Inhaltsverzeichnis
Buch
Autorin
Lob
I
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Copyright
Buch
Von der Sucht perfekt zu sein: Die Journalistin Anna Winter hat scheinbar alles, wovon Frauen träumen. Einen wunderbaren Beruf, einen interessanten Mann, ein aufregendes Leben. Doch hinter der glänzenden Fassade verbirgt sich in Wahrheit eine ganz andere Welt, in der Ängste und Abhängigkeiten regieren, die bald kaum mehr zu kontrollieren sind. Anna Winter rutscht ab. Wird süchtig nach Alkohol - und einem Mann, der ein wahrer Meister des schönen Scheins ist. Noch hält sie mit im erbarmungslosen Wettstreit der Egos, dann aber fällt sie tief - und macht dabei eine überraschende Erfahrung …
Autorin
Ulla Hildebrandt, gelernte Journalistin, war Redakteurin, Textchefin und stellvertretende Chefredakteurin in verschiedenen Frauenzeitschriften. Zuletzt leitete sie als Chefredakteurin die Magazine »AMICA« und »COSMOPOLITAN«. Derzeit arbeitet sie als Medienberaterin und Creative Coach in München und schreibt an ihrem zweiten Roman.
Ulla Hildebrandt Ein freier Fall Roman btb
»Wir würden die Achtung der Leute weniger anstreben, wenn wir sicher wären, ihrer würdig zu sein.«
Vauvenargues, nachgelassene Maximen
I
1
Das war ein bißchen zu rasant. Anna Winter rutschte das Steuer aus der Hand. Ihr roter Golf schoß auf die Reihe geparkter Autos zu. Sie bekam das Lenkrad gerade noch zu fassen. Riß nach rechts. Jetzt links herum. Die Reifen jaulten auf. Geschafft. Nun ging es geradeaus.
Werner Mackentaler schloß eben seinen Wagen ab, als sie an ihm vorbeibrauste. Ein Fossil von Citroën. Himmelblau. So wie sein Anzug und die Gläser seiner Brille. Anna grinste beim Gedanken, daß der Vertriebsleiter mit seinem Auto so symbiotisch war wie andere mit ihrem Hund. Verwaltung und Führungskräfte des SB-Verlags traten ihren Dienst gewöhnlich früher an. Mackentaler hatte wohl verschlafen. Er hielt sich die Ohren zu und blickte sie vorwurfsvoll an. Da er dabei den Mund zu einem schiefen Grinsen verzog, vermutete sie, daß er scherzte. Allerdings wußte man bei ihm nie, woran man war.
Sie rief ihm ein »Tschuldigung, kann man nix machen« durchs heruntergekurbelte Fenster zu. Auf dem hellgrauen Turnhallenbelag der Tiefgarage quietschten die Reifen auch, wenn man Schrittempo fuhr. Nun ja, vielleicht nicht ganz so laut. Mackentaler erwiderte etwas, das wie »Frauen« klang. Sie verstand es nicht genau. Das Radio war zu laut aufgedreht. Amy Grant sang »Baby, Baby«. Anna sang und wippte mit. Weiter ins zweite Untergeschoß.
Nur zwei Autos standen da. Arbeitsbeginn in den Zeitschriften des Hauses war um zehn. Die meisten Kollegen kamen auf den letzten Drücker. Anna war immer früher da. Freilich nie so früh wie heute. Das Lampenfieber hatte sie um sechs Uhr aufgeweckt. Ihre Hände und die Achseln waren feucht. Hoffentlich entstanden keine Flecken auf der Seidenbluse. Sonst mußte sie das Jackett bis abends anbehalten. Ihr schwarzer Anzug machte wirklich etwas her. Und die jadegrüne Bluse, Spontangeschenk von Willhelm, paßte wunderbar zu ihren grünen Augen und dem rötlich blonden, langen Haar. Als sie heute Morgen aus der Wohnung gegangen war, hatte er sie mit stolzem Lächeln angesehen und gesagt: »Super siehst du aus! Viel Glück! Du machst das schon.«
Wie gut, daß sie Willhelm hatte. Er bestärkte sie, baute sie auf. Ein Ausnahmemann, der es begrüßte, wenn seine Partnerin Karriere machte. Er liebte sie nicht obwohl, sondern weil sie selbstbewußt war. Was wohl Mutter sagen würde, wenn sie Anna so sehen könnte? Nein, nicht daran denken jetzt. Da kamen nur Gefühle hoch, die sie nicht mehr haben wollte. Sie ließ sich die Hochstimmung nicht verderben.
Heute war ihr großer Tag.
Der khakigrüne VW Käfer von Chefredakteurin Paula Blum stand, wie immer schief geparkt, schon auf ihrem reservierten Platz. Obwohl ihre Position es gestattet, ja erfordert hätte, nahm sie ihren Anspruch auf einen schicken Dienstwagen und Ebene U1 nicht wahr. Paula war antimaterialistisch eingestellt und lehnte Statussymbole ab.
Anna lenkte ihren Golf neben Paulas Wagen, zog krachend die Handbremse an, kramte den Parfümflakon aus der Tasche und besprühte sich die Achseln. Armani. Ideal zu ihrem klassischen Typ. Und zur Karrierefrau, die sie, spätestens seit heute, war.
Sie hatte ein wenig Angst vor dem Moment, wenn Paula Blum die Bombe platzen ließ. Die, mit denen sie befreundet war, würden sich bestimmt für Anna freuen. Sie sah sich schon mit ihnen beim Italiener um die Ecke sitzen und ihr Glück begießen. Mit Champagner, der auf ihre Kosten ging. Ihre Feindinnen würden Galle spucken. Wenn sie die Sache pragmatisch sahen, mußten es aber auch sie begrüßen, daß endlich jemand auf Blöcks Posten kam, der sich auf den Job verstand.
Sie stemmte sich gegen die Eisentür zum Aufzug. Beim Warten stieg ihr das Geruchsgemisch aus Benzin, verbrauchter Luft, Fuß-, Angst- und Achselschweiß und den Parfüms der Frauen in die Nase, die vor ihr den Lift betreten hatten. Die Leiterin der Anzeigenabteilung mußte eben hoch gefahren sein. Oder war etwa Carla Weck schon da, verantwortlich für das Ressort Reise? Sie benutzten beide das gleiche süßlich penetrante Opium.
»Hi, Anna! Auch mal wieder hier!«, rief ihr das rotblonde Mädchen mit den Sommersprossen am Empfang im fünften Stock entgegen. Ulli oder Bettie? Anna konnte die Zwillinge, die abwechselnd über den zu hohen Tresen lugten, nie auseinanderhalten. »Hast wohl deinen Jahresurlaub genommen, oder was?«
»Genau!«, sagte Anna, die am Freitag ausnahmsweise eine Stunde früher Schluß gemacht hatte, um mit Willhelm einzukaufen. Sie lachte gezwungen über den abgenutzten Scherz. Ob man sich anderswo auch permanent mit dieser Floskel versichern mußte, daß man unentbehrlich war?
Sie bog links ab in den Flur der Texterinnen, der im Dunkeln lag. Die Türen waren geschlossen, kein Tageslicht drang aus den Bürofenstern auf den Gang. Anna drückte auf den Lichtschalter. Die Neonröhren klickten leise und blinkten auf. Ihr Zimmer, zweckmäßig mit weißem Einbauschrank und Schreibtisch, einem rollbaren Büro- und einem Besucherstuhl eingerichtet, war wie immer sauber aufgeräumt. Den Schrank hatte sie in den Abendstunden, die sie häufig hier verbrachte, unbemerkt geleert. Verlagsprogramme, Pressemappen, Einladungen zu Vernissagen und Premieren, Kunstzeitschriften, die sich auf dem Schreibtisch stapelten, würde sie nach der Konferenz aussortieren. Volontärin Franzi, Annas Schützling, sollte das Zimmer ordentlich vorfinden, wenn sie es nach der Konferenz bezog. Sie wußte noch nichts von der Ehre, die Anna und Paula Blum ihr zukommen zu lassen gedachten. Dank Annas Schulung hatte sie sich derart gut gemacht, daß sie ihre Nachfolgerin als Kulturredakteurin würde. Anna zog die Rolläden hoch und warf einen kurzen Blick auf die gläsernen Bürobunker gegenüber. Das trostlose Novemberwetter hätte sie an anderen Tagen melancholisch gestimmt. Heute konnte es ihr nichts anhaben.
