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Kerstins Leben schien einfach perfekt. Sie war mit ihrem Mann und den Kindern nach Amerika ausgewandert und hatte mehre Millionen Dollar gewonnen und sich eine Ranch gekauft. Dort bauten sie ein riesiges Feriencamp für benachteiligte Kinder. Doch nach einigen Jahren explodierte in Hamburg ein Atomkraftwerk und die Menschen flohen auch nach Amerika. Kerstin und ihr Mann bekommen vom Präsidenten der USA den Auftrag, eine Stadt für die deutschen Flüchtlinge zu bauen.
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Seitenzahl: 432
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Tiffany Anders
Ein halbes Jahr Amerika
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
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Impressum neobooks
Mein Mann wollte unbedingt nach Amerika auswandern und da er ein richtig gutes Jobangebot als Informatiker in Texas bekommen hat, haben wir tatsächlich unsere Sachen gepackt und sind in die USA ausgewandert. Für mich war es damals wirklich ein großes Abenteuer, da ich die USA nur aus dem Fernsehen und Erzählungen kannte. Ich kam nicht so schnell zurecht, wie mein Mann Thorben, oder unsere Kinder Lena und Bjarne. Thorben konnte perfekt englisch, da er schon einmal in den USA gelebt hatte. Er passte auch richtig gut in die USA. Jedenfalls hätte ich mir damals Amerikaner so vorgestellt. Groß und breit, wie ein Abwehrspieler beim Football. Außerdem ließ er sich von niemandem etwas sagen und er stand zu seinem Wort. Wenn er was wollte, dann passierte es auch.
Lena wurde in die erste Klasse gesteckt, obwohl sie in Deutschland die erste Klasse gerade abgeschlossen hatte. Doch sie wurde nach drei Wochen schon in die zweite Klasse hoch gesetzt, da sie unglaublich schnell englisch lernte und sonst auch wirklich gut in der Schule war. Man merkte schnell, dass sie in der amerikanischen Schule besser zurechtkam, als in der Deutschen. In den USA wurde sie von Anfang an nach ihren Stärken gefordert und gefördert und das waren einige. In der deutschen Schule war Lena ständig langweilig, da sie schneller lernte, als ihre Klassenkameraden und immer warten musste, bis diese mit ihrem Pensum durch waren. Auch schon nach 2 Monaten wurde sie auf der Straße gefragt, ob sie nicht modeln möchte. Lena sah auch aus, als wäre sie dem neustem Schönheitskatalog entsprungen. Sie hatte lange blonde Haare bis zum Hintern, wunderschöne große blaue Augen und für eine damals 7 jährige richtig lange Beine. Lena brachte es sehr viel Spaß zu modeln, also ließen wir sie, solange ihre Schule oder Familie und Freunde nicht darunter leiden mussten.
Ihr Bruder Bjarne schlug viel mehr nach dem Papa. Er war mit seinen 10 Jahren schon genauso kräftig wie er aussah. Er war nicht dick, aber sehr kräftig gebaut. Thorben sagte immer, das Bjarne bestimmt mal Footballer wird und die Frauen auf ihn fliegen würden. Mit seinen blauen Augen, blondem Haar und dem charmanten Grinsen, das zumindest schon mal jedes Omiherz zum schmelzen brachte. Er hatte auch keine Probleme, sich in der neuen Heimat einzuleben. Schon wenige Tage im Kindergarten und er brachte den ersten Kumpel mit nach Hause.
