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Schwere Bombenangriffe auf die Stadt Frankfurt im Jahr 1944 fordern unzählige Opfer, unter ihnen auch die Eltern und die kleine Schwester der 16-jährigen Emilie. Sie erlebt die Bergungsarbeiten ihrer Eltern mit, ihre kleine Schwester wird jedoch nie gefunden. Der Sprung in die heutige Zeit führt in ein Wohnhaus in Frankfurt. Hier lebt die inzwischen verwitwete Emilie auf verschiedenen Wohnebenen mit Tochter Juliane, Enkelin Caro und deren beiden Kindern, unter einem Dach. So führt auch der Plot durch das Leben dieser Familien, bis zu jenem Punkt, als die alleinstehende und geheimnisvolle Erna in Emilies Leben tritt
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Seitenzahl: 210
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Hans Muth
Ein ganzes Leben Ewigkeit
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Ein ganzes Leben Ewigkeit
Impressum
Inhalt
Inhalt:
1.Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
Epilog
Impressum neobooks
Hans J. Muth
Roman
Texte: © Copyright by Hans Muth
Umschlag und Umschlagsfoto:
© Copyright by Hans Muth
Verlag: Hans Muth
Kapellenstr. 6
54316 Lampaden
Printed in Germany
Auch wenn der Abend noch so trübe
der Mond verhangen, blass und müde,
so ist doch nie die Hoffnung fern
auf einen neuen hellen Stern.
hjm
Schwere Bombenangriffe auf die Stadt Frankfurt im Jahr 1944 fordern unzählige Opfer, unter ihnen auch die Eltern und die kleine Schwester der 16-jährigen Emilie. Sie erlebt die Bergungsarbeiten ihrer Eltern mit, ihre kleine Schwester wird jedoch nie gefunden.
Der Sprung in die heutige Zeit führt in ein Wohnhaus in Frankfurt. Hier lebt die inzwischen verwitwete Emilie auf verschiedenen Wohnebenen mit Tochter Juliane, Enkelin Caro und deren beiden Kindern, unter einem Dach. So führt auch der Plot durch das Leben dieser Familien, bis zu jenem Punkt, als die alleinstehende und geheimnisvolle Erna in Emilies Leben tritt
Für alle, die sich verloren glaubten
und schließlich doch wiederfanden
1. Kapitel: Emilie: 1944
2. Kapitel: Emilie (Gegenwart)
3. Kapitel: Caroline
4. Kapitel: Zeit für Erinnerung
5. Kapitel: Otto:
6. Kapitel: Geborgenheit:
7. Kapitel: Sophia und Paolo
8. Kapitel: Bella Pescara
9. Kapitel: Ciao, bella Pescara
10. Kapitel: Emilie will reisen
11. Kapitel: Carolines Ex: Erwin
12. Kapitel: Rafael: Der Unfall
13. Kapitel: Die Nachricht
14. Kapitel: Lauterbach und Caro
15. Kapitel: Die Frau im Bus
16. Kapitel: Pjotr
17. Kapitel: Julis Zweifel
18. Kapitel: Erna
19. Kapitel: Juli hat Namenstag
20. Kapitel: Emilies Träume
21. Kapitel: Caro, Peter und die Kinder
22. Kapitel: Emilie sucht Erna
23. Kapitel: Akzeptanz
24. Kapitel: Ein fehlendes Stück Leben
25. Kapitel: Gemeinsame Suche nach der Vergangenheit
26. Kapitel: Peters Connections
27. Kapitel: Wünsche, die in Erfüllung gehen sollen
28. Kapitel: Wir drehen die Zeit zurück
29. Kapitel: Mein Name ist Erna Müller
30. Kapitel: Suche nach der Vergangenheit
31. Kapitel: Ein Foto, Ratlosigkeit und Hoffnung
32. Kapitel: Ein Schock für Emilie
33. Kapitel: Gesellschaft für Frankfurter Geschichte
soll helfen
34. Kapitel: Sorge um Emilie
35. Kapitel: Finde Marie
36. Kapitel: Das Medaillon
37. Kapitel: Die Vergangenheit bleibt verborgen
38. Kapitel: Du kommst zu mir, Marie
39. Kapitel: Weihnachten; endlich zuhause
Epilog: Ein halbes Jahr später
Emilie: 1944
Am Abend des 12. September 1944 flog die Royal Air Force mit über 380 Maschinen ihren letzten großen Angriff auf Frankfurt. Eine 36-Zentner-Miene riss ein Loch in die Wand des Bunkers in der Bockenheimer Mühlgasse und tötete 172 Menschen. Aber auch die Häuser im Bereich um den Bunker herum wurden Opfer dieses Angriffs. Darunter war auch das Haus, in das sich Marie mit ihren Eltern geflüchtet hatte. Alle, die in diesem Keller Schutz gesucht hatten waren tot, davon war man fest überzeugt. Über 100 Menschen hatten sich dort aufgehalten, auch Marie und ihre Eltern, Emil und Martha Breiding.