Sie ging wieder am Empfang vorbei. Tauchte in den Flur rechts vom Aufzug ein. Lief am Großraumbüro der Grafik und der Bildredaktion vorbei und kam zur Tür des Textchefs, die seit zwei Wochen verschlossen war. Wann sie sich wieder öffnen würde, wusste keiner - außer Anna und Ina Müller, Paulas Stellvertreterin. Paula hatte es für klug gehalten, ihre Pläne so lange geheim zu halten, bis niemand mehr auf die Idee kam, sie habe Blöck zugunsten von Anna aus der Redaktion entfernt. Obwohl sich alle einig waren, daß er ein schlechter Textchef war, hatten viele ihn als guten Zuhörer geschätzt. Er war stets bereit gewesen, unglücklichen Kolleginnen Trost zu spenden. Besonders wenn es um Probleme mit Paula ging, die ihren Willen machtvoll durchzusetzen pflegte. Ein Führungsstil, den Blöck empörend fand, zumal bei einer Frau. Anna hatte sich seiner Zuwendung, obwohl er sie ihr oft hatte aufdrängen wollen, immer zu entziehen gewußt. Kein Bedürfnis nach Vertrautheit mit diesem Mann, der sich als Vater der Kompanie gerierte. Sie war allergisch gegen seine pastorale Art. Wie Paula auch. Er hatte ihr zudem manchen Artikel verhunzt, weil er der Meinung war, es fehle »Fleisch an der Geschichte«. Seine Bemühungen, den Mangel zu beheben, hatten nicht mehr Fleischigkeit bewirkt, sondern Annas schlanke Texte wabbelig gemacht.
Paula hat sich des Problems geschickt und elegant entledigt. Gegenüber dem Geschäftsführer des Schneeberg-Verlags, abgekürzt SB, einem älteren Herrn namens Blunz, hatte sie immer so getan, als ob Blöck der Beste in der Truppe sei, geradezu unverzichtbar. Blunz hat den Köder brav gefressen und Blöck als Stellvertreter zum Herrenmagazin des Verlags geholt.
Anna grüßte ins Zimmer von Paulas Assistentin Hanni Kraefft, einem dünnen, nervösen Wesen mit fliegenden, brünetten Haaren und durchdringender Stimme. Sie kannte den Verlag seit Jahren, stand der Chefin treu zur Seite und machte keinen Hehl daraus, daß in ihren Augen manche Redakteurin allzuviel von sich selber hielt. Hanni grüßte überschwenglich zurück. Anna genoß ihre Wertschätzung und Sympathie, was auf Gegenseitigkeit beruhte.
Die Tür von Paulas Büro stand wie üblich offen.
In ein Manuskript vertieft, saß sie am weißen Schreibtisch. Das aschblonde Haar hochgesteckt, ein paar Strähnen heraus gezupft. Durch die transparente, schwarze Bluse schimmerte ein Spitzen-BH. Die eine Hand fingerte nervös am silbernen Trapez-Ohrring, die andere hielt ein Lorgnon. Ihre Schultern waren angespannt, die Stirn zog mürrische Falten. Offenbar war der Text sehr schlecht.
Anna klopfte an den Türrahmen. Paula blickte unwillig auf. Als sie Anna sah, lächelte sie, legte das Lorgnon beiseite und sagte: »Anna! Kommen Sie, setzen Sie sich. Ich habe zwar nicht lange Zeit, aber fünf Minuten sind schon drin.«
Paula lehnte sich in ihren weißen Lederstuhl mit hohem Rückenteil zurück. Hinter ihr auf dem Sideboard stapelten sich die neuesten Ratgeber zum Thema Sex, Psychologie und Partnerschaft, ausländische Magazine und die Zeitschriften der Konkurrenz. An der Wand hing der Druck eines Jeanne-Mammen-Bildes. Es zeigte eine Frau mit verführerischem Katzenblick inmitten einer Bohémien-Party der Zwanziger. Der Unterleib provokativ nach vorn gereckt, die Lippen sündig rot. Ein Zylinder saß schräg auf dem Kopf. Anna dachte einmal mehr, daß diese Frau und Paula einander ähnelten. Sie waren im besten Sinn des Wortes unverschämt. Der Titel des Bildes lautete: »Sie repräsentiert«.
Auf dem Schreibtisch lagen, zu Annas Überraschung, zwei Paar Handschellen, eines mit pinkfarbenem, das andere mit olivgrünem Samt bezogen. Sie nahm das grüne in die Hand und betrachtete es mit fragend nach oben gezogenen Brauen.
Paula lachte. »Das tut jeder. Reflexartig. Ich glaub, ich lass die Dinger liegen. Es ist zu komisch, zu beobachten, wie die Leute darauf reagieren. Gestern saß unser Geschäftsführer hier und hat damit herumgespielt, ohne zu bemerken, was er in den Händen hat. Und dann ist es ihm plötzlich aufgefallen. Er hat die Dinger fallen lassen, als würden sie glühen.«
»Was machen wir denn damit?« fragte Anna.
»Ach, wir planen doch ein Special über Sexspielzeuge. Das hier hat uns eine Firma zur Ansicht beziehungsweise zum Test geschickt. Ich weiß, ehrlich gesagt, aber nicht, wem ich das Zeug zum Ausprobieren geben soll. Die sind doch alle prüde hier. Wollen Sie?«
Anna spürte, wie sie errötete.
»Ach nö, danke. Meine Sammlung ist schon komplett. Seit wann haben Sie das Lorgnon?«
»Seit vorgestern. Ich dachte, eine Attitüde muß mal sein. Man braucht ja heute irgendwie ein Image. Ist total zickig, nicht?«
Sie nahm das Lorgnon vom Schreibtisch und ließ es ums Handgelenk kreisen.
»Ja. Absolut. Das macht was her. Und sonst? Wie geht’s?«
»Privat prima, danke. Hier das Übliche. Ina Müller ist zum Interview mit Isabella Rosselini mal wieder First Class nach New York geflogen und hat sich im Waldorf einquartiert, obwohl sie mir hoch und heilig versprochen hatte, zu sparen wie die anderen auch. Aber was soll’s. Solange sie wieder einen Trend mitbringt, ist es okay. Der Text, den ich gerade lese, ist eine Katastrophe. Den müssen Sie retten, Anna. Sie können das.«
Anna spürte den Propeller im Magen, der sich immer drehte, wenn sie ein Lob bekam. Und hatte wieder dieses flatterige Gefühl beim Starten, eine Mischung aus Erwartung, Abenteuerlust und Angst, das Flugzeug könnte, kaum hatte es abgehoben, wieder auf die Startbahn knallen.
»Ach ja«, fuhr Paula fort, »und am Freitag standen, kurz nachdem sie gegangen sind, die Marx Sisters auf der Matte und haben mir die Hölle heiß gemacht, weil wir zwei die Coverzeilen geändert haben.«
»Frechheit! Ohne sie zu fragen!« sagte Anna lachend.
Den Namen Marx Sisters hatte Anna dem Trio gegeben, das unter Führung von Carla Weck den Aufstand gegen Paula probte. Carla war in jüngeren Jahren Mitglied der DKP gewesen, hatte dann aber beschlossen, ihr enormes kämpferisches Potential für die Karriere einzusetzen und so schnell wie möglich in eine Position zu gelangen, die ihren Führungsanspruch befriedigte. Mit dem langen, mühsamen Marsch durch die Institution Frauenzeitschrift gedachte sie sich nicht aufzuhalten. Sie wollte direkt an die Macht und hatte Vicky Mörsmann und Barbara Lüders davon überzeugt, daß es das Beste sei, wenn sie Paula als Chefredakteurin der Frauenzeitschrift »Veni« so schnell wie möglich ablöste. Anna wunderte sich oft darüber, daß Carlas Mitstreiterinnen ihr Spiel nicht durchschauten. Sie instrumentalisierte sie für ihre Zwecke. Im Bemühen, sich Paulas zugegeben manchmal autoritärer Art zu widersetzen, ordneten sie sich der mindestens genauso autoritären Carla unter.
