Ein Fiebelkorn - Matthias Lanin - E-Book

Ein Fiebelkorn E-Book

Matthias Lanin

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Beschreibung

Als Johanna Lettmann "Ja" zu Wilfried Fiebelkorn sagt, fällt ihr das leicht und was "ewig" heißt, das weiß sie da noch nicht. Mehr als ein halbes Jahrhundert später steht dieses "ewig" für eine große Liebe, die viele Hindernisse überwunden hat. Gemeinsam haben die beiden die Wirren von Flucht, Kriegsgefangenschaft, einem sozialistischen Regime und dem Mauerfall überstanden und auch den Tod einer gemeinsamen Tochter ausgehalten. Leise und unaufgeregt erzählen Johanna und Wilfried von dem Gewöhnlichen und Außergewöhnlichen ihres gemeinsamen Lebens, von ihrer Zärtlichkeit und Vertrautheit und von dem kleinen Glück ihrer übrigen Tage in Zweisamkeit.

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Seitenzahl: 419

Veröffentlichungsjahr: 2018

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1. Auflage März 2018

Alle Rechte vorbehalten.

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© Divan Verlag 2018

Ein Projekt der BlueCat Multimedia GbR

Landgraf-Karl-Str. 40, 34131 Kassel

www.divanverlag.de

Umschlag und Titelfoto: Katrin Kawinkel, katikamedia.de

Satz: Katrin Kawinkel, katikamedia.de

ISBN: 9783863270445

EISBN:9783863270452

1.

„Stör’ ich?“

­Wilfried steht in der Tür und wischt eine Hand an der Latzhose ab. Er sieht, dass sie den Kopf schüttelt. Eigentlich nimmt er nur an, dass sie den Kopf schüttelt und geht drei schwere Schritte durch die Küche. Blau und weiß und robust sind die Möbel. Sie sind jünger, als man glaubt. Er zieht an einem leichten Stuhl und setzt sich an den Tisch, so, dass er seine Frau Johanna sehen kann.

Ihr Ehering liegt auf der leeren Arbeitsfläche. An der Stelle, an der er seit Jahrzehnten immer liegt, wenn sie kocht. Manchmal braucht er Beweise, dass diese Frau wirklich seine Frau geworden ist. Jede Angst war umsonst. Sie könnte erkennen, wie er wirklich ist, wie wenig sie ihn eigentlich mag, von Liebe nicht zu reden. Sie ist nie weggelaufen und hat ihn nie betrogen. Er war ein Mann und weiß, dass es manchmal bescheuert ist, sich an Vergangenes zu klammern.

­Wilfried stützt einen Ellenbogen auf die Tischkante und kratzt sich den Handrücken. Langsam. Vielleicht stimmt etwas mit diesem neumodischen Dünger nicht. Dieses Jucken hatte er früher nicht. Einer, der noch mit Phosphat kann, den juckt doch dieser neumodische Kram nicht.

Seine Frau beugt sich über die Arbeitsfläche. Er kann weder ihre Hände noch ihr Gesicht sehen. Die ist wirklich seine Frau geblieben. Er würde gern ein paar Leute von früher mit ihr besuchen, einfach so vorbei. Aber die einen kannst du nicht mehr besuchen in dieser Welt und zu den anderen ins Heim, das muss nicht sein. ­Wilfried atmet aus und sie dreht ihren Kopf. Aus den Augenwinkeln sieht sie ihren Riesen, den weißhaarigen Mann am winzigen Tisch.

Manchmal stört es Johanna, wenn er einfach nur dasitzt, wenn er auf das Essen wartet, ohne etwas zu machen. Manchmal fährt sie ihn an: „Sag ma, hast du nix zu tun, Mann? Willst du mich ärgern? Hast wieder vergessen, was du machen wolltest?“ Manchmal sagt sie auch alles nacheinander. Meistens hört er den letzten Satz oder die Fragen nicht mehr, weil er beim ersten Wort schon merkt, was Johanna wirklich stört. Dann geht er auf den Hof und macht seine Sachen. Sie kann in Ruhe kochen oder backen.

Die Kinder waren lange nicht da. Es muss mehr als drei Wochen her sein, sind in alle Richtungen gezogen, die Mädchen. Netti ist sogar weg von Deutschland und eine ist für immer geblieben. ­Wilfried kratzt sich den Handrücken und denkt darüber nach, warum man wohl weggehen sollte, wenn einen keiner zwingt. Er kann es nicht verstehen. So ein Quatsch von Sinn und Suchen, sagen die Enkel und man macht sich doch einfach nur Sorgen. „Was machen die Hühner?“ Ihr Ton sagt heute nichts von „Mach deinen Kram, ich mach meinen“.

Die Stille, die immer auf dem Mörtel, den tapetenlosen Wänden entlangschleicht, hat sich an die beiden gewöhnt. Doch manchmal kann Johanna das Geräusch nicht ertragen. Zuerst zerschreien einem vier Kinder jede freie Minute und dann wischt einem das Leben noch einmal eins aus und holt die kriechende Stille ins Haus. Sie redet, damit man das wortlose Platschen der geschälten Kartoffeln nicht hört und damit er mit diesem Schweigen aufhört. Einen stillen Mann hat sie sich genommen. Ihre Mutter sagte das, als wäre es eine Krankheit. „Wat wist mit son stilln Jung?“ Behalten und lieben, hat sie gesagt, und Kinder kriegen. Richtig gemocht hat ihre Mutter ihn nie, aber lange hatte sie auch nicht Zeit, es sich anders zu überlegen. Manchmal kommt der Tod einem dazwischen.

­Wilfried sagt nicht, wie es den Hühnern geht. Johanna legt ihr Messer weg, wischt sich mit der Schürze die Hände und die Unterarme ab. Hinter ihr sitzt er, vielleicht träumt er. Auch nach fünfzig Jahren kann keiner wissen, also so gänzlich, was der andere denkt. Das sind Träume von Kindern, von Prinzen und von Märchen.

Das Leben lacht leise, denkt Johanna und dreht sich um, geht einen Fuß leicht nachziehend zum Tisch hinüber. ­Wilfrieds Augen sind kaum älter. Das ist ungerecht. Wenn sie in den Spiegel schaut, ist in ihren Augen der Schmerz zu sehen, ganz deutlich. Da spricht man nicht drüber, aber er ist da. Seine Augen sind so, als hätte ihm nie einer irgendwas getan, als wäre er der einzige Junge im Güterwaggon, den die Mädchen noch nicht geküsst und angefasst haben unterwegs. Sie lächelt den Sommer an, in dem sie aus Hinterpommern herkamen, und beugt sich über den Tisch. Direkt in seine wartenden, schweigsamen Augen wandert sie. Er hebt eine Hand und streicht ihr über die Wange. Er muss nicht aufstehen dafür. Er ist nah. Mit seiner Hand, an der er nicht verträumt herumkratzt. Mit der Hand von gestern streicht er ihre Wange bis zum Ohr. Dann grummelt er und der Satz hat nichts mit Hühnern zu tun.

„Kannst ruhig sagen, wenn ich stör.“

„Sitz nur, Mann. Sitz nur.“ Sie denkt, wenn er sitzen will, soll er doch. Sein Leben war auch kein Zuckerschlecken. Sie lächelt und klopft ihm mit einer Hand auf die breite Schulter. Dann schlurft sie zur Arbeitsfläche zurück und schneidet die übrigen Kartoffeln.

