Ein exotischer Todesfall - Cathrin Geissler - E-Book

Ein exotischer Todesfall E-Book

Cathrin Geissler

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Beschreibung

Ein Mord zwischen Wombat, Schnabeltier & Co. Tierärztin Tina Deerten traut ihren Ohren nicht, als ihr Freund Jan, Polizist der Mordkommission, sie bei seinem neuesten Fall um Hilfe bittet: In Niederkleveez wurde ein Mann tot in seinem Haus aufgefunden. Die einzigen Spuren sind ein merkwürdiger Stich in seiner Hand … und vier leere Gehege. Schnell wird Tina klar, dass hier seltene australische Tiere gehalten wurden – deren Export eigentlich streng verboten ist! Hat auch die exotische Schildkröte etwas damit zu tun, die erst kürzlich auf ihrem Behandlungstisch gestorben ist? Tina ist sich sicher, dass ein illegaler Tierhändlerring am Werk ist. Fest entschlossen macht sie sich mit Freundin Sanne und ihren Hunden Swatt und Daisy auf die Spur, denn sie weiß, dass ihnen nicht viel Zeit bleibt, um die Tiere zu retten …  Der dritte Fall für Tierärztin und Hobby-Detektivin Tina Deerten – für alle Fans von Gisa Pauly und Christiane Franke & Cornelia Kuhnert. Alle Bände der Reihe: Band 1: Ein hundsgemeiner Mord Band 2: Ein kaltschnäuziges Verbrechen Band 3: Ein exotischer Todesfall Die Bände sind unabhängig voneinander lesbar.

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Seitenzahl: 405

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über dieses Buch:

Tierärztin Tina Deerten traut ihren Ohren nicht, als ihr Freund Jan, Polizist der Mordkommission, sie bei seinem neuesten Fall um Hilfe bittet: In Niederkleveez wurde ein Mann tot in seinem Haus aufgefunden. Die einzigen Spuren sind ein merkwürdiger Stich in seiner Hand … und vier leere Gehege. Schnell wird Tina klar, dass hier seltene australische Tiere gehalten wurden – deren Export eigentlich streng verboten ist! Hat auch die exotische Schildkröte etwas damit zu tun, die erst kürzlich auf ihrem Behandlungstisch gestorben ist? Tina ist sich sicher, dass ein illegaler Tierhändlerring am Werk ist. Fest entschlossen macht sie sich mit Freundin Sanne und ihren Hunden Swatt und Daisy auf die Spur, denn sie weiß, dass ihnen nicht viel Zeit bleibt, um die Tiere zu retten …

Über die Autorin:

Cathrin Geissler wurde im Jahr 1967 in Hamburg geboren. Nach dem Abitur studierte sie Tiermedizin an der Freien Universität in Berlin und eröffnete kurze Zeit später eine Kleintierpraxis in Hamburg, in der sie nach wie vor tätig ist. Das Schreiben faszinierte sie schon lange und nachdem sie das Onlinestudium des kreativen Schreibens absolviert hatte, schrieb sie mit »Ein hundsgemeiner Mord« ihren ersten Tierarzt-Krimi. Cathrin Geissler hat einen erwachsenen Sohn und lebt mit ihrem Mann und drei Hunden in der Nähe von Hamburg.

Bei dotbooks erscheinen von Cathrin Geissler ihre Tierarzt-Krimis »Ein hundsgemeiner Mord«, »Ein kaltschnäuziges Verbrechen« und »Ein exotischer Todesfall«.

Website der Autorin: autorin-cathrin-geissler.de

Die Autorin im Internet: instagram.com/tierarztkrimi

instagram.com/autorin_cathrin_geissler

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Originalausgabe Juni 2025

Copyright © der Originalausgabe 2025 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Redaktion: Ralf Reiter

Titelbildgestaltung: Kristin Pang, unter Verwendung von einen Motiven von shutterstock.com (Glanzpunkt, shutternelke) und Adobe Stock (leremy, bittedankeschön, lovelyday12, Ammak)

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ah)

ISBN 978-3-98952-855-0

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dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people. Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!

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Cathrin Geissler

Ein exotischer Todesfall

Kriminalroman

dotbooks.

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Danksagung

Lesetipps

Widmung

Für meinen Mann und meinen Sohn

Kapitel 1

»O mein Gott! Ist sie tot?«

Ein leises, gequält klingendes Röcheln war zu hören.

»Sie lebt noch! Nun tun Sie doch endlich was! Mein Mann rastet aus, wenn sie stirbt!«

Tierärztin Tina Deerten wechselte einen besorgten Blick mit ihrer Angestellten Sanne Finke. Es sah gar nicht gut aus. Ein weiteres leises Röcheln ertönte, und Tina blickte wieder auf die etwa handgroße Schildkröte mit dem kastanienbraunen Rückenschild, die Mawakura hieß. Weißlich gelbe Eiterbläschen waren an der Nasenöffnung zu sehen, und Mawakura atmete angestrengt durch das Maul.

»Das sieht nach einer heftigen Lungenentzündung aus«, sagte Tina. »Wann hat das denn angefangen?«

»Mein Mann ist vor fünf Tagen zu einem Meeting nach New York geflogen. Er hätte mir bestimmt gesagt, wenn etwas nicht in Ordnung gewesen wäre. Dann wäre ich sofort nach Hamburg zu dem Spezialisten gefahren.« Mawakuras Besitzerin Tanja Willer fuhr sich hektisch durch die schulterlangen blonden Haare. Ihre Haut war stark gebräunt. Solarium oder Fernreise, schätzte Tina, denn jetzt, Ende November, war es unmöglich, in Norddeutschland auf natürliche Weise noch so einen dunklen Teint zu haben.

»Wir werden sie röntgen müssen, um das Ausmaß der Entzündung abzuschätzen, dann bekommt sie ein Antibiotikum und ein Medikament zum Schutz der Nieren. Außerdem muss sie dringend unter die Rotlichtlampe.«

Die Schildkröte röchelte noch einmal, dann war sie still. Shit! Tina beobachtete das kleine Tier genau. Ein paar Bläschen quollen aus der Nase heraus, sonst bewegte sich nichts.

»Sanne, hol das Notfallset!«

»Nein! Sie darf nicht sterben!« Tanja Willer hob die Schildkröte hoch und hielt sie sich dicht vor die Augen. »O nein, bitte, sei nicht tot!«

Sanne rannte nach nebenan in den OP und kehrte schnell mit den Notfallmedikamenten zurück.

Tina nahm der Besitzerin sanft die Schildkröte aus der Hand und legte sie zurück auf den Behandlungstisch. Sie spritzte die Medikamente zur Atemanregung und für den Kreislauf in die Muskulatur des rechten Hinterbeins, doch Mawakura regte sich nicht mehr. Tina beobachtete sie einen Moment. »Tut mir leid, es hat keinen Zweck.«

»Machen Sie was! Warum beatmen Sie sie nicht?«

»Das wird nichts mehr bringen, glauben Sie mir.«

Die Willer starrte auf die kleine Schildkröte. »O Gott, wie sage ich es Heiner? Er hat einen stolzen Preis für die Schildkröte bezahlt. Und jetzt ist sie tot.« Sie blickte Tina an und richtete ihren Zeigefinger mit dem langen, blassrosa lackierten künstlichen Nagel auf sie. »Das ist alles Ihre Schuld! Wäre ich bloß nach Hamburg gefahren, dann wäre sie noch am Leben!«

Tina verzichtete darauf, die Willer darauf hinzuweisen, dass die Schildkröte mit Sicherheit schon auf der Fahrt nach Hamburg gestorben wäre. Sie kannte es schon, dass die Besitzer dem Tierarzt die Schuld am Tod ihres Tieres gaben, um sich nicht an die eigene Nase fassen zu müssen.