Emilie war an diesem Abend bei ihrer Freundin Lisa gewesen und als die Bomben fielen, hatten sie mit den anderen Hausbewohnern den massiven Keller des Hauses aufgesucht.
Das Haus war von den Angriffen verschont geblieben, aber als sich Emilie später, als alles vorbei war, auf den Heimweg machte, kam sie an dem Haus vorbei, das es so arg getroffen hatte. Dass ihre Lieben darin umgekommen waren, das konnte sie nicht ahnen. Sie blieb stehen und sah den hektisch arbeitenden Helfern zu, die sich Stein für Stein Zugang zu eventuell Verschütteten machten.
„Mädchen, das hier ist nichts für dich!“ Einer der schweißtriefenden und vom Schutt völlig verdreckten Männer hatte Emilie erblickt, die stehen geblieben war und den Arbeiten zusah, und deutete mit der Hand an, dass sie weitergehen solle. „Du kannst hier nicht helfen und du willst auch nicht sehen, was wir hier eventuell finden.“
Der Mann, er war vielleicht 40 Jahre alt, nahm seine flache Lederkappe vom Kopf und schlug sie mehrfach gegen seine Beine. Es staubte so stark, dass er zu husten begann. Dann wandte er sich wieder seinen Kameraden zu und fuhr fort, Stein für Stein hinter sich auf eine noch freie Stelle zu werfen.
Emilie hatte wie gebannt auf den Trümmerhaufen gesehen. Wenn darunter noch Menschen lagen, sie hatten kaum eine Chance, das war Emilie klar. Sie musste gewaltsam den Blick von der Unglücksstelle lösen und lief, so schnell sie konnte, nach Hause.
Doch sie stand in einer leeren Wohnung und als sie nach einer Stunde immer noch alleine ruhelos in der Wohnung umhergeirrt war, lief sie wieder nach draußen. Irgendwo mussten die Eltern und Marie doch sein.
„Lieber Gott, lass sie bei Bekannten sein. Mach, dass sie vergessen haben, nach Hause zu kommen!“, begann Emilie zu beten.
Sie irrte durch die Straßen und immer wieder kam sie an Häusern vorbei, die nur noch aus Schutt bestanden und wo junge und alte Männer, aber auch Frauen mit dunklen Kopftüchern, Stein für Stein beiseite räumten, in der Hoffnung, doch noch Lebende vorzufinden und zu retten.
Schließlich kam Emilie wieder an dem Haus vorbei, an dem sie auf ihrem Heimweg stehen geblieben war und wo einer der Männer, die dort Räumungsarbeiten durchführten, sie fortgeschickt hatte. Die Männer und eine Frau, die sie vorhin nicht bemerkt hatte, hatten offensichtlich ihr Vorhaben aufgegeben. Als Emilie näherkam sah sie, dass die völlig ausgelaugten Personen mit gesenkten Köpfen in einem Halbkreis dastanden und sich kaum regten.
Dann sah Emilie, was dort geschehen war. Die Helfer hatten jemanden gefunden, hatten Menschen aus dem Schutt befreit. Doch an der Reaktion der dort Stehenden wusste Emilie sofort: Da hatte man nur noch Tote geborgen.
