Ein gefährlich verführerischer Schuft - Elizabeth Hoyt - E-Book

Ein gefährlich verführerischer Schuft E-Book

Elizabeth Hoyt

0,0
6,99 €

oder
Beschreibung

Welch überwältigende Männlichkeit! Bei Asa Makepeaces Anblick spürt die sittsame junge Eve nie gekannte Erregung. Doch sie trifft sich nicht mit dem Besitzer von Londons berühmtestem Lustgarten, um sich von seinem berüchtigten Charme einwickeln zu lassen, sondern um seine Finanzen zu überprüfen. Beim Ausbau des Etablissements gibt Asa skandalöse Summen aus - Geld, das ihr Bruder ihm geliehen hat! Doch je mehr Zeit Eve mit Asa verbringt, umso sinnlicher knistert es zwischen ihnen. Immer tiefer gerät sie in den Sog seiner Anziehungskraft, immer schwerer kann sie ihm widerstehen - und setzt damit bald viel mehr als nur Geld aufs Spiel …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



IMPRESSUM

HISTORICAL GOLD EXTRA erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/72 52-399 E-Mail: [email protected]
Geschäftsführung:Katja Berger, Jürgen WelteLeitung:Miran Bilic (v. i. S. d. P.)Produktion:Christina SeegerGrafik:Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Foto)

© 2015 by Nancy M. Finney Originaltitel: „Sweetest Scoundrel“ This edition published by arrangement with Grand Central Publishing, New York, NY, USA. All rights reserved. Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe HISTORICAL GOLD EXTRABand 128 - 2021 by HarperCollins Germany GmbH, Hamburg Übersetzung: Ulrike Pesold

Abbildungen: Nina Pak / Arcangel, alle Rechte vorbehalten

Veröffentlicht im ePub Format in 01/2021 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783751502313

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, TIFFANY

Alles über Roman-Neuheiten, Spar-Aktionen, Lesetipps und Gutscheine erhalten Sie in unserem CORA-Shop www.cora.de

Werden Sie Fan vom CORA Verlag auf Facebook.

1. KAPITEL

Es war einmal ein König, der war ein solches Ungeheuer, dass er seine eigenen Kinder verschlang …

Aus: Der Löwe und die Taube

September 1741

London, England

Es bedurfte schon einer außerordentlich großen Provokation, um Eve Dinwoody aufzurütteln.

Fünf Jahre lang war ihr Leben ruhig verlaufen. Sie hatte ein hübsches Haus in einem nicht sehr eleganten, aber respektablen Teil der Stadt. Sie hatte ihre drei Dienstboten – Jean-Marie Pépin, ihren Leibwächter, seine hübsche, rundliche Frau Tess, ihre Köchin, und Ruth, ein recht schusseliges junges Dienstmädchen. Sie hatte ein Steckenpferd – das Malen von Miniaturen – das auch dazu diente, sich ein wenig zusätzliches Taschengeld zu verdienen. Sie hatte sogar eine Art Haustier – eine weiße Taube, der sie noch einen Namen geben musste.

Eve mochte ihr beschauliches Leben. An den meisten Tagen genoss sie es, zu Hause zu bleiben, an ihren Miniaturen zu arbeiten und die namenlose Taube mit Haferkörnern zu füttern. Um die Wahrheit zu sagen, Eve war recht schüchtern.

Aber Eve konnte sich tatsächlich dazu aufraffen, ihr ruhiges Leben hinter sich zu lassen, wenn man sie ausreichend reizte. Und bei Gott, Mr. Harte, der Eigentümer und Leiter von Harte’s Folly, konnte einen wirklich sehr reizen. Harte’s Folly war der unübertroffene Lustgarten in London – oder war es zumindest gewesen, bevor er vor über einem Jahr abgebrannt war. Jetzt baute Mr. Harte seinen Lustgarten wieder auf und gab dabei skandalöse Mengen Geld aus.

Das war der Grund, warum sie sehr früh an einem Montagmorgen im dritten Stock eines verrufenen Mietshauses stand und eigensinnig eine geschlossene Tür anstarrte.

Ein Tropfen Regenwasser tropfte von der Krempe ihres Hutes auf die ausgetretenen Bodenbretter unter ihren Füßen. Wirklich, es war ein absolut schrecklicher Tag draußen.

„Willst du, dass isch die Tür eintrete?“, fragte Jean-Marie fröhlich. Er war über eins achtzig groß, und sein ebenholzschwarzes Gesicht glänzte in dem schwachen Licht unter seiner schneeweißen Perücke. Er hatte immer noch einen leichten kreolischen Akzent aus seiner Jugend auf den französischen Westindischen Inseln.

Eve richtete sich auf. „Nein, danke. Ich werde mit Mr. Harte schon selbst fertig.“

Jean-Marie hob eine Augenbraue.

Sie starrte ihn an. „Das werde ich.“ Sie klopfte erneut an die Tür. „Mr. Harte, ich weiß, dass Sie da sind. Bitte öffnen Sie sofort die Tür.“

Eve hatte das bereits zwei Mal ohne Erfolg versucht. Das einzige Ergebnis war ein Krachen im Raum nach dem zweiten Klopfen gewesen.

Fest entschlossen, Mr. Harte zu einer Reaktion zu zwingen, hob sie die Faust zum vierten Mal, als die Tür aufging.

Eve blinzelte und trat unwillkürlich einen Schritt zurück, wobei sie gegen Jean-Maries breite Brust stieß. Der Mann, der in der Tür stand, war recht … einschüchternd.

Er war nicht wirklich groß – Jean-Marie war einige Zoll größer als er, und der Mann war nur etwa einen halben Kopf größer als Eve selbst – aber was ihm an Größe fehlte, das machte er mit der Breite seiner Schultern wieder wett. Die Arme des Mannes berührten beinahe auf beiden Seiten den Türrahmen. Er trug ein weißes Hemd, das am Hals nicht zugeschnürt war und ein V von zerzaustem, dunklem Brusthaar hervorscheinen ließ. Wildes, gelblich-braunes Haar fiel ihm über die Schultern. Sein Gesicht war nicht schön. Eigentlich eher das genaue Gegenteil: Es war markant, voller Linien und wild und voll von allem, was männlich war.

Von allem, wovor Eve sich fürchtete.

Der Mann blickte Jean-Marie an, kniff die Augen zusammen, lehnte eine Schulter gegen den Türrahmen und wandte seine Aufmerksamkeit Eve zu. „Was?“ Seine Stimme war tief, wie die eines Mannes, der gerade aufgeweckt worden war – eine recht unziemliche Vertrautheit.

Eve richtete sich auf. „Mr. Harte?“

Anstatt zu antworten, gähnte er mit weit offenem Mund, dann fuhr er sich mit der Hand übers Gesicht und zog die Haut um seine Augen und die Wangen hinunter. „Tut mir leid, Liebes, aber ich habe keine Rollen beim Theater mehr zu vergeben. Vielleicht kommst du in zwei Monaten wieder, wenn wir Wie es Euch gefällt aufführen. Du könntest eine passable“ – hier machte er eine Pause und blickte ziemlich unhöflich auf Eves Nase – „Dienstmagd abgeben, schätze ich.“

Er rief über die Schulter: „Gibt es Dienstmägde in Wie es Euch gefällt?“

„Eine Schäferin“, ertönte die Antwort. Die Sprecherin war weiblich und hatte eine Stimme mit einem wundervollen Akzent.

Mr. Harte – falls er es war – sah Eve ohne entschuldigenden Blick erneut an. „Siehst du. Tut mir leid. Obwohl ich sagen muss, in deinem Alter und damit“ – diesmal tippte er sogar mit dem Finger auf Eves Nase – „würde ich mir was hinter der Bühne suchen, Liebes.“

Und er schlug ihr die Tür vor besagter Nase zu.

Oder zumindest versuchte er es, aber Eve hatte jetzt wirklich genug, besten Dank. Sie stellte den Fuß in die Lücke, drückte die Schulter gegen die Tür und lief in Mr. Harte hinein.

Der aber leider nicht zurückwich, so wie er es hätte tun sollen.

Er blinzelte und blickte Eve verärgert an.

Aus dieser Nähe konnte sie die kleinen roten Adern in seinen blutunterlaufenen Augen sehen und eine Art schalen Branntweingeruch an ihm riechen. Außerdem schien er seit mehreren Tagen kein Rasiermesser mehr benutzt zu haben.