»Wenn Sie eher gekommen wären, hätte man vielleicht noch etwas tun können, aber so …«

»Aber sie hat doch nur weniger gefressen. Woher sollte ich denn wissen, dass da etwas nicht stimmt?« Die Stimme von Tanja Willer klang verzweifelt.

»Das ist es ja gerade! Die Haltung von Exoten ist nicht einfach und setzt große Fachkunde voraus. Viele Besitzer merken gar nicht, dass etwas nicht in Ordnung ist, bis es zu spät ist. Mal davon abgesehen, dass viele exotische Tiere gar nicht nach Deutschland eingeführt werden dürfen. Haben Sie überhaupt Papiere für die Schildkröte?«

»Bei dem horrenden Preis, den Heiner gezahlt hat, sind natürlich Papiere vorhanden. Ich habe sie mitgebracht. Einen Moment.«

Die Willer wühlte in ihrer großen, silberfarbenen Handtasche. Sogar Tina erkannte das Designerlogo, obwohl sie sich nicht für Modedesigner interessierte und selbst nur eine einzige schlichte Handtasche aus schwarzem Leder besaß, die sie das letzte Mal zur Hochzeit ihres Bruders Kai vor fünf Jahren benutzt hatte.

»Da sind sie.« Tanja Willer reichte Tina eine Klarsichthülle, in der ein einzelnes DIN-A4-Blatt steckte. Sanne stellte sich neben Tina und blickte ihr beim Lesen über die Schulter.

»Hier steht, dass es sich um eine Siebenrock-Schlangenhalsschildkröte aus einer Nachzucht aus Top Springs in Australien handelt«, sagte Tina. »Na gut, offenbar handelt es sich nicht um einen Wildfang. Mit den Papieren scheint soweit alles in Ordnung zu sein. Allerdings bin ich nicht sicher, ob Schildkröten überhaupt aus Australien ausgeführt werden dürfen.«

»Natürlich dürfen sie das. Sonst hätte der Händler sie uns ja nicht verkauft.«

»Einen Kaufvertrag haben Sie nicht?«, fragte Tina.

»Das ist alles an Papieren, was ich gefunden habe.«

Die Willer warf einen Blick auf die Schildkröte, deren Augen sich bereits leicht getrübt hatten. »Was soll ich bloß meinem Mann erzählen?« Sie fuhr der Schildkröte mit dem Zeigefinger vorsichtig über den Kopf. Der lange künstliche Nagel machte ein schabendes Geräusch auf der Haut des Tieres.

»Sagen Sie ihm, dass die Haltung von Schildkröten von vielen unterschätzt wird. Oft ist die Luftfeuchtigkeit im Gehege nicht hoch genug, und da die Lunge bei Schildkröten das größte Organ ist, wird sie unter suboptimalen Haltungsbedingungen schnell mit Viren oder Bakterien besiedelt.«

»Er wird ausrasten. Die Schildkröte war sein ganzer Stolz.«

»Wollen Sie die Schildkröte zu Hause beerdigen, oder soll sie vom Tierkrematorium abgeholt werden?«, fragte Sanne.

»Beerdigen?« Die Willer sah Sanne mit großen Augen an. »Ich weiß nicht. Was meinen Sie denn?« Sie fuhr sich mit der Hand durch die Haare.

»Wenn Sie einen Garten haben, könnten Sie sie dort beerdigen.«

»Mein Mann kommt erst morgen Nachmittag zurück. Ich kann doch nicht selbst ein Loch … Oder ich sage dem Gärtner Bescheid …« Tanja Willer sah Tina mit einem verzweifelten Gesichtsausdruck an.

»Sie können sie hierlassen, bis Ihr Mann zurück ist. Dann kann er entscheiden, was passieren soll.«

»Das ginge? Dann würde ich sie tatsächlich bei Ihnen lassen. Vielen Dank.«

Tina zückte ihr Handy und machte ein Foto von dem Abstammungsnachweis.

»Was machen Sie da?«

»Das ist für unsere Kartei.« Tina gab der Willer das Papier zurück. Diese schob es zurück in ihre Handtasche und wandte sich zum Gehen.

Sanne saß am Computer und hatte inzwischen die Rechnung fertiggemacht. »Das macht vierundvierzig sechzig bitte.«

»Die Schildkröte ist tot. Dafür können Sie doch kein Geld verlangen!«

»Wenn Sie sie bei uns lassen, kommen natürlich noch die Kosten für das Tierkrematorium hinzu«, sagte Sanne, ohne mit der Wimper zu zucken.

»Was?«

Tina überließ es Sanne, mit der Willer zu diskutieren. Sanne konnte es überhaupt nicht ab, wenn die Besitzer ihre Rechnung nicht bezahlen oder über den Preis diskutieren wollten, und wies sie höflich, aber bestimmt darauf hin, dass eine Leistung in Anspruch genommen worden war, die unabhängig vom Ausgang der Behandlung natürlich bezahlt werden musste und die im Rahmen der Gebührenordnung abgerechnet wurde.

Als die Willer ein wenig murrend die Rechnung bezahlt und die Praxis verlassen hatte, steckte Sanne die Schildkröte in eine Tüte und legte sie in die Gefriertruhe, in der die toten Tiere bis zur Abholung durch das Krematorium aufbewahrt wurden.

»Dass die Leute sich oft nicht richtig informieren, wie ein Exot gehalten werden muss, macht mich echt wütend. Dann stirbt das Tier völlig unnötig, und wer hat mal wieder Schuld?«, fragte Tina.

»Wir natürlich.« Sanne hatte einen nachdenklichen Gesichtsausdruck, während sie mit einer Hand den Behandlungstisch desinfizierte und mit der anderen an ihrem Augenbrauenpiercing herumfummelte.

»Das muss aber eine echt kurze Schlange sein«, sagte sie unvermittelt.

»Hä?«

»Diese Sieben-Irgendwas-Schlange. Wenn die Schildkröte nach der benannt ist, muss die total kurz sein.«

Tina starrte Sanne an. Wäre sie eine Comicfigur, hätte sie jetzt Fragenzeichen in den Augen.

»Guck mich nicht so an, als wäre mir ein Blumenkohl auf dem Kopf gewachsen. Ich finde, für eine Sieben-Irgendwas-Schlangenhalsschildkröte hat die einen echt kurzen Hals. Bei dem Namen hätte ich erwartet, dass die einen richtig langen Hals haben müsste. Wie eine Schlange halt.«

Sanne machte eine wellenartige Bewegung mit dem rechten Arm, dann hob sie die Hand, die sie zu einer Art Schlangenkopf geformt hatte, und stieß damit nach Tina, wobei sie ein zischendes Geräusch von sich gab.

Tina fuhr zurück. »Du hast recht. Das ist mir gar nicht aufgefallen.«

Sanne hatte ein selbstgefälliges Grinsen im Gesicht. »Gut, dass du mich hast.«

»Ja, dich und die dicken Kartoffeln.«

Tina ging zum Schreibtisch, auf dem der Computer stand, und ließ sich in den Bürostuhl fallen, der mit einem leisen Quietschen protestierte. Sie öffnete die Suchmaske ihres Browsers und gab »Siebenrock-Schlangenhalsschildkröte« ein. Auf den Fotos, die angezeigt wurden, konnte man den tatsächlich recht langen Hals der Schildkröte gut erkennen.

Sie las den Eintrag über die australische Schildkröte. Laut Roter Liste der bedrohten Tierarten handelte es sich dabei nicht um eine gefährdete Spezies.

