Ein Gewisses Risiko - Dietrich Schönfelder - E-Book

Ein Gewisses Risiko E-Book

Dietrich Schönfelder

0,0

Beschreibung

Nicht nur der Beruf im diplomatischen Dienst, durch den man die Welt und die Menschen besser als im heimischen Nest kennen lernt, auch das Privatleben in dieser Zeit kann für Überraschungen sorgen. Die Welt, so lernt man schnell, ist unberechenbar. Und so das eigene Leben - und das des Nächsten. Das Interessante und Unvergessliche zu filtern und in eine Buchform zu gießen, ist Inhalt der vorliegenden Erzählungen und Kurzgeschichten. Der Autor ist ehemalige Mitarbeiter es Diplomatischen Dienstes, der mehr als 30 Jahre in den verschiedensten Ländern seinen Dienst versah. Viele Geschichten in diesem Buch handeln von Erlebnissen in diesen Ländern, unter anderem Saudi Arabien, Schottland und den Philippinen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 385

Veröffentlichungsjahr: 2016

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



EIN GEWISSES RISIKO

Inhaltsverzeichnis

Das Horoskop

Die Farben des Herbstes

Ein Geschenk des Himmels

Das Vier-Meilen-Riff

Der arme Dagobert

In Memoriam

Ein gewisses Risiko

Helenas Beichte

Grabesstille

Steppenlied

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Zu diesen Erzählungen und Kurzgeschichten

Der Autor ist pensionierter Mitarbeiter des Deutschen Auswärtigen Dienstes. Zurzeit lebt er auf den Philippinen. Als Maler und Schriftsteller geht er dort seinen ursprünglichen Berufsträumen nach.

36 Jahre seines Berufslebens arbeitete er an deutschen diplomatischen Vertretungen im Ausland, vorwiegend in Asien. Dabei passte er sich den jeweiligen Kulturkreisen an, lernte die jeweilige Lebensweise der Einheimischen kennen und schloss Freundschaften. Dies auch mit den am jeweiligen Ort lebenden Deutschen und Ausländern.

Erlebtes und Erzähltes wird in den vorliegenden Geschichten festgehalten. Wobei diese mit eigenen Zusätzen, erdachten Fortsetzungen und Folgerungen angereichert wurden.

Das Horoskop

Hermann Jost war so gut gelaunt wie lange nicht mehr. Entspannt saß er auf einem der bequemen, ausholenden grün-weiß gestreiften Sessel des „Café Noir“ und paffte bereits den dritten Zigarillo. Gedankenversunken pustete er den Rauch an die Decke und beobachtete aus den breiten Fensterflächen das bunte, hektische Treiben draußen auf der Mabini-Street.

Angenehme Kühle umgab ihn und er hatte soeben den Entschluss gefasst, diese noch ein Weilchen zu genießen. Es war ein heißer Tag, stickig-schwül dazu, Hermanns schweißgetränktes, weißes Hemd begann erst jetzt zu trocknen. Grund zur Hast gab es zudem nicht. Die heutigen Geschäftstermine lagen bereits hinter ihm.

Übrigens verliefen die Tage hier in Manila ganz ohne Komplikationen. Die Warnungen gut meinender Freunde vor der Abreise, in diesem Land auf böse geschäftliche oder sonstige Rückschläge oder Situationen vorbereitet sein zu müssen, waren für ihn völlig unbegründet. Seine philippinischen Geschäftspartner erwiesen sich als kenntnisreich, professionell und auch als überaus sorgende Gastgeber.

Hermann hielt sich bereits den vierten Tag in dieser Metropole auf und plante den Rückflug am Abend des übernächsten Tages. Und entsprechend veranlasste er auch seine Buchung. Das Gefühl der Zufriedenheit des Geschäftsmannes rührte nicht nur von erfolgversprechenden Verhandlungen. Es war sein erster Besuch auf den Philippinen und seiner Hauptstadt, dieser Zwölf-Millionen-Metropole. Denn er fühlte sich auch sonst wohl.

An kleinere, überschaubarere Verhältnisse gewohnt, faszinierte ihn das 24-stündige, von ständiger Unruhe beherrschte Leben auf den Straßen, auch die Grobheit der Teilung zwischen Arm und Reich. Die Freundlichkeit der Bevölkerung, das Schattendasein in der Nacht. Wenn Bars, Casinos und Restaurants noch weit nach Mitternacht von Besuchern zu bersten schienen. Dunkle Geschäfte, er vermutete es, wurden in den Winkeln der Straßen und Häuser geschlossen, darauf abzielende Angebote ihm hinterher gerufen.

„Hey, Joe, want my sister?“, oder Bruder, oder was auch immer. Es war unvorstellbar für Hermann, wenn er dabei an seine mitteldeutsche Kleinstadt dachte.

„Noch einen doppelten Espresso, Sir?“

Eine der jungen, freundlich-lächelnden Angestellten des Cafés stand neben ihm, weckte ihn aus seiner Träumerei. Ein hübsches Mädchen zudem, Cappuccino-braun mit langen, glänzend-schwarzen Haaren. Sie trug einen kurzen, schwarzen Rock, über den eine kleine, modisch gestickte weiße Schürze gebunden war.

Hermann war verwirrt, hatte er doch beim Eintreten, auch des schweißnassen Hemdes wegen, für Schönheiten kein Auge. Nur auf die Kühle konzentrierte er sich. Zu sehr war er mit sich und der vorangegangenen Unbequemlichkeit in der Schwüle des Nachmittags beschäftigt.

„Ja, bitte!“ Es klang fast ein wenig verlegen.

Dabei war Hermann alles andere als schüchtern. Hoch gewachsen, hatte er sich, trotz fortgeschrittenen Alters, im letzten Dezember wurde er 55, eine unübersehbare Jugendlichkeit bewahrt. Der schlanke Körper und die muskulösen Arme ließen vermuten, dass er immer noch sportlich aktiv war. Auch die unvermeidlichen, von der Natur jedoch sorgsam verteilten Falten in seinem jetzt gebräunten Gesicht, machten es dem Betrachter schwer, sein Alter zu bestimmen. Hinzu kam ein gepflegter, voller Haarwuchs, der, schwarz-grau meliert, einen wohlgeformten Kopf bedeckte.

Was seinen Charakter anbelangte, war Hermann ein außergewöhnlich umgänglicher Zeitgenosse. Umsichtig und verantwortungsbewusst führte er sein Leben, vergaß dabei aber nicht, auch die Freuden auszukosten. In Maßen natürlich. Er war ein geduldiger, interessierter Zuhörer und wurde selbst dann nicht barsch oder gar zynisch, wenn sich eine Konversation zur Qual entwickelte.

Aufgebracht, fast ärgerlich wurde er nur, wenn andere seinen Namen nicht vokalgerecht aussprachen „Jooost!“ verbesserte er dann unverzüglich den verdutzten Gesprächspartner, also mit langem, gedehntem „O“. Wer immer, auf der anderen Seite, dieses „O“ zufällig korrekt wider gab, konnte sich eines Vertrauensvorschusses sicher sein.

Hermann war sich seines vorteilhaften Aussehens durchaus bewusst und es erfüllte ihn mit Genugtuung, wenn hier und da ein anerkennender Blick der jungen oder auch älteren Frauen auf ihn gerichtet wurde.

Was ihn in dieser Stadt irritierte, war die Ungezwungenheit, mit der so manche Schönheit den Augenkontakt suchte, dazu einladend lächelte und zu suggerieren schien, man kenne und schätze sich bereits. Es fehlte nur noch das Gespräch. Die Versuchung, sich eines dieser Geschöpfe näher anzusehen, war also groß.