Emilie durchfuhr es wie ein Blitz.
„Papa, Mama, Marie!“ Emilie beschleunigte ihre Schritte, um gleich wieder langsamer zu werden. Nein, es konnte nicht sein. Es durfte nicht sein! Langsam näherte sie sich der Gruppe, wie magisch angezogen, den Blick starr auf die leblosen Leiber gerichtet. Dann erkannte sie, wer dort lag und es zerriss ihr das Herz.
„Mama! Papa! Nein! Bitte nein! Lieber Gott, lass es nicht wahr sein!“
Emilie kniete neben den leblos auf dem Rücken liegenden Liebsten, die sie auf der Welt hatte und schlug die Hände vor das Gesicht. „Mama! Papa!“
Dann brach es aus ihr heraus. Ihr Körper wurde wie in einem Krampf geschüttelt und unter lauten Schluchzen brach Emilie in sich zusammen und sie merkte nicht mehr den starken Griff eines Mannes, der verhinderte, dass sie mit dem Kopf auf dem steinernen Boden aufschlug.
Als sie wach wurde, sah sie in das Gesicht einer Krankenschwester, die sich über sie beugte.
„Ich habe Ihnen ein Beruhigungsmittel gegeben“, sagte eine freundliche und mitleidvolle Stimme. „Wie fühlen Sie sich? Kommen Sie, ich bringe Sie nach Hause!“
„Wo ist Marie?“
Emilie konnte sich nicht erinnern, sie vorhin bei dem Schutthaufen gesehen zu haben.
„Hat man sie gefunden? War auch sie verschüttet?“
Sie schaute die Krankenschwester, die vom Alter her ihre Mutter hätte sein können, fragend und zugleich hoffnungsvoll fordernd an, ja beinahe flehend.
„Nein, Kindchen.“ Die Krankenschwester sah unter sich. „War auch sie in diesem Haus, das es getroffen hat?“
„Ich weiß es doch nicht. Ich habe keine Ahnung.“
Emilie begann zu weinen und unter Schluchzen erzählte sie der Schwester, dass ihre Eltern und ihre Schwester sich am Mittag aufgemacht hatten, um Bekannte zu besuchen und vielleicht einige Dinge in Essbares umzutauschen.
„Dann kam ihnen sicher der Flugangriff dazwischen, als sie unterwegs dorthin waren.“ Die Krankenschwester nickte vielsagend und strich Emilie über das Haar. „Wie alt sind Sie?“, fragte sie mütterlich.
„Sechszehn“, flüsterte Emilie. Ich bin sechzehn. Und Marie … sie ist erst vierzehn. Ich bin doch für sie verantwortlich.“
Die Krankenschwester atmete tief durch. Dieses unendliche Leid, das uns allen aufgebürdet wird, dachte sie. Laut fragte sie:
„Was werden Sie jetzt tun?“
„Ich weiß es nicht. Ich möchte am liebsten auch sterben“, schluchzte Emilie. „Ich habe keinen Menschen mehr auf dieser Welt.“
Emilie (Gegenwart)
Unter ihnen präsentierte sich großflächig die Rhein-Main-Metropole Frankfurt, eingetaucht in ein bläulich schimmerndes Licht, hervorgerufen durch die intensive blau bis weiß abgestufte Farbgebung des wolkenfreien Himmels. Die Augustsonne blendete die Insassen durch die bullaugenähnlichen Fenster der Boeing 737 und an der linken Tragfläche, deren Ende den glühenden Feuerball zu berühren schien, spaltete sich das Sonnenlicht und bildete einen goldenen Schleier. Wäre da nicht das gleichmäßige Dröhnen der Turbinen in den Ohren der Passagiere gewesen, ein Freiheitsgefühl, wie es Ikarus erlebt haben musste, hätte zweifelsohne von einigen der Fluggäste Besitz ergriffen.