Die Zeitung liegt schief auf dem Boden neben ­Wilfried. MecklenburgVorpommerns Ministerpräsident hat eine neue Freundin. Sie stehen Gesicht an Gesicht und blicken in den Himmel. Wie Propaganda, immer nach vorn, immer das Gleiche. ­Wilfried weiß nicht, ob ihn das interessiert. Er hat keine Lust, wieder aufzustehen oder die Zeitung hochzukriegen. Er hat sich eben erst gesetzt und lesen kann er später noch. Dieser Präsident kommt ihm so gar nicht bekannt vor. Eine neue Freundin, wohl eher ein neuer Präsident. Unter dem unechten Bild steht in großen Buchstaben, dass die Ernte in diesem Jahr zu gut war.

„Ich geh mal in Schuppen.“ Johanna sagt es vom Flur und er wundert sich, weil sie plötzlich draußen ist. Vor den milchigen Fenstern zieht der Schatten seiner Frau vorbei. Die Küche ist groß und niedrig. Ihre alte Wohnung war schöner, aber das hat ­Wilfried nie laut ausgesprochen. Er ahnt manchmal, dass sie das auch denkt und dass sie das auch verschweigt. So viel Genugtuung geben sie dem Leben nicht. Hier ist es auch ganz schön, niedrig, aber irgendwie schön. Irgendwann schmerzt seine Hand und er lässt das Kratzen kurz sein. ­Wilfried stand oft auf dem Feld, zwischen den Furchen, mit dem Klemmbrett auf der Hand und der Sonne über der Stirn.

Auf seinem Handrücken sind jetzt rote Striemen. Wenn er die Faust ballt und sie wieder öffnet, verschwinden die Furchen nicht. Die Hände sind irgendwie weich geworden. Auf dem Herd brodelt es aus dem Topf und Wasser spritzt über den Rand. Es zischt und er kann es hören. Vielleicht müsste er aufstehen und etwas am Herd drehen, den Knopf auf drei stellen. Aber er geht nicht hin, hat es noch nie getan. Sie wird schon wiederkommen und den Knopf auf die Stufe drehen, auf der er sein müsste.

Manchmal fragt er sich, was passiert, wenn sie beide nicht mehr können. So wie Emil, der am Sonntag aufstand und in die Kirche wollte. „Emil, da waren wir gerade, in der Kirche“, sagte ­Wilfried und es tat ihm leid um den alten Freund. Das ist die schwarze Zeit, wenn man vergisst. So nannte es Ernst, Hannas Vater, und dessen Vater Siegfried auch. Emils Gesicht rutschte und die Augen fielen nach innen. ­Wilfried kann es nicht besser sagen, jedenfalls schaute sein Freund anders, weil er genau wusste, dass sie am Sonntag schon in der Kirche waren, sich aber selbst nicht daran erinnerte. Der schaute nur, sah Essensreste auf dem Tisch, hörte, wie Johanna die Teller in die Spüle packte und wie das Wasser kochte. Für Emil und seine schwarze Zeit muss das alles ziemlich schlimm gewesen sein. ­Wilfried fragte seine Frau, ob sie die Sache mitgekriegt hat. Sie hat genickt. „So ist das, wenn man alt wird. Das kann uns auch passieren, Willi. Dass wir nicht mehr können.“ Emil kam später in den Altenstall. ­Wilfried sitzt mit geballter Faust am Tisch und ärgert sich, weil er nicht mehr genau weiß, wann Emil dann gestorben ist.

Johanna ist am Schuppen. Das Zischen vom Herd hört nicht auf und er kann sich an seinen Freund erinnern, wie er früher, ganz früher war, bevor das Schloss abgebrannt ist.

Emil Kopischke ist Schuster geworden, obwohl sein Vater Schmied war. Das hat er mit 16 Jahren absichtlich gemacht. Stark war er und grob manchmal und weil er nicht zur Fabrik wollte, ist er zum Krieg gegangen. Manche konnten es sich aussuchen und Emil wählte, wie er später nach einer Flasche Korn immer wieder lauthals feststellte, falsch. „Diese Russenweiber“, schimpfte er. „Die konnten dich schneller umbringen als deren Kalaschnikow.“ Er hatte sich in Weißrussland in eines dieser Weiber verliebt und dann einen kleinen, später einen Riesenfehler gemacht. Die Geschichte kam immer, wenn er seine leere Flasche Korn auf dem Tisch hatte.

Tatjana – nein, Swetlana Minnskoja hieß sie. „Ihr glaubt nicht, was das für ein hübsches Ding war und dann stehst du morgens auf und die Roten stehen im Zimmer, direkt vorm Bett. Ich hab noch was fragen wollen, den Gewehrlauf, mehr hab ich ja nicht gesehen, und dann schlug einer zu. Hätte mal schießen sollen.“ Danach kam die Gefangenschaft und die Angst vor allen Frauen. Warum das Mädchen ihn verraten hat, hat ­Wilfried mal gefragt. „Keine Ahnung, die war blöde.“ An dem Morgen starb das Mädchen durch die Rote Armee und für Emil fingen fünf Jahre an, über die er auch sternhagelvoll kein Wort sagte. Irgendwie kam er wieder in Hinterpommern an und die Deutschen waren schon weg. Er schaffte es bis Vorpommern und wohnte, ohne jemals zu heiraten, in Uhlenkrug.

Vor ein paar Sommern, als ­Wilfried im Garten mit dem Stecher den Maulwürfen hinterher ist, merkte er erst nicht, dass Emil am Zaun stand.

„Mann, Emil. Was schleichst dich an wie ein Zigeuner?“

„Willi, ich …“ Er fragte an dem Nachmittag, ob jemand Swetlana gesehen hat, redete, als wäre er mit der Russin verheiratet gewesen. „Gdje zhe ona? Wo ist sie denn? Wo ist sie denn? Gdje ljubimaja moja?“ Das war wieder schwarze Zeit und danach kam sie dann öfter und öfter. Zack und weg. Im nächsten Frühling hatte Emil Kopischke einen schönen Grabstein auf dem Vierecker Friedhof.

­Wilfried besucht ihn manchmal, wenn er Sophia besucht. Er erzählt ihm dann, dass die Russen an ihrem Kommunismus erstickt sind und immer noch zu doof, mit einem Zaren auszukommen, und die Krähen kreischen, als wären sie Russen und würden jedes Wort verstehen. Dass er gesehen hat, wie ein Lenindenkmal ohne Kopf auf einem Floß die Wolga runter ist und dass eine Familie in Emils kleines Haus gezogen ist. Vier Kinder haben die, das muss man sich mal vorstellen. Das hat heute kaum noch wer, vier Kinder, so wie wir damals. Oft geht er aber nicht mehr zu Emil, wenn er Sophia besucht. Johanna möchte das nicht, das weiß er. Außerdem ist sein Freund schon immer geizig mit Worten gewesen, das hat sich durch seinen Tod kaum gebessert.

„Du musst bestimmt schon Hunger haben?“ Zu ihrer Frage knarren die Dielen im Flur. Sie wohnen im Dienstbotenhaus, im Sklavenloch, wie er es manchmal sagt. Es macht ihm nichts aus, dass das Schloss nicht mehr da ist. Sollen doch alle Bilder der Welt verbrennen. Was er im Kopf hat, kann keiner wegmachen, nicht mal der letzte Wirt. Irgendwie wippt sein Kopf und er begreift, dass es ein Nicken ist. Er hat keinen Hunger, nicht einmal Appetit. Er wird trotzdem so viel essen, wie sie hinstellt. Das ist er ihr schuldig, eigentlich viel mehr, aber er wüsste nicht, wie er das jetzt noch bezahlen soll.

