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Edithas Schicksal ist, leben und zu funktionieren. Sie kämpft sich durch die Zeit, in der das weibliche Geschlecht weder ein Wahlrecht, noch Arbeitsrecht und auch kein Entscheidungsrecht hatte. Den Frauen war die Mutterrolle zugeteilt. Uneheliche und nicht arische Kinder, sowie deren Mütter sind von der Gesellschaft ausgeschlossen. Über Edithas Herkunft schwebt eine geheimnisvolle Wolke. Sie ist nicht mal siebzehn Jahre und wird schwanger. Um frei zu sein, läßt sie ihr noch ungeborenes Kind von ihren Arbeitgebern adoptieren. Ihre vermeintliche Mutter erfährt von dieser Adoption erst nach Geburt des Kindes. Noch im Spital versucht sie mit einem brutal energischen Auftritt die Kindesübergabe zu verhindern. Editha wird beschimpft, geschlagen und aus dem Haus geworfen. Die Fürsorge nimmt sich der jungen Mutter an. Das Neugeborene kommt in die Obhut der Großmutter. Editha versucht ein solides Leben zu führen. Muss jedoch Missbrauch und Verlust ertragen. Kurz vor einer geplanten Heirat bricht die Vergangenheit endgültig über sie ein, und sie sinnt auf Rache.
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Seitenzahl: 225
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Namen und Orte sowie Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit Personen und Handlung sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Edithas Schicksal ist, leben und zu funktionieren. Sie kämpft sich durch die Zeit, in der das weibliche Geschlecht weder ein Wahlrecht, noch Arbeitsrecht und auch kein Entscheidungsrecht hatte. Den Frauen war die Mutterrolle zugeteilt. In der Öffentlichkeit sollte die Frau ein moralisches und musterhaftes Auftreten haben. Uneheliche und nicht arische Kinder, sowie deren Mütter sind von der Gesellschaft ausgeschlossen.
Über Edithas Herkunft schwebt eine geheimnisvolle Wolke. Sie ist nicht mal siebzehn Jahre und wird schwanger. Um frei zu sein, lässt sie ihr noch ungeborenes Kind von ihren Arbeitgebern adoptieren.
Von dieser Adoption erfährt Ihre vermeintliche Mutter erst nach Geburt des Kindes. Noch im Spital versucht sie mit einem brutal energischen Auftritt die Kindesübergabe zu verhindern.
Editha wird beschimpft, geschlagen und aus dem Haus geworfen. Die Fürsorge nimmt sich der jungen Mutter an. Das Neugeborene kommt in die Obhut der Großmutter.
Editha versucht ein solides Leben zu führen. Muss jedoch Missbrauch und Verlust ertragen. Kurz vor einer geplanten Heirat bricht die Vergangenheit endgültig über sie ein und sie sinnt auf Rache.
Wien, du geliebte, schöne Stadt ich will dich nie verlassen.
Editha
Die Entbindung
Die Adoptiveltern
Der Kindesvater
Mutter und Kind
Wieder zu Hause
Edithas steiniger Weg
Sehnsucht nach Liebe
Schlimmes Erwachen
Die Detektivarbeit
Die Hochzeit ist geplant
Neuanfang
Die Heirat ist geplant
Unbarmherzig und eiskalt kam der Winter im Dezember 1943 in Wien an. Ebenso grausam mitleidlos schien die Zeit für Editha Handel, die nachdenklich und bekümmert in ihrer kleinen hellen Mansarde hin und her wanderte. Kuschelig wohlige Wärme erzeugte lediglich ein gusseiserner zylinderförmiger Kanonen-Ofen. Er hatte wunderschöne Verzierungen. Durch die kunstvoll gearbeiteten Ornamente war dieser Ofen der einzige Glanzpunkt des Raumes.
Editha runzelte ihre Stirn. Der Kohlen-Eimer war schon wieder leer. Vom Keller das schwarze Gold hoch zu schleppen; wurde für sie von Tag zu Tag beschwerlicher. Es fehlten auch so manch wichtige Einrichtungen und Bequemlichkeiten. Wohlfühlen konnte sich Editha nie in diesem Haus. Wasser schöpfte man mühselig aus Brunnen. Anfangs kam meist nur spärlich rostiger Gänsewein. Erst nach mehrmals anstrengenden, kraftvollen Pumpen floss nach und nach das brauchbare nasse Element. Oft kam gar kein Wasser. Auch nicht nach strapaziösen, schweißtreibenden, schnellen betätigen des Schwengels. So füllte Editha Wasser in die Öffnung, in der die Kolbenstange steckte. Sie pumpte so lange, bis nützliches Nass ausgespuckt wurde. Brunnen befanden sich in der Waschküche im Kellergeschoß und im Garten. Dieser war aufgefroren – kaputt. Er hätte vor Einbruch des Winters abgebaut werden müssen. Entweder es wurde vergessen oder man war nicht fähig es zu tun.