»Eins ist klar«, sagte Tina. »Eine Siebenrock-Schlangenhalsschildkröte ist Mawakura nicht.«

Abends zu Hause kochte sich Tina einen Adventstee und zündete die dicke rote Kerze im Adventsgesteck an. Ihr Blick fiel auf ihren Hund Swatt. Der Schnauzermischling hatte es sich neben ihr auf dem Sofa gemütlich gemacht und grunzte wohlig. Sein glänzendes Fell war pechschwarz, und deshalb hatte Tina ihn Swatt genannt, was auf Plattdeutsch schwarz bedeutet. Sein Fell, das Tina ihm Anfang des Sommers kurz geschoren hatte, war nachgewachsen, und er sah jetzt nicht mehr aus wie ein etwas zu klein geratener Riesenschnauzer, sondern wie ein Schäferhund mit Bart. Aus Richtung des flackernden Kamins, vor dem sich die Greyhoundhündin Daisy lang auf der Seite ausgestreckt hatte, ertönte ein leises Bellen. Ihre Beine zuckten leicht, als sie träumte, und Tina lächelte. Sie trank einen Schluck des würzigen Tees, zog ihren Laptop zu sich heran und gab »Australische Schildkröten« in die Suchmaske des Browsers ein. Während sie mehrere der von ihrer Mutter gebackenen Plätzchen verspeiste, scrollte sie sich durch die Suchergebnisse, wobei sie immer wieder auf das Foto schaute, das sie am Ende der Sprechstunde von Mawakura gemacht und auf dem Handy geöffnet hatte. Sie erfuhr, dass etwa fünfzig Prozent aller Schildkröten weltweit vom Aussterben bedroht sind. Tina war sich mittlerweile sicher, dass auch die Art, zu der Mawakura gehörte, von diesem Schicksal bedroht war, denn warum sonst war in den Papieren eine andere, nicht bedrohte Art angegeben? Nachdem sie einen weiteren Schluck Tee getrunken hatte, scrollte sie weiter durch die Fotos.

»Da! Da ist sie! Es ist eine Falsche Spitzkopfschildkröte. Ach, die gehört tatsächlich doch zu den Schlangenhalsschildkröten, obwohl der Hals so kurz ist.«

Swatt kommentierte diese Bemerkung mit einem Gähnen und einem auffordernden Blick in Richtung Küche.

»Es gibt später was zu futtern, du alter Fresssack. Du musst dich noch einen Moment gedulden.«

Sie öffnete die Seite der Roten Liste für bedrohte Tierarten und suchte nach der Falschen Spitzkopfschildkröte. Sie war tatsächlich vom Aussterben bedroht und durfte nicht aus Australien ausgeführt werden. Das konnte nur eins bedeuten.

Kapitel 2

»Ein Tierschmuggler?«, rief Sanne, als Tina ihr am nächsten Morgen von ihren Recherchen berichtet hatte. »Bei uns in Plön? Hammer!«

Sie war gerade dabei, den Spritzen- und Kanülenspender im Behandlungszimmer aufzufüllen, und unterbrach ihre Tätigkeit, um Tina mit großen Augen anzuschauen. »Obwohl, ich kann mir kaum vorstellen, dass Sophie in ihrem Zooladen exotische Tiere vertickt. Das hätten wir bestimmt schon mitbekommen. Der olle Willer hat die Schildkröte bestimmt in Hamburg oder Kiel gekauft.«

»Sophie verkauft überhaupt keine Tiere.«

»Ach ja, stimmt.«

»Ich schätze, die Tiere werden übers Internet gehandelt. Heutzutage läuft doch fast alles übers Netz.«

»Stimmt auch wieder.« Sanne schob sich einen Kaugummi in den Mund. »Und nun?«

»Ich rufe Frau Willer an. Vielleicht weiß sie, wo ihr Mann die Schildkröte gekauft hat.«

Tina schlug die Telefonnummer der Kundin in der Kartei nach und wählte. Als die Willer sich meldete, stellte sie das Gespräch auf Lautsprecher, damit Sanne mithören konnte.

»Moin, Frau Willer. Deerten aus der Tierarztpraxis. Ich hätte noch eine Frage.«

»Ich weiß noch nicht, was mit Mawakura passieren soll. Ich habe meinem Mann noch nichts erzählt, das mache ich erst, wenn er wieder hier ist.«

»Darum geht es nicht. Wissen Sie, wo Ihr Mann die Schildkröte gekauft hat? In Hamburg vielleicht? Oder übers Internet?«

»Warum interessiert Sie das?« In Tanja Willers Stimme hatte sich ein abweisender Unterton eingeschlichen, und Tina merkte, dass sie sauer wurde.

»Frau Willer, Tierschmuggel ist illegal! Ihr Mann kann in Teufels Küche kommen, dass er eine rechtswidrig eingeführte Schildkröte gekauft hat.«

»Aber wir haben doch Papiere!«

»Die sind gefälscht. Mawakura ist keine Siebenrock-Schlangenhalsschildkröte, sondern eine vom Aussterben bedrohte Falsche Spitzkopfschildkröte. Es gibt nur noch ungefähr fünfzig wild lebende Exemplare. Dank Ihnen ist die Art der Ausrottung einen Schritt nähergekommen.«

»Aber ...« Tanja Willer holte hörbar tief Luft. »Wenn Sie Ihre Arbeit besser gemacht hätten, wäre sie noch am Leben. Außerdem dachten wir, es wäre diese Siebenrock-Schildkröte. Steht ja auch so in den Papieren.«

»Dein Mann wusste bestimmt, was für eine Schildkröte das war«, sagte Sanne so leise, dass die Willer es nicht hören konnte.

»Wir sind getäuscht worden! Daraus kann man uns doch keinen Strick drehen!«

Sanne schnaubte. Sie glaubte der Willer anscheinend genauso wenig wie Tina.

»Woher stammt die Schildkröte denn nun?«

»Ein Mann hat sie gebracht.«

Tina warf Sanne einen Blick zu und zog eine Augenbraue hoch. Ein Mann, aha.

»Kannten Sie ihn?«

»Ich hatte ihn noch nie gesehen.«

»Wissen Sie noch, wie er hieß?«

»Er hat sich mir nicht vorgestellt. Heiner müsste es wissen, aber ihn werde ich bestimmt nicht fragen.«

Dieser Heiner schien ja ein wirklich unangenehmer Typ zu sein, wenn seine Frau auf Zehenspitzen um ihn herumtänzelte, um ja keine falsche Bemerkung zu machen.

»Ein geheimnisvoller Unbekannter also.«

»Wollen Sie mir etwa unterstellen, dass ich lüge?« Die Willer hatte die Stimme gehoben.

Könnte schon sein.

»Wie sah der Mann denn aus?«

»Warum sollte ich Ihnen das sagen, wenn Sie mir sowieso nicht glauben?«

»Hören Sie, Frau Willer, was ich glaube oder nicht, spielt keine Rolle. Sie und Ihr Mann stecken in großen Schwierigkeiten. Ich werde die Amtstierärztin einschalten müssen. Es wäre zu Ihrem Vorteil, wenn Sie mir sagen, was Sie wissen.«

»Die Amtstierärztin? Aber wir wurden getäuscht!«

Tina sagte nichts und wartete bloß. Es blieb still, und Tina dachte schon, dass ihre Taktik nicht funktionieren und die Willer das Gespräch beenden würde, als diese doch wieder sprach. »Es war ein blonder Mann mit Dreitagebart. Groß und schlank. War recht gutaussehend.«

»Wie alt war er ungefähr?«

»Ich weiß nicht genau. In den Dreißigern vielleicht.«

»Sonst noch was, was Ihnen aufgefallen ist?«

Die Willer blieb still, während sie anscheinend überlegte. »Nein, nichts.«

»Das ist schad-«

»Doch! Er hat mit leichtem Akzent gesprochen.«

Tanja Willer machte erneut eine Pause, und als Tina gerade nachfragen wollte, um was für einen Akzent es sich gehandelt hatte, fuhr sie fort. »Englisch vielleicht.«

»Könnten Sie Ihren Mann nach dem Namen fragen, wenn er wieder zurück ist?«

»Ich weiß nicht. Er wird sich bestimmt fürchterlich aufregen, dass die Schildkröte tot ist. Da will ich ihn nicht mit so etwas belästigen.«

»Ich kann natürlich auch sofort die Amtstierärztin anrufen.«

Die Willer schnaubte in den Hörer. »Schon gut! Wenn er wieder da ist, frage ich ihn.«

»Übrigens, ich werde die Schildkröte als Beweis hierbehalten, dass es sich um eine vom Aussterben bedrohte Art handelt.«

»Aber das dürfen Sie nicht! Das ist unsere Schildkröte!«

»Frau Willer, dem Tierschmuggler muss das Handwerk gelegt werden. Und Mawakura ist jetzt ein Beweisstück.«

»Mein Mann wird nicht begeistert sein, das kann ich Ihnen sagen. Sie werden von ihm hören.« Es klickte. Die Willer hatte aufgelegt.

