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Verlief sein Lebensweg geradlinig oder hatte er Ecken und Kanten? Wenn er im Krieg zwei schlimme Ereignisse überlebte, später zweimal in der Klinik von der Schippe gesprungen und vor der Mauer glücklich in der Bundesrepublik gelandet ist, war das doch ein recht kurvenreicher Verlauf. Und auch das Berufsleben verlief nicht immer geradlinig. Von der behüteten Kindheit über die Kriegs- und Nachkriegszeit, dem Beginn einer nicht geplanten Lehre, Studium mit vorgegebener Fachrichtung, „Republikflucht“, Neuanfang bei Carl Zeiss in Oberkochen bis zum Unruhestand wird kein Blatt vor den Mund genommen. Für manchen Leser vielleicht mit etwas zu vielen technischen Details, eröffnet das Buch aber etliche, nur den Insidern bekannte Einblicke in den Werdegang des Autors. Angereichert mit zahllosen humorvollen Storys, einschließlich eines Einblicks in den weltweiten Bund Schlaraffia, wird ein ganzes Leben von 1932 bis 2015 entschlüsselt. Zitat des Autors: „Mit dem Schreiben eines Buches kann man einer geistigen Blockade entgegenwirken, denn was man nicht gebraucht, verkümmert. Fazit also: Ich schreibe das Buch vor allem für mich selbst!“ 256 Seiten mit 271 Abbildungen
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Seitenzahl: 222
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Ein herzlicher Dank gilt an dieser Stelle meinem Bruder Horst, der viele interessante Hinweise gab und mir half, mein leicht verschüttetes Gedächtnis wieder aufzufrischen.
Ein weiterer Dank gilt Dr. Ing. habil. Ralf Christoph, Inhaber der Firma Werth Messtechnik in Gießen, für die von ihm geförderte jahrelange, hoch interessante Zusammenarbeit beim gemeinsamen Schreiben von drei Fachbüchern sowie anderen Tätigkeiten für die Firma, die mir den Ruhestand mit Leben erfüllten.
Vorwort
Kindheit
Spielerisch zur Technik
Verwandtschaftsverhältnisse
Zeit des Krieges und sein Ende
Einmarsch der roten Armee
Wieder zu Hause
Friedenszeit
Kampf gegen den Hunger
Leben in Zittau
Berufsausbildung
Studium
Carl Zeiss Jena
„Republikflucht“ und Neubeginn
Carl Zeiss Oberkochen
Elektronik für Astronomische Geräte
Ein neuer Berufsabschnitt
Elektronik adé
Die Problemphase
Der Vorruhestand
Erste Jahre Ostalb
Ein neuer Lebensabschnitt
Wir bauen ein Haus
Das Leben ist schön
Reisen bildet
Unsere kleine Welt
Reparatur der Sinne
Bei den Schlaraffen
Ein Interview
Bücherverzeichnis
Als ich einmal an einem lauen Sommerabend bei einem Glas Rotwein auf meinen Lieblingsplatz unter unserer Pergola saß, fasste ich den Entschluss, den Lauf meines Lebens zu dokumentieren. Nach und nach vertraute ich meine Erinnerungen einem Diktiergerät an. Mein Berufsleben stand über einen langen Zeitraum im Mittelpunkt. Deshalb möge man mir verzeihen, dass mein Bericht in Teilen deutlich techniklastig ausgefallen ist. Viele Politiker schreiben ja auch sehr viel über ihre politischen Erlebnisse, was ja durchaus als selbstverständlich empfunden wird.
Das Umsetzen des gesprochenen Textes am Computer in die Schriftform war anfangs recht mühsam. Hinzu kam, dass zwischen gesprochenem und geschriebenem Text ein deutlicher Unterschied besteht. Später half mir eine Spracherkennungs-Software, die meine gesprochenen Sätze direkt in einen geschriebenen Text verwandelte. Natürlich geschah dies nicht ganz ohne Fehler. Deshalb kam ich wieder auf die gute alte Methode zurück und tippte die Texte ein.
Im Laufe der Zeit bemerkte ich, dass das Schreiben in mir viele Erinnerungen weckte, die schon verloren gegangen schienen. Falls sie lückenhaft waren, halfen Gespräche mit Bruder, Arbeitskollegen und Freunden, sie wieder aufzufrischen.