Am Horizont verlief sich die Dichte der Stadt, deren Hochhäuser im gleißenden Sonnenlicht die Hitze aufzusaugen schienen, und man konnte bereits unschwer die Landebahn des Flughafens ausmachen, die sich jedoch gerade in diesem Moment nach Süden wegzudrehen schien, denn der Pilot lenkte den Flugkörper zur Seite, offensichtlich in eine Warteschleife.
Für ein paar Momente bot sich dem Betrachter aus der Schräglage der Boeing heraus eine Panoramaansicht der Stadt und silbern glänzend präsentierte sich dazu der Main, mit seinen schlangenförmigen Windungen die Stadt teilend.
Emilie Bruckner hatte ihr Schläfchen beendet und rieb sich die Augen. Dann fuhr sie sich mit der Hand durch ihr weißes gewelltes Haar, um gleich wieder zurückzuzucken. Sie öffnete ihre kleine Handtasche, die sie neben sich auf dem Sitz abgestellt hatte und entnahm ihr einen kleinen Frisierspiegel, einen solchen ohne Stiel, der sich gut in einer kleinen Seitenablage der Tasche unterbringen ließ und der immer dann zur Hand war, wenn sie ihn brauchte.
Emilie war eitel. Sie war schon immer eitel gewesen in ihrem Leben, eitel wie alle Frauen. Wenn sie ihre Wohnung verließ, führte sie immer ihre Handtasche mit sich. Sie machte da keine Ausnahme zu all den anderen Frauen und so war ihre Eitelkeit auch auf keinerlei Grenzen angewiesen.
Sie schaute in das kleine Viereck, das kaum größer war als eine Zigarettenschachtel, ordnete ihr Haar und betrachtete ihre Augenbrauen, ihre Wimpern.
Emilie musste einmal eine sehr schöne Frau gewesen sein, das konnte man heute noch mit wenig Fantasie erahnen. Sie war nicht sehr groß, hatte aber noch immer eine schlanke Figur und ihre leicht hervorstehenden Backenknochen unter den braunen, listig anmutenden Augen, gaben ihr auch heute noch ein gewisses Etwas.
Emilie öffnete leicht den Mund und betrachtete im Spiegel ihre strahlend weißen Zähne, eine Prothese zwar, aber in einer Verarbeitung, die es ihr ermöglichte, frei zu reden und zu lachen. Und wenn sie letzteres tat, zeigten sich zwei tiefe Grübchen links und rechts in ihren Mundwinkeln, die in der Vergangenheit immer schon ein Anziehungspunkt für das männliche Geschlecht gewesen waren. Wären da nicht die Altersflecke auf der Haut der Hände zu sehen gewesen und die hervorstehenden Venen, man hätte ihr durchaus ein jüngeres Lebensalter abgenommen.
Zum ersten Mal in ihrem langen Leben, immerhin zählte sie schon neunzig Lenze, hatte sie einen solchen Riesenvogel bestiegen. Nicht einmal in all den vergangenen Jahren war das Bedürfnis dazu in ihr aufgestiegen. Stets hatte sie Bewunderung für alle, die den Mut hatten, in einen dieser stählernen Kolosse einzusteigen und durch die halbe Welt zu reisen. Doch sie selbst hatte da schon lieber die Fortbewegung auf der Erde vorgezogen.
„Emilie, du kannst dir nicht vorstellen, was du alles verpasst.“ Helma Brunner, eine ihrer besten Freundinnen und das schon seit vielen Jahren, hatte sie eines Tages ins Gebet genommen.
„Deine Kinder, deine Enkel, ja deine gesamte Familie, alle fliegen in der Welt umher und stell dir vor: Sie sind immer wieder zurückgekommen. Was hast du denn schon außer Frankfurt gesehen? Mach dir noch ein paar schöne Jahre, verreise in ferne Länder, jetzt, ehe es zu spät ist!“
Emilie hatte lange darüber nachgedacht. „Was habe ich zu verlieren?“, fragte sie sich. Andere kommen auch immer wieder zurück, genau wie Helma es mir immer vorhält. Ich werde es tun! Ich werde bei nächster Gelegenheit mit Juliane und Rafi nach Italien fliegen. Ich werde Rafis Eltern kennenlernen und sein Land mit der nicht enden wollenden Sonne, den süßen Früchten, die wir hier nur in den Supermärkten vorfinden.“
Emilie nannte ihren Schwiegersohn nur Rafi. Er war ein guter Junge, ein guter Ehemann und ein guter Vater. Er konnte nichts dafür, ebenso wenig wie Juliane, dass die Ehe ihrer Tochter Caroline in die Brüche ging. Es war halt der Falsche gewesen. Als Erwin sein wahres Wesen gezeigt hatte, war es bereits zu spät. Andere Frauen, Lügen und Ausreden, da hatte Caroline ihn einfach rausgeworfen. Nach der Scheidung hatte sie nach einem langen Kampf das Sorgerecht für die beiden Kinder bekommen.
