Ein flammender Engel unendlicher Traurigkeit - Simon Lee Küsters - E-Book

Ein flammender Engel unendlicher Traurigkeit E-Book

Simon Lee Küsters

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Beschreibung

Der ehemalige Psychologe Dr. Atlantian scheint genesen und kann nach vielen Jahren die Nervenheilanstalt Allerseelen verlassen. Er findet in der Universitätsbibliothek der benachbarten Stadt Rhinael eine neue Tätigkeit. Doch seine Vergangenheit holt ihn ein, als eine junge Frau verschwindet und er daraufhin unaufhaltsam in eine Welt dunkler Mythen gezogen wird. Mit Hilfe der Altertumsforscherin Professorin Madeleine Landwehr muss er die Geheimnisse um seltsame Entführungen, mysteriöse Brände und verführerische Fabelwesen lösen - und dabei aufpassen, nicht selbst dem Wahn zu verfallen!

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Seitenzahl: 124

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Dr. Hoirium Atlantian hat nur einen Wunsch: nach langen Jahren in der Nervenheilanstalt Allerseelen wieder ein normales, geregeltes Leben zu führen. Dies scheint ihm sogar zu gelingen, als er als Bibliothekar für die Universität Contativida angestellt wird. Doch in seiner Vergangenheit gibt es ein dunkles Geheimnis: wie kam es zu dem Brand in einem alten Landhaus auf einer einsamen Lichtung? Während er versucht, ob der immer unheilvolleren Ereignisse in der alten Stadt Rhinael nicht dem Wahn zu verfallen, beginnt er sich zu verlieben – in eine geheimnisvolle junge Frau, die sich in tiefen, wundersamen Wäldern heimisch fühlt!

Dr. Simon Lee Küsters studierte Germanistik und Wirtschaftsgeschichte und promovierte über die Literatur der Klassischen Moderne. Er lebt im Rheinland.

Meinen Eltern und meiner Schwester gewidmet

Inhalt

Prolog

Die Dryade

Der Wahn

Das Verbrechen

Die Zuflucht

Der Widerstand

Das Feuer

Die Liebe

Das Kind

Der Frieden

Die Erlösung

Epilog

Prolog

Die dunklen Wolken lagen schwer über dem Horizont des beginnenden Abends, und das letzte feurige Rot des Himmels würde nun ins Blaue und letztendlich ins Schwarze wechseln. Der Regen hatte fast sämtliche Menschen vertrieben; nur vereinzelt waren sich schnell ihrem Heime entgegenstrebende Gestalten auszumachen. Nach und nach gingen die Lichter der einsam wirkenden Häuser an und erhellten die vor Nässe glitzernden Straßen und Gassen. Etwas abseits der ruhenden Stadt lagen Kirche und Friedhof; dahinter schlängelte sich ein einsamer Pfad die Hügel hinauf, um im sich ausbreitenden Wald zu verschwinden. Wäre jemand anwesend gewesen, würde diese Person von den Vorgängen zu berichten haben, welche die meisten Menschen veranlassen würden, diesen Wald für lange Zeit zu meiden. Doch so erscholl ungehört der Ruf aus dem Dunkel der Bäume …

I.

Die Dryade

Er war frei. Obgleich seine Nerven noch zerrüttet und sein Gemüt belastet waren, bekam er die geradezu feierliche Erlaubnis, die Nervenheilanstalt Allerseelen zu verlassen; nicht ohne die warmen, ja tatsächlich wärmenden Worte der Leiterin und anschließend seiner Pflegerin zu vernehmen, welche über die Jahre einen Teil seiner Geschichten und Albträume mittrugen. Wieder im Leben angekommen, fand er überraschend schnell eine Tätigkeit in der Bibliothek der altehrwürdigen Universität Contativida der benachbarten Stadt Rhinael, und die gleichförmigen Abläufe zwischen den Bücherregalen und auf dem Gelände des Campus’ förderten, dass sich sein mentaler Zustand stabilisierte.

So hätte er ruhig und unaufgeregt weiterleben können, wenn ihn seine Vergangenheit nicht eingeholt hätte.