Anna machte sich mit Paula immer über dieses Trio lustig. Seit es seine infamen Waffen, Rufmord und Intrigen, auch gegen sie richtete, weil sie Paulas Vertraute geworden war, blieb ihr das Lachen allerdings manchmal im Hals stecken. Sie gab es vor den anderen nicht zu, aber sie litt darunter, Angriffsziel der Sisters zu sein.
»Von wem ist denn eigentlich der Text?« fragte sie.
»Von Vicky Mörsmann.«
»Oje.«
»Die müssen Sie jetzt an die Kandare nehmen, Anna!«
»Ich werde mein Bestes tun.«
»Da bin ich mir sicher. Schöner Anzug übrigens. Sieht teuer aus.«
»Halb so schlimm. War runtergesetzt.«
Anna hatte den vollen - hohen - Preis bezahlt. Die Flunkerei sollte verhindern, daß Paula sich wieder über die materialistische Einstellung der Redaktion erregte. Ihrer Meinung nach machten hohe Ansprüche abhängig von einem gut dotierten Job, was zwangsläufig Fremdbestimmtheit und Unterordnung nach sich zog. Paula, die oft und gern betonte, daß sie in den Glanzzeiten der Frauenbewegung eine treibende Kraft gewesen und nach wie vor aktive Feministin sei, stand auf Kriegsfuß mit dieser hedonistischen Generation, die in ihren Augen gänzlich unpolitisch war, sich keinen Deut um die Gesellschaft scherte und nur an sich selber dachte. Anna fühlte sich von der Kritik durchaus angesprochen und hatte sich vorgenommen, sich später einmal mehr zu engagieren. Im Moment hatte sie genug damit zu tun, ihr eigenes Leben in die richtige Bahn zu lenken.
Paula blickte auf die Uhr. »Schon fast halb zehn!«
Sie kramte in ihrer Handtasche unter dem Schreibtisch, holte einen Lippenstift und einen Kamm heraus und sagte:
»Entschuldigen Sie, Anna, aber ich habe gleich ein Gespräch mit dem Verleger und muß mich vorher noch frisch machen.«
»Ist er denn im Haus?« fragte Anna erstaunt. »Ich hab gar keine weißen Lilien am Empfang gesehen.«
»Nein, er ruft von Luxemburg aus an.«
Anna grinste.
»Was ist denn daran so komisch?« fragte Paula indigniert.
»Na, daß Sie sich zum Telefonieren schminken!«
Paula sah sie verständnislos an. Dann dämmerte es ihr, und sie brach in Gelächter aus. »Das ist mir noch nie aufgefallen. Ich mach das immer so. Absurd!«
Sie verließen, noch immer lachend, gemeinsam das Büro. Als sie um die Ecke bogen, kollidierten sie um ein Haar mit Carla Weck. Die trug eine enge schwarze Lederhose mit Nietengürtel und Cowboystiefel. Der ärmellose Rollkragenpullover ließ ihren Busen obszön prall erscheinen. Hatte sie die ganze Zeit dort gestanden und gelauscht? Oder war sie eben erst gekommen? Ihre Bernsteinaugen blitzten böse unter dem Pony hervor. Carlas blonde Haare waren so millimetergenau auf Wimpernhöhe gestutzt, daß man immer fürchtete, die störrischen Spitzen könnten ihr in die Iris stechen. Anna las in ihrem Blick einmal mehr den Vorwurf, sie sei eine Verräterin, weil sie sich mit der Vorgesetzten gut verstand, statt sich den Sisters anzuschließen.
Paula lächelte Carla freundlich an und fragte: »Wollten Sie zu mir? Ich hab leider keine Zeit. Kann es warten bis nach der Konferenz?«
»Ich brauche nur zwei Minuten.«
»Okay. Dann gehen Sie doch schon mal rein. Ich komme gleich.«
Anna gab dem Impuls, ihr Grinsen vorsichtshalber einzustellen, nicht nach. Sie verbreiterte es im Gegenteil und sagte fröhlich: »Morgen, Carla! Auch schon da.«
Ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen, zog sie an ihrer Widersacherin vorbei, bevor diese Zeit gefunden hatte, eine Replik zu geben.
2
Zurück am Schreibtisch, beugte sich Anna über ein Interview mit Mariah Carey anläßlich deren Deutschlandtournee. Wenn sie sich beeilte, schaffte sie das kurze Stück noch vor der Konferenz. So gerne sie die Tür geschlossen hätte, um sich besser konzentrieren zu können, ließ sie sie offenstehen. Es gehörte zu den ungeschriebenen Regeln in der Veni-Redaktion, sich nur abzuschotten, wenn es unerläßlich war. So blieb es nicht aus, daß sie immer aufsah, wenn eine der Kolleginnen an ihrem Zimmer vorüberging.
Clarissa Morgenroth, zuständig für Psycho-und Esoterikthemen, eine zarte, äußerst sensible Person, seit kurzem dem Jahrhundertwende-Stil und spirituellen Lehren zugetan, lächelte ihr milde zu und schwebte ins Nachbarbüro. Es war gerade mal ein Jahr her, daß sie sich aufreizend angezogen, stark geschminkt und ihr brünettes Haar als Afro-Krause getragen hatte. Jetzt hing es glatt herunter, sie steckte es mit Kämmchen fest, die partout nicht halten wollten. Permanent war sie damit beschäftigt, sie wieder zu befestigen. Wenn sie nervös und fahrig war, wirkte das Herumgefummele wie ein Tick.
Anna führte Clarissas jähen äußeren und inneren Wandel auf diesen Schrecken zurück, der ihr widerfahren war. Mit hundertachtzig auf der Autobahn war die Kühlerhaube ihres Wagens aufgegangen und hatte ihr die Sicht versperrt. Als sie schließlich heil auf dem Seitenstreifen stand, hatte sie Gott für das Wunder gedankt. Seither glaubte sie an Bestimmung, an ein höheres Selbst, eine göttliche Macht, die den Menschen lenkt. Anna wünschte sich, sie könnte Gleiches glauben. Als Kind war sie religiös gewesen, hatte diese Neigung aber später abgelegt, um sich der rationalen Weltsicht Alexanders anzuschließen. Manchmal schlich sich leise Wehmut in ihr Lächeln über Clarissa ein, dieses entrückte Wesen, das immer zusammenzuckte, wenn jemand etwas Boshaftes zum Besten gab. Sie zog dann die Luft durch die Zähne, als füge man ihr Schmerzen zu. Es gab Tage in dieser Redaktion, da konnte man meinen, sie atme durch ein Tauchgerät.
Hilde Strahl, ein gewichtiger Kumpeltyp, schmetterte ein patentes »Mojn! Super Tach mal wieder!« in den Raum. Als Ressortleiterin Karriere fühlte sie sich verpflichtet, immer fröhlich und voller Zuversicht zu sein. Hilde war vorbildlich organisiert, brachte Karriere und zwei Kinder, ehrenamtliche Tätigkeiten in Frauenverbänden und zahlreiche Vorträge über Berufsthemen locker unter einen Hut. Freilich war ihr das nur möglich, weil ihr Mann sich um Haushalt und Familie kümmerte. So hoch sie ihm das anrechnete, manchmal beschwerte sie sich auch darüber, daß man mit ihm nur noch über Kinder reden könnte, da er von der Berufswelt nichts mitbekam, daß er sein Äußeres vernachlässige, langweilig geworden sei, sie erotisch nicht mehr reize. Ihrer Erfahrung nach war es nicht das Gelbe vom Ei, die Rollen einfach umzudrehen.