Johanna steht wieder an der Arbeitsfläche, schüttelt Kräuter, hält sie in die Spüle und wäscht sie ab. Er würde seine Frau gern fragen, ob sie über Monika reden will. Ihre Tochter, die seit ein paar Monaten darüber spricht, wie schön so eine AltenWG sein kann. Mit anderen zusammenziehen, die sich nicht waschen, da kann man sich in diesem Leben nicht mehr dran gewöhnen. Das ist ­Wilfried klar. Aber Moni ist stur, auch diesmal. Seine Tochter will ihn am nächsten Wochenende mitnehmen. Nur, damit er sich das einfach und ungezwungen einmal anschaut. Ja, ja. Er weiß, dass ihre Tochter ein kluges Mädchen ist. ­Wilfried will aber nicht, dass immer eine Krankenschwester da ist. Er merkt doch selbst, wenn er etwas hat. Seine Brust tut ihm manchmal weh. Aber Herrgott, er ist alt. Da darf einem die Brust auch manchmal drücken.

Im Kopf, da ist er sich sicher, ist er noch der alte, nein, der junge Willi. Der Mann, der aufs Feld geht, um die Kartoffeln anzustechen. Er zieht sie zufällig aus dem Boden, nimmt zufällig eine aus dem Bund und tütet sie ein. Er kritzelt auf das Klemmbrett den Ort, die Zeit und die Merkmale der Pflanze. Später im Labor zerlegt er die Knollen. Das Einsammeln können auch die anderen machen, nach Vorschrift müssten sie es auch. Aber er hat ihnen nicht getraut, nicht so sehr wie sich selbst. Er ist einer gewesen, zu dem die Bauern kamen, wenn sie nicht wussten, wann sie ernten mussten. Einer, den andere um Rat fragten, braucht keine Krankenschwester rund um die Uhr. Er überlegt, ob es schön wäre, wenn so eine für seine Frau da wäre, die ganze Zeit. Moni mit ihren Flausen.

Johanna gähnt beim Kräuterschneiden so versteckt, dass ihr Mann es nicht sehen kann. Sie hat nicht vergessen, dass an der Leine oben noch genug Petersilie und Schnittlauch für die nächste Woche ist. Sie ist trotzdem raus, weil sie manchmal, in letzter Zeit, einfach heulen muss. Was haste schon, wenn keene echte Frau mehr bist. Eine Greisin, mehr nicht. Und er sieht immer noch so unverschämt gut aus, ihr Willi. Sie wischt sich mit dem Handrücken über die Wange. Er hat noch nie gemerkt, was sie im Schuppen macht, zwischen den Judopokalen und den Spinnenweben. Vielleicht sagt er nur nichts dazu, weil er nicht weiß, was er sagen sollte. Es ist besser so, denkt sie. Was ihr so alles durch den Kopf geht. Manchmal ihre Sophia und dass sie denkt, das Kind stünde im Raum herum. Im Flur an der Garderobe steht ein Geist, der keine Jacke zum Anziehen findet und nicht an die Haken kommt. Dann merkt Johanna, dass sie wunderlich wird und ist wütend. Auf sich selbst, auf Moni oder Sophia, meistens auf Willi und darauf, dass sie es nie geschafft hat, ihm oder ihnen einen Sohn zu schenken. Er hat sich nicht beschwert. Einmal vielleicht, aber danach nie wieder. Das war das einzige Mal, dass er sie weinen sah. Es ist vorher nicht passiert und seit zwanzig Jahren auch kein einziges Mal mehr.

Sie heult nicht oft. Vielleicht zwei, dreimal in der Woche. Beim Kochen geht das und im Garten geht das auch. Es sind nicht immer Geister oder die Wut. Sie denkt dabei eigentlich nichts, einfach nichts. Irgendwas kommt hoch bei ihr, man kann es nicht sehen oder aussprechen. Sie würde gern wieder lesen, aber die Augen. Sie müsste sagen, dass sie eine neue Brille braucht. In dem Alter operiert dir kein Arzt mehr die Augen gerade. Das kann sie verstehen, aber so ganz ohne lesen, das stört.

Sie würde gern noch mal nach Hause, nach Hinterpommern oder Polen, wie es jetzt heißt. Darauf waren die anderen immer wild, auf ihre Heimat. Wer weiß schon, wieso das Schloss wirklich abgebrannt ist. Vor dem Neid der Leute kann einer, auf Teufel komm raus, nicht weglaufen. Völlig egal, wo man ist oder wie alt. Sie atmet schwer und tief aus, dreht sich zu ihrem Mann um, der noch immer am Tisch sitzt. Dem fehlt das Feld, sie weiß es. Vielleicht hätte er drüben bleiben sollen und nicht zu ihr und der Moni zurückkommen. Vielleicht würde er dann noch auf einem Feld stehen, dieser Mann. Der hat einen Blick wie Horizont. Seine Augen fragen, ob es ihr gut geht. Sie nickt und sucht nach der Wut, ihrer Schuppenwut. Sie ist fort und das Essen ist fertig.

Sie stellt die Teller hin und legt ihre Finger auf seinen Kopf. In diesem Leben bekommt so einer keine Glatze mehr. Oft denkt sie über ihn, als würde sie ihn nicht kennen. Was weiß man schon? Was wirklich? Sie nimmt sich fest vor, später mit ihm über das Heim zu reden. So wie er an einigen Tagen schwer hochkommt, wäre es doch gut, wenn jemand für ihn sorgt. Also ein Arzt. Sie selbst bräuchte das Ganze ja nicht. Sie war in ihrem Leben nur achtmal bei Ärzten und bei der Hälfte davon hat sie Kinder zur Welt gebracht. Vier Mädchen, von denen drei noch leben. Ein guter Schnitt? Manchmal ist ihr nach schreien. So laut und grundlos, wie die im Fernsehen es machen. Mit dem dampfenden Eintopf vor den Gedanken wendet sie Sätze, die sie in Büchern gelesen hat. Wie war das bei Dostojewski, wie hieß dieser Diener noch, dessen Namen man so gut schreien konnte? Patapitsch, Potapitsch hieß er. Sie weiß es noch. Als wenn man automatisch schräg wird, im Alter. Als wenn einem automatisch die ganzen Sachen aus dem Kopf kugeln. Bei ihr ist alles gerade, außer den Augen. Wenn Willi wie Potapitsch wäre, Johanna hätte … Sie weiß es nicht. Jedenfalls würde sie seinen Namen öfter schreien.

Sie sieht sich ihren Mann an. Er lächelt und sie stellt sich vor, wie er hinter ihrem Rollstuhl steht. Sie würde mit einem Regenschirm nach ihm ausholen und „Potapitsch“ brüllen und sie würde sich jung fühlen, wenn er sich bückt. Sie weiß nicht, wie sie ihn auf das Heim ansprechen soll. Seit der Sache mit Emil kann man mit ihm nicht mehr vernünftig über solche Dinge sprechen. Hospital, Hospiz – alles ein Eintopf, hat er gesagt, als würde es helfen. Als würde man nicht älter werden, wenn man es selbst nicht merkt. Sie hat Angst vor morgen und vor jedem Morgen irgendwie. Sie weiß nicht, was sie sagen soll. Schweigend bewegen sich ihre Löffel an die Ränder der Schüsseln. Klick und kling. Die Suppe ist gut wie immer. Manchmal vergisst sie das Salz, merkt es und schmeckt es nicht einmal. Kling. Man verliert den Geschmack im Alter und findet irgendwann, dass Potapitsch und Cholesterin zwei gute Wörter zum Schreien sind.

2.

