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Alexander Roda Roda war bereits einer der populärsten deutschsprachigen Humoristen seiner Zeit, als er im Jahr 1923 zu einer Vortragsreise in die USA eingeladen wurde. Und es wäre nicht Roda Roda gewesen, hätte er diesen mehrmonatigen Aufenthalt nicht für eine Vielzahl humorvoller Geschichten über das Gastland genützt. Für den Leser ist es oft frappant, wie aktuell die tiefschürfenden Beobachtungen des Autors heute noch sind. Roda Roda ist wiederholt kritisch und verbirgt sein Kopfschütteln über den American Way of Life nicht - über allem jedoch steht eine tiefe Sympathie für Land und Leute. Und so gelingt es ihm in bester altösterreichischer Tradition, aus einer Mischung von Bewunderung und Unverständnis das Verbindende und gegenseitig Bereichernde mit Augenzwinkern zu betonen - ein Ansatz, der uns auch heute den Zugang zu Amerika erleichtern kann.
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Inhaltsverzeichnis
ÜBERFAHRT
VERKEHR
BROADWAY BEI NACHT
ZWEI PLANETEN
DIE PROHIBITION
DIE FRAUEN
DIE SHOW
DAS KINO
DIE WÄHRUNG
EUROPÄISCHE PROPAGANDA, EUROPÄISCHE KUNST
AMERIKANISCHE ANSCHAUUNGEN
KAPITALISMUS
DAS DEUTSCHTUM
DAS JUDENTUM
DAS RÄTSEL
DER BOOTLEGGER
REICHTUM
HANDEL
DER LITERATURMARKT
NEW YORKER VERGNÜGUNGEN
JUGEND UND SCHULE
ARBEIT UND LOHN
MITTELSTAND
FILMKUNST
333 CORNWALL AVENUE
BALTIMORE
WASHINGTON
DER MITTELWESTEN
STÄDTE
AMERIKANISCHES ALLERLEI
NACHWORT
Alexander Roda Roda
EIN FRÜHLING IN AMERIKA
Erste Veröffentlichung 1924
In herzlicher Dankbarkeit gewidmet den Herren und Frauen:
Stefan Bourgeois, James Burrell, Abraham Cahan, Dr. Friedrich Fischerauer, Henry Goldmann, Dr. Hans Keiler, Professor Camillo v. Klenze, Ludwig Kollmayr, Alfred De Liagre, Ludwig Lore, Dr. Emanuel de Marnay, David Pinski, Victor Ridder, Edgar Speyer, Max William Stoehr, Isaac Wolf jun. in New York;
Pastor D. Julius Hofmann, H. L. Mencken in Baltimore;
Emil Eitel, Paul F. Müller, Generalkonsul Dr. Steinbach in Chicago;
Dr. Curt Baum, Professor Max Griebsch, Bruno Fink, Adolph Finkler, Dr. Munckwitz, Albert Trostel, James F. Trottman in Milwaukee;
Adalbert Fischer-Koerting in Philadelphia;
Ferdinand Thun in Reading (Pa.);
Dr. Hermann Kellner in Rochester (NY.);
Ernst Gichner in Washington.
An Bord der „Yorck“, auf der Höhe von Neufundland.
Gnädiges Fräulein!
Sie haben mir befohlen, Ihnen die Erlebnisse meiner Reise haarklein zu erzählen — und hier mein erster Bericht, schon aus dem Ozean.
Sie wollen meinen Spuren folgen — doch glauben Sie mir: es wird Ihnen nicht ganz leicht werden, nach Amerika zu kommen. Der Konsul der Union verlangt von Ihnen (nebst 10 Dollar Visumgebühr): Geburtsschein, Zeugnis über guten Leumund und Gesundheit. Denn die Union will weder Krüppel noch Kranke einlassen, noch weniger „Anarchisten und Polygamisten“ — und die Zahl der Einwanderer aus Europa ist beschränkt: es darf sich keine Volksgemeinschaft drüben um mehr als drei vom Hundert jährlich durch Zuzügler vermehren. Wenn Sie verheiratet oder geschieden wären, müßten Sie es durch Dokumente erweisen . . . auch wenn Sie Ihren Mann daheim in Europa zu lassen gedächten. Am schwersten (nun horchen Sie auf, gnädiges Fräulein), am genauesten nimmt es die amerikanische Behörde mit den Bräuten: Ihr Verlobter wird Ihnen an Eides Statt und schriftlich versichern müssen: er erwarte Sie in New York am Landungssteg, und auf dem Steg selbst wird man Sie vermählen; erst als eines Amerikaners Gattin dürfen Sie amerikanischen Boden betreten.
Gemach, so weit ist es einstweilen nicht: Sie stehen ja noch in Europa, in Bremen. Müssen da abermals zwei ärztliche Untersuchungen über sich ergehen lassen, eine ziemlich ausführliche Paß- und Zollformalität — und nach Erlag von 125 Dollar Fahrgeld, 8 Dollar Kopfsteuer bekommen Sie Ihr Schiffsticket . . . Falls Sie es nämlich zwei Monate vorher bestellt haben; denn die Plätze auf den deutschen Schiffen sind sehr begehrt.
Viele der Plackereien bleiben Ihnen so gut wie erspart, wenn Sie die Empfehlung eines prominenten Amerikaners beibringen oder eine Kajüte erster Klasse nehmen; doch es gibt wenig deutsche Schiffe, die erste Klasse führen, weil Deutschland doch neun Zehntel seiner besten Tonnage durch den Krieg und Friedensschluß verlor; es wird Jahre dauern, ehe die neuen, großen komfortabeln deutschen Dampfer fahren.