»Ihnen auch noch einen schönen Tag«, sagte Tina.

»Von wegen, die haben davon nichts gewusst! Der Kerl blättert doch nicht eine Riesenmenge Kohle für eine Null-Acht-Fuffzehn-Schildkröte hin. Der wusste genau, dass es illegal ist, was er gemacht hat.«

»Und dass die Schildkröte vom Aussterben bedroht ist, wusste er mit Sicherheit auch.« Tina blickte nachdenklich auf den Bildschirmschoner des Computers, der eine Diashow von Fotos ihrer Hunde zeigte.

»Worüber denkst du denn so angestrengt nach?« Sanne hatte ihre Tätigkeit wieder aufgenommen und warf die letzten Spritzen in den Spender. »Ha, ich weiß! Du willst rausfinden, wer die Tiere schmuggelt, stimmt’s?«

»Ich glaube kaum, dass der Kerl nur eine einzige kleine Schildkröte ins Land gebracht hat.«

»Ich wusste es! Ich bin dabei! Die Tierischen Schnüffler haben ihren dritten Fall!« Sanne riss die Arme hoch und tanzte um den Behandlungstisch herum.

Tina musste lachen. »Du und deine Tierischen Schnüffler immer.«

»Du warst auch damit einverstanden, dass wir uns so nennen, Tina.«

»Nur, weil du sonst keine Ruhe gegeben hättest.«

»Ist ja mal eine Abwechslung, dass es keinen Mord gegeben hat.«

»Die Morde in der letzten Zeit reichen mir bis zum Rest meines Lebens, das kann ich dir sagen.«

Sanne strahlte Tina an. »Ach, das sagst du jetzt bloß so. Also, was machen wir als Nächstes?«

»Ich werde auf jeden Fall mit der Amtstierärztin telefonieren. Außerdem treffe ich mich heute Abend mit Jan. Vielleicht hat er eine Idee, wie wir am besten vorgehen sollen. Da es keinen Mord gegeben hat, gibt er mir vielleicht einen Tipp.«

Kapitel 3

»Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich habe einen irren Kohldampf«, sagte Jan.

»Und ich erst, wie ein ausgehungerter Sibirischer Tiger. Ich könnte ein ganzes Mammut futtern. Ich habe heute Mittag nur einen einzigen kleinen Bagel mit Lachs gehabt.«

Jan lachte und gab Tina einen langen Kuss. Sie hatten sich am frühen Abend in Kiel auf dem Weihnachtsmarkt auf dem Asmus-Bremer-Platz getroffen und standen jetzt unter der großen, über zwölf Meter hohen beleuchteten Weihnachtspyramide, die sich langsam drehte. Tina trank den letzten Schluck ihres Glühweins und merkte, dass ihr der Alkohol zu Kopf stieg. Sie hätte besser vorher etwas gegessen.

»Wie wär’s mit einem Würstchen?« Jan legte ihr den Arm um die Schultern und dirigierte sie in Richtung des Würstchenstandes. Bei dem Verkäufer, der eine Weihnachtsmannmütze trug, bestellte er zwei Portionen der köstlich duftenden Bratwürstchen mit Brötchen und Sauerkraut. Tina lief von dem Geruch das Wasser im Mund zusammen. Swatt offenbar auch, denn er saß kerzengerade vor dem Stand und der Speichel tropfte ihm von den Lefzen.

»Darf er ein Würstchen?«, fragte der Verkäufer. Als hätte Swatt ihn verstanden, warf er Tina einen so flehentlichen Blick zu, dass sie nicht Nein sagen konnte. Also nickte sie und beobachtete, wie Swatt das ihm zugeworfene Würstchenstück mit einem Bissen verschlang. Daisy, die ebenfalls ein Stück bekam, nahm es huldvoll entgegen und kaute es gründlich durch, bevor sie es herunterschluckte. In ihrem dunkelblauen Hundemantel mit den in Gold abgesetzten Kanten strahlte sie etwas Königliches aus. Jan hatte offenbar denselben Gedanken.

»Her royal highness queen Daisy’s Dawn of Deertenhoff speist zu Abend«, sagte er, und Tina lachte.

»Zum Glück muss sie nicht in dem hässlichen Kieler Schloss wohnen.«

Jan und Tina bekamen ebenfalls ihre Portionen und stellten sich an einen der runden Stehtische. Die festlich geschmückten und beleuchteten Stände und die Weihnachtsmusik, die Tina normalerweise eher nervte, heute aber passend war, sowie der Geruch nach Glühwein und den Duftölen eines nahegelegenen Standes brachten Tina in eine wohlige Vorweihnachtsstimmung. Nicht zuletzt durch Jan an ihrer Seite. Es war ihre erste Adventszeit zusammen, wenn man einmal von ihrer Kindheit absah, in der Jan als bester Freund ihres Bruders Kai oft bei ihnen auf dem Bauernhof ihrer Eltern, dem Deertenhoff, zu Besuch gewesen war. Damals, mit zehn Jahren, war Tina in Jan verschossen gewesen, doch dann hatten sie sich jahrelang aus den Augen verloren, bis sie sich im Sommer dieses Jahres im Rahmen einer Mordermittlung wiedergetroffen hatten. Seit August waren sie ein Paar, und bis auf gelegentliche Reibereien, wenn Tina sich in Jans Mordermittlungen einmischte, hatten sie ein sehr harmonisches Verhältnis.

»Ach guck mal, da ist Svenja.« Jan winkte jemandem hinter Tina zu.

»Wer ist Svenja?« Tina drehte sich um, konnte aber nicht erkennen, wem er zugewunken hatte.

»Schade, sie hat mich nicht gesehen und ist weitergegangen. Svenja ist meine neue Kollegin. Ich habe dir von ihr erzählt. Sie ist vor ein paar Wochen zu uns versetzt worden.«

»Stimmt. War sie nicht vorher in Segeberg?«

»Genau. Sie ist wirklich nett. Ich hätte sie dir gern vorgestellt.«

»Schade, dass ich sie nicht gesehen habe. Wie sieht sie eigentlich aus?« Tina biss in ihr Würstchen und stöhnte vor Wonne. Endlich etwas zu essen.

Jan zögerte. »Blond, schlank. Normal, würde ich sagen.«

Tina ließ das Würstchen sinken, von dem sie gerade noch einmal hatte abbeißen wollen. Normal? Bisher hatte sie noch keine Sekunde über Jans neue Kollegin nachgedacht, doch jetzt begannen ihre Gedanken sich selbständig zu machen. So, wie Jan abgewiegelt hatte, sah sie bestimmt toll aus.

Na und, und wenn schon. Krieg dich wieder ein, Deerten!