Nachmittags steht Johanna am Gartenzaun. Die leeren Eierpackungen springen an ihrer Seite hoch, wenn sie mit den Schultern zuckt. Ein Besen lehnt am Maschendraht und Johanna redet über Kinder, über den Gottesdienst und das Wetter. Ihre Nachbarin zeigt mit dem Finger auf sie, als wäre sie schlecht erzogen. Aber die war schon immer ein wenig angriffslustig.

„Eine Schande ist das, das mit dem Pfarrer.“

„Da siehste, was wir wert sind, heute. Mit den andern Dörfern ham se uns in Kirchenkreis gepackt. Wat ham wir mit den’n zu schaffn. Was?“

„Ja, schlimm.“

„Nun kommt die Neue nur noch alle vier Wochen her.“

„Da kommt man doch in die Hölle und kann nichts dafür, Irmchen.“ Die Nachbarin bekreuzigt sich, weil sie nicht merkt, dass Johanna das als Witz meint. Sie kennt Irmgard Baumann seit 58 Jahren, seit sie auf die Welt kam. Nach der Sache mit dem Schloss sind sie Nachbarn geworden und seitdem stehen sie oft am Zaun. Sie erzählt, dass der alte Neumann bei Willis und Johannas Trauung selbst so gerührt war. Könnte auch sein, dass er das mit seinem Sohn gewusst hat. Man weiß nicht, was Pfarrerssöhne Pfarrersvätern alles erzählen. Bei jeder Hochzeit war der selbst am Heulen, vielleicht war er auch einfach nur neidisch.

Im letzten Herbst hat ihr guter Willi die Hälfte der Hühner geschlachtet. Er hat es leise gemacht, weil niemand wissen muss, dass sie nicht mehr alle schaffen, weil es irgendwann zu viel ist. Mensch, wenn man zwei Stunden braucht zum Füttern, weil alles so langsam geht, dann ist das zu lange. Er hat gesagt, die kommen alle weg. Johanna hat die Hälfte gerettet. Die Eier schmecken auch besser, aber nun haben sie nicht mehr genug für die Leute im Dorf. Die Pappen kommen immer noch zurück und Johanna füllt sie einmal in der Woche mit Eiern auf, die nicht vom Stall sind, eher vom Netto. Was keiner weiß, macht keinen heiß.

Ihr Mann ist noch in der Garage und Johanna hört sich an, wie Irmgard von ihrem Ronald erzählt. Seine neue Freundin heißt Sonja, zwar keine Pomeranze, aber ein ordentliches Mädchen. Mit 35 noch nicht verheiratet, der Jung. Das gab es bei uns nicht. In dem Alter wurde man in ein anderes Dorf geschickt, man hatte einen Namen und durfte nicht ohne das Mädchen zurückkommen. Und die Frauen haben gewartet, dass einer kommt, der ihren Namen hat.

„Na ja, man hat es ja vorher gewusst, wenn man schlau war.“

„Hanna, kannst wetten. Ich hab meinen Heinz kommen sehen. Das Elend.“ Johanna lacht, weil sie nicht weiß, was sie dazu sagen darf. Sie selbst hat ihren Zukünftigen damals nicht kommen sehen. Und sie hat sich geärgert, weil sie mit siebzehn einen anderen hatte. Wie der Mond auf dem Grund des Kiessees und der andere Mann mit seinem breiten Rücken darin herumschwamm. Ihre Wangen werden immer noch rot, wenn sie sich erinnert, wie er aus dem Wasser kam. Wie überall die Tropfen herunterliefen und sie nicht wusste, wo man hinschauen muss, bei einem wie dem. Der lächelte und sagte irgendetwas, was sie heute nicht mehr weiß. Dann nahm er ihre Hand und sie merkte, dass seine Wassertropfen auf ihr Handgelenk liefen und einmal ganz herum, dann fielen sie auf den Sand. Johanna seufzt laut und die Nachbarin redet einfach in die Mondnacht hi­­nein. Dann kam ­Wilfried Fiebelkorn und hatte ihren Namen auf dem Zettel, saß in der Wohnstube am großen Eichentisch und sagte kein Wort. Ihm gegenüber Johannas Vater Ernst, der auch kein Wort sagte. Ihre Schwestern kicherten, aber es war kein Indianerspiel.

Ihr göttlicher Gatte hat lange gebraucht, um sich an die Schienen und die Flucht zu erinnern, auf der sie sich zum ersten Mal trafen. Den Jungen aus dem Zug hat sie einfach behalten. Ja, sie und keine andere. Ihre Nachbarin redet wieder über Krause und dass der wohl in Thüringen gestorben ist vor einer Weile. War ja nie verheiratet, der arme Mann.

Johanna hat ihre Bluse mit den blauen Rosen an und den steifen, langen Rock, den ihre Tochter genäht hat. Hat sie gut hinbekommen. Sie beugt ihr geschminktes Gesicht über den Zaun und versucht, nicht zur Garage zu schielen. Es wird ihm doch gut gehen. Man kann schon auf kleinen Wegen ausrutschen und sich was brechen, liegen bleiben und dann reden die Weiber ewig am Zaun und keiner hilft. Schnatternd öffnet sich das Garagentor und dahinter erscheint ihr Kerl. Er reibt die Handflächen, als hätte er das Auto eben gebaut. Nachtschwimmer sind keine Männer fürs Leben.

Johanna umklammert die Finger der Nachbarin. Weich und weiß ist sie geworden mit den Jahren. Irmchens Zähne sehen nicht gut aus und die Schürze sollte sie auch mal waschen. „Siehst gut aus“, sagt sie und verabschiedet sich so umständlich, als würden sie sich nicht jeden Tag sehen und als würden sie sich irgendwie mögen. Johanna denkt an den Spätsommer im Kindergarten, wie sie von der Bank aus Irmgard beobachtet hat. Damals vier Jahre mit ihrem riesigen blonden Pferdeschwanz und dem lilafarbenen Pullover mit dem weißen Muster. Solche Sachen sind später in anderen Kindergärten untersagt gewesen, kapitalistische Sachen. Johanna war das egal. Manchmal hat sie markiert, als wäre es ihr irgendwie wichtig gewesen. An jenem Tag hat sie etwas über Kinder im Allgemeinen und Menschen im Besonderen gelernt.

Irmgard stand heulend mit dem Kinderbesen neben dem Sandkasten. Die Kleine schrie irgendeinen Schmerz in Richtung der Kindergärtnerinnen und Johanna brüllte nur, wer da heult. Das Irmchen konnte sie genau sehen, doch das Irmchen antwortete nicht. Deshalb reagierte die Lettmann nicht. So war Johanna, nur weil ein Knirps niedlich war und laut flennte, hatte er nicht Recht. Drei größere Mädchen hörten das Krakeelen und umstellten die Kurze, fragten sie aus. Manchmal fängt so Gerechtigkeit an, manchmal stirbt sie so. Johanna beobachtete einfach weiter. Das große Trio lief zu einem Jungen, hielt ihn fest und bestrafte ihn. Was die Großen nicht wussten, Irmgard weinte nicht mehr, schaute still und sah irgendwie so aus, als würde auch sie etwas über Menschen im Allgemeinen lernen. Der Krieg war gerade aus. Ihr Mann noch verschollen und Johanna kam nicht darauf, was das vielleicht mit ihr zu tun haben könnte.

