehe nicht, dass man scheinbar auf diesen Fähren nur irgendwelche (sicherlich ungelernten) Köche beschäftigt. Das, was ich da auf den Teller geschmissen bekomme, dürfte in einem schweizerischen Knast nicht aufgetischt werden, die würden sonst wegen Verbrechen an der Menschlichkeit verurteilt. Was ich gegessen habe, kann ich euch nicht sagen, es war auf Italienisch angeschrieben, und beim Essen habe ich es auch nicht herausgefunden. Bis auf die öltriefenden Kartoffelstängel, die nennt man bei uns so … wie Pommes.
Die Nacht geht relativ schnell vorbei und um 0800 landet die Fähre plangemäß in Olbia. Mit einem Taxi lasse ich mich zum Bahnhof bringen, wo ich den Zug um 0830 nach Cagliari erwische. Dreieinhalb Stunden Bahnfahrt, durch wolkenverhangenes Gebirge und neblige Landschaften, dann hält der Zug genau nach Fahrplan um 1151 in Cagliari. Zur Bushaltestelle muss ich mein Gepäck nur über die Straße schleppen. Nach Fahrplan geht der Bus um 1230. Ich bin der einzige Passagier, bis dann einige Stationen später noch drei Leute zusteigen. Für 5 Euro kann man in der Schweiz nicht eineinhalb Stunden Bus fahren! In Muravera lasse ich mich in der Nähe des Supermarktes absetzen. Hier kaufe ich noch einiges ein, damit ich die ersten Tage nicht ganz ohne Proviant bin. Nun kommt zum Gepäck noch eine volle Tragtasche dazu. Das geht mit einem Body, zwei Armen und zwei Beinen überhaupt nicht mehr. Ich rufe Giancarlo an, er soll mich mit seinem Taxi abholen und direkt in den etwa vier Kilometer entfernten Hafen zum Schiff bringen.
Alles klappt bestens. Das Boot haben die Angestellten in der Marina, wie per E-Mail gebeten, nahe genug an den Steg verlegt, sodass ich ohne Probleme die SAMANTHA bereits um 1500 entern kann.
Nachdem alles auf dem Boot ist, verstaue ich die Nahrung, die Klamotten und alle anderen Mitbringsel. Bereits um 1700 ist alles soweit bereit, dass ich aufatmen und die Anreise als beendet melden kann. Wasser und Strom sind vorhanden, leider aber funktioniert das WLAN schon wieder nicht. (Ich habe hier höchstens einmal erlebt, dass das WLAN funktioniert hat.)
Abends koche ich eine Portion Teigwaren (Müscheli), die noch als eiserne Reserve in einem Schapp liegen.
Um 1900 ist es bereits dunkel, die Temperatur liegt draußen bei 12°, dank der gut funktionierenden Heizung habe ich im Boot angenehme 20 °C.
Ich wollte noch einige Zeilen lesen, schlafe aber sofort ein. Scheinbar ist der Stress bereits von meinem Körper und Geist abgefallen.
Gute Nacht.
Porto Corallo 39°26,46 N 9°38,42 E
5.1.14
So ganz gut habe ich noch nicht geschlafen. Ungewohnt sind die Geräusche noch. Knirschende Leinen, klappernde Teile usw., sodass ich nicht ganz ausgeruht aufwache. Die erste warme Dusche weckt die Lebensgeister jedoch auf.
Zuerst baue ich das Winterdach über dem Cockpit auf. Damit habe ich über dem Cockpit ein großes Zelt, das mich vor dem draußen tobenden stürmischen Regenwetter angenehm schützt.
Das Frühstück genieße ich, obwohl der Kaffee aus der Espressomaschine noch etwas schal schmeckt. Die Bohnen sind noch vom August und haben trotz Tupperware scheinbar etwas von ihrem Geschmack verloren. Mit Rumdösen, Umräumen und Aussortieren von altem Kram verbringe ich den Sonntag. Als die Wolkendecke am Nachmittag aufreißt, wage ich einen Spaziergang in der Nähe, werde aber böse verregnet. Genüsslich mache ich mich danach im warmen Schiff breit.
So eine Heizung weiß man bei Außentemperaturen von 12 bis 13° zu schätzen.
Zum Abendessen koche ich einen Eintopf von Reis und Erbsen, dazu gibt es Fischstäbchen, bei denen man nicht weiß, aus was sie sind und nach was sie schmecken sollten. Das Paket ist auf Italienisch beschriftet und somit weiß ich nicht, was genau die Erzeuger damit bewerkstelligen wollten.
6.1.14
Heute ist (wäre) eigentlich der erste Arbeitstag im neuen Jahr, nach all den Festtagen, endlich wieder Zeit, etwas zu tun. Nicht so aber in Italien. Heute wird noch nicht gearbeitet, man geht das Jahr langsam an. Ich kann heute auch nichts tun, denn die Werft ist geschlossen. Abwarten.
Abends marschiere ich ins nächste Dorf, zwei Kilometer, um dort einen Fisch zu essen. Nichts ist. Auch diese Pizzeria ist geschlossen. Zurück und selbst kochen. Es gibt Spaghetti und Hamburger. Nicht schlecht.
7.1.14
Es ist bereits 0900, als ich eine sich langsam abzeichnende Aktivität in der Werft feststelle.
Ich finde dann auch Giuseppe, den Werftmeister, mit dem ich das weitere Vorgehen bespreche. Die Marina-Leitung hatte den Kran für heute reserviert, und so kommt Luca ins Spiel. Er ist der Kranführer. Zusammen holen wir die SAMANTHA unter den Kran und dann wird sie herausgehoben. In den Seilen hängend wird geputzt und geschrubbt. Unglaublich, was sich da wieder an Müschelchen und Bewuchs festgekrallt hat.
Ich fange an mit dem Ausbau des Bugstrahlruders (ein Propeller an der Spitze des Schiffs, mit dem man das Boot seitlich bewegen kann). Statt circa zwanzig Minuten brauche ich ganze zwei Stunden für diese Arbeit, denn alles ist total eingerostet und verrottet. Zusammen mit Giuseppe bauen wir das Teil auseinander, um festzustellen, dass die Innereien komplett kaputt sind. Die Kugellager sind gebrochen und die Kügelchen fallen heraus wie Erbsen aus einer Konservendose. Das sieht gar nicht gut aus. Giuseppe will morgen nach Cagliari fahren und die notwendigen Ersatzteile holen.
Diese Nacht bleibe ich auf der SAMANTHA, die in den Kranseilen hängt.
Abends, nach einer Platte Spaghetti Pomodoro, einem Whisky und einer Birne zum Dessert, schaue ich erstmal einen Film auf DVD an.
Marilyn Monroe, nicht schlecht.
Die Nacht ist ruhig. Keine Leinen, die knirschen.
8.1.14
Aufgestanden mit dem erwachenden Tag. Genüssliches Frühstück. Mein erster Kaffee hat die Lebensgeister geweckt. Ich bin eben daran, den zweiten Kaffee in meine Tasse zu füllen, da stellt die Maschine ab. Ein Arbeiter hat das Kabel herausgezogen, um seine Maschine anzustellen. Pech, wäre ich früher aufgestanden!
Nun beginnt das Warten. Guiseppe kommt irgendwann von Cagliari mit den benötigten Teilen. In Italien kann das dauern, auch wenn Cagliari nur eine Stunde entfernt ist. Nachmittags um 1500 kommt Guiseppe. Er hat alle Teile und beginnt auch gleich mit dem Zusammensetzen. Als er fertig ist und das Bugstrahlruder wieder ins Boot eingebaut werden könnte, ist Luca, der Kranführer, bereits nach Hause gefahren.
Also wird es morgen. Nochmals eine Nacht in den Seilen.
9.1.14
Für heute habe ich mit dem Arbeiter ausgemacht, dass er den Stecker erst zieht, wenn ich mit meinem Kaffee fertig bin. So bekomme ich ein gutes und komplettes Frühstück zwischen die Zähne.