Doch Hermann blieb stark, zumindest unentschlossen. Schließlich führte er eine zufriedenen Ehe, kinderlos zwar, die am Tage seiner Rückkehr einen anerkennenswerten Höhepunkt erreichen sollte: 25 Jahre dauerhaften Eheglücks, die silberne Hochzeit. Dabei dachte der Geschäftsreisende an die vielen Verwandten und noch zahlreicheren Freunde, die zur großen Feier eingeladen waren.

Und natürlich an Sarah, seine Ehefrau, die zuhause mit den Vorbereitungen beschäftigt sein würde. Er nahm sich vor, sie später vom Hotel aus anzurufen. Sie wurde von ihm verwöhnt und musste auf dem Laufenden gehalten werden. Zwei Tage ohne seinen Anruf, Hermann würde Gefahr laufen, ihren Zorn auf sich zu ziehen. Und davor hütete er sich.

In den Jahren des Zusammenlebens entwickelte er eine überzeugende Strategie, sie trotz aller Unbill, wie sie im Leben eines Mannes so vorkommen, immer wieder gütlich zu stimmen. Einer der Trümpfe, die er sich jetzt für den Fall der Fälle bewahrte, waren die guten Verhandlungsergebnisse mit seinen Geschäftspartnern. Der andere war gewichtiger, und es bereitete Hermann eine fast diebische Freude, wenn er daran dachte.

Vor zwei Tagen erstand er ein der Feierlichkeit angemessenes, eher sogar darüber hinaus gehendes Geschenk. Von seinen viel gereisten Geschäftsfreunden wurde ihm berichtet, dass zuverlässiger und bestens verarbeiteter Schmuck wesentlich günstiger in Asien als in Europa erworben werden könne. Und so machte sich Hermann auf ins Zentrum der Stadt und suchte in den feinen und feinsten Läden nach einer passenden Preziose

Schließlich wurde er fündig. Sich letztendlich zum Kauf zu entscheiden, dauerte zwar eine Weile. Es war ein außergewöhnlich feines, gut verarbeitetes, dafür aber auch kostspieliges Halsband, das er nach langem Zögern erwarb. So verführerisch, von weißem Tuch umgeben,  lag es auf der Vitrine, dass er der Versuchung nicht widerstehen konnte.

Hermann traf eine mutige Entscheidung und er bereute es nicht. Er erhielt ein Zertifikat, fertigte zur Vorsicht noch ein Foto seines Neuerwerbs an und verwahrte alles im Safe seines Hotelzimmers.

„Noch einen Kaffee, Sir?“

Der zweite Kaffee war getrunken. Hermann blickte hoch in das junge, freundlich lächelnde Gesicht und überlegte, ob er gehen oder sich in der wohltuenden Kühle noch ein wenig aufhalten sollte.

„Ach, bringen Sie mir doch bitte einen kühlen Orangensaft!“

Dabei erwiderte er ihr Lächeln und es war ihm eine Freude, die Kleine in ihrem reizenden, wippenden Kleid davon gehen zu sehen.

Hermann richtete den Blick wieder auf die belebte Straße vor den großen Fenstern. Auf die wechselnde, bunt gemischte Menschenmenge, auf die vielen kleinen Geschäfte, die sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite dicht an dicht drängten. Allein in seinem begrenzten Blickfeld zählte er acht unterschiedliche Kleinunternehmer. Wobei er die fliegenden Zigaretten-, Lotterie-, Obst- und Spielzeugverkäufer gar nicht mitzählte. Eine Karaoke-Bar, daneben der Friseur, ein sorgfältig dekorierter Obst- und Gemüseladen, eine schmutzig-graue Reparaturwerkstatt für Motorräder, eine Gesundheits-Klinik ……

Der größte Laden, weiter rechts gelegen, wurde von einem Uniformierten mit großkalibrigem Gewehr bewacht.

„L´HULLIERE“ stand in großen, roten Plastikbuchstaben über dem Eingang. Darunter, klein und in gelber Schrift gehalten, „PAWNSHOP“. Ein Pfandleihhaus also. Auch hier konnte er ständiges Gehen und Kommen der Kundschaft beobachten. Hermann war dieser für das Land sehr untypische Name schon häufiger aufgefallen. Auf fast jeder belebten Straße entdeckte er einen dieser Läden. Eine offensichtlich lukrative Handelskette, die ihr Geld mit der Not der Menschen verdiente.

Plötzlich bemerkte er, wie eine auffallend elegant und stolz wirkende Frau aus der geöffneten Tür des Pfandleihhauses trat. Sie war groß, selbst aus der Entfernung hübsch, und trug ein taubenblaues, kurzes Kostüm. Ihre blonden Haare, schulterlang, fielen ihm sofort ins Auge.

Ob sie eine Fremde war? Ihr Alter konnte Hermann nicht bestimmen, dafür saß er zu weit entfernt von ihr. Hätte er raten müssen, er hätte sie auf etwa dreißig, vielleicht Mitte dreißig, geschätzt. Sie wandte den Kopf schnell nach links, dann in die entgegengesetzte Richtung. So, als wollte sie sich vergewissern, ob jemand sie beobachtete. Vielleicht suchte sie auch nur nach jemandem. Oder, Hermann erfasste auch dieser Gedanke, schämte sie sich, gesehen zu werden.

Dann setzte sie sich eine Sonnenbrille auf und mit unerwartet schnellen Schritten entfernte sie sich aus seinem Blickwinkel. Arme Frau, dachte Hermann. Jedem kann es irgendwann einmal erwischen. Meist sind es tragische Hintergründe, die selbst die einmal zu Wohlstand gekommenen zwingen, den Fuß in ein Pfandleihhaus setzen zu müssen.

Inzwischen hatte sich das Café mit weiteren Gästen gefüllt. Es war später Nachmittag, nur noch wenige Stühle und Sessel waren unbesetzt.

An Hermanns Nachbartisch schnatterten vier ältere, ausgelassene Damen. Ihr Kommen hatte er nicht bemerkt, erst die Stimmen machten ihn darauf aufmerksam. Mit einem kurzen Blick erkannte er die noble, aber unaufdringliche Kleidung der vier. Es wurde mädchenhaft gekichert und der Nachbarin mit vorgehaltener Hand etwas zugeflüstert. Die Augen mal der einen, dann der anderen, waren auf Hermann gerichtet. Er merkte es und war darüber amüsiert. Aber sein Entschluss, zurück ins Hotel zu gehen, war bereits gefasst.

Er rief nach dem weißgeschürzten Mädchen, zahlte mehr als der Kassenzettel forderte und verließ mit einem dem Nachbartisch geltenden freundlichen Lächeln und einen „good bye“ seinen wohlig kühlen Platz.

Den Temperaturunterschied vor der Eingangstür hatte er erwartet. Mit einem Schlag war es wieder heiß und schwül, und es würde nur weniger Schritte bedürfen, bis ihm wieder der Schweiß aus den Poren trat.

Doch der Weg zu seinem Hotel war kurz. Es lag nur zwei Ecken weiter zu seiner Rechten. Zwar keines dieser Fünf-Sterne-Hotels im Banken-, Einkaufs- und Wohlstandszentrum Makatis, jedoch eine saubere, moderne Unterkunft mit allen Annehmlichkeiten, die erwartet werden konnten.

Hermanns Geschäftsfreunde hatten es ausgesucht, da sich dieses Hotel unweit der Hauptniederlassung ihres Geschäftes befand.