Als wir in den USA ankamen hatten wir sofort ein kleines Häuschen mit Garten in einem Vorort von Houston in Texas und zwei Autos. Der Chef von Thorben hatte für alles gesorgt, sogar für die Anmeldungen in der Schule und Kindergarten. Mittlerweile waren Thorben und sein ehemaliger Chef, Boris, sehr gute Freunde. Thorben und Boris waren fast jeden Samstag unterwegs zum „rumballern“ .Entweder sie spielten Paintball oder sie ballerten irgendwo in der Wüste auf irgendwelche Gegenstände oder Bäume. Wenn man Boris sah konnte man denken, er würde nach 10 Meter sprinten irgendwo keuchend in der Ecke liegen. Er war nur 165 cm groß und bestimmt fast genauso breit, aber voll fit. Wir machten oft Witze über seine Glatze, da sein Kopf wirklich kugelrund war und die Sonne sich sehr schön auf seiner Kopfhaut spiegelte. Thorben rasierte sich die Kopfhaare auch immer ab, da es schon einige kahle Stellen gab, aber so rund war Thorbens Kopf nicht. Boris war ein totaler Witzbold, in seiner Nähe hatte man immer etwas zu lachen. Während die Männer sich zum ballern traffen, machte ich mir mit Lydia, der Frau von Boris und den Kindern einen schönen Tag. Allerdings waren unsere Unternehmungen abwechslungsreicher. Wir fuhren an den Strand, in den Freizeit oder Wasserpark, in Zoos oder wir gingen einfach in den riesigen Nationalparks die es in den USA überall gibt, spazieren. Abends trafen wir uns dann wieder alle zum gemeinsamen Barbecue. Lydia war das absolute Gegenteil von Boris. Sie war bestimmt 185 cm groß mit dicken lockigen, blonden, langen Haaren, die ihr fast bis zum Hintern gingen. Meine Haare waren auch echt lang, aber ich hatte braune, glatte und keine dicken Haare. Manchmal war ich schon ein wenig neidisch auf Lydias Haare. Ihre Kleidung war immer absolut perfekt aufeinander abgestimmt. Wenn ich sie so auf der Straße gesehen hätte, hätte ich sicher gedacht, die ist bestimmt total eingebildet. Aber Lydia war eine ganz nette und wir verstanden uns auf Anhieb, von der Sprache mal abgesehen. Eigentlich passte sie rein äußerlich gar nicht zu Boris, aber sie waren schon seid 17 Jahren verheiratet und verstanden sich blendend. Wie zwei Jugendliche frisch verliebte kamen sie einem manchmal vor.
Ein Jahr nachdem wir in die USA kamen, gab es einen Lottojackpot von unglaublichen 109 Millionen Dollar und ich kaufte mir damals spaßeshalber ein Los. Ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet, dass ich gewinnen könnte, vor allem nicht so eine Summe, doch ich gewann. Mein Mann kündigte seinen Job, ist aber immer noch für Boris da, wenn er Hilfe braucht. Und wir kauften uns eine alte Ranch mit einem 300qm Haus. In den USA war alles größer, aber ich war noch niemals in einem Haus, das so groß war und das uns ganz alleine gehörte. Wir haben eine große Veranda die einmal komplett über die ganze Breite und Länge des Hauses geht. Ich habe mir auch gleich eine Schaukel anfertigen lassen, auf der man locker mit fünf Leuten sitzen oder mit zwei liegen kann. So etwas kannte ich wirklich nur aus alten Western oder Filmen von Tom Saywer oder Huck Finn. Das Haus wurde drei Monate lang renoviert, bevor wir es beziehen konnten, da es schon jahrelang leer gestanden hat. Insgesamt hatte das Haus 11 Zimmer plus eine große Küche, 2 Badezimmer und 2 WC`s . Wenn man in das Haus reinkam, kam man auf einen großen Flur und wenn man nach Links ging kam man ins Büro. Wenn man nach rechts ging in ein leerstehendes Zimmer. Wenn man auf dem Flur rechts neben der Treppe lang ging, kam man direkt auf die Küche zu. Kurz vor der Küche auf der rechten Seite, war ein WC. Wenn man nach links ging kam man in das große Wohnzimmer, in das man auch vom Büro aus kam. Unsere Küche war noch größer als unser Wohnzimmer mit einem großen Tisch genau in der Mitte, an dem mindestens 32 Leute bequem sitzen konnten. Die Indianer hatten mir den Tisch extra angefertigt, er ist ein absolutes Unikat. In der oberen Etage befanden sich acht Zimmer, zwei Bäder und ein WC. Die Kinder bekamen ihre Zimmer genau nach ihren Vorstellungen eingerichtet. Im Wohnzimmer stand ein großer offener Kamin, der aber auch erstmal saniert werden musste. Das Haus war einfach ein Traum. Zu dem Haus gehörte Land das nicht ganz die Größe von Schleswig-Holstein hatte. Auf der Ranch befanden sich viele kleine Seen und Bäche, ein großer See, ein großer Wald und 2 kleinen Wäldchen.