Gleich danach beginne ich mit dem Einbau des Bugstrahlruders, ich sagte beginne! Ich werde halb verrückt, das Teil will einfach nicht mehr an seinen Platz, und wie beim Ausbau muss ich mit sanfter Gewalt ran, bis dann endlich die Schraubenlöcher aufeinanderpassen und dann nach circa zwei Stunden der Testlauf beginnen kann. Es funktioniert!
Halleluja!!!!
Nun aber schnell zurück ins Wasser. Vorher habe ich mit Guiseppe noch die Halterung für einen neuen Geschwindigkeitsmesser im Schiffsboden eingebaut. Das war allerdings kein Akt.
Wieder im Wasser und am Steg, am gewohnten Platz festgemacht, baue ich das neue Beiboot (Dingi) hinten auf das Sonnendeck. Das alte Dingi ist für acht Personen und viel zu groß, als dass ich es an Deck platzieren könnte, und nachschleppen ist so eine Sache, wenn Sturm aufkommt, dann kann das Dingi schon mal zu einem Drachen werden und vom Wasser abheben, eine nicht ungefährliche Situation. Das neue kleinere Dingi für vier Personen kann ich leicht handhaben und eben an Deck verzurren.
Ich spanne zwei Rettungsleinen (das sind Leinen, die zu beiden Seiten des Bootes an Deck vom Bug bis zum Heck gespannt werden), wo ich meinen Haken einhängen kann, wenn ich aus dem Cockpit heraus muss. Alleine auf dem Boot kommt einem niemand zu Hilfe, wenn man über Bord geht, deshalb ist alles an Sicherheit zu beachten, um nicht von Haien gefressen zu werden.
Um 1700 habe ich Giancarlo bestellt. Er soll mich zum Supermarkt fahren, damit ich meinen Großeinkauf machen kann. Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich mit einem Taxi zum Einkaufen fahre.
(Es gibt bei uns in Wohlen Sozialhilfe-Bezieher, die regelmäßig mit dem Taxi vom Einkaufen kommen, warum soll ich nicht auch mal so einkaufen gehen?)
Es ist unglaublich, was dieser neue Supermarkt (EuroSpin) alles zu bieten hat. Ich fülle einen ganzen Trolley, sodass ich für die nächsten sechs Wochen keinen Mangel haben werde, und das kostet mich alles zusammen lediglich 143 Euro. Unglaublich. Sogar der Whisky hat nur 3,75 Euro gekostet.
Ich verstaue alles im Boot und mache mir ein herrliches Abendessen.
Mit einem Konzert von David Garret beende ich einen gemütlichen Abend. An Musik fehlt es mir nicht, ich habe auf einer Harddisk etwa 1.300 Musikstücke dabei.
10.1.14
Freitag ist es. Ich habe nichts Weiteres zu tun, als zu warten, bis ich die Kettenverlängerung bekomme. Die soll am Montag geliefert werden. Ich will zu den 60 Meter Ankerkette noch 30 Meter anhängen, denn es gibt viele Orte, wie in der Karibik, wo der Strand steil abfällt und man bei relativ großer Wassertiefe den Anker setzen muss, da sind die 60 Meter einfach zu wenig. Zudem ist es ein Sicherheitsaspekt, wenn mal der Wind auf Sturm aufdreht, dann sind lange Ketten von großem Vorteil.
Gegen 1030 lege ich vom Steg los, um aufs Meer hinauszufahren. Obwohl fast kein Wind weht und ich herumdümple, bekomme ich das gute Gefühl vom Segeln.
Ich bin gerade unten in der Kabine und am Bericht schreiben, als ich ein dumpfes Motorengeräusch höre. Ich schaue hinaus und da kommt die Guardia di Finanza angerauscht. Sie umkreisen mich erst, wie es auch die Haie um ihr Opfer tun, dann kommen sie näher und verlangen, alle Papiere zu sehen. Wie üblich gebe ich diese ins hingehaltene Netz und dann beginnt das Warten. Was die mit meinen Papieren eine halbe Stunde gemacht haben, ist mir schleierhaft, aber danach bekomme ich alles zurück, mit den kurzen Worten „Tutto OK“ und „Arrivederci“.
Und schon ist der Akt vorbei.
Zurück im Hafen kommt Guiseppe und meldet, dass die Kette bereits heute geliefert wurde und das sei ungewöhnlich. Scheinbar haben sich die Italiener nun doch vorgenommen, sich 2014 zu bessern und wieder zu schaffen, um sich aus der Krise zu boxen.
Zum Abendessen gibt es panierte Fischfilets, Bratkartoffeln, Fenchel an Buttersauce und zum Dessert zwei Pralinen …
Danach genieße ich ein Elvis-Konzert, das fast zwei Stunden dauert.
Morgen, obwohl Samstag, will Guiseppe die Kette montieren.
11.1.14
Heute, Samstag, gleich nach dem Frühstück hole ich die SAMANTHA in die Werft, wo Giuseppe die 30 zusätzlichen Meter Kette montiert. Dank eines neuen, den Maßen der Kette angepassten Mitnehmerrads an der Ankerwinde werde ich in Zukunft kein Problem mehr damit haben, den Anker hochzuziehen.
Nachmittags ist große Besprechung wegen der Elektronik. Pierre Carlo ist aus Cagliari gekommen und wir erörtern die verschiedenen Möglichkeiten der Aufrüstung. Meine Anlage ist nun elf Jahre alt, und das ist in der Elektronik eine lange Zeitspanne.
Sicher will ich eine TV-Antenne, die es erlaubt, auch dann fernzusehen, wenn ich in einer Bucht vor Anker liege.
Dann wird überlegt, ob ich einen neuen Kartenplotter brauche, denn die Disketten, die ich im Moment habe, gibt es nicht mehr. Des Weiteren brauche ich eine neue VHF-Funkanlage, denn meine jetzige ist am Ende ihres Lebens angekommen. Wenn ich dann noch AIS habe, das mit der Funkanlage gekoppelt ist, kann ich am Radar die Informationen über die Schiffe abrufen, die ich auf dem Bildschirm sehe. Über jedes Schiff kann ich dann erfahren, wie groß es ist, was für ein Typ Schiff es ist, wohin es fährt, wie schnell es fährt und dessen Fahrtrichtung. Das ist ein wesentlicher Sicherheitsfaktor, und gehört mittlerweile zu einer modernen Ausrüstung dazu. Montag werde ich wissen, was die einzelnen Komponenten kosten und werde dann entscheiden, wie die SAMANTHA aufgerüstet wird.
Da ich nun weiß, dass ich sicher noch zehn bis vierzehn Tage hier im Hafen bleiben muss, bis alles installiert sein wird, hole ich meine Parabol-TV-Antenne heraus und montiere diese am Steg. Alleine die Einrichtung der Antenne vorzunehmen ist eine Challenge. Raus aus dem Schiff, um fünf Millimeter drehen, rein ins Schiff, gucken, ob das Bild erschienen ist, raus aus dem Schiff … und das einhundert Mal.
Schließlich sehe ich einen Mann daherspazieren, der sieht wie ein Segler aus. Ich spreche ihn an, er spricht gut Französisch. Er kennt sich mit solchen Antennen aus, hatte selbst eine, und ist bereit, mir zu helfen.
Er dreht außen an der Antenne und ich glotze auf den Bildschirm. Nur Ameisen. Schließlich schraube ich den Fernseher aus der Halterung und stelle fest, dass der Stecker der Antenne hinten gar nicht eingesteckt ist. Ich muss jedes Mal den Stecker wechseln, wenn ich von DVD auf Antenne umschalte. Hatte ich vergessen. Nun, da der Stecker sitzt, bekomme ich auch sehr schnell das Bild und kann mich auf gemütliche Fernsehabende freuen.
Nachmittags nutze ich die Zeit, um die erste Wäsche zu machen. Abends ist alles gewaschen, getrocknet und säuberlich eingeräumt. An mir hätte jede Hausfrau ihre Freude.
Es ist bereits 1830, als all dies funktioniert, und nun ist es an der Zeit, zu kochen.