Auch noch allgemeine Stromsperre. Das war furchtbar. Es betraf achtunddreißig bewohnte Häuser der Parzelle eines Randbezirks in Wien. So standen in einem dieser Häuser, ein zweistöckiges unverputztes Gebäude, an jedem Tür-Eingang Petroleum-Lampen und Kerzen bereit. In dem Haus wohnten nicht nur die Besitzer mit ihren Kindern, auch Flüchtlinge. Viel zu viele Leute fummelten an diesen Lampen rum. Editha ärgerte sich oft darüber. Brannte die Flamme einmal so wie`s sein sollte, weiß und hell, wurde der Docht aus Sparmaßnahmen verstellt und das Glas verrußte. Petroleum wurde entweder vergessen nachzufüllen, oder die Flaschen und Kanister waren leer. Streichhölzer fand Editha ebenfalls keine mehr vor. Tja, die wurden immer und überall geklaut. Das gab oft Streit im dem Haus, denn keiner wollte es gewesen sein.
Editha Handel war in ihren jungen Jahren ein kleiner Bücherwurm, der Bücher, jedes Romanheft und Zeitschriften wissbegierig verschlang. Das Mädchen ließ jedes Mal ihren Lesestoff ganz schnell unterm Kopfkissen verschwinden, sobald sie Rufe oder Schritte der Mutter hörte. Diese sah es gar nicht gerne, wenn die kleine Leseratte versunken schmökerte, anstatt im Haushalt zu helfen. Vor allem sollte sie ihre drei Halbgeschwister versorgen und schleunigst ihr Brot selbst verdienen. Deshalb wurde sie als Hilfskraft in die naheliegende Metallfabrik geschickt.
In ihrer Schulzeit bekam Editha öfter mal Chancen sich zu beweisen, sie könne mehr, sie könnte Vorzugsschülerin sein. Wissensdurstig verschlang sie förmlich den Unterrichtsstoff und bestand jegliche Prüfung mit der besten Note und sogar mal mit einem Stern. Ihre Schuljahre hätte sie mit Glanz und Gloria abschließen können, wenn die Fehleintragungen nicht gewesen wären. Tja, sie musste nicht nur im Haushalt helfen. Sogar beim Hausbau hat man von ihr erlangt, mit zu arbeiten. Überall dort, wo die Arbeiter nach ihr riefen, musste sie helfen. Das Wohnhaus attraktiver und behaglich, sowie heimelig zu gestalten, war eine unendliche Lebensaufgabe. Wahrscheinlich für mehrere Generationen. Auf die Sanitären Anlagen hatte man wohl vergessen. Es fehlten Wasserleitungen und Toiletten. Die Zimmer waren unverputzt. Blanke Ziegel mit den mörtelverschmierten Fugen strotzten in die Räume. Der Errichter des Wohnhauses, Vater Maximilian Prochazka, wurde in den Krieg einberufen und das Haus musste er unfertig verlassen, so dass die Lebensbedingungen sehr schlecht und ärmlich waren. Erst wenn wieder Geld und Material vorhanden war, konnte weiter an dem Gebäude gearbeitet werden. Maximilian Prochazka, der Vater, fehlte überall. Agnes Prochazka musste das Regiment alleine führen.
Das junge Mädchen Editha half wie ein ausgewachsener Mann am Bau. Sie rührte den Mörtel, schupfte die Ziegelsteine zu den Arbeitern hoch. Sie kletterte furchtlos auf den höchsten Giebel. Ein Arbeitstier wurde ran gezogen – so sah man sie gerne.
Ja, aber für was und für WEN die ganze Müh` und Plag? Trübsinnig erkannte Editha, dass nichts, aber wirklich nichts für sie selbst nützlich sein würde. Sie arbeitet für eine große Familie. Ihre Hände waren rau und rissig. Und weil diese oft bluteten, konnte sie nicht mal an ihrer Aussteuer nähen. Die Zeit dafür fehlte ebenfalls. Ihre Tüchtigkeit und ihr Fleißig wurde nicht belohnt. Man sollte mit ihr zufrieden sein, denn sie fürchtete das Wort „Schmarotzerin“. So nannte sie mal ihre Mutter Agnes Prochazka. Wenn sich Editha entspannen wollte und sie keiner vermisste, zog sie sich in die kleine Mansarde zum Lesen zurück.