Johanna geht in die Vorratskammer und schiebt Einweckgläser zur Seite. Hinter einer Stiege mit Trockenfrüchten zieht sie eine Plastetüte hervor. So ein Knoten zerfranst schnell, auch mit alten Zähnen. Sie knistert die Tüte ganz auf. Man kann seinen Schmuck nicht an eine einzige Stelle im Haus legen. Das geht doch nicht. So leicht will sie es denen nie wieder machen, die es mit ehrlicher Arbeit nicht schaffen. Umbringen können sie einen, aber den Schmuck kriegt keiner. In der Tüte steckt noch eine Tüte. Der Faden knirscht, weil die Wolle nicht aufgehen will. Dann zieht sie eine silberne Kette heraus und wiegt sie in der Hand. Die Tüten verschließt sie wieder und überlegt, ob sie die nun woanders hinpackt. Könnte jemand zuschauen von draußen. Könnte jemand durch die Fenster sehen, wo sie ihren guten Silberkram versteckt. Gedankenleer knüllt sie die Dinger zu einem kleinen Bündel. Es rasselt nicht, in der Tüte sind nur noch Ohrringe. Mehr als zwei Stücke hat sie in keinem Versteck im Haus. Man muss erst viel verlieren, um den Wert von solchen Silbersachen zu kennen. Man muss viel verlieren, damit etwas wertvoll wird.

­Wilfried fährt das Auto vor die Garage, ihren fast zwanzig Jahre alten Honda. Ein Auto, das so alt ist wie die komische Republik, in der sie jetzt leben. Nachdem sie Adolf erwischt hatten, dachte ­Wilfried, eine Republik ist etwas Gutes. Da kannst mal mitreden. Da geht’s mal um Menschen. Er war jung, gerade 24 im September 1949. Er hat am Frühstückstisch genickt, als ihm der englische Bauer die Zeitung rüberschob. „Congratulations, Russia took up your home“, sagte er und ­Wilfried sah dem glatzköpfigen Tommy fest in die Augen, weil er darin den Sinn suchte. Aufheben. Aufheben? Vielleicht war er zu jung, jedenfalls verstand er nicht.

Später erzählte ihm einer, dass die Ostzone nun verfasst und dass das Ganze eine Republik ist. Als ­Wilfried auf dem Feld Englisch lernte, verstand er, dass hier jeder etwas gegen Russen hatte. Viele glaubten manchmal, er ist einer. Einer, der nur so tut, als wäre er ein Kraut. Die Frauen fanden, er sieht aus wie ein Räuber oder ein Wilder und versteckt sich hinter seinem Schweigen. Englisches Schweigen ist auch nicht anders als deutsches. Er ist nie einer gewesen, der etwas versteckt, auch kein Räuber. In den nächsten Monaten merkten die, dass er vom Acker mehr versteht als die meisten. Er bekam Freiraum und weniger Misstrauen. Dass Freedom nicht Frieden heißt, vergisst man nie wieder. Irgendwann konnte er in der Kammer schlafen, ohne dass jemand abschloss. Das erste Mal, als er abends dieses Knacken und Knirschen an der Tür nicht mehr hörte: Er hat so angestrengt gelauscht, er vergaß das Atmen. Irgendwann keuchte und hustete er. ­Wilfried vermisste die Heimat und den Krieg, weil es die schönsten Jahre mit seiner Frau waren, eigentlich die einzigen. Er wollte nicht wegschleichen, man ließ ihn gehen und er ging nach Hause.

­Wilfried wischt mit einem Tuch über den Kotflügel und nickt. Sein Auto gefällt ihm so, so sauber. Seine Frau steht daneben und nickt ebenfalls, bevor er ihr beim Einsteigen hilft. Mit einer Hand schützt er ihren Kopf. Sie soll es nicht merken. Würde sich noch alt vorkommen, die Gute. ­Wilfried gluckst leise. Das passiert ihm öfter in letzter Zeit, er vergisst, dass man ein Glucksen hören kann. Seine Gute sieht schön aus, wie sie nickt. Sie nickt, weil sie angeschnallt ist und fertig für die Autofahrt. Er schließt die Tür, zieht das Garagentor zu und steigt ein, ohne seine Angst zu zeigen. Es kann ja nichts passieren, sagt er sich. Nichts passieren, außer sich blamieren. Und sie will er schon gar nicht bloßstellen. Der Hof sieht leer aus und die Reste des Rasens sind zu lang, um noch zu stehen. Graues Gras ist ein Zeichen.

An der Straße ruckt sie so weit nach vorn, wie es der Gurt erlaubt. Sie sagt „Ja“. ­Wilfried fährt auf den Asphalt. An der zweiten Kreuzung sagt sie „Rot“ und „Zwei“. Sie leiht ihm ihre Augen und ­Wilfried blinzelt trotzdem durch die Frontscheibe. Er könnte schwören, da an der Ampel stehen drei Autos, aber er wird nicht mit ihr streiten. Soll sie doch glauben, dass er nur mit ihr fahren kann. Hauptsache, sie fühlt sich sicher bei ihm.

Während der Fahrt nach Torgelow träumt sich Johanna durch die Seitenscheibe hindurch in die Wälder hinein. Kahl sind die Stämme und oben verrenken sich die einzelnen Äste zu einem Muster. Ihr wird immer so kalt, wenn sie zwischen die Bäume sieht. „Die werden euch spüren lassen, was wir ihnen angetan haben.“ Das sagte ihr Bruder, bevor die Russen kamen, bevor sie vor den Russen wegrannten. Entkommen sind sie ihnen nicht. Helmut fehlt ihr, weil sie ihn liebte, weil er der Ältere war. Sie kann sich nicht vorstellen, wie er jetzt mit 91 Jahren wäre. Auch ein Guter, ganz bestimmt. So alt wird auch heute kaum einer, den der Krieg verschont hat. Manchmal würde sie ihm gern von dem Unsinn erzählen, den man heute in den Zeitungen liest. Im Osten gibt es mehr Vergewaltiger, weil die Kindergärten so streng waren oder ohne Gefühle. Der wahre Grund fällt ihr nicht ein. Helmut hätte Briefe an die Redaktionen geschrieben. Er hätte ihr geholfen, als ­Wilfried vor zwei Jahren im Krankenhaus war. Wenn die Kinder kommen, das ist auch nicht das Wahre. Das ist nicht ihr Leben, geht sie eigentlich auch nichts an, wenn sie in der Kammer die Töpfe oder die Pfannen nicht herunterkriegt von oben. Helmut war größer als ­Wilfried, obwohl der schon ein Riese ist. Dünner, gesprächiger und lustiger.

Johanna erschrickt, weil sie ihren Bruder mit einem Gewehr zwischen den Bäumen sieht. Helmut hatte Recht. Die Russen hatten bannig die Wut, als sie hier durchzogen. Sie schaut nach vorn und sagt, dass sie bald da sind. Ihr Mann nickt und sie zupft ihre Bluse zurecht, weil sie gleich jeder sieht.

­Wilfried parkt und geht langsam um den Honda, öffnet seiner Frau die Tür und drückt ihr ein Eurostück in die Hand. Sie geht zu den Einkaufswagen und umklammert den roten Griff, auf dem etwas von „Besser Einkaufen“ steht. Sie versteht nicht, wieso das besser sein soll als früher. Da kamen die noch ins Dorf. Man wusste vorher schon, wann und wer. Man konnte Sachen bestellen und wenn man etwas vergessen hatte, konnte man noch einmal hin. Natürlich gab es weniger, aber heute ist es auch nicht schön. Ein Rad des Einkaufswagens stellt sich quer und knarzt. Sie holt sich trotzdem keinen neuen. Ein bisschen Widerstand ist gut für den Charakter, nicht nur bei Kindern. Ihr Mann steht vorm Eingang und wartet. Er legt seine Hand an den Griff und Johanna löst ihre Umklammerung etwas, lässt aber nicht los. So alt sind wir nicht, dass der Einkaufswagen mit uns fährt. Sie kaufen Eier, Milch, einen großen Sack Kartoffeln. Damals hat sie sich durchgesetzt, sonst müssten sie nicht die schlechten aus den Käfigen nehmen. Sie sagte, die Kartoffeln kommen weg und er hatte nicht einmal die Hälfte retten können. Das ging auch zu sehr auf den Rücken und die Knie, das Ganze.