Es gibt eine Spargel-Cremesuppe, danach Reis und gebratene Garnelen, dazu Erbsen. Die Garnelen sind irgendwie komisch. Die riechen stark nach Fisch und gar nicht nach den gewohnten Crevetten.
Auch dieses Paket ist auf Italienisch beschriftet und somit bleibt es ein Mysterium, was ich hier gerade esse.
Nun. Alles, fertig, den Abwasch gemacht, schaue ich mir einen amüsanten Film an: „Sommer in Rom“ auf ARD. Insgesamt habe ich die Wahl zwischen ungefähr dreißig Kanälen, aber einer ist schlimmer als der andere. Also bleibe ich bei den bekannten, deutschen Programmen.
Zum ersten Mal gehe ich heute vor dem Einschlafen nochmals raus und schütte etwas Geschirrspülmittel über die Festmacherleinen, so wie Rita das immer gemacht hat, und siehe da, es knirscht und knarrt nichts mehr, ein ruhiger Schlaf ist garantiert.
12.1.14
Es scheint nicht der richtige Tag zu sein. Es ist zwar Sonntag, aber der beginnt nicht so, wie man es gerne hätte. Mein Aftershave-Flakon fällt mir aus der Hand, knallt in die WC-Schüssel und zerbricht dabei natürlich in tausend Scherben. Das heißt heute wirst du das WC auseinanderbauen und die Scherben herausholen.
Dann wird Frühstück gemacht. Natürlich geht das Gas aus, bevor das Frischbackbrot knusprig ist. Gas wechseln. Aus dem Kühlschrank kommt ein komischer Duft. Die Prüfung des Eisfaches ergibt, dass es dort kein Eis gibt. Kühlschrank ausgestiegen? Ich schraube auf eine höhere Stufe und werde es später prüfen.
Draußen ist es katzgrau, windstill und bewölkt, ich werde heute das Fahrrad herausholen und auf eine Tour gehen.
Natürlich hat das Fahrrad zwei platte Reifen. Die Pumpe, die ich dafür gelagert habe, bricht gleich beim ersten Versuch auseinander. Aber … es gab da eine Zeit, da hat Rudolf gebastelt und eine Pumpe gebaut, die ich an der Tauchflasche anschrauben kann, und somit kann ich, ohne Schwitzen (wäre bei 13° keine Gefahr) die Reifen auf Betriebsdruck bringen. Genial. Strampelnd und hechelnd erreiche ich Villaputzu, das einem Totendorf gleichkommt. Kein Mensch zu sehen (ich will ja gar keinen sehen) und das Café ist geschlossen. Umdrehen und zurückfahren. Den Abend versüße ich mir mit einem Film (Rosamunde Pilcher, ha ha …).
13.1.14
Heute warte ich auf das Angebot für die neuen Installationen, das mir Pierre Carlo für heute versprochen hat. Natürlich vergeblich, wie wäre das in Italien auch anders möglich? Ich lese im Buch „Mafia AG“ weiter. Es ist erschreckend, zu verstehen, wie unterwandert und verrottet das ganze System in diesem so schönen Land ist. Die werden nie wieder auf einen grünen Zweig kommen, das kann man auch hier im Hafen feststellen. Da gibt es eine große Halle, die ist eigentlich für die Werft gebaut worden. Da sich aber einige lokale Beamte nicht über die Zuständigkeit einig sind, steht die Halle leer und die Werft arbeitet draußen im Freien. Dann ist da das neue Hafengebäude, das wurde vor drei Jahren begonnen, ist eigentlich fertig, steht aber leer. Dort gäbe es alles, was eine gute Marina braucht. Aufenthaltsräume, Wäscherei, Büros, Sanitäranlagen etc., wird aber nicht genutzt. Es stinkt nach Mafia, obwohl das hier verneint wird. Jemand hat Geld verdient, um die Anlage zu bauen (sie gehört der Kommune), nun liegt sie brach und bringt kein Geld. Das ist in Italien leider überall so, deshalb werden die sich nie erholen, wenn so weitergewirtschaftet wird. Und es wird so weitergewirtschaftet. Es lebe die Staatsverschuldung, die Milchbrust der Mafia.
14.1.14
Ich warte immer noch. Um mir die Zeit zu vertreiben, mache ich die Leinen los und gehe vor dem Hafen etwas segeln. Abends esse ich zur Vorspeise eine Avocado, danach feine Spaghetti Bolognese. Mit einem netten Film beschließe ich den Abend.
15.1.14
Immer noch kein Angebot aus Cagliari. Wenn das so weitergeht, verzichte ich und starte endlich meine Reise. Da bekomme ich eine SMS mit der Mitteilung, dass ich heute das Angebot bekommen werde. Ich laufe aus und genieße den herrlichen Wind. Endlich, das erste Mal so richtig segeln. Die SAMANTHA läuft mit 7-8 Knoten (13-14 Kilometer) nach Villasimius und zurück.
Um 1600 bin ich zurück an meinem Platz, hole das Angebot im Büro ab und regle die Rechnung von Giuseppe. All die Arbeit, die Kettenverlängerung, die neue Winde, die Teile fürs Bugstrahlruder, das neue Dingi etc. kosten gerade mal 1.500 Euro. Alleine die Arbeit berechnete er nur mit 180 Euro, das kostet bei uns ein Anwalt in dreißig Minuten.
Zum Abendessen koche ich Lauchreis und dazu gibt’s gebratene Hähnchenschenkel. Den ganzen Abend bin ich vertieft in ein neues Buch, „Die Analphabetin, die rechnen konnte“. Interessant.
16.1.14
Wieder neun Stunden geschlafen. Die Sonne scheint, aber es weht ein kühler Wind. Kaum ist das Frühstück fertig, ruft mich Antonio, der Hafenchef an und meldet, dass Giuseppe bereits die Detailpläne für die TV-Antenne bekommen habe. Ich schlendere zur Werft, wo mir Giuseppe die technische Zeichnung zeigt, die er bekommen hat. Ich traue meinen Augen nicht. Da zeigt der Bildschirm einen Mast von 8 cm Durchmesser und die Antenne soll etwas über 70 cm im Durchmesser sein. Was hat sich Pierre Carlo da wohl dabei gedacht? Ich habe doch keine Riesen-Hochseejacht, geschweige denn ein Kreuzfahrtschiff!
Sofort rufe ich an und sage ihm, er soll ja nicht dieses Teil bringen. Eine übliche Größe für meine SAMANTHA liegt so bei 25 bis 30 cm Durchmesser.
Alleine für den Betrieb dieser Großantenne müsste ich dauernd den Generator laufen lassen. Das kann doch nicht wahr sein. Irgendwo ticken diese Italiener doch nicht ganz richtig. Pierre Carlo nimmt meine Anrufe nicht entgegen und hat immer die Ausrede, dass er beschäftigt sei. Komisch, nicht? Die Anrufe von Antonio beantwortet er.
Ich bekomme eine SMS, die besagt, dass er eine kleinere Lösung suche.
Frustriert gehe ich zurück ins Boot. Draußen ist es saukalt, wegen des Windes. Ich baue den Kartenplotter auseinander und suche den Piepser, den ich anzapfen möchte, um die Alarme über einen Außenpiepser in meine Kabine zu leiten. Das Problem ist, dass ich die Ankeralarme nicht höre, wenn ich in meiner Kabine schlafe.
Mit dem Außenpiepser könnte ich das Problem beheben. Das entsprechende Kabel habe ich bereits vor Tagen verlegt, nun müsste ich nur noch den Piepser installieren. Im geöffneten Kartenplotter höre ich zwar den Alarm, aber von welchem Teil der generiert wird, bleibt mir schleierhaft. Nichts sieht so aus wie ein Piepser, nur lauter kleine Teile sind auf der Platine aufgelötet. Mist. Ich war doch so sicher, dass ich das auch kann, denn gestern habe ich den Speedometer mithilfe des Buchs auch selbst angeschlossen und kalibriert. Er funktioniert wunderbar und gleichzeitig bekomme ich noch gemeldet, wie warm das Wasser unter dem Schiff ist. (Das Thermometerentlein hatte sich ja letztes Jahr davongemacht und bei Patrick ist dann auch der Wasserthermometer in die Brüche gegangen.) Nun weiß ich, dass das Wasser 15,3 °C hat, zu kalt zum Baden. (Letzteres hätte ich auch ohne diese Installation gewusst, aber die Information ist nun mal Bestandteil des Speedometers und ganz praktisch.)