Früher war sie doch auch nicht so misstrauisch gewesen. Bis ihr Ex Sven sie aus heiterem Himmel wegen einer anderen sitzen gelassen und sie damit völlig aus der Bahn geworfen hatte. Jan blickte auf und lächelte sie so strahlend an, dass seine Grübchen, in die sie sich als Erstes verliebt hatte, sichtbar wurden. Tina entspannte sich und lächelte zurück. Es ist alles in Ordnung. Sie ist nur eine Kollegin.

»Lecker, was?« Jan streckte die Hand aus und wischte ihr mit einer hauchzarten Berührung einen Brotkrümel von der Lippe. Tina wurde heiß. »Total gut«, brachte sie gerade noch heraus.

In behaglichem Schweigen aßen sie ihr Abendessen, bis plötzlich ein Tropfen auf Tinas Stirn fiel. Sie blickte auf, als weitere Tropfen sie trafen. Der Regenschauer brachte einen kalten Wind von der Förde mit sich, und sie beeilten sich, aufzuessen und zum Auto zu kommen.

»Kommst du noch mit zu mir? Ich würde gern deine Meinung zu meinem aktuellen Fall hören«, sagte Jan.

Eine Stunde später saßen sie eng aneinandergekuschelt auf Jans Ledersofa und tranken einen weiteren Glühwein. Tina hatte Jan auf dem Nachhauseweg nach dem Fall gefragt, doch er hatte sie auf später vertröstet. Erst machte er sie heiß, und dann gab er keine Informationen heraus. An seinem Grinsen hatte sie gemerkt, dass er sich einen Spaß daraus machte, sie hinzuhalten. Er wusste genau, dass sie extrem neugierig war und dass sie es hasste, warten zu müssen.

»Also, was ist nun mit dem Fall? Seit wann willst du mir eigentlich etwas von einer deiner Ermittlungen erzählen? Wenn ich gewusst hätte, dass es so einfach ist, hätte ich dich schon bei den letzten beiden Fällen mit Glühwein und Würstchen abgefüllt, um an Einzelheiten zu kommen.«

Jan lachte. »Im Ernst, ich brauche deine fachmännische, oder besser gesagt, fachfrauliche Meinung.«

Tina setzte sich gerade hin. »Schieß los.«

»Gestern Morgen wurde ein Toter in seinem Haus in Niederkleveez gefunden.«

»Nein! Ein Mord?«

»Mittlerweile sieht es nicht mehr danach aus. Dein Onkel hat die Obduktion gemacht, der Mann ist vorgestern Nachmittag an Unterzuckerung gestorben. Er war Diabetiker.«

»Hypoglykämisches Koma?«

Jan nickte. »Was genau ist das eigentlich?«

»Manche Diabetiker merken nicht, wenn sie unterzuckern. Wenn sie dann nicht genug essen und sich ganz normal Insulin spritzen, geht der Zuckergehalt im Blut so weit runter, dass sie ins Koma fallen, und das war’s dann, wenn keiner da ist, der den Krankenwagen rufen kann. Das kann übrigens auch bei Tieren passieren, wenn die Besitzer Insulin spritzen und das Tier danach nicht genug frisst. Ich hatte letztes Jahr einen Fall, da haben die Leute ihre Katze gerade noch rechtzeitig in die Praxis gebracht.«

»Ich wusste gar nicht, dass Tiere auch Diabetes bekommen können. Man lernt nie aus.« Jan trank einen Schluck Glühwein und stellte den Becher auf den Tisch zurück. »Der Tote hatte allerdings auch noch eine dick geschwollene Hand, Lorenz meint, dass er sich irgendwas in die Hand gerammt hat, was sich entzündet hat.« Jan verzog das Gesicht, als er die Einzelheiten erzählte. Er wurde mit den blutigen oder unappetitlichen Details des Jobs nicht so gut fertig und musste sich deshalb von den Kollegen häufiger dumme Sprüche anhören. Ihr Onkel machte sich oft einen Spaß daraus, Jan alles haarklein zu erklären und zu zeigen, wenn der bei einer Obduktion dabei war.

»Was denn? Eine Nadel? Oder ein Messer?«

»Eine Nadel war es nicht, der Stichkanal war deutlich größer. Ein Schraubenzieher könnte vielleicht hinkommen, hat Lorenz gesagt.«

»Das ist alles sehr interessant, aber was soll ich dabei?«

»Im Souterrain seiner Villa haben wir leere Gehege gefunden.«

Tina sah Jan fragend an. »Gehege wie in Tiergehege?«

Er nickte. »Es sind vier große Gehege, zwei davon mit Wasserbecken und mit einer Art Dschungellandschaft drumrum, zwei ohne Becken, aber auch zum Teil mit exotischen Pflanzen bewachsen. Hier, ich habe Fotos gemacht.«

Tina nahm das Handy entgegen und wischte sich durch die Bilder. »Und jetzt willst du wissen, was für Tiere da reingehören?«

»Genau.«

»Vielleicht waren Otter oder Bisamratten in den Gehegen mit den Wasserbecken, in den anderen vielleicht irgendwelche Reptilien. Guck mal hier, auf diesem Foto ist eine UV-Lampe zu sehen. Die brauchst du, wenn du Reptilien oder Schildkröten halten willst.«

»Könnte passen. Das Merkwürdigste habe ich dir aber noch gar nicht erzählt: Die Gehege sind in einem Teil des Kellers, der versteckt hinter einer Geheimtür liegt. Wir haben sie nur entdeckt, weil die Tür nicht richtig verschlossen und der Tiefkühler, der vor der Tür stand, ein Stück zur Seite geschoben war. Die Putzfrau von Moltke – so hieß der Tote – hatte keine Ahnung, dass sich Tiere im Haus befunden haben, und sie putzt schon seit Jahren für ihn.«

»Das ist merkwürdig«, sagte Tina nachdenklich. »Aber vielleicht auch nicht.«

Jan sah sie fragend an.

»Ich hatte gestern eine Kundin, die eine todkranke Schildkröte gebracht hat. Leider ist die auf dem Behandlungstisch gestorben. Der Hammer ist aber, dass die Papiere falsch waren. Es war eine vom Aussterben bedrohte Schildkröte aus Australien, in den Papieren war aber eine nicht bedrohte Art aus einer Nachzucht eingetragen. Vielleicht hatte dieser Moltke auch illegal eingeführte Tiere in seinem Keller und hat sie deshalb versteckt.«

»Eingeschmuggelte Tiere? Daran habe ich auch schon gedacht.«

Tina sprang vom Sofa auf. »Kann ich mir die Gehege mal angucken?«

»Aber du willst nicht sofort los, oder?« Jan sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.

»Äh, nee, natürlich nicht.« Tina ließ sich wieder auf die Couch fallen. »Morgen ist Samstag. Wie wäre es vormittags?«

»Da kann ich nicht. Ich muss ins Präsidium.«

»Mist … Aber du musst doch gar nicht mit, oder? Ich frage Sanne, ob sie Zeit hat.«

»Muss sie denn unbedingt mitkommen? Ich will nicht, dass da so viele Leute rumlaufen.«

»Sie würde tagelang schmollen, wenn ich sie nicht wenigstens fragen würde. Und vier Augen sehen mehr als zwei. Außerdem war es kein Mord, hast du gerade gesagt. Da ist es doch egal, wer da alles durchs Haus läuft.«

»Stimmt auch wieder. Außerdem ist die SpuSi schon durch. Ich könnte die Putzfrau fragen, ob sie euch reinlässt.«

»Ich bin schon mega gespannt, was wir finden werden!«

»Ich habe gestern schon beim Zoll in Hamburg angerufen. Die Kollegen dort haben öfter mit Tierschmuggel zu tun und sind sehr engagiert. Sie schicken jemanden, der sich die Gehege anguckt, obwohl der Zoll eigentlich nicht zuständig ist. Ich hoffe, dass sich der Kollege Šobec der Sache annehmen wird. Er hat einen sehr guten Ruf. Ich weiß aber nicht, ob er Zeit hat.«

»Das war eine gute Idee. Und ich rufe auf jeden Fall die Amtstierärztin wegen der Schildkröte an, die habe ich nämlich noch nicht erreicht.« Tina griff nach Jans Handy und schaute sich nochmals die Fotos der Gehege an. Sie vergrößerte einzelne Abschnitte und wischte zum nächsten Bild.