Ina Müller, Paulas Stellvertreterin, trippelte auf High Heels im bodenlangen Rock vorbei, Riesenklunker an den Ohren. Wohl auf dem Weg ins Modezimmer hinten auf dem Gang. Sie führte die Oberaufsicht über die Ressorts Kosmetik, Mode, Stars und Klatsch. Ina liebte, was Paula wenig interessierte, und fuhr mit Begeisterung zu den Modeschauen in Mailand und Paris, kurz »Die Schauen« genannt. Sie war eine schöne Frau mit schwarzen Locken und makellosem Pfirsichteint, neigte aber zu Diva-Attitüden. Wagte jemand, Zweifel an ihr anzumelden, verzog sie die dünnen Lippen zum blasierten Karpfenmaul und konterte mit schnippischen Bemerkungen. Sie konnte äußerst arrogant und zickig sein und war im Team nicht besonders beliebt. Von ihrem Spitznamen »Divina« ahnte sie natürlich nichts. Anna hielt es nicht für ausgeschlossen, daß sie ihn nicht einmal als schmähend, sondern durchaus schmeichelhaft empfunden hätte, wäre er ihr zu Ohren gekommen. Sie war ein schillerndes Geschöpf. Anna mochte sie im Grunde gern. Als sie noch alleine lebte, hatte sie viele Abende mit Ina verbracht und kannte auch ihre anderen Seiten, die sie in der Berufswelt nicht präsentierte. Ihr hatte sich der Paradiesvogel als zartes Vögelchen gezeigt, das sich nach Schutz und Liebe sehnte, doch leider Dauerpech mit Männern hatte und einsam war. Kaum hatte Anna sie allerdings genug bemitleidet, in den Arm genommen und getröstet, plusterte sie sich plötzlich wieder zum stolzen Wesen auf, das den wahren Grund für die Anfeindungen und die Ablehnung zu erkennen meinte, die ihr vielerorts begegneten: Alle Welt beneidete sie ob ihrer Vorzüge: Schönheit, Klugheit und ein Schreibtalent, das ans Geniale grenzte. Ina wäre aus allen Wolken gefallen, hätte man ihr gesagt, daß sie nicht beneidet und schon gar nicht bewundert wurde, wie sie sich selbst glauben machte. Die Gefühle für sie schwankten zwischen Mitleid und Ablehnung. Niemand nahm sie richtig ernst. Anna hatte sich schon oft gefragt, wie es möglich war, daß jemand so gar nicht merkte, wie die anderen ihn sahen. Wie Selbstbild und Fremdbild derart auseinanderklaffen konnten!
Obwohl sie ihre Sympathie angesichts Divinas Art manchmal nur mit Mühe aufrechterhalten konnte, fühlte sich Anna von ihr angezogen. Sie weckte ihre Beschützerinstinkte, und irgendwie fühlte sie sich ihr verwandt. Ohne zu wissen, warum. Außerdem faszinierten sie die Perfektion und Lust, mit denen Divina das Weibchen gab und damit so manches erreichte. Anna fehlte jegliches Talent dafür. Manchmal dachte sie, sie verzichte notgedrungen auf den Einsatz femininer Raffinessen, weil ihr klar war, daß sie die Klaviatur nicht beherrschte. Aber dann wieder wischte sie den Gedanken fort und befand, daß sie derlei schlicht nicht nötig hatte. Sie verfügte über genügend sachliche Überzeugungskraft, um ihre Ziele ohne weibliche Taktiererei, sprich Manipulation, zu erreichen.
Sie bekam auch so alles, was sie wollte.
Franzi hatte bis eben bei Paula gesessen, um noch vor der Konferenz die frohe Botschaft zu erfahren. Auf dem Rückweg in ihr Zimmer blieb sie kurz bei Annas Büro stehen, zeigte den »Wir sind super - Daumen« und zwinkerte verschwörerisch. Sie war ein sportlicher, vollschlanker Typ mit dunkelblondem Pferdeschwanz und grünen Augen, kleidete und verhielt sich im Gegensatz zu den anderen unprätentiös. Als Jüngste im Team mit der geringsten Erfahrung fand sie es angebracht, in den Konferenzen schweigend zuzuhören, statt sich in die Schlacht um Bedeutsamkeit zu mischen. Die meisten schlossen daraus, daß Franzi unbedeutend war. Da sie um ihre Person kaum Aufhebens machte, war den Wenigsten bekannt, daß sie eigentlich Psychologie und Philosophie studierte sowie anspruchsvolle Literatur und Opern liebte. Anna schätzte ihre scharfe Beobachtungsgabe und ihre trockenen Kommentare über den Zirkus, in dem Franzi bis heute nur das Nummerngirl gegeben hatte und Anna den Fänger für Paulas Akte am Trapez. Sie hielt viel von Franzis Fähigkeiten und unterstützte sie dabei, sie auszubauen, so wie es Paula Blum bei Anna tat. Wenngleich Anna in ihrer Förderung weniger fordernd war. Im Gegenzug informierte Franzi sie über Gerüchte und Gegenströmungen aus Richtung der Marx Sisters. In der Annahme, Franzi wolle Mitglied werden - man verwechselte ihr Schweigen mit Zustimmung -, gewährte man ihr Zutritt zum Verschwörerzirkel.
Aus dem Reiseressort gegenüber Annas Zimmer hörte man das Geräusch eines auf den Schreibtisch klackenden Kaffeebechers. Carla hatte sich unbemerkt hineingeschlichen. Wieder einmal dachte Anna, wie schade es im Grunde war, daß sich die Freundschaft zwischen ihnen in Feindschaft verwandelt hatte. Als sie vor drei Jahren zu der Truppe gestoßen war, hatten sie sich spontan gemocht. Carla, eine gute, flinke Schreiberin, hatte dem vier Jahre jüngeren Neuling - Anna war damals 27 - bereitwillig vieles beigebracht. Sie hatten sich oft privat getroffen und sich viel voneinander erzählt. Vor allem Anna, deren Vertrauen in Integrität und Verschwiegenheit vermeintlich wohlwollender Menschen die Grenze zur kindlichen Zutraulichkeit oft überschritt, hatte einiges preisgegeben, was sie lieber hätte verschweigen sollen. Jetzt verfluchte sie sich für ihre Offenherzigkeit. Aber wie hätte sie damals ahnen sollen, daß sie Rivalinnen werden würden?
Anna war zwar selbstbewußt genug gewesen, um davon auszugehen, daß sie mit Carla gleichziehen konnte. Die Möglichkeit, sie zu überrunden, hatte sie weder in Betracht gezogen noch angestrebt. Zumindest nicht bewußt. Je mehr aber Annas Stern bei Paula Blum gestiegen war, weil sie besser schrieb und sich kooperativer zeigte, desto tiefer war der von Carla gesunken. Ehrgeiz und Zielstrebigkeit, früher ein Bindeglied, hatten einen Keil zwischen sie getrieben. Ihr unterschiedlicher Hintergrund, einst unwesentlich, tat nun ein Übriges, um den Konflikt zu verschärfen. Carla stammte aus kleinbürgerlich-reaktionären Verhältnissen, haßte Autoritäten abgrundtief und nutzte jede Gelegenheit zum Angriff. Anna, aus großbürgerlichem Haus mit einem linksliberalen Vater, der ein politisch engagierter Anwalt war, nahm Autoritäten nicht allzu ernst und hatte es gelernt, wenn möglich klug mit ihnen zu verhandeln. Carla schimpfte Anna Opportunistin, während Anna Carlas Widerstand um des Widerstandes willen kindisch fand.
Die Leiterin des Beauty-Ressorts, Marie Wörner, war ein kleinmädchenhaftes Wesen mit unsicherer Stimme, das morgens stundenlang im Bad verweilte, um sich die Sommersprossen aufzumalen, die alle so niedlich an ihr fanden. Sie lächelte lieb herein und verschwand im Zimmer gegenüber. Anna hörte sie mit Carla tuscheln. Daß ihre Kontrahentin plötzlich so reges Interesse an der stets beleidigten Kollegin - früher hatte sie sie abfällig »armer Cremetropf« genannt - bekundete, war wohl auf ihr Bestreben zurückzuführen, sich eine weitere Schwester im Geiste heranzuziehen. Sie schrieb der neuen Freundin, die des Deutschen nicht sehr mächtig war, die Kosmetik-Texte und begleitete sie häufig zu Terminen. Freiwillig! Anna war das schleierhaft. Sie hatte zweimal das Vergnügen genossen, der pompösen Inszenierung eines neuen Lippenstifts oder einer Creme beizuwohnen und war froh gewesen, als sie dem Small Talk mit Kolleginnen und den Pressedamen der Beautyfirmen entronnen war. Sie konnte dieser Welt nichts abgewinnen und fühlte sich nicht wohl darin.