War mein Lebensweg geradlinig verlaufen, oder hatte er Ecken und Biegungen? Es kommt wohl auf die Betrachtung an, ob man ihn noch als geradlinig begreift oder nicht. Ich finde, wenn ich im Krieg bei zwei Ereignissen überlebt, später zweimal in der Klinik von der Schippe gesprungen und vor der Mauer glücklich in der Bundesrepublik gelandet bin, so war das doch ein recht kurvenreicher Verlauf. Der Leser möge sich selbst ein Urteil bilden.
Im Buch finden sich viele Bilder, denn wie bemerkt man so treffend: „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“. Es gibt aber kein Bilderverzeichnis, denn so entfällt das lästige Blättern an das Buchende. Jedoch dort, wo der eindeutige Bildinhalt nicht aus dem Buchtext hervorgeht, finden sich direkt unter den Bildern Unterschriften.
Viele der erwähnten Personen aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis verstarben inzwischen. Das Schreiben führte mich zu einem intensiven Gedenken. So soll das Buch auch als ein bescheidener Nachruf verstanden werden.
Aber als Hauptgrund für das Schreiben empfinde ich, dass ich mir selbst eine Aufgabe stelle, denn ich bin sicher, dass man sich auch im höheren Alter Ziele setzen sollte. So kann man einer geistigen Blockade entgegenwirken, denn was man nicht gebraucht, verkümmert. Fazit also: Ich schreibe das Buch vor allem für mich selbst!
Als Kind der Oberlausitz kam ich im Oktober 1932 in Neugersdorf bei einer Hausgeburt zur Welt. Neugersdorf war, anders als der Name aussagt, kein Dorf, sondern seit 1924 eine Stadt und hatte 1932 etwa 11.000 Einwohner. Neugersdorf liegt zwischen Löbau und Zittau direkt an der Grenze zu Tschechien. Es ist heute mit Ebersbach vereinigt. Damals war hier ein Zentrum der Textilindustrie. Vor allem Spinnereien und Webereien waren in Neugersdorf und in der gesamten Umgebung zu Hause. Mein Vater war Webmeister in einer Weberei und wir lebten in einem bescheidenen Wohlstand.
Da wir wegzogen, als ich erst vier Jahre alt war, kann ich mich nur oberflächlich an die Zeit davor erinnern.
Besonders gern denke ich aber an den Garten hinter dem kleinen Haus für zwei Familien, in dem wir wohnten. Dort hatte ich viel Platz zum Spielen und ich vergaß manchmal, dass man unterbrechen sollte und war dann überrascht, wenn es warm an den Beinchen wurde.
Einmal war ein ungeheurer Aufruhr im Ort und wir rannten auf die Straße. Nicht weit von uns brannte eine Weberei lichterloh und der Rauch hüllte die ganze Stadt ein. War das ein Erlebnis! Eine andere Erinnerung habe ich an das „Gierschdurfer Schiss´n“, dem weit über die Region bekannten jährlich stattfindenden Jacobimarkt. Da war schwer was los und die Eltern waren finanziell gefordert. Der Markt ist heute noch der größte in der gesamten Region. Er ist sozusagen eine Miniaturausgabe des Münchner Oktoberfests.
Da mein Vater sich beruflich verändern wollte und in Zittau bei der Firma PC Neumann eine Anstellung als Webmeister fand, zogen wir 1936 nach Zittau. Zittau hatte damals etwa 39.000 Einwohner. Noch heute bin ich vom Marktplatz mit seinem italienischen Flair beeindruckt. Das Rathaus wurde 1845 vom Zittauer Architekten Carl August Schramm, einem Schüler von Karl Friedrich Schinkel, erbaut.
In der Schliebenstraße fanden wir in einem relativ neuen Mehrfamilienhaus eine Wohnung. Als der Krieg gegen Polen begann, wurde mein Vater, der damals schon 45 Jahre alt war, eingezogen und nach Polen beordert. Glücklicherweise entließ man ihn aber nach einem Jahr unversehrt wieder, nachdem er ja schon am ersten Weltkrieg teilnehmen musste.
1939, im August, bekam ich ein Brüderchen, da war für Unterhaltung gesorgt. Als das Brüderchen zu sprechen anfing, versuchten wir, ihm seinen Namen „Horst Neumann“ beizubringen. Auf Abfrage verkündete er danach stolz: „Horle Munna“.
Wir verstanden uns vom Anfang an recht gut, zumal mein Bruder, als er älter wurde, oft respektvoll zu mir aufblickte. Leider konnten wir uns später nur noch selten begegnen, denn ich hatte, wie ich noch berichten werde, „rübergemacht“.