»Hier liegt etwas im Sand. Es sieht aus wie ein totes Küken, siehst du? Anscheinend hat der ehemalige Bewohner des Geheges es nicht mehr geschafft, es zu fressen, bevor er weggebracht wurde.«

Jan betrachtete den Ausschnitt des Fotos, den Tina vergrößert hatte. »Du hast recht, es ist ein Küken.«

Tina lächelte zufrieden. »Also sind die Tiere – oder zumindest das Tier, das in diesem Gehege saß – noch nicht lange weg, sonst wäre das Küken längst verwest.«

»Ich bin beeindruckt, Sherlock.«

Tina sah Jan nachdenklich an. »Die Frage ist nur: Wo sind die Tiere jetzt? Und wer hat sie mitgenommen?«

Kapitel 4

»Ich kann immer noch nicht glauben, dass Jan uns gebeten hat, die Gehege anzugucken. Ich hätte gedacht, eher friert die Hölle zu, als dass so was möglich sein würde. Autsch! Verdammt, pass doch auf!«

Tina war in ein Schlagloch gefahren, und Sanne hatte sich den Kopf am Wagendach gestoßen.

Tina bremste ab und schlängelte sich zwischen den tiefen Pfützen hindurch, die sich nach den ergiebigen Regenfällen der letzten Nacht auf dem Sandweg, der zu Moltkes Villa führte, gebildet hatten. »Bestimmt nur, weil es kein Mord war und es deshalb nicht gefährlich ist. Du weißt doch, wie überbesorgt er immer ist.«

»Es wäre schön, wenn sich ein Kerl mal so um mich sorgen würde.«

Tina warf Sanne einen schnellen Blick zu. Sie hatte es in lockerem Tonfall gesagt, aber Tina konnte den Ernst hinter ihren Worten spüren. Sannes Ex hatte sie vor über drei Jahren von einem Tag auf den anderen mit den knapp ein Jahr alten Zwillingen Finn und Leon sitzen gelassen. Zum Glück konnte sie ins Obergeschoss des Hauses ihrer Mutter ziehen. Diese half ihr dabei, sich um die Zwillinge zu kümmern, sodass Sanne in Vollzeit arbeiten gehen konnte.

»Egal, was soll’s, ich komm gut klar. Sind wir bald mal da?«

»Sollte nicht mehr weit sein.«

Es fing an, in großen Tropfen zu regnen, unter die sich zunehmend dicke Schneeflocken mischten. Die Scheibenwischer schalteten sich automatisch auf die höchste Stufe, und als die Scheibe beschlug, drehte Tina die Lüftung höher.

»O nee, ne! Was für ein Scheißwetter!«, rief Sanne.

»Du wolltest doch unbedingt Schnee, freu dich doch.«

»Aber doch nicht so!«

Der Sandweg führte jetzt durch einen Buchenwald, dessen Bäume mit ihren kahlen Zweigen unter den dicken dunklen Wolken schon im Dämmerlicht lagen, obwohl es gerade erst kurz vor drei war. Tina wäre am liebsten gleich am Morgen losgefahren, zumal sie sich am frühen Abend mit ihrer besten Freundin Mareike zu Cocktails und einem Bridget-Jones-Filmemarathon verabredet hatte, doch Sanne musste sich um die Zwillinge kümmern und hatte erst am Nachmittag Zeit gehabt.

»Ich bin gespannt, was wir finden werden. Jan hat einen Bekannten beim Zoll angerufen, ob der sich die Gehege auch mal angucken kann. Der Typ kennt sich anscheinend gut mit Tierschmuggel aus«, sagte Tina.

Endlich kam die Villa in Sicht. Sie befand sich in Alleinlage in einem mindestens fußballfeldgroßen, komplett umzäunten Garten mitten im Wald. Der Garten bestand hauptsächlich aus einer Rasenfläche, auf der Reste von Laub von den umliegenden Buchen lagen. Einige schlanke Buchen und Fichten wuchsen nahe der Villa, die in dem dämmrigen Licht ein wenig düster wirkte.

Tina bog auf die kiesbestreute Auffahrt ab und parkte ihren Isuzu unter einem Strauch, den sie anhand der wenigen noch vorhandenen Blätter als Holunderbusch identifizierte. Sie stiegen aus, und Tina ließ die Hunde aus dem Wagen springen. Während Swatt zielstrebig zu einem großen Blumenkübel aus Marmor rannte und dagegen pinkelte, stand Daisy mit leicht gekrümmtem Rücken in ihrem Hundemantel neben dem Isuzu und blickte sehnsüchtig zur Autotür.

Tina sah sich um. Eine Steintreppe führte von der Auffahrt zu einem gepflasterten Weg, der geradeaus zum Eingang führte. Die Villa war weiß gestrichen und hatte ein rotes Ziegeldach. Die Eingangstür aus dunklem Holz befand sich in der Mitte eines Standerkers, der einen Balkon trug.

»Nette Hütte«, sagte Tina.

»Würdest du hier wohnen wollen? Mitten im Wald am Arsch der Heide und kein Nachbar weit und breit? Und im Sommer mückt das hier bestimmt wie Sau mit den ganzen Bäumen drumrum.« Sanne zog fröstelnd die Schultern hoch. »Klingeln wir so langsam mal? Meine Füße kriegen gleich Frostbeulen.«

Tina blickte auf Sannes quietschrosafarbene Stoffschuhe mit einem Blumenmuster in Lila. »Wenn du dich schuhmäßig auf Winter und nicht auf Hochsommer eingestellt hättest, wäre alles im grünen Bereich.«

»Woher sollte ich denn wissen, dass wir hier bei Nordpoltemperaturen im Schneematsch rumstehen würden?«

Sanne schloss den Reißverschluss ihrer lilafarbenen Jacke mit Kunstpelzkragen, die farblich gut zu den Schuhen passte. Allerdings bissen sich die Farben mit denen der roten Weihnachtsmannmütze mit dem weißen Bommel, die etwas schief auf Sannes Kopf saß. Sie schaltete die Mütze ein, sodass die Sterne auf der Krempe abwechselnd in Rot, Grün und Blau blinkten und der Zipfel zur Musik von Jingle Bells auf und ab hüpfte.

Tina zuckte zusammen und lachte los. »Was ist das denn?«

Sannes Augen leuchteten »Ist das nicht der Hammer? Gab’s im Drogeriemarkt für nur neun neunundneunzig.«

»War bestimmt ein Sonderangebot, weil kein Mensch die Teile gekauft hat.«

»Die Jungs lieben das Ding.«

Tina schaute einen Moment auf die tanzende Mütze. Der blecherne Sound war auf die Dauer kaum auszuhalten. »Kannst du das Teil wieder ausschalten? Davon kriege ich Migräne.«

»Du bist echt voll der Grinch, weißt du das?«, meckerte Sanne, schaltete die Mütze aber ab. Sie lief schnell zur Eingangstür und drückte auf den Klingelknopf. Tina trat neben sie. Als sich nichts tat, klingelte Sanne noch einmal. »Die Putzfrau ist noch nicht da. Hätten wir auch gleich drauf kommen können, immerhin steht hier kein anderes Auto, und ein Rad sehe ich auch nicht.«

»Lass uns mal ums Haus rumgehen. Ich war immer schon neugierig, wie es hier aussieht«, sagte Tina.