Barbara Lüders - knielanger Faltenrock, weiße Bluse, Perlenkette - war heute offensichtlich gut gelaunt. Bestimmt hatte sie letzte Nacht Feldforschung für den Artikel betrieben, den keine andere außer ihr hätte schreiben können. Barbara, zweite Vorsitzende der Sisterhood, war die einzige, die multiple Orgasmen hatte. Sie sprach oft und gerne und so stolz über diese erstaunliche Fähigkeit, als gäbe es auch beim Sex so etwas wie Hochbegabung.
Wie immer als das Letzte - sie brauchte die Aufmerksamkeit, die Zuspätkommen garantierte - erschien Viktoria »nennt-mich-Vicky-aber-nicht-mit-Vögel-V-haha« Mörsmann, ebenfalls im Sex-Ressort und Marx Sister. Sie lehnte den drallen Körper an Carlas Türrahmen, räkelte sich lasziv und sagte so laut, daß es alle hören konnten: »Gott, was war das wieder aaanstrengend heute Nacht! Daß diese Kerle aber auch nie genug kriegen können!«
Carla lachte bereitwillig, obwohl ihr Vickys permanentes Sexgequatsche genauso auf die Nerven ging wie der ganzen Truppe. Ein bißchen Maulhurerei gehörte bei »Veni« zum täglich Brot. Sie alle spuckten große Töne über ihr enorm befreites Sexleben und die emanzipierte Haltung gegenüber Männern, einschließlich die heilige Clarissa und Anna, die im Grunde ihres Herzens prüde war. So schamlos wie Vicky übertrieb es aber keine. Seit Paula Anna unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählt hatte, die wasserstoffblonde, dralle Frau mit den aufgeworfenen Herzlippen habe ein schweres Schicksal zu tragen und verschanze sich hinter dem präpotenten Gehabe, damit niemand merke, wie mies es ihr im Grunde ging, hatte Anna zwar mehr Verständnis. So gerne sie aber nachsichtig und milde wie Clarissa gewesen wäre, kam sie nicht recht gegen ihre Aggressionen an. Zumal Vicky boshaft war. Sie hetzte hinter Paulas Rücken gegen sie, nannte sie unfähig, ahnungslos und altmodisch, benahm sich ihr gegenüber wie ein renitentes Kind. Anna hatte Paula mal gefragt, warum sie diese Frau, die permanent Intrigen schmiedete (was Paula entgegen Vickys Glauben sehr wohl mitbekam) und ihren Job nur mittelmäßig machte, weiterhin im Team behielt. Paula hatte es mit »sozialem Gewissen« begründet. Vicky sah den Grund dafür in ihrer Unentbehrlichkeit.
Es ist schon eine schrille Truppe, dachte Anna einmal mehr, zu der ich da gehöre. Ein Schlangennest. Und doch waren diese Frauen, auch Carla, nett zu ihr gewesen und hatten sie aufgefangen, als Anna vor zwei Jahren den Boden unter den Füßen verloren hatte, weil ihre Mutter, gerade fünfzig Jahre alt, an einem Herzinfarkt gestorben war. Ihre Anteilnahme hatte Anna einerseits gerührt und andererseits beschämt. Sie hatte ihr im Grunde gar nicht zugestanden, da sie einem Schmerz und einer Trauer galt, die sie in Wahrheit nicht verspürte. Es war eher ein Entsetzen über den viel zu frühen Tod und über sich selbst gewesen. Anna hatte Charlotte Winters lange währende Beschwerden für Einbildung und, schlimmer noch, für einen weiteren Versuch gehalten, die Zuwendung der Tochter einzuklagen. Der Tod schien ihr die konsequente Strafe dafür zu sein, daß sie ihre Mutter nicht genug geliebt hatte.
Auf der Beerdigung hatte Anna weinen können. Die Tränen der anderen hatten die ihren in Fluß gebracht. Sie hatte die Gefühle zeigen können, die man von ihr erwartete. Danach kamen keine Tränen mehr. Sie waren eingefroren. Anna war verhärtet, wie erstarrt.
Ihr Vater, Martin Winter, hatte sich nach Mutters Tod in seine Arbeit zurückgezogen. Das war im Prinzip nichts Neues. Oberste Priorität hatten für ihn immer sein Beruf und sein Engagement für die Belange sozial Schwacher und Verfolgter gehabt. Selbstverständlich, daß er Leute, die sich keinen Anwalt leisten konnten, unentgeltlich verteidigte! Ehrensache, daß er seine Freizeit Amnesty International und diversen Umwelt- und Friedensinitiativen widmete. Im Großflotbeker Reihenhaus war er wie ein Gast gewesen. Anna, die als Mädchen einen Anwalt hätte brauchen können, der sie gegen Mutters Anwürfe verteidigte, hatte sich irgendwann damit abgefunden, daß sich ihre Probleme nicht mit den wirklich wichtigen messen konnten und sie mit sich alleine abgemacht.
Ihre Versuche, ihn nach den Trauertagen, in denen sie sich näher denn je gewesen waren, zu sehen, mit ihm zu reden, hatte er stets mit der Begründung abgelehnt, er habe Dringliches zu tun. Die Telefonate, die sie manchmal miteinander führten, waren kurz. Sie interpretierte das dahingehend, daß er nichts mehr mit ihr zu tun haben wollte. Kein Wunder, so wie sie sich Mutter gegenüber benommen hatte.
Die Knie zitterig, die Hände feucht, stand sie jetzt neben Paula Blum am Flipchart. Die gesamte Redaktion hatte sich erwartungsvoll um den weißen Resopaltisch im Konferenzraum gruppiert. In sachlichem, Widerspruch unterbindenden Ton verkündete die Chefredakteurin, daß Anna Hanno Blöck nachfolge. Sie habe sich als kompetent und einsatzbereit erwiesen. Ihr obliege ab sofort die Verantwortung für Stil und Ton der »Veni«-Texte.
Der nunmehr letzte Mann der Truppe, Art Director Chris, ein ausgezehrtes Kerlchen mit schwarzer Hornbrille und pubertärem Teint, zu Wutanfällen neigend, verzog keine Miene. Er schien gänzlich ungerührt von der Neuigkeit. Auch die zwei ihm treu ergebenen Layouterinnen zeigten sich so interessiert wie Maurer an der Mitteilung, daß man den Ziegelhersteller gewechselt hatte. Für sie waren Worte Material, aus dem man Seiten baute. Solange die Stückzahl stimmte, waren ihnen die Lieferanten egal. Bildredakteurin Marietta, ein blonder Quirl, der Meg Ryan ähnlich sah, grinste irgendwie diffus. Unmöglich zu erraten, was ihr durch den Kopf gehen mochte. Vicky, Barbara und Hilde Strahl tuschelten empört. Carla Weck warf Anna haßerfüllte Blicke zu. Clarissa starrte Löcher in den Boden, als könne sie Anna nicht in die Augen sehen. Daß Franzi keinen Hehl aus ihrer Begeisterung machte und laut »Super!« rief, rechnete Anna ihr hoch an. Divina, die ja informiert gewesen war, murmelte in Richtung Paula: »Gute Entscheidung«. Damit war die Konferenz zu Ende. Anna, betont aufrecht, verließ den Raum an Paulas Seite. Clarissa schüttelte ihr beim Vorbeigehen förmlich die Hand und gratulierte zum Karriereschritt. Ihr Lächeln war verkrampft.
In der Mittagspause kaufte Anna sich ein Sandwich und einen Piccolo im nahen Feinkostladen. Und zur Feier des Tages einen Rosenstrauß nebst einer schönen Vase. Eigentlich war es ja gut, daß sie nicht wie geplant mit den Freundinnen essen ging. Oder waren es vielmehr Ex-Freundinnen? So konnte sie die Zeit nutzen, um umzuziehen und ihr neues Reich auf Vordermann zu bringen.