Emma und Fabian! Emilie lächelte zufrieden bei dem Gedanken an ihre beiden Enkel. In einer halben Stunde würde sie die beiden in die Arme schließen. Sie hörte schon die Rufe aus der Ferne: „Omi, Omi!“
Fabian war mit 10 Jahren der „Große“. Emma war erst vier.
„Du musst immer auf deine Schwester aufpassen“, hatte Emilie ihrem Fabian ins Ohr geflüstert, wenn dieser seinen Vater vermisste und ihm die Tränen in die Augen stiegen. „Du bist jetzt der Mann im Haus! Dein Vater wird stolz auf dich sein!“
***
Ja, noch eine halbe Stunde. Dann wird dieses Flugzeug gelandet sein, zurück von einer Urlaubsreise durch die Luft in schwindelnder Höhe.
„Und ich war mittendrin!“ Emilie konnte es kaum glauben. Dass sie über sich hinausgewachsen war, dass sie einfach so, ohne irgendein Flugseminar, ohne einen Probeflug, einfach so bis nach Italien geflogen war, erfüllte sie mit Stolz.
„Es wird nicht der letzte Flug gewesen sein“, nahm sie sich vor.
Nun ja, eine Stubenhockerin war Emilie in ihrem Leben dennoch nicht gewesen. Früher, in ihrer Jugend, waren es Busreisen gewesen und gemeinsam mit einigen ihrer Freundinnen ging es in den Bergischen Wald, die Eifel, den Hunsrück. Die weiteste Reise, an die sich Emilie erinnern kann, ging an die Nordsee, nach Ostfriesland, genauer gesagt, nach Esens. Emilie lächelte in ihren Erinnerungen. Ja, die Nordsee, Dorthin hatte sie ihre erste Reise mit Otto gemacht, ihrem späteren Ehemann. Otto Bruckner. Emilie seufzte und ihre Augen wurden feucht.
In ihrer Erinnerung sah sie Otto ganz nah vor sich. Obwohl sein Haarschmuck sich mit den Jahren total verflüchtigt hatte, war ihm seine Ausstrahlung, die sie schon beim ersten Zusammentreffen mit ihm so geschätzt hatte, erhalten geblieben. Immer braun gebrannt, auch wenn da im Winter das Solarium nachhalf, bevorzugte Otto saloppe Kleidung. Emilie sah ihn vor sich in seiner hellbeigen Hose, dem dunkelbeigen Sakko und dem krawattenlosen Hemd darunter, das seine grauen Brusthaare nicht völlig verdeckte.
Vor elf Jahren bereits hatte ihr Otto sie verlassen. 76 Jahre war er alt geworden, Lymphknotenkrebs, die Metastasen hatten sich bei Erkennen der Krankheit schon zu weit im Körper ausgebreitet.
Später, als sie den Zenit des Lebens bereits weit überschritten hatte, ergab es sich, dass Emilie mit den gleichaltrigen Damen und Herren ihrer Nachbarschaft, und das nicht wenige Male, an so genannten Kaffeefahrten teilnahm. In Reisebussen ging es dann über Hunderte von Kilometern zu Verkaufsveranstaltungen, denen Emilie zwar beiwohnte, aber gekauft hatten eigentlich immer nur die anderen.