»Dr. Atlantian, da ist jemand, der mit Ihnen sprechen möchte.« Die Stimme der Bibliotheksleiterin Frau Arc war ruhig, aber unüberhörbar in der Ruhe des Lesesaals zu vernehmen.

Der bullig wirkende Mann mit Vollbart neben ihr, der sich als Polizeioberkommissar Lux vorstellte, begrüßte ihn mit kräftigem, souveränem Händedruck und sie gingen gemeinsam in AtlantiansBüro. »Ich möchte Ihnen nur ein paar Fragen stellen, im Zusammenhang mit einigen aktuellen Vorkommnissen, zu denen wir ermitteln«, begann Oberkommissar Lux.

»Ja …, sicher«, erwiderte Atlantian etwas unsicher.

»Sie waren vor vielen Jahren als Zeuge bei den sogenannten Solstitium-Morden, bei denen eine Frau und ein Mann ums Leben kamen, zugegen. Sie hatten der Polizei das Versteck der Geiseln, ein altes Landhaus im nahegelegenen Wald, mitgeteilt. Sie wissen, was mit dem Entführer geschah, bevor wir ihn ergreifen konnten.«

»All dies habe ich versucht zu vergessen«, dachte Atlantian und stellte fest, dass sein Herzschlag weiterhin ruhig war, eine von vielen Besserungen.

»Glücklicherweise«, fuhr Lux fort, »waren die damaligen Ermittler genau im richtigen Moment zur Stelle, bei diesem alten Landhaus, meine ich.«

»Vergessen …«

»Nun, ich brauche Sie ja sicherlich nicht daran zu erinnern. Nun hat sich folgendes Bemerkenswerte entwickelt: Auf dem Gedenkstein, der unweit der Trümmer errichtet worden ist, wurde eine Halskette aus Silber gefunden. Eine Halskette, die, wie sich herausstellte, der kürzlich vermissten Frau Arboria gehört. Sie haben davon sicher in der Zeitung gelesen.«

Atlantian blieb ruhig und unbewegt. »Und, wie kann ich Ihnen helfen?«

»Ich möchte, dass Sie mitkommen zu der Stelle, an der die Kette gefunden worden ist.«

»Warum? Glauben Sie, dass ich etwas damit zu tun habe?«

»Das weniger. Ich glaube allerdings, dass Sie damals mehr gesehen haben, als Sie ausgesagt haben. Und jetzt eine Hilfe sein könnten.«

»Und wenn ich kein Interesse habe? Sie können mich nicht zwingen.«

»Nein, das kann ich nicht.«

»Nun, dann muss ich Ihnen eine negative Antwort geben. Ich habe damit abgeschossen.« Atlantians Stimme klang jetzt klar und sicher.

»Tja«, seufzte Lux, »da kann man nichts machen. Sollten Sie es sich anders überlegen, rufen Sie einfach in meinem Büro an.«

Die beiden Männer erhoben sich. »Einen guten Tag, Herr Oberkommissar«.

»Ihnen ebenso, Herr Doktor«, und damit ging er aus der Tür.

Blitze und Regen kamen vom Himmel. Das durchnässte Gras, das einsame Gebäude auf der Lichtung. Aber niemand zu sehen, nur die lauernden Bäume. Und die Schreie, wie so oft. So viele Nächte, bis er erwachte. So auch diesmal.

Freitag Nachmittag. Er stand vor dem Büro von Prof. Dr. Madeleine Landwehr, Altertumsforscherin und wahrscheinlich die einzige Person, die seinem Interesse für unkonventionelle Mythologie etwas abgewinnen konnte. Trotzdem zögerte er zu klopfen; vielleicht, weil es jetzt um etwas sehr Konkretes ging, um mehr als nur um eine Erzählung.