Sehr bald wurde uns aber langweilig, da wir zwei Angestellte hatten, die sich um das Haus kümmerten und drei Arbeiter die für das riesige Gelände zuständig waren. Ich war zwar sehr oft mit den Kindern zum angeln oder baden und Thorben oft zur Jagd, aber wir hatten keine Herausforderungen mehr. Ich schlug Thorben vor, das wir uns ja Kühe kaufen könnten, da unser Land mal gemäht werden müsste und damit wir etwas zu tun hätten. Thorben war begeistert. Sofort am nächsten Morgen saß er mit Boris in seinem Pickup und fuhr in den Baumarkt. Als sie kurz nach Mittag wieder kamen, aßen sie nur schnell etwas, schnappten sich Bjarne und Sven den Sohn von Boris und fuhren dann sofort weiter aufs Land, um das Grundstück ein zu zäunen. Bis Boris und Thorben mit den kompletten einzäunen fertig waren, verging fast ein ganzes Jahr, aber sie waren glücklich und stolz, als sie es geschafft hatten.
Es dauerte keine Woche, bis Lydia und ich uns ernsthaft Gedanken um unsere Männer machten. Sie hatten nichts mehr zu tun und ihnen war langweilig. Mir kam der Gedanke, dass ich eigentlich meinen Traum endlich mal verwirklichen könnte. Ich wollte immer Pflegekinder, nur fehlte immer der Platz und das Geld. Jetzt wollte ich es anders und mehr, ich wollte eine Art Ferienerholung für benachteiligte Kinder und Jugendliche auf der Ranch schaffen. Beim Barbecue erzählte ich davon und die Männer waren sofort Feuer und Flamme. Aber so einfach wie ich es mir vorgestellt hatte, wollten die Männer es nicht haben. Anstatt Zelten, wollten sie richtige Bungalows überall in der Nähe des Hauses bauen, mit Strom und Wasseranschluss usw. . Eine Woche später fuhren die ersten LKW´s mit Material auf`s Gelände und die Männer machten sich ans Werk. Wir hatten einen Architekten aus Houston mit den Plänen beauftragt. Drei Jahre waren die Männer nun dabei und sie hatten insgesamt 20 Bungalows gebaut. Einer schöner und größer als der andere.
In den drei Jahren haben wir auch viele Kinder bei uns in den Ferien gehabt. Ich war glücklich. Einige Kinder kamen in jeden Ferien wieder und es wurden jedes Jahr mehr. Sie fühlten sich bei uns sehr wohl und viele weinten wenn die Ferien vorbei waren. Bei uns konnten die Kinder im großen See baden und angeln oder wer Lust hatte durfte bei den Kühen und Pferden helfen. Samstags nahmen Thorben, Boris, Sven und Bjarne, die Kinder die sie für geeignet hielten mit zum „rumballern“ und die anderen unternahmen etwas mit Lydia, mir und Lena. Thorben und ich hatten vier Betreuer und eine Betreuerin eingestellt, die uns mit den Kindern halfen. Es machte viel Spaß, es war aber nicht immer leicht mit vierzig bis fünfzig Kindern auf einem Haufen. Wenn die Ferien rum waren, brauchten wir erstmal wieder eine Woche um uns zu erholen.