»Warst du denn schon mal hier?«

»Ich bin schon öfter mit dem Rad nach Malente gefahren, und zwei, drei Mal bin ich auch hier vorbeigeradelt.«

»Dann lass uns mal losgehen, bevor ich hier festfriere.« Sanne machte ein paar Schritte in Richtung des Gartens. Sie stakste wie ein Storch im Salat, anscheinend hoffte sie, dass so ihre Schuhe nicht so nass werden würden.

»Vergiss es! Ich warte im Auto, bis die Putzfrau da ist. Meine Schuhe sind jetzt schon fast durchweicht.«

Tina warf ihr den Autoschlüssel zu. »Nimm Daisy mit. Die findet das Wetter genauso herrlich wie du.«

Sie ging an der Hauswand entlang, wobei ihr der Schneeregen nun genau von vorn ins Gesicht klatschte. Swatt rannte ihr voraus, das schlechte Wetter machte ihm nicht das Geringste aus. Als Tina den Rasen hinter dem Haus erreicht hatte, ging sie an der Rückseite der Villa weiter und kam zu einer zweiflügligen Terrassentür. Abrupt blieb sie stehen. Die Tür war offensichtlich aufgehebelt worden und stand einen Spalt weit offen, sodass der Schneeregen in das Zimmer wehte und sich bereits eine kleine Pfütze auf dem Parkett gebildet hatte.

»Shit!«

Kurz erwog Tina, sich durch den Spalt zu schieben und nach dem Rechten zu sehen, doch dann zog sie lieber ihr Handy aus der Jacke, um Jan anzurufen. Swatt, der an einem Laubhaufen geschnuppert hatte, kam angetobt, sah die offenstehende Tür, rannte durch die Öffnung, wobei er kaum Tempo herausnahm, und verschwand schwanzwedelnd im Haus.

Verdammt! Dieser Hund brachte sie noch in ein frühes Grab!

»Swatt! Komm wieder her!«

Tina spähte angestrengt durch die Scheibe der Terrassentür, doch im Halbdunkel, das in dem Raum herrschte, konnte sie außer einer Sitzgarnitur und einer Schrankwand aus dunklem Holz kaum etwas erkennen. Offenbar handelte es sich um das Wohnzimmer. Was jetzt? Jan anrufen oder Swatt hinterhergehen?

Sie wollte gerade Jans Nummer wählen, als Swatt anfing zu bellen. Tinas Herzschlag beschleunigte sich. War der Einbrecher etwa noch im Haus? Sie lauschte angestrengt. Swatts Gebell entfernte sich und war kaum noch zu hören. Das durfte doch wohl nicht wahr sein! Wo war er bloß hingelaufen? Sie zögerte den Bruchteil einer Sekunde, dann zwängte sie sich durch den Türspalt und rannte in das Zimmer hinein. Wo war Swatt? Das Bellen klang, als käme es von unten. Der Keller! Wo war die Treppe? Tina rannte durch das Wohnzimmer und gelangte durch eine offenstehende Tür in einen langen, mit Marmor gefliesten Flur. Rechts von ihr führte eine freischwingende Holztreppe hinauf in den ersten Stock, am Ende des Flurs konnte Tina die Küche erkennen. Sie wandte sich nach links. Swatts Gebell war nun lauter zu hören, und hinter einer Ecke sah sie durch eine ebenfalls offenstehende Tür Stufen, die nach unten führten. Sie rannte die Treppe hinunter und gelangte in einen leicht nach Schimmel riechenden großen Raum im Souterrain, in dem ein riesiger Tiefkühlschrank in der hinteren rechten Ecke und eine Werkbank an der linken Seite standen. Wo war Swatt? Etwa in dem geheimen Kellerraum? Die Tür zu dem Raum mit den Gehegen, von der Jan gesprochen hatte, musste sich in der Nähe des Tiefkühlschranks befinden. Tina durchquerte den Raum mit schnellen Schritten und folgte dabei Swatts Gebell. Er schien sich überhaupt nicht beruhigen zu können. Vielleicht war doch noch ein Tier in einem der Gehege. Wenn Swatt einen Igel aufgespürt hatte, klang sein Bellen so ähnlich wie jetzt. Oder war der Einbrecher doch noch im Haus? Abrupt blieb sie mitten im Raum stehen. Sollte sie doch lieber Jan anrufen? Während sie noch überlegte, ging Swatts Bellen in ein Jaulen über. O Gott! Hatte der Einbrecher ihm etwas angetan?

»Swatt!« Sie rannte weiter. Wo war der Geheimgang? Das Gebell hatte wieder eingesetzt, es kam aus der Ecke neben dem Tiefkühler. Offenbar war Swatt nichts Schlimmes passiert. Erleichtert ließ Tina den Atem entweichen, den sie unbewusst angehalten hatte. Als sie am Tiefkühler ankam, konnte sie durch eine halb geöffnete, weiß gestrichene Tür einen schmalen Gang sehen, der nach rechts führte. Die Tür hatte dieselbe Farbe wie der Kellerraum. Wenn sie geschlossen war, würde man sie erst sehen können, wenn man direkt neben dem Tiefkühler stand und dieser, so wie jetzt, ein Stück zur Seite geschoben war. Kein Wunder, dass die Putzfrau von dem weiteren Kellerraum nichts gewusst hatte. In ihrer Hast, in den Gang zu kommen, stieß Tina gegen den Kühler, der ein weiteres Stück zur Seite glitt. Offenbar war er auf Rollen montiert. Sie rannte durch den Gang und stieß die halb offenstehende Tür am Ende des Gangs im Laufen auf. Diese krachte mit Schwung gegen die Mauer des Raumes, der dahinter lag. Swatts Gebell brach kurz ab, als er sich zu Tina umschaute, um dann mit unverminderter Heftigkeit wieder einzusetzen. Ein in eine dunkle Jacke und eine schwarze Hose gekleideter Mann, der einen ebenfalls schwarzen Rucksack umgeschnallt hatte, stand vor einer Tür, die anscheinend in den Garten führte. Er hatte die Kapuze der Jacke tief nach unten gezogen, sodass Tina sein Gesicht nicht erkennen konnte. In der linken Hand hielt er einen Besen, mit dem er Swatt abwehrte, während er mit der rechten versuchte, den Schlüssel in der Tür herumzudrehen. Als Tina den Raum betrat, warf er ihr einen kurzen Blick zu, um dann seine Anstrengungen, die Tür aufzuschließen, fortzusetzen.

»Was machen Sie hier?«, rief sie. In dem Moment hatte der Mann es geschafft, die Tür zu öffnen. Er rannte hindurch und knallte sie vor Swatts Schnauze zu. Der jaulte, als die Tür seine empfindliche Nase traf, dann begann er an der Tür zu kratzen. In ihrer Hast, zu ihm zu kommen, stolperte Tina über eine Kiste, die zwischen den Gehegen stand, und wäre gefallen, wenn sie sich nicht an der Wand des rechten Geheges hätte abstützen können. Swatt rannte zu ihr und wieder zurück zur Tür.