Professorin Landwehr begrüßte ihn mit ihrem typischen süffisanten Lächeln. »Ahh, der Herr Doktor rerum naturalium, oder sollte ich besser sagen Doktor philosophiae? Was verschafft mir denndie unerwartete Ehre Ihres Besuchs, Hoirium? Sie lassen sich die ganze Woche nicht blicken. Wohl viel zu tun zwischen Ihren Regalen?«

»Madeleine, wenn Sie etwas Zeit haben, würde ich gerne Ihre Meinung über Dryaden hören. Und ob es Vorkommnisse gab, bei denen sie sich gegen Menschen erhoben haben.« Die Professorin lehnte sich zurück und schlug die Beine übereinander. »Nun, wie Sie sicher ebenfalls wissen, sind Dryaden griechisch mythologisierte Baumgeister, Baumnymphen genauer gesagt.«

Atlantian rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. »Gibt es in der Chronik von Rhinael Erzählungen im Zusammenhang mit Dryaden? Vielleicht Legenden …«

»Ich kenne Sie ja mittlerweile gut genug, um zu wissen, dass es Ihnen mit solchen Fragen ernst ist«, sagte Professorin Landwehr bedächtig, »Aber verwechseln Sie mich bitte nicht mit einer Spezialistin für Sagen und …«

»Nein, natürlich nicht«, unterbrach er schnell, »Ich meine, gab es historische Auffälligkeiten bezüglich des Zeitgeschehens in unserer Stadt?« (Gut, das war jetzt nicht viel besser.)

»Na, das hört sich doch schon deutlich passender an.« Wieder das Lächeln, diesmal zufrieden. »Ich schaue mal für Sie nach. Vielleicht finde ich ja etwas Interessantes für Sie, aber Sie erzählen mir dann auch, wie sich so eine Dryade ausnimmt.«

Sonnenuntergang. Entgegenkommender Wind aus Süden. Zögernden Schrittes, auf Höhe der Kirche. Baufällig, fast heruntergekommen; und trotzdem eindrucksvoll. Tatsächlich, Ehrfurcht einflößend. Dahinter, der Friedhof; Licht und Schatten …

Atlantian wagte sich den schmalen Pfad hinauf. Die Gräser wurden höher und wuchernder; dann erschienen die ersten Bäume, einladend, den Weg weisend. Der Weg wurde zunehmend schlammiger und schmaler. Seltsam, wie schlafwandlerisch sicher er sich an die richtige Richtung erinnern konnte, als sich der Pfad im Morast des nun ausbreitenden dichten Waldes verlief.

Unbehagen und Vertrautheit bemächtigten sich seiner, als er auf die Lichtung trat, wo einst das alte Landhaus stand. Der hoch aufragende, aber schlicht gehaltene Gedenkstein erinnerte an die beiden Opfer des Brandes. Doch unweit davon waren blau schimmernde Blumen gepflanzt worden, welche die Form jenes Zeichens nachbildeten, das die Unendlichkeit symbolisiert. Ihm fielen die letzten Worte jenes Mannes ein, der in der Nacht der Sommersonnenwende auf dieser Lichtung eine Feuersbrunst entfachte und anschließend seiner Verantwortung entkam.

»Dies ist nur der Übertritt in eine andere Sphäre. Das Feuer verwandelt uns. Und in anderer Form werden wir wiederkehren. Auf immer und auf ewig.«

Samstagmittag waren im Café Sanatio noch nicht viele Gäste anzutreffen. Den Besucher empfingen freundliche Bedienungen und leises Klavierspiel. Die helle, geschmackvolle Einrichtung mit den Leuchtern unter den hohen Decken lud zum Verweilen ein.

Atlantian setzte sich auf seinen bevorzugten Platz am Fenster, bestellte frisch gebrühten Kaffee mit Apfelstrudel und schlug die Rhinael Sententia auf. Über die vermisste Frau Lavandria Arboria war nichts mehr zu lesen; dafür gab es zu viele seltsame Vorkommnisse in der Stadt. Er blickte aus dem Fenster in Richtung der dunklenFluten des Flusses Rhane, der die Stadt in Nord und Süd teilte. Die Sonne war hinter dunklen Wolken verborgen und Gewittergrollen machte sich bemerkbar.