Eines Abends gehen Sie in Bremerhaven an Bord — die Musik spielt „Muß i denn“ und „Deutschland über alles“ . . . Haben Sie schon tausend Frauen gleichzeitig weinen hören? Soviel Weh sollte doch wie ein Strom brausen; und lacht erstaunlich leise, wie ein Wiesenbächlein.
An Bord also . . . Ihr erster Blick gilt der Kabine. Wie entmutigend eng, wie klamm ist das Behältnis — ach, nicht viel größer als ein Abteil des Schlafwagens — und Sie müssen es mit drei andern Damen teilen.
Ja, gnädiges Fräulein, Sie sind eben Gast der „Kajüten-“ — zu deutsch zweiten Klasse — auf der „Yorck“, einem ziemlich alten Dampfer, der ehedem die ostasiatischen Linien befuhr. Warum haben Sie sich auf dies strapaziöse Abenteuer eingelassen? Habe ich Ihnen nicht jenen alten Baron zitiert von der baltischen Insel Ösel, der also zu seinem Sohne sprach: „Bleib’ im Land! Mit eijenen Pferden kannst du nich hinüber — amerikanisch sprichst du nich — überhaupt habe ich jehört, daß der Kaiser von Amerika die öselschen Barone gar nich liebt.“
Ich, gnädiges Fräulein, traf es übrigens besser als die meisten: ich bekam ein winziges Kabinchen allein mit Herbert Eulenberg und durfte so zwölf Tage die Gesellschaft eines Dichters genießen.
„Zwölf Tage?“ fragen Sie erschrocken. Jawohl, so lange dauert die Überfahrt.
„Und das haben Sie ertragen, Roda, ausgehalten?“
Wirklich, Gnädigste, es war gar nicht schlimm. Ich will Ihnen solch einen Tag auf See beschreiben:
Des Morgens um sieben weckt Musik Sie auf zum Bad — Sonntags zur Messe. Um halb acht ruft das Flügelhorn zum ersten Frühstück; das Frühstück ist so üppig, wie wir im armen Europa es seit Jahren nicht mehr gewohnt sind; wohl zwanzig der besten Dinge aus alter und neuer Welt. Ich empfehle Ihnen besonders Grapefruits, riesige Zitronen von milder Säure, und das zarte Roastbeef. Vormittags können Sie auf Deck spazieren, Shuffleboard spielen (eine Art Kegelschieben oder Diskuswerfen), können im Liegestuhl auf Deck mit Ihren Freunden plaudern. Zwölf Tage Fahrt: die Gäste des Schiffes sind am dritten schon eine Familie. — Um zehn bekommen Sie eine Tasse Bouillon — um eins ruft das Geflügelhorn Sie schon wieder: zum Lunch — einer recht langwierigen Zeremonie, die mit pikanten Fischen beginnt und auf allerhand fleischlichen Umwegen über Fasanen bis zu Fruchteis führt. Die Detaillierung des Diners ersparen Sie mir lieber: sie würde Ihren kontinentalen Neid erwecken.
Essen und Musik — Musik und Essen; auf Deck sitzen und plaudern: viel mehr bietet und erlaubt das Leben nicht an Bord. Denn der Mensch unterliegt, sei er auch noch so seefest, auf den schaukelnden Planken mindestens der leichtesten Form der Seekrankheit, einer Blutleere des Gehirns, die einen entschlußlos macht und unfähig zu geistiger Arbeit.
Ich hatte — wir hatten maßloses Glück: zehn Tage vergingen bei ruhiger Luft. Nur etliche Stunden Nebel — in der Nordsee, und dann wieder auf der Höhe von Neufundland. Nur einmal schwere Dünung — als wir die gefürchteten „roaring forty“ passierten, das „Teufelsloch“ am 40. Längengrad. Dafür am nächsten Morgen im Golfstrom (45° w. L. von Greenwich) so warmer Sonnenschein, daß wir uns — im Winter — bei 14° C. ohne Überzieher ergingen. Es sind jetzt ungewöhnliche Winter seit einer Reihe von Jahren; schon Ende November pflegen sich am Polarkreis die Eisberge zu lösen — seit Anfang Dezember (statt, wie früher, Mitte Januar) fahren die Ozeandampfer den südlichen, eisfreien Kurs.
Die Seekrankheit . . . Es gibt Frauen an Bord, die ihre Kajüte noch keine Stunde verlassen konnten — nicht einmal an den sonnigsten Tagen. Heute, wo es draußen nur ein wenig grollt, muß der Kapitän schon als Trostspender umhergehen: „Wie steht das werte Übelbefinden?“ — Eine Dame wimmert: „Ach, Kapitän, sagen Sie mir doch ein Mittel gegen die . . .“ — „Es gibt nur eines,“ antwortet der Kapitän verbindlich, „Sie müssen sich unter einen Lindenbaum legen.“ — Unser Obersteward hat an die 200 Ozeanfahrten hinter sich; er rät geröstetes Brot und etwas Sekt als einzige Nahrung an. „Und vor allem, Madame, Ihren Gemahl, der da aufgelöst an Ihrer Brust ruht — den schicken Sie in die Kabine!“ — „Herr,“ ächzt die Dame, „den aufgelösten Mann an meiner Brust kenne ich nicht.“
Es ist ein verhältnismäßig ruhiger Tag; langsam stampfend, auf und nieder, auf und nieder schneidet der Kiel die Wellen.