1938 kam ich zur Schule. Es war die Pestalozzischule in unserer Straße und das sogar auf unserer Straßenseite. Mein Schulweg war im heutigen Sinne also sicher. Damals wie heute wurde der Schuleintritt als wichtiger Lebensabschnitt gebührend gefeiert und mit einer Zuckertüte versüßt. Später sollte ich erfahren, wie die Nationalsozialisten die Jugendlichen bereits in jungen Jahren unter ihre Fittiche nahmen.
Mein Vater führte mich, als ich acht Jahre alt war, spielerisch in die Welt der Technik ein. Jedes Jahr wurden zu Weihnachten die elektrische Eisenbahn sowie der Märklinbaukasten erweitert. Die elektrische Märklineisenbahn Spur 0 nahm dann eine solche Größe an, dass wir ein ganzes Zimmer ausräumten. Ich lag oft auf dem Fußboden und beobachtete wie der beleuchtete D-Zug in die Bahnhofshalle einfuhr, die mein Vater selbst gebaut hatte. Überhaupt war mein Vater ein sehr begabter Bastler, er baute zum Beispiel einen Heißluftmotor und viele Teile als Ergänzung zum Märklinbaukasten, wie ein Differenzialgetriebe für den Antrieb der Hinterräder von Autos und auch ein Lenkgetriebe für die Vorderräder. Später bauten wir ein Kettenflieger-Karussell mit schräg stehender Achse. Der Antrieb erfolgte mit dem Heißluftmotor. Dazwischen war ein selbst gebautes, stufenlos regelbares Getriebe geschaltet. Es bestand aus zwei gegenüberliegenden kegelförmigen Walzen, über die ein Riemen lief, der mit einem Schieber verschoben werden konnte. Somit war das Übersetzungsverhältnis in einem weiten Bereich regelbar und der Kettenflieger konnte ganz langsam seine Fahrt beginnen.
Später bauten wir noch eine „Spinne“. Der gegenläufige Antrieb war noch komplizierter, denn die Gondeln bewegten sich während der Drehung auf und nieder. Durch diese Spielereien kam ich später von der Technik nicht mehr los und entwickelte auch einen besonderen Blick für Konstruktionen und ihre Schwachstellen.
In der Schule ging es gut voran. Ab dem 10ten Lebensjahr erfolgte eine Begabtenauswahl und ich kam in die so genannte Hauptschule. Dort lernten wir schon Englisch und hatten viele Stunden Mathematik. Zu dieser Schule musste ich auf einem sehr langen Schulweg durch die ganze Stadt laufen. Neben der Parkschule in unserer Nähe, in der ich auch ein Jahr zubrachte, hatte meine Großmutter (die Mutter von Mutti) ein kleines Schreibwarengeschäft, in dem sie auch Speiseeis zubereitete. Dazu diente ein Holzlöffel in einem sich drehenden Zylinder, der außen von Eisbrocken unter Zusatz von Salz gekühlt wurde. Das war eine rechte Schinderei, die der Vater oft übernahm. Eines Tages stand vom hinteren Anbau des kleinen Hauses nur noch eine ausgebrannte Ruine. Der Großvater hatte Feuer gelegt und so sein Leben beendet.
In der Hauptschule waren wir mit unserem Lehrer, Herrn Winkler, eine relativ große Klasse, die nur aus Jungen bestand. Man erzog uns im Sinne des Nationalsozialismus und wir wurden sehr streng rangenommen. Auf Schritt und Tritt stießen wir auf Hitlerparolen, die wir aber wenig beachteten.
31 Schüler in der Hauptschulklasse, im Hintergrund eine Hitlerparole
Die Mutti hatte drei Schwestern (Lotte, Lene und Hilde) und einen Bruder Gerhard. Tante Hilde, die jüngste Schwester, besuchten wir mehrmals im Jahr, denn sie hatte zwei Töchter, mit denen wir und den herumlaufenden Hühnern und Gänsen am Bach gut spielen konnten. Hildes Mann Ernst, war ein strammer Nationalsozialist und Ortsgruppenleiter. Er betrieb in Niederoderwitz in der Nähe von Zittau am Ort die einzige Drogerie.