Eine junge Frau im dunkelblauen Kostüm trat ein und setzte sich an den Tisch nahe des Kamins. Von hinten sah man ihr kastanienbraunes Haar, welches locker über den Kragen ihrer weißen Bluse fiel. Andächtig blickte sie in die Flammen des Kamins und hing ihren Gedanken nach. Sie schien nicht lange bleiben zu wollen; nachdem sie ihren Kaffee getrunken hatte, rief sie den Kellner mit leiser, aber bestimmter Stimme, bezahlte und wandte sich kurz um, nach ihrem schwarzen Schirm greifend. Atlantian fiel die Kette auf; das matt schimmernde Silber. Ruhig und bedächtig verließ sie das Café; Atlantian klemmte sich seine Zeitung unter den Arm, legte zwei Geldscheine auf das weiße Tischtuch und stand auf.

Vor dem Café sah er sich nach ihr um; sie ging Richtung Hauptstraße. An der Ecke zu dieser stand die Buchhandlung Historiarum, welche eigentlich ein Antiquariat war. Er betrat das Geschäft und sah sie hinter einem Bücherregal, in ein großes, alt anmutendes Buch vertieft. Der Antiquar befand sich in einem Gespräch mit einer Kundin und nickte Atlantian nur kurz zu. Dieser überlegte, dann ging er in ihre Richtung. Sie sah von ihrem Buch auf – Δρυάδες – und schaute ihn aus ihren eisgrauen Augen fragend an.

»Entschuldigen Sie bitte, aber kennen wir uns?«, fragte Atlantian.

»Nein, nicht dass ich wüsste«, antwortete sie mit unbewegter Miene, aber nicht unfreundlich.

»Sehen Sie«, begann Atlantian, »vor einigen Jahren gab es hier einen Großbrand, genauer gesagt im Norden der Stadt, in der VillaArboria. Bei diesem Brand kamen der Hausherr und seine Gemahlin ums Leben. Allerdings überlebten die beiden Zwillingstöchter Lavandria und Ailarya. Ich habe damals beide psychologisch betreut.«

Keine Regung in ihrem Gesicht, nur höfliche Aufmerksamkeit.

»Warum ich Sie so direkt anspreche, ich meine, Sie als eine der Töchter wiederzuerkennen.«

Sie schlug bedächtig das Buch zu. »Hören Sie, selbst wenn dies wahr sein sollte, denken Sie nicht, dass ich dann damit nicht mehr behelligt werden möchte?« Sie wandte sich zum Gehen. »Lassen Sie mich in Ruhe, mir ist nicht wohl dabei, verstehen Sie?«

»Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten; es ist nur so …, vor einigen Tagen ist doch Ihre Schwester verschwunden; nur ihre silberne Halskette wurde gefunden, auf dieser Lichtung …« Nun war ihr Blick klar und durchdringend. »Ich wünsche Ihnen einen guten Tag.« Doch im Gehen wandte sie sich noch einmal zu ihm um, und in ihren grauen Augen schien ein Glitzern zu liegen. »Das Feuer hat sie geholt. – Auf immer und auf ewig …«

Atlantian fasste einen Entschluss. Kurz vor Schließung der Geschäfte erstand er in einem Laden unweit seiner Wohnung einen Rucksack, Taschenlampe, Spiritus, Streichhölzer und einen Spaten. In seiner Wohnung – nahe dem südlichen Ufer des Flusses gelegen – holte er seine alte Pistole nebst Munition aus der Schreibtischschublade und packte alles in den Rucksack. Der Wind frischte auf und trieb die Wolken vor sich her, erste Tropfen kamen vom Himmel. Die Lichtung …, das war das Einzige, woran er jetzt denken konnte, undso ging er schnellen Schrittes Richtung Süden, zum Kirchfriedhof und den dahinter liegenden Hügeln. »Das Feuer verwandelt uns …«

Er erreichte die Lichtung, es war noch hell genug, um problemlos den Gedenkstein auszumachen. Errichtet an der Stelle, wo früher der Zierbrunnen des alten Landhauses stand. Er zögerte …, »werden wir wiederkehren …« Der Regen prasselte nun auf das feuchte Gras, der Wind heulte auf und ließ die Äste der schauerlich dunklen Bäume tanzen.