Einige Stunden darauf schieben sich dräuendere Kämme von Backbord an. Ein seltsames Straffen geht durch Rückgrat und Muskel des Dampfers — es knistert in den Gebälken, surrt und zittert wellenweis, wenn die Schraube für Augenblicke aus dem Wasser taucht. Der Wind spielt Harfe in den Wanten. Im Nu sind Deck und Geländer von Seekranken brechend voll. Demoralisation. Vergebens ruft die Trompete zum Mahl: nur spärlich erscheinen die Gäste an den Tischen. Und die Tische sind mit Schlingerleisten beschraubt, und zwischen den Leisten rodeln die Teller, und der Wein spritzt aus den Flaschenhälsen, und die Stu’ds (Stewards) üben ihre Parterreakrobatik, balancieren ihre Schüsseln, und . . . oh, ich beschreibe es nicht — aus Reinlichkeitsgefühl beschreibe ich es nicht . . . Da möchte so mancher lieber sterben als leben. — Inmitten des schmutzigen Festes aber steht ahnungslos, höchlich verwundert, mit einer Zigarre in den Lippen, der Pfarrer aus Oberungarn und fragt: „Was haben die Herrschaften nur?“ Er versteht diese Menschen nicht; er kommt aus den Karpaten, hat noch nie im Leben von Seekrankheit gehört, weiß sich das Bild rundum gar nicht zu deuten.
Auf und nieder, langsam auf und nieder, in spondeischem Takt schneidet der Kiel die Wogen. Nun ruhige Wogen. In dem mächtigen eisernen Rumpf, der da aus der alten Welt zieht in die neue, sind bunte Schicksale eingeschlossen, ganze Welten. Welten, für zwölf Tage geschaffen. Eine sorglose im Salon. Eine bekümmerte im Zwischendeck. Eine rußige, schwerarbeitende im Maschinenraum. Manchmal erscheint ein rußiger, schwitzender Hephästus für Sekunden auf der Oberfläche — atmet — steigt wieder in feurige Tiefen — und es ist dann, als komme ein dumpferes Poltern, neues Rumoren aus den Eingeweiden des Dampfers.
Auf und nieder, langsam auf und nieder, in spondeischem Takt schneidet der Kiel die Wogen. Wer ist die lachende Menge im Salon? Oh, eine Musterkollektion des Erdenvolkes: im Otterpelz die Gattin eines Gesandten, schlank und blank, groß und jung und täglich schöner — wir nennen sie „das Schneeglöckchen“. Mit dem Pfarrer zwölf zwölfschrötige Novizinnen, Krankenschwestern der heiligen Tramplagunda. Ein deutscher Missionar dazu, der amerikanischer Bürger werden möchte, um wieder zu seinen geliebten Menschenfressern nach Polynesien zu können — was die Australier einem Deutschen jetzt verbieten. Ein Wiener Bildhauer, der es drüben versuchen will, da er daheim nicht mal das Modellgeld erarbeiten konnte. Ein dicker Pennsylvanier. Ein hagerer „Kanuck“ (Franzose aus Kanada). Ein geschniegelter Ostjude in erster Verdünnung. Eine achtzehnjährige Farmerin— von indianischem Typus, wiewohl sie Tochter württembergscher Eltern ist. Zwei Berliner Artisten, muntere, blonde Jungen, die gerührt erzählen, wie glücklich sie ihre greisen Eltern daheim mit ein paar Dollar gemacht haben. — Im ganzen: bürgerliche Mittelschicht. Die Gesandtin möchte Bridge spielen; ich finde wohl im Kanadier einen Partner, doch keinen vierten Mann. Hingegen drischt man Skat und Pinochel im Rauchzimmer. Das sagt alles.
Die Uhr geht nun vier Stunden gegen europäische Zeit zurück. Und immer noch kommen täglich aus den Kabinen Leute, die man noch nie gesehen hat; die sich erst allmählich an das Stampfen des Schiffs gewöhnten, die Seekrankheit überwanden. Immer noch umkreisen Möwen das stampfende Schiff, und Delphine springen aus der Gischt.
Kein Wort Englisch an Bord des wohlfeilen Bremer Dampfers. Selbst der Pennsylvanier redet sein drolliges Deutsch: „Charlie ist über den Fens gedschömpt (Zaun gesprungen) und hat den ganzen Köbidsch gedämätscht (Kohl beschädigt).“ Dieser Pennsylvanier führt sonderbares Gut mit sich nach Amerika: eine Meute deutscher Schäferhunde und 2000 Kanarienvögel, Harzer Roller; sie erfüllen den Gepäckraum mit ihrem Zwitschern, und die Hunde läuten auf dem Oberdeck.
Man spricht deutsch an Bord — und fast immer vom Dollarstand und der Prohibition. Die Amerikaner erzählen, wie man drüben die Whiskyflaschen in eigenen, der Körperform angepaßten Flaschen bei sich trage, gleich Zigarrendosen. Den Dollarstand aber erfahren wir täglich durch drahtlose Telegramme.
Wir bekommen auch täglich eine gedruckte Zeitung mit den neuesten Nachrichten aus Nauen; wir können für 60 Cents „Ozeanbriefe“ nach Europa zurückschicken, und von New York kommen täglich Begrüßungstelegramme wartender Gatten und Väter. Noch mehr: wenn der Kapitän anhaltenden Nebels wegen etwa die Orientierung im Weltmeer verloren hat, ruft er drahtlos die amerikanischen Küstenstationen an; sie sagen ihm aus der Herkunftsrichtung der elektrischen Wellen die geographische Lage des Schiffes an: Radiopeilung.
Das trockene Amerika naht. Man muß hier auf dem Dampfer die Getränke in Dollar zahlen: sie sind gleichwohl dreimal wohlfeiler als in New York — und wer sich irgend liebt, verkauft denn auch vor der alkoholfreien Dreimeilengrenze im Rauchzimmer an Bord geschwind noch Omas kleines Häuschen, die erste und die zweite Hypothek.
Malzumal steigt aus dem Schiffsbauch für Sekunden ein rußiger, schwitzender Hephästus und kehrt wieder in sein Flammenreich. Auf und nieder, langsam auf und nieder, in spondeischem Takt schneidet der Kiel die Wellen.