Sie wollten dem Gast die Mühsal des täglichen Verkehrschaos ersparen.

Hermann schlenderte die belebte Geschäftsstraße hinunter, sah sich neugierig die kleinen, offenen Verkaufsräume an und erreichte bald die alte Mabini-Kirche. Schon seit Jahren hätte sie repariert werden müssen. Aber erst jetzt zeigte ein breites und hohes Stahlgerüst, teilweise mit blauen Plastikplanen bedeckt, dass die Renovierungsarbeiten begonnen hatten.

Gegenüber der Kirche bog Hermann in die schmale St. Thomas Street, in deren Mitte sich sein Hotel befand. Mit dem rötlichen Marmor, der die Fassaden bedeckte, hob es sich deutlich und wohltuend von den vernachlässigten sonstigen Bauten der Straße ab. Große Fensterfronten erlaubten einen Blick in die modern ausgestattete Lobby.

Heilfroh, der stickigen Außenluft den Rücken kehren zu können, betrat er die von einem Pagen geöffnete gläserne Eingangstür. Er ging zur wenige Meter entfernten Rezeption und bat um seinen Schlüssel. Es war Zeit, das Überseegespräch zu führen, Sarah wartete. Mit dem augenblicklichen Zeitunterschied von 6 Stunden ist es zuhause etwa elf Uhr morgens sein, eine Stunde, in der sie das Haus gewöhnlich noch nicht verlassen würde.

Kurz vor dem Aufzug, der Hermann hoch in den vierten Stock bringen sollte, hielt er inne. Er hatte heute noch keine Zeitung gelesen. Also machte er eine Kehrtwendung und ging gemächlich in Richtung des Geschenkeladens, der auch internationale Tageszeitungen verkaufte. Die große Eingangshalle des Hotels bot alles, was dem Reisenden die Fremde erträglicher machte.

Eine ausreichend große, mit gemütlichen Sesseln ausgestattete Ecke fürs Sitzen, Warten oder Plaudern. Ein angrenzendes kleines Café mit sorgfältig dekorierten Süßigkeiten und Teigwaren. Eine Bar, die sich entlang der entfernteren Wand, gegenüber dem Café, über die ganze Länge des Raumes hinzog.

Und eben dieser Geschenke- und Zeitungsladen.

Hermann zog das letzte Exemplar einer internationalen Tageszeitung aus dem Regal und legte die abgezählten Peso-Scheine auf die kleine Verkaufstheke. Gut gelaunt vor sich hin summend, auf einen ruhigen Abend vorbereitet, wandte er sich ab, um nun endgültig sein Zimmer aufzusuchen.

Doch plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen. Ungläubig starrte er hinüber zum Café, die Zeitung drückte er fest mit beiden Händen. Saß dort nicht die Frau, die vor Minuten noch das Pfandleihhaus verlassen hatte? Sie war nicht weiter als sechs oder sieben Schritte von ihm entfernt. Mit strumpflosen, übergeschlagenen Beinen, er sah es genau, in ihrem taubenblauen Kostüm. An einem der runden, gusseisernen Kaffeetische. In ihren Händen hielt sie eine Tasse, führte sie langsam an den roten Mund und es schien, als würde sie Hermann dabei ansehen. Der Entfernung wegen war dies eher eine Vermutung, ihr Blick hätte durchaus auch träumerisch ins Leere gehen können.

Hermann stand wie versteinert in der Mitte der Lobby, geblendet von der Eleganz und natürlichen Schönheit dieser Frau. Obwohl er keineswegs zu der Sorte Mensch zählte, die jeden daher kommenden Zufall als Zeichen des Himmels oder auch des Teufels deuteten – hier wurde er doch nachdenklich.

Erst seine Bewunderung für sie am Nachmittag, das Mitleid, das er für sie empfand, in ein Pfandleihhaus gehen zu müssen. Und nun ihre erneute Gegenwart, nur wenige Schritte von ihm entfernt.

Für einen Moment war er unschlüssig, auch dachte er wieder an den überfälligen Anruf.

Dann ging er langsam, als würde ein Puppenspieler ihn führen, auf sie zu. Mit beiden Händen immer noch fest die Zeitung umfassend. Eine feste Entscheidung für diesen Entschluss traf er nicht, alles war noch umkehrbar. Er hätte beispielsweise an ihrem Tisch vorbei laufen können, ohne ein Wort zu sagen.

Zu seiner großen Enttäuschung bemerkte Hermann, nun neben ihr stehend, dass sie tatsächlich nur ins Leere blickte. Träumend oder grübelnd, er konnte es sich aussuchen.

„Darf ich mich zu Ihnen setzen? Ihr Blick scheint so verloren, verheißt nichts Gutes!“

Die Entscheidung war also getroffen. Aber war er es, der da sprach?

Erschrocken blickte die Schöne hoch zu Hermann, als hätte er sie soeben aus tiefen Träumen oder wichtigen Gedanken entführt. Aber ihr Blick war nicht böse, und ein verführerisches, unschuldiges Lächeln beruhigte den mutigen Freier.

„Ja, bitte. Ich habe nichts dagegen!“

Bei diesen Worten nahm sie ihre Hand von der Tasse, stützte mit dieser ihr wohlgeformtes Kinn und blickte Hermann fragend an. Dieser rang nach Worten und Gedankenblitzen, bis er schließlich glaubte, das Richtige zu tun. Er erklärte sich als einfachen, interessierten Touristen. Sprach über seine Eindrücke, die er beim ersten Anblick verspürte, als er sie vom Fenster des Café Noir aus auf der Mabini-Street beobachtete. Auch das Pfandleihhaus erwähnte er. Kaum, dass Hermann zu Ende sprach, traf ihn eine unerwartete Reaktion. Mit leicht zitternder Hand stellte sein Gegenüber die Tasse auf den Tisch und, für einen Augenblick, ließ ein eindringlicher Blick auf ihn nichts Gutes erwarten.

Dann senkte sich der Blondkopf vor ihm, die langen Haare verdeckten das Gesicht und die Hände verschwanden unter dem Tisch.

Hermann hätte sich ohrfeigen können.

„Hören Sie, junge Frau, es war nicht meine Absicht, Sie zu verletzen oder zu kränken!"

Wie konnte er eine Unterhaltung nur mit diesem Thema beginnen? Aber es war typisch für ihn. Die Wahrheit sagen, auch wenn sie unpassend, gar undiplomatisch war. Hinzu kam sein Bedürfnis, diesem Geschöpf helfen zu wollen.

Irgendwie ahnte er instinktiv, dass sie sich in einer Notlage befand.

„Wissen Sie“, fuhr er unbeirrt fort in der Überzeugung, diesmal das Richtige zu sagen „jedem von uns kann das Schicksal irgendwann einmal ins Pfandleihhaus führen. Das Leben spielt mit uns. Und wir sind gezwungen, mitzuspielen.“

Die Hübsche hob langsam ihren Kopf und mit einem leichten Schütteln befreite sie das Gesicht von ihren Haaren. Sie blickte Hermann  an, wobei ihre Augen funkelten wie Sterne in einer klaren, wolkenlosen Nacht.

„Ich danke Ihnen, es waren beruhigende Worte. Aber wenn man in einer Situation ist wie ich sie zurzeit durchlebe, hilft auch dieser Trost wenig!“

Es klang fast anklagend, aber offensichtlich hatte sie sich gefangen. Zögernd legte sie die schmalen Hände wieder um die Tasse und nippte am Rest des Kaffees.