Seine Männlichkeit war beinahe überwältigend.

Sie spürte die alte Angst in der Brust emporsteigen und kämpfte dagegen an. Dieser Mann stellte keine Bedrohung für sie dar – zumindest nicht auf diese Weise – und außerdem stand Jean-Marie direkt hinter ihr. Sie war eine erwachsene Frau und hätte diese Ängste schon seit Jahren überwinden müssen.

Eve reckte das Kinn. „Gehen Sie bitte beiseite.“

„Schau her, Liebes“, knurrte er. „Ich weiß nicht, wie du heißt oder wer du bist, und wenn du glaubst, dass eine Schauspielerin so eine Rolle in meinem Lustgarten bekommt, dann bist du …“

„Ich bin keine Schauspielerin“, sagte sie sehr deutlich, für den Fall, dass er nicht nur ein betrunkener Dummkopf war, sondern auch taub. „Und ich heiße Miss Eve Dinwoody.“

„Dinwoody …“ Anstatt zu begreifen, ließ ihn ihr Name die Stirn in noch tiefere Falten verziehen, was ihn richtig abstoßend hätte aussehen lassen müssen, aber es … irgendwie nicht tat.

Sie nutzte die Tatsache, dass er abgelenkt war, um triumphierend an ihm vorbei in den Raum zu schlüpfen.

Und blieb dann wie angewurzelt stehen.

Der Raum war ein einziges heilloses Durcheinander, vollgestopft mit nicht zusammenpassenden Möbeln und verstaubten Dingen. Papierstapel und Bücher besetzten Stühle und Tische und bildeten kleine Hügel auf dem Boden. In einer Ecke war ein riesiger Haufen bunten Stoffs aufgetürmt, der von einer vergoldeten Krone gekrönt wurde, in einer anderen stand ein lebensgroßes Porträt eines bärtigen Mannes an ein etwa ein Meter zwanzig großes Modellschiff, komplett mit Segeln und Takelage, gelehnt. Ein ausgestopfter Rabe beobachtete sie aus Knopfaugen vom Kaminsims und auf der Feuerstelle selbst dampfte ein Kessel neben einem wankenden Turm schmutziger Teller und Tassen. Das Zimmer war so voll, dass es einen Moment dauerte, bis Eve die nackte Frau im Bett bemerkte.

Das quadratische Bett beherrschte die Mitte des Raumes. Es war ein übergroßes, sperriges Ding, mit goldenen und scharlachroten Vorhängen verhängt wie etwas aus einem türkischen Harem, und in der Mitte lag eine Odaliske, deren Kurven kaum von der goldenen Bettdecke verdeckt wurden. Sie war dunkel und sinnlich. Ihr ebenholzschwarzes Haar fiel auf olivfarbene Schultern, und ihre Lippen waren von einem dunklen, natürlichen Karmesinrot.

Eves Augen weiteten sich, als ihr klar wurde, was erst vor ein paar Augenblicken in diesem Zimmer vor sich gegangen war. Ihr Blick schoss zu Mr. Harte, bevor sie sich davon abhalten konnte, um eine Bestätigung für … für … nun ja.

Aber Mr. Harte sah nur groß, männlich und verärgert aus.

Eve neigte den Kopf. Musste es nicht irgendetwas geben, das verriet …?

Die Frau setzte sich auf, und die Decke rutschte gefährlich nah an ihre Brustspitzen. „Were siinde diese Leute?“, fragte sie mit starkem italienischem Akzent.

Die Beine weit gespreizt, stand Mr. Harte mit vor der Brust verschränkten Armen da. Die Pose betonte die hervortretenden Muskeln seiner Oberarme. „Ich weiß es nicht, Violetta.“

„Ich entschuldige mich“, sagte Eve steif zu der Frau, die vermutlich Violetta war. Musste Mr. Harte in diesem übervollen Raum so viel Platz einnehmen? „Ich versichere Ihnen, hätte ich gewusst, dass Sie nur leicht bekleidet sind …“

Mr. Harte lachte hässlich bellend auf. „Sie sind hier hereingestürmt. Wann genau wollten sie innehalten, um …“

„Ich versichere es Ihnen“, entgegnete Eve und starrte den schrecklichen Mann wütend an.

„Esse iste keine Probleme“, antwortete die Odaliske zur selben Zeit und grinste, wobei sie eine recht unschöne Lücke zwischen ihren zwei Vorderzähnen enthüllte. Sie zuckte erneut mit den Schultern, sodass die Decke keine Chance mehr hatte und sich nun um ihre Taille bauschte.

Mr. Harte blickte die Frau an, hielt inne, die Augen auf ihre jetzt enthüllte Brust gerichtet und schüttelte sich dann sichtbar, bevor er widerstrebend den Blick auf Eve richtete. „Wer sind Sie überhaupt?“

„Das habe ich Ihnen bereits erklärt“, erwiderte Eve zähneknirschend. „Ich bin Eve Dinwoody und …“

„Dinwoody!“, rief Harte und deutete recht unhöflich mit dem Zeigefinger auf sie. „Das ist der Name des Bevollmächtigten des Duke of Montgomery. Unterschreibt seine Briefe mit ‚E. Dinwoody‘. Er hat die gezierteste Unterschrift, die ich je gesehen habe …“

Plötzlich runzelte er die Stirn.

Jean-Marie und die Odaliske sahen ihn an.

Eve hob die Brauen und wartete.

Mr. Hartes moosgrüne Augen weiteten sich. „Ach zum Teufel, ich soll verdammt sein.“

„Ja, zweifellos“, bemerkte Eve mit einem vollkommen unaufrichtigen Lächeln. „Aber bevor das geschieht: Ich bin hier, um Ihnen den Kredit zu streichen.“

Und das ist der unausweichliche Lohn für eine Nacht, in der ich zu viel gezecht habe, dachte Asa Makepeace – bis auf wenige Ausnahmen gemeinhin als Mr. Harte bekannt – säuerlich. Zum einen hatte er es in seiner weingetränkten, vernebelten Benommenheit für eine gute Idee gehalten, Violetta wieder mit in sein Bett zu nehmen – obwohl sie ein viel zu wichtiger Teil der Zukunft des Gartens war, um eine emotionale Verwicklung zu riskieren. Zum anderen gereichten ihm die Nachwirkungen einer durchzechten Nacht – pochende Schläfen und ein generell geschwächter Zustand – zum Nachteil, wenn er sich mit dieser Xanthippe vor ihm herumschlagen musste.

Er starrte Miss Dinwoody mit seinen brennenden Augen an. Sie war groß für eine Frau, schlank, mit einer knabenhaften Brust, und ihr Gesicht wurde von einer großen, langen Nase dominiert. Sie war so unscheinbar wie eine Schaufel – und er war froh darum, denn diese Hexe versuchte, ihm seinen Schweiß, seine Träume und sein Blut zu stehlen. Das Ergebnis langer, durchwachter Nächte, in denen er mit dem Teufel einen Handel geschlossen und verzweifelte Pläne geschmiedet hatte. Hoffnung und Ruhm und alles, wofür er lebte und atmete, Gott verdamme seine elende Seele. Alles, was er begehrte, alles worüber er verzweifelt war, alles, was er verloren hatte und wofür er mit blutigen Fäusten gekämpft hatte, um es wiederzuerhalten.

Sie versuchte, ihm seinen gottverdammten Garten wegzunehmen.

Er räusperte sich. „Sie haben kein Recht, mir den Kredit zu streichen.“

„Ich versichere Ihnen, das habe ich“, erwiderte sie mit einer Aussprache, die die Königin hätte neidisch werden lassen. Sie hatte keine Angst vor ihm, das musste er anerkennen, obwohl es ihn in diesem Moment wütend machte.