Eines Nachmittags passieren wir das Leuchtschiff von Nantucket, Winnetous rote Lustjacht, und grüßen mit Flaggenwinken und Sirenenschrei das erste Sternenbanner. Die Matrosen machen das Fallreep klar: in der Nacht kommt der Lotse.
Und in majestätischer Frühe löst sich von der Kimmung das erste Land — Segel, rauchende Schlote — immer mehr — die Freiheitsstatue, hell in salziger Patina — die Wolkenkratzer, immer höher: Amerika, Neuland — und eine strahlende Sonne darüber wie Verheißung.
Von den Vororten spreche ich nicht: Brooklyn, Long Island, Jersey, Richmond. Das eigentliche New York reicht als rechteckige Halbinsel (Manhattan) in einen der besten und größten Häfen der Erde. 250 parallele Straßen queren die Halbinsel, 13 Avenues schneiden sie der Länge nach: das ist New York. Der Broadway schlängelt sich, ein reißender Strom von Autos und Menschen, durch die Stadt. Es gibt keine Stadt, wo man rascher und leichter Bescheid weiß.
Drei Untergrund-, zwei Hochbahnen rasen Tag und Nacht auf und ab, nach Süden, nach Norden, in der Flucht von drei Avenues. Um acht Uhr morgens, um fünf nachmittags ist das Gedränge lebensgefährlich.
Man wirft seinen Nickel, 5 Cents, in einen Schlitz, passiert das Drehkreuz und kann nun in alle Ewigkeiten fortsausen: mit dem Expreß, der nur an jeder zehnten Straße hält, mit dem Lokaltrain. Das Drehkreuz enthält eine beleuchtete Kammer mit Vergrößerungslinse: dein Nickel bleibt eine Weile als Vollmond sichtbar aller Welt; ein falscher Nickel bringt dir fünf Tage Haft ein.
Der Zug braust an; selbsttätig öffnen sich die Wagentüren; du stehst oder sitzest in dem verrußten Gefährt. Ein lautsprechendes Telephon ruft durch den ganzen Zug die nächste Haltestelle aus.
An der Kreuzung der 42. Straße und 4. Avenue liegt ein unterirdischer Bahnhof, „das Labyrinth“, Man sagt: ein Fremder sei dort tagelang umhergeirrt und endlich verhungert. Das mußte er nicht: der unterirdische Bahnhof hat viele unterirdische Restaurants.
Ein Blizzard, Schneesturm, galoppiert durch die Straßen und verschüttet und verschönert für Stunden die herrliche Stadt. Für Minuten ist aller Verkehr festgebannt. Alsbald wirbeln die Schneepflüge der Trambahnen. Unter der Erde hastet das Treiben weiter.
Es gibt Inseln im Meer der Fifth Avenue, die den Fußgängern vorbehalten sind. Kein Auto darf die Insel durchflitzen. — Ich stehe nebenan, inmitten der Fahrbahn. Ein unbekannter Mann zieht mich auf die Insel zurück. Und sagt mir:
„Sie werden hier ebenso sicher überfahren; haben dann aber Anspruch auf Entschädigung.“
Das riesige New York faßt hundert Städte zusammen: ein Liberia, wo Negerbourgeoisie haust; ein Peking der Chinesen; ein Budapest (die 2. Avenue heißt Gulaschavenue); zwei Gettos oder mehr; ein Neapel nächst dem Washingtonsquare; ein Valona, ein Athen, ein Cetinje. Immerfort sind die Völker auf der Wanderung: wo voriges Jahr noch Juden wohnten, dringen heuer Iren ein. Der erste Neger mietet: und die Häuser an der Straße fallen im Preis. Die Quartiere haben ihre Geschichte — und alte New Yorker kennen die Geschichte.
Doch es gibt keine alten New Yorker: nur ein winziger Bruchteil der Einwohnerschaft ist hier geboren.
Nur wenig Häuser sind über dreißig Jahre alt. Nur wenig Häuser, außer den Wolkenkratzern, sind bestimmt, stehenzubleiben; sie sind für fünf, sechs Jahre aufgeführt: um fürs erste die Grundsteuer hereinzubringen. Eines Tages fährt jene grausame Maschine an, die einem Bagger gleicht und dies provisorische Haus mit ihren Axtschlägen zertrümmert. Sprengschüsse dröhnen, vom Donner der Hochbahn, Tuten der Autos sofort erstickt — ein Stahlskelett reckt sich und wird mit schrecklichem Surren genietet. Im Hui ist ein zwölf-, zwanzigstöckiger Bau aus dem Felsen von Manhattan gewachsen. Immer noch nichts Bleibendes: nur ein einstweiliger Wolkenkratzer, dessen Baugerüst „man erst abtragen darf, wenn die Wände tapeziert sind“ — (sonst fiele er ein) — ein Wolkenkratzer, der in allen Fugen zittert, in dessen obern Stockwerken ewiges Erdbeben ist — ein Zeitungspalast vielleicht, ein Bureauraum, wo man die Tischplatten an Ketten muß von den Zimmerdecken hängen lassen, um schreiben zu können — ohne Zwischenwände 80 Redakteure und 200 Tippfräulein arbeitend in einem Saal . . .
Das ist New York. Granit und Pappe, endlose Bewegung, Taumel des Geldverdienens. Wer New York, sagt man, drei Monate nicht gesehen hat, erkennt es nicht wieder.
Geldverdienen früh und spät, die Nervenmühle.
In den Pausen dazwischen aber Mystik, Religion, Kunst, Romantik, Weihe, Sentiment; Abreagieren der Tagessorge.
In vier, in acht Kolonnen, hin und wieder, jagen die Autos, orangegelb und dunkelblau — malzumal auf den Fleck gebannt vom weißen Handschuh eines baumlangen Schutzmanns.
Dunkel in den Abendhimmel steigen und verlieren sich die Wolkenkratzer.