Gleich in den ersten Ferien, kam Brenda zu uns. Brenda war so alt wie Lena und wuchs in einem Heim auf, da ihre Eltern beide durch Drogen ums Leben gekommen waren. Brenda war ein fröhlicher Wirbelwind, immer am tanzen und rumhopsen. Sie war etwas kleiner, als Lena, hatte aber genauso lange Haare nur in braun. Lena und Brenda waren von Anfang an die besten Freundinnen und nach zwei Tagen schlief Brenda schon nicht mehr in einem der Bungalows, sondern bei Lena mit im Zimmer. Nach Ende der Ferien gab es ein fürchterliches Heulkonzert und es war schwer die Beiden zu trennen. Ich dachte zu Anfang noch, es wird nur eine Ferienbekanntschaft von Lena, aber sie hatten ihre Handynummern ausgetauscht und schrieben sich jeden Tag hin und her, bis Brenda in den Ferien wieder bei uns war. Das ging drei Jahre so, bis uns die Heimleitung anrief und fragte, wie wir es schaffen würden, mit Brenda zurecht zu kommen. Thorben war am Telefon und konnte nicht so recht glauben, was sie ihm über Brenda erzählten. Sie würde sich ständig prügeln, petzen, lügen und stehlen. Thorben versicherte der Heimleitung, das sie sicher von einer anderen 12jährigen reden würden, doch die beharrte auf ihrem Standpunkt. Sie wollten Brenda in ein Heim für schwererziehbare Kinder geben. Das hätte aber bedeutet, dass Brenda in den Ferien nicht mehr zu uns kommen würde. Ich merkte, das Thorben langsam sauer wurde und verließ die Küche, da ich wusste, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis Thorben den Herren am anderen Ende der Leitung so richtig zur Schnecke machen würde. Aber es dauerte keine fünf Minuten da stand er vor meiner Hollywoodschaukel auf der Veranda. Er schaute mich an, grinste und zuckte mit den Schultern. Ich wusste genau, was er gemacht hatte und fragte ihn, wann sie kommen würde. In zwei Stunden, war die Antwort. Ich kuschelte mich an meinen Mann und konnte mir ein grinsen nicht verkneifen. Thorben ist ein Brummbär, ein ganz lieber, aber wenn es um das Wohl von Kindern geht, dann wird er zu einer Bestie. Lena und Bjarne kamen und kuschelten sich mit zu uns auf die Schaukel. Als Thorben Lena sagte, wir würden Brenda adoptieren rastete sie völlig aus vor Freude. Sie wollte ihr gleich schreiben, aber wir sagten ihr, sie solle sie jetzt erstmal in Ruhe lassen, da sie ihre Sachen packen müsste. Es fiel Lena schwer, aber sie versprach ihr nicht zu schreiben und zu warten, bis Brenda da war. Das Mädchen, das uns nach zweieinhalb Stunden, mit Sack und Pack, gebracht wurde, war unsere Brenda, das liebe, zurückhaltende, freundliche und gut erzogene Mädchen, das wir seit fast vier Jahren nur so kannten. Lena und Brenda waren sofort wieder unzertrennlich und das blieb auch so, bis sie auf verschiedene Colleges kamen. Aber selbst dann telefonierten oder schrieben sie sich noch täglich. Wir hatte auch nach Brendas Einzug bei uns, nie mehr Probleme, als die eines pupertierenden Teenagers.
Ein halbes Jahr später stand ich morgens zitternd vor dem Spiegelschrank im Badezimmer und schaute mich an. Dicke Tränen liefen mir über die Wangen. Nun war es schon 2 Wochen her, dass in meiner alten Heimat Schleswig-Holstein in Deutschland ein stillgelegtes Atomkraftwerk explodiert war. Das Kraftwerk sollte abgerissen werden und dabei wurde festgestellt, ein Reaktor, war noch nicht ganz runter gefahren und sie versuchten ihn runter zu fahren. Aber es sah schlecht aus, da das halbe Kraftwerk schon nicht mehr stand. Es war schon ein paar Wochen vorher klar, dass es passieren könnte, trotzdem sind unheimlich viele Menschen gestorben und viele werden noch durch die radioaktive Strahlung sterben. Die meisten konnten sich nicht vorstellen, dass so etwas passieren könnte. Ich konnte es mir ehrlich gesagt auch nicht vorstellen. Seit dem Unfall haben wir keinen Kontakt mehr zu meiner Familie oder unseren Freunden aus Schleswig-Holstein. Die Berichterstattung aus der alten Heimat ist auch mehr als schlecht, da sich verständlicherweise niemand in die Region der Strahlung traut. Wir wussten nicht, ob unsere Leute noch lebten oder gerade um ihr Leben kämpften, da das Handy, Telefon und Internetnetz in Deutschland und den Nachbarländern seit dem völlig zusammengebrochen war. Ich hatte schon seit Wochen nicht mehr richtig schlafen können. Alles war so unwirklich. 6 Jahre lang war mein Leben perfekt, uns ging es in jeder Hinsicht gut. Doch jetzt, mit einem Schlag war alles vorbei. Wir haben nicht einmal Tschüss sagen können. Den Kindern machte es nicht so viel aus, wie meinem Mann und mir. Sie waren noch zu klein, um sich jetzt noch an jemanden erinnern zu können. Wir haben zwar immer mal wieder nach Deutschland telefoniert, aber damit konnten die Kinder nichts anfangen.