„Der Duke of Montgomery hat mir einen Kredit ohne Grenze versprochen“, sagte Asa, schlug mit der Hand auf den Tisch und stellte fest, dass diese Position ihm zufälligerweise dabei half, nicht zu schwanken. „Wir haben vor, in weniger als einem Monat zu eröffnen. Die Musiker haben die Partitur, die Tänzerinnen üben und ein Dutzend Näherinnen arbeiten Tag und Nacht, um die Kostüme fertigzustellen. Sie können mir jetzt den Kredit nicht streichen, Weib!“

„Der Duke hat Ihnen keine Vollmacht gegeben, ihn zu bestehlen“, antwortete sie und verzog den Mund ein wenig beim Wort stehlen. Was bildete sie sich ein, wer sie war, ihn so von oben herab über ihre überlange Nase anzusehen? „Ich habe Ihnen immer wieder Briefe geschrieben, in denen ich Sie gebeten habe, in ihre Bücher sehen zu dürfen, Ihre Kaufbelege zu überprüfen, auf irgendeine Weise darüber informiert zu werden, wofür Sie Tausende von Pfund ausgeben, und Sie haben meine Korrespondenz ignoriert.“

„Korrespondenz!“ Er starrte sie ungläubig an. „Ich habe keine Zeit für verdammte Korrespondenzen. Ich habe ein Theater fertigzubauen, einen Garten zu bepflanzen, muss Tenöre, Soprane – und, Gott steh mir bei, Kastraten – und Pantomimen und Musiker engagieren und versammeln und dafür sorgen, dass sie glücklich sind – oder zumindest hart arbeiten – und eine Oper auf die Beine stellen. Wofür halten Sie mich, für einen verfluchten affektierten Aristokraten?“

„Ich halte Sie für einen Geschäftsmann“, gab sie wie aus der Pistole geschossen zurück. „Ein Geschäftsmann, der zumindest in der Lage sein sollte, für seine Ausgaben Rechenschaft abzulegen.“

„Meine Ausgaben findet man im Garten“, brüllte er. „In den Gebäuden, den Bepflanzungen und den Angestellten. Wer sind Sie, dass Sie nach meinen Ausgaben fragen?“ Er musterte sie von Kopf bis Fuß. „Warum hat der Duke überhaupt eine weibliche Bevollmächtigte beauftragt? Was sind Sie – seine Geliebte? Ehrlich gesagt, ich finde, er könnte etwas Besseres finden.“

Hinter ihm atmete Violetta scharf ein, und der Diener blickte ihn wütend an.

Miss Dinwoodys Augen weiteten sich – sie waren blau, bemerkte er. Blau wie der Himmel an einem wolkenlosen Sommertag – und beinahe bedauerte er seine unverblümten Worte.

Beinahe.

„Ich“, sagte sie mit schrecklicher Deutlichkeit, „bin die Schwester des Dukes.“

Zweifelnd ließ er eine Braue in die Höhe schnellen. Sie hatte sich als Miss Eve Dinwoody vorgestellt – die Schwester eines Dukes würde sich Lady Eve nennen.

Ihre Lippen wurden schmal, als sie seinen Gesichtsausdruck sah. „Wir haben nicht dieselbe Mutter. Ganz offensichtlich.“

Ah, das erklärte es: Sie war ein Bastard ihres Vaters, aber dennoch nicht weniger aristokratisch. „Und Ihr blaues Blut qualifiziert Sie für die Leitung der Finanzen des Lustgartens?“

„Die Tatsache, dass mein Bruder mir sein Vermögen anvertraut hat, qualifiziert mich.“ Sie holte Luft und straffte die Schultern, sodass sie ihm ihren mageren Busen entgegenstreckte. „Und nichts davon ist wichtig. Ich streiche Ihnen ab sofort den Kredit und sämtliche Gelder. Mr. Sherwood vom Royal Theater hat angeboten, die Beteiligung meines Bruders an Harte’s Folly zu übernehmen, und ich warne Sie, ich überlege mir seinen Vorschlag ernsthaft, denn es scheint mir der einzige Weg zu sein, wie mein Bruder sein Geld wiedersieht. Ich bin nur aus Höflichkeit vorbeigekommen, um es Ihnen persönlich zu sagen.“

Sie wirbelte herum und rauschte aus dem Zimmer hinaus wie eine königliche Prinzessin. Ihr riesiger Diener grinste Asa süffisant an, dann folgte er ihr.

Höflichkeit? Ungläubig formte Asa das Wort mit den Lippen in Richtung der sich schließenden Tür. Was glaubte diese Frau war an den letzten fünf Minuten in irgendeiner Weise höflich gewesen? Er sah Violetta an und breitete die Arme weit aus. „Der gottverdammte Sherwood! Sie will meinen Garten meinem größten Rivalen verkaufen. Ganz zu schweigen davon, dass Sherwood Blödsinn quatscht – der Kerl hat gar nicht das Geld, um Montgomerys Anteil zu kaufen. Zum Henker! Hast du jemals eine unverschämtere Frau gesehen?“

Die Sopranistin zuckte mit den Schultern und wackelte dabei mit den wahrscheinlich wunderbarsten Brüsten ganz Londons, nicht dass das im Moment wichtig war. „Das ist jetzt wohl kaum deine wichtigste Überlegung, oder?“

„Was?“ Er schüttelte den Kopf. Gott, es war viel zu früh für ihn, um weibliche Rätsel zu lösen.

Sie seufzte. „Asa, caro …“

„Pst!“ Er blickte wütend zur Tür und dann wieder zu ihr. „Du weißt, dass ich nicht will, dass jemand diesen Namen zufällig hört.“ Bei seinen Worten verdrehte sie die Augen. „Mr. Harte, brauchst du das Geld, über das diese Frau die Verfügungsgewalt hat?“

„Ja, natürlich tue ich das!“, schrie er wütend.

Violetta schürzte angesichts seiner schlechten Laune die Lippen. „Dann solltest du ihr am besten nachlaufen.“

„Diese Frau ist unhöflich, herablassend und schlichtweg gemein.“ Er deutete wild auf die Tür hinter sich. „Bist du wahnsinnig?“

„Nein.“ Sie lächelte tatsächlich über sein Geschrei. „Aber du bist es, wenn du glaubst, hier zu stehen und vor Wut zu rasen wird etwas ändern. Miss Dinwoody hat die finanzielle Kontrolle und ohne sie“ – sie zuckte erneut mit den Schultern – „werde ich gehen und auch alle anderen, die in deinem wunderschönen Garten bauen und arbeiten. Ich liebe dich, caro, das weißt du, aber ich muss essen und trinken und hübsche Kleider tragen. Geh jetzt, wenn du deinen Garten retten willst.“

„Ach, zur Hölle.“ Er wusste, dass sie recht hatte.

„Und Asa, mein Liebster?“

„Was?“, knurrte er, während er sich bereits zur Tür umdrehte.

„Katzbuckeln.“

Er schnaubte, als er die morschen Holzstufen seines Mietshauses hinunterrannte, aber Violetta war klug im Umgang mit Menschen. Wenn sie sagte, er müsse vor dieser Hexe zu Kreuze kriechen, um das Geld zu bekommen, dann würde er das eben tun müssen.

Auch wenn ihn deswegen der Schlag traf.

Asa platzte aus der Tür und auf die Straße hinaus. Es nieselte halbherzig, und der Himmel war wolkenverhangen und grau. Ein paar Schritte entfernt gingen Miss Dinwoody und ihr Diener auf eine wartende Droschke zu.

„Hey!“, rief Asa und rannte ihnen hinterher. „Miss …“

Er wollte ihr eine Hand auf die Schulter legen, damit sie stehen blieb, aber der Diener tauchte plötzlich zwischen ihm und der Frau auf.

„Fassen Sie meine Herrin nicht an“, warnte der Mann.

„Ich wollte nichts Böses“, antwortete Asa und hob beschwichtigend die Hände. Er versuchte, liebenswürdig zu lächeln, aber er hatte das Gefühl, es sähe eher aus wie eine wütende Grimasse. Katzbuckeln. „Ich möchte mich bei Ihrer Herrin entschuldigen.“ Er lehnte sich zur Seite, um sie zu sehen, aber der Diener bewegte sich mit ihm. „Mich demütigst bei Ihnen entschuldigen. Können Sie mich hören, Liebes?“ Den letzten Satz rief er einfach über die Schulter des Mannes. Er konnte nichts außer der schwarzen Kapuze ihres Umhangs sehen.

„Ich kann Sie sehr gut hören, Mr. Harte“, erwiderte sie kühl und ruhig.

Schließlich bewegte sich der Schwarze wie von einem unausgesprochenen Befehl zur Seite, und Asa blickte erneut in diese blauen Augen.

Sie waren nicht sanfter geworden.