Dieser dunkle Abendhimmel aber ist von Milchstraßen überflutet — drei Dimensionen, das Firmament ist voll davon: weißglühende, rotglühende, goldgrüne Reklame. Licht steht zahllos — wie Blumen auf den Alpenhängen. Das schießt und springt und lodert und blitzt, flattert, wächst, verlischt und quillt, das ragt und fällt — in Kaskaden, in Purzelbäumen, in flammenden Schlangen, in Myriaden, in Atomwirbeln, in Feuerwolken; schwört und preist, hämmert, verheißt: „Limonade Clicquot — ist die Beste“; nein, „Limonade Club“ — denn ihr Name wettert über vier, sieben, neunzehn Stockwerke. „Mersons Butter ist eine gute Butter“; „Whatever you do, read the Daily News.“ Und gigantische Buchstaben, Worte, Sätze wandern in Doppelreihen — von rechts nach links, wie Soldaten: „Übersetzungsbureau — Übersetzungsbureau — Übersetzungsbureau.“ In den Lüften hoch, wo du nur noch Gott vermutet hast, kreischt es funkelnd: „Sonora — das Grammophon“; und eine gleißende Glocke bammelt: „glockenrein — das beste Grammophon“; bammelt dreimal, verschwindet — ein lilagelber Papagei schwingt sich auf ihre Stelle.
Dies Strahlenmeer ob dem nächtlichen Broadway ist das sinnfälligste Himmelsschauspiel der alten und neuen Welt, ist Ausdruck einer überstarken Menschheit.
Die Interviewer kamen und gingen wieder. Jeder redete zu mir. Und ob ich nickte oder verneinte — ganz gleich — jeder schrieb, was er selbst gesagt hatte, als meine Meinung nieder.
Nachdem der zwölfte Interviewer gegangen war, trat eine kleine Pause ein. Ich wartete unruhig auf den dreizehnten. Vergebens, er blieb aus. Da beschloß ich, mich selbst zu interviewen. Ich habe es nun schon so oft mitgemacht — ich weiß, wie man es anstellt.
— Herr Roda Roda, sind Sie schon lange in Amerika?
Drei Wochen, Mister . . . Verzeihen Sie. ich habe Ihren Namen nicht verstanden; ich weiß nur, daß darin etliche lange —oa— vorkommen.
— Wollen Sie noch eine Zeitlang bleiben?
Bis ich mich unmöglich gemacht habe. Also etwa vier Monate, schätze ich. So lange hat man mich bisher noch überall geduldet.
— Gefällt Ihnen Amerika?
Wie originell Sie fragen! — Es geht mir hier wie dem türkischen Eulenspiegel Nassr’eddin. Er lag zu Bett und schlief. Da träumte ihm, sein Nachbar zahle ihm neun Groschen auf die Hand. „Gib mir auch den zehnten”, bat Nassr’eddin. Der Nachbar weigerte sich, und sie stritten. In der Erregung des Streites erwachte Nassr’eddin und fand seine Hand leer. Rasch schloß er die Augen wieder: „Laß sein, Nachbar, ich begnüge mich schon mit neun Groschen.“ — Auch mir scheint Amerika wie ein schöner Traum. Ich fürchte zu erwachen und wieder in Europa zu sein.
— Demnach befinden Sie sich in Amerika sehr wohl?
Es ist ein grundsätzlicher Irrtum der Geographie und eine Pedanterie unsrer europäischen Schulmeister, Amerika einen andern Erdteil zu nennen. Amerika ist ein andrer Planet. Eure Technik, euer Optimismus, eure Arbeitskraft — schön und großartig. Ich glaube: auch wenn ihr Dummheiten macht, müssen es ganz kapitale Dummheiten sein.
— Oh!
Widersprechen Sie nicht! Alles ist imposant. Schon die Einwohnerzahl von New York: 20 Millionen.
— Wie kommen Sie zu dieser Ziffer?
Durch Addition natürlich. Es war ein Italiener bei mir, der sagte, es gäbe hier 20 Prozent Italiener, anderthalb Millionen. Ein Jude gab anderthalb Millionen Juden an. Dann Deutsche, Russen, Skandinavier, Franzosen, Tschechen, Südslawen, Rumänen . . . von allen gibt es hier mehr als in irgendeiner Stadt Europas. Wenn Sie alles zusammenrechnen, finden Sie, daß New York über 300 Prozent Einwohner hat, insgesamt 20 Millionen.
— Einige New Yorker sind doch auch hier geboren.