Das Demontieren des Plotters war gar nicht schwer, auch die Wiedermontage. Nur als der Plotter wieder an seinem Platz sitzt, bleibt der Bildschirm schwarz. Mist. Erneut nehme ich das Teil auseinander (es hat sehr viele Schrauben) und ich finde auch eine Verbindung, die nicht sauber gesteckt ist. Nun aber müsste es klappen. Nein, tut es nicht. Immer noch bleibt der Bildschirm schwarz. Alles nochmals von vorne, und diesmal finde ich den kleinen fiesen Stecker, der sich nicht selbst wieder eingesteckt hatte. Jetzt klappt es. Die Maschine läuft wieder wie zuvor.
Jetzt hab ich den ganzen Tag lang gearbeitet und was damit erreicht? NICHTS. Das können sich wirklich nur Rentner leisten! Dabei habe ich sogar vergessen, dass es eine Zeit am Tag gibt, die man Mittag nennt, und der begüterte Mensch sich dann etwas zwischen die Zähne schiebt. Bis auf drei Datteln gab’s eben heute nichts, ich hatte keine Zeit!
Abends koche ich mir ein Filet aus dem Tiefkühler, es steht „Suino“ drauf, aber da ich kein Internet habe, kann ich auch nicht nachschauen, was ich mir hier für ein Tier koche. Macht nichts, es wird gegessen, was auf den Tisch kommt, wie früher bei Mama. Die Ofenpommes erkenne ich an deren Form, zu backen sind die nicht, auch nach 15 Minuten im Backofen sind sie noch nicht knusprig. Die selbst gemachte Pilzsauce hingegen ist eine Wucht. Ich habe lediglich die Vermutung, dass ich anfänglich ganz feines Paniermehl statt Mehl erwischt habe, um die Béchamelsauce zu machen, denn die Sauce ist ganz leicht körnig (so wie feiner Sand), aber der Geschmack ist lecker. Zum Nachtisch gibt es Caramelköpfli, die aber erst etwas später, denn ich habe auf der Packung gelesen, dass man diese nach dem Kochen zwei bis drei Stunden im Kühlschrank auskühlen müsse.
Es ist ja sowieso nicht gesund, alles so schnell herunterzuschlucken, da lege ich eine kleine Pause zwischen den Hauptgang und dem Dessert ein.
Während des Kochens höre ich Geräusche von draußen. Es ist ein Segelboot mit Norwegern, die sich neben die SAMANTHA legen.
Die schauen komisch aus der Wäsche, als sie vernehmen, dass das nächste Restaurant vier Kilometer weit weg ist und die nächste Einkaufsgelegenheit fünf Kilometer. Ob die wirklich bis Samstag bleiben?
17.1.14
Heute sind es genau zwei Wochen, seit ich von zu Hause aufgebrochen bin und es wird ein ereignisreicher Tag. Ich bekomme Informationen über die TV-Antenne, die klar zeigen, dass es für mich nicht die gewünschte Lösung gibt. Entweder ich nehme eine Antenne, die mindestens 55 cm im Durchmesser ist und den Gebrauch des Generators oder Motors voraussetzt, oder ich nehme eine kleine Antenne, von 30 cm, die ich mit den Batterien betreiben könnte, aber mit der ich im Mittelmeer nur ganz beschränkt Satellitenempfang habe. Die Satelliten sind scheinbar so ausgerichtet, dass sie dorthin strahlen, wo Menschen leben, nämlich auf das Festland.
Somit ist für mich nun die Idee einer TV-Antenne, nach über einer Woche Warten, gestorben. Es ist doch erstaunlich, dass man mit Warten gescheiter werden kann. Es bleiben nun noch der Ersatz des Kartenplotters und der Funkanlage. Dafür warte ich noch einmal bestimmt eine weitere Woche. Wenn ich mich selbst so analysiere, erstaunt es mich, wie geduldig ich geworden bin. Drei Wochen hier warten, bis diese Kleinigkeiten erledigt sind, das gab’s in meinem Leben noch nie. Um 1630 sattle ich das Fahrrad und radle ins Dorf, um noch einige Kleinigkeiten einzukaufen. Unter anderem brauche ich Regeneriersalz, damit ich den Geschirrspüler in Betrieb nehmen kann.
Eigentlich hatte ich vor, diesen auszubauen und an seiner Stelle eine Vorratskammer zu erstellen, aber solange das Ding tut, soll man es auch würdigen und gebrauchen, und genau das mache ich nun.
18.1.14
Draußen ist es nicht sonderlich kalt, als ich nach über zehn Stunden Schlaf endlich die Rübe aus der Luke stecke. Warum ich so viel schlafe? Vermutlich muss ich immer noch meine Batterien aufladen. Oder ist es deshalb, weil ich die ganze Nacht sanft hin- und hergeschaukelt werde? Endlich hört auch meine Nase auf, zu triefen. Brauchte ich anfänglich noch eine ganze Küchenpapierrolle pro Tag, so hat sich das nun auf eine pro Woche reduziert. Um die Wartezeit zu verkürzen, mache ich die Leinen los und fahre hinaus aufs Meer. Leider weht dort kein Wind und es gibt nur größere Wellen, sodass ich einfach einige Stunden dahindümple und richtig durchgeschüttelt werde. Auch das ist Warten, nur eine andere Art.
Ich habe mir eine Liste von kleinen Arbeiten angelegt und von Zeit zu Zeit erledige ich die eine oder andere. Das erinnert mich an die Mängellisten auf den Baustellen, nur dass hier keine Hetze ist, um diese abzuarbeiten. Was nicht heute gemacht wird, wird ein andermal erledigt.
Heute koche ich „Penne Frutti di Mare“ und den restlichen Blumenkohl, denn der wird schon leicht braun außenrum. Dessert gibt es keines.
19.1.14
Draußen herrscht ein Sauwetter, es stürmt und dazwischen prasselt Regen auf das Deck. Ich verbringe die Zeit mit Lesen, eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Eigentlich hätte ich noch so einige Punkte auf dem Zettel, die ich abarbeiten sollte, aber eben in diesem Moment habe ich keine Lust dazu. Neu ist, dass ich die kleinen Arbeiten nur dann erledige, wenn ich Lust dazu habe. Früher habe ich das immer gleich getan, wenn ich etwas entdeckte. So kann man sich scheinbar im Rentenalter verändern! Irgendwann einmal komme ich auf die Idee, den Fernseher einzuschalten, aber oh, da ist kein Signal. Bei dem stürmischen Wind wurde die SAMANTHA etwas vom Steg weggedrückt und das Kabel hat an der Antenne gezurrt, sodass diese nun verstellt ist. Erst versuche ich, die Antenne neu zu orientieren. Nach dem 50. Mal rein ins Boot, raus aus dem Boot, Antenne um fünf Millimeter verschieben, rein ins Boot, raus aus dem Boot … komme ich doch zu der Einsicht, dass es alleine so nicht zu schaffen ist. Ich rufe Luca, den ich in der Nähe sehe. Er hilft mir. Zu zweit müsste es eigentlich gehen. Einer schaut auf den Fernseher, der andere fummelt an der Antenne herum. Aber auch das bringt nicht den gewünschten Erfolg. Schließlich baue ich die ganze TV-Anlage draußen im Cockpit auf, um direkten Blickkontakt zum Bildschirm zu haben. Schon nach kurzer Zeit ist die Mühe durch Erfolg gekrönt. Nun könnte ich fernsehen, habe aber keine Lust. Ich ziehe die Ausgangsschuhe an und unternehme einen Spaziergang in der Umgebung. Das Wetter hat aufgeklart und die Sonne blinzelt durch Wolkenlücken. Ich habe schon vor einiger Zeit eine Ruine auf einem nahegelegenen Hügel ausgemacht. Von dort müsste man einen schönen Rundblick haben. Als ich mich aber dem Ort nähere, höre ich überall Schüsse. Es scheint, dass man hier auf der Jagd ist. Nun durch die Pampa und die Büsche zu schleichen, scheint mir doch etwas gefährlich. Es könnte ja ein überfleißiger Jäger in mir einen alten Bock erkennen und sein Jagdglück ausprobieren. Da ich glaube, keine Hörner zu haben, aber eine schwarze Jacke trage, wäre es möglich, mich mit einem Schwarzwild (Wildschwein im Jägerlatein) zu verwechseln. Ich bleibe auf der Landstraße und marschiere gute drei bis vier Stunden in einem Bogen zum Hafen zurück. Der Himmel hat sich nun in ein wolkenloses blaues Firmament verwandelt. Ich genieße noch den Sonnenuntergang im Cockpit mit meinem E-Book, einem Campari Orange und einer Cohiba-Zigarillo.