Es gab immer heiße Diskussionen mit meinem Vater, der das NS-Regime hasste. Mein Onkel Gerhard musste leider im Krieg sein Leben lassen. Sein Sohn Dieter genoss eine gute musikalische Ausbildung und war lange Zeit Generalmusikdirektor in Chemnitz. Mit seiner gesangsfreudigen Schwester Ruth haben wir einen guten Kontakt. Vati hatte einen älteren Bruder Edwin, zwei Schwestern Frieda und Linda und einen Halbbruder Kurt. Von ihm wird noch die Rede sein.
Onkel Edwin war ein begabter Erfinder im Textilmaschinenbau. Auch in meinem Vater steckte Erfindergeist. Aus alten Unterlagen geht hervor, dass er zusammen mit einem Bekannten 1942 ein Patent für einen Vertikalwebstuhl anmeldete. Offenbar hatte er zuvor an der Entwicklung mitgearbeitet. Aber es war wohl so, dass die Erfindung infolge der Kriegszeit sowie der nicht wirklich vorteilhaften Technik im Sande verlief. Später erfand er den „Neumannkasten“. In ihm lagerten die Schussspulen, die dann nicht mehr von Hand zugeführt werden mussten. So konnten die Webstühle effektiver arbeiten.
Tante Frieda lebte mit ihrem Mann Paul in Zossen bei Berlin. Tante Linda und Onkel Otto mit Tochter Lisa und Schwiegersohn Max wurden nach Kriegsende aus Tillendorf bei Bunzlau in Schlesien vertrieben und fanden Zuflucht bei Tante Frieda. Max war wie ein guter Freund zu mir. Bei einem Besuch in Zossen hat er mich als Zwölfjährigen sogar in seinem DKW fahren lassen. Der Versuch endete erfolgreich. Leider wurde Max Mitte der 80er Jahre auf dem Marktplatz von Zossen als Radfahrer von einem russischen Soldaten mit einem Lastkraftwagen angefahren. Nach einem Krankenhausaufenthalt ist er an einer Lungenentzündung verstorben.
Heidi, die Tochter von Max und Lisa war meine Lieblingscousine. Sie war sehr hübsch und sprach ein gepflegtes Berlinerisch. Als wir noch Kinder waren, sagte sie immer: „Du doofer“, zu mir. Später habe ich ihr das verziehen und wir trafen uns während und nach der Mauer ein paar Mal in Berlin. Ich hatte dort geschäftlich beim DIN-Normungsinstitut an Sitzungen teilgenommen.
Natürlich entsprangen der Verwandtschaft noch andere Cousinen und Cousins. Hier alle zu erwähnen, würde den Rahmen sprengen. Auch konnte ein enger Kontakt nicht immer aufrecht erhalten werden, da sie in ganz Deutschland verstreut ansässig wurden, wie zum Beispiel in Erftstadt, Wolfsburg, Hameln, Zossen und Wernigerode.
Vom Krieg spürten mein Bruder und ich verhältnismäßig wenig. Die Versorgung mit Lebensmitteln funktionierte bis zum Kriegsende noch recht gut. Mein Vater verfolgte regelmäßig die Kriegsnachrichten vom Londoner Rundfunk und wir durften davon niemandem erzählen. Ich habe noch heute die Trommelschläge der fünften Symphonie von Beethoven im Ohr. Anders klangen dagegen die Sondermeldungen der deutschen Wehrmacht, die mit „Les Préludes“ von Franz List eingeleitet wurden. Sie gaukelten uns regelmäßig Siege und natürlich auch den Endsieg vor. Ich sollte später auch daran beteiligt werden und man zog mich deshalb zum Jungvolk ein. Wir trugen kurze schwarze Hosen, ein braunes Hemd, ein schwarzes Halstuch, eine Mütze sowie ein Koppel mit Schloss und Schulterriemen. Manche waren stolze Uniformträger. Bei mir hielt sich das sehr in Grenzen und ich hasste die regelmäßig stattfindenden Appelle mit heroischen Ansprachen der schwarz gekleideten Scharführer.
Zu Beginn des Jahres 1945 wurde die Lage immer angespannter, viele deutsche Städte waren zerbombt und die Front rückte immer näher. Am 13. Februar hörten wir nachts ein fernes Grollen und bemerkten einen den ganzen Himmel bedeckenden Feuerschein. Am nächsten Tag erfuhren wir von den furchtbaren Bombenangriffen auf Dresden. Trotz der Entfernung von ca. 85 Kilometern Luftlinie waren sie uns gegenwärtig. Die Stadt Zittau blieb, außer einigen kleineren Bombenabwürfen, bisher weitgehend verschont.