Dann, erst leise, fast unbeteiligt redend, dann lauter, auch aggressiver werdend, fuhr sie unvermittelt fort.

„Ich sehe Sie hier zum ersten Mal und kenne Sie nicht! Sie hatten das Bedürfnis, hier zu sitzen und sprechen mich auf Probleme an, die Sie nicht interessieren sollten und auf die ich auch nicht weiter eingehen werde. Wer sind Sie und was wollen Sie?“

Auf diesen unerwarteten verbalen Angriff war Hermann in keiner Weise vorbereitet. So erschrocken er im ersten Augenblick auch war, so deutlich spürte er, dass er das Thema wechseln musste.

„Bitte, seien Sie mir nicht böse!“

Dabei legte er die inzwischen völlig zerknitterte Zeitung vor sich hin und rückte mit dem Stuhl etwas näher an den Tisch.

„Sie haben Recht, ich sollte mich erst einmal vorstellen. Mein Name ist Hermann Jost. Ich bin Geschäftsmann, komme aus Deutschland und reise übermorgen wieder ab. Nicht mehr und nicht weniger. Ich bin weder Heiratsschwindler, noch jage ich den Frauen hinterher. Mein einziger Wunsch war es, mich mit einer netten Vertreterin dieses Landes zu unterhalten. Obwohl ich mir gar nicht so sicher bin, ob ich Sie Ihres Aussehens wegen dazu zählen kann. Ihre Größe und auch die Farbe ihrer Haut und des Haares lassen eher auf eine Ausländerin schließen.“

Hermann sprach mit sanfter, überzeugender Stimme. Sein Gegenüber spürte es, das Misstrauen wich aus ihrem Gesicht und ein leichtes Lächeln umspielte wieder ihre vollen Lippen.

„Ich bin Ihnen nicht böse, Hermann. Ich misstraue Ihnen auch nicht. Entschuldigen Sie, wenn ich ein wenig aggressiv wurde. Aber ich muss auf der Hut sein. Es gibt zu viele Haie hier, und als kleiner Fisch muss ich mich vorsehen. Übrigens heiße ich Elvira Gonzalez und ich bin Philippinerin.“

Sie reichte ihm ihre feingliedrige Hand, Hermann nahm sie und drückte sie leicht. Ein sanfter, glücklicher Schauer überkam ihn dabei.

„Der Name hört sich nicht sehr philippinisch an, Elvira. Eher spanisch.“

Langsam, nicht ohne Bedauern, zog er seine Hand von der ihren.

„Sie haben Recht, Hermann. Ein sehr spanischer Name sogar. Und nicht nur er ist Überbleibsel einer alten Kolonialzeit. Meine ganze Großfamilie lebt noch hier. Nur haben wir den Pass wechseln müssen. Aber wir sind nicht die einzigen.“

Hermann fühlte sich unsicher. Mit den Geschäften hier hatte er sich zwar intensiv befasst, mit der Geschichte des Landes jedoch überhaupt nicht. Er verspürte mit einem Mal das Gefühl der Unterlegenheit. Wie konnte er, ansonsten gut gebildet, sich eine solche Blöße geben?

„Übrigens gibt es noch eine weitere europäische Minderheit hier im Lande.“

Elvira nahm ihre winzige Handtasche von der Schulter, öffnete den Verschluss und zog eine Schachtel Zigaretten hervor. Hermann rauchte nur gelegentlich und hatte kein Feuerzeug. Er entschuldigte dies.

„Machen Sie sich keine Sorgen, Hermann, irgendwo habe ich meines hier versteckt.“

Sie fand das Gesuchte, ein silbernes, fein gearbeitetes Kleinod, zündete sich damit die Zigarette an und blies den Rauch genüsslich in die Luft. Dann legte sie die Arme auf die Marmorplatte und schien nachzudenken.

„Was sagte ich gerade? Ach ja, es gibt eine weitere europäische Minderheit hier. Mir fällt es jetzt ein, weil Sie Deutscher sind. In den dreißiger Jahren,“ sie führte die Zigarette wieder an den Mund, kippte dann die Asche auf den Rand der Untertasse „hatten sich die Philippinen bereit erklärt, einen Teil Eurer Juden hier aufzunehmen. Tausende sind seinerzeit ins Land gekommen. Viele sind wohl nach Deutschland zurückgekehrt, viele werden nicht mehr leben. Und die Nachkommen, die im Lande blieben, sind auch Philippiner geworden.“

Dem überraschten Zuhörer war, als säße er in der Schule und hörte aufmerksam seiner Lehrerin zu. Plötzlich erinnerte sich Hermann an Todesanzeigen in den lokalen Tageszeitungen, die hin und wieder bekannte deutsche Namen enthielten und ihn für Augenblicke stutzig machten. Dies also war des Rätsels Lösung. Sein Respekt vor Elvira wuchs mit jedem Satz, der aus ihrem schönen Munde kam. Nicht nur war ihre Erscheinung außergewöhnlich, auch ihre Intelligenz war alles andere als durchschnittlich. Hermann genoss ihre Nähe, fühlte sich zu ihr hingezogen und vergaß darüber das doch so wichtige Telefongespräch.

Hinter den großen Scheiben zur Straße hin sah er, wie die Abenddämmerung das gleißende Licht des Tages ablöste und die Straßenlampen angeschaltet wurden. Er konnte Elvira jetzt unmöglich verlassen und wagte eine Offerte.

„Elvira, es ist für mich ein ganz besonderes Erlebnis, mit einer so interessanten Vertreterin dieses Landes zusammen sitzen zu dürfen. Und wenn ich ehrlich bin, so würde ich Ihnen gerne noch ein wenig zuhören. Ob ich Sie zu einem Abendessen einladen darf?“

Elvira blickte den alternden Freier überrascht in die Augen, sagte nichts. Und Hermann hätte viel darum gegeben zu wissen, was in ihrem Kopf vor sich ging. Für einen Moment war er verunsichert. Ihn irritierten die braunen Augen, deren Farbe er erst jetzt bemerkte. Glaubte er anfangs , eine gewisse Traurigkeit in ihnen erkannt zu haben, so schien es ihm für Augenblicke, als sprächen Kälte, gepaart mit Spott aus ihnen. Aber es waren wirklich nur Augenblicke und Hermann hätte sich genauso gut irren können.

Schnell kehrte das herzliche Lächeln auf ihr Gesicht zurück. Sie blickte auf ihre zierliche, goldene Armbanduhr, überlegte kurz und nahm die Einladung schließlich an. Hermann war erleichtert, eine Absage hätte ihn getroffen.

„Elvira, ich fühle mich in dieser durchschwitzten Kleidung nicht wohl. Ich kann Ihnen zwei Vorschläge machen. Entweder wir treffen uns später, sagen wir in zwei Stunden. Oder aber Sie sind geduldig und warten, bis ich mich umgezogen habe.“

Die Schöne überlegte nicht lange.

„Hermann, ich wohne draußen im Stadtteil Alabang, Sie haben vielleicht davon gehört. Es liegt zehn bis zwölf Kilometer von hier entfernt. Ich würde mit Sicherheit zwei Stunden im Auto sitzen, ohne Dusche. Ich warte hier auf Sie. Außerdem verspreche ich Ihnen, dass es nicht weit von hier die schönsten und besten Restaurants der Stadt gibt.“

Herrmann konnte dies alles nicht fassen. Ungläubig lauschte er ihrem Vorschlag und sagte sofort zu. Er befand sich in geradezu euphorischer Stimmung, überschwänglich spurtete er die Stufen hoch zu seinem Zimmer. Zu ungeduldig war er, auf den Aufzug zu warten.