Er schluckte eine bissige Erwiderung hinunter und sagte durch zusammengepresste Zähne: „Es tut mir leid, Madam, ich weiß nicht, was über mich gekommen ist, so mit einer Dame zu sprechen, besonders einer, die so“ – er gebot sich Einhalt, bevor er ihre Schönheit pries, denn das wäre sogar für ihn ein wenig zu dick aufgetragen gewesen – „vornehm ist wie Sie. Ich hoffe, Sie sind willens, mir meine Beleidigungen zu verzeihen, aber ich verstehe, das tue ich wirklich, wenn Sie das nicht können.“

Der Diener schnaubte.

Asa ignorierte ihn und lächelte.

Breit.

Offensichtlich war Miss Dinwoody immun gegen sein Lächeln – oder vielleicht ganz allgemein gegen Männer. Die himmelblauen Augen wurden schmal.

„Ich nehme Ihre Entschuldigung an, Mr. Harte, aber wenn Sie glauben, dass ein solch himmelschreiender Haufen Unsinn mich dazu bringt, meine Meinung wegen des Geldes meines Bruders zu ändern, dann haben Sie sich schrecklich geirrt.“

Und sie wandte sich zum Gehen – schon wieder.

Zur Hölle.

„Warten Sie!“ Diesmal schlug seine Hand zwischen die Schultern des Dieners, als der Mann sich zwischen sie stellte. Asa starrte ihn wütend an. „Können Sie beiseite gehen? Ich werde Ihre Herrin wohl kaum mitten in Southwark ermorden.“

„Mr. Harte, Sie haben meine Zeit lange genug in Anspruch genommen“, begann sie, so aristokratisch, dass es zum aus der Haut fahren war, während sie den Diener umrundete.

„Verdammt, können Sie mich kurz nachdenken lassen?“, fragte Asa ein bisschen lauter, als er es vorgehabt hatte.

Sie blinzelte und öffnete den Mund. Sie sah ziemlich empört aus. Zweifellos war es ihr fremd, dass gewöhnliche Menschen so mit ihr sprachen.

„Nein.“ Er streckte die Handflächen aus. Das Letzte, was er brauchen konnte, war, dass sie ihn attackierte und noch wütender machte.

Er holte tief Luft. Ärger hatte nicht funktioniert. Beleidigungen hatten nicht funktioniert. Katzbuckeln hatte nicht funktioniert.

Und dann wusste er es.

Er sah sie an, beugte sich ein wenig nach vorne und schenkte der unterdrückten Bewegung des Dieners keine Beachtung. „Werden Sie kommen?“

Sie runzelte die Stirn. „Wohin kommen?“

„Zu Harte’s Folly.“

Sie schüttelte bereits den Kopf. „Mr. Harte, ich sehe nicht …“

„Aber das ist es ja gerade“, unterbrach er sie und erwiderte ihren Blick. „Sie haben Harte’s Folly noch nicht besucht, seit die Arbeiten zum Wiederaufbau angefangen haben? Kommen Sie und sehen Sie, wofür ich das Geld Ihres Bruders ausgebe. Sehen Sie, was ich bis jetzt erreicht habe. Sehen Sie, was ich in Zukunft erreichen könnte – wenn Sie mich nur lassen.“

Sie schüttelte erneut den Kopf, aber der Blick ihrer blauen Augen war weicher geworden.

Beinahe.

„Bitte“, sagte er und senkte die Stimme vertraulich. Wenn es etwas gab, das Asa konnte, dann war es eine Frau zu verführen. Sogar eine, die einen Stock im Allerwertesten hatte. „Bitte. Geben Sie mir – nein, geben Sie meinem Garten – eine Chance.“

Und er musste endlich seinen berühmt-berüchtigten Charme wiedergefunden haben – das oder die Dame hatte ein zugänglicheres Herz als er gedacht hatte – denn sie schürzte die Lippen und nickte.

Eve wusste in dem Augenblick, in dem sie nickte, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Sie wusste auch wirklich nicht genau, warum sie es getan hatte. Vielleicht lag es einfach an Mr. Hartes unglaublicher Präsenz. Er war so groß und breit und muskulös, und der Regen durchnässte sein Leinenhemd, bis es ihm durchsichtig an den Schultern klebte. Oder vielleicht war es seine Stimme gewesen, die bei seinem Bitten viel sanfter geworden war. Oder vielleicht seine Augen, die immer noch blutunterlaufen, aber eben auch waldgrün und in der Kälte des Tages beinahe warm wirkten.

Oder vielleicht war der Mann ein Magier, der ansonsten besonnene, vernünftige Damen in einen Bann zog, der sie dazu brachte, gegen ihre ureigensten Interessen zu handeln.

Wie dem auch sei, sie hatte zugestimmt, und das war es dann, und sie musste jetzt noch mehr Stunden mit einem Mann, den sie nicht einmal mochte, im Regen durch Southwark zu fremden Orten ziehen.

Und dann geschah etwas wirklich Außergewöhnliches.

Mr. Harte lächelte.

Das hätte sie nicht so überraschen dürfen. Der Mann hatte vorhin gelächelt – gehässig oder vor Wut oder weil er versucht hatte, sie zu überreden – aber dieses Lächeln war anders.

Dieses Lächeln war echt.

Sein breiter Mund wurde noch breiter, und er zeigte gerade weiße Zähne und Grübchen in beiden Wangen, die seinen Mund umrahmten. Es bildeten sich Fältchen in seinen Augenwinkeln, und er sah irgendwie recht ansprechend aus. Charmant. Beinahe gut aussehend, wie er dort hemdsärmelig und mit nassen Haaren im Regen stand. Ein Regentropfen lief ihm über die sonnengebräunte Wange.

Und das Schreckliche daran – das wirklich Entsetzliche – war, dass Eve die lächerliche Vorstellung hatte, dass Mr. Hartes Lächeln nur ihr galt.

Nur ihr.

Lächerlich. Sie wusste – wusste in dem Teil von ihr, der vernünftig war –, dass er lächelte, weil er seinen Willen durchgesetzt hatte. Es hatte nicht wirklich etwas mit ihr zu tun. Aber es gab einen kleinen Teil von ihr, der dieses Lächeln sah und es für sich beanspruchte, den sie nicht unterdrücken konnte. Und das wärmte sie irgendwie in ihrem Inneren. Wärmte sie und … erregte sie ein wenig.

Er wusste es auch, der schreckliche Mann. Sie sah es an der Art und Weise, wie sein Lächeln noch breiter wurde, bis es zu einem Grinsen geworden war und daran, wie er sie mit seinen grünen Augen wissend betrachtete.

Sie erstarrte und öffnete den Mund, um ihm alles abzuschlagen. Um diesen Mann wegzuschicken, damit sie nach Hause fahren und vielleicht eine beruhigende Tasse Tee genießen konnte.

Aber er war schlau, dieser Mr. Harte. Er verneigte sich sofort und deutete auf die gemietete Kutsche hinter ihr. „Sollen wir Ihre Kutsche nehmen?“

Sie hatte versprochen, mitzukommen. Oder zumindest genickt. Eine Dame der Gesellschaft sollte ihr Wort nicht brechen – oder ihr Nicken.

Fünf Minuten später saß Eve neben Jean-Marie, als sie durch die Straßen von Southwark rumpelten. Ihnen gegenüber saß Mr. Harte, der recht selbstzufrieden aussah.

„Natürlich treffen meine Gäste normalerweise vom Fluss aus ein“, sagte Mr. Harte gerade. „Wir haben eine Anlegestelle mit Steinstufen und Diener, die in Purpur und Gelb gekleidet sind, um den Gästen das Gefühl zu vermitteln, eine andere Welt zu betreten. Sobald meine Gäste ihre Eintrittskarten gezeigt haben, gehen sie einen Pfad entlang, der von Fackeln und Feenlichtern erleuchtet wird. Auf dem Weg gibt es Wasserfälle aus Licht, Jongleure, tanzende Faune und Dryaden, und die Gäste können dort verweilen, wenn sie es wünschen. Oder sie können die Gärten weiter erforschen. Oder sie können ins Theater gehen.“

Sie war in Harte’s Folly gewesen, bevor es niedergebrannt war – ein Mal, vor ein oder zwei Jahren. Tatsächlich pflegte sie regelmäßig einen Abend im Theater zu genießen, obwohl sie immer allein ging – nun, mit Jean-Marie natürlich, aber nicht mit Freunden denn sie hatte keine Freunde.