Anfang Mai hielten wir Jungs uns draußen vor dem Haus auf und sahen hinter dem Haus eine Staffel sehr tief fliegender Flugzeuge auf uns zukommen. Sensationsgierig wie wir waren, rannten wir sofort ins Haus, stiegen die drei Stockwerke hoch und schauten aus dem obersten Fenster auf den Platz vor uns. Da waren dann auch schon drei Flugzeuge über uns und wir konnten gut sehen, wie sie ihre Bomben ausklinkten. Sie trafen die erste Häuserzeile, die etwa 250 m vor unserem Haus entfernt lag. Wie Papiertüten zerplatzten die dort stehenden Häuser und die steinernen Trümmer fielen auf die Straße. Da hatten wir mächtiges Glück gehabt, dass die Sprengbomben unser stattliches Haus nicht trafen, auf das die Tiefflieger wahrscheinlich zielten. Das hätten wir sicher nicht überlebt.
Nach dem Angriff liefen wir zu den zerstörten Häusern und sahen ein schreckliches Szenarium, denn zuvor hatten dort Hunderte von Menschen vor einem Bäcker und einem Fleischer Schlange gestanden. Diese Leute lagen alle tot unter den Trümmern begraben und nur ihre Köpfe schauten hervor. Tante Lene hat uns später erzählt, dass sie und ihre Tochter Uschi zu dieser Zeit vor dem Fleischer weiter hinten in der Schlange gestanden hätten und völlig verdreckt und verrußt mit dem Leben davon gekommen sind.
Langsam wurde es immer brenzliger und wir beschlossen, unser Haus zu verlassen und uns mit einem Leiterwägelchen auf die Flucht zu begeben. Das Notwendigste für ein paar Nächte eingepackt und los ging es in südlicher Richtung zur Grenze nach Böhmen, das ja von Hitler okkupiert war. Wenn man sich heute fragt, welchen Zweck die Flucht haben sollte, so ist die Antwort einfach: Man hatte Angst vor den Russen, geschürt durch die Propaganda und glaubte, ihnen auf dem Lande entgehen zu können. Wir liefen entlang der einen Kilometer langen Eichenallee, durch die ich mit meiner Mutti damals öfter gewandert bin, um die Großeltern zu besuchen. Im Haus der Großeltern, in dem jetzt Tante Lotte und Onkel Arthur wohnten, fanden wir einen ersten Unterschlupf. Die Nacht verbrachten wir im Keller und waren wegen des Geschütz- und Bombenlärms die ganze Zeit hellwach. Ich glaube mich zu erinnern, dass wir in der Nacht auf die Straße gingen und aus Zittau einen weit leuchtenden Feuerschein sahen.
Am nächsten Tag liefen wir weiter in Richtung der ehemaligen Grenze. Am Ufer der Mandau befand sich, etwa einen Kilometer von uns entfernt, eine Chemiefabrik. Sie war in Brand geschossen worden. Es waren fortlaufend Detonationen zu hören und farbiger Rauch stieg auf. Was mögen das nur für Gifte gewesen sein? Je weiter wir nach Böhmen vorstießen, umso mehr wurde uns bewusst, dass wir in einer falschen Richtung unterwegs waren. Deshalb bogen wir im rechten Winkel ab und waren nun wieder in der Oberlausitz. Der Weg führte uns entlang der Neiße. Plötzlich beschoss uns ein Tiefflieger. Warum beschoss er uns, waren wir doch Zivilisten, was unschwer erkennbar war. In einem neben der Straße ausgehobenen Graben suchten wir Schutz. Die Geschosse pfiffen dicht an uns vorbei. Doch wurden weder wir noch unser Wägelchen getroffen. So kam ich das zweite Mal mit dem Leben davon.
Als wir durch die Dorfstraße von Hartau liefen, winkte uns eine allein stehende Frau in ihr Haus. Etwa vier Nächte sollten wir dort bleiben. Vorher gab es immer wieder Gerüchte, dass die Amerikaner kämen. Leider traf das nicht zu. Es kam dagegen zwei Tage später am achten Mai 1945 die Rote Armee. Ihren Einmarsch sahen wir uns vom Straßenrand aus an. Viele Soldaten waren zu Fuß. Wir waren beeindruckt von dem so ganz anderen Aussehen gegenüber den deutschen Soldaten. Die Russen hatten gelblich braune, verwaschene Feldblusen an, trugen zusammengerollte Decken oder Mäntel schräg über der Schulter und Maschinenpistolen mit Trommelmagazin mit dem Kolben nach oben umgehängt. Viele Pferdewagen und Lastwagen russischer und amerikanischer Herkunft fuhren in der Kolonne.