Sie schloß die Tür zu Blöcks Zimmer auf. Ein schmaler, langer Schlauch, an dessen Ende der übliche weiße Schreibtisch stand. Davor und an den Wänden aufgereiht ein paar der Besucherstühle, die für ihre Unbequemlichkeit gefürchtet waren.
Anna riß die Fenster auf. Die abgestandene Luft war noch geschwängert von Blöcks süßlichem After-shave und dem Gestank seiner geliebten Stumpen. Aus dem Sideboard neben dem Computertisch quollen alte Zeitschriften. Die Schubladen im Schreibtisch waren vollgestopft mit Ausdrucken alter Artikel. Dazwischen fand sie Hustenbonbons, lose Streichhölzer, Gummis und eine gebrauchte Zahnbürste. Anna warf alle Relikte unbesehen in den großen, schwarzen Plastikeimer, holte Küchenpapier und Glasklar aus der Putzkammer und rückte dem Schmutz zu Leibe. Beim Gedanken, daß Mutter es sicher gern gesehen hätte, wie Anna so schrubbte und wienerte, wurde sie etwas melancholisch. Der Ordnungssinn, die einzige Gemeinsamkeit, die sie hatten. Abgesehen vom rotblonden Haar hatte Anna ansonsten nichts von ihrer Mutter. Nichts.
Als alles sauber war, arrangierte sie den Rosenstrauß auf dem Schreibtisch, setzte sich auf ihren Textchefstuhl, aß ihr Sandwich, trank den Piccolo. Dann ging sie zu Paula, die mittags gern die Ruhe nutzte, um konzentriert zu lesen. Sie verließ die Redaktion nur für Businesstermine. Nach einer kurzen Analyse der unseligen Konferenz besprachen sie die Texte für das nächste Heft. Als Anna zurück in ihr Zimmer kam, lag eine Karte auf dem Schreibtisch. Das Deckblatt Kobaltblau mit Glitzersternchen, einem wie von Kinderhand gemalten runden Silbermond und der Aufschrift »little piece of heaven«.
Sie schlug sie auf und las die mit Silberstift geschriebenen Worte: »Liebe Anna, tut mir leid, daß ich vorhin so blöd reagiert habe. Ich wünsche dir ehrlich viel Erfolg! Sei umarmt von
Deiner Clarissa.«
Anna war so erleichtert, daß ihr die Tränen kamen.
3
Ihr Herz klopfte wie immer laut, als sie das Dolce Vita betrat und Willhelm am Tisch sitzen sah. Was für ein attraktiver Mann. Die Haare weiß, obwohl er erst Vierunddreißig war. Der Teint gebräunt. Die Augen blau mit Silberpünktchen. Getreu seinem Credo, daß man sich immer eine Spur besser kleiden müsse als die anderen, trug er zur Jeans ein weißes Hemd und ein Jackett in nonkonformistischem Dunkelgrau. Er war groß und schlank, aber nicht dünn. Dazu geistreich und charmant, gebildet - er hatte Literatur studiert, wenn auch nur fünf Semester lang - und war, wie Anna fand, humorvoll.
Ganz Gentleman stand er auf, als sie an den Tisch kam, umarmte und küsste sie, rückte ihr den Stuhl zurecht. Sie suchten das Essen aus, tranken dabei die Negronis-Cocktails aus Campari und Gin - die er fürsorglich schon bestellt hatte. Anna nahm wie üblich gegrillten Fisch und Salat, Willhelm ein Menü. Er versuchte, den Blick eines Kellners zu erhaschen. Die hetzten, überfordert und konfus, mal mit zwei leeren Gläsern auf dem Tablett, mal mit leeren Händen durch den Raum. Es war doch nicht mehr los als sonst? Anna sah sich im von Halogenstrahlern beleuchteten, kahlen Gewölbe um. Die blanken Tische waren wie üblich voll besetzt von den schwarzen Raben der Medien- und Werberszene. Den kalten Neunzigerschick des Dolce vita fanden sie zwar überall, aber diese Location hatte ihren eigenen Charme. An den Wänden klebten noch die Kacheln der ehemaligen Schlachterei, verziert von grinsenden Schweinsköpfen mit aufgestellten Ohren. Die Tür zum Nebenraum stand offen, eine Schlange drängelte davor. Offenkundig fand heute wieder eine Lesung oder Vernissage statt. Deshalb also diese Hektik.
Willhelm ruckelte auf seinem Philipp Starck-Stuhl hin und her. Sein Mund wurde immer schmaler. Er haßte es, zu warten. Vor allem, wenn er Hunger hatte. Schließlich sprang er auf, lief einem Kellner nach und brach eine Diskussion vom Zaun. Während die beiden lauthals stritten, hörte Anna hinter sich das Klirren auf dem Boden berstender Gläser. Ein Geräusch, das sie unweigerlich an jenen Abend erinnerte, an dem sie Willhelm hier zum ersten Mal begegnet war.
Clarissa hatte sie dazu überredet, zur Lesung ihres neuen Freundes mitzukommen. Anna mied zu dieser Zeit weitgehend jeden menschlichen Kontakt außerhalb der Redaktion, ließ nur ihre beste Freundin aus Kindertagen, Elisabeth, an sich heran. Sie war noch angeschlagen von Mutters Tod, blieb oft allein in ihrer Wohnung, wo sie fernsah und Rotwein trank. Sie hatte Clarissas Drängen widerwillig nachgegeben, um ihr einen Gefallen zu tun. Anna sollte, wenn sie Max Geyers Roman goutierte, in »Veni« darüber schreiben.
Als sie, viel zu spät, erschienen war, hatte die Veranstaltung längst begonnen. Unmöglich, sich durch den Pulk nach vorn zu drängeln, wo Clarissa auf sie wartete. Anna blieb hinter dem Meer von Köpfen stehen. Vom Lesenden sah sie nichts. Auch hörte sie nicht viel vom Kriminalroman, der sich ausschließlich aus den Sätzen eines Deutschlehrbuchs für Ausländer zusammensetzte. Originelle Idee, fand Anna, wenn auch für eine breite Leserschaft wohl eher ungeeignet. Der große Durchbruch würde Geyer damit nicht gelingen.
Es war heiß und stickig in dem überfüllten Raum. Sie zog die Jacke aus, schlug einem Kellner das Gläsertablett aus der Hand. Es fiel auf sie, ihr Kleid war nass, sie stand in Scherben.
Und plötzlich war Willhelm mit einer Serviette da.
»Darf ich?« fragte er und sah sie aus diesen blauen Augen mit den kleinen Silberpünktchen an. Mit diesem verheißungsvollen Blick. Anna nahm seinen Duft wahr, der ihr irgendwie vertraut vorkam. Sie wünschte, seine Hände, kräftig, ohne plump zu sein, würden sie fest packen und niemals wieder loslassen.
Er fing an, sie abzurubbeln, ohne die Antwort abzuwarten.
»So ein Idiot!« sagte er. »Das schöne Jackett! Rot steht Ihnen wirklich gut! Und schöne Beine haben Sie. Sie können wirklich Leggins tragen. Das kann man von einigen hier ja wirklich nicht behaupten.«
Was er an ihrem Busen tat, hatte mit Säubern nichts zu tun. Sie dachte Wehr dich, Anna, laß dir das nicht gefallen, du bist eine emanzipierte Frau, niemand darf dich so betatschen! Aber sie ließ es geschehen und sagte: »Der Kellner kann doch nichts dafür. Ich habe ihn angerempelt!«
»Quatsch. Es ist sein Job aufzupassen!« sagte Willhelm so entschieden, daß es wütend klang. »So. Ich glaube, jetzt ist es okay. Ganz trocken kriege ich es nicht. Wollen Sie noch bleiben? Oder soll ich Sie nach Hause fahren?«
»Ich muß noch gratulieren. Und dann werde ich gehen, danke.«
»Ach, Sie sind mit dem Künstler befreundet?« bemerkte er mit ironischem Unterton.