Sie schüttelte den Kopf über ihre Gedanken, die so gar nichts zur Sache taten.

„Das klingt alles sehr teuer“, bemerkte Eve, unfähig, den vorwurfsvollen Ton aus ihrer Stimme zu verbannen.

Ärger spiegelte sich in Mr. Hartes Gesicht, bevor er versuchte, freundlicher auszusehen. Sie wusste nicht, warum er sich die Mühe machte. Sämtliche Gefühle dieses Mannes waren offensichtlich – und die meisten waren negativ, wenn es sie betraf.

Was ihr natürlich überhaupt nichts ausmachte.

„Es ist teuer“, antwortete er, „aber das muss es auch sein. Meine Gäste kommen wegen eines aufsehenerregenden Schauspiels. Um verblüfft zu werden und voller Ehrfurcht zu sein. Es existiert kein anderer Ort wie Harte’s Folly in London. Auf der ganzen Welt.“ Mr. Harte beugte sich im Sitz der Droschke nach vorne, die Ellbogen auf den Knien. Seine breiten Schultern schienen die gesamte Kutsche auszufüllen. Oder vielleicht war es seine Persönlichkeit, die die Kutsche so klein erscheinen ließ. Er spreizte seine großen Hände, als wollte er sich auf einen Kampf vorbereiten. „Um Geld zu verdienen, muss man Geld ausgeben. Wenn mein Lustgarten so wäre wie jeder andere – wenn die Kostüme abgetragen wären, die Aufführungen zahm und uninspiriert, die Pflanzungen alltäglich – dann würde niemand kommen. Niemand würde den Eintrittspreis zahlen.“

Widerstrebend fragte sie sich, ob sie die Dinge vielleicht etwas überstürzt hatte. Der Mann war stolz und pompös und sehr, sehr aufreizend, aber vielleicht hatte er recht. Vielleicht konnte er mit den Einnahmen aus seinem wundervollen Garten die Investitionen ihres Bruders zurückzahlen.

Dennoch, sie war schon immer von Natur aus vorsichtig gewesen. „Ich erwarte, dass Sie all das, was Sie mir erzählt haben, beweisen, Mr. Harte.“

Er setzte sich zurück, als wäre er zufrieden, ihre Zustimmung bereits gewonnen zu haben. „Und das werde ich.“

Die Kutsche fuhr um eine Kurve und eine hohe Steinmauer wurde sichtbar. Sie sah sehr … zweckmäßig aus.

Eve warf Mr. Harte einen fragenden Blick zu.

Er räusperte sich. „Natürlich ist das der Hintereingang.“

Ruckend kam die Droschke zum Stillstand.

Jean-Marie erhob sich sofort, klappte die Stufe aus und streckte die Hand aus, um Eve beim Aussteigen zu helfen.

„Danke“, murmelte sie. „Bitte sag dem Kutscher, er möchte auf uns warten.“

Mr. Harte sprang athletisch aus der Kutsche und ging mit großen Schritten in Richtung einer Holztür in der Mauer voran. Er öffnete sie und bat Eve gestikulierend hinein.

Dahinter befanden sich ineinander verwachsene Hecken und ein paar schlammige Wege. So stellte man sich wohl kaum einen Lustgarten vor, aber er hatte gesagt, dies sei der Hintereingang.

Eve sah zur Tür, als sie ihn betrat. „Sollte die nicht verschlossen sein?“

„Ja“, bestätigte Mr. Harte. „Und normalerweise ist sie das auch, wenn wir geöffnet haben – um zu verhindern, dass Leute den Garten betreten, ohne dafür gezahlt zu haben – aber im Moment bauen wir noch. Es ist leichter so für die Lieferungen.“

„Haben Sie keine Probleme mit Dieben?“

Mr. Harte runzelte die Stirn. „Ich …“

Ein junger, rothaariger Mann kam rasch auf einem der Wege angelaufen. Eve erkannte sofort Mr. Malcolm MacLeish, den Architekten, den ihr Bruder engagiert hatte, um das Theater wiederaufzubauen.

„Harte!“, rief Mr. MacLeish. „Gott sei Dank sind Sie hier. Der verdammte Dachschiefer ist angekommen und die Hälfte davon ist zerbrochen, und der Fahrer verlangt trotzdem seine Bezahlung, bevor er ablädt. Ich weiß nicht, ob ich alles zurückschicken oder mit dem, was zu gebrauchen ist, arbeiten soll. Wir hinken dem Zeitplan bereits hinterher, und der Regen läuft ins Theater – die Planen halten ihn nicht ab.“ Der junge Mann sah von seiner Tirade auf und riss die Augen auf, als er Eve erblickte. „Oh! Miss Dinwoody. Ich hätte nicht gedacht, Sie hier zu treffen.“

Und sein Gesicht erstrahlte in einem unvorteilhaften, fleckigen Rot.

Eve verspürte ein wenig Mitleid. Das letzte Mal, als sie Mr. MacLeish gesehen hatte, hatte er sie um Hilfe gebeten, um dem Einfluss ihres Bruders zu entkommen. Es war ihm vermutlich sehr peinlich, ihr zu begegnen.

Sie schenkte ihm ein kleines, beruhigendes Lächeln. „Guten Tag, Mr. MacLeish.“

Bei diesen Worten erinnerte er sich an seine Manieren und verbeugte sich recht elegant vor ihr. „Und Ihnen auch, Miss Dinwoody.“ Er holte tief Luft. Offensichtlich rief er sich selbst zur Ordnung. „Sie sind ein helles Strahlen an diesem düsteren Morgen, sage ich.“

Und da war er, der bezaubernde Charme, den der Architekt für gewöhnlich zeigte.

Sie nickte. „Wollen wir uns Ihre Dachschindellieferung ansehen?“

„Ich …“

Mr. MacLeish sah Mr. Harte an. Sein Gesicht war verblüfft.

Der Besitzer des Lustgartens runzelte die Stirn. „Ich habe Sie nicht hergebracht, damit Sie die langweiligen Sachen hinter den Kulissen begutachten, Miss Dinwoody.“

„Aber vielleicht ist das genau das, was ich begutachten sollte“, erwiderte sie. „Bitte. Gehen Sie voran, Mr. MacLeish.“

Der Architekt wartete Mr. Hartes Nicken ab, bevor er sich umdrehte und den schlammigen Weg zurückging.

Eve raffte ihre Röcke und setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Sie bedauerte, heute Morgen keine Überschuhe zu tragen, denn sie machte sich langsam Sorgen, ihre zarten Schühchen könnten von der Nässe und dem Schlamm ruiniert werden.

„Ich muss gestehen, Ihrer Beschreibung der Gärten nach hatte ich geglaubt, sie wären …“ Eve hielt inne und versuchte, ein taktvolles Wort zu finden, als sie an einer Gruppe Iris vorbeikamen, die die Köpfe hängen ließen.

„Fertiger“, meinte Jean-Marie grollend, der das Wort lieferte, wenn auch nicht das Taktgefühl.

Mr. Hartes gefurchte Stirn war dank des Einwurfs ihres Leibwächters zu einem wütenden Blick geworden. „Natürlich zeigt sich der Garten bei Regen nicht in seinem besten Licht. Nun, hier!“, rief er, als sie um einen großen Baum herumgingen, und ein Teich vor ihnen auftauchte, „hier können Sie sehen, was Harte’s Folly sein wird.“

Der Teich war sehr hübsch. In seiner Mitte befand sich eine Insel, die durch eine gebogene Brücke mit dem Ufer verbunden war. Ein weiterer Baum, jung und gerade, war am Ufer des Teiches gepflanzt worden und umrahmte den Ausblick. Sogar an diesem regenverschleierten Tag besaß er einen überirdischen Charme.

Verzaubert trat Eve einen Schritt näher … und direkt in eine Pfütze hinein. Das kalte, schlammige Wasser durchnässte ihren Schuh und brach den Bann.

Sie wandte sich zu Mr. Harte um.

Sein Blick traf ihren, als er von ihren schmutzig gewordenen Füßen aufsah. „Wir werden die Wege natürlich ausbessern, bevor wir eröffnen.“

„Das hoffe ich“, entgegnete sie eisig und schüttelte den Fuß.

Schweigend setzten sie ihren Weg fort.

