Ein ganz besonderer Abend - Annette Willsch - E-Book

Ein ganz besonderer Abend E-Book

Annette Willsch

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Beschreibung

Die besten Geschichten erzählt uns der Alltag, der oft gar nicht alltäglich daherkommt. Eine Wanderung im Gebirge, ein geheimnisvolles Kästchen in der Handtasche einer alten Frau, ein Parkschein in der Hemdtasche des Ehemannes, eine abwesende Mutter, ein verlorengegangenes Instrument - all das kann zu Verwicklungen führen und vielleicht sogar dem Leben eine neue Richtung geben.

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Seitenzahl: 37

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Für Theo

Inhaltsverzeichnis

Das Gewitter

Das Schatzkästchen

Der Parkschein

Die Sternschnuppe

Die Geige

Eifersucht

Ein ganz besonderer Abend

Die Autorin

Das Gewitter

Der Wetterumschwung kam sehr plötzlich, wie so häufig im Gebirge. Das Gewitter hatte sich nur durch kurzes Wetterleuchten und ein entferntes Grollen angekündigt, und jetzt trieb der stärker gewordene Wind schon die ersten Regentropfen vor sich her.

„Gott sei Dank, da ist eine Hütte“, keuchte Tristan, und zog seine Freundin Anna mit, die kaum Schritt halten konnte. Die Hütte war sehr einfach, aber bot ausreichend Schutz, und bei gutem Wetter hatte man von dem kleinen Vorplatz mit der Bank und dem groben Holztisch eine wunderbare Sicht ins Tal. Rasch schlugen sie die Tür hinter sich zu und sahen sich um. Es gab keine großartige Einrichtung, nur ein paar einfache Bänke und einen Tisch, auf dem andere Wanderer sogar ein paar Kerzen zurückgelassen hatten. Streichhölzer hatte Tristan immer dabei, und so saßen sie sich bald bei Kerzenschein gegenüber, während es draußen vor den kleinen Fenstern immer dunkler wurde. Wie lange würden sie hier wohl festsitzen? „Ist doch ganz romantisch“, meinte Anna, die so schnell nichts aus der Fassung bringen konnte. Tristan nickte ein wenig abwesend. Die Romantik, schien es ihm oft, hatte sich schon lange aus seinem Leben verabschiedet.

Plötzlich hörten sie Geräusche draußen, Stimmen, und bald schon fegte ein heftiger Windstoß durch die geöffnete Tür. Zwei Personen traten ein, ein Mann und eine Frau, beide schon pitschnass. „Na Gott sei Dank, und Gesellschaft gibt es auch“, sagte die Frau. Als Tristan ihre Stimme hörte, blieb ihm fast das Herz stehen. Da war sie, die Begegnung. Ersehnt und befürchtet. Wie oft hatte er sich diese Situation vorgestellt? Wie oft hatte er sich gefragt, ob es nicht besser wäre, Vergangenes einfach ruhen zu lassen?

Die beiden Neuankömmlinge hatten sich ihre Jacken ausgezogen und traten nun in den Lichtkegel der Kerzen, um sich bekannt zu machen und ebenfalls am Tisch niederzulassen. „Ich bin Isi“, sagte die Frau und gab erst Anna, dann Tristan die Hand. Ihre Blicke trafen sich. Wie gut sie sich in der Gewalt hatte! Das Erkennen flog über ihr Gesicht, sie verfärbte sich, was bei dem Schummerlicht aber sonst niemandem auffiel, und einen Moment später war ihr nichts mehr anzusehen. Ihr Freund, groß, dunkelhaarig und gut aussehend, stellte sich ebenfalls vor, er hieß Mark, und seinem Akzent nach zu urteilen stammte er aus den USA, was er auch bestätigte.

Nun saß man also zu viert am Tisch, starrte in die Kerzen und versuchte sich in freundlicher Konversation. Proviant wurde hervorgeholt und geteilt. Draußen tobte das Gewitter, wie es im Gebirge nur toben kann.

Immer wieder schaute Tristan zu Isi hinüber, vorsichtig, verstohlen, damit es niemand bemerkte. Sie hatte sich nur wenig verändert seit damals, als sie ohne jede Erklärung aus seinem Leben verschwunden war. Jetzt wusste er, warum. Mark war sehr redselig, ganz amerikanischer Charme, und nachdem man sich erst einmal vorsichtig beschnuppert hatte, erzählte er sehr ausführlich von sich und seiner Freundin. Sie hatten sich vor einigen Jahren kennen gelernt, als er für seine amerikanische Firma in Deutschland auf Geschäftsreise war, und wie er sagte, war es Liebe auf den ersten Blick. Isi hatte alles hinter sich gelassen und war mit ihm nach Amerika gegangen. War das nicht immer ihr großer Traum gewesen, schon in der Schule? Inzwischen wohnten sie Deutschland, wo er eine Niederlassung seiner Firma leitete.

Anna fand das alles sehr romantisch. Ihre Beziehung mit Tristan hatte lange nicht so stürmisch begonnen. Ganz im Gegenteil: Hatte sie nicht oft das unbestimmte Gefühl, nur Lückenbüßerin zu sein? Immer, wenn sie das versuchte anzusprechen, blockte Tristan ab. Er hatte ihr überhaupt sehr wenig erzählt über seine Vergangenheit. Typisch Mann. Sie seufzte, und in ihren Augen zeigte sich die Traurigkeit, die Tristan immer geflissentlich versuchte, zu übersehen.

„Don't worry“, sagte Mark, der ihren Seufzer gehört hatte und den Schatten wahrnahm, der sich über ihr Gesicht gelegt hatte. Was in ihr vorging, konnte er allerdings nicht wissen. Er ging zu seinem Anorak und kam mit einem Flachmann in der Hand zurück an den Tisch. „Hier, nimm einen Schluck, das hilft immer“, sagte er einladend und reichte Anna den Seelentröster. Isis und Tristans Blicke trafen sich, und plötzlich wusste Tristan Bescheid. Isis Traum war ein Traum geblieben.