20.1.14
Nach zehn Stunden Schlaf erwache ich endlich. Wie üblich ein kleines Frühstück, dann will ich ins Dorf, um mir eine Prepaid-Karte zu kaufen, damit ich endlich ins Internet komme. Die Aussage von Antonio, dem Hafenchef, dass letzte Woche das Internet repariert worden sei, war wieder so eine Luftblase. Ich hole das Fahrrad ins Cockpit und suche das kleine Loch, das die Luft innerhalb von einem Tag aus dem Hinterreifen entlässt. Schnell werde ich fündig und verklebe dieses und baue das Rad wieder an seinen gewohnten Platz zurück. Dann sattle ich das Pferd und strample dem Dorf entgegen. Der Wind bläst mir voll ins Gesicht und ich muss im ersten Gang dagegen ankämpfen. Ganz schön anstrengend.
In Villaputzu suche ich den Vodafone-Laden auf, um mir da ganz freundlich erklären zu lassen, dass man hier die gewünschte Karte nicht im Sortiment habe. Schweißgebadet begebe ich mich mutig auf den Weg zum nächsten Dorf. Das ist ja nur vier Kilometer weiter. Auf der Brücke, wo kein Windschatten mehr ist, pustet es mich fast vom Rad und ich lande mit einem ungewollten Schwenker mitten auf der Fahrbahn. Was dann ein Italiener im Auto dahinter tut, ist klar, er hupt wie ein Wilder. Soll er doch froh sein, dass sein Gefährt nicht so bösartig auf Wind reagiert. In Muravera werde ich dann auch fündig. Ich verstehe zwar nicht, warum mir die junge, nette Verkäuferin ein Abo mit unbeschränktem Zugang zum Internet anbietet, das 20 Euro kostet, aber mit einem Rabatt auf 12 Euro heruntergesetzt ist, ich dann aber doch 32 Euro zahlen muss. Scheinbar sind in Italien nicht nur in Regierungskreisen die Berechnungsarten etwas unverständlich für Europäer nördlich der Alpen. Wie dem auch sei, ohne zu verstehen, gehe ich mit 10 Gigabytes aus dem Laden und nutze die Gelegenheit noch, um in der Apotheke und im Supermarkt meinem Rucksack etwa fünf Kilogramm Gewicht dazuzugeben.
Nun kommt wohl der schönere Teil der Fahrt, denn logischerweise habe ich ja jetzt den Wind im Rücken, wenn ich den vorher im Gesicht hatte. Denkste, der Wind hat zwischenzeitlich abgestellt! Trotzdem bin ich nach zwei Stunden zurück beim Schiff, mit dem Gefühl, zwei Stunden harte Fitness gemacht zu haben.
21.1.14
Draußen weht ein kalter, stürmischer Wind und man würde keinen Hund vor die Hütte jagen. Ich lese und lese und plötzlich ist es wieder Abend. Es ist unglaublich, wie die Tage nur so dahinflitzen, wenn man morgens erst um 0900 aufsteht und es am Abend bereits um 1800 dunkel wird.
22.1.14
Heller Sonnenschein. Wolkenloser Himmel. Kein Lüftchen. Heute wird etwas unternommen. Zuerst stelle ich mittels Skype eine Verbindung zu Rita her. Es klappt, und das erste Mal können wir uns lange und ausgiebig unterhalten und dabei bemerke ich auch auf dem Video, dass sie eine neue Frisur hat. Gut sieht sie aus und wir planen schon, wo sie mich demnächst besuchen kann.
Dann ziehe ich los. Mein Ziel ist ein naher Hügel, von dem aus man sicher eine tolle Rundsicht hat. Der Weg dorthin führt über das Dorf Porto Corallo, aber dann endet der Weg an einem Zaun und ich komme erst nicht weiter. Über eine steile Böschung, die ich erklimme, erreiche ich den Hang unter dem Aussichtspunkt. Es ist wie im Dschungel. Ich kämpfe mich durch dieses ekelhafte Gebüsch. Die zum Teil mit Dornen bewehrten Sträucher reißen mir nicht nur die Schuhbänder auf, sondern auch die Haut. Nun stehe ich vor einer Schlucht, es geht nichts mehr, weder nach vorne noch zurück und neben mir ist ein zwei Meter hoher Zaun. Wie komme ich da weiter? Hinter dem Zaun ist das Gelände wesentlich lichter und es gibt nicht so viele kleine Büsche. Ich muss da rüber, um weiterzukommen. Als ich mich umdrehe, sehe ich – man kann es nicht glauben – ein riesiges Loch im Zaun, durch das ich ohne Mühe durchschlüpfen kann. Ich bin überzeugt, vorher war das Loch noch nicht da. Solche Wunder soll es doch geben? In den Märchen war es früher auch immer so.
Auf der anderen Seite des Zauns komme ich wesentlich besser vorwärts, und wären diese blöden Dornenbüsche nicht, wären meine Hose und meine Haut jetzt noch ganz.
Nach großer Anstrengung stehe ich dann doch plötzlich oben auf dem Gipfel. Eine wunderschöne Aussicht rundum ist der Lohn der Mühe. Den ersten Gipfel habe ich erreicht, nun will ich noch auf den nächsten etwas höheren. Auch den erreiche ich und finde dort einen Aussichtsturm. Dies muss ein geplantes Ziel für Touristen sein, nur im Januar gibt es die nicht.
Der Rückweg gestaltet sich sehr beschaulich, denn ich finde den Weg, der vom Dorf zu diesem Aussichtsturm führt. Nach drei Stunden Wanderung bin ich zurück auf der SAMANTHA, kaputt und durstig. Was könnte da schöner sein als der Genuss eines kühlen Biers?
23.1.14
Es regnet, es regnet, lesen, lesen. Irgendwann werde ich so viel Neues wissen, dass ich noch einen Doktortitel bekomme. Das Buch über die Profiler (polizeiliche Ermittler) ist schon sehr spannend und erinnert mich daran, dass ich als Bub immer gerne Detektiv geworden wäre.
Heute würde mir das nichts nutzen, denn auch als bester Detektiv würde ich nicht wissen, wann die Firma mir endlich die neuen Geräte installieren wird. Per E-Mail wurde mir angekündigt, dass es am Freitag geschehen soll.
24.1.14
Heute ist Freitag. Draußen stürmt es wie verrückt und der Windmesser schwankt ständig zwischen 15 und 35 Knoten Wind. Im Hafen ist das unangenehm, denn das Boot kann nicht weichen und verhält sich wie ein scheuendes Pferd. Ich erwarte, dass heute die Installationen gemacht werden. Ha ha ha … Stattdessen bekomme ich von der Sekretärin des Hafens die Mitteilung, dass der Techniker wegen des schlechten Wetters nicht hierherfahren würde. Er käme dann am Montag. Das sind Italiener!!!!!