»Er ist der Freund einer Freundin.«
»Gratulieren Sie ihm auch von mir zu dem phänomenalen Werk. Ich warte hier. Dann bringe ich Sie heim, Sie ziehen sich um, und wir gehen irgendwo zusammen essen.«
»Ich bin selbst mit dem Auto da.«
»Dann lassen Sie es eben stehen.«
»Sie sind ja ganz schön zielbewußt.«
»Ich sage nur, was ich will.«
»Und das in aller Deutlichkeit...«
»Getretner Quark wird breit, nicht stark.«
»Wow, Sie wissen, wie der Volksmund spricht!« sagte Anna spöttisch.
»Ja, natürlich. Aber ich zitier nicht unter Goethe.«
Annas Gesicht wurde heiß. Peinlich, diese Wissenslücke.
»Und Sie bekommen wohl auch, was Sie wollen?«
»Ja, natürlich. Immer.«
Er zog sie an sich, küßte sie, drängte ihr die Zunge in den Mund. Anna wurde am ganzen Körper heiß. Sie zitterte. Ihre Knie wurden weich. Sie wollte sich entziehen, aber sie brachte es nicht fertig. Die Unverfrorenheit, mit der er tat, was sich kein anderer je erlaubt hätte, riß sie hin. Die meisten Männer schraken vor ihrer selbstbewußten Art zurück. Anna hatte sie bisher immer zum Jagen tragen müssen. Und sich gewünscht, es käme endlich einer, der sie so dreist übermannte, wie es Willhelm gerade tat. Der sich nicht einschüchtern ließ.
Ja, sie würde mit ihm Essen gehen.
Der Abend war schneller zu Ende als erwartet. Willhelm Treuchtler, Teilhaber einer Produktionsfirma für Werbefilme namens more, hatte ihr im Kerzenlicht eines französischen Restaurants weitere schmeichelhafte Komplimente gemacht. Sie mit seinen Blicken ausgezogen. Ihr gesagt, sie törne ihn derart an, daß er sie am liebsten gleich, auf diesem Tisch, vor allen Leuten, ficken würde. Anna hatte sich das bildlich vorgestellt und war dabei so scharf geworden, daß sie fast wünschte, er würde tun, wovon er sprach. Sollte er, wenn er sie nach Hause brachte, mit in ihre Wohnung kommen wollen, sie würde ihn mit hinauf nehmen. Und entgegen ihren sonstigen Gewohnheiten und wider alle Grundsätze schon am ersten Abend mit ihm schlafen.
Doch kaum hatte Anna den Salat, Willhelm das Filet mit Kartoffelgratin und die tarte aux pommes gegessen, winkte er dem Kellner und sagte leichthin zu ihr: »Ich muß jetzt los. Die warten seit zehn auf mich. Und es ist schon kurz vor elf.«
»Freunde?«
»Ja. Und meine Frau.«
»Wie, du bist verheiratet?«
»Ja, klar. Habe ich das nicht gesagt?«
Anna setzte ein ironisches Lächeln auf und meinte herablassend: »Nicht, daß ich mich erinnern könnte. Aber ich hätte wissen müssen, daß ein Supermann wie du nicht alleine lebt.«
»Besser hätte es nur ich ausdrücken können«, meinte er und grinste.
»Deinen Ehering hast du wohl verlegt?« fragte sie.
»Nein, vergessen, anzuziehen. Also, komm, ich bring dich heim.«
Fast wäre es vor der Haustür, auf den Ledersitzen seines Triumph, zu Annas erstem Autoverkehr gekommen. Aber Willhelm machte sich plötzlich von ihr los, startete den Motor und sagte: »Ich kann es Sabine nicht antun, sie mit diesen Leuten sitzenzulassen. Ich fahre jetzt. Gib mir deine Telefonnummer. Ich melde mich.«
Am nächsten Tag wartete sie vergeblich auf seinen Anruf. Auch der übernächste ging vorüber, ohne daß sie von ihm hörte. Am dritten klingelte spätnachts das Telefon. Annas Herz pochte heftig, als sie seine Stimme hörte. So erotisch! Er war in Südafrika, produzierte einen Werbefilm. Doch, natürlich habe er ihr das gesagt.
»Ich könnte ein paar Tage dranhängen. Komm doch nach!«
Anna war empört. Sie kannte ihn ja überhaupt nicht! Was bildete der sich ein? Was glaubte er, wer sie war?
»So auf die Schnelle kriege ich sicher keinen Flug«, sagte sie.
»Ach was, das ist doch kein Problem!«
»Und außerdem kann ich mir das nicht leisten, so hoppla hopp mal eben nach Südafrika zu fliegen.«
»Ich lad dich ein.«
Soweit kommt’s noch, dachte Anna, daß ich mich einfliegen lasse! Bin ich ein Callgirl oder was?
»Danke, sehr großzügig. Aber ich kann nicht weg. Ich werde in der Redaktion gebraucht.«
»Spontan bist du ja nicht gerade«, sagte er. »Na, was soll’s. War ja nur eine Idee. Dein Problem, wenn du keine Lust hast. Es ist super hier. Am Samstag bin ich wieder zurück. Bis dann.«
Als sie aufgelegt hatte, ärgerte sie sich über sich selbst. Was wäre dabei gewesen, spontan in den Flieger zu steigen? Warum hatte sie sich von dieser inneren Anstandsdame, die mit der Stimme ihrer Mutter sprach, davon abhalten lassen? Gute Lust hätte sie gehabt, sich auf dieses Abenteuer einzulassen. Da kam endlich der, von dem sie als Mädchen geträumt hatte. Der Freibeuter, der sie aufs weite Meer entführte und sie, der es nicht gelang, sich aus ihrem Kontrollkorsett zu befreien, zur Freiheit zwang.
Wie lange hatte sie auf einen wie ihn gewartet! Einen, der einfach tat, was ihm gefiel. Ohne lange nachzufragen, ob es vernünftig oder richtig war. Oder wie es andere bewerten würden. Wie hatte sie es gehaßt, wenn Mutter an Annas Aussehen und Verhalten herumgemäkelt hatte, weil sie sich darum sorgte, was die Leute sagen würden! Willhelm hatte es offensichtlich geschafft, die Enge der Konventionen hinter sich zu lassen. Jetzt bot er ihr die Chance, sie mitzureißen. An seiner Seite ihren Hang zu Melancholie und Grübelei zu vergessen. Leicht zu sein. Der Lust und dem Gefühl zu folgen. Sich in ein Wagnis zu stürzen. Etwas zu tun, was aus der Reihe fiel. Nicht angepaßt zu sein. Und was machte sie? Benahm sich wie eine Betschwester! Hoffentlich fand er sie jetzt nicht so spießig, daß er nichts mehr von ihr wissen wollte. Sie war verliebt. Sie wollte ihn. Sie mußte ihn einfach haben!
Am Samstag klingelte es mittags an ihrer Wohnungstür. Es war Willhelm, der ihr zwei gestohlene Stunden bot. Sabine würde glauben, daß er zu spät gelandet sei. Sei ja nicht einmal gelogen. Das Flugzeug habe tatsächlich zehn Minuten zu spät aufgesetzt.
Von da an war Anna ihm überallhin gefolgt. Ach, die herrlich heimlichen Wochenenden in Luxushotels! Ob es in Frankreich, Italien oder an der Ostsee war, hatte sie weiter nicht geschert. Ihr Kontakt zur Außenwelt beschränkte sich auf den Zimmerkellner. Und wie fade doch die Liebesspiele mit Willhelms Vorgängern gewesen waren im Vergleich zu der Ekstase, die er ihr bescherte!
Bald kam er auch in Hamburg immer häufiger zu ihr. Morgens auf dem Weg zur Arbeit. Spätnachts, wenn er vorgeblich noch auf Terminen war. Anna war immer für ihn da. Frisch geschminkt und überglücklich, ihn zu sehen. Stets bereit. Und langsam aber sicher hatte Willhelm auch gemerkt, was Anna schon am Anfang völlig klar gewesen war: Sie waren füreinander bestimmt. Er mußte sich scheiden lassen, um fortan mit ihr zu leben.