Ich ging in die Küche um das Frühstück für alle fertig zu machen, als Lena aus dem Wohnzimmer rief, ich soll sofort kommen. Ich hörte an ihrer Stimme, dass es wirklich dringend zu sein schien. Ich flitze zum Wohnzimmer und blieb gleich an der Tür stehen und sah zum Fernseher. In Georgia waren über Nacht 5 große Schiffe mit Menschen aus Deutschland angekommen. Eins aus Niedersachsen und vier aus Schleswig-Holstein. Überall rannten Menschen am Strand rum und Polizisten und Soldaten versuchten irgendwie Ordnung zu schaffen. Ich schrie sofort nach Thorben, der auch ziemlich schnell, nur in Unterhose bekleidet neben mir stand. Meine Stimme schien sich sehr dringlich angehört zu haben. Er schaute genauso fassungslos wie ich auf die Bilder im Fernsehen. Es sah aus wie die Bilder vor zehn Jahren, als die Flüchtlingswelle aus Syrien und dem Irak nach Deutschland kam. Weinende und schreiende, flehende Menschen, völlig ausgehungert und ausgezerrt. Bei der Flüchtlingswelle in Deutschland sahen wir die Bilder der Menschen auch im Fernsehen, es hat uns damals auch sehr leid getan, aber das was wir jetzt sahen war anders für uns. Diese Menschen waren unser „Volk“ und ich fing an zu weinen, es war so nah, obwohl Georgia mehre hundert Kilometer von uns entfernt lag.
Thorben nahm mich in den Arm und versuchte mich zu trösten, obwohl ich merkte, dass er auch mit sich und den Tränen zu kämpfen hatte. Was machen wir denn jetzt, fragte ich ihn. Und mit einem Mal war er wieder voll da. Zieh dich an, sagte er nur kurz und rannte nach oben ins Schlafzimmer. Während wir uns anzogen rief er schon Boris an. Boris hatte schon vier Mal versucht uns anzurufen, um uns von der Ankunft zu berichten und um zu fragen, was wir jetzt tun werden. Boris und Lydia waren schon auf dem Weg zu uns, da sie uns nicht erreicht hatten.
Thorben wies Franky, unseren Hausmeister an, unsere gesamten nichtalkoholischen Getränke auf unsere Beiden Pickups zu laden. Lena, Bjarne und Brenda halfen ihm dabei. Franky hatten wir schon als wir das Haus kauften, als Hausmeister angestellt. Thorben hatte ihn damals von der Straße gesammelt. Franky war obdachlos, hatte aber keine Probleme mit Drogen oder Alkohol. Thorben hat sofort bei ihm gesehen, das er was drauf hat und hat ihn gefragt, ob er nicht für uns arbeiten möchte. Ich war damals nicht so begeistert, einfach einen Obdachlosen einzustellen, den wir überhaupt nicht kannten. Aber Thorben hatte sich nicht getäuscht, Franky war ein Arbeitstier und tat einfach alles, worum wir ihn baten. Irgendwann hat er sogar auf die Kids aufgepasst, wenn Thorben und ich mal weg mussten. Franky war ein sehr gemütlicher Mensch, immer ruhig und ausgeglichen. Das war aber anders wenn er arbeitete, dann musste es bei ihm immer zackig gehen.
Boris und Lydia fuhren mit zwei Autos auf den Hof. Lydia nahm mich sofort in den Arm und so langsam wich mir der erste Schock aus den Knochen und ich fragte in die Runde was sie eigentlich vorhaben. Was glaubst du denn wohl, fragte Thorben. Wir fahren da hin, setzte er gleich nach, ohne eine Antwort von mir abzuwarten. Was willst Du da, fragte ich, was sollen wir da tun, Getränke verteilen damit noch mehr Chaos ausbricht? Thorben blieb kurz stehen und fragte mich, ob ich schon mal auf den Gedanken gekommen wäre, dass vielleicht Verwandte von mir oder Freunde von uns dabei wären. Schlagartig wurde mir klar, wir mussten da hin.