Die Soldaten bezogen rund um das Dorf Quartier. Soweit blieben wir unbehelligt, bis dann die nachfolgenden Einheiten einmarschierten. Die machten dann drei Nächte lang Jagd auf die Frauen mit den bekannten Folgen. Um das zu vermeiden „scheuselten“ sich die Frauen und Mädchen mit zerrissenen Tüchern an und schmierten sich Ruß ins Gesicht. Wir hatten Frau Mönch, eine Nachbarin, bei uns, die sich jede Nacht auf das Vordach am Eingang des kleinen Hauses legte. Da das Vordach steil nach unten geneigt und auch nicht sehr hoch war, ist es mir bis heute unverständlich, dass man sie nicht entdeckte.
Mit meiner Mutter verbrachte ich zwei Nächte in einem Kaninchenstall in einem neben dem Haus liegenden Schuppen. Außer der fürchterlichen Angst, die wir ausstanden und dem Klopfen der Kaninchen, das uns erschreckte, blieben wir unbehelligt. Am folgenden Tag nach angebrochener Dämmerung wurden ringsherum im Bauernhaus die Fenster mit Gewehrkolben eingeschlagen und die Russen stürmten durch die Fenster in den Wohnraum in dem wir alle versammelt waren. Mit dem Rufen „Uri, Uri“ suchten sie das ganze Zimmer ab. Ich hatte eine einfache Blechuhr, die ich den Soldaten aushändigte. Damit war der Hauptteil der Gefahr erst einmal gebannt.
An einem der nächsten Tage traten wir dann den Heimweg zu unserem Sechsfamilienhaus in der Schliebenstraße 5a in Zittau an. Das Haus war unversehrt und noch abgeschlossen. Unser Vater war zu aller Überraschung schon zu Hause. In den letzten Kriegstagen war er jedoch noch zum Volkssturm eingezogen und mit den Aufgaben eines Furiers betraut worden. Die Furiere mussten die Truppe, die man nicht mit diesem Ausdruck bezeichnen kann, sondern vielmehr als eine Gemeinschaft von älteren Herren ohne richtige Ausrüstung, mit Lebensmitteln versorgen. Er war In Reibersdorf (heute Polen) stationiert und wir besuchten ihn auch dort einmal. Mutti hatte für ihn extra ein Foto von den Jungs anfertigen lassen.
Vater konnte sich rechtzeitig absetzen und zusammen mit einem voll beladenen Fahrrad, vorbei an marschierenden und singenden Soldaten, in voller Montur heil nach Hause kommen. Was staunten wir, als er uns das auf dem Fahrrad mitgebrachte Gepäck zeigte. Jede Menge Fleischbüchsen, Käse und Teigwaren sowie andere Lebensmittel. Man konnte in dieser Zeit vor ungebetenen Besuchern nicht sicher sein. Deshalb stellten wir das Küchenbuffet übers Eck und brachten an ihm auf der Rückseite ein Brett an. Auf diesem stapelten wir die Lebensmittel. Wenn wir etwas brauchten, mussten wir natürlich jedes Mal den Schrank beiseite rücken.
Unser Vater berichtete uns, dass er immer den vorbei marschierenden Soldaten der roten Armee vom Küchenfenster aus eimerweise Wasser gereicht habe und so das Haus als einziges in der Straße vor Plünderungen bewahrte. Außerdem hatte er die Haustür von innen verbarrikadiert. Die Besatzer schossen aber einmal durch die Tür, um das Öffnen zu erzwingen, was dann natürlich äußerst gefährlich war. Der Durchschuss in der Haustür und das Einschussloch über dem Treppenpodest waren zu sehen, solange wir dort wohnten.
Die meisten der russischen Soldaten waren ständig auf der Suche nach Alkohol und tranken auch hochprozentigen Spiritus direkt aus der Flasche. Ein paar ganz Rabiate verlangten vom Vater Alkohol und Stiefel und drohten mit Erschießen. Wie der Vater erzählte, habe er unerschrocken seinen Oberkörper entblößt und sich in Positur gestellt. Das hat ihm dann wohl das Leben gerettet.