„Das ist alles qualitätslose Ware“, hatte sie den anderen immer zugeflüstert, aber niemand hatte auf sie gehört. Auf den Rückfahrten platzten die Busse aus allen Nähten, so viele Dinge, von Bettwäsche bis hin zu Massagesesseln, hatten die Besitzer gewechselt.
Emilie war eine der wenigen, die das System durchschaut hatten. „Uns alten Menschen das Geld aus der Tasche ziehen, uns weismachen, dass wir heute etwas erworben haben, das es nicht im freien Handel gibt, weil die Preise dort angeblich erheblich höher ausfielen, das macht man nicht mit mir!“, hatte Emilie immer gedacht, und wenn sie dann am Abend zurück in ihrer gewohnten Umgebung war, platzierte sie verschmitzt die kostenlos erhaltenen Werbegeschenke zwischen Ziertellern und Fotografien ihrer Lieben und freute sich schon auf die nächste gemütliche Reise, bei der sie auch dann ihren Vorsatz einhalten würde, nichts von diesem unsinnigen Kram zu kaufen.
Emilie sah auf ihre schmale goldene Armbanduhr, ein Geschenk ihres verstorbenen Mannes. Fast eine halbe Stunde hatte sie geschlafen. Ihre Gedanken waren nun wieder klar. Vor rund zwei Stunden hatten Rafael, Juliane und sie den Flieger in Pescara zum Rückflug in die Heimat bestiegen. Der Kurzurlaub in dem fremden Land hatte ihr gutgetan.
Ihre Tochter und Rafael hatten sie zu dieser Reise eingeladen und nach langem anfänglichem Zögern hatte sie zugesagt. So bot sich ihr endlich die Möglichkeit, die Eltern von Rafael einmal kennen zu lernen, denn Rafael war Italiener und hatte einige Jahre in Deutschland als Gastarbeiter gearbeitet.
So hatte er Juli, wie Rafael seine Frau zärtlich nannte, kennengelernt, die beiden verliebten sich ineinander und schon nach einem halben Jahr wurde Hochzeit gefeiert. Ihr selbst war dies eigentlich alles viel zu schnell gegangen.
„Wo die Liebe hinfällt“, dachte Emilie. Aber Rafael ist ein guter Mensch, sorgt für seine Familie, so wie es ein Italiener eben tut, mit seiner ganzen Kraft, denn einem Italiener, dass wusste Emilie, geht die Familie über alles.
Emilie schaute sich suchend um. Ein mildes Lächeln floss um ihre Mundwinkel. Schräg hinter ihr auf der anderen Gangseite saßen die beiden, Juli hatte ihren Kopf auf die Schulter ihres Mannes gebettet und schlief tief und fest. Die schulterlangen, mittelblonden Haare waren leicht zerzaust. Eine Strähne berührte den rechten Nasenflügel von Rafael, der diesen ab und zu mit einem leichten Luftzug wegblies. Rafael ließ es geschehen. Dann schaute er interessiert aus dem Fenster und schien sich an dem Spiel der Sonne an den silbern glänzenden Flugzeugteilen zu erfreuen.
Rafael Orlando war 58 Jahre alt, drei Jahre älter als Juli und ging in der Innenstadt von Frankfurt bei einem bekannten Versicherungsunternehmen als freier Versicherungsagent einer geregelten Arbeit nach, und das schon seit über 25 Jahren.
Die italienische Herkunft sah man Rafael gleich an. Sein schwarzes, nach hinten gebürstetes Haar, das, ebenso wie seine Gesichtsprägungen, den Südländer vermuten ließ, und seine vielsagenden Armbewegungen, die beim Sprechen seine Ausdrucksweise begleiteten, verrieten offenkundig seine Herkunft. Rafaels Oberlippenbart war akkurat zurechtgestutzt, die runde, mittelgroße randlose Brille gab Rafael etwas Seriöses und erinnerte Juli, die ihn gerade jetzt von der Seite betrachtete, irgendwie an ihren Vater Otto.
Juli reckte sich und schaute auf ihre Armbanduhr. Noch einige wenige Minuten, dann würde der Flieger zur Landung ansetzen. Sie entspannte sich und ließ sich wieder tiefer in den Sitz gleiten, wobei sie ihren Kopf wieder gegen die Schulter von Rafael lehnte.