Der Frust ist groß. Da ich aber nichts, ja gar nichts gegen diese Schei…kerle machen kann, beginne ich mich mit Kleinarbeiten abzuregen. Schließlich funktioniert der Schalter im Kühlschrank wieder, alle Chromteile im Boot sind vom Grünspan befreit und glänzen wieder, und die alte Funkanlage ist abgebaut. Lediglich die Handbilgepumpe, die kann mich mal. Um die kümmere ich mich dann, wenn einer meiner Söhne, Patrick oder Philippe, bei mir ist, denn alleine ist das unmöglich, weil man sowohl vom Motorraum aus als auch vom Cockpit aus schrauben muss. Das kann warten. Abends kann ich den Fernseher nicht benutzen, denn der stürmische Wind verdreht ständig die Antenne und lässt das Bild verschwinden. Ich schalte um und schaue eine DVD an, solche habe ich ja in größerer Zahl auf dem Flohmarkt gekauft und mitgenommen.
25.1.14
Strahlender Sonnenschein. Jetzt will ich einmal das neue Dingi ausprobieren und sehen, ob das mit dem relativ großen Motor auch funktioniert. Es klappt bestens und ganz stolz kurve ich im Hafen umher, um danach alles wieder an seinem Platz zu verstauen.
Mittags schaue ich das Abfahrtsrennen von Kitzbühel. Leider kann sih Didier Défago nur ganz knapp unter die ersten Zehn schmuggeln. Wir haben wirklich keine Rennmannschaft mehr. Aber was soll’s, ich muss warten und kann nur hoffen, dass das Wetter am Montag dem Herrn Techniker genehm ist. Morgen bin ich nämlich bereits seit drei Wochen hier „gefangen“.
Eine Stunde marschiere ich den Sandstrand entlang, bis es nicht mehr weitergeht, ohne dass ich einen Bach durchschwimmen müsste, und dazu habe ich keine Lust. Eine Stunde im Sand ist wie zwei Stunden auf normalen Wegen. Zurück auf der SAMANTHA bin ich schweißgebadet, schließlich ist es draußen frühlingshaft und hat 18 °C.
Mit Antonios Hilfe profitiere ich von einer Flaute, um die SAMANTHA zur Dieselstation zu verlegen und dort den Tank aufzufüllen. Es passen 240 Liter ins Reservoir und die Kosten dafür betragen 420 Euro. Schön war es noch, als der Liter nur 70 Cent kostete.
Heute Abend werde ich nach Porto Corallo (zwei Kilometer) radeln und zur Abwechslung im Restaurant essen. Am Wochenende soll es offen sein. Es ist offen, aber ich bin um 2000 immer noch der erste Gast. Andere kommen erst eine halbe Stunde später. Das Essen ist richtig gut. Zuerst ein Insalata di Polpo (Tintenfischsalat), dann ein Filetto di Manzo con Pepe verde (Rindsfilet mit grüner Pfeffersauce) und Pommes, die jedem McDonald’s den Rang ablaufen könnten. Das Ganze mit einem Glas Rotwein (ein halber Liter) begossen und zum Schluss alles mit einem Grappa hinuntergespült. Das war lecker.
Im Fernseher, der in einem südlichen Restaurant ein Muss ist, zeigen sie meinen alten Freund und Chef-Mafia-Boss Silvio Berlusconi. Gepudert und mit Botox vollgespritzt scheint der tatsächlich wieder aufzutauchen, wie ein alter Krake aus den Tiefen der Meere. Nanu, Italien wird sich eben nie ändern.
Die Rückfahrt mit dem Fahrrad dauerte dann auch nur wenige Minuten und der Schlaf glich einem Tiefschlaf, wie schon länger nicht mehr erlebt. Es war auch das erste Mal, dass ich ein Essen mit einem alkoholischen Getränk begossen habe. Bis jetzt gab es höchstens mal einen kleinen Aperitif in Form eines kleinen Whiskys oder eines Campari Orange. Selig ist der tiefe Schlaf und somit der Wein zur Medizin deklariert.
26.1.14
Als ich den Vorhang in meiner Koje beiseite ziehe, sehe ich Grau, das heißt Schwarz. Draußen kämpfen graue Wolken und blauer Himmel in einem unbändigen Kampf. Windböen bis zu 40 Knoten schütteln das Boot und legen es auf die Seite, dass selbst die Pfanne den Herd verlässt und durch die Kombüse segelt. Erst gegen 1500 legt sich der Wind etwas, sodass ich endlich einen Spaziergang wagen kann. Mit 20 °C ist es schön warm und nun hat auch die Sonne gesiegt, sodass ich im T-Shirt draußen hocke. Natürlich hat der Wind wieder die TV-Antenne verstellt, sodass ich ungewollt wieder meine Fitnessübung starte, damit ich mir heute Abend den „Tatort“ reinziehen kann. Auf dem Speiseplan stehen heute Abend eine Minestrone, dann Avocados, gefolgt von einem Risotto ai Funghi (Pilzrisotto) und Endiviensalat.
Morgen muss ich das erste Mal früh aufstehen, denn Pierre Carlo will mit den Geräten bereits um 0800 hierherkommen, so hat mir das Antonio mitgeteilt.
27.1.14
Das erste Mal, seit ich die Schweiz verlassen habe, werde ich durch einen Wecker aus dem Schlaf gerissen. Es ist 0700. Toilette, Dusche, anziehen, frühstücken. Eigentlich wie jeden Morgen, nur etwas früher.
Tatsächlich, um 0800 steht Pierre Carlo vor dem Boot am Steg, freudestrahlend, denn er hat alles dabei. Kaffee will er nicht, aber sofort mit der Arbeit beginnen möchte er. Ich habe nichts dagegen einzuwenden. Einiges habe ich ja schon vorbereitet und er kann direkt mit der Installation des neuen Funkgerätes beginnen. Ich schaue ihm über die Schulter und muss bemerken, dass er sehr professionell arbeitet. Alle Drahtverbindungen werden sauber gelötet und isoliert, nichts wird dem Zufall überlassen. Gut so, ich bin beruhigt.
Neu installiert wird eine VHF-Funkanlage mit AIS, das erlaubt mir, auf dem Plotter und Radar die Schiffe besser zu sehen und zusätzlich die Information zu bekommen, um was für ein Schiff es sich handelt, wie schnell und welchen Kurs es fährt. Dies ist ein wesentlicher Sicherheitsfaktor, den ich in Kürze noch zu schätzen lernen werde. Der neue Plotter bringt nicht viel, außer eben, dass ich die AIS-Informationen auf dem Bildschirm habe.
Wichtig ist auch, dass Pierre Carlo dank des neuen Plotters einen externen Alarm-Buzzer in meiner Kabine einrichten kann. Damit werde ich ruhiger schlafen können, wenn ich vor Anker liege und die Ankerwache (Ankeralarm) hören kann. Dies war bis jetzt nicht der Fall, da der Alarm nur beim Navitisch klingelte und ich in der Kabine ruhig schlief. Auch das ist für mich ein wichtiges Sicherheitselement.
Dann, um 1600, ist Pierre Carlo fertig. Alles ist getestet und scheint zu funktionieren. Er verabschiedet sich und ich gehe ins Hafenbüro zu Romina, um die Schlussabrechnung zu machen. Ich finde es sehr großzügig, dass mir die Tage im Hafen nicht berechnet werden. Es sei ja nicht meine Schuld, dass ich so lange hätte hierbleiben müssen.
Danke.
Danach ist es 1800 und schon dunkel. Ich mache die Leinen los und steche in See. Das Zeitfenster mit Wind und Wetter ist günstig für die nächsten zwei Tage. Und ob, der Wind bläst von schräg hinten, ich setze nur die Genua und rausche ständig mit 8 bis 9 Knoten in Richtung Liparische Inseln, die noch in 250 SM Entfernung liegen. Ich hatte berechnet, dass ich circa 45 Stunden brauchen werde und deshalb die Abfahrt auf den Abend gesetzt. Somit werde ich zur Tageszeit in Lipari sein und nicht riskieren, irgendwann in der Nacht anzukommen.