Ein paar Tage nach Kriegsende richteten die russischen Soldaten auf dem Grundstück des Elektrizitätswerks, das unserem Haus schräg gegenüber lag, ein Lager ein. In diesem Lager geschah alles, was Soldaten eben so anstellen: Schlafen, Essen, Kochen, Trinken, Singen, Briefe schreiben und Waffen putzen. Wir als Jungs, mein Bruder war damals knapp sechs und ich zwölfeinhalb Jahre alt, strolchten den ganzen Tag herum und entdeckten dieses Lager natürlich sehr schnell. Dort gingen wir dann täglich ein und aus und wenn wir Glück hatten, reichte man uns auch eine frisch gebratene Frikadelle oder Milchreis. Einmal entdeckte ich unter einem Baum ein Fernglas. Nachdem ich es an mich genommen hatte, kam ein russischer Soldat gequält lächelnd auf mich zu und nahm es mir wieder aus den Händen. Mehr passierte nicht.
Wenige Tage nach Kriegsende erreichte uns ein Befehl, dass sämtliche Radioapparate in der Kommandantur abzugeben seien. Wer dem nicht nachkam, musste mit Strafen rechnen. Mit welchen wussten wir aber nicht. Unseren schönen Radioapparat wollte mein Vater nicht so einfach abgeben und so entschloss er sich, ihn mit einem Beil kurz und klein zu hacken. Das sollte uns später noch sehr leid tun.
In unserer Straße gab es ein Vorratslager, das brannte und daraufhin geplündert wurde. Wir kamen leider zu spät dort hin. Doch damals war man noch solidarisch und gab uns etwas ab. Wir freuten uns über Krankenhausschlafanzüge, Töpfe, Pappeimer mit Marmelade und Kunsthonig.
Auf unserem täglichen Erkundungsgang entdeckten wir am Ufer der Mandau ein Stück hinter der Brücke, die direkt an unserem Haus lag, an der Uferseite angelegte Gruben. Sie sahen aus wie Unterstände. Diese Gruben sollten angeblich die Fundamente für eine Eisenbahnbrücke aufnehmen, die man noch vor Kriegsende über den Fluss bauen wollte. Dazu ist es aber nicht mehr gekommen. Da die Mandau eine Zeit lang Hochwasser führte, waren die Gruben mit Wasser gefüllt. Wir fanden darin riesige Mengen von jungen Fischen. Man würde heute vielleicht „Kieler Sprotten“ dazu sagen. Wir holten Eimer und fischten alles leer. Mein Vater, der wie immer sehr einfallsreich und technisch begabt war, baute sofort einen Räucherofen, in dem wir die Fische räucherten, die wir zuvor auf Drähten aufspießten. Das war eine lukullische Überraschung.
An einem anderen Tag hielt ich mich am Ufer der Mandau unter der Brücke auf. Ein russischer Soldat setzte sich neben mich und holte eine Zeitung und einen Beutel mit Tabak hervor. Im Beutel befand sich Machorka (Maxopka), ein russischer Tabak für die einfachen Soldaten, der zu einem überwiegenden Teil nicht aus Blättern, sondern aus Stängeln bestand. Er drehte sich aus einer Zeitung eine tütenförmige Zigarette, wie man das heute zum Beispiel mit Marihuana macht, zündete sie an und drehte dann anschließend auch für mich ein solches Gebilde. Ich musste dann ein paar Züge rauchen, bis mir schlecht wurde und ich ihn dann freundlich darauf hinwies. Nun gut, der Versuch, mir das Rauchen beizubringen, war für ihn damit erledigt. Ich habe in meinem Leben auch später nie wieder geraucht.
Apropos Tabak: Nach dem Krieg waren natürlich die Tabakwaren sehr knapp oder man verwendete sie vielfach zum Tauschen. Nachdem mein Vater im Garten Tabakpflanzen angebaut hatte (das war schon in unserer neuen Wohnung, worüber ich noch berichte), musste der natürlich fachgerecht behandelt werden. Nach der Ernte wurden die Blätter erst einmal aufgefädelt und auf dem Balkon an der Luft getrocknet. Danach diente ein Kasten mit Elektroheizung zum sogenannten Fermentieren. In ihm wurden die leicht gelb gewordenen Blätter aufgeschichtet. Sie mussten ständig feucht gehalten werden und nahmen mit der Zeit einen wunderbaren Geruch und eine dunkelgelbe Farbe an.