Am Gemüsestand steht ­Wilfried ewig und betrachtet die Beutel mit den Knollen. Er erzählt etwas von Solanin und merkt nicht, dass Johanna schon zur Wurst weiter ist.

„Solanin?“, fragt ein kleiner Junge. Er steht direkt neben ­Wilfried und schwenkt mit beiden Händen Schaumzuckerwaffeln. Eklig rosa und unnütz. ­Wilfried sieht runter, sucht nach seiner Frau. Sie ist nicht da. Er erklärt dem Kind, dass das ein Gift ist, welches manchmal in Kartoffeln vorkommt. Dadurch schmecken die nicht gut. Der Giftstoff entsteht beim Keimen. Ja, beim Keimen. ­Wilfried erkennt seine Sätze wieder. Er hat es seinen Töchtern genauso erklärt. Es weiß schließlich kaum einer, wie kompliziert Kartoffeln sein können. KnollenWilli haben sie erst zu ihm gesagt, als er nicht mehr Chef der Versuchsstation war. Irgendwann greift er in das Gitter und zieht einen Beutel heraus. 7,5 Kilogramm. Er fällt fast nach vorn, mitten in den Käfig hinein. Keiner lacht. Gegen Eitelkeit hilft auch kein Wetter, denkt er und wartet auf das Auftauchen seiner Frau. Keines der Mädchen wollte in die Landwirtschaft. Auch nicht weiter schlimm. Seine Leute hatten genug Krieg für die nächsten Enkelenkel, vielleicht für immer. Gerade heute kann man doch als Frau in die Landwirtschaft, in die Forschung. Ihm fallen Weiber von früher ein, von der LPG, vom Kader oder vom Büro. Keine von denen könnte seinen Töchtern das Wasser reichen.

An der Kasse fällt ein schweres Gewicht auf ­Wilfrieds Brustkorb. Er steht am Wagen und schaut traurig zu, wie seine Frau die Kassiererin bezahlt. Die Haare seiner Hanna sind zu einem Dutt hochgewallt. Ihr Kopf sieht annähernd so groß aus, wie er sein müsste, weil sie die schlauste Frau ist, die er je kannte. Er atmet langsam, absichtlich, damit das Gewicht weniger drückt. Sie stapeln den Einkauf zusammen in den Kofferraum. Er wartet auf sie.

Im Sommer ’45 war ­Wilfried ein ordentlicher Dämlack. Das ging ihm erst viel später auf. So blöde war er, dass sie ihm gleich fünf Jahre vom Leben geklaut haben. Er wartete am Straßenrand darauf, dass die Laster und die Kutschen vorbeikamen und oben die Sonne nahm auch keine Rücksicht auf Flüchtlinge, auf Verräter oder auf Verbrecher. Er ist aus Viereck weg, weil er den Stoff für das Brautkleid aus Treptow an der Tollense holen wollte. Mit den fünf altertümlichen Pfeifen vom alten Lettmann in den Taschen war er los und kam dann nie beim Schneider an. Unterwegs stolperte man von einer Militärstreife in die nächste. Zuerst die Russen, die lachten, wie Russen eben lachen. Was er denn meint, wo er hinwill. Mecklenburg, hat er gesagt. Aber eigentlich wusste er ja nicht genau, wo dieses Treptow sein soll. Da stand er nun an der pommerschen Grenze und ahnte, dass die Sieger keine Rücksicht auf alte Grenzen nehmen werden. Ein deutscher Laster hielt an und er stieg hinten rauf. Die drei im Fahrerhaus meinten noch, er soll bloß die Finger von den Fässern lassen. Sonst setzt es was. Kamen ihm gar nicht vor wie deutsche Offiziere. Aber wenn einem die Beine so wehtun, dann sieht man nicht so genau hin, wie man müsste. Woher sollte er auch wissen, dass sie schon weit hinter Treptow waren? Das war nicht sein Land und ist es nie geworden. Wenigstens hatten die keine Uniformen mit dem ganzen AdolfKram mehr an. So viel wusste auch ein Dämlack in diesem Sommer. Wer noch mit Adolf rumrannte, war entweder plemmplemm oder lebensmüde, vielleicht auch beides. Die letzte Russenstreife stand in einer Staubwolke und dann jubelten die vorn im Laster so sehr, dass ­Wilfried Bescheid wusste.

Ob die Unruhe nun vom Wind oder vom kaputten Motorgeräusch kam, weiß er nicht mehr. Er klopfte gegen das Fahrerhaus und fragte, ob sie nun bald in diesem Treptow sind. Der Laster hielt und zwei ArmeeGeländewagen stellten sich direkt in den Weg. Wie diese Engländer schon aussahen, irgendwie zu dick und zu fröhlich die ganze Zeit. Durchsuchten den Laster, baten alle rauszukommen und schüttelten nur den Kopf, weil ein Idiot auf der Ladefläche sein eigenes Land nicht besser kannte. Was wusste er denn von Mecklenburg? ­Wilfried der Hinterpommer, Hinterwäldler, Hinterländler. Die Fässer waren voll mit silbernem und goldenem Zeug. Das hatte keiner freiwillig verschenkt. So viel stand fest und ­Wilfried schaute nur zu, als sie die drei Offiziere festnahmen und auf die Jeeps setzten. Der dickste Engländer fragte, ob er auch ein Nazi ist, der nur so tut, als wäre er Civilian. Da begriff ­Wilfried zum ersten Mal, wie blöde man eigentlich sein konnte.

Statt Seide für seine Hanna holte er in diesem Mecklenburg nur Handschellen und tausend Vierecke im Maschendraht. Er konnte es tausendmal sagen, dass er wirklich „nix Nazi is“. Es half nichts. Dann der Zug, das Schiff und auf einmal hatte er viel Zeit für die genovische Konvention. Die Zettel hatten die Briten ja überall aufgehängt, damit auch jeder merkte, wer die echten Verbrecher waren. Genf hin oder her, ­Wilfried hat die Buchstaben „p“, „o“ und „w“ nie wieder vertragen, ohne sich blöde vorzukommen. Seit damals ist jede noch so schöne Braut ein verfluchter Vorwurf. Ja, er schämt sich regelrecht bei weißen Kleidern.

Johanna sieht Martha Goede vor dem Markt. Sie kommt direkt auf sie zu und sie erkennen sich. Als Kind ein fabelhaftes Ding, als Mädchen schwierig, haben die aus der Schule gesagt. Johanna meint, dass manche für ihre Eltern und ihre Familie wirklich nichts können. Wie geht es Ihnen? Ganz gut. Was macht der Mann? Haben Sie nicht vor Kurzem wieder geheiratet. Ja, es ist der Zweite, auch nicht besser als der Erste. Das mit dem Scheidenlassen ist eine unartige Sitte dieser Zeit. Die kann vielleicht selbst etwas dafür, dass ihr Mann ständig herumgehurt hat. Sie steht vor ihrem Kindergartenkind, das größer und nicht lieber geworden ist. Goede mit einer Tüte an der Seite. Die Bluse steht ihr nicht und der Hut ist wirklich übertrieben. Arbeit hat er noch? Das ist schwierig geworden. Ständig zum Amt, da hatte er auch keine Lust drauf. Er hat wieder etwas gefunden. Achso. Johanna lächelt und weiß noch, wie sie gehört hat, dass das Mädchen zwei Kinder verloren hat während ihrer Schwangerschaften, zwei vom ersten Mann. Da kann man nichts machen, wenn es nicht sein soll. Die Kinder vom Neuen hat sie bei sich behalten. Vielleicht haben manche Männer den Krieg in ihren Körpern mit nach Hause gebracht und alles, was sie dann gezeugt hätten, wäre Krieg gewesen. Johanna fragt sich, wieso die Natur nicht immer so gut aufpassen kann, dann gäbe es mehr Frieden.