Die Nacht ist heftig. Der Wind ist mit 20 bis 25 Knoten okay, aber die Wellen sind recht hoch und es schaukelt ständig. Nach einem etwas dürftigen Abendessen positioniere ich mich halb sitzend, halb liegend auf der Bank am Esstisch, mit den Instrumenten direkt im Blick. Auf dem Radar setze ich die Entfernung auf 24 SM und einen Wachkreis in 6 SM Entfernung. Kein Schiff weit und breit ist zu sehen. Mit der Eieruhr an meiner Seite beginne ich die Nachtwache. Alle 25 Minuten klingelt die Eieruhr, ein Blick auf die Instrumente und weiterdösen. Das nächste Mal aufstehen, Logbuch schreiben, weiterdösen. So geht es die ganze Nacht, bis dann um 0700 der Tag erwacht. Die SAMANTHA läuft, es ist eine Freude. Zwischendurch surft sie eine große Welle hinunter und erreicht bis zu 10 Knoten Geschwindigkeit. Der Autopilot arbeitet wunderbar.
Nicht ein Mal habe ich das Ruder berühren müssen.
Nur nachts, als der Wind etwas heftiger wurde, habe ich die Genua etwas reduziert. Ich muss ja kein Rennen gewinnen und mit kleinerem Segel ist alles etwas komfortabler.
28.1.14
Wie der neue Tag verflogen ist, weiß ich nicht. Etwas Lesen, etwas Dösen, zwischendurch kochen und essen und einfach das Dasein genießen. Es hat draußen 13°, aber mit dem Wind ist es schon saukalt.
Fünf Schichten (Unterleibchen, T-Shirt, Pullover, Windjacke und Musto-Anzug) habe ich auf dem Leib und friere nicht. Lediglich nachts, beim Dösen, fröstelt es mich und ich mummele mich in eine Wolldecke ein. Ich beende mein viertes Buch („Das Byzantinische Reich“) und beginne gleich mit dem nächsten. Gegen Abend wird es mir etwas mulmig im Magen. Ob ich seekrank werde? Nach einer feinen Platte Spaghetti und einem Kotelett geht es mir wieder gut. Scheinbar habe ich meine Ernährung etwas vernachlässigt. Die Nacht beginnt wie die letzte, nur dass ich mich nun traue, die Eieruhr auf 55 Minuten zu stellen, denn ich bin im Nirwana, ziemlich genau in der Mitte zwischen Sardinien und Lipari.
Ich schlafe dann auch tatsächlich mehrere Stunden, lediglich unterbrochen durch Fehlalarme, die durch hohe Wellen verursacht werden, die mein Radargerät als Objekte erfasst und Alarm geschlagen hat und die Eieruhr, die mich ermahnt, das Logbuch alle Stunden nachzuschreiben.
29.1.14
Es ist etwa 0300, als der Alarm mich aus meinen Träumen holt. Zwei Schiffe sind auf dem Bildschirm zu sehen, und das erste hat meinen Alarmkreis erreicht. Es funktioniert (beruhigend). Nun, mit AIS kann ich sehen, dass das Schiff, eine Fähre von 126 Meter Länge, direkt Kurs auf mich nimmt und sich mit 15 Knoten nähert. Jetzt heißt es aufpassen. Mit dem Scheinwerfer gebe ich Signale, aber der Kerl tut keinen Wank.
Es wird spannend. Schließlich ist das Monster schon ganz nahe bei mir und fährt direkt auf mich zu. Es wird Zeit, zu handeln. Ich drehe so weit ab, dass ich direkt auf seinen Arsch ziele. Und mit dem gestarteten Motor flüchte ich aus dem Gefahrenbereich. Dann rauscht er knapp 100 Meter vor mir durch, gemütlich in seiner Spur nach Palermo. Hätte ich nicht abgedreht, wäre es noch recht spannend geworden. Vielleicht ist ja der Kapitän ein Bruder von dem, der die „Costa Concordia“ versenkt hat.
Das zweite Schiff nähert sich auch direkt hinter dem ersten genau in dessen Kielwasser. Auch hier fuchtle ich mit dem Scheinwerfer in der Luft herum und beleuchte die Segel. Er scheint mich zu sehen, dreht leicht ab und rauscht dann in anständiger Entfernung hinter mir durch. Uff …
Danach herrscht wieder Stille und kein Schiff erscheint mehr auf dem Radar. Ich versuche, noch etwas Schlaf zu bekommen, was mir auch gelingt.
Dann das Highlight des Tages. Raus aus all den Klamotten und eine schöne warme Dusche, es gibt nichts Schöneres auf der Welt! (Nicht dass ich mich einen Warmduscher nennen würde, aber in diesem Moment kann ich nachfühlen, wie es ist, einer zu sein!) Neue Klamotten, ein gutes Frühstück mit Ei und Speck und der neue Tag kann kommen.
Den ganzen Tag lang, bei schönstem Sonnenschein und idealem Segelwetter, ziehe ich an den ersten Inseln vorbei, bis dann hinter der Insel Lipari der Wind abflaut und zusätzlich noch auf die Nase dreht.
Die letzten Meilen zwischen 1600 und 1700 steuere ich per Motor die Marina Pignataro nördlich der Stadt Lipari an. Es ist kein Mensch zu sehen. Ich suche die erstbeste Lücke aus und schiebe mich zwischen eine Segeljacht und ein SAR-Rettungsschiff. Es ist keine Muring mehr frei. Die beiden Schiffe links und rechts haben alle verfügbaren Muringe geklaut. Ich binde die SAMANTHA ganz einfach an den beiden Booten an. Nach einer herrlichen Dusche (nicht mehr so warm) ziehe ich die Laufschuhe an und wandere in die Stadt. Den Weg kenne ich von früheren Besuchen hier. Es dauert eine Viertelstunde, dann bin ich mittendrin. In einer Bar bestelle ich ein Bier, bekomme dazu die hier üblichen Tapas. Wir sind zwar noch in Italien und nicht in Spanien, aber die Zugaben zum Getränk sind hier üblich und lecker. Als der Kellner bemerkt, dass es mir schmeckt, bringt er gleich noch eine Ladung und danach noch eine Schüssel Chips. Dank des WLANs kann ich per Skype mit Rita telefonieren und Neuigkeiten austauschen. Schön. Mit einer Pizza und dem halben Fußballmatch SV Stuttgart gegen Bayern München beschließe ich meinen Ausflug. Der Rückweg scheint kürzer zu sein als der Hinweg. Ob es der Rotwein war, der die Schuhsohle geölt hat?
Gute Nacht.
Porto Giganero, Lipari 38°28,40 N 14°57,46 E
30.1.14
0800 und es klopft an meinem Schiff. Ich werde aus einem Tiefschlaf aufgeweckt und muss erst die Augen in die richtigen Löcher schieben.
Draußen sind zwei Marineros, die mir klarmachen, dass ich das Boot wegen des aufkommenden Winds nicht hierlassen kann und auf die andere Seite vom Steg verlegen muss. Kein Pardon. Ich wechsle den Pyjama gegen Hose und Jacke aus und auf geht’s.
Alles wird losgemacht und schon bald bin ich auf der Gegenseite neu verzurrt. Schön war, dass die beiden Marineros so richtig Freude an der Sache hatten und alles selbst gemacht haben. Es sind Winde bis 40 Knoten für heute und morgen angesagt, und da ist es besser, richtig vertäut zu sein. Um 1000 mache ich dann auch Bekanntschaft mit dem Hafenkapitän – eine ruhige Seele –, der mich die Formulare ausfüllen lässt und erklärt, dass der Tag 40 Euro kostet. Ganz anders sind die beiden Marineros. Die schreien sich ständig und stundenlang an. Nein, die erzählen sich nur Geschichten (wie zwei Waschweiber), aber wir sind halt schon etwas näher am Orient hier.