Die hatte ich vergessen — dann geht die Rechnung noch höher. Hier reicht eben alles in den Himmel — nicht nur die Paläste. Mit Deutschland verglichen, ist es ein Schlaraffenland. Candies, Candies aller Ecken, und immer neue Läden erstehen; in längstens drei Jahren wird New York eine einzige Konditorei sein. — Ihr habt Fahrstühle, die wirklich fahren; die Zentralheizung gibt Wärme. — Man gibt mir einen zugeschnürten Packen in die Hand; ich versuche die Schnur zu zerreißen, wie man das in Deutschland immer mit zwei Fingern macht; zu meinem Erstaunen aber reißt die Schnur nicht; da zücke ich mein deutsches Messer; und es zeigt sich, daß die amerikanische Schnur härter ist als das deutsche Messer. — Euer Leder kommt aus der Gerberei; unsres aus der Papierfabrik. Eure Butter kommt vom Land. Eure Kartoffeln sind nicht faul. Und ihr habt Fleisch, das man schneiden kann. Die Milch hier ist undurchsichtig. Ihr habt Kaffee aus Bohnen. Wenn Schnee in New York fällt, ist er schwarz; nicht einmal der Schnee in Amerika ist wie bei uns. — Was ihr Verkehr nennt, hieße bei uns schon Panik. — So elegant wie bei euch die Tippmamsellen sind bei uns nur die Prinzessinnen. — Es ist wahr, manches bei euch mutet uns sonderbar an; Ihr alle seid polizeilich nicht gemeldet; eure Polizisten tragen keine Waffe und sind höflich; der Kirchturm ist das niedrigste Gebäu der Stadt; dafür treibt die Kirche Lichtreklame; man zündet Licht nicht an, um zu sehen, sondern um beachtet zu werden; der drahtlose Telegraph ist das Spielzeug eurer Kinder; die Kinder befehlen; der Vater kocht und putzt der Frau die Stiefel. — Amerika ist das Land, wo man liegend rasiert wird, stehend ißt und von der Tagesarbeit ausruht, indem man stundenlang einem kleinen Ball nachläuft. Man behält hier in der Eisenbahn den Hut auf und nimmt ihn im Fahrstuhl ab; elf Greise entblößen die Häupter, wenn ein zehnjähriges weibliches Rotznäschen in den Fahrstuhl tritt. Und auf der Straße spuckt man. Dafür gibt es hier auf der Straße keine Hunde, Sperlinge und Kinderwagen; bei uns genießen die Hunde öffentlich Freiheiten, die keinem Menschen zustehen. — Komisch ist euer Wetter: ihr habt von Januar bis Juni April. Auch in Venedig ist es naß; dort gibt es aber Gondeln.
— Sie sprechen von Dummheiten. Meinen Sie die Prohibition?
Habt ihr Prohibition? Verzeihen Sie — ich bin erst drei Wochen im Land — da hatte ich es noch nicht bemerkt.
— ln Deutschland trinkt man wohl immer noch viel?
Meist Tee. Man macht Tee bei uns, indem man Heu in lauwarmem Wasser wäscht.
— Demnach eine neue Industrie?
Ja, manche Industrien in Deutschland blühen. Es erzeugt zum Beispiel unsre Reichsdruckerei mehr Banknoten als irgendeine Anstalt auf Erden. In der vorigen Woche entstanden soviel Banknoten, daß man nur ein Band aus ihnen zu bilden brauchte, und man konnte es um die ganze Erde wickeln. In dieser Woche ist der Rekord gebrochen worden: die Banknotenerzeugung reichte dreimal um den Mond. Eine achtunggebietende Leistung. Da kommt ihr nicht mit.
— Sie haben darum auch die große Teuerung in Deutschland.
In New York ist alles viel teurer. Ein Mantel kostet hier 90 Dollar. Dafür kaufe ich mir in Deutschland ein Landhaus, nehme eine Hypothek darauf und schaffe mir aus der Hypothek einen Mantel an.
— Der Interviewer sieht nach der Uhr. Ich merke, ich habe seine Geduld erschöpft und drücke ihm zum Abschied warm die Hand.
„Mein Herr,“ sage ich ihm, „Sie können ruhig behaupten, eine Stunde mit dem größten Satiriker Deutschlands verplaudert zu haben. Meine Kollegen sind nämlich zur Zeit so beschäftigt mit Selbstanbetung, daß sie meine Überhebung gar nicht merken werden.“
Noch immer erster Gegenstand des Tagesgesprächs.
Sie ist nicht plötzlich gekommen: die Staaten Maine, New Hampshire, Vermont, Kansas, Norddakota sind seit vielen, vielen Jahren ‚trocken‘.
Freunde wie Gegner des Alkoholverbots setzen sich aus Idealisten und den zahllosen Interessierten zusammen. Die idealistischen Gegner führen das Wort „Freiheit“ im Mund. Gegner aus materiellen Gründen sind natürlich die Gastwirte, ehemaligen Schnaps- und Bierbrauer, die Kartoffelfarmer. Wein baut man nur in Kalifornien und Florida — die getrockneten Trauben finden reißenden Absatz — die Weinbauern sind jubelfroh. Die „armen“ Bierbrauer (der Staat hat sie nicht entschädigt) müssen Eis erzeugen, Ginger Ale und Near-Bier.
Wer aber hat die Prohibition durchgesetzt? Man sagt: die Großindustrie. Rockefeller allein soll 100 Millionen Dollar darangewendet haben. Nur aus Sorge um die Volksgesundheit? Ich glaube es. Doch es gibt Leute, die ihm andre Motive unterschieben:
Der amerikanische Arbeiter liebte „blauen Montag“ zu machen. Er legte einen erheblichen Teil seines Lohnes in Alkohol an. Die Großindustrie entzog dem Arbeiter den Alkohol, um den Arbeiter zum Sparer zu konsolidieren, zum Kleinrentner zu machen, vor Bolschewismus zu bewahren. Das ist vollauf gelungen, die Sparkonten der Arbeiter sind unermeßlich gewachsen. — So lehrt man mich. Es wäre weitsichtige Kapitalistenpolitik.
Die Prohibition ist Bestandteil der Unionsverfassung. Allein die Verfassung trifft nur „berauschende Getränke“; sie definiert nicht, was unter einem berauschenden Getränk zu verstehen sei. Zur Zeit legt man den Begriff so aus, daß er Flüssigkeiten umfaßt mit einem Gehalt von mehr als einem halben Prozent Alkohol. Die Gegner der Prohibition hoffen, sie würden zunächst leichten Wein und Bier freibekommen — ohne Änderung der Verfassung, durch bloße Ausdeutung des Gesetzes . . . Auf diese ferne Hoffnung hin sind die Mieten der Ecklokale schon sinnlos gestiegen. Übrigens hat man im Staat New York die Geheimagenten der Prohibitionsaufsicht aus den Gasthöfen zurückgezogen: vielleicht ein erster Schritt.
Seit Einführung der Prohibition hat angeblich die Zahl der Verbrecher zugenommen. Die Einführung geschah zur Zeit des Krieges. Auch bei uns, die wir den Alkohol nicht verboten, haben die Verbrechen in den letzten Jahren sich sehr gemehrt; wir bürden die Schuld dem Krieg auf.