Die Goede erkundigt sich nach den Töchtern. Sie kennt sie schließlich, hat mit den beiden Großen im Dorf gespielt. Mein Gott, da musste man sich noch Sorgen machen, dass die nicht randalieren. Ihr Sohn soll nun im Gefängnis sein, hat Johanna gehört. Sie fragt nicht danach. Er soll zwei Touristen ins Krankenhaus getreten haben. Woher diese Wut kommt, wenn nicht von den Vätern. Das hat sie im Kindergarten schnell gelernt, dass die auffälligen Kinder, die weniger fabelhaften, immer ihre Vergangenheit tragen, die nicht ihre Natur ist. Johanna glaubt an Gott, aber manchmal sagt sie Natur zu ihm.

„Sie können doch nächste Woche wirklich mal vorbeikommen, Frau Fiebelkorn.“

„Ich weiß nicht.“ Der Mann wartet am Auto und sieht leider nicht so aus, als würde er gleich ungeduldig werden.

„Wir werden immer weniger, wissen Sie? Und so richtig Spaß macht es erst, wenn viele da sind. Sie waren doch schon zwei Mal da, trauen Sie sich ruhig.“

„Das ist nett, dass Sie mich einladen, Martha. Aber …“

„Nicht. Sie kommen?“

„Am Dienstag, beim Bürgermeister?“

„Ja, Gemeindehaus. Sind viele Frauen, die kennen sie von früher.“

Johanna verabschiedet sich. Erleichtert dreht sie sich zu ihrem Mann und dem Auto um. Als wäre das etwas Gutes, wenn man viele von früher kennt. Ihre Freunde gibt es nicht mehr, zumindest nicht in diesem Leben. Sie überlegt auf dem langen Weg über den Parkplatz, ob sie zu diesem Würfelnachmittag gehen soll. Wenn sie nicht hingeht, reden die wieder. Was zieht sie an? Sie steigt mit der Frage ins Auto. Ihr Mann hält ihr die Tür auf und irgendwie atmet er schwer, vielleicht ist er doch wütend.

Dann fahren sie zurück. Er fährt. Sie schaut. ­Wilfried weiß noch, wie sie bei Sophia am Bett saß. Das Mädchen war vier Jahre alt, älter wurde sie nie. Sie zog die Bettdecke bis zum Kinn des Kindes und sagte, dass Lesen wichtig ist.

„Man kann nicht alles auf einmal wissen. Aber wenn du liest, kannst du überall sein.“

Sie fragte ihre Tochter, wo sie sein wollte. Die Kleine sagte „Nordpol“ und Hanna hat eine Eskimogeschichte gelesen. Wie winzig das Ding in dem Bett aussah und wie oft sie da gesessen hat. Eine Schande ist das, denkt ­Wilfried. Einfach eine Schande. Das hatte seine Frau nicht verdient und das Mädchen schon gar nicht. ­Wilfried hat vergessen, wie die Ärzte es nannten. Es war so ähnlich wie Blutkrebs. Ein Kind und Krebs, komische Zeiten waren das.

Zuhause räufelt Johanna einige Pullover auf, aus denen die Enkel rausgewachsen sind. So etwas hört nie auf. ­Wilfried sitzt im Sessel und sieht, wie der Wind auf die Baumreihen drückt. Drei Ahornbäume haben sich da zwischen die Pappeln geschummelt. Lewenhagen wollte die Dinger wegnehmen. Zum Glück haben die Leute damals noch auf ­Wilfried gehört. Nein, nein, in die Politik, nur das nicht. Das Gewicht auf seiner Brust lässt langsam nach, wenn er so ruhig herumsitzt. Manchmal sollte man darüber nachdenken, wie lange man es noch schafft. Aber das würde doch nichts ändern. Er beugt sich im Sessel nach vorn und sagt etwas über das Wohnzimmer. „Wir sollten hier mal streichen.“

Johanna blickt sich um. Die Ecken zur Decke sehen grau aus, wo sie weiß sein sollten. Der Putz ist schön und grob. Der hält noch hundert Jahre, denkt sie.

„Wie willst das machen?“

„Na, grün oder so.“

„So wie die Kinder.“

„Warum nicht?“

„Ich mein ja nur.“

„Grün.“

„Wann?“

„Morgen.“

„Wenn du meinst.“ Ihr Mann nickt und sie zieht die dreifachen Wollfäden aus den Sachen. Es hackt manchmal und rebelliert. Sie rupft einmal ordentlich und der Faden bleibt ganz, der Pullover nicht. Das ist der Widerstand. In seinem letzten Hemd braucht man keine Taschen. Das hat sie nie verstanden, was mit dem Spruch gemeint sein soll. Sie springt plötzlich hoch, wirft die Wolle aufs Sofa und geht in die Küche. Im Sessel schläft ihr Mann schon. Er schnarcht im leeren Zimmer weiter, also schnarcht er nicht für sie. Mit einem Finger blättert sie im Kalender am Kühlschrank und verharrt bei einem Datum. Ja, Moni und die Kinder wollten wirklich kommen. Woher erfährt sie nun, ob heute der 7. Oktober ist oder nicht? Sie hat überhaupt nichts vorbereitet. Wie sie ihre eigene Mutter dafür gehasst hat, dieses andauernde Vorbereiten.

Kinder, geht euch umziehen. Kinder, macht die Knie zusammen. Kinder, wenn ihr heute streitet, geht’s in die Kammer. Als kommt man dort nicht hinein, wenn man an einem anderen Tag streitet. Auf dem Boden liegt die Zeitung, die ­Wilfried heute nicht einmal angeschaut hat. Sie bückt sich, ach der Rückenschmerz, und legt sie auf den Tisch. Tatsächlich, so weit ist es mit ihr schon. Nachher kommen die Kinder. Zum Glück waren sie vorhin einkaufen. Beim Kneten des Kuchenteigs denkt Johanna komische Sachen, was wohl am Tag oder am Wetter liegt. Sie geht mit ihren mehligen Händen vor dem Bauch ins Wohnzimmer und atmet auf, als sie ihren Prachtkerl schnarchen hört. Tote schnarchen nicht.

3.

Johannas Tochter schiebt ein Glas Wasser auf dem Tisch hin und her. Sie hat ihr Bein angewinkelt und sitzt darauf wie ein halber Schneider. Johanna mochte es nie, wenn ihre Tochter so sitzt. Doch da sind Dinge, die selbst eine Kindergärtnerin nicht ändern kann. Dafür kann die Mutter nicht immer etwas, wenn sich die Kinder das woanders herholen. Die Männer sind im Garten und die Tochter erzählt, dass ihre Großen nun in der Werbung sind. Zwei Kinder wie ein Wind sind das. Die hält es nicht lange an einem Ort, bei einer Arbeit. Solche Menschen taten Johanna immer leid und nun hat sie solche als Enkel. Was soll sie als Oma schon sagen, wenn die nicht einmal auf ihre Mutter hören?