Auch Emilie machte es sich noch einmal bequem. Von der Seite her betrachtete sie ihren Nebenmann, einen Mittvierziger, der geradeaus vor sich schaute und keinerlei Regung zeigte. Die Glatze des kräftigen Mannes glänzte in der einfallenden Sonne und Emilie wandte ihren Blick wieder nach draußen, dem blauen Himmel zu.
„Es ist schön hier“, dachte sie. „Ein Stückchen näher an Gott. Man muss sich langsam daran gewöhnen, ihm immer näher zu kommen.“
Emilie schaute noch einmal zurück zu Juli und Rafael. Juli war inzwischen aufgewacht und lächelte ihr zu.
„Sie wird mir immer ähnlicher“, stellte Emilie fest. „Ja, sie gleicht mir, in den Gesichtszügen, aber auch in ihrem Wesen. Sie hat die gleiche Freude am Leben wie ich und auch das Quäntchen Besorgnis, wie es in meinem Inneren ein Zuhause hat, ist ihr eigen.
„Ich bin so froh, dass sie sich durchgerungen hat, mit uns zu fliegen. Wer weiß, ob und wann sie dieses Erlebnis noch einmal haben wird“, freute sich Juli innerlich und dachte an die Tage in Pescara. Da war Emilie wie ausgewechselt gewesen, hatte sich in der Sonne geaalt, war mit Rafael in der Gegend umhergefahren und hatte sich an den Schönheiten des Landes erfreut. Sogar einige Brocken Italienisch hatte sie vor der Reise einstudiert und ein kleines Lexikon führte sie in Pescara immer mit sich.
Juli musste innerlich lachen, als sie daran dachte, wie die Herren im fortgeschrittenen Alter auf Emilie abgefahren waren, wie sie mit ihrem Wesen und ihrem Humor alle in ihren Bann zog. Dabei schien es gar nicht so wichtig, dass man sich mit Worten verstand. Der gewisse Funke war es, der übersprang und die Situation erhellte.
Juli sah, wie sich die Tragfläche, die sie von ihrem Sitz gut einsehen konnte, in ihre Einzelteile zerlegte. Wäre es heute das erste Mal, dass sie ein Flugzeug bestieg, sie würde in Hysterie verfallen. Doch inzwischen wusste sie, dass es die Landeklappen waren, die der Pilot für die Landung vorbereitend einstellen musste.
„Es ist gut, wieder zu Hause zu sein, dachte Juli und sah zu Rafael auf, der gelangweilt das Innere des Flugzeugs betrachtete. Für ihn war es nur ein Flug, nichts Besonderes, ein Flug eben, den er gelassen über sich ergehen ließ. Viel wichtiger für ihn war es, dass er wieder einmal seine Eltern in Pescara hatte besuchen können.
„Ich werde sie in Zukunft jedes Jahr sehen, wer weiß, wie lange das noch möglich sein wird.“
Er hatte auch schon mit Juli darüber gesprochen. Einmal im Jahr wollte er sie in Zukunft besuchen, vielleicht alleine, vielleicht mit Juli zusammen. Schließlich waren Paolo und Sophia weit über achtzig.
„Aber jetzt erst einmal nach Hause. Ein erfrischendes Bad, ein kühles Bier und die Beine hochgelegt. So werde ich den Tag ausklingen lassen“, nahm sich Rafael vor.
Ein Ruck ging durch die Maschine und Rafael nahm gelassen zur Kenntnis, dass man gerade wieder einmal glücklich in Frankfurt gelandet war.
Caroline
„Auf, Kinder, wir müssen uns fertigmachen. Das Flugzeug landet bald! Ihr wollt doch nicht, dass Opa Rafael und Oma Juli auf uns warten müssen.“
Caroline Breuer hatte alle Hände voll damit zu tun, ihre beiden Kinder zu bändigen. Die Begeisterung der beiden Kleinen war groß, denn nach einer Woche, in denen sie ihre Großeltern nicht gesehen hatten, steigerte sich die Wiedersehensfreude.