»Ich komm ja schon.«

Tina lief zur Tür und riss sie auf. Swatt preschte hindurch und wandte sich sofort nach rechts. Bellend rannte er dem Mann hinterher eine kurze Treppe hinauf und verschwand außer Sicht. Als auch Tina die Treppe hinaufgelaufen war, sah sie, dass der Mann den Rasen schon halb überquert hatte. Als er Swatts Bellen hörte, blickte er kurz über die Schulter und rannte schneller. Swatt sprang in weiten Sätzen über den Rasen; Schneematsch spritzte zu beiden Seiten auf. Er holte rasch auf, und Tina dachte schon, er würde den Mann einholen. Doch dieser kam kurz vor Swatt an dem mannshohen Drahtzaun an und sprang. Er bekam das obere Ende des Zauns zu fassen, das sich durch sein Gewicht nach innen neigte. Hektisch strampelte er mit den Beinen und schaffte es, das rechte Bein über die obere Kante zu schwingen. In dem Moment kam Swatt bei ihm an, sprang hoch und biss ihm in den linken Fuß. Der Mann schrie auf und trat mit dem anderen Fuß durch den Zaun hindurch nach Swatt, doch dieser tänzelte auf den Hinterbeinen und hielt eisern fest. Plötzlich löste sich der Schuh vom Fuß. Swatt fiel zurück, rappelte sich sofort wieder auf und schlug sich seine Beute um die Ohren, dann ließ er sie fallen und sprang bellend und knurrend am Zaun hoch. Der Mann hatte sich inzwischen auf der anderen Zaunseite fallen gelassen. Er strauchelte, fiel hin und kam mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden auf. Als Tina am Zaun ankam, hatte er sich bereits stöhnend aufgerappelt und verschwand humpelnd im Wald, während Swatt ihm hinterherbellte.

»Aus, mein Junge! Das hast du gut gemacht, aber der Kerl ist weg. Immerhin hast du seinen Schuh erbeutet.«

Als Tina und Swatt zur Villa zurückkamen, stand Sanne mit einer kleinen, höchstens einen Meter sechzig großen Frau vor einem alten roten Lupo. Die Frau trug eine überdimensionierte bunte Beaniemütze, unter der ein paar Strähnen ihres dunkelblonden Haars hervorlugten.

»Tina! Das ist Sigrid Fischer. Sie ist die Oma von Chayenne, einer Freundin von Leon und Finn im Kindergarten. Plön ist doch echt ein Dorf!«

»Freut mich«, sagte Tina und nickte Sigrid zu. »In die Villa ist eingebrochen worden.«

»Was?«, riefen Sigrid und Sanne gleichzeitig.

»O Gott, erst stirbt Herr Moltke, und dann das!« Sigrid traten Tränen in die Augen, und sie wühlte in ihrer Jackentasche nach einem Taschentuch. Als sie es gefunden hatte, schnäuzte sie lautstark hinein. »Entschuldigen Sie, mich nimmt das alles sehr mit.«

Tina legte ihr eine Hand auf den Arm. »Es tut mir sehr leid, das muss schwer für Sie sein.«

Sigrid nickte nur.

»Was ist jetzt mit dem Einbrecher?«, fragte Sanne.

»Swatt hat den Kerl im Keller bei den Gehegen entdeckt und verjagt. Er hat jetzt einen Schuh weniger.« Tina hielt den Sneaker hoch.

Sigrid blickte sich unruhig um. »Sind Sie sicher, dass er weg ist?«

»Ja. Ich glaube kaum, dass er noch mal wiederkommt. Schon gar nicht mit nur einem Schuh im Schneematsch. Und mit geprelltem Bein. Er hat ziemlich gehumpelt, als er abgehauen ist.«

»Was wollte er hier?«, fragte Sanne.

»Er war bei den Gehegen. Ich weiß aber nicht, ob er dort etwas gesucht hat oder ob wir ihn, als wir gekommen sind, in den Keller getrieben haben, weil er sich dort verstecken wollte. Mit Swatt konnte er ja nicht rechnen.«

»Feiner Hund.« Sanne streichelte Swatt hinter den Ohren.

»Wir müssen die Polizei rufen.« Tina zog ihr Handy aus der Jackentasche und wählte Jans Nummer. Als er sich meldete, erklärte sie ihm rasch, was passiert war.

»So langsam habe ich das Gefühl, dass du Kriminelle anziehst wie ein Kuhfladen Schmeißfliegen.«

»Danke auch, dass du mich mit Kuhscheiße vergleichst.« Tina grinste Sanne zu, als diese sie fragend ansah.

»Ich schicke einen Streifenwagen und mache mich selbst auf den Weg. Kann aber einen Moment dauern, ich bin noch in Kiel. Fasst bitte nichts an und wartet draußen.«

»Jawoll, Sir!«

Tina beendete das Gespräch und steckte ihr Handy weg.

»Die Polizei kommt gleich. Wir sollten uns so lange in meinen Wagen setzen, bevor wir völlig durchnässt sind.«

»Gute Idee. Meine Jacke ist an den Schultern schon durch«, sagte Sanne.

Sie quetschten sich in den Isuzu, der nach kurzer Zeit anfing, nach nassem Hund zu riechen. Tina hatte Swatt zwar abgetrocknet, doch sie hatte es nur geschafft, dass er nicht mehr tropfte; sein Fell war immer noch recht feucht.

»Haben Sie eine Ahnung, was der Typ gesucht haben könnte?«, fragte sie die Putzfrau, die auf dem Beifahrersitz saß.

»Herr Moltke ist …«, Sigrid stockte, »… war sehr wohlhabend und hat einiges an Wertsachen im Haus. Er hat Skulpturen und andere Kunstgegenstände aus Australien gesammelt.«

»Er war Australien-Fan?«

»Kann man so sagen. Er ist schon oft dort gewesen. Vor ein paar Jahren hat er dann die erste Skulptur mitgebracht, die hat ein Aborigine hergestellt, glaube ich. Mein Geschmack ist das zwar nicht, aber jedem das Seine, sage ich immer.«

»Würden Sie wissen, wenn etwas fehlt?«

»Ich weiß natürlich nicht, was Herr Moltke in seinem Safe aufbewahrt hat, aber die anderen Sachen habe ich oft genug abgestaubt.«

»Kann es sein, dass er auch australische Tiere gesammelt hat?«, fragte Sanne.

»Von den Tieren im Souterrain hatte ich keine Ahnung, Sanne. Das schwöre ich dir! Das habe ich auch der Polizei gesagt. Ich bin immer noch völlig überrascht, dass er sie auch vor mir versteckt hat.«

»Ist Ihnen nie aufgefallen, dass das Souterrain von außen viel größer aussieht als von innen?«, fragte Tina.

Sigrid sah Tina an. »Auf so etwas habe ich nicht geachtet. Das hätten Sie auch nicht. Wer kann denn ahnen, dass dort ein Geheimraum ist?«

»Der Raum hat Fenster, die mit undurchsichtiger Folie beklebt sind. Das habe ich gesehen, als ich eben unten war. Und eine Tür zum Garten. Wollen Sie mir wirklich erzählen, dass Ihnen das nie aufgefallen ist, wenn Sie im Garten waren? Oder dass merkwürdige Geräusche aus dem Keller gekommen sind?«

»Tina, lass Sigrid in Ruhe! Der Raum ist bestimmt schallisoliert, damit keiner was mitbekommt. Ich hätte bestimmt auch nichts bemerkt, wenn ich hier gearbeitet hätte. Sigrid ist ja nicht Miss Marple.«

Sigrid warf Sanne einen dankbaren Blick zu. »Ich war ja auch immer im Haus, um den Garten hat sich Herr Moltke selbst gekümmert.«

»Wie lange haben Sie für ihn gearbeitet?«

»Im kommenden Jahr sind es zehn Jahre. Im Mai.«

»Zehn Jahre. Das ist eine lange Zeit.«

»Wollen Sie mir unterstellen, dass ich von den Tieren da unten gewusst habe? Das habe ich nicht. Und Geräusche habe ich auch keine gehört, ich schwöre es Ihnen.«

»Tina, ich weiß, du regst dich immer fürchterlich auf, wenn es um das Wohl von Tieren geht, aber nicht Sigrid, sondern Moltke ist der Böse, okay? Und der Tierschmuggler natürlich.«