„Wie alt sind die Jungs denn jetzt?“

„Mama, das weißt du ganz genau.“

„Und wenn nicht? Ich frag doch nur.“

„25 sind sie.“

„Ja.“

„Mama, ihr solltet die Hühner loswerden.“

„In ihrem Alter hast du noch lange studiert.“

„Mamaaa.“

Ihre Tochter schüttelt den Kopf, steht von ihrem Platz auf. Es fällt ihr schwer, weil sie einen Schaukelstuhl nicht gewohnt ist. Natürlich weiß sie, dass nur Ehrengäste in dem alten Ding sitzen dürfen. Eine der wenigen Sachen, die sie aus dem Schloss retten konnten, bevor die Flammen im Flur den Feuerkäfig zumachten. Darin blieb viel von früher zurück, Tante Gerda und die drei Rohstocks. Die hat es im Schlaf erwischt. Es hilft nichts, wenn man sich einredet, dass die qualvoll eingesperrt und bei lebendigem Leibe verbrannt sind. Ihr Mann hat den Stuhl und die Fotos gegriffen. Er hätte selbst die Bilderalben liegen gelassen, wenn sie nicht so laut danach geschrien hätte. Sind doch unsere Eltern und die Eltern von denen drin. Die kannst doch nicht liegen lassen. Johanna nahm die Geldbüchse, Sophia auf den Arm und Moni an die Hand. Manchmal ist sie wütend, noch heute. Er läuft wirklich in die Bibliothek und nimmt nicht ein Buch mit. Er greift sich dieses doofe Holzgerippe von Stuhl. Das soll einer verstehen.

Ihre Tochter hat nichts von ihrem Wasser getrunken. Sie geht um den Wohnzimmertisch und stellt sich dicht neben Johanna. Sie reden nicht mehr über Hühner oder Enkel. Sie umklammert Johannas Kopf mit beiden Armen und drückt ihn an sich. Mensch, war das früher ein flottes Mädchen. Der Bauch an ihrer Wange ist weich, mit den Jahren wird vieles weich. Sie hört die Stimme kaum, weil die Hände durch ihre Haare gleiten und weil Finger die Stirnfalten streicheln. Da streichelt einen die Tochter und es fühlt sich an wie bei der eigenen Mutter. Johanna könnte weinen. Weil es Moni gut geht, weil sie gesund ist, weil sie hier steht und sie festhält. Sie haben alles überstanden und er ist zurückgekommen. Alles ist so richtig.

Johanna kann sich an einen Winterabend erinnern, an dem der Tochterbauch noch nicht weich war. Moni bettelte: Mama, komm ins Badezimmer. Mama, sieh doch nur. Sie stand da, siebzehn Jahre alt, und tätschelte ihren Bauch, dieses flache Ding. Eigentlich wollte sie nicht, nicht hineingehen. Wieso soll sie da hinein? Mütter gehen nicht ins Bad, wenn die Kinder drin sind. Wenn man zehn wird, wird das anders und hat auch so zu sein. Sie ließ sich trotzdem überreden und sah den Rücken ihrer Tochter im Spiegel. Johanna wollte erst schimpfen, tat es dann nicht. Das Mädchen hatte die schwarze, gute Unterwäsche aus dem Schrank genommen.

„Mama, ich kann Geld für uns verdienen.“ Als hätten sie das gebraucht. Die Kleine drehte sich vor dem Spiegel und legte den Kopf in den Nacken.

„Ich werde Bilder machen lassen“, sagte sie und Johanna verstand erst nicht, wovon ihre Tochter redete.

„Du meinst so Schweinkrambilder?“

„Nein, Kunstbilder.“

„Nackischer Kram für die Männer, oder was?“ Die Tochter war so überzeugt davon. Johanna brauchte ihre Zeit, um es richtig zu verstehen.

„Na, du bist echt schön. Das steht fest.“ Es waren nur Flausen eines Mädchens. Sie wollte die Eltern schocken. Stand da mit ihrem glatten Bauch. Die Brüste waren gerade erst gewachsen und schon wollte sie die den Männern hinlegen. Johanna weiß nicht mehr genau, wie sie ihrer Tochter diesen Quatsch ausgeredet hat, ohne dass ihr Vater es merkte. Bei dem hätte sie diesen Test mal machen sollen, dann hätte es Ärger gegeben. Sie hat ihrer Tochter keine gefeuert, sondern von Männern und Monstern erzählt. Sie hat gesagt, dass man manche Sachen einfach nicht mehr umdrehen kann. Die sind angeschoben und dann krachen sie einfach weiter und es kann sein, dass man plötzlich davorsteht, vor dem rollenden Schweinkram. Moni in einem Ferkelmagazin, das fehlte ihr noch. So eine Schönheit ist nur für einen Mann da und der hat ein ganzes Leben dafür zu bezahlen.

Johanna sieht ihre eigenen Finger auf den weißen Ellenbogen der Tochter. Irgendwann hat man jede Schuld bezahlt.

„Es geht euch doch gut, Mama?“

„Wir sind alt.“

„Und Papa?“

„Der kann noch. Immer noch komisch wie immer, die Stube. Die Stube will er neu haben.“

„Was?“

„Na, so Ideenzeuch. Das Wohnzimmer neu machen will er.“

„Komm, wir gucken.“ Ihre Tochter greift nach unten und zieht Johanna aus dem Stuhl, stellt sie einfach mitten in den Raum. Fürs Schauen hätte Johanna nicht aufstehen müssen. Ihre Tochter findet es offizieller. Klar, eine Studierte hat sie groß bekommen. Eine, die keinen völlig verkorksten Männersinn hat, eine gute Mutter, soweit sie das sehen kann. Eine, die sich ins Wohnzimmer der steinalten Fiebelkorns stellt. Moni läuft nickend einen Kreis im Zimmer. Sie sagt, dass er eigentlich Recht hat.

„Also? Bist du dagegen?“, fragt sie.

„Ach, lass mal, Moni.“

„Wir können das doch machen. Gerhard hat gerade Zeit und ich nächste Woche Urlaub. Außerdem wäre es doch schön, wenn wir mal wieder hier wären, alle.“

Eigentlich will Johanna das Brimbamborium nicht haben. Das ist doch die ganze Aufregung nicht wert, nur weil ein alter Mann sich einredet, Grün wäre irgendwie gut. Durch deine Wohnung wirst auch nicht wieder jung. Im Garten poltert es metallisch. Männersachen klingen anders.

„Herr Höfs, das schaff ich noch ganz gut.“ ­Wilfried versucht, es nicht zu laut zu sagen. Er hat keine Ahnung, ob er noch schreien könnte, so wie früher. Der Satz gelingt freundlich. So wie ein „Lass mich in Ruhe“, wenn man eigentlich will, dass der Andere Frühstück macht.

„Lass mich doch. Ich bin zwar Künstler, aber so weit reicht es noch.“ Gerhard, der Bildhauer. Grabsteine, das könnte ­Wilfried noch verstehen. So hat der Junge angefangen und dann wurde es Kunst, wie er es nennt. Komische große Statuen, die keinem ähnlich sehen. Sein Schwiegersohn zieht stark am Rasenmäher. Die Maschine bockt und stockt. Schließlich hebt der Junge sie an, kriecht auf den Rasen und greift in die Messer. Der Motor ist in Ordnung, sagt er. Die Messer sind aber Stumpen. Die verdienen ihren Namen wirklich nicht mehr. Als würde ­Wilfried das nicht wissen. Ganz gut, dass der Bursche nicht mitkriegt, wie sich ­Wilfried umdreht nach einem Platz zum Hinsetzen.