Wenn sein Bruder Rene dabei wäre, würde er alles daran setzen ihn da raus zu holen, zur Not auch mit Gewalt. Rene war eigentlich gar nicht sein richtiger Bruder. Sie hatten sich vor Jahren bei einer Kaufmannsausbildung kennen gelernt und wurden richtig dicke Freunde. Da sie sich sehr ähnlich waren, vermuteten die Leute immer, dass sie Brüder wären. Und so wurden sie eben Brüder, wenn auch nicht Blutsverwandt. Thorben hatte eigentlich keine Familie außer uns. Zu seiner Mutter hatten wir den Kontakt, lange bevor wir Deutschland verließen abgebrochen, da wir sie für völlig irre hielten. Sie änderte ihre Meinungen und Launen innerhalb von Sekunden und die schlechten Launen lies sie die Menschen in ihrer Umgebung auch sofort spüren. An seinen Vater und seine beiden Halbbrüder konnte Thorben sich nicht mehr erinnern, da sein Vater ihn und seine Mutter verlassen hatte, als er drei Jahre alt war. Mit meiner Familie hatte ich selten Kontakt. Meine Mutter ist noch vor uns nach Kanada zu einer Freundin ausgewandert und kam uns jedes Jahr im November zu Thanksgiving besuchen. Zu meinem Vater hatte ich seid dem wir Deutschland verlassen hatte keinen Kontakt mehr. Wir stritten uns in Deutschland ständig, weil er Thorben nicht mochte. Von meinem kleinen Bruder, der bei meinem Vater lebte, hatte ich seid Deutschland auch nichts mehr gesehen oder gehört.
Wir vergewisserten uns noch, das Franky und unser Hausengel Claire so lange bei den Kindern bleiben würden, bis wir wieder da waren. Claire ist kurz nach Franky zu uns gekommen. Franky hatte uns gefragt, ob wir noch eine Köchin benötigen würden. Eigentlich brauchten wir niemanden, aber Franky kannte sie von der Straße und wir wollten ihr eine Chance geben. Claire war schon etwas älter und eigentlich so wie man sich eine Köchin vorstellte, etwas ründlich, gemütlich , aber sehr laut und konsequent, wenn es drauf ankam und sie konnte kochen wie ein fünf Sterne Koch. Claire und Franky waren absolute Glücksgriffe. In den USA ist es so, dass man, wenn man auf der Straße sitzt, eigentlich keine Chance mehr hat, da raus zu kommen.
Den Kindern erklärten wir kurz die ganze Situation und dann fuhren wir mit 4 Autos los. Wir wollten unbedingt vor Mittag noch die Staatengrenze zu Georgia passiert haben, doch 200 Kilometer vor dem Ziel war fast kein Durchkommen mehr. Da wir die Straßen am Strand längs fuhren, kamen wir kaum voran. Die gesamte Küste war abgesperrt und Soldaten sorgten dafür, dass sich auch niemand an den Strand traute.
Wir kamen erst zur Kaffeezeit an der Staatengrenze zu Georgia an und ab da boten sich uns wieder die schrecklichen Bilder, die wir morgens schon im Fernsehen gesehen hatten. Wir hielten im nächsten Ort und berieten, was wir nun tun würden.
In dem Ort, der nicht einmal 2 Kilometer vom Strand entfernt lag, war nichts von den Ankommenden zu sehen. Man merkte aber schnell, dass die Menschen große Angst vor den „Deutschen“ hatten. Es war die gleiche Angst, die wir damals hatten als die Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Mein Mann und ich hatten Anfang des Jahres unseren Einbürgerungstest gemacht und waren nun Amerikaner. Aber in dem Cafe in dem wir saßen um etwas zu Essen, fühlte ich mich wie eine Ausländerin. Ich hörte den Menschen um uns rum zu, wie sie von ihren Ängsten über diese Menschen die dort in der Nacht angekommen waren sprachen. Am liebsten hätte ich versucht ihnen ihre Ängste zu nehmen, aber ich wusste nicht wie. Ich hatte damals selber Angst vor den Menschen, die aus einem völlig anderem Land und Kulturkreis zu uns kamen. Ich hatte Angst vor dem anderen Aussehen, vor der anderen Kultur, der Religion oder vor Terroranschlägen.