Editha wurde nach einer kurzen Liebesaffäre zu ihrem Unglück schwanger. Nicht mal siebzehn Jahre war sie und auch noch unverheiratet. Das passte nicht zusammen! Eine minderjährig, ledige Mutter, die ein Kind von einem Ausländer austragen sollte. Sie wäre der Spott der ganzen Parzelle. Was tun? Abtreiben lassen! Schoss es ihr in den Kopf. Aber wer macht so etwas ohne Geld?
Tja, was hätte aus ihr alles werden können. Sie war tüchtig, hatte eine schnelle Auffassungsgabe und war begabt für Vielerlei. Opernsängerin, ja, das wäre es gewesen! In schönen Kleidern im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen. Singen und Theater spielen und dabei viel Geld verdienen. Der ganzen Familie hätte sie es zu gerne mal so richtig zeigen wollen:
„Seht ihr!? Ihr habt mich nicht gewollt, und nun bringe ich euch so viel von meinem verdienten Geld womit Ihr euch alles leisten könnt. Eure sämtlichen Wünsche erfüllt die Nichtssagende, Verkommene, die Schmarotzerin, Editha!“
Aus der Traum!
Als sie noch zu Schule ging, ermunterte sie eine Lehrkraft:
„Editha du hast das Zeug und die Begabung zum Studieren. Besuche wenigstens die Handelsschule.“
„Danke Frau Lehrerin. Das kann ich mir aus dem Kopf schlagen.“
Hm – naja. Editha hätte, könnte und täte! Doch ein Studium war zu gegebener Zeit utopisch und unerreichbar. Nicht allein wegen der Kosten. Sie kam zu falschen Zeit auf die Welt. Es herrschte der Nationalsozialismus. Vor diesem Krieg hätte sie sicher gute Chancen gehabt.
„Ein Studium widerspräche der Natur der Frau. Die Emanzipation wurde als Erfindung des jüdischen Intellekts bezeichnet, die die vorbestimmte Geschlechterordnung zerstöre.“
Hirngespinste!
Die Rolle der Frau war Hausfrau und Mutter zu sein. Frauen hatten keinen Anteil an der Weltgeschichte, da die Politik allein den Männern vorbehalten war. Frauen waren sozusagen entmündigt.
Nur ein Junge, ein Mann war für ein Studium geeignet. Wer aus arischer Rasse stammte, aus gutem Hause und aus Akademikerkreisen kam, der hatte gute Voraussetzungen einen Studienplatz zu bekommen. Aber doch niemals ein weibliches Arbeiterkind! Für ein Mädchen genügte es, die Hausarbeit verrichten zu können. Eine Aussteuer, die sogenannte Mitgift, die man sich selbst nähte, in eine Ehe einzubringen. heiraten, Kinder kriegen. Je mehr umso ehrenvoller. Das war eine pflichtbewusste Mutter. Die arische deutsche Mutter erhielt ab vier Kinder das bronzene, ab sechs Kinder das silberne und ab acht Kinder das goldene Mutterkreuz. Es war ganz normal sich vom Ehemann ernähren lassen.
Aha, so funktionierte das!
Nun ja, für die Fortpflanzung hätte Editha bereits gesorgt, wenn auch ungewollt. Eine Gebärmaschine für "Führer und Vaterland", heiraten und Familie umsorgen – oh nein! Davon wollte Editha nichts wissen. Sie hatte ihre Nase von Männern gestrichen voll – für immer!
Dass sie so gar keine in die Zukunft gerichteten Überlegungen anstellen konnte, dafür gab sie sich selbst die Schuld. Warum bringt sie den Mut nicht auf, einfach ihrer Mutter gegenüber ungehorsam zu sein, sich aufzulehnen. Beschimpfungen und Dresche bekam sie je nach deren ihrer Laune, oft ohne Grund. Wie andere ihr tägliches Brot. Die Hiebe erfolgten mal mit dem Pracker (Teppichklopfer), dem Kochlöffel und mit Agnes Prochazkas fürchterlich brennenden, bloßen Händen. Ja, eben, deswegen – Editha hatte Angst. Nach den Schlägen verspürte sie nicht selten Schmerzen am und im Kopf, sowie am Körper. Sie musste trotz allem weiter ihre Arbeit verrichten.
Wie sah sie denn Edithas Zukunft aus? Diese lag in dichten schwarzen, total finsteren Wolken vor ihr. Ihr Leben sei bereits schon durch die Schwangerschaft versaut. Oft kamen Erinnerungen in ihr hoch – aber nur ganz vage. Sie dachte an eine andere Mutter, einen anderen Vater. Sie glaubte, sich an nette liebe Menschen erinnern zu können. War es nur ein Wunsch von ihr oder auch nur ein Traum? Ihre Vermutung und Gedanken, wagte sie nicht laut auszusprechen. Sie vergrub sich dann all zu gerne in die Romanheftchen. Sie versetzten Editha für kurze Zeit in eine andere, heile und liebevollere Welt. Eine Welt der Träume.
Regelmäßig hörte sie sich die Nachrichten aus dem Volksempfänger an.
„Luftangriffe durch US-Bomber. Es trifft den wichtigsten Verkehrsknotenpunkt an der Versorgungslinie nach Italien und Innsbruck. Bahnanlagen und das Stadtgebiet sind schwer in Mitleidenschaft gezogen, es gibt über zweihunderteinundachtzig Tote.“
Editha saß an einem runden Tisch, mit aufgestützten Ellenbogen ganz dicht neben dem Radio. Beklommen spricht sie zu sich selbst:
„Dieser schreckliche Krieg. Und Mitten in diese gefahrenträchtige Zeit werde in Bälde ein Kind gebären. Angst und bange wird mir.“
Am 19. Dezember 1943 lauschte Editha wieder die Nachrichten. Die US-Bomber hatten nochmals Innsbruck angegriffen. Wegen schlechtem Wetter und dichter Wolkenschicht über Österreich, wurden dann Angriffe auf österreichischem Gebiet vorübergehend eingestellt.
„Vorübergehend? Können die uns denn nicht ganz gar vergessen?“ Murmelte sie missgestimmt. Sie hielt sich ununterbrochen fast schon unbewusst ihren kugelig, schweren, großen Bauch. In letzter Zeit beulte er sich öfter als sonst mal rechts und links gewaltig aus.
„Es wird ganz bestimmt ein Junge. So ein kräftiges wildes Strampeln. Das kann nur ein Junge sein. Er schlägt jetzt schon um sich. Ha – der lässt sich mal bestimmt nicht alles gefallen, so wie ich!“
Es wurde dunkel in dem kleinen Giebelzimmer. Aha, die Fensterluke war völlig vom Schnee bedeckt. Um diese frei zu fegen, stellte sich Editha bauchhaltend auf das Stockerl, einem Schemel.
„Nur jetzt keinen falschen Schritt tun“.
Mit großer Anstrengung und schmerzverzerrter Mimik schob sie die Luke aus der Halterung. Wumm! Sogleich rutschte die weiße Ladung übers Dach. Den Restschnee schob sie mit bloßer Hand weg und kratze mit den Fingernägeln die eisigen Rillen frei.
„Huuch. Brrrr - so bitter, eisig kalt ist`s“.
Sie schüttelte sich fröstelnd. Es schneite immer noch. Doch der Wind hatte nachgelassen und die dicken großen Flocken tanzten durch die Dachluke in die Kammer hinein. Dort hinterließen sie nasse kleine Tropfen. Editha befestigte einen Jutesack um das kleine Giebelfenster, damit war die Kälte besser abgehalten, aber dafür wiederum finster in der Kammer. Eine Schaufel der Kohlen schüttete sie noch in den Kanonenofen, erwärmte sich reibend ihre Hände daran und entzündete den Docht der Öllampe. Öffnete den vorbereiteten Koffer für den Krankenhausaufenthalt, steckte Zahnbürste, Creme, ein Scherzel (Randstück eines Brotlaibes) und ein Heft eines alten, bereits gelesenen Liebesromans rein. Anschließend legte sie sich voll angezogen mit einer dicken Wolldecke aufs Bett und versank lesend unterm spärlichen Licht der Petroleumlampe im Buch „Die göttliche Lady“, das ihr Elvira Wichert schenkte.
Endlich war Ruhe im Haus. Kein Geschrei der Mutter und der Halbgeschwister war mehr zu hören. Nur der kleine Junge in Edithas Bauch streckte ab und zu sein Fäustchen. Oder waren es seine Füße? Der Wecker am Nachtkästchen zeigte bereits eine Stunde nach Mitternacht. Sie dürften jetzt alle schon schlafen. So dreht Editha an der Petroleumlampe den Docht runter schlief ebenfalls tief und fest die restlichen Stunden bis zum nächsten Morgen.
Es war der vierundzwanzigste Dezember. Der Tag vor dem „Heiligabend“ und sieben Tage nur, bis zum Jahresende. Der Himmel war an diesem Morgen besonders milchig grau. Die Erde weiß und ein kräftiger Wind wehte den Schnee in undurchsichtigen Schleiern durch die Straßen und Gassen. In der Mansarde trippelte Editha von einem Bein auf das andere. Sie klagte und jammert vor sich hin.
„Oh, oh, Es wird bald so weit sein. Der Bursche will raus. Oh, diese stechenden Schmerzen, Au – au – au“
Sie biss ihre Zähne zusammen und verzog vor Schmerz ihren Mund. Die Höllenqualen waren zum Glück nach einigen Sekunden wieder weg.
„Och, tat DAS weh!“
Aufseufzend und stöhnend sank sie auf ihr Bett zurück. Sie setzte sich mit gespreizten Beinen lediglich auf die Bettkante, um den schweren Babybauch darauf stützen zu können. Ihr Blick streifte das kleine fertig gepackte Köfferchen, das sie unterm Tisch liegen hatte. Darin waren Romanhefte, eine Trockenbrot-Scheibe, auch das Scherzel von gestern Abend, ein Nachthemd, Unterwäsche, einige Toilettenartikel. Alles nur für sie. Nichts für den ankommenden Säugling.
Heftig ziehende unerträgliche Schmerzen in Rücken, Bauch und Beine beunruhigten die werdende Mutter, es könnte jedem Moment losgehen. Ihre Gedanken kreisten rund um das heimliche Verschwinden aus dem Haus. Wie und wann sie es wohl am besten anstellen könne. Den Entbindungstermin hätte sie eigentlich schon vor acht Tagen gehabt. Sie entschloss sich für die kommende Nacht zum Aufbruch. Aus dem Haus würde sie erst gehen, wenn alles schläft. Der strampelnde Junge in ihr wird schon noch warten können. Niemand sollte wissen, wo sie sich aufhält und dass sie entbunden hat.
Der Tag verlief ohne Streit, denn Editha hatte sich nicht viel sehen lassen und die ihr aufgetragene Arbeit verrichtet. Feierabend! Sie verschwand geräuschlos in die Mansarde. Nach mehrmaligem Türen schlagen und gereizten Worten von Agnes Prochazka zu Edithas quengelnden Halbgeschwistern, hörte sie die energischen, schrillen Rufe der Mutter:
„Editha, Editha komm sofort herunter, sofort – aber plötzlich und flott!“
„Hm – nein. Ich ruhe mich aus und schlafe und dabei kann man normalerweise nichts hören“, dachte Editha und war stolz auf ihre Reaktion. Bald darauf war es endlich völlig still geworden im Haus.
Oh, schon wieder dieses stechende Ziehen. Schmerzverzerrend bückend, verstaute sie ihr kleines Köfferchen unter ihren langen dunkelblauen Wollmantel, den ein weißer Hasenpelzkragen verzierte. Dann ging sie, so gut sie konnte, auf Zehenspitzen über die knarrenden Dielen und runter die knirschenden Holztreppen. Die vielen Betonstufen konnte sie gelassener steigen. Eine große schwere abgeschlossene Haustür erschwerte Edithas Vorhaben. Die Angeln quietschten erbärmlich laut. Warum hat sie die Scharniere vorher nicht geölt. Sie kannte doch die Geräusche der Haustür. Au weh, das hatte sie total vergessen. Wachsam nach allen Richtungen lauschend drehte sie den großen Eisenschlüssel behutsam im Schloss – klack – klack und zog die schwere Tür ganz sachte und langsam nur so weit auf, dass sie gerad noch durchschlüpfen konnte. Heimlich still und leise, wie sie es im Roman gelesen hatte, schlich Editha davon.
Eigentlich war sie es gewohnt, weite Strecken zu gehen. Doch den Weg trottete sie diesmal mühselig entlang. Er streckte und dehnte sich in dieser Nacht besonders kräftezehrend und schien unendlich weiter zu sein als üblich. Sie hatte nicht genug Geld, sich mit dem Taxi fahren zu lassen. In sich lächelnd dachte Editha:
Das würde vielleicht so ein Aufsehen erregen, wenn sie, die unwürdig Schwangere auch noch mit einem Taxi gefahren werde. Für die Tramway hätte sie das Geld. Aber sie überlegte, dass sie die par Münzen lieber für noch schlechtere Zeiten spart. Zur Tramway-Station waren es außerdem auch fünfunddreißig Minuten. Dann schaffe sie den restlichen Weg auch.
So bewegte sich das junge hochschwangere Mädchen zu Fuß in den nächsten Bezirk, in dem sich das Geburtshilflich - Gynäkologische Entbindungsheim befand. Sie stiefelte so schnell es ihr möglich war, zu dem besagten Gebäude.
Der Wind blies besonders mitleidlos rau und eisig. Die Schneeverwehungen bildeten meterhohe Barrieren. Die sonst von Editha bewunderten großen, sternförmigen Eiskristalle fegte der Wind kalt beißend in ihr zartes, bleiches Gesicht. Unangenehm widerborstig hingen ihre lichtblonden, gelockten Haare nass und schwer unter der handgestrickten weißen Strickmütze bis zu den Schultern hervor. Ihren Wollmantel zog sie eng an sich. Sie leckte die Schneeflocken von den Lippen, konnte aber diese kaum noch bewegen. Inzwischen waren ihre Hände in den selbstgestrickten weißen Handschuhen kalt und steif. Oft wischte sie sich mit dem Ärmel die Nässe von ihrer tropfenden Nase. Ihre hellblauen Augen blinzelten durch die schneebedeckten strähnigen Ponyfransen. Zielbewusst und willensstark stiefelte sie durch die finstere Parzellengasse zur beleuchteten Hauptstraße. Mit zusammengekniffenen Augen folgte sie dem kümmerlich flackerten Licht, der in regelmäßigen Abständen eingesetzten Gaslaternen. Der Weg dehnte sich in dieser Nacht besonders weit aus. Immer wieder musste sie Pausen wegen der krampfartige, ziehenden Schmerzen einlegen. Sie wünschte sich sehnlichst wie in einem Märchen, das Gebäude wandere zu ihr.
Über eine volle Stunde stapfte sie schon mit ihren in Zeitungspapier umwickelten Füßen, die in viel zu großen Gummistiefel steckten, durch den tiefen Schnee. Die Schneeverwehungen machten ihr arg zu schaffen. Es fiel ihr sehr schwer, die Füße samt den Stiefeln wieder aus der Versenkung zu heben. Der Abstand der ziehend stechenden Schmerzen in ihrem Bauch wurde immer geringer. Das machte Editha panische Angst. Außerdem war sie unsagbar müde. Ja, jetzt stiege sie auch ohne Geld in die Tramway oder ins Taxi - zu spät. Nichts fuhr mehr, niemand ließ sich blicken. Nicht mal auf der Hauptstraße fuhr ein Wagen. Eine menschenleere Winternacht. Von den vielen, eng an eng gereihten hohen Häusern, zwischendrin auch ein Trümmerhaufen, war ab und zu ein Lichtschimmer durch die dicht verhangenen Fenster zu sehen.
„Ob ich irgendwo klingeln sollte“, sie traute sich nicht und krümmte sich wehklagend von Zeit zu Zeit. „Heilige Nacht ist`s und ringsum scheint alles wie ausgestorben.“ Weinerlich kämpfte sie sich Schritt für Schritt an ihr Ziel:
„Ich bin noch viel ärmer und schlimmer dran als Josef und Maria. Die waren wenigsten zu zweit. Und ich? Ich habe niemanden, niemanden.“
Sehr, sehr traurig und zum Umsinken müde hatte sie das Krankenhaus-Gebäude endlich erreicht. Mit beiden Händen hielt sie den Babybauch fest. Plötzlich ließ sie sich total erschöpft vor der Pforte fallen. Fragend ängstlich schaute sie auf die in weißen Kitteln eilig Herbeikommenden und legte sie auf eine mit weißen Laken überzogenen fahrbaren Trage. Ängstlich und mit einer grauen Wolldecke zugedeckt harrte Editha der Dinge, die da noch kommen. Sie wurde über den Gang entlang in den offenen Aufzug und dann vor dem Kreißsaal geschoben und zitterte am ganzen Körper. Das erste Mal im Leben lag sie in einem Krankenhaus. Hände und Füße fingen unangenehm und schmerzlich zu kribbeln und zu bitzeln an. Sie blickte skeptisch zur Schwester, die mit Block und Bleistift neben ihr ihr stand. Sie wurde nach ihren Namen und Anschrift gefragt. Widerwillig und zögernd gab sie einiges preis wie: „Editha Handel ich bin aus Mähren, Preßburg.“
„Du sprichst aber gut Deutsch, wieso?“ Die Schwester wollte die Schwangere bei Sprache und Bewusstsein halten, denn diese drohte nach den immer kürzer eintretenden Wehen das Bewusstsein zu verlieren.
„Bin schon sehr lange in Österreich“, kam ganz schwach die Antwort.
„Wie alt bist du eigentlich“? Drängte die Frau im weißen Kittel weiter.
„Ich werde siebzehn“ antwortete Editha sehr leise.
„Wo wohnst du und wo sind deine Eltern“, drang es an Edithas Ohr. Gequält wandte sie sich ab. Tränen flossen wie ein Bach durch die geschlossenen Lider: „Ich habe keine Eltern mehr“.
„Alle tot?“ kam es entrüstet zurück.
Ein zaghaftes „ja“ lässt die Fragende weiterbohren: „Was ist geschehen!“ Editha antwortete nicht mehr. Sie blickte traurig und schlapp zur Seite. Das salzige Wasser quoll unaufhaltsam aus ihren Augen und versank in der rauen, grauen Wolldecke. Immer wieder krallten sich ihre Nägel in die Decke. Bemitleidenswert bleich lag sie kraftlos mit auf dieser harten Liege. Erstaunlicher Weise hatte das Strampeln in Ihrem Bauch schon längere Zeit aufgehört. Ob der Junge überhaupt noch lebte? Die Schwester ließ sie nicht in Frieden. Editha empfand sie unheimlich penetrant. Wer der der Vater des Kindes sei. Seinen Namen und Wohnort wollte sie wissen. Und immer wieder blickte sie während des Befragens auf ihre Armbanduhr. Nach einem plötzlich grellen Aufschrei und einem kurzen Aufbäumen der Gebärenden, rollte man diese eilends in den Kreißsaal. Mit Hilfe der Hebamme und einer Schwester schenkte Editha in der „Heiligen Nacht“ einem kräftig schreienden, gesunden, weiblichen Wesen mit vollem schwarzem Haar das Leben.
Nun war es da, das Kind und konnte fest schreien. Die erste Kommunikation mit der Umwelt. Die Entbindung war für Kind und Mutter überraschend gut verlaufen. Nach der letzten Wehe, die die Plazenta löste, fiel die junge Mutter erschöpft in einen tiefen erholsamen Schlaf.
Editha fühlte sich elend und schwach. Ihr war so gar nicht wohl in ihrer Haut. Ab und zu quälten sie noch Wehen, die Nachwehen.
Kommt da noch ein Kind raus? Ach, ist das alles schrecklich! Wie wird es weiter gehen? Freuen sollte sie sich. Pah, es sei ein schönes und gesundes Kind. Sie will es doch nicht! Wer der Kindsvater sei! Na, ein Scheusal, Ungetüm, Monster, Bestie….
Todunglücklich zermarterte sie sich ihr Köpfchen und tröstet sich selbst: „na ja, er ist eh nicht mehr da.“
Sie glaubte mit dem Mann, dem Kindesvater, eine Zukunft aufbauen zu können. Ja, sie hat ihn geliebt. Es war ihre erste große Liebe. Er war so ein stattlicher, großer, starker, fröhlicher, einfühlsamer, schöner Mann. Was waren das für herrliche Stunden, Tage, Wochen, Monate in Liebe vereint. Sie hat ihm alles gegeben, weil sie ihm, wie er sagte, ihre Liebe mit ihrem ganzen Körper ohne Hemmung beweisen müsste. Sie hat es bewiesen, und es waren berauschende Stunden. Sie haben getanzt, gelacht, geliebt – bis – ja bis. Ach, nicht mehr daran denken. Er hatte sie zu schwer im Herzen verletzt, geschlagen und betrogen. Sie wollte nichts mehr von ihm wissen. Könnte sie doch die Gedanken einfach hinwegspülen. Sie sah den Mann lieber tot. So strengte sie sich an, diesen schönen stattlichen Mann in Ihrem Kopf und im Herzen für immer sterben zu lassen. Also ist er im Krieg gefallen.
Dennoch machte sie sich immer wieder Vorwürfe:
„Oh Jessas, Jessas, war ich blöd! Habe mir eingebildet er liebt mich, nur mich, und dann...!“
Sie verdrängte sofort wieder die beobachtete Szene und das in ihrem Kopf aufsteigende Bild. Sie darf nicht mehr daran denken. Es verschnürte ihr den Hals, verbrannte ihr das Herz. Das machte sie innerlich wütend und sie hasste den Kindsvater und alle die Beteiligten, die sie gesehen und gehört hatte. Gäbe es eine Steigerung von Hass, sie würde diese erfinden. Sie hasste alle, besonders ihre Mutter, Agnes Prochaska. Editha glaubte felsenfest, dass Agnes, als Editha durchs Schlüsselloch guckte, Umrisse und die Stimme von Agnes Prochazka erkannt zu haben. Jedenfalls war sie schwer verdächtig. Außerdem hatte sie ihrer Tochter nie hilfreich zur Seite gestanden, nie. Auch nicht, wenn ER, der Kindsvater, sich über Editha beklagte. Dann bekam sie obendrein von ihrer Mutter Beschimpfungen und wenn Editha dagegensprach, auch geschlagen.
Und nun war das Kind von diesem Mann da. Es hatte genauso dichte, schwarze Haare wir ER. Unmöglich es zu behalten. Außerdem ist es ein Mädchen! Es sollte doch ein Junge werden! Alles war falsch gelaufen. Eigentlich ihr ganzes bisheriges Leben. Sie hat sich geschworen, nie wieder einem Mann Ihre Zuneigung zu schenken. Sie werde es der Männerwelt schon noch zeigen!
Und wie ist ihre künftige Existenz? Versaut, verpfuscht, vernichtet. Total ruiniert. Eine niederzerschmetternde Bilanz!
So hoffnungslos? Aber nein! Das würde nun alles anders werden. Ganz anders! Editha hatte noch einen riesen Joker parat.
Schlafen ist das einzige was sie noch wollte. Schlafen und nichts mehr denken müssen. Da, schon wieder die fragende Schwester in der Tür. Hört denn das nie auf, lasst sie doch in Ruhe!
Ausgelaugt, widerstrebend rückte sie mit dem „Joker“ raus und antwortete recht stockend:
„Ich habe bereits Eltern für das Kind. Einen Tag, bevor ich ins Spital ging, habe ich sie verständigt. Sie holen das Baby bald ab. Sie besitzen zwei große Fabriken und dort ist das Kind bestens untergebracht.“
„Hast du etwa dein Kind verkauft“? Kam es spontan zurück.
„Nein, verschenkt. Ich will für das Ding kein Geld. Ich brauch von dem nichts.“
Editha warf ihren Kopf ruckartig zurück und fühlte sich bestärkt, als gebrandmarkte Sünderin in so einer Situation richtig gehandelt zu haben. Sie gab noch an, bei einer Agnes Prochazka gewohnt zu haben und dort, weil sie schwanger war, aus dem Haus geworfen wurde. Doch jetzt war sie enorm überfordert. Sie verstrickte sich in Lügen. Sie dachte, mit der Entbindung sei alles Übel aus ihr raus. Im Gegenteil, ein uferloser Wirrwarr um sie herum und in ihrem Kopf. Was sollte sie noch antworten? Es war ein Durcheinander. Ihr ganzes bisheriges Leben verlief freudlos und chaotisch. Nicht mehr darüber nachdenken. Verzweifelt suchte sie ihr Gesicht im Kissen zu verstecken:
„Lasst mich doch in Ruhe. Ich will schlafen, lasst mich endlich in Ruhe!“
Das Krankenhaus-Team wunderte sich über nichts mehr. Täglich wurden sie mit den verschiedensten, mysteriösesten Schicksalen, die in dieser Zeit den Menschen widerfuhren konfrontiert. In einem Gremium diskutierten sie diesen komplizierten Fall. Einiges Brauchbares für fundierte Recherchen hatten sie nun doch von Editha erfahren. Sie waren sich einig, das Baby war ein Besatzungskind. Die Möglichkeit bestand, und das Verhalten von der jungen Frau bestätigte ihr Denken, dass das junge Mädchen vergewaltigt worden war. Auf jeden Fall, wieder mal eine Herausforderung für die Fürsorge.
Frau Agnes Prochazka, die Mutter von Editha Handel wurde verständigt.
Vier Tage waren vergangen. Die junge Mutter saß aufrecht im Wochenbett und stillte ihr Kind. Aber gerade nur so, dass sie ihre Pflicht erfüllte, weil man ihr halt den Säugling brachte und sie das Baby für die Adoptiveltern gut versorgt abgeben wollte. Trotz ihrer zarten Gestalt und kleiner Brust, war eine Menge Muttermilch vorhanden. Sie hätte deswegen auch eine Amme abgeben können. Eine Nährmutter für weitere Säuglinge.
Das Kindchen hing saugend mit geschlossenen Äugelein an der Brust, und Editha starrte dabei gedankenverloren vor sich hin. Ihr Blick hätte Löcher in die Wand bohren können. Hin und wieder rollten Tränen über ihre Wangen, die sie schnell mit einer Armbewegung wegwischte. In ihrem blonden Lockenkopf schwirrten die Gedanken wie flatternde Schmetterlinge. Immerfort quälten sie die gleichen Gedanken:
Wie lange müsste sie dieses Kind noch stillen. Sie mochte den Körperkontakt nicht. Froh wäre sie, wenn man es bald abholen könnte. Ihre Mutter würde Sie mit dem Kind weder