Der Spaten glitt tief in die lockere Erde; die Blumen waren schnell zerstört. »Auf immer und auf ewig …« In einem halben Meter Tiefe stieß er auf etwas Hartes, es hörte sich wie ein hölzernes Behältnis an und ein Schauer lief über seinen Rücken. Er kam jedoch nicht dazu, Genaueres zu entdecken. Mit einem heftigen Ruck glitt die Klinge in seine Seite. Er fühlte keinen Schmerz, nur die Auswirkungen des Schocks, dann wurde ihm schwarz vor Augen –.

Er erwachte vom Schein seiner Taschenlampe, die von einer mitfühlend dreinblickenden Frau gehalten wurde. Sie hatte das gleiche kastanienbraune Haar und die gleichen ausdrucksvollen Augen wie die Frau von heute Mittag; nur waren die ihren von einem schimmernden Grün erfüllt. Ruhig, fast andächtig sah sie ihn an. Der Schmerz war schwer auszuhalten, doch gewahrte er nach und nach, dass er nicht gefährlich verletzt war.

»Wer sind Sie?«, stieß er unter zusammengepressten Zähnen hervor und wollte aufstehen. Keine Antwort. Erst jetzt bemerkte er, dass die frisch ausgehobene Grube verschüttet war und der Gedenkstein in Flammen stand. Hoch loderte das Feuer und war weder durch den Regen noch durch den nun peitschenden Wind zu bezwingen.

Die Frau kam näher und beugte sich zu ihm nach unten, gab ihm die Taschenlampe und flüsterte ihm ins Ohr: »Die Chimäre meiner Schwester – die Dryade; aus einer anderen Sphäre – und wir werden wiederkehren«. Dann wandte sie sich um, schritt über die Lichtung und verschwand im Dunkel des Waldes.

Es war lange her, dass er die Kirche von Rhinael besucht hatte. Aber an diesem Sonntagvormittag war es wie Balsam, den Chören des Barock zu lauschen; auch wenn er selbst nicht mit einstimmte … »sol per pietà«. Die Wunde war verbunden, es hatte fast etwas Erweckendes hier zu stehen. Die Erhabenheit des Kirchenschiffes, der Schein des Sonnenlichtes … »la libertà –«. Die Augen des altehrwürdigen Pfarrers schienen auf ihm zu ruhen, wie ein besänftigender Trost.

Vor der Kirche traf er mit Professorin Landwehr zusammen, die ihn überrascht ansah. »Na, das ist ja eine Überraschung. Ich wusste gar nicht, dass Sie unter den Gläubigen wandeln. Oder haben Sie sich verlaufen?«

Atlantian kam nur unwillig ins Diesseits zurück. »Vielleicht habe ich mich tatsächlich verlaufen. Jedenfalls war mir einfach danach.«

»Nach was? Seelenheil?« Wieder das süffisante Lächeln. »Wenn ich auch nichts für diesen Teil Ihrer Sehnsucht tun kann, so bin ich doch in der Lage, Ihrem Drang nach Wissen unterstützend beizuwirken. Ich habe in der Chronik unserer schönen Stadt etwas zu Ihren wunderbaren Dryaden gefunden.«

Atlantian horchte auf. »Sie sehen mich zutiefst gespannt.«

Die Professorin machte eine aufgeräumte Geste. »Dann lassen Sie uns doch auf dem Friedhof spazieren gehen.«

Sie liefen nebeneinander her und Professorin Landwehr erzählte von frühen Erzählungen der Bewohner Rhinaels über die Geister des Waldes, die immer wieder gesichtet wurden; natürlich ohne, dass es eindeutige Dokumentationen dieser Begegnungen gab. Es gab auch zahlreiche Geschichten über dunkle Absichten, über unheimliche Auswüchse dieser Wesen; die Professorin konnte aber keine direkten Fälle von schadhaften Zusammenkünften zwischen Dryade und Mensch schildern. »Außerdem sind Dryaden von je her Opfer und keine Täter gewesen. Es sei denn, jemand würde ihrem Baum Leid zufügen. Grundsätzlich sind aber Dryaden nicht für Verbrechen gemacht, da sie sich nicht allzu lange und allzu weit von ihrem angestammten Baum entfernen können.«