Da wir in den nächsten Stunden sicher nicht mehr viel erreichen würden, gingen Lydia und ich durch den Ort, um Zimmer für die Nacht zu suchen. Die beiden Männer wollten versuchen an den Strand zu kommen, um eine Kommandozentrale oder etwas ähnliches zu finden. Boris fuhr mit meinem Wagen, da ich ja Getränke auf dem Wagen hatte. Wir hatten vereinbart, dass wir uns zwei Stunden später, wieder in dem Cafe treffen würden, doch Thorben und Boris kamen erst nach dreieinhalb Stunden wieder zurück. Ihre Gesichter waren kreidebleich. Boris sagte, dass er so ein Elend noch nie gesehen habe und er es sicher niemals vergessen wird. Thorben erzählte, das die Flüchtlinge, laut Aussage des Kommandeurs, definitiv keine Strahlung abbekommen haben. Das jetzt erstmal alle Leute registriert oder wenigstens Namentlich aufgelistet werden und dann irgendwie verteilt werden. Thorben hat gleich zum Kommandeur gesagt, wenn Freunde von uns und die Familie von mir dabei wären, er sie gerne mitnehmen würde und wir uns um sie kümmern. Der Kommandeur sagte, er hoffe, dass alle mit uns befreundet oder verwandt wären, das würde ein riesiges Problem lösen. Aber da solle sich die Regierung drum kümmern, er wäre nur für die Ordnung und Registrierung zuständig. Die Getränke durften Boris und Thorben einfach über den Zaun werfen. Boris erzählte, es habe ihn sehr erschüttert, dass Menschen sich wie Tiere auf die Getränke stürzten. Es gab wohl bis mittags nur Getränke an der Kommandozentrale und die Menschen die zu weit weg von der Kommandozentrale standen, wurden vom Militär nur mit Wasser besprüht. Es sind insgesamt 12334 Menschen lebend in der Nacht angekommen. Allerdings soll ein großer Pott mit mindestens 2000 Menschen gesunken sein. Die letzten drei Tage der Überfahrt hatten sie nichts mehr zu essen. Wasser konnten sie durch heftigen Regen gewinnen, der in 4 Nächten auf See runterging.
Ich fragte Thorben, ob er jemanden erkannt habe. Aber er schüttelte den Kopf und sagte, dass es auch kein Wunder sei. Alle dort waren fürchterlich dreckig und von der Sonne gut braun gebrannt. Außerdem habe er niemanden unserer Freunde oder Familie seit über 5 Jahren gesehen.
Thorben und ich riefen noch unsere Kinder an und erklärten ihnen, wie der Sachstand war und wie es weitergehen sollte. Dann versuchten wir schlafen zu gehen, da wir am nächsten Morgen wieder kommen durften, um unsere Leute per Namensliste raus zu suchen.
Wir konnten Beide nicht einschlafen und so unterhielten Thorben und ich uns darüber, was passiert war. Wir listeten die Menschen auf, von denen wir hofften, dass sie unter den Flüchtlingen sind. Und wir sprachen darüber, was wir mit ihnen machen würden. Klar war, dass sie erstmal in unseren Bungalows unterkommen müssten. Für die Ferienkids, wollte Thorben, denn doch erst einmal Zelte aufstellen. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass überhaupt jemand von unseren Leuten unter den Flüchtlingen war. Das Städtchen in dem wir lebten, bevor wir in die USA kamen hatte mehr Einwohner, als Flüchtlinge angekommen waren. Das Städtchen lag auch mehr an der Ostküste von Schleswig-Holstein und die Schiffe waren von der Westküste aus los gefahren.
Am nächsten Morgen, wurde ich durch klopfen und rufen von Boris geweckt. Ich schaute auf mein Handy und erschrak ein wenig, da wir schon 8. 41 Uhr hatten. Eigentlich wollten wir schon um halb 8 Uhr aufstehen, aber wir hatten beide unsere Wecker nicht gehört. Ich sagte Boris er soll reinkommen und fragte ihn warum er uns nicht schon früher geweckt hat. Aber Boris und Lydia hatten auch verschlafen. Somit saßen wir erst um kurz nach 9 Uhr beim Frühstück zusammen.