Was für eine Frau, ging es ihm durch den Kopf! Eine Schande, sie nicht schon früher getroffen zu haben! Gleichzeitig aber war er froh, zumindest noch einen weiteren Tag, den Tag des Abflugs eingeschlossen sogar zwei, hier verbringen zu können. Aber am Abreisetermin am übernächsten Abend war nicht zu rütteln.

Und wieder dachte er an den schon überfälligen Anruf! Sarah wartete! Aber der Zeitpunkt war absolut ungelegen. Einen Tadel seiner Frau würde er in Kauf nehmen müssen!

Es dauerte keine zwanzig Minuten, und ein übermütiger, frischer Hermann war bereit, sich auf ein Abenteuer einzulassen. Er ordnete schnell sein Zimmer, denn selbst einen späteren Besuch schloss er jetzt nicht mehr aus. Und er bat telefonisch, eine Flasche französischen Rotweins mit zwei Gläsern während seiner Abwesenheit auf sein Zimmer zu bringen.

Genüsslich strich er einige Tropfen seines Rasierwassers über Kinn und Wangen, nahm einen größeren Betrag Bargeld aus seinem kleinen Safe, schloss diesen sorgfältig und ging zur Tür. Am Wandspiegel davor blieb er einen Augenblick stehen. Kritisch begutachtete er seine Kleidung, gab sich einen Klaps auf die Wange und sagte laut „Viel Glück, Alter!“

Er verstand sich gut mit seinem ICH, und jeder war mit dem anderen bislang zufrieden. Dann eilte er, drei Stufen auf einmal nehmend, die marmorne Treppe hinunter zur Lobby.

Elvira saß nicht auf ihrem Platz. Mit allem hatte Hermann gerechnet, nicht aber damit. Die aufkommende Panik war jedoch vollkommen unbegründet. In der Nähe der Rezeption sprach sie gerade mit einer Angestellten des Hotels. Plötzlich drehte sie ihren Kopf in seine Richtung, fast so, als sei sie bei einer Unregelmäßigkeit ertappt worden. Und kam dem Wartenden lächelnd entgegen.

„Sie scheinen sich in diesem Hotel zu Hause zu fühlen“. Hermann sagte es im Scherz und war erleichtert und glücklich zugleich.

„Keineswegs“, antwortete Elvira in bestimmendem Ton „ich erkundigte mich gerade nach einem Restaurant. Die Anschrift war mir entfallen und das Mädchen dort drüben konnte mir helfen.“ Hermann hörte es gern. Sie war die Frau, wie er sie sich vorstellte. Gut aussehend, intelligent, sorgend, praktisch veranlagt und ihr wahrlich nicht einfaches Schicksal selbständig meisternd.

„Hermann!“, Elvira nahm beherzt seinen Arm „ich kenne nicht weit von hier entfernt eines der besten Restaurants. Das Mädchen gab mir gerade die Anschrift. Wir können dorthin laufen, keine zehn Minuten wird es dauern“.

Wohler und umsorgter konnte sich ein Fremder in fremder Umgebung nicht fühlen. Mit einer Mischung aus Stolz, Geborgenheit und Neugier verließ Herrmann mit seiner anmutigen Begleiterin das Hotel.

Sie traten hinaus in einen schwülen, von alten Straßenlampen erhellten Abend. In gehobener Stimmung, der Wirklichkeit schon ein wenig entrückt und mit deutlich geschwellter Brust, schlenderte er, sie untergehakt, zurück zur Mabini-Street. Zur alten Kirche und rechts ab in Richtung des farbenprächtig erhellten ADRIATICO CIRCLES.

Hier nun war tatsächlich alles vorhanden, um selbst den kulinarisch Verwöhnten gütlich zu stimmen. Ein Restaurant reihte sich an das nächste, die schäbigen Bürgersteige waren mit Touristen gefüllt, mit einheimischen Bummlern und ungezählten kleinen und großen Gaunern. Letztere waren Meister der Rede- und Überredungskunst, begleiteten, verstohlen um sich blickend und immer auf der Hut, ihr Opfer.

Unauffällig redend boten sie ihre Dienste an. Ob Shabu, das am Ort hergestellte synthetische Rauschgift, auch Heroin aus dem Norden Luzons, kleine Mädchen, kleine Jungs, Falschgeld oder Hehlerware. Rundum-Angebote waren an der Tagesordnung und so mancher Tourist bereute es später, den ausgelegten Köder angebissen zu haben.

„Hermann, dort drüben, das “Guernica“!“

Elvira drückte seinen Arm fest an ihre Seite und trat vom Bürgersteig auf die Straße. Beide warteten, bis sich eine Lücke im dahinziehenden Autoverkehr auftat und überquerten dann schnell die Fahrbahn.

Hermann blickte auf die gegenüberliegenden Häuserzeilen, konnte aber den von Elvira genannten Namen nirgends lesen. Sie umkreisten ein baumloses, heruntergekommenes Rondell, in dessen Mitte sich ein kreisrunder, brüchiger Brunnen befand. Auf den steinernen Rändern saßen die Habenichtse von der Hoffnung getragen, vom Wohlstand der anderen zu profitieren. Kleine, schmuddelige Jungs, nur mit schmutziger, kurzer Hose und Gummisandalen bekleidet. Die älteren zusätzlich mit löchrigen T-Shirts.

Endlich erkannte Hermann die kunstvollen Neonbuchstaben, gelb und strahlend.

“RESTAURANT GUERNICA“, untergebracht in einem zweistöckigen Haus, gleich gegenüber dem Brunnen gelegen.

Als das Paar durch die Glastür eintrat, wurde ein bekanntes spanisches Lied angestimmt. Drei Musiker standen zwischen den Tischen, zwei von ihnen spielten virtuos auf ihren Guitarren, der dritte zupfte den Kontrabass. Hermann bat den herbeigeeilten Kellner um einen Tisch für zwei Personen, woraufhin das Paar in eine gemütlich - intime Ecke im hinteren Teil des überaus geschmackvoll dekorierten Raumes geführt wurde.

Prächtig, dachte Hermann, eine gute Wahl!

„Nun, gefällt es Ihnen hier?“

Während sie sich setzten sah Elvira erwartungsvoll hinüber zu Hermann, der sich an den Dekorationen gar nicht satt sehen konnte. Sie drückte seinen Arm.

„Darf ich ehrlich sein, Hermann? Früher konnte ich es mir leisten, hier zu essen. Heute bin ich auf Einladungen angewiesen.“

Dann nahm sie die Hand von seinem Arm und wandte den Kopf hinüber zur großen Fensterfront.

Hermann schwieg immer noch, legte nun seine Hand auf ihren Arm.

„Ich möchte keine alten Wunden aufreißen, Elvira. Aber sagen Sie, was ist denn eigentlich passiert?“

Bevor sie antworten konnte, stand der Kellner neben ihnen und reichte jedem eine Speisekarte.

„Elvira, trinken Sie einen Rotwein mit mir bevor wir uns das Essen aussuchen?“

Hermann bestellte einen spanischer Rotwein und der schwarzbefrackte Kellner ließ sie allein.

„Nun?“

 Noch blieb seine Frage unbeantwortet.

„Es ist nicht einfach, darüber zu reden“, Elvira nestelte an ihrer Handtasche „insbesondere nicht zu einem Fremden.“

Dann blickte sie wieder hinüber zu den Fenstern.

„Aber warum sollte ich es nicht erzählen. Übermorgen werden Sie das Land verlassen haben und nie wieder an mich denken.“

Traurige Augen blickten Hermann an, als hätten sie alles Leid dieser Welt bereits gesehen und durchlebt.

„Die Geschichte ist kurz erzählt, Hermann. Ein latentes Problem meines Mannes spitzte sich zu und wurde schließlich zu unserem Verhängnis. Spieler und Trinker war er schon immer, zum Schluss verloren wir alles. Und damit auch unsere Zukunft. Ich meine damit mich und meine beiden Kinder Eine gewisse Zeit konnte ich noch vom alten Glanz zehren. Aber jetzt kommt so langsam das Ende.“

Der Rotwein wurde serviert. Hermann nippte am Glas und nickte dem Kellner zu. Was sollte er sagen? Einen Ratschlag zu geben, war er außerstande. Weder kannte er sein Gegenüber gut genug, noch wusste er etwas über ihre sonstigen Lebensumstände. Sie tat ihm leid und es war ihm wieder peinlich, das Thema angeschnitten zu haben. Außerdem wollte er in der noch verbliebenen kurzen Zeit bis zum Abflug in Probleme dieser Art nicht verwickelt werden. Mit ernster Miene hob er sein Glas, stieß mit dem ihren an und sagte, eher kleinlaut: „Ich hoffe sehr und wünsche Ihnen, dass sich alles, wie auch immer, zum Besseren wendet“.

Gemeinsam studierten sie dann die Speisekarte und entschlossen sich, nach langem Zögern, zu einer Paella, der Spezialität des Hauses. Schließlich gehörte zu einem spanischen Restaurant, zu spanischen Wein und spanischer Musik ein typisch spanisches Gericht. Bei gutem Essen und ebenso köstlichem Wein konnte es nicht ausbleiben, dass auch die Stimmung davon profitierte.

Mit fortschreitender Stunde wurde die Unterhaltung angeregter und, wie sollte es anders sein, auch intimer.

„Doch, doch, Hermann, es stimmt!

Elvira schien tief überzeugt von dem, was sie soeben sagte.

„Die Sterne sagen uns alles! Sehen Sie sich doch an. Zwar weiß ich so gut wie nichts über Sie und Ihr Leben. Aber dass Sie im Sternbild des Schützen geboren sind, können Sie nicht abstreiten!“

Hermann war überrascht. Von der Sternendeuterei hielt er bislang wenig, im Grunde überhaupt nichts. Alles Hokuspokus! Aber die Bestimmtheit, auch die Korrektheit, mit der Elvira sein Sternbild wiedergab, auch seinen Charakter, verblüffte ihn schon.

„Elvira“, er wischte sich mit der Serviette über den Mund und legte das Tuch zur Seite, „gerade noch sagten Sie, Sie wüssten so gut wie nichts über mich und mein Leben. Warum bestehen Sie so sehr darauf, dass ich ein Schütze bin?“

„Weil ich Ihnen zugehört habe, Hermann! Die Summe dessen, was Sie sagten und meine Einschätzung Ihres Charakters ergeben das Sternbild.“

Elvira nippte am Rotweinglas, fuhr dann selbstsicher fort.

„Sie lieben das Reisen, sind charmant und einem Abenteuer nicht abgeneigt. Sie sind neugierig, wahrheitsliebend und undiplomatisch. Dies sind nur einige Ihrer Wesenszüge, die ich jetzt aufzähle. Ich will damit nicht behaupten, dass es in den Reihen der Schützen nicht auch unterschiedliche Typen gibt. Aber bei Ihnen bin ich mir sicher. Und Ihren Geburtstag würde ich deshalb auch in der Mitte des Dezember vermuten.“

Hermanns Neugier war nun endgültig geweckt. Es war ihm bisher nie in den Sinn gekommen, dass ein Sterndeuter, und Elvira schien eine Vertreterin dieser fragwürdigen Zunft zu sein, als Folge eines Gesprächs seinen Geburtstag erraten könnte. Ihm war ein wenig unheimlich zumute.

„Und auf welches genaue Geburtsdatum würden Sie schließen?“

Elvira hob ihr Glas, hielt es an die Wange, sah zuerst in die Ferne, denkend, dann Hermann tief in die Augen. Sie schwieg noch eine Weile, dann sagte sie: „Hermann, ich würde auf Mitte Dezember tippen, ich sagte es schon. Den 15., 16. oder 17. Dezember. Und noch etwas!“

Nun nahm sie ihre Serviette, legte sie an den Mund und überlegte wieder. Dann fuhr sie fort: „Es gibt Jahre und damit Konstellationen der Sterne, die sich auch negativ auf das Bild des Schützen auswirken können. Und es gibt wiederum Jahre, die die angeborenen Eigenschaften der Schützen noch verstärken. Einen Anhaltspunkt hierzu gibt uns das chinesische Horoskop.“

Mit wachsender Aufmerksamkeit hörte Hermann ihren Ausführungen zu.

„Und was würde das in meinem Fall bedeuten?“

Selten war er so gespannt.

„Bei Ihnen kann ich mir vorstellen, dass Sie im Jahre des Affen geboren wurden. Ein überaus glückliches Jahr übrigens, das sich zudem mit Intelligenz, Hilfsbereitschaft, aber auch mit einer gewissen Willensschwäche und Gutgläubigkeit auszeichnet.“

Elvira stockte für einen Augenblick, sah Hermann nachdenklich an.

„Wie alle anderen Zeichen des chinesischen Horoskops wiederholt sich das Jahr des Affen alle 12 Jahre. Das letzte war 1992. Wenn ich Sie mir so betrachte“, Elvira lehnte sich bei diesen Worten ein wenig zurück und mit kritischen Augen musterte sie ihr Gegenüber, „dann würde ich Ihr Geburtsjahr auf 1944 festlegen. Denn 1956 kommt nicht in Frage, so jung können Sie nicht sein.“

„Du meine Güte!“ entfuhr es Hermann.

Er war fasziniert von dieser korrekten Wiedergabe seines Geburtsjahres und seine Neugier wuchs und wuchs. Gerade wollte er zu einer nächsten Frage ausholen, als Elvira auf ihre Uhr blickte.

Es war spät, Hermann hatte trotzdem nicht die Absicht, dieses hübsche und interessante Wesen ohne weiteres davon gehen zu lassen. Er spürte, dass er wieder einmal das Thema wechseln musste.

„Elvira, Sie faszinieren mich! Und wenn Sie mich jetzt schon so gut kennen, ob Sie etwas dagegen haben, wenn wir uns duzen?“

Mit einem Male lachte sie überschwänglich. Dann hoben beide ihre Gläser und Hermann küsste, zaghaft, ihren erdbeerroten Mund.

„Auf die Sterne!“

Er trank einen weiteren Schluck, beugte sich dann zu Elvira und wagte einen Schritt auf unbekanntes, dafür umso reizvolleres Terrain. Schon einmal hatte ihm heute ein mutiger Schritt geholfen, warum also kein zweites Mal?

„Elvira“, er druckste ein wenig, suchte nach den passenden Worten, „deute es bitte nicht falsch. Ob es da eine Möglichkeit gebe, den Abend, wie soll ich es sagen, in meinem Hotel noch ein wenig zu verlängern?“

Der Drang, diese atemberaubende Schöne nicht nur gesprächsweise zu genießen, war plötzlich überwältigend.

„Hermann“, Elvira setzte ihr wohl verführerischstes Lächeln auf, „weißt Du, es gibt da überhaupt nichts Falsches zu deuten. Es steht doch in Deinen Sternen und ich sagte es bereits! Im Gegenteil, es hätte mich sehr gewundert, wenn diese Einladung ausgeblieben wäre!“

Erleichtert und mit einem Gefühl des Triumphs lauschte der Freier diesen fast erlösenden Worten. Dann fuhr Elvira fort.

„Aber es geht nicht, lieber Hermann. Ich habe morgen in aller Frühe Wichtiges zu erledigen. Und außerdem muss ich mich noch um die Kinder kümmern. Ich danke Dir trotzdem für die Einladung!“

Nun, die Ernüchterung war Hermann deutlich im Gesicht abzulesen. Elvira strich ihm, fast beruhigend, über die Wange.

"Hermann, Du reist doch erst übermorgen ab. Vielleicht sehen wir uns morgen Abend?“

Mit dieser überraschenden Gegenofferte kehrte die für einen Augenblick angekratzte Selbstsicherheit des Mannes wieder zurück. Ein zusätzlicher Trost war, dass sich die drei Musikanten neben das Paar stellten und in die Saiten griffen.

Und so, mit zwei herzerweichenden spanischen Liedern, wurde das Ende eines romantischen Abends eingeläutet.

Kaum, dass das Paar im Freien stand, erhellte ein Blitzlicht die Nacht. Ein junger, adrett gekleideter Mann stand vor ihnen, die Sofortbild-Kamera vor der Brust. Ungefragt, was durchaus üblich war, hatte er ein Foto geschossen und hielt das noch feuchte Papier grinsend in der Hand.

Aber noch bevor er es zum Kauf anbieten konnte, stürzte Elvira auf ihn zu. Sie war mit einem Mal unerklärlich wütend und schrie den verstörten Nachwuchsfotografen in der Landessprache an. Dann wandte sie sich um, immer noch erregt und redend, und kehrte zu Hermann zurück.

Ihm war die Situation peinlich, hatte er Elvira doch in einer solchen Situation bisher noch nicht gesehen.

„Was hast Du denn, er hat doch nur ein Bild von uns geschossen! Vielleicht ist es sogar ein Schönes!“

Hermann nahm ihren Arm in der Hoffnung, sie damit beruhigen zu können. Aber sie löste sich mit einem leichten Ruck.

„Ich will es nicht! Grundsätzlich will ich es nicht. Er kann nicht einfach Fotos schießen, ohne vorher zu fragen!“

Jetzt nahm sie Hermanns Arm und zog ihn vom Eingang des Restaurants zur angrenzenden Straße. Dann blieb sie stehen.

„Es tut mir leid Hermann. Ich hätte nicht so wütend reagieren sollen. Sehen wir uns trotzdem morgen Abend?“

„Aber natürlich, Elvira!“

Damit gab er ihr einen Kuss auf die Stirn. Auch er hatte sich beruhigt.

„Sagen wir, um acht im Hotel?“

Sie stimmte seinem Vorschlag zu.

„Gut, ich nehme jetzt ein Taxi. Mein Haus liegt in Alabang, ich sagte es Dir. Weit entfernt und in der entgegengesetzten Richtung Deines Hotels.“

Noch während sie sprach, hob sie einen Arm. Ein Taxi hielt, sie verabschiedete sich fast überstürzt und verschwand im Strom des spätabendlichen Straßenverkehrs.

Hermann verharrte noch eine Weile an der Stelle, an der sie ihn verließ. Er überdachte den Abend und kam zu dem Schluss, dass es sich bei Elvira auch um eine außergewöhnlich temperamentvolle Frau handeln musste. Ganz verständlich war ihm ihre Reaktion gegenüber dem Fotografen trotzdem nicht.

„Sir!“

Hermann wurde angesprochen und sah sich um. Hinter ihm stand er wieder, der adrett gekleidete junge Mann. Das Foto hielt er in der Hand. Seine Berufserfahrung sagte ihm, dass es die Frau war, die das Bild ablehnte, nicht ihr Begleiter.

Hermann nahm das Bild, ging zur nächsten Laterne und begutachtete es. Eine ausgezeichnete Aufnahme, entschied er. Warum nur hatte Elvira sie nicht wenigstens geprüft? Er zahlte zweihundert Pesos und steckte sich das Foto in die Brusttasche seines Jacketts.

Langsam umrundete er den vor ihm liegenden schmuddeligen Platz mit dem verwahrlosten Springbrunnen, ging die Mabini-Street zurück bis zur Kirche und erreichte bald sein Hotel. Er dachte an nichts anderes als an Elvira. Rotweinflasche und zwei Gläser standen auf dem Tisch.

Am nächsten Tag wachte Hermann spät auf. Doch die Wirklichkeit hatte ihn  schon im morgendlichen Halbschlaf eingeholt.

Noch während er die Augen geschlossen hielt, suchte er nach der Lösung zweier Probleme. Das erste war nicht neu, es betraf den verpassten Anruf. Das zweite hatte er sich am Abend zuvor eingebrockt. Seiner eingeschränkten Wahrnehmungsfähigkeit wegen sagte er spontan zu, Elvira am Abend wiederzusehen. Aber dieser Termin war bereits verplant. Seine Geschäftspartner hatten ihn tags zuvor zu einem Abschiedsessen eingeladen.

Seine persönlichen Interessen abwägend, entschied Hermann schließlich, während des Rasierens, dieses Essen entweder auf den heutigen oder aber morgigen Mittag zu verlegen und dabei die Rolle des Gastgebers zu übernehmen. Er würde eines der guten Hotels im Stadtteil Makati vorschlagen, und als Grund seines Sinneswandels die Wahrnehmung eines unvermittelten, nicht vorhersehbaren Termins. Und er würde sich gerne für die ihm bisher zuteil gewordene außergewöhnliche Gastfreundschaft revanchieren. Nach dem Frühstück, das er in der Lobby seines Hotels zu sich nahm, rief er die Geschäftsfreunde an. Es dauerte eine ganze Weile, aber Hermanns höfliche Argumentation, gepaart mit Bestimmtheit in seinen Ausführungen, ließen den philippinischen Freunden letztlich keine Wahl. Ort und Zeitpunkt wurden besprochen und vereinbart. Wobei Hermann den Kreis der Teilnehmer für das Mittagessen noch um die Ehefrauen erweiterte.

Als er den Hörer auflegte, war er dankbar, dass sein Plan trotz der knappen Vorlaufzeit - in etwa vier Stunden würde die Veranstaltung stattfinden - akzeptiert wurde. Er musste sich also sputen.

Schon bald machte er sich auf den Weg und erreichte nach einer Stunde den Ort des Treffens. Im Restaurant suchte er unverzüglich den Geschäftsführer auf, gemeinsam einigte man sich auf einen Fensterplatz. Die Menues und Getränke wurden bestimmt und die Dekoration besprochen. Es sollte ein gelungener vorläufiger Abschied werden und Hermann ließ es an nichts fehlen.

Nur unwesentlich verspätet trafen die Gäste schließlich ein. Die Stimmung war von Anbeginn heiter und ausgelassen, die sorgfältig zubereiteten Speisen und die Wahl der Getränke trugen das ihre dazu bei. Der Nachmittag war schon lange erreicht, aber nichts deutete auf einen Abschluss der eher spontanen Zusammenkunft hin.

Anekdoten wurden zum Besten gegeben, Erfahrungen ausgetauscht und unzählige Male auf eine gedeihliche Entwicklung der beidseitigen Geschäftsbeziehungen angestoßen. Hermann konnte sich zu Recht als perfekter Gastgeber feiern lassen. Und er genoss die Flut der Komplimente. Dass er sich mit zunehmender Stunde gedanklich von dieser Runde zwar noch nicht verabschiedete, jedoch mehr und mehr entfernte, hatte er sich nicht anmerken lassen.

Elvira nahm sein ganzes Denken ein und mit Ungeduld sah er dem Abend entgegen. Besorgt überflog er die leeren Weinflaschen auf dem Tisch, besorgt nahm er auch seinen eigenen Zustand war. Er hatte deutlich mehr vom Rotwein gekostet, als es hätte sein müssen.

Verstohlen blickte er auf seine Armbanduhr. Es war kurz vor sechs und er konnte nur hoffen, dass das Gelage bald ein Ende finden würde.

Dann, nach einer weiteren halben Stunde, war es soweit. Ganz plötzlich wurde es ruhiger am langgestreckten Tisch. Die Gäste bedankten sich überschwänglich und wünschten dem Gastgeber eine gute Heimreise. Gleichzeitig sprach man die Hoffnung aus, bald wieder voneinander zu hören. Hände wurden geschüttelt, Schultern geklopft und Küsse auf die Wangen der Damen verteilt.

Hermann verblieb noch ein wenig am Tisch, zahlte mit einer seiner Kreditkarten und machte sich dann auf den Weg zurück zu seinem Hotel.

Abenddämmerung lag über der Stadt. Langsam schob sich sein Taxi durch den Verkehrsstrom in Richtung Roxas-Boulevard, der einstmals prächtigen Promenade entlang des Hafens. Riesige Schiffe dümpelten draußen im Halbdunkel des warmen, schwülen Abends. Unter den ungepflegten Palmenalleen, die die Uferstraßen säumten, bereiteten sich die Ärmsten auf die Nacht vor. Die Betonmauer vor dem langgestreckten Ufer war mit Wäsche bedeckt. Mit Laken und Kleidern, gewaschen in der Brühe des schmutzverseuchten Hafenwassers.

Hermann erreichte noch rechtzeitig das Hotel.

Er eilte hoch auf sein Zimmer, entkleidete sich und gönnte sich ein ausgedehntes Duschbad. Dann zog er sich eine helle, leichte Hose über und wählte ein kurzärmeliges Hemd mit Jacke.

Beim Verlassen des Raumes sah er wieder in den Spiegel.

„Viel Glück, alter Junge“ murmelte er nun schon zum zweiten Mal und eilte dann mit ausholenden Schritten den Gang zum Lift entlang. Es war wenige Minuten vor acht. Elvira, sollte sie pünktlich sein, wollte er auf keinen Fall warten lassen.

In der Lobby angekommen, überblickte er die Anwesenden. Elvira war nicht unter ihnen. Langsam schlenderte er hinüber zur Bar und bestellte sich einen Orangensaft. Er wartete und dachte an das Geschenk, das oben im Safe lag und, wie konnte es anders sein, an den überfälligen Anruf. Ihm wurde dabei ganz heiß im Gesicht, aber was sollte er jetzt tun?

Plötzlich hörte er seinen Namen. Es war die helle, klare Stimme Elviras. Hermann drehte sich auf seinem Hocker und traute seinen Augen nicht. Sie war schöner als je zuvor, ihr Anblick ließ ihn alle Sorgen vergessen und versetzte sein Herz in einen kurzen, rasenden Galopp.

Da stand sie wieder, die Haare diesmal hochgebunden, in einer schwarzen, den Blick leicht durchlässigen Bluse und einem weiten, schwarz-weiß gepunkteten Rock. Hermann rutschte aufgeregt von seinem Sitz, ging zwei Schritte auf sie zu und küsste ihre Wangen.

„Elvira, schön dass Du da bist!“

Er war froh, dass ihm zumindest dieser Satz über die Lippen kam, denn ihr Anblick hatte ihm für Momente die Sprache verschlagen.

„Warum, bist Du überrascht? Es war doch vereinbart!“

Sie zog ihre feinen Augenbrauen hoch und blickte den Verwirrten fragend an.

„Ja, ich weiß, Elvira. Aber es hätte doch sein können, dass ich gestern kein besonders guter Gastgeber war. Und Du vielleicht Deine Meinung geändert hättest.“

„Oh Gott, warum sollte ich!“

 Dabei schlug sie, fast belustigt, ihre Hände zusammen.

„Die Unterhaltung war doch amüsant! Allerdings musste ich schnellstens nach Hause. Möchtest Du hier bleiben, oder gehen wir woanders hin?“

Hermann hatte sich gefasst, war auch wieder Herr der Lage

„Um ehrlich zu sein, Elvira, mir ist heute nicht nach einem großen Essen. Das habe ich gerade hinter mir.“

„Gut, Du erinnerst Dich an unseren gestrigen Weg? Als wir die Straße zwischen den vielen Autos überquerten? Genau dort liegt eine gemütliche, alte Bar. Sie wird Dir gefallen.“

Und so ging das Paar, wie am Vorabend, hinaus in einen straßenlampenbeleuchteten, schwülen Abend. Vorbei an der uralten, plastikbahnenumhüllten Mabini-Kirche bis hin zu den lichtgeschmückten Gasthäusern. Und wie am Vorabend, schlenderte Hermann mit stolzgeschwellter Brust, die schönste Frau weit und breit untergehakt an seinem rechten Arm, die Straßen entlang.

Bald erreichten sie ihr Ziel, das Café Adriatico, gleich gegenüber dem brüchigen Brunnen gelegen.

„Komm Hermann, lass uns in den ersten Stock gehen!“

Sie durchquerten das holzgetäfelte Parterre, in dem die Gäste bereits dichtgedrängt an kleinen, runden und quadratischen Holztischen saßen. Die Wände waren vollbehangen mit alten, umrahmten Fotos aus der Kolonialzeit, ebenso alte Wandleuchter hielten den eher kleinen Raum in dezentes Licht gehüllt. Direkt an der Bar führte eine ausgetretene Holztreppe steil hoch zum ersten Stock. Hier war es ruhiger und man konnte wählen, entweder an den Fenstertischen Platz zu nehmen, mit einem faszinierenden Blick hinunter auf das abendliche Treiben auf dem Adriatico-Circle. Oder aber an den quadratischen Tischen entlang des Treppengeländers.

Hermann entschied sich sofort für den Fensterplatz.

„Nun, wie gefällt es dem Schützen hier?“

Elvira setze ihr bezauberndes Lächeln auf und reichte Hermann die Karte.

„Wunderbar, es kommt mir vor wie ein Abschiedsgeschenk.“

Hermann war wirklich beeindruckt. Sagte sie „Schütze“?

Plötzlich fiel ihm die gestrige Unterhaltung wieder ein. Elviras kluge Sternenanalyse und die Sicherheit, mit der sie seinen Charakter beschrieb. Er würde noch weitere Fragen stellen, zuerst aber den Kellner rufen.

Die Stunden verflogen, der Gesprächsstoff und die Gemeinsamkeiten beider schienen unerschöpflich.

Hermann hielt die zarten, gepflegten Finger der Schönen in seinen Händen, als er sich an seine noch nicht gestellten Fragen erinnerte.

„Elvira, was steht eigentlich im Monat Mai in den Sternen?“

„Da musst Du mir schon das Datum nennen. Du möchtest doch, dass ich so nahe wie möglich an der Wahrheit bleibe?“

„Gut, Elvira – der 06. Mai!“

Elvira überlegte kurz, mit geschlossenen Augen. Ihre Hände lagen auf seinen Arm. Ihre Stimme schien dann aus weiter Ferne zu kommen.