„Und Omi!“
Fast vorwurfsvoll kam der Einwurf von Emma, die gerade dabei war, mit ihren kleinen Händen einen ihrer Schuhe zuzubinden. Vor ein paar Tagen war es ihr zum ersten Mal gelungen, eine Schleife zu binden. Emilie hatte es der Vierjährigen beigebracht, hatte ihr geduldig und lange gezeigt, wie man so etwas macht.
Für Emma, aber auch für Fabian, war Urgroßmutter Emilie ganz einfach nur ihre „Omi“. So hatten beide in ihrer kindlichen Art und Weise den Weg gefunden, ihre Zuneigung zu Emilie und ihren Großeltern Juli und Rafael zum Ausdruck zu bringen, wobei „Omi“ einen noch tieferen Platz in ihren Herzen eingenommen hatte.
„Ja, und Omi, natürlich…habe ich doch nicht vergessen“, antwortete Caroline schnell. „Aber wir wollen Omi und die anderen doch nicht auf dem großen Flugplatzgelände auf uns warten lassen. Sie werden bestimmt sehr müde sein von dem Flug“, sagte Caroline und half Fabian in seine warme Steppjacke, denn, obwohl der März nahte, waren die Temperaturen noch nicht allzu weit über dem Nullpunkt angelangt.
„So mein Großer, schauen wir mal, wie weit Emma ist.“
Caro nannte ihn den „Großen“, denn Fabian hatte gerade seinen zehnten Geburtstag mit Kindern aus der Nachbarschaft und natürlich seiner Mutter, Oma Juli, Opa Rafael und, ganz wichtig, Omi, gefeiert. Auch sein Vater Erwin hatte kurz hereingeschaut und ihm ein Geschenk gebracht.
„Wir fahren erst nach deinem Geburtstag nach Italien“, hatte Emilie den beiden versprochen. „Ich werde mich doch nicht irgendwo in der Welt aufhalten, wenn das Liebste, das ich habe, seinen Geburtstag feiert. Und dazu noch einen runden! Nein, das feiern wir alle zusammen, die ganze Familie!“
„So, Ihr Rasselbande, wir können.“ Caroline ließ sich vor den beiden in die Hocke gleiten und nahm erst Emma und dann sofort Fabian in die Arme und drückte sie an sich. Sie waren ihr ganzer Stolz, ihr ganzes Glück. Sie hatten ihr über vieles hinweggeholfen in den beiden vergangenen Jahren, seit sie zum ersten Mal feststellen musste, dass ihr Ehemann Erwin sie betrog.
Vielleicht hätte sie ihm verziehen, doch als sich herausstellte, dass es keine einmalige Sache gewesen war, ja, nicht einmal dieselbe Frau war, der er sich unter den vielfältigsten Ausreden zugewandt hatte, da wollte sie nicht mehr. Sie hatte ihn zur Rede gestellt und noch während seiner Ausflüchte seine Koffer gepackt und vor die Tür gestellt.
Mit diesem Tag begann ein Nervenkrieg. Unterhaltszahlungen, die er anfänglich verweigerte und der Streit um das Sorgerecht zermürbten die Einunddreißigjährige. Erst als sie das Gericht die alleinige Erziehungsgewalt zugesprochen hatte, legte sich ihr Herzrasen, kam wieder Leben in den zarten Körper. Sie war so glücklich, dass sie Erwin sogar zugestand, einmal im Monat die Kinder zu sehen. Ja, er durfte sie sogar zu sich nehmen und einen ganzen Tag mit ihnen verbringen.
Caroline schüttelte den Kopf mit den blonden langen Haaren, als wolle sie all die schlimmen Erinnerungen der Vergangenheit einfach von sich schleudern, ihre grünblauen Augen schimmerten feucht.
Ohne eine weitere Aufforderung sprangen Fabian und Emma auf die Rückbank des kleinen Peugeot. Das Auto war genau richtig für Caroline. Klein, erst drei Jahre alt und wenig gefahren. Und es war finanziell erträglich, ein ganz wichtiger Aspekt.