Und nun wohnten sie zusammen. Nach einem für alle Beteiligten zermürbenden Jahr. Anna war es nicht leicht gefallen, gelassen und souverän zu bleiben. Aber genau das hatte er von ihr erwartet. Deshalb liebte er sie ja. Weil sie vernunftbetont und stark, kein typisches Weibchen war. Die Rivalin hatte geweint, getobt, ihn moralisch unter Druck gesetzt. Anna war ruhig geblieben. Hatte ihm keine Vorwürfe gemacht, ihm stattdessen Nachsicht, Verständnis entgegengebracht. Um ihn nicht auch noch mit ihren Gefühlen zu belasten. Er war weiß Gott fertig genug. Hin- und hergerissen zwischen der Liebe zu ihr und der Verbundenheit zu seiner Frau. Gewissensbisse quälten ihn. Und sie natürlich auch. Sie zerstörte eine Ehe, die zwar nicht berauschend, aber doch in Ordnung gewesen war. Sie hatte kein Recht dazu. Sabine litt, das tat ihr leid. Sie wollte ihr keinen Schmerz zufügen. Aber auf Willhelm, den Mann ihres Lebens, ihr großes Glück verzichten, damit die andere nicht unglücklich war? Einmal hatte er sich von ihr getrennt und Anna dachte trotz ihrer Verzweiflung, daß sie vielleicht besser aufeinander verzichten sollten. Doch kaum hatte sie sich damit abgefunden, daß sie wieder Single war, stand er vor der Tür und sagte, daß er ohne sie nicht leben könne. Das sei ihm jetzt endlich klar. Bis vor kurzem habe er geglaubt, es handle sich nur um eine Affäre. Nun wisse er, daß sie die Frau seines Lebens sei.
Das bis vor kurzem hatte Anna irritiert. Aber dann verbot sie sich die Grübeleien. Hauptsache, die Liebe hatte gesiegt.
Willhelm kam an den Tisch zurück, eine Flasche Chardonnay in der Hand. Schenkte Anna und sich ein, setzte sich und sagte grinsend, er habe dem Kellner angedroht, sich persönlich an den Herd zu stellen, bekäme er nicht binnen zehn Minuten seine Nudeln. Tagliatelle mit Steinpilzen seien ihr hoffentlich recht.
»Ja, natürlich, wunderbar!« sagte Anna lächelnd.
Willhelm stieß sein Glas gegen das ihre, trank einen großen Schluck und erkundigte sich dann, wie ihr Tag gelaufen sei.
Sie erzählte von der Konferenz und der Wutattacke ihrer Kontrahentin gleich danach. Carla war in Annas Zimmer gestürzt, hatte sie als Kofferträger und mieses Stück beschimpft, ihr vorgehalten, ein Süppchen mit Paula gekocht und Blöck hinaus intrigiert zu haben. Bevor Carla mit hochrotem Kopf hinausgerannt war, hatte sie Anna angedroht, ihr fortan zu schaden, wo sie könne.
Willhelm fragte: »Und? Hast du zurückgebrüllt?«
»Ich wollte. Aber ich konnte nicht.«
»Wie, du konntest nicht?«
»Irgendwas hat mich zurück gehalten. Ich weiß nicht, was. Außerdem macht es mir Angst, wenn jemand schreit.«
»Wenn du den Laden in den Griff kriegen willst, mußt du denen Grenzen setzen!« sagte er. »Mit vornehmer Zurückhaltung kommst du gegen die nicht an.«
»Und wie soll ich das bitte machen? Ich kann nicht brüllen. Ich will auch nicht. Das liegt mir nicht.«
»Hau ihnen die Texte um die Ohren. Laß sie alles zehn Mal machen. Zeig den Zicken, wer der Boss ist. Dann spuren die schon.«
Anna fühlte sich zwar unverstanden - sie hatte sich Zuwendung und Trost erhofft, keine Lösungsvorschläge -, aber seine Worte stachelten sie doch ein wenig auf. Ja, sie würde in die Offensive gehen! Freilich nicht auf die von ihm empfohlene Art. Sie kam ihr zu männlich vor. Zu machtbetont. Es mußte andere Wege geben, sich Respekt und Achtung zu verschaffen, wenn denn Beliebtheit unerreichbar war. Sie würde durch Kompetenz und Leistung überzeugen. Dann würden die Kontrahentinnen bald einsehen, daß Anna die Beste für den Posten war. Sie würde die gebotene Festigkeit und Autorität beweisen. Dabei aber immer freundlich sein. Und souverän. Und niemals link. Es würde Spaß machen, mit ihr zu arbeiten! Sie hatte es nicht nötig, sich auf die Ebene einer Carla zu begeben. Wenn die glaubte, sie könne Anna kleinkriegen, dann hatte sie sich geirrt.
Die Tagliatelle. Endlich. Willhelm machte sich hungrig darüber her. Sie aßen eine Weile schweigend, dann tupfte er sich den Mund mit der Stoffserviette ab und meinte: »Übrigens, was hältst du davon, wenn wir Silvester nicht in dieser öden Stadt verbringen?«
»Viel!« sagte Anna. »Wohin möchtest du?«
»Ich hatte an Venedig gedacht.«
»Venedig! Da war ich noch nie!«
»Ich weiß. Deshalb fliegen wir ja hin.«
»Aber kriegen wir denn so kurzfristig noch ein Hotel? Es sind ja nur noch ein paar Wochen.«
»Im Danieli kriegt man immer was. Außerdem hab ich schon gebucht.«
Willhelm grinste. Es gefiel ihm, daß es ihr die Sprache verschlug. Sie setzte an, um anzumerken, daß er sie vielleicht hätte fragen sollen, bevor er eine solche Entscheidung traf. Aber dann beschloß sie, ihm den Spaß nicht zu verderben. Er hatte sie überraschen wollen. Wie nett von ihm. Sie sagte: »Toll! Aber sag mal, das Danieli ist doch ziemlich teuer?«
»Ach, na und! Erstens hab ich einen Riesenauftrag an Land gezogen. Zweitens läuft es an der Börse gut. Drittens ist es unser erstes gemeinsames Silvester. Und viertens lade ich dich ein.«
»Aber Willhelm, das kann ich nicht annehmen!«
»Okay, dann bleib halt hier. Ich kann auch alleine fahren. Oder ich nehme eine andere mit.«
Anna lachte kokett. »Ach, da stehen wohl schon welche in der Warteschleife?«
»Natürlich, was denkst du denn!« gab er grinsend zurück.
»Aber ich mache nur davon Gebrauch, wenn du mich zwingst. Du weißt, ich nehme nie die zweite Wahl, wenn ich die erste haben kann.«
4
Anna lief, ein Manuskript von Vicky in der Hand, den Texterinnen-Gang entlang. Bog in Vickys Zimmer ein. Prallte erschrokken zurück. Carla, Barbara, die ganze Schwesternschaft hatte sich auf den weinroten Polstersesseln breigemacht. Vickys Büro war als einziges nicht funktional und sachlich, sondern mit soliden Wohnzimmermöbeln eingerichtet.
Schlagartig verstummten die Gespräche. Carla grinste. Barbara räusperte sich. Vicky sah aus dem Fenster und fing mit spöttisch gespitzten Lippen »Ein Männlein steht im Walde« zu pfeifen an.
Anna machte kehrt und ging in ihr Zimmer zurück. Wartete eine Viertelstunde. Zwang sich, als sie erneut vor der Feindestruppe stand, nicht den Rückzug anzutreten. Sagte bestimmt, wenn auch mit bebender Stimme: »Vicky, kommst du bitte gleich zu mir. Wir müssen über deinen Text reden.«
Vicky wendete sehr langsam den Kopf, blitzte Anna boshaft an und sagte: »Aber natürlich! Gleich! Wenn wir hier fertig sind. Wir brainstormen nämlich gerade.«
Carla prustete und fügte an: »Ja, wir hatten gerade eine total geniale Eingebung!«
Barbara legte nach: »Wir sind nämlich äußerst kreativ, wie du weißt. Unsere Ideen sind zukunftsweisend.«
Anna sagte, um einen ironischen Klang bemüht: »Na, dann will ich den genialen Geistesfluß nicht unterbrechen. Ich bin in meinem Büro, Vicky. Bis gleich, okay?«
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Originalausgabe Oktober 2006
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