Sie herrschen hier und werden verzärtelt. Ich sehe das American girl glorifiziert in Bild und Vers, durch Lied und Drama, Kino und Statue: das junge, überschlanke Mädchen mit bezaubernden Zügen, großen Augen, aufgeplustertem, nackenkurzem Haar.
Ich sehe auf der Fifth Avenue lachende Scharen mit kleinen Federhüten, kostbarem Pelzwerk, in Seidenstrümpfchen und Lackschühchen, Halbstiefeln von Gummi. All die Frauen so elegant, wie wir es in „Juröp“ nie und nimmer gewohnt sind.
In den Theatern sitzen sie und flirten mit ihrem Kavalier — nackenkurz das Haar und aufgeplustert; schwarze Kleider, fast bis zum Hals geschlossen — doch die Arme bloß und die Achselhöhlen rasiert.
Man trägt das Haar jetzt schwarz, mindestens dunkel; superoxydblond sind nur Ladenmädchen.
Und fast alle, alle jungen Damen weiß und rot geschminkt; dunkle, feine Brauen, Purpurlippen und lackierte Nägel. Eine Zeitung hat ausgerechnet, man gebe in den Vereinigten Staaten jährlich drei Viertel Milliarden Dollar für Schönheitsmittel aus — nicht mehr als für die Schulen.
Zehn Männer sitzen in ernster Erwägung, in schwierigen Geschäften — eine Frau tritt ein und reißt das Gespräch sogleich an sich.
Zwanzig Männer warten am Schalter — die Dame kommt und redet als erste den Beamten an.
Sie beansprucht in der Eisenbahn vier Plätze.
So verloren über dich weg ins Nichts kann nur eine Amerikanerin blicken. Du, der Fremde, bildest dir wohl ein, zu sein. Du irrst aber; objektiv bist du nicht vorhanden.
Die Show beginnt um Mitternacht und endet um zwei. Zusammenhanglose Aufeinanderfolge grotesker, pittoresker und heiterer Szenen, Aufzüge, akrobatischer Tanzleistungen — und in unserm Fall endete die Show mit Springen und Tauchen von vier sehr schönen Mädchen in ein riesiges durchsichtiges Becken. Dazu eintönig-reißerische, scharf-rhythmisch-quäkende Musik von Klavier, Geige, Saxophon und einer Trommel, die sich beim Schlagen, Bürsten, Reiben taktgemäß rotgrün erleuchtete.
Zu Beginn wandelten die Darsteller einzeln über die Bühne — ein Spruchband gab (wie im Kino) die Namen an. Zum Schluß schritten die Figuren, wiederum einzeln und paarweis langsam vorüber, um den Beifall einzuheimsen — und die Musik schmetterte dazu als Reminiszenzen die Schlagernummern des Abends.
Wir waren bezaubert von der Gelenkigkeit, Muskelkraft der Tänzer und Tänzerinnen; der fürstlichen Pracht der Ausstattung, der Kostüme, der Lichtfülle, dem Raffinement der Regie. Dergleichen hatten wir Europäer nie gesehen.
Am nächsten Morgen schüttelten Einheimische die Köpfe über unsern Enthusiasmus. Eine Show im Broadwalk? Keine der von uns bewunderten Kräfte, nicht einmal das Etablissement selbst war dem Einheimischen bekannt. Wir hatten eine Veranstaltung vierten Rangs gesehen.
Man brachte mich in das Kapitol, das größte Kino der Erde, für 5000 Zuschauer. Es spielt von Mittag bis in die Nacht und ist immer dicht besetzt, ausverkauft. Hunderte von Menschen warten stehend auf Sitzplätze, die erst frei werden müssen.
Das Haus zeigt allen Luxus eines großen Hoftheaters. Breite Vorhallen. Und Licht — überall Licht. Sieht man über die schreienden Reklamen weg für den Star des Tages, so muß man den Geschmack, die Eleganz der Innenarchitektur bewundern.
5000 Polstersessel, amphitheatralisch ansteigend. Ruhige, große Linien: kühn schwebende Balkone, Lauben; ein unermeßlicher erster Rang.
Vorzügliches Orchester von 80 Musikern. Dann Gesang, der sich in dieser Unendlichkeit allerdings verliert — ebenso wie die Person des Sängers auf der Riesenbühne. Die Bühne, grünlila bestrahlt — im nächsten Augenblick schon erscheint sie rosig abgetönt — oder sanft blau. Ausgeklügelte, wirkungsvolle, sehr schöne Effekte, keineswegs kitschig. Es folgt eine Tänzerin, brillant geschult, in einer Szene, die man „Die Spieluhr“ nennen könnte. Vielleicht zu intim für diese Perspektive.
Endlich das Kinostück; heiter und einfach in der Handlung, sonnenklar im Bild. Die Fabel nimmt einigermaßen die Partei der Iren gegen die Engländer. Ein liebliches Kind aus Irland, halb Lord Fontleroy, halb Madame Sans Gene, gerät in ein vornehmes englisches Haus, siegt über engherzige, reiche Verwandte und führt den Helden heim. Eine Miß Tailor, wunderhübsch, süßlich hübsch, macht ihre Sache allerliebst. Zum Schluß wird sie — als Lady — dem englischen Königspaar vorgeführt; und löst die pathetische Situation durch eine kleine höhnische Grimasse in Komik auf.
Der amerikanische Zuschauer ist offenbar naiv aufnahmsfähig, läßt sich gerne rühren und erlustigen. Kindern und Tieren gehört sein Herz. — Das Leben ist kraß und erbarmungslos. Man reagiert es ab.