Komfortabel ist es hier, mit WLAN, und die Stadt ist nur zwei Kilometer entfernt. Ich werde kein Risiko eingehen und bei diesem Wind, der direkt aus der Richtung von Messina kommt, und somit mir direkt auf die Nase blasen würde, die nächste Etappe angehen. (In der Straße von Messina sei der Wind dann mit flotten 50 Knoten unterwegs, meinen die hier.) Am Samstag dreht der Wind auf Nord, und das wird günstig für meine nächste Etappe.
Den Tag verbringe ich mit allerlei, Aufräumen und vielen Stunden im Netz. Es werden über 150 Mails erledigt, die Rechner mit Updates auf den neuesten Stand gebracht. Es ist schön, wieder in der Zivilisation zu leben.
Kaum zu verstehen, was Kolumbus gemacht hat, wenn er Flaute hatte, denn da gab’s, glaube ich, noch kein Internet, E-Mails und solchen Kram, der einen auf Trab hält.
31.1.14
Draußen heult und tobt es, sodass ich erst gar nicht den Kopf aus der Luke stecke. Am späten Vormittag lässt der Wind etwas nach. Ich rüste mich für den Gang ins Städtchen. Einkaufen ist geplant.
Der Weg wird zu einem Spießrutenlauf, denn die Wellen schlagen gegen die Kaimauer, steigen hoch und überschwemmen die Straße. Mit etwas Geschick gelingt es mir, zwischen zwei Wellen den nächsten geschützten Abschnitt zu erreichen und so mehr oder weniger trocken ans Ziel zu kommen. Die Uferstraße ist voll von Sand und Geröll. Die halbe Stadtbevölkerung ist am Kai und betrachtet das Schauspiel. Keine Fähre fährt mehr. Ich verstehe nun, warum die Marineros gestern so nervös waren. Es ist immer anzuraten, auf die Einheimischen zu hören. Ich bin froh, dass ich hiergeblieben bin. Morgen soll es besser sein. Auf DVD schaue und höre ich das Konzert von Helmut Lotti, „Out of Africa“. Nicht schlecht, erinnert an frühere Zeiten. Wo sie den Lotti versenkt haben, weiß ich nicht, aber man hört von dem gar nichts mehr.
Bepackt wie ein Esel.
Die SAMANTHA hängt in den Seilen.
Adé, Porto Corallo, dich habe ich nun drei Wochen genießen können (müssen).
Es ist kalt da draußen.
Februar 2014
1.2.14
Um 0800 wache ich auf, frühstücke und gehe dann ins Hafenbüro, um zu zahlen. Dort verlangt man von mir nur zwei Nächte, obwohl ich ja drei da war. Hier im Süden sind die generös.
Der Marinero hilft mir noch beim Ablegen, dann geht’s los.
Der Wind steht ideal und die SAMANTHA läuft wie’s Lottchen. Nur das Wetter ist echt bescheiden. Regen und Nebelschwaden lösen sich ab.
Bis zur Einfahrt in die Straße von Messina ist alles okay, dann muss ich den Kurs um 90° ändern und schwups habe ich den Wind auf der Nase.
Mit Motor geht’s bis vor den Hafen. Die Einfahrt in Reggio di Calabria ist einfach. Platz gibt es genügend, und bevor der Marinero kommt, ist die SAMANTHA am erstbesten Platz festgebunden.
Eine Dusche und neue, trockene Klamotten, dann einen Whisky, den ich meine, verdient zu haben, und ab geht’s in die Stadt. Im Hafenbuch steht, dass Reggio di Calabria nichts Besonderes sei.
Da bin ich schön überrascht über das, was ich vorfinde. Im Sommer kann man da an einer schönen Promenade und in den langen Einkaufsstraßen flanieren.
Einzigartig ist, dass quer durch die Stadt, den Hügel hinauf Rolltreppen gebaut sind, die einen bequem von einer Einkaufsstraße zur nächsten transportieren.
Die Geschäfte, die sind allein schon wegen der Architektur sehenswert. Alle Marken sind präsent und im Moment verkaufen die alles mit 50 bis 70 Prozent Rabatt.
Nun habe ich Hunger und möchte einen Fisch essen, aber es ist ja erst 1800 und somit viel zu früh. Ich setze mich in eine Bar und bestelle ein Martini. Mit dem bestellten Getränk bringt der Kellner eine Platte voller Köstlichkeiten. Es gibt Oliven, Kapern, kleine Pizzen, Fleischbällchen und vieles mehr. Ich knabbere und knabbere, esse aber nicht die Hälfte, bestelle noch ein Martini, diesmal aber ohne Zutaten (kostet den gleichen Preis). Gegen 2000 gehe ich auf die Suche nach einem Restaurant, das nach gutem Fisch aussieht. Als ich fündig werde und davorstehe, merke ich, dass ich eigentlich gar keinen Hunger mehr habe. Jetzt einen Fisch zu essen, wäre Blödsinn. Ich drehe ab und zurück geht’s ins Boot.
Hier schaue ich den Film „Spiel mir das Lied vom Tod“, ein alter Streifen, aber immer noch gut.
Reggio di Calabria 38°07,63 N 15°39,12 E
2.2.14
Heute sind alle gegen mich. Es ist zwar Sonntag, aber der Wind bläst genau von der Seite auf die SAMANTHA und drückt mich gegen den Nachbarn. Hier rauszukommen wird nicht ganz einfach. Und tatsächlich, beim Ausfahren hängt sich das Bugstrahlruder an der Muring des Nachbarn fest und verhindert, dass SAMANTHA wegkommt.
Dann tut der Wind seinen Job und drückt mich auch noch mit dem Kiel in die Muring des Nachbarn. Ich hänge endgültig fest.
Jetzt ist Action angesagt. Erst wird abgefendert, dann versuche ich, die Muring freizubekommen, das geht aber von oben nicht.
Der wachhabende Marinero hat nun gesehen, dass ich Probleme habe, und kommt zu Hilfe.
Wir ziehen die Samantha mit meiner Wurfleine von dem Nachbarboot weg. Dann lasse ich das Dingi ins Wasser, und mit der Gaffe ist die Leine schnell vom Bugstrahlruder weg. Mithilfe einer neuen Muring, der von drei Plätzen weiter, ziehen wir die SAMANTHA weiter vom Nachbarn weg und das so lange, bis ich viel Platz habe, um genügend Fahrt aufzunehmen, bevor ich wieder gegen den Nachbarn gedrückt werde.
Es klappt. Ich bin frei und fahre aus. Ein großes „Grazie mille“ an den Marinero.
Endlich außerhalb des Hafens im freien Gewässer! Frei ist es nicht ganz, denn viele große Handelsschiffe sind unterwegs.
Den Wind voll auf der Nase, sodass ich aufkreuzen muss. Bis 1600 bin ich erst gute 15 SM Luftlinie von Reggio weg. Nun hole ich die 110 Pferde zu Hilfe, denn ich will das südliche Kap erreichen. Dort kann ich um 90° wenden, dann habe ich den Wind von der Seite und komme endlich vorwärts. So war’s gedacht. In der Tat dreht sich der Wind ums Kap ebenfalls und steht wieder auf der Nase. Man ist gegen mich!
Das nächste Kap erreiche ich gerade noch vor dem Einbruch der Dunkelheit, wieder drehe ich um 60°, das müsste reichen.
Aber … Der Wind hat gemerkt, was ich will, und dreht munter mit, sodass ich nun erst nach Süden, dann nach Osten und nun nach Norden immer den Wind auf der Nase habe. Das ist doch Verarschung.
Mit diesen Verhältnissen erreiche ich mein Tagesziel, Roccella Ionica, nicht bei Tageslicht und sehe mich gezwungen, direkt Kurs auf Crotone zu nehmen. Das heißt im Klartext: die ganze Nacht durchfahren. Nachts ist der Wind wechselhaft, sowohl in Stärke als auch in Richtung, sodass ich schließlich den Motor zu Hilfe nehmen muss, um überhaupt vorwärtszukommen. Die ganze Nacht hindurch regnet es.
Das war so ein richtiger Scheißtag, wie man es sich als Segler nicht wünscht.
Aber was soll’s, der Morgen wird kommen.
3.2.14
Tagwache. Was heißt da Tagwache?