Nach einem kurzen Frühstück machten wir uns auf dem Weg zum Strand. Als wir dort ankamen standen schon unzählige Busse bereit, die die Flüchtlinge abtransportieren sollten. Der Kommandeur mit dem Thorben am Tag zuvor gesprochen hat, stand am ersten Bus und wollte gerade anfangen die ersten einsteigen zu lassen. Er freute sich Thorben zu sehen, er dachte schon wir hätten es uns anders überlegt. Er machte mit Thorben ab, das wir uns die Leute rausfischen. Die würden denn noch einmal extra registriert werden, dass sie mit zu uns gehen.
Der Kommandeur war ein großer, breiter, sehr durchtrainierter Marine Soldat mit einem Haarschnitt, der absolut perfekt geschnitten war. Er war schon älter, war aber durch und durch Soldat. Der erste Eindruck machte mir Angst. Er schien sehr korrekt zu sein und keine Fehler zu zulassen. Doch er war zu uns wirklich sehr freundlich. Bei seinen Untergebenen sah es anders aus. Die bekamen kurze und deutliche Anweisungen, die sie gefälligst ordnungsgemäß auszuführen hatten.
Es war ein Tisch aufgestellt auf dem ein Computer stand, mit einem Kasten auf dem Fingerabdrücke gescannt werden. Jeder Flüchtling musste noch einmal seinen Namen sagen und seine Abdrücke abgeben. Nach ungefähr 15 Minuten war ein etwa 10 jähriger Junge an der Reihe. Er schien irgendwie ganz allein zu sein und Thorben fragte den Kommandeur, wo seine Eltern waren. Der Kommandeur sagte, das der Junge eins von 23 Kindern unter 15 Jahren sei, das ganz alleine hier angekommen war. Mein Magen zog sich zusammen und ich schaute Thorben hilfesuchend an. Thorben nickte mir zu und sagte dem Kommandeur, das wir, wenn es möglich wäre auch die Kinder mitnehmen möchten. In das Gespräch mischte sich ein Mann ein. Er stellte sich als ein Mitarbeiter des Jugendamtes vor. Er erklärte uns, dass es leider nicht möglich wäre, da die Kinder in die Obhut des Jugendamtes genommen werden. Ich fing an mit dem Mann zu diskutieren, dass diese Kinder ja zu meinem Volk gehören und was wir für die Kinder in den USA taten. Er schaute mich an und fragte ungläubig, ob ich Frau Berg sei. Ich war total verdutzt, das er meinen Namen kannte und er erzählte mir, dass unsere Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen weit über Texas hinaus bekannt wäre. Das wir auch mit extrem schwierigen Kindern zurechtkommen würden und das sich die Jugendheime und Ämter um einen Platz bei uns in den Ferien reißen würden. Er entschuldigte sich und ging telefonieren. Nach 10 Minuten kam er wieder und wollte meinen Ausweis sehen. Ich gab ihn ihm und er sagte seinem Gesprächspartner am Telefon, das ich wirklich Die Frau Berg bin. Er telefonierte noch einen Augenblick und sagte dann seinen 4 Kollegen, dass ich die Kinder mitnehmen dürfe. Die Unterlagen der Kinder würden an das Jugendamt in unserer Gemeinde übergeben werden. Er war bereit sich noch vor Ort um die Kinder zu kümmern bis alle Kinder durch waren und wir eine Möglichkeit gefunden hatten, die Kinder von dort weg zu bringen.
Boris fing an zu telefonieren, um einen Bus organisieren. Leider dauerte es fast 2 Stunden bis er ein Busunternehmen gefunden hatte, das noch einen Bus zu Verfügung hatte und auch nach Texas fahren würde. In der Zwischenzeit rief ich Franky und Claire an. Ich erzählte ihnen, das wir 23 Kinder im Alter von 4-15 Jahren mitbringen würden und bat sie schon einmal
Bungalows für die Kinder fertig zu machen. Franky erzählte, das sich schon einige unserer Freunde auf der Ranch eingefunden hätten, nachdem sie von der Flucht erfahren hatten. Sie wollten alle helfen. Justin, einer unser Ferