Ein Garten voll Glück - Barbara Ostrop - E-Book

Ein Garten voll Glück E-Book

Barbara Ostrop

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Beschreibung

Kann Leah wieder lernen zu vertrauen? Die alleinerziehende Leah weiß nicht mehr weiter. Im Job hat sie nur Probleme, ihre kleine Tochter ist ständig krank und vom Leben in London hat sie die Nase voll. Da stößt sie durch Zufall auf eine Anzeige: "Gesellschafterin für ältere Dame gesucht". In einem kleinen Haus auf dem Land soll sie sich nun um Mrs. Wright kümmern, die unter dem plötzlichen Tod ihres Mannes leidet. Seitdem spricht sie auch nicht mehr mit ihrem einzigen Sohn – dem Unternehmer Martin, zu dem Leah sich sofort hingezogen fühlt. Die beiden kommen sich immer näher, doch da taucht plötzlich der Vater von Leahs Tochter wieder auf und stellt sie vor eine schwierige Entscheidung …

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Seitenzahl: 398

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Die AutorinBarbara Ostrop ist 1963 geboren und Diplom-Übersetzerin. Seit 1993 hat sie mehr als hundert Romane aus dem Englischen und Amerikanischen übertragen. Ihren ersten Roman Magic Machine veröffentlichte sie 2016; eine ihrer Kurzgeschichten erschien 2017 in der Literaturzeitschrift Am Erker, eine weitere folgt in der Zeitschrift Nova. Die Autorin hat eine erwachsene Tochter und wohnt, wie ihr Lebensgefährte, in Stolberg bei Aachen.

Das Buch

Kann Leah wieder lernen zu vertrauen?

Die alleinerziehende Leah weiß nicht mehr weiter. Im Job hat sie nur Probleme, ihre kleine Tochter ist ständig krank und vom Leben in London hat sie die Nase voll. Da stößt sie durch Zufall auf eine Anzeige: »Gesellschafterin für ältere Dame gesucht«. In einem kleinen Haus auf dem Land soll sie sich nun um Mrs. Wright kümmern, die unter dem plötzlichen Tod ihres Mannes leidet. Seitdem spricht sie auch nicht mehr mit ihrem einzigen Sohn – dem Unternehmer Martin, zu dem Leah sich sofort hingezogen fühlt. Die beiden kommen sich immer näher, doch da taucht plötzlich der Vater von Leahs Tochter wieder auf und stellt sie vor eine schwierige Entscheidung …

Barbara Ostrop

Ein Garten voll Glück

Roman

Forever by Ullsteinforever.ullstein.de

Originalausgabe bei Forever Forever ist ein Digitalverlag der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin November 2017 (1)  © Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2017 Umschlaggestaltung: zero-media.net, München Titelabbildung: © FinePic® Autorenfoto: © privat  ISBN 978-3-95818-226-4  Hinweis zu Urheberrechten Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken, deshalb ist die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben. In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich die Ullstein Buchverlage GmbH die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.

Teil 1

1

Harvey Morson war kein Unmensch. Sagte er jedenfalls. »Ich bin ein wirklich geduldiger Mensch«, behauptete er sogar. Immer wenn Harvey Morson betonte, dass er kein Unmensch und ein wirklich geduldiger Mensch sei, wurde es gefährlich. Das wusste Leah inzwischen.

»Regen Sie sich bitte nicht auf, ich lege noch ein paar Blatt Papier unter«, sagte sie.

Leah saß hinter ihrem Monitor und versuchte, sich auf ihre Statistiken zu konzentrieren, aber genauso gut hätte sie ihren Computer auf dem Sprungbrett im Schwimmbad aufbauen können. Wäre sie mit ihrer kleinen, kranken Tochter allein gewesen, hätte sie sich wahrscheinlich so mit ihr arrangieren können, dass sie einigermaßen zum Arbeiten gekommen wäre. Aber dadurch, dass Mr. Morson ständig Ruhe und Ordnung einforderte, geriet die Situation zunehmend außer Kontrolle.

Leah stand hastig auf und breitete ein paar Blätter unter dem Bild ihrer Tochter aus, die am Rand ihres Schreibtischs auf einem Stuhl kniete und mit Buntstiften rote, blaue und grüne Krakel und Kringel malte.

»Sie kann hier doch nicht einfach auf dem Schreibtisch herumkritzeln«, schickte Mr. Morson noch einmal hinterher.

Lily sah Leah mit ihren feucht glänzenden Augen an. Leah hatte Angst, dass ihre kleine Tochter gleich losweinen würde. Sie war vom Fieber und der Erkältung erschöpft, reagierte aber auf die angespannte Atmosphäre im Raum und war nicht bereit, sich schlafen zu legen.

»Ein Büro ist kein Kindergarten«, murrte Mr. Morson und wandte sich wieder seinem Computerbildschirm zu. Er war ein magerer älterer Herr mit einer so spiegelblanken Glatze, dass Leah sich fragte, ob seine Frau vielleicht jeden Morgen mit einem Poliertuch darüberwischte. Auch sein Schreibtisch glänzte vor Sauberkeit. Die Ausdrucke, die sie zur Kontrolle ihrer Zahlen verwendeten, lagen in zwei exakt ausgerichteten, makellosen Stapeln neben seiner Tastatur. Leahs Stapel waren immer verrutscht und voller Eselsohren. Sie hatte keine Ahnung, wie Mr. Morson das anstellte.

Auch Leah beschäftigte sich nun erneut mit den Einträgen in ihrer Excel-Tabelle.

Lily kletterte von ihrem Stuhl an Leahs Schreibtisch herunter und begann, im Büro herumzutapsen. Sie ging zum Fenster, wo Harvey Morsons Zimmerpflanzen standen. Er war ein großer Liebhaber von Bogenhanf, und einmal die Woche besprühte er die länglichen Blätter aus einer Sprühflasche mit Wasser und wischte sie mit einem Tuch blitzblank. Lily nahm ein Gießkännchen von der Fensterbank, betrachtete es von allen Seiten und verschüttete dabei etwas Wasser. »Mama, darf ich gießen?«, fragte sie.

Harvey Morson schoss so heftig von seinem Bürostuhl hoch, dass die Teetasse auf seinem Schreibtisch auf ihrem Unterteller klapperte.

»Jetzt reicht's«, sagte er. Er packte Lily, riss ihr das Gießkännchen aus der Hand, schleppte das Kind zu der kleinen Matratze, die Leah mitgebracht hatte, und drückte es darauf nieder.

»Du bleibst jetzt hier liegen und machst keinen Mucks, kapiert?«

Lily starrte ihn einen Augenblick verschreckt an und heulte dann los. Leah fuhr von ihrem Schreibtischstuhl auf. Sie spürte, dass sie vor Wut blass wurde.

»Fassen Sie meine Tochter nicht an!«

Harvey Morson ließ Lily los, und die sprang auf und rannte in Leahs Arme. Dabei stieß sie gegen seinen Schreibtisch, riss erschreckt die Ärmchen hoch und warf seine Teetasse um.

»Gottverdammt«, schrie er, zog ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und wischte hektisch auf dem Schreibtisch herum. »Jetzt reicht's mir. Ich sag dem Chef, dass ich so nicht arbeiten kann.«

Leah wühlte hastig in ihrer Handtasche. »Tun Sie das nicht«, bat sie. Sie brachte ein Päckchen Papiertaschentücher zum Vorschein. »Es ist doch nur für heute. Montag ist das Fieber bestimmt wieder weg.« Sie beseitigte die Teelache auf dem Schreibtisch ihres Kollegen und warf die Tücher in den Mülleimer. »Sie wissen doch, dass ich noch in der Probezeit bin. Wollen Sie wirklich, dass ich meine Stelle verliere?«

»Und gestern? Und letzte Woche die drei Tage? Und davor der Erzieherinnenstreik?«

»Dafür kann ich doch nichts. Was soll ich denn machen?«

»So geht es einfach nicht. Dann müssen Sie eben Urlaub nehmen, wenn Lily krank ist.«

Leah schluckte. Im Grunde konnte sie Mr. Morson verstehen. Er war normalerweise ein durchaus umgänglicher Kollege, und wer nicht an kleine Kinder gewöhnt war, der hatte vielleicht das Gefühl, dass sie in den ruhigen Arbeitsalltag einschlugen wie eine Bombe. Aber sie hatte einfach keine Alternative.

»Den hab ich doch schon beim Erzieherinnenstreik aufgebraucht«, sagte sie kläglich.

»Ich frage mich, wann Sie eigentlich Ihre Arbeit machen wollen. Von mir mal ganz abgesehen. So geht es einfach nicht weiter.«

»Heute Nacht hatte sie …«

»Ja, ich weiß inzwischen, dass sie Pseudokrupp hat. Wenn Mütter kranke Kinder haben, sollen sie eben verdammt nochmal nicht arbeiten. Und wenn Ihnen der Mann weggelaufen ist, dann soll meinetwegen der Staat für Sie sorgen.«

Leah presste die Lippen zusammen. Hätte sie doch nie erzählt, dass ihr Freund sie sitzen gelassen hatte. Sie schwieg. Je weniger sie über Ron redete, desto besser.

»Wofür gibt es denn Sozialhilfe für so jemand?«, legte Mr. Morson noch einmal nach.

Leah sah ihn gekränkt an. »So jemand, ja, vielen Dank.«

»Himmel, das ist doch keine Schande.«

Die Nummer mit der Sozialhilfe hatte Leah bereits durch. Was war ihr mit ihrer kleinen Tochter an der Seite auch anderes übriggeblieben? Sie war so froh gewesen, als sie Lily gut in der Kindertagesstätte untergebracht und endlich eine Halbtagsstelle gefunden hatte.

»Schande hin oder her, ich will arbeiten. Aber wenn Lily krank ist, ist sie eben krank.«

»Und warum schaut nicht mal die Oma nach ihr?«

Ja, das fragte Leah sich auch. Aber die Entscheidungen ihrer Eltern waren so unbeeinflussbar wie das Wetter. Nur noch etwas weniger berechenbar. »Hab ich Ihnen schon gesagt. Meine Eltern leben in Spanien.«

»Herrgott nochmal«, stöhnte Harvey Morson. »Sorgen Sie einfach dafür, dass ich hier endlich in Ruhe arbeiten kann.«

2

»So geht es einfach nicht weiter«, sagte Leah. »Andere Mütter arbeiten doch auch. Warum klappt das nur bei mir nicht?«

»Hör doch nicht auf diesen Trottel, diesen Harvey Morson«, sagte Jane. »Der hat doch keine Ahnung. Dem wäre es wahrscheinlich am liebsten, wenn alle Frauen den ganzen Tag hinter dem Herd stünden.«

»Ja, aber in einem hat er recht. Lily ist wirklich andauernd krank.«

»Sie hat nun mal Pseudokrupp«, entgegnete Jane. »Das ist einfach so. Dafür kannst du nichts.«

Sie saßen in Leahs winzigem Wohnschlafzimmer zusammen, Jane auf der Couch, die nachts zum Bett aufgeklappt wurde, und Leah auf dem Sitzsack. Lily schlief im Kinderzimmer nebenan.

»Ich hab das Gefühl, je mehr Stress ich habe, desto öfter kriegt sie einen Anfall«, erklärte Leah. »Und je öfter sie einen Anfall kriegt, desto mehr Stress habe ich. Und dann diese Luft hier. Die ganzen Abgase. Und der Krach. Bei jedem Lastwagen, der hier nachts langrumpelt, wacht sie auf.«

»Ach was, nachts fahren doch keine Lastwagen.«

»Hast du 'ne Ahnung.«

Jane setzte die schmale Hornbrille ab, die ihr Gesicht noch ein wenig kantiger wirken ließ, als es ohnehin schon war, und zog ein Mikrofasertuch aus der Brusttasche ihres Blazers. Sie war direkt nach der Arbeit vorbeigekommen und trug noch ihre Büroklamotten. Sie rieb die Gläser sauber und setzte die Brille wieder auf.

»Vielleicht solltet ihr aufs Land ziehen.«

»Und dann pendeln? Ist ja super, ohne Auto.«

Jane musterte sie nachdenklich. Plötzlich kramte sie in ihrer Handtasche und zog etwas heraus. Eine zusammengelegte Zeitungsseite. Sie faltete sie auf und reichte sie Leah. Es waren Anzeigen. Eine war rot eingekreist.

»Ich hab nach einem Nebenjob für meine kleine Schwester geschaut. Und da hab ich das hier gesehen und musste an dich denken. Das mit Lily geht doch schon so, seit du angefangen hast zu arbeiten. Aber vielleicht wär ja das da was für euch.«

Leah las den markierten Text: Gesellschafterin für ältere Dame gesucht. Kost und Logis frei. 1.000,- Pfund VHB.

Dazu eine Telefonnummer mit einer Vorwahl aus Greater London.

»Ja und?«, fragte Leah. »Was soll ich damit?«

»Vielleicht könntest du mit Lily zusammen einziehen«, antwortete Jane.

»Einziehen?«, fragte Leah. »Wo denn einziehen?«

»Na, da steht doch Kost und Logis frei.«

»Nee«, sagte Leah. »Ich geb doch meine Wohnung nicht auf.«

»Und die Abgase und der Krach?«, fragte Jane.

»Na ja«, sagte Leah. »Aber ich will auch nicht in irgend so ein Kämmerchen. Und von einem Kind ist da auch nicht die Rede.«

Jane beugte sich vor, streckte den Arm aus und tippte auf die Seite in Leahs Hand. »Also, angucken kostet nichts. Vielleicht musst du ja gar nicht in die Hundehütte. Ruf doch mal da an.«

»Okay, mach ich vielleicht mal.«

»Also, da ist die Nummer und da ist dein Telefon.« Jane sah sie auffordernd an.

Leah zögerte. Jane war eine kluge Freundin, deren Ratschläge fast immer Hand und Fuß hatten. »Du meinst, anrufen, jetzt sofort?«

»Ja, probier's einfach.«

»Du bist verrückt.«

»Schalt bitte den Lautsprecher ein. Ich bin total neugierig.«

Leah wählte, und beim dritten Tonzeichen wurde abgenommen. Eine Frauenstimme.

»GameWorld 2099, Hallenspielplätze und mehr.«

Leah zögerte verblüfft. »Entschuldigung, ich habe mich wohl verwählt.«

»Worum geht es denn?«

»Ich rufe wegen einer Anzeige im London Informer an.«

»Da sind Sie ganz richtig. Warten Sie, ich verbinde Sie.«

Leah wartete. Dann erklang wieder eine Frauenstimme, diesmal älter, ein wenig rau und energisch.

»Hallo, Ich bin Mrs. Henderson vom Chefsekretariat. Sie rufen wegen unserer Anzeige im London Informer an?«

»Ja«, antwortete Leah. »Meine Freundin meinte, also, ich meine, ich meinte, oder jedenfalls, ich dachte, ich könnte ja vielleicht mal gucken.« Sie merkte, dass sie stammelte. Jane hatte sie zu sehr überrumpelt.

»Oh, Sie klingen aber sehr jung«, kam es aus dem Hörer zurück. »Wir hatten uns eigentlich eine etwas ältere Dame vorgestellt.«

»Ja, also.« Leah riss sich zusammen. Wenn sie schon anrief, konnte sie sich auch Mühe geben. »Also, wir sind sogar noch jünger. Meine kleine Tochter wäre nämlich auch dabei.«

»Ein Töchterchen. Hm, das klingt interessant. Wie alt ist das Kindchen denn?«

Leah erschrak ein bisschen. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass Lily ein Pluspunkt sein würde. Sie wollte ihre Tochter doch nicht vermarkten. Sie sah Jane an. Die hob begeistert beide Daumen.

»Sie ist drei.«

Die Chefsekretärin räusperte sich, und plötzlich klang ihre Stimme sanfter.

»Bei der Dame, der sie Gesellschaft leisten würden, handelt es sich um die Mutter unseres Firmenchefs. Wie wäre es, wenn Sie einmal zusammen mit ihrem Töchterchen hier vorbeikommen? Dann könnten wir alles besprechen.«

Leah war ein wenig benommen. Das ging ihr alles zu schnell. Aber Jane nickte wild.

»Gerne«, antwortete Leah mit belegter Stimme. »Wann soll ich denn kommen? Und wohin?«

»Kommen Sie doch gleich«, erwiderte Mrs. Henderson. »Playland Road 6 in Loveham. Wohnen Sie in London? Mit der Southeastern sind Sie vom Bahnhof London Bridge in zwanzig Minuten da. Steigen Sie in Loveham aus. Und dann fünf Minuten zu Fuß. Das Sekretariat liegt in der ersten Etage, Zimmer 101. Ich bin noch bis neunzehn Uhr da.«

»Also, heute geht es nicht«, antwortete Leah. »Meine Tochter schläft gerade. Und sie ist krank.« Verdammt, dachte sie dann. Dass Lily krank ist, hätte ich nicht zu sagen brauchen.

Aber mit der Befürchtung, dass das Mrs. Henderson abschrecken könnte, lag sie vollkommen falsch. Die Chefsekretärin klang jetzt eher noch freundlicher. »Oh, das tut mir leid. Dann kommen Sie doch übermorgen, am Sonntag. Und zwar in die Playland Road 8. Das ist dann auch gleich das Haus, in dem Sie Mrs. Wright Gesellschaft leisten würden. Und dort könnten Sie auch schon einmal Bekanntschaft mit ihr schließen.«

Leah legte auf und sah Jane an. »Auweia«, sagte sie. »In was hast du mich da reinmanövriert.«

Jane strich sich durch die kurzen, dunklen Locken und lachte. »Du guckst einfach mal, ob es was für euch ist. Das kann doch nicht schaden. Und mal ehrlich. Schlimmer, als es jetzt ist, kann es nicht werden.«

Leah stieß die Luft aus. »Schlimmer geht immer«, sagte sie. »Aber du hast recht. Schauen kann ich ja mal.«

»Apropos schauen, ich hab hier ein Geschenk für dich«, sagte Jane plötzlich. Sie kramte ein kleines, buntes Päckchen aus ihrer Handtasche. »Ich war letztes Wochenende auf einem Kunsthandwerkmarkt. Und da hab ich was Tolles gefunden.«

Sie reichte Leah das Päckchen. »Komm schon, mach es auf«, sagte sie.

Leah riss das Geschenkpapier ab. Im Inneren lag eine Art Band. Sie nahm es heraus. Es war eine vielleicht einen Meter lange, weinrote Schnur aus Filz, die zu einer Schlaufe geschlossen war. Leah betrachtete sie verständnislos. »Was ist denn das?«, fragte sie.

»Ich hab auch so eins«, sagte Jane. Sie kramte in ihrer Handtasche und holte eine ebensolche Filzschlaufe heraus, wie sie Leah gegeben hatte. »Du musst die Schnur achtfach zusammenlegen, dann passt sie genau über die Hand. Einfach dreimal doppelt.«

Sie machte es Leah vor.

Leah folgte ihrem Beispiel und betrachtete ihren neuen Armschmuck. Er sah fast aus wie Leder, schmiegte sich aber warm um ihr Handgelenkt. »Ist das eine Art Freundschaftsband?«, fragte sie.

»Nein«, sagte Jane. »Doch, ja, natürlich, auch. Aber der Clou ist ganz was anderes.«

Sie streifte ihr Band vom Handgelenk und entfaltete es zu seiner ganzen Länge. So, wie sie die Schlinge jetzt hielt, baumelte sie einfach in zwei Strängen herab. Dann nahm sie sie mit beiden Händen hoch und flocht sie auf beiden Seiten zwischen die gespreizten Finger. Die Schnur war jetzt zwischen ihren Händen gespannt wie ein langgezogenes Oval. Sie streckte Leah die Hände entgegen. »Erinnerst du dich?«, fragte sie.

»Oh«, sagte Leah. »Das ist ja das Fadenspiel.«

»Wie damals auf dem Schulhof«, sagte Jane. »Ich hab das schon ewig nicht mehr gesehen.«

»Es war eine richtige Seuche.« Leah dachte an die alten Zeiten. »Jemand hatte es eingeschleppt, und dann fingen alle damit an. Sogar die Jungs. Immer standen auf dem Schulhof irgendwo ein paar Kinder zusammen, die das Fadenspiel machten. Das lief eine ganze Weile so, und dann hat sich die Welle wieder gelegt.«

»Genau. Weißt du noch, wie es ging?« Jane nahm den Faden der rechten Hand mit den Fingern der linken auf und umgekehrt, so dass er sich jetzt sechsfach zwischen ihren Händen spannte, zweimal über Kreuz.

Leah griff in die Fadenfigur und nahm ab. Jetzt hatte der Strang zwischen ihren Händen drei Kreuzungspunkte. »Das hier kann ich noch, aber wie macht man weiter?«

»Ja, das ist die Frage«, erwiderte Jane. »Ich habe es total vergessen.« Sie versuchte, erneut abzunehmen, aber die Figur löste sich auf und war nun einfach nur noch ein doppelt gelegtes Oval. Sie probierten es noch eine Weile und gaben dann auf.

»Ich werde das Armband tragen«, sagte Leah. »Als Freundschaftsband. Und vielleicht finde ich ja mal jemanden, der mir zeigen kann, wie es weitergeht.«

»Wie geht es eigentlich mit deinen Eltern weiter?«, fragte Jane. »Kommen sie jetzt endlich mal zu Besuch?«

Leah schnaubte. »Wenn sie sich irgendwann doch mal hierher verirren, werden sie Lily nicht mehr wiedererkennen. Sie sagen, ihre Streunerhunde bräuchten sie. Die könnten sie nicht allein lassen. Und ihre neueste Idee ist, dass ich auch einen nehmen soll. Einen spanischen Straßenhund. Schau mal, hier.«

Sie holte ihr Handy hervor und zeigte Jane ein Foto. Darauf war eine Promenadenmischung mit langem grauem zotteligem Fell zu sehen. Davor stand ein weißes Pappschild mit schwarzer Aufschrift: »Lieber Hund sucht Frauchen.«

»Das ist Carrera. So viel weiß ich. Wie groß er ist haben sie aber nicht geschrieben. Wahrscheinlich ein Riese. Sieht jedenfalls so aus.«

»Haben die eigentlich eine Ahnung, wie du hier lebst?«, fragte Jane. Sie schaute sich in Leahs winzigem Wohnschlafzimmer um.

»Na ja, sie waren vor einem halben Jahr zum letzten Mal hier. Ich weiß nicht, was sie sich denken«, antwortete Leah. »Das Blöde ist, dass sie Lily jetzt einen Floh ins Ohr gesetzt haben. Seit drei Tagen nervt sie mich damit. Dabei kennt sie überhaupt keine Hunde. Sie denkt einfach, weil die Idee von Opa und Oma kommt, ist sie super.«

Jane sprang auf. »Ich hab auch eine Idee«, sagte sie. Sie nahm sich ein Blatt Papier und schrieb mit dickem Filzstift etwas darauf. »Gib mir mal dein Handy«, sagte sie zu Leah.

Leah reichte es ihr verblüfft.

Jane öffnete die Tür zu Lilys Kinderzimmer und schlich sich hinein. Leah sah durch die geöffnete Tür, dass der Fotoblitz ihres Handys einmal aufleuchtete. Dann kam Jane zurück.

»Schau mal, das ist doch gut geworden«, sagte sie. »Schick es mal deinen Eltern.«

Leah betrachtete das Foto. Da lag ihre kleine Tochter und schlief. Mit ihren blonden Löckchen, den langen Wimpern und den rosigen Bäckchen sah sie aus wie ein vom Himmel gefallenes Engelchen. Auf der Bettdecke lag ein weißes Schild mit einer schwarzen Filzstiftaufschrift: »Liebes Kind sucht Oma und Opa.«

»Und jetzt auf Senden klicken«, sagte Jane.

3

Leah hatte Lily eine saubere Hose angezogen, aber kein Kleidchen. Auch sich selbst hatte sie nicht in Schale geworfen. Wollte sie diesen Job überhaupt? Jedenfalls wollte sie jetzt nicht besser aussehen, als es für den Alltag nötig war.

Loveham, wo sie erwartet wurden, lag am äußeren Rand der Region Greater London, und als der Zug eine Weile dahingerattert war, sah man immer mehr Grün. Zwischen den Vorstädten, die London sich so gründlich einverleibt hatte, dass alles wie ein einziges graues Konglomerat wirkte, tauchten kleine Wälder auf, oder Wiesenflächen und Weiden, auf denen Kühe und Pferde grasten. Lily hörte auf herumzuzappeln und schaute fasziniert aus dem Fenster. Ich sollte öfter mal einen Ausflug ins Grüne machen, dachte Leah. Sie staunte, wie ruhig und aufmerksam Lily plötzlich war.

Leah hatte sich vorher alles im Internet angeschaut. Der Bahnhof lag nicht in Loveham Village, sondern in New Loveham, und dort mussten sie auch hin. Vom Bahnhof aus war es nicht mehr weit, aber sie gingen langsam, weil Lily kurze Beine hatte.

»Kenne ich die Leute, die wir besuchen?«, fragte Lily.

»Nein«, antwortete Leah. »Ich kenne sie auch nicht. Wir lernen sie erst noch kennen.«

»Warum gehen wir hin?«

»Wir wollen vielleicht da wohnen«, sagte Leah. »Aber vielleicht auch nicht. Wenn es uns nicht gefällt, machen wir das nicht.«

»Können wir dann nicht mehr bei uns zu Hause wohnen?«

»Jetzt gucken wir erst mal«, antwortete Leah. »Und dann entscheiden wir. Erst mal sehen, wie es kommt.«

Die Playland Road war eine Sackgasse mit einer hohen Hecke links, hinter der wohl ein Parkplatz lag. Heute, am Sonntag, standen dort allerdings keine Autos. Auf der rechten Seite erhoben sich mehrere Gebäude. Leah ging mit Lily an zwei großen Fabrikhallen vorbei. Dann passierten sie ein langweiliges Betongebäude, an dem ein großes Schild den Namen GameWorld 2099 verkündete. Da lagen wohl die Büros.

»Sind wir bald da?«, fragte Lily. Sie hatte begonnen zu trödeln, und Leah musste sie ein wenig ziehen. Lily war noch immer erkältet, und wahrscheinlich steckte ihr das Fieber vom Freitag noch in den Knochen.

Das vierte Gebäude war ein Wohnhaus. Es sah aus wie eine kleine Villa, vielleicht aus den achtziger Jahren. Es lag ein bisschen zurückgesetzt, hatte ein Obergeschoss sowie eine Art Cottage-House-Dach und wirkte so, als hätte ein Architekt versucht, traditionell zu bauen, ohne die Tradition, auf die er sich stützte, so recht zu kennen. Leah ging mit Lily durch einen kleinen Vorgarten, eine einfache Rasenfläche, und stand zögernd vor der halb verglasten Tür.

Plötzlich klopfte ihr Herz schneller. Könnte sie sich vorstellen, hier mit Lily zusammen zu leben? In einem winzigen Städtchen? Ohne den Alltag in einem Büro, ohne Kollegen? Bisher war das Ganze einfach nur eine Idee gewesen, nicht realer als eine Geschichte in einem Buch oder Film. Und jetzt sollte vielleicht etwas Wirkliches daraus werden?

Die Entscheidung liegt bei mir, sagte Leah sich, um sich zu beruhigen. Niemand kann mich zu irgendwas zwingen. Aber kennenlernen kann ich die alte Dame ja mal. Und vielleicht will uns ja sowieso keiner, also reg dich nicht auf.

»Gehen wir nicht da rein?«, fragte Lily.

Leah merkte, dass sie schon eine ganze Weile einfach dastand, ohne etwas zu tun.

»Doch, natürlich«, antwortete sie und klingelte.

Sie hatte angenommen, dass der Sohn der alten Mrs. Wright ihr die Tür öffnen würde, der Chef der Firma GameWorld 2099, doch stattdessen stand sie einer älteren Dame gegenüber. Sie war gepflegt, trug eine Brille an einer Kette um den Hals und hatte kurzes, kastanienbraunes Haar, wahrscheinlich gefärbt. Ihre Gesichtszüge waren hellwach und offen, aber auch ein wenig streng.

»Ich bin Leah Nelson, und das ist Lily. Sind Sie Mrs. Wright?«

»Nein, ich bin Mrs. Henderson. Wir haben schon miteinander telefoniert. Guten Tag. Schön, dass Sie da sind.« Leah hatte das Gefühl, dass sie mit einem schnellen, aber gründlichen Blick genau gemustert wurde. Dann richteten sich die prüfenden Augen auf ihre Tochter.

Komisch, dass die Sekretärin das regelt, dachte Leah. Aber das sagte sie nicht.

»Also«, sagte Leah, »ich habe Lily mitgebracht. Wir beide interessieren uns für den Job.« Sie lachte.

Mrs. Henderson schüttelte Lily die Hand. Das kleine Mädchen sah sie ernst an und sagte: »Ich bin schon groß. Ich gehe schon in den Kindergarten.«

»Das ist schön, Lily«, sagte Mrs. Henderson.

»Ich kann auch arbeiten und Geld verdienen«, sagte Lily. »Genau wie Mama. Ich kann auch einen Job haben.«

Leah blieb der Mund offen stehen. »Das war doch nur ein Scherz, Lily«, sagte sie. »Du bist zu klein zum Arbeiten.«

»Kinder müssen spielen und etwas lernen«, erklärte Mrs. Henderson, die sich zu Lily hinuntergebeugt hatte. »Das ist ihre Arbeit.«

Sie richtete sich wieder auf und wies auf eine Garderobe, an der nur zwei Mäntel und ein Schaltuch hingen. »Legen Sie doch ab.« Die Diele war geräumig und mit Steinplatten gefliest, die zu dunkel waren, um Terrakotta zu sein. Das gleiche Material bedeckte auch die Treppe, die ins Obergeschoss führte.

»Vielleicht zeige ich Ihnen erst mal das Haus«, sagte Mrs. Henderson. »Dann hätten wir auch Zeit, ein wenig zu reden.«

Sie führte Leah und Lily die Treppe hinauf in einen breiten Flur und betrat von dort aus ein großes, helles Zimmer mit einem beigegrauen Wollteppich. Dort machte sie die Tür hinter ihnen zu.

»Das ist das alte Spielzimmer«, sagte sie. »Ich habe mit Mr. Wright und seiner Mutter besprochen, dass Lily dort einziehen dürfte.«

Leah schaute sich um. Auf zwei Seiten standen stabile Regale, auf denen sich Plastikkisten mit Deckel reihten. Leah las ein paar Aufschriften: Duplo, Ritterburg, Plastiktiere … Ein Regalbrett zeigte eine Ausstellung von Lego-Bausätzen. Sie trat näher. Die Konstruktionen waren grau in zwei verschiedenen Schattierungen und sahen aus, als hätte ein Techniker sich von Wanzen und Spinnen inspirieren lassen. Raumgleiter und Kampfmaschinen? Daneben sah sie handgroße, aus Legosteinen zusammengesetzte Menschenfiguren mit bunten, runden Schwertern. Eine von ihnen war schwarz, mit einem schwarzen Helm und einem schwarzen Visier vor dem Gesicht. Natürlich, Darth Vader.

»Also, es gibt etwas, was ich Ihnen sagen wollte, bevor Sie Mrs. Wright treffen«, begann Mrs. Henderson. Leah sah sie an. Sie hatte das Gefühl, dass sie eigens aus diesem Grund hierher geführt worden war. Damit Mrs. Henderson ihr hinter verschlossener Tür etwas mitteilen konnte.

»Mrs. Wright …«, begann Mrs. Henderson.

Leah behielt aus dem Augenwinkel Lily im Blick, die ihrerseits die Star-Wars-Ausstellung betrachtete. Leah hatte Angst, dass ihre Tochter gleich neugierig zugreifen und etwas kaputt machen würde.

»… ist eine wirklich reizende Frau. Ich kenne sie seit Jahrzehnten.«

Lily streckte die Hand nach Darth Vader aus. Verdammt, dachte Leah. Der war aus so vielen Steinen zusammengesetzt, den würde sie nie wieder zusammenbekommen.

»Lily, komm her«, rief Leah. »Entschuldigung«, sagte sie zu Mrs. Henderson. Sie ging zum Regal und nahm ihre Tochter bei der Hand.

»Ach, wie dumm von mir.« Mrs. Henderson schüttelte den Kopf. »Daran hätte ich gleich denken sollen.« Sie musterte kurz die Kisten im Regal, holte eine gelbe heraus, stellte sie auf den Boden und nahm den Deckel ab. »Schau mal, Lily, hier hast du was zum Spielen.«

Lily näherte sich neugierig. Die Kiste war mit Plastiktieren gefüllt. Leah sah einen Elefanten und mehrere Löwen. Zuoberst lag ein handgroßer Tyrannosaurus Rex. Lily nahm ihn heraus und betrachtete ihn. Sie begann, ein Tier nach dem anderen aus der Kiste zu holen und aufzustellen.

»Ist hier ein Kindergarten?«, fragte sie.

Leah wandte sich wieder Mrs. Henderson zu. »Vielen Dank«, sagte sie.

»Aber nicht doch«, antwortete Mrs. Henderson. »Also, ich wollte mit Ihnen über Mrs. Wright reden. Sie ist eine sehr nette, sehr liebenswürdige Dame. Sie ist auch nicht pflegebedürftig. Überhaupt nicht.«

»Ja«, sagte Leah. Sie fragte sich, worauf das hinauslief. Warum druckste Mrs. Henderson so herum?

»Also«, sagte Mrs. Henderson. »Der plötzliche Tod ihres Mannes … Das war einfach zu viel.« Sie zuckte mit den Achseln und verstummte.

»Mr. Wright Senior ist vor kurzem gestorben?«, fragte Leah betroffen. »Das tut mir leid.«

»Vor drei Monaten«, antwortete Mrs. Henderson. »Es war für alle ein Schock.«

»Trauert Mrs. Wright noch sehr?«, fragte Leah.

»Ich weiß nicht, ob das einfach nur Trauer ist. Anfangs dachte ich, es ist ja ganz normal, dass sie sich in dieser Situation zurückzieht. Aber sie ist so mager geworden, dass ich jetzt jeden Abend hier vorbeikomme, damit sie etwas isst. Es kommt mir so vor, als würde sie den ganzen Tag nicht aus ihrem Sessel aufstehen. Ich habe jemanden mit ihr zum Arzt geschickt, und sie hat Antidepressiva verschrieben bekommen, aber ich habe das Gefühl, dass die nicht wirklich helfen.«

Leah hatte die Frage mehrmals heruntergeschluckt, sodass sie inzwischen Magendrücken davon bekam. Als sie jetzt damit herausplatzte, kam sie sich unglaublich taktlos vor. »Wo ist denn der junge Mr. Wright?«, fragte sie. »Ich hatte erwartet, ihn heute zu treffen.« Falsch, dachte sie. Jetzt sieht es so aus, als dächtest du nur an dich. Eigentlich wollte sie doch wissen, ob er sich denn gar nicht um Mrs. Wright kümmerte. »Ich meine, schaut er nicht nach seiner Mutter?« Auweia. Noch schlimmer.

»Mr. Wright ist heute geschäftlich verhindert.« Galt die eisige Miene Leahs Taktlosigkeit oder dem treulosen Sohn? Leah konnte es nicht deuten.

»Ich wollte nur nicht, dass Sie denken, Mrs. Wright wäre Ihnen gegenüber unfreundlich«, begann Mrs. Henderson neu. »Sie ist krank, das ist das ganze Problem.«

»Und Sie meinen, das könnte durch Lily und mich besser werden?«

»Ich dachte …« Mrs. Henderson stockte kurz. »Mr. Wright und ich dachten, wenn jemand im Haus ist, tut ihr das vielleicht gut. Ich habe … Also, ich habe zum jungen Mr. Wright gesagt, dass jemand nach ihr schauen muss und dass ich nicht dieser Jemand sein kann. Ich habe sehr viel Arbeit, verstehen Sie.«

»Natürlich«, erwiderte Leah. Mrs. Henderson hatte das so entschuldigend gesagt, als hätte sie ein schlechtes Gewissen. Aber das musste sie nicht. Schließlich war sie ja nur eine Angestellte. Aber gegen den jungen Mr. Wright, diesen durch Abwesenheit glänzenden Chef von GameWorld 2099, der sich nicht um seine Mutter kümmerte, fasste Leah eine instinktive Abneigung.

4

Die alte Mrs. Wright richtete sich in ihrem Sessel auf, als Leah, Lily und Mrs. Henderson hereinkamen. Leah hatte den Eindruck, dass es sie Mühe kostete aufzustehen, aber sie tat es. Sie schüttelte Leah die Hand und lächelte. Oder sie bemühte sich zu lächeln. Ihr Gesicht war starr und ihre Augen wirkten leblos. Sie beugte sich zu Lily hinunter und gab auch ihr die Hand.

»Du bist ja ein liebes, kleines Mädchen«, sagte sie. Leah schmunzelte. So lieb war Lily nicht, auch wenn sie jetzt ganz brav und schüchtern wirkte.

Mrs. Wright bewegte sich langsam und matt wie eine alte Frau, aber ihr Gesicht war gar nicht so alt. Sie hatte schulterlanges Haar, unten dunkel, oben grau, als hätte sie es einmal gefärbt und inzwischen damit aufgehört. Die Strähnen wirkten ziemlich fettig. Aber um die Augen und den Mund herum hatte sie kaum Falten. Entweder war sie eine alte Frau mit ungewöhnlich gut erhaltenen Gesichtszügen, oder eine gar nicht so alte Frau, die sich wie eine Greisin bewegte.

Leah sah, dass für einen kleinen Nachmittagstee gedeckt war. Anscheinend wollte Mrs. Henderson bei ihr einen guten Eindruck machen. Daraus schloss sie, dass sie keine ernstzunehmende Konkurrenz hatte. Wenn drei oder zehn Bewerberinnen für den Job Schlange stünden, würde man nicht jede zum Tee einladen.

Sie saßen zu viert am Tisch, und Mrs. Henderson reichte eine Kuchenplatte mit Scones herum. Dann schenkte sie Tee ein und für Lily Saft. Sie aßen eine Weile schweigend. Leah behielt ihre Tochter im Auge und sah zu ihrer Erleichterung, dass sie nicht mit den Fingern zupackte, sondern brav die Gabel nahm und auch recht manierlich aß. Beim Essen schaute Leah auch hin und wieder verstohlen nach Mrs. Wright. Die saß einfach da und hatte den Kopf gesenkt. Von ihrem Kuchen hatte sie nur eine kleine Ecke auf die Gabel geladen, aber nichts gegessen. Leah wusste nicht, was in ihr vorging. Wünschte sie sich eigentlich Gesellschaft? Oder hatte sie Mrs. Hendersons Vorschlag nur akzeptiert, weil sie keine Kraft hatte, sich zu wehren?

»Hätten Sie gerne, dass Lily und ich bei Ihnen wohnen?«, fragte sie. Mrs. Wright hob den Kopf und sah sie an. Sie schwieg eine Weile. »Ach«, sagte sie dann. »Die viele Arbeit, wenn jemand im Haus ist. Und dann noch ein Kind. Ich kann das jetzt nicht.«

»Hör mal, Rosalind«, sagte Mrs. Henderson. »Die Arbeit musst ja nicht du machen. Du musst gar nichts machen. Darum kümmert sich dann Mrs. Nelson hier.«

Sie sah Leah an. »Sie müssten nur für regelmäßige Mahlzeiten sorgen. Und Waschmaschine und Trockner bedienen. Zum Putzen kommt eine Putzfrau. Und den Garten macht ein Gärtner. Es geht vor allem darum, dass Mrs. Wright ein wenig Gesellschaft hat.«

»Immer jemand im Haus«, murmelte Mrs. Wright mit gesenktem Kopf. »Das ist mir zu viel.«

»Du musst wieder aus deinem Loch herauskommen, Rosalind«, sagte Mrs. Henderson. »Du musst wieder richtig essen und ein bisschen Spaß am Leben kriegen.«

»Ich komme hier sehr gut allein zurecht«, sagte Mrs. Wright. »Ich brauche niemanden.«

Mrs. Henderson sah Leah hilflos an.

Leah hatte eine Idee. Sie streifte ihr Filzarmband vom Handgelenk. »Das hier hat mir eine Freundin vor Kurzem geschenkt«, erzählte sie Mrs. Wright. Sie spannte es zwischen den Händen auf. »Erinnern sie sich noch daran?«

»Oh, Schweinchen auf der Leiter«, sagte Mrs. Wright. Plötzlich lächelte sie ein wenig. »Mal sehen, ob ich es noch hinbekomme.« Sie griff in die Fadenkreuze und nahm ab. »Und jetzt Sie«, sagte sie. Klang ihre Stimme plötzlich eifrig? Leah hatte fast das Gefühl. Gar nicht mehr so niedergeschlagen wie eben. Als Leah abnehmen wollte, wurde sie korrigiert. »Nein, nicht von oben hineingreifen, sondern von unten. Und dann einfach in die Breite ziehen. Genau, jetzt ist es richtig.« Leah hielt jetzt sechs parallel verlaufende Fäden zwischen den Händen aufgespannt. »Das ist die Straße«, sagte Mrs. Wright. Sie stockte. »Aber wie geht es jetzt weiter?« Sie dachte nach und griff von der Seite in die Fadenstränge, doch als sie abnahm, löste die Figur sich zu einem Wirrwarr auf.

»Ich will auch«, sagte Lily.

Leah hielt ihr mit ausgebreiteten Händen die Anfangsfigur hin, und Mrs. Wright zeigte Lily, wie sie zugreifen sollte, aber die Stränge rutschten aus Lilys tapsigen Fingern.

»Macht nichts«, sagte Mrs. Wright. »Du lernst es auch noch.«

»Soll ich dir ein Bild malen?«, fragte Lily. »Schau mal, ich kann schon gut malen.«

Sie setzte sich auf den braunen Teppichboden und fuhr mit dem Finger darüber, mal gegen, mal mit dem Strich. Die aufgerichteten Härchen zeichneten sich je nachdem dunkler oder heller ab. »Guck mal, so kann man Bilder malen«, sagte Lily. »Das weiß ich von Jane.«

Sie malte eine Art Kringel, dann noch einen und dann einen Haufen Krakel darunter. »Das sind Mama und ich. Wir halten uns bei der Hand.«

Mrs. Wright lächelte. »Mal mir doch mal ein schönes Bild auf ein Blatt Papier«, sagte sie.

Sie ging zu einem Schrank und holte einen Schreibblock und einen schwarzen Filsstift heraus. Es kam Leah so vor, als bewegte sie sich schon etwas lebhafter. Leah schaute sich ein wenig beklommen in dem Zimmer um. Wenn Mrs. Wright sich jetzt mit Lily anfreundete, würde sie vielleicht wollen, dass sie blieben. Aber wollte sie selbst das eigentlich auch? In einer Wohnung, die jemand anders eingerichtet hatte, zusammen mit einer Frau, die dann gewissermaßen ihre Chefin wäre? Und die vielleicht alles andere als umgänglich war?

Sie musterte die Schrankwand mit dem Flachbildfernseher, neben dem eine altmodische Stereoanlage stand. Die CDs waren wohl im Schrank verborgen. In zwei offenen Regalfächern reihten sich gebundene Bücher und Taschenbücher. Die Couch war genau wie die Sessel mit grünem Leder bezogen. Nicht unbedingt Leahs Geschmack. Ihr fiel auf, dass weder Sessel noch Couch auf den Fernseher ausgerichtet waren. Womit auch immer Mrs. Wright ihre Tage verbrachte, mit Fernsehen anscheinend nicht. Und auch nicht mit Zeitungslesen. Auf dem Couchtisch lagen ein kleiner, ordentlicher Stapel unangerührter Tageszeitungen und eine ebenso jungfräuliche Wochenzeitung. Auf einem Tischchen an der Wand standen ein Strauß Astern, eine Kerze in einem Ständer und ein Foto in einem Rahmen. Leah meinte, darauf den Umriss eines Mannes zu erkennen.

Mrs. Wright hatte Lily inzwischen eine Zeitung unter ihr Blatt gelegt, und die malte jetzt mit kräftigen Filzstiftstrichen, teils auf dem Blatt, teils auf der Zeitung.

Leah musterte die ältere Dame verstohlen. Diese sah Lily interessiert zu und wirkte jetzt gar nicht mehr ablehnend und verschlossen. Könnte sie es mit dieser Frau aushalten? Was hieß das eigentlich, Gesellschafterin sein? Wie sollte sie ihr überhaupt Gesellschaft leisten? Sie konnten doch nicht den ganzen Tag miteinander plaudern. Andererseits war Leah ja gewissermaßen auch Lilys Gesellschafterin, und das funktionierte wunderbar. Vielleicht würden sie die Situation zu dritt ganz gut meistern.

Plötzlich blickte Mrs. Wright auf, begegnete Leahs Blick und lächelte verhalten. »Hätten Sie denn Lust, hier zu wohnen?«, fragte sie.

5

»Die Spielgeräte haben wir damals für Martin aufgestellt«, erzählte Mrs. Wright. »Wir kamen ja aus der Branche. Und als er sie nicht mehr benutzt hat, haben wir es nicht übers Herz gebracht, sie abzumontieren.

Leah war ein zweites Mal mit Lily zu Mrs. Wright zu Besuch gekommen, diesmal am Nachmittag nach der Arbeit. Sie wollte noch einmal ein Gefühl für alles bekommen, für das Haus, den Garten und vor allem für Mrs. Wright, bevor sie sich endgültig entschied, den Job anzunehmen.

Diese Ecke des Gartens war wie ein kleiner Spielplatz. Ein Klettergerüst stand neben einer Schaukel, einer Rutsche, einer Wippe und einem Stehkarussell. Zwischen den Geräten war gemäht, doch direkt um sie herum wuchs ein Filz aus altem, braunem Gras.

»Ich will auf die Rutsche«, sagte Lily.

»Ach nein«, widersprach Leah. »Die ist ganz rostig. Geh lieber auf die Schaukel. Ich schubs dich an.« Die Schaukel war auch rostig, aber wenigstens war sie nicht so hoch.

Lily kletterte aufs Schaukelbrett, und Leah stieß sie an, während Mrs. Wright schweigend neben ihr stand. Gerade wollte Leah ihr vorschlagen, sie einmal abzulösen, da murmelte Mrs. Wright plötzlich: »Ich gehe rein«, und zog sich eilig ins Haus zurück. Leah blickte ihr überrascht nach. Bis eben war doch alles in Ordnung gewesen. Dann bemerkte sie einen Mann, der gerade von der Straße ums Haus herum nach hinten in den Garten gekommen war. Auch er sah Mrs. Wright nach, zuckte mit den Schultern, machte kehrt und ging zum Schuppen. Nach einer Weile kam er mit einem Rasenmäher heraus und begann zu mähen. Wohl der Gärtner. Lily schaukelte weiter, verdrehte aber interessiert den Kopf nach ihm. Der Gärtner schob den Rasenmäher ein paar Mal im vorderen Bereich des Gartens hin und her und mähte dann im rechten Winkel auf sie zu. Lily drehte sich verängstigt zu Leah um, als das Knattern näherkam und immer lauter wurde. Leah hielt die Schaukel an, und Lily stieg ab und suchte Schutz bei ihr. Leah nahm sie auf den Arm. »Das ist ein Rasenmäher«, sagte sie. »Du brauchst keine Angst zu haben wegen dem Krach.«

Plötzlich verstummte der Motor, und der Gärtner kam mit ausgestreckter Hand auf sie zu.

»Schön, Sie kennenzulernen«, sagte er. »Ich hoffe, Sie fühlen sich hier wohl und ziehen tatsächlich bald hier ein.«

Leah staunte über die begeisterte Begrüßung. Vielleicht war der Gärtner ja ein Freund von Mrs. Wright. Dafür war er allerdings ziemlich jung, bestimmt noch keine dreißig. Er war groß, hatte ein schmales Gesicht und dunkle Augen, die sie freundlich anblickten. Er trug ein kariertes Hemd und eine zerbeulte Cordhose, die am Knie ein Loch hatte.

»Na ja«, sagte Leah. »Ich schau jetzt erst mal, ob ich hier zurechtkomme. Ich müsste ja meine Stelle und meine Wohnung kündigen. Das muss ich mir schon gut überlegen.«

»Das verstehe ich«, sagte der Gärtner. Er musterte Leah so aufmerksam, dass sie ungewollt ein leises Kribbeln verspürte. Mit seinen hohen Wangenknochen, der scharf gezeichneten Nase und den vollen Lippen hätte er vielleicht keinen Schönheitswettbewerb gewonnen, aber er war doch ein attraktiver Mann. Es machte sie verlegen, wenn jemand sie so intensiv ansah. Sie wusste, dass sie hübsch war, aber seit Ron ging sie Männern aus dem Weg. Bei diesem Spiel des Werbens und Flirtens machte sie nicht mehr mit.

Und warum flatterte ihr Herz jetzt in der Brust? Was sollte nun das? Sie räusperte sich. »Und die Bezahlung ist auch nicht wirklich umwerfend«, sagte sie. Verdammt, jetzt war auch noch ihre Stimme belegt.

»Na ja«, gab er zurück. »Am Geld soll es gewiss nicht scheitern.«

»Tausend Pfund klingt ja nicht schlecht«, sagte Leah, »aber wenn man die Krankenversicherung abzieht, bleibt nicht mehr viel übrig.«

»Oh«, sagte der Gärtner. »So war das nicht gemeint. Sie werden ganz normal angestellt, mit Steuer, Versicherung und allem. Ich rechne es so aus, dass Ihnen am Ende nach allen Abzügen tausend Pfund bleiben.«

»Wieso Sie?«, fragte Leah. Plötzlich dämmerte es ihr. »Oh nein«, sagte sie. »Sie sind Mr. Wright?«

»Ja.« Er lachte. »Entschuldigung, ich habe mich nicht vorgestellt. Bin ich wirklich so schlimm, dass Sie ›oh nein‹ sagen müssen?«

»Nein, also ja, also ich meine natürlich nein«, stammelte Leah. »Ich habe sie verwechselt. Ich dachte, ein Gärtner kümmert sich hier um alles.« Sie wurde knallrot. Alles in Ordnung, munterte sie sich innerlich auf. Aber das Missverständnis war ihr total peinlich. Was hast du denn? redete sie sich gut zu. Noch keine zwei Minuten mit dem Chef geredet, und schon eine super Lohnerhöhung.

Aber ihr dämmerte allmählich, dass das Gefühl, das ihr wirklich zu schaffen machte, nicht Verlegenheit war, sondern Enttäuschung. War das möglich? Gut, sie hatte geglaubt, dass er sie mit den interessierten Augen eines Mannes ansah. Dabei war er nur der Chef gewesen, der seine neue Mitarbeiterin kritisch mustert. Oder, besser gesagt, der besorgte Sohn, der wissen will, wer sich von nun an um seine Mutter kümmern wird. Aber wieso fühlte sie sich deswegen enttäuscht?

»Nein«, erklärte Mr. Wright. »Der Gärtner schneidet nur die Hecke. Den Rasen mähe ich. Und Blumenbeete gibt es ja nicht mehr.« Er schaute an sich hinunter. »Na ja, ein Gärtner wäre wahrscheinlich schicker angezogen«, murmelte er dann verlegen. »Das hier sind meine Gartensachen.« Er sah Leah an. »Wie haben Sie es eigentlich geschafft, meine Mutter davon zu überzeugen, dass sie Sie zur Gesellschaft haben will?«, fragte er. »Sie kann nämlich ziemlich stur sein. Tja, vor allem mir gegenüber, aber auch sonst.«

Lily begann zu zappeln, und Leah ließ sie herunter. Ihre Tochter lief zu den Spielgeräten zurück und begann, die Leiter der Rutsche hinaufzuklettern. Leah entschuldigte sich bei Mr. Wright, ging zu Lily und nahm sie wieder auf den Arm.

»Ich glaube, das hat eigentlich Lily geschafft«, sagte sie dann und stellte ihre Tochter auf den Boden. »Ihre Mutter mag Kinder. Und vielleicht hat auch das hier ein wenig das Eis gebrochen.« Sie streifte sich das Fadenspiel vom Handgelenk und spannte es zur Anfangsfigur auf. »Kennen Sie das noch?«

»Oh«, Schweinchen auf der Leiter«, sagte Mr. Wright. »Das hat meine Mutter mir beigebracht.« Er nahm die Fäden ab und streckte Leah die neue Figur hin.

»Ich will auch«, sagte Lily. Mr. Wright bückte sich und hielt nun ihr statt Leah die Figur vor die Nase. Lily packte so schnell mit ihren Fingerchen in die Fäden, dass Leah ihr nicht helfen konnte. Gleich darauf hatte die Figur sich aufgelöst. »Macht nichts«, sagte Mr. Wright. »Wenn du übst, lernst du es auch.«

Lily drehte sich plötzlich um und rannte wieder zur Rutsche. Leah pflückte sie ein zweites Mal von der Leiter. »Ich habe eine riesige Bitte«, sagte sie mit ihrer zappelnden Tochter auf dem Arm. »Die Geräte hier sind zwar schön, aber total rostig. Wenn ich Lily auf die Rutsche oder aufs Klettergerüst lasse, sind ihre Kleider hinüber. Und die Rutsche ist auch so hoch, dass Lily nicht allein im Garten spielen darf. Das wäre zu gefährlich. Können Sie die Leiter vielleicht irgendwie unzugänglich machen? Damit sie da nicht mehr rauf kann.«

»Hm«, sagte Mr. Wright. Er sah sich erst die Leiter an, musterte dann die ganze Rutsche und ging um sie herum. Als nächstes nahm er das Klettergerüst, die Schaukel, die Wippe und das Stehkarussell in Augenschein.

»Da müsste man einiges tun. Das Klettergerüst und die Wippe abschleifen und streichen, die Rutsche wohl ebenfalls abschleifen. Die Schaukel braucht ein neues Brett und neue Seile. Und ob das Stehkarussell noch zu retten ist, muss man erst sehen.« Er tippte mit der Fußspitze gegen den runden, morschen Bretterboden.

»Hier war es als Kind schön«, sagte er dann. »Einmal war meine komplette Kindergartengruppe zu Besuch und hat im Garten Picknick gemacht. Und meine Freunde und ich haben hier Über-die-Rutsche-Jagen gespielt. Und auf der Wippe: Wo-beißt-die-Maus-vom-Käse-ab."

»Was war denn das für ein Spiel?«, fragte Leah.

»Den Namen hatten wir aus einem Comic«, antwortete Mr. Wright. »Alle verteilten sich gleichmäßig auf die beiden Enden, und der in der Mitte musste dann das Gleichgewicht zum Kippen bringen, indem er hin und her balancierte. Im Comic hatte das die Maus mit einem Stück Käse in jeder Hand gemacht, von dem sie immer ein Stück abbiss.«

»Und was ist mit der Sperre für die Rutsche?«, kam Leah auf ihr ursprüngliches Thema zurück. »Ein Brett, damit Lily nicht die Leiter hochkommt? Können Sie das machen?«

Mr. Wright nickte. »Haben Sie denn beschlossen, dass sie hier einziehen?«

Oh, durchfuhr es Leah.

Da war sie wieder, die Entscheidung, die sie nun schon seit Sonntag vor sich herschob. Alles aufgeben und neu anfangen? Na ja, fast alles. Lily würde ja bei ihr bleiben, und mit Jane und ihren anderen Freundinnen würde sie sich bestimmt auch weiterhin treffen können.

Aber ihre Arbeit und ihre Wohnung wären dann weg. Alles, was sie sich aufgebaut hatte, so prekär es auch war.

»Also, mit Ihrer Mutter komme ich eigentlich ganz gut zurecht«, sagte Leah vorsichtig. »Sie ist ziemlich zurückhaltend, aber freundlich. Ich glaube, sie würde sich freuen, wenn wir hier einziehen würden, vor allem wegen Lily.«

»Das ist schön«, sagte Mr. Wright. »Ich würde mich auch freuen, wenn Sie hier einziehen würden.« Er lächelte sie an. Irrte Leah sich, oder hielt er ihren Blick einen Augenblick länger fest, als nötig gewesen wäre?

Wie fände sie es eigentlich, ihm regelmäßig zu begegnen? Würde ihr das etwas bedeuten? Dummkopf, schalt sie sich. Das durfte bei ihrer Entscheidung nun wirklich keine Rolle spielen.

»Okay«, sagte Leah. »Ich würde mir mit einer festen Zusage gerne noch bis Samstag Zeit lassen. Dann würde ich Ihnen und Ihrer Mutter Bescheid geben, ob ich bleibe. Könnten Sie so lange warten?«

6

Jane streckte die Füße auf dem Sofa aus und rührte in ihrem Tee mit Milch und Honig. So trank sie ihn am liebsten. Leah grub sich mit dem Po eine Kuhle in ihren Knautschsack. Lily war im Bett, und Jane war gekommen, um Leah beim Nachdenken zu helfen. Leah war noch immer unentschlossen.

»Morgen ist Samstag, da muss ich den Wrights Bescheid geben«, sagte sie. »So oder so.«

»Kannst du dir denn vorstellen, den Job anzunehmen?«

»Ist das denn überhaupt ein Job?«, fragte Leah. »Meine Tochter bespaßen und eine alte Dame betüddeln?«

»Natürlich«, antwortete Jane. »Du willst ja wohl nicht behaupten, dass man nur arbeitet, wenn man vor einem Computer sitzt und Zahlenkolonnen auswertet.«

»Okay, meine Stelle ist vielleicht nicht so super qualifiziert, wie ich sie mir gewünscht hätte, aber ich brauche nun mal einen Halbtagsjob, und nur mit einem Bachelor war mehr eben nicht drin.«

»Hm«, sagt Jane. »Das ist vielleicht die Lösung. Reculer pour mieux sauter.«

»Was?«, fragte Leah.

»Das sagen die Franzosen. Ein paar Schritte zurück, um Anlauf für einen Sprung zu nehmen.

»Und wie meinst du das jetzt?«

»Wenn du bei Mrs. Wright wohnst, kannst du das Geld, das du verdienst, sparen. Und in ein paar Jahren, wenn Leah größer ist und nicht mehr so viel von deiner Zeit braucht, kannst du damit nochmal ein paar Semester studieren und deinen Master machen.«

»Uff«, sagte Leah. »Das ist jetzt aber ein anspruchsvoller Plan. Weißt du, was es heißt, nach jahrelanger Pause wieder in den Stoff reinzukommen? BWL machst du nicht mal so eben mit links.«

»Weiß ich doch aus eigener Erfahrung«, beschwichtigte sie Jane. »Und war ja auch nur eine Idee.«

Leah schwieg eine Weile und dachte nach. »Also, so schlecht ist der Gedanke vielleicht gar nicht. Das wäre zumindest ein Licht am Ende des Tunnels. Ein Ziel.«

»Meinst du denn, du würdest mit Mrs. Wright klarkommen?«, fragte Jane.

»Ich glaube schon. Sie ist ein bisschen distanziert und lässt sich auch ziemlich hängen. Na ja, eine Depression ist wohl kein Zuckerschlecken. Aber sie mag Lily und taut auf, wenn sie mit ihr zusammen ist.«

»Und wie sieht es mit dem Sohn aus?«

Zu ihrer Verblüffung merkte Leah, dass sie rot wurde. Verdammt, das hatte gerade noch gefehlt.

»Also, den Sohn habe ich erst mal für den Gärtner gehalten. Der trug Klamotten wie ein Landstreicher«, sagte sie.

»Man soll ja niemanden nur nach seiner Kleidung beurteilen«, bemerkte Jane.

»Ja, aber Kleider machen Leute«, sagte Leah. »Außerdem ist der junge Mr. Wright wahrscheinlich nie da.«

»Das glaube ich aber kaum«, meinte Jane. Ob sie Leahs Erröten wahrgenommen hatte? Sie ließ sich jedenfalls nichts anmerken. »Wenn ich dich recht verstanden habe, liegt seine Firma doch direkt nebenan.«

»Ja, aber irgendwas stimmt nicht zwischen Mrs. Wright und ihrem Sohn«, sagte Leah. »Er ist direkt von der Straße in den Garten gekommen, und kaum, dass Mrs. Wright ihn gesehen hat, ist sie ins Haus verschwunden, ohne ihn zu begrüßen. Findest du das normal?«

»Eigenartig«, sagte Jane. »Ob die beiden Streit haben? Aber vielleicht war es auch nur ein Zufall.«

»Ja, hoffentlich«, antwortete Leah. »Streit fände ich nicht gut. Streit heißt immer Stress.«

7

Als Leah sich am Samstag Mrs. Wrights Haus näherte, hörte sie schon von Weitem, dass irgendetwas vor sich ging. Hinter dem Haus drangen Geräusche aus dem Garten hervor. Eine Maschine kreischte, und hin und wieder schepperte etwas.

Lily durfte klingeln, und nach einer Weile machte Mrs. Wright auf.