Nun konnte man den Tabak ja nicht mit dem Messer zum Feinschnitt verarbeiten, sondern brauchte dazu eine Maschine. Diese hat mein Vater aus einem u-förmigen Eisenträger und einer Scheibe mit eingesetzten Messern selbst gebaut. Der Tabak wurde zwischen zwei, über eine Kette angetriebene, Walzen geleitet, die für den gleichmäßigen Vorschub sorgten. Den Motor zum Antrieb hatte ich irgendwo gefunden und nach Hause gebracht. Es war ein Drehstrommotor, mit etwa einem Kilowatt Leistung. Er war mit 220 V natürlich nicht so ohne weiteres zum Laufen zu bringen. Drehstrom hatten wir ja nicht im Haus. Aber mit einem zusätzlichen Kondensator und dem Anschieben des Motors konnten wir ihn dann doch zum Antrieb der Schneidemaschine überreden. Damit war das Tabakproblem für meinen Vater ein für alle Mal gelöst. Wir bauten auch eine Schrotmühle, denn wir mussten ja das Getreide, das wir eingetauscht oder gesammelt hatten, zum Brotbacken verwenden.
Im Nachbarhaus befand sich eine Metallgießerei und Armaturenfabrik. Der Betreiber, Herr Martin Schütz, hatte einen Sohn Dieter im Alter meines Bruders, mit dem wir oft zusammen waren. Sei es, dass wir im ausgedehnten Garten der Firma Apfelbäume mit Gravensteiner Äpfeln, die es heute kaum noch gibt, bestiegen und plünderten oder mit Tretautos herumfuhren. Für Abwechslung war im Grundstück immer gesorgt. Durch ein Fenster vom Durchgang in den Garten konnte man den Formenbauern zusehen, wie sie mit Modellen eine Gießform herstellten. Man fertigte damals aus einer Alulegierung auch Kochtöpfe und Bestecke an.
Es kam das erste Weihnachtsfest nach dem Kriegsende. Mein Bruder erkrankte zu dieser Zeit an Scharlach und an einer Mittelohrentzündung. Meine Eltern mussten ihn mit der Bahn bis nach Bautzen ins Krankenhaus bringen. Da Scharlach sehr ansteckend war, nahm mich die Familie Schütz für ein paar Tage auf und ich wurde von Frau Schütz liebevoll umsorgt.
Herr Schütz hatte eine Modelldampfmaschine gebaut, die das erste Mal am Heiligabend in Betrieb genommen werden sollte. Ein Spiritusbrenner wurde angezündet und der Kessel aufgeheizt. Es zischte und dampfte furchterregend, doch die Maschine setzte sich nicht in Bewegung. Dann kam man auf einen rettenden Gedanken. Aus der Fabrik nebenan schleppte Herr Schütz einen Karbidbrenner ins Wohnzimmer. Neben dem fürchterlichen Gestank trat auch der Erfolg ein: Die Maschine setzte sich in Bewegung. Aus allen möglichen undichten Stellen trat Dampf aus und es sah im Wohnzimmer bald aus wie in einer Waschküche. Weihnachten war schön!
Eines Tages kam mein Onkel Kurt aus Oppach und brachte mir ein Fahrrad. Das war natürlich ein tolles Geschenk. Leider hatte das Rad keine Reifen und so behalfen wir uns, indem wir die inneren Abschnitte von Autoreifen, die mit Stahldraht verstärkt waren, auf die Felgen aufbrachten und mit seitlichen Klammern aus Kupferdraht miteinander verbanden. Mit dieser Lösung konnte ich sicher sein, dass das Fahrrad nicht gestohlen wurde. Als ich einmal eine steile Straße im Norden von Zittau herunterfuhr, löste sich eine Klammer aus dem weichen Draht und der stahlverstärkte Gummireifen schlug mir danach im Takt auf den Rücken. Zum Glück konnte ich, nachdem ich ein paar kräftige Schläge überstanden hatte, das Rad zum Stehen bringen. Das gefährliche Utensil benutzte ich für längere Strecken natürlich trotzdem weiter.
Ich erinnere mich, dass ich an einem schönen Herbsttag südlich von Zittau, zwischen Stadt und Gebirge auf einem Weizenfeld, Ähren abschnitt und in meine Beuteltasche steckte. Dabei erwischte mich der Bauer. Ich war vor Angst wie gelähmt und nicht imstande, mit dem Rad davon zu fahren. Der Bauer nahm mir die Ähren weg und drohte mir Schläge an, falls ich es nochmals probieren sollte. Das ist deshalb auch mein letzter Versuch geblieben.