Eves Zehen wurden langsam taub vor Kälte, während sie Mr. Hartes breiten Schultern folgte.

Nach weiteren fünf Minuten kamen sie in Sichtweite einer Reihe von Gebäuden, von denen das mittlere offensichtlich das Theater war. Es hatte breite Marmorstufen, über die man zu einer Reihe Säulen vor der Front und einem hohen Giebel mit einem klassischen Flachrelief gelangte, auf dem Figuren ein Theaterstück aufführten. Es war ein beeindruckendes Bauwerk, auch wenn das Dach von Planen bedeckt war.

Davor standen ein riesiges Lastfuhrwerk und ein Pferdegespann. Drei Männer standen neben dem Karren und stritten sich lauthals mit einer Reihe Menschen, die sich im Halbkreis um sie herum aufgestellt hatten. Die Menge war ein zusammengewürfelter Haufen: ein halbes Dutzend Frauen trug zueinanderpassende leuchtend gelbe Kleider, die skandalös kurz waren – offensichtlich, um darin tanzen zu können. Eine andere Frau trug ein ausgefallenes lilafarbenes Kleid und hatte noch Farbe im Gesicht. Neben ihr stand eine unscheinbare Frau in gewöhnlicherer Kleidung, die ein halb fertiges Mieder in Händen hielt. Einige der Männer waren offensichtlich Arbeiter oder Gärtner – einer hatte einen Rechen über der Schulter – wohingegen wieder andere besser angezogen waren und verschiedene Instrumente unter den Armen hielten.

„Bezahlen Sie oder wir drehen das Fuhrwerk um und nehmen die Ladung wieder zurück über den Fluss mit!“, sagte einer der Fuhrleute.

„Wofür zahlen?“, spottete ein kleiner Mann mit intelligentem Gesichtsausdruck und dunklem Haar. „Für einen Haufen gebrochener Schindeln? Pah!“ Er warf empört die Hände in die Luft. „Dieses Theater, es wird nie fertig werden. Meine Musiker können nicht üben, wenn ihnen das Wasser die Hälse hinunterläuft.“

„Was höre ich da über gebrochene Schindeln?“

Die Menge wandte sich um, als Mr. Hartes tiefe Stimme ertönte, und einige Leute begannen, gleichzeitig zu sprechen.

Mr. Harte hob die Hände. „Einer nach dem anderen. Vogel?“

Der dunkelhaarige Mann trat vor. Seine schwarzen Augen blitzten. „Und wieder ist das Theater nicht fertig. MacLeish hat die Fertigstellung letzten Monat versprochen, und wurde es fertig? Nein! Er hat versprochen, dass es diese Woche …“

„Es ist wohl kaum meine Schuld, dass der Regen uns vom Bauen abgehalten hat“, antwortete Mr. MacLeish und reckte das Kinn. „Und eines will ich Ihnen sagen, es ist nicht einfach, um eine Gruppe Musiker herumzuarbeiten.“

Mr. Vogels Oberlippe verzog sich. „Und sollen wir eröffnen, ohne geübt zu haben? Pah! Sie verstehen nichts von Oper oder Musik, Sie Engländer.“

„Ich bin Schotte, Sie …“

Mr. Harte legte eine Hand auf Mr. MacLeishs Brust und trat zwischen ihn und Mr. Vogel: „Was ist mit meinen Schindeln?“

„Nicht meine Schuld, wenn sie so angekommen sind“, sagte der Anführer der Schindelmänner und klang plötzlich versöhnlich. „So hab’ ich sie in Empfang genommen, und so hab’ ich sie hergebracht.“

„Und so werde ich sie zurückschicken“, erwiderte Mr. Harte. „Ich habe für Dachschindeln gezahlt nicht für zerbrochene Splitter.“

„Ich kann sie alle zurücknehmen“, sagte der Schindelmann. „Aber ich werde frühestens im Dezember eine neue Lieferung bekommen.“

Bedrohlich trat Mr. Harte einen Schritt nach vorne. „Verdammt, Mann …“

Die Doppeltüren des Theaters sprangen auf, und ein kleiner, krummbeiniger Mann in einem leuchtend orangefarbenen Gehrock kam die Treppe herunter. Eve blinzelte überrascht, denn es war Mr. Sherwood, der Besitzer des Royal Theater. Was machte er …?

„Sherwood!“, brüllte Mr. Harte und näherte sich dem kleineren Mann bedrohlich. „Was machen Sie in meinem Theater?“

„Harte“, sagte Sherwood, der sich offensichtlich der Gefahr, in der er sich befand, nicht bewusst war. „Was für eine angenehme Überraschung. Ich wusste nicht, dass Sie so früh am Morgen bereits auf sind. Und Miss Dinwoody!“, fuhr er fort, als er Eve sah, die hinter Mr. Hartes Rücken hervorspähte. „Ein Vergnügen, Madam, ein wahres Vergnügen!“

„Mr. Sherwood.“ Eve nickte zurückhaltend.

„Ihre erlesene Anmut erhellt den Tag, Madam.“ Der Theaterdirektor strahlte, als wäre er von seinem Esprit beeindruckt und wippte auf den Zehen. Er trug eine weiße Perücke, die ein wenig lädiert aussah und ein wenig schief saß. „Haben Sie Mr. Harte von meinem Angebot erzählt?“

„Sie haben nicht die Mittel, um Montgomerys Anteil aufzukaufen“, höhnte Harte.

„Ich nicht“, entgegnete Sherwood unbekümmert, „aber mein Geldgeber.“

Mr. Harte schien sich auszudehnen. An seinen Seiten ballte er die Hände zu Fäusten. Rasch trat Eve einen Schritt zurück in den beruhigenden Schatten von Jean-Marie.

„Welcher Geldgeber?“, knurrte Mr. Harte. „Sie können unmöglich …“

Oben auf der Treppe verließ ein großer Mann das Theater. Er trug eine üppig gelockte lavendelfarbene Perücke und einen auffälligen rubinroten Gehrock mit silberner Spitze an den Manschetten und am Kragen.

Er blickte hinab und zuckte übertrieben zusammen, als er Mr. Harte sah. „Nein!“, rief er und streckte einen Arm aus, als wollte er den Besitzer des Lustgartens fernhalten. „Sie werden es mir nicht ausreden, Harte, nicht einmal mit Ihrer Eloquenz.“

„Was tun Sie, Giovanni?“ Mr. Hartes Stimme war in unheilverkündende, raue Tiefen gesunken.

Eve sah sich um. Machte sich sonst niemand Sorgen um Mr. Hartes hitziges Temperament?

Aber aller Blicke waren auf die Treppe des Theaters gerichtet, als der große Mann sie hinuntergerauscht kam. Eve begriff nun, dass dies Giovanni Scaramella sein musste, der berühmte Kastrat.

„Er verlässt Sie“, posaunte Mr. Sherwood laut heraus und bestätigte damit Eves schlimmste Befürchtungen. „Giovanni kommt zum Royal. Der talentierteste Kastrat in London wird jetzt exklusiv für mein Theater singen.“

„Das können Sie nicht tun, Gio“, sagte Mr. Harte. „Sie haben zugestimmt, in dieser Saison für mich zu singen. Wir haben das mit Handschlag besiegelt.“

„Haben wir das?“, fragte der Sänger und machte große Augen. „Aber Mr. Sherwood hat ein Theater, das schon gebaut ist, eine wundervolle Oper, die fertig ist und viel Geld für mich. Sie, Harte, haben Schlamm und ein leckendes Dach.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ist es so seltsam, dass ich gehe, um im Royal zu singen?“

„Bringen Sie einen Künstler immer dazu, zu unterschreiben“, meinte Sherwood fröhlich und schüttelte ein Stück Papier in seiner Hand. „Ich dachte, dass wüssten Sie inzwischen, Harte.“

Harte kniff die Augen zusammen, und seine Stimme wurde noch tiefer. Eve wich unwillkürlich einen Schritt zurück, als er knurrte: „Sie sollen verdammt sein …“

„Ha!“, krähte Mr. Sherwood und sprang die letzte Stufe hinunter. „Sie haben mir vielleicht Robin Goodfellow gestohlen, Sie haben mir vielleicht La Veneziana gestohlen, aber sehen Sie zu, wie weit Sie ohne einen Kastraten für die Hauptrolle kommen, Harte!“

Mr. Harte sagte kein Wort. Mit einer präzisen Bewegung trat er vor und schlug mit seiner riesigen Faust in das Gesicht des anderen Mannes.

Mr. Sherwood fiel mit einem Kreischen und einem Schwall Blut, der ihm aus der Nase schoss, hin.

Immer noch ohne Hut und in Hemdsärmeln stand Mr. Harte über ihm, und der Regen durchnässte den Stoff seines Hemdes und brachte so die sich wölbenden Muskeln seines Rückens und seiner Schultern zur Geltung.

Er sah unzivilisiert und barbarisch und männlich aus.

Eve atmete ein und hatte dann Probleme, wieder auszuatmen. Sie mochte keine Gewalt. Sie hatte sie noch nie gemocht.

Dies war ein Fehler gewesen. Ein schrecklicher Fehler. Der Garten war ein Schlachtfeld, es sah nicht so aus, als würde die Oper jemals aufgeführt werden. Und Mr. Harte war eine brutale Bestie.

„Bring mich fort von hier, Jean-Marie“, flüsterte sie.

2. KAPITEL

Nun, dieser König hatte bei der Geburt seines ersten Sohnes ein Orakel befragt. Das Orakel sagte ihm, dass der König sterben würde, sollte je eines seiner Kinderdie Mitternacht seines achtzehnten Geburtstags erleben.

Wenn der König jedoch das Herz eines jeden Kindes aß, das er zeugte, würde er ewig leben …

Aus: Der Löwe und die Taube

Bridget Crumb führte dem verruchtesten Mann ganz Englands den Haushalt.

Valentine Napier, der Duke of Montgomery, war so gut aussehend, dass er beinahe auf weibliche Art schön war, er war mächtig, reich und entbehrte – soweit sie das beurteilen konnte – jedweder Moral. Sie war nur ein paar Wochen vor seiner Verbannung aus dem Land eingestellt worden. Einer seiner vielen Lakaien hatte von ihrem Ruf als beste Haushälterin Londons gehört und hatte ihr das Doppelte des Gehalts angeboten, das sie bei Lady Margaret St. John als Haushälterin verdient hatte.

Wenn sie ehrlich sein wollte, war das Geld nur einer der Gründe gewesen, warum Bridget die Stelle angetreten hatte. In der kurzen Zeit, bevor Montgomery auf das europäische Festland gegangen war, hatte er genau ein einziges Mal mit ihr geredet – als er geistesabwesend gefragt hatte, was mit seinem Butler geschehen war. Sie hatte ihm höflich erklärt, dass der Mann beschlossen hatte, an seinen Geburtsort in Wales zurückzukehren. Was genaugenommen der Wahrheit entsprach, obwohl es nicht die ganze Wahrheit war, da sie den Butler ermutigt hatte, seine Träume vom Ruhestand als Ladeninhaber, wahrzumachen.

Sie hatte es auch unterlassen, dem Duke mitzuteilen, dass sie keinen Ersatzbutler eingestellt hatte. Warum sollte sie einen männlichen Diener einstellen, der ihre Autorität anfocht?

Nun trug Bridget die gesamte Verantwortung für Hermes House – das Stadthaus des Dukes –, was recht zweckdienlich war, wenn man die anderen Gründe bedachte, aus denen sie in die Dienste des Dukes getreten war.

Allerdings bedeutete das Fehlen eines Butlers, dass sie oft selbst an die Vordertür gehen musste, wenn ein Besucher kam.

Als es heute klopfte, glitt Bridget über den prunkvollen rosafarbenen Marmorboden mit der grauen Äderung – der heute Morgen um genau sechs Uhr poliert worden war. Sie hielt vor einem kunstvoll verzierten, vergoldeten Spiegel, um zu überprüfen, ob ihre Morgenhaube gerade saß und die Schnüre ordentlich unter dem Kinn gebunden waren. Sie war erst sechsundzwanzig – ein beinahe unerhörtes Alter, um sich die Position zu erarbeiten, die sie hatte – und sie hatte herausgefunden, dass es ihre Autorität erhöhte, wenn sie immer absolut tadellos aussah.

Bridget öffnete die Tür und sah die Schwester des Dukes, zusammen mit ihrem Diener, vor der Tür stehen. Im Gegensatz zum Duke war Miss Dinwoody eine unscheinbare Erscheinung, obwohl sie und ihr Bruder dasselbe goldblonde Haar hatten. „Guten Morgen, Miss.“

Sie trat beiseite, um die beiden hereinzulassen.

Miss Dinwoody sah ein wenig unwohl aus. Das war ungewöhnlich. „Guten Morgen, Mrs. Crumb. Ich bin gekommen, um mir die Geschäftsbücher meines Bruders anzusehen.“

„Natürlich“, murmelte Bridget. Miss Dinwoody hatte Hermes House ein oder zwei Mal die Woche besucht, seit der Duke das Land verlassen hatte, immer um sich um die Investition des Dukes in Harte’s Folly zu kümmern. „Soll ich etwas Tee und Erfrischungen in die Bibliothek bringen lassen, Miss?“

„Nicht nötig.“ Miss Dinwoody legte ihren regendurchnässten Umhang ab und reichte ihn ihr. „Ich brauche nicht lang.“

„Sehr wohl, Miss“, erwiderte Bridget. Sie deutete auf einen der Diener, der in der Eingangshalle positioniert war und reichte ihm den Umhang. „Vor weniger als einer Stunde ist ein Brief von Ihrem Bruder für Sie angekommen. Ich entschuldige mich dafür, ihn nicht sofort weitergeschickt zu haben.“

„Das macht nichts“, meinte Miss Dinwoody. „Ich vermute, er wurde wieder von diesem seltsamen Jungen gebracht?“

„Ja, Miss. Alf hat ihn in der Küche abgegeben.“

Miss Dinwoody schüttelte den Kopf und murmelte geistesabwesend: „Ich verstehe nicht, warum mein Bruder nicht die Post nutzt. Nur Gott weiß, wie seine Briefe überhaupt über den Kanal transportiert werden.“

Bridget hatte diesbezüglich eine Vermutung, aber es stand ihr nicht zu, die ungewöhnlichen Mittel des Dukes was Kommunikation betraf, zu kommentieren. Stattdessen ging sie voran, die große Treppe hinauf und dann einen breiten Gang entlang zur Bibliothek. Das Personal von Hermes House war verringert worden, da der Duke nicht anwesend war, aber Bridget führte ein strenges Regiment. Die Räume in diesem Stockwerk wurden jede zweite Woche gründlich gelüftet und abgestaubt – und dieser Tag war heute. Sie blieb an einer offenen Tür stehen und erregte die Aufmerksamkeit eines der Dienstmädchen, die mit einem Tuch die Holzarbeiten in dem Zimmer abwischte. „Fach bitte das Feuer in der Bibliothek an, Alice.“

Alice, die immer noch auf den Knien war, zögerte. Sie war ein hübsches Mädchen von etwa neunzehn Jahren, ein bisschen langsam, aber dennoch sehr fleißig. Leider war sie auch abergläubisch. „Die Bibliothek, Madam?“

„Ja, Alice.“ Bridgets Stimme wurde schärfer. „Sofort, bitte.“

„Ja, Mrs. Crumb.“ Das Mädchen erhob sich, knickste und eilte aus dem Raum und ihnen voran.

Als sie die Bibliothek erreichten, hielt Bridget die Tür für Miss Dinwoody auf und nickte in Richtung des Rosenholzschreibtisches in der Ecke, wo der Brief lag. „Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, Miss?“ Sie bemerkte, dass Alice neben dem Kamin kniete. Sie hielt eine angezündete Kerze in der Hand, und ihr Gesicht war blass, während sie sich unsicher im Zimmer umblickte.

„Nein, nichts“, murmelte Miss Dinwoody, während sie das Siegel des Briefes brach. Ihr schmalen Lippen verzogen sich, als sie begann zu lesen, und Bridget dachte, dass es recht ermüdend sein musste die illegitime Schwester des Duke of Montgomery zu sein.

Aber das war nicht ihr Problem, nicht wahr?

Sie reckte das Kinn in Alices Richtung, die das Feuer zum Lodern gebracht hatte, und das Mädchen sprang auf die Füße und rannte beinahe zur Tür.

Bridget seufzte, als sie die Tür hinter ihnen schlosss. Sie hatte dem Mädchen schon mehrmals einen Vortrag darüber gehalten, dass es in Hermes House keine Geister gab, und es hatte einfach keinen Sinn, es noch einmal zu tun.

Besonders, da sie selbst nicht völlig überzeugt davon war.

Es war schon fast Mittag, als Eve sich mit Jean-Marie zurück auf den Weg in ihr Stadthaus machte.

Natürlich hatte ihr Bruder das Stadthaus für sie gefunden. Gefunden und dafür bezahlt. Er zahlte auch für Jean-Marie und Tess und Ruth. Val sorgte dafür, dass Eve sehr komfortabel lebte, aber das war nicht der Grund, warum sie sich einverstanden erklärt hatte, sich um seine Investition in Harte’s Folly zu kümmern, als er so plötzlich gezwungen gewesen war, das Land zu verlassen.

Manchmal fragte sie sich, ob er überhaupt wusste, warum sie es getan hatte. Val handelte so viel mit Schulden und Geld und seidenen Drohungen, dass er es vielleicht nicht erkannte, wenn jemand etwas einfach nur aus Liebe für ihn tat.

Der Gedanke machte sie entsetzlich traurig.

Eve legte ihre Haube in der Eingangshalle ab. „Jean-Marie, sag Tess bitte, sie möchte mir ein Tablett mit einem Mittagessen bringen. Und etwas Tee.“

Jean-Marie warf ihr einen besorgten Blick zu, aber er nickte, bevor er im hinteren Teil des Hauses verschwand.

Eve fragte sich, was er Tess über ihren morgendlichen Ausflug erzählen würde. Darüber, dass sie aus dem Garten geflohen war. Über ihren Ausflug zu dem großen, leeren Haus ihres Bruders und den Brief, den sie dort gelesen hatte.

Der Brief, in dem Val ihr ausdrücklich verbot, Mr. Harte den Geldhahn zuzudrehen oder den Anteil zu verkaufen.

Verdammter Val. Er hatte sie in eine sehr unangenehme Lage gebracht – sie musste sich um eine große Summe Geld kümmern, hatte aber keine wirkliche Kontrolle darüber, wenn er nicht zuließ, dass sie ihrem Bauchgefühl folgte, wenn es darum ging, was mit dem Garten und Mr. Harte zu tun war. Wenn er sie nur seinen Anteil an Harte’s Folly an Mr. Sherwood und seinen geheimnisvollen Geldgeber verkaufen lassen würde, könnte sie das Geld investieren. Sie wusste, sie könnte ihrem Bruder zu Profit verhelfen. In den letzten fünf Jahren hatte Eve ihr eigenes Zusatzeinkommen in einer Reederei angelegt und einen kleinen, aber ansehnlichen Kapitalzuwachs zu verzeichnen gehabt.

Leider war sie sich nicht sicher, dass es das Geld war, wofür Val sich interessierte, wenn es um Harte’s Folly ging.

Sie seufzte und stieg die Treppe hinauf. Ihr Salon befand sich oben, und sie ging durch den Raum zu ihrem Arbeitstisch. Auf ihm stand ihr Vergrößerungsglas aus Bronze. Es war an einem Arm befestigt, den man von einem aufrechten Gestell aus bewegen konnte, sodass sie bequem hindurchsehen konnte und dabei beide Hände frei hatte. Neben dem Vergrößerungsglas lagen mehrere saubere Stücke Elfenbein und ihr Farbkasten, alles bereit. Unter der Lupe befand sich die Miniatur, an der sie gerade arbeitete – eine Studie von Herkules. Sie beugte sich vor und blickte durch das Vergrößerungsglas. Herkules stand da, das Gewicht auf dem rechten Bein. Er trug sein Löwenfell und Sandalen und ein wenig Tuch, das züchtig seine Hüften bedeckte. Es hätte eine heroische Pose sein sollen, aber irgendwie sah der arme Herkules beinahe weiblich aus. Die Lippen waren zu sehr zu einem Schmollmund verzogen, seine Wangen zu rosig, sein Gesicht viel zu weich. Natürlich war es der momentane Stil, Männer als weich und sanft darzustellen, und sie brillierte in diesem Stil, aber heute war sie plötzlich unzufrieden.

Sie musste an Mr. Hartes Gesicht denken. An seine zusammengezogenen Brauen, seine Lippen, die zu einer grimmigen Linie aufeinandergepresst waren und an sein nasses Haar, das ihm an seinen Wangen und seiner Stirn klebte, als er Mr. Sherwood mit seinem erhobenen muskulösen Arm niedergestreckt hatte. Sie hasste – und fürchtete – seine Gewalttätigkeit. Aber sie konnte nicht leugnen, dass Mr. Harte etwas Lebendiges hatte. Etwas Lebendiges und Dynamisches und Herausragendes. Etwas Aufregendes, das ihr Herz schneller schlagen ließ und sie dazu brachte, sich ebenfalls lebendig zu fühlen.

Eve saß an ihrem Arbeitstisch und starrte blind auf den armen süßen Herkules.

Mr. Harte war ein Rohling, das konnte jeder sehen. Er hörte nicht auf die Vernunft, hielt sich nicht an die Regeln des Anstands und antwortete nicht auf ihre höflichen Bitten um Information. Er hatte tatsächlich Mr. Sherwood vor ihren Augen angegriffen. Wie konnte Val erwarten, dass sie mit einem solchen Mann zusammenarbeitete?

Wenn sie ganz ehrlich zu sich war, musste sie der Tatsache ins Auge sehen, dass sie Val enttäuscht hatte. Sie hatte versprochen, sich um seine Investition zu kümmern, aber wenn das Theater nicht wiedereröffnete und sie den Anteil nicht verkaufen durfte, würde er von seinem Geld nichts wiedersehen.

Er würde Tausende Pfund verlieren.

Eve runzelte die Stirn, nahm eines der weißen Elfenbeinstücke und fuhr mit dem Finger über die glatte Oberfläche. Die Summe, die er bereits in Harte’s Folly investiert hatte, war vermutlich nur ein Tropfen im riesigen Ozean von Vals Vermögen, aber sie hatte es versprochen.

Sie scheiterte nicht gerne.

Und dann war da sein Brief, voll von Vals üblichen Frivolitäten und mit diesem ungewöhnlich auf den Punkt gebrachten Postskript, in dem er ihr mitteilte, sie solle diesen schrecklichen Mann und seinen Garten weiter finanzieren. Sie würde einen Brief an Mr. Harte schreiben müssen, in dem sie sich entschuldigte und alles zurücknehmen musste, was sie heute Morgen gesagt hatte. Allein der Gedanke war niederschmetternd.

Ruth kam ins Zimmer und ging langsam, da sie das Tablett mit dem Mittagessen trug. Das Dienstmädchen stellte das Tablett neben Eves Ellbogen und trat strahlend zurück. „Hier, Miss! Tess hat ’nen schönen Hering gebraten und ein paar gekochte grüne Bohnen dazu gemacht, und da ist auch Brot, das heute Morgen frisch gebacken wurde.“

„Danke, Ruth“, erwiderte Eve und das Mädchen knickste und hüpfte beinahe aus dem Zimmer.

Nun, Ruth war sehr jung – erst fünfzehn und von irgendwo vom Lande. Alles war neu für sie. Sie besaß eine reizvolle Naivität, die Eve gleichzeitig charmant und besorgniserregend fand. Das Dienstmädchen hatte noch nicht gelernt, vorsichtig in der Welt zu sein. Niemand hatte sie je verletzt.

Die Taube, die in ihrem eckigen kleinen Käfig auf dem Tisch saß, gurrte fragend. Eve nahm ein paar Getreidekörner von einem Teller in der Nähe und schob sie durch die Stäbe des Käfigs. Sofort begann die Taube, ihr Mittagessen aufzupicken.

Eve nahm ihre Gabel und ihr Messer, dann hielt sie inne und starrte den Hering an. Wie ruhig es in ihrem Salon war! Nur das leise Scharren der Taube und das Klirren ihres Bestecks. Sie konnte nicht einmal die Stimmen unten in der Küche hören.

Wenn sie ihre Augen schloss, konnte sie sich vorstellen, sie wäre allein auf der Welt.

Sie schüttelte sich und schnitt in den Hering, als plötzlich ein schrecklich lautes Klopfen an der Vordertür ertönte und ihre eingebildete Einsamkeit Lügen strafte.