Im Lande des Hochdollars ist das Leben für den Europäer unerschwinglich. Ich möchte Ihnen eine Vorstellung von den Preisen geben, doch es fehlt mir Ungewandtem an Grundlagen des Vergleiches — ich weiß keine Dinge zu nennen, die einander in Europa und Amerika an Güte und Menge völlig gleichen.
Mein Zimmer in einem sehr guten, riesigen, allerdings nicht ganz modernen Gasthof kostet 6 Dollar täglich. Licht (sieben Birnen) und Bedienung (doch gibt es keine Klingel) sind eingeschlossen. Stiefelputzen auf der Straße. Was bietet dies Zimmer aber an Bequemlichkeiten und Einrichtungen! Ein doppelbreites Bett, Kleiderkammer (!), Baderaum; schöne Mahagonimöbel, Bilder und Teppiche; Briefpapier, Seife, Eiswasser, heißes Wasser, regulierbare Heizung, Ventilator; ich kann nach Boston vom Zimmer aus telephonieren, doch auch mit jedem Insassen des Hauses; wenn Briefe für mich unten eintreffen, erfahre ich es oben durch eine erleuchtete Inschrift; der Kasten für abgehende Briefe vor der Tür — hier oben im achten Stockwerk; der Lift in einer Sekunde zur Stelle; das Reinigen der Wäsche (30 Cents das Hemd) dauert nur Stunden; Telephonbuch von New York und Umgebung auf dem Schreibtisch, ebenso Fahrpläne, Landkarten; auf dem Nachttisch die Bibel — mit einem Verzeichnis jener Stellen, die in besondern Lagen des Lebens zu lesen wären. . . .
Tee mit Zucker, Rahm, Toast, Butter am Morgen. 35 Cents. In einem Restaurant, wo Tippfräulein ihr Frühstück einnehmen, kostet der Lunch 1 Dollar, besteht aus einer sehr reich garnierten Fleischspeise und einem süßen Nachgericht: Obstsalat etwa mit Schlagrahm. Zutaten und Zubereitung vortrefflich, von einer bei uns unbekannten Qualität. Weißbrot, Butter, Eiswasser, Zucker frei. Zwei Spiegeleier (Ochsenaugen) mag man für 35 bis 40 Cents erhalten. Die vornehmen Gaststätten unterscheiden sich von den wohlfeilen eher durch Raumausstattung und Sorgfalt, Ruhe der Bedienung als durch Schmackhaftigkeit der gebotenen Nahrung. Das mindeste Trinkgeld im Restaurant: ein Dime gleich 10 Cents. Die wohlfeilste Zigarette anderthalb, die Zigarre 5 Cents.
Gute Schnürstiefel kosten 5 Dollar, die besten bis zu 17; sie sind dann aber auserlesen fein. Ein sehr eleganter Winteranzug 50 Dollar. Ledermäntel sieht man nirgends.
Die Zeitung kostet 3 Cents, Sonntags das Doppelte. Der einfache Brief nach Europa 5 Cents Porto. Der beste Platz in der Metropolitan Opera 7 Dollar 70 Cents, der Stehplatz 2 Dollar 20 Cents; der beste Sitz im Kino 85 Cents.
Es ist, sagt man mir, alles etwa doppelt so teuer wie vor dem Krieg.
Graut Ihnen?
. . . Als die Mark auf ihrem Tiefstand war — da erzählte man sich in New York von einem Mädchen, das auf die Bank gekommen sei, um einen Tausendmarkschein einzuwechseln.
Sie war bestürzt, als sie nur zwei Kupfermünzen erhielt. „O Gott,“ rief sie, — „und ich habe den Kerl auch noch zum Frühstück behalten.“
Ich war im „Wissenschaftlichen Verein“ der Deutschen New Yorks. Er hatte vor dem Krieg fünf- oder sechshundert Mitglieder, schmolz auf hundert zusammen und wuchs seither wieder auf das Doppelte. Um die Abgefallenen, versicherte man mir, sei es nicht schade; dafür hat manch ein Halbverlorener im Krieg für immer sein deutsches Herz entdeckt.
Es gab einen Vortrag: Professor Lehr aus Wien schilderte die Zustände in seiner Vaterstadt. Nicht der erste Vortrag dieser Art. Vielmehr wiederholen sich solche Veranstaltungen seit neun Jahren, 1914 — und sie brachten anfangs ungezähltes Geld ein für die Bedürftigen der alten Heimat. Wenn die Freigebigkeit des Deutschamerikaners zuletzt etwas erlahmt wäre: mich sollt’ es nicht wundern.
Dem Vortrag folgte ein europäischer Film „Die Welt in Gefahr“, und der Film war bestimmt, den Eindruck des Vortrags zu unterstreichen. Oh, was hatte man da nach Amerika gebracht! Nach Amerika, dem Ursprungsland des Films, nach New York, das täglich die technisch vollendetsten Erzeugnisse der Lichtkunst sieht! Was hatte man gebracht: klägliche, eintönige Bilder, belebt durch eine unsagbar einfältige Handlung; ein Fräulein, von allen Grazien verlassen, stellte in Strickjacke und weißwollenen Gamaschen die Heldin dar und war umgeben von fetten Männern in alpinem Loden. Damit warb Österreich um die Gunst des eleganten New York. Es gab zuerst Lachen, dann Ärger über das hölzerne, abgeschmackte Spiel. Man fragte sich: warum Wien solchen Unrat mit großen Kosten herstelle, das Geld nicht lieber gleich dem darbenden Mittelstand schenke.
Man unterschätzt bei uns immerfort den Kulturstand des Amerikaners und . . . seine Gutmütigkeit. Ein Herr hier erzählte mir: er habe den deutschen Malern und Bildhauern gern helfen wollen, indem er etliche Werke herkommen ließ, um sie im Bekanntenkreis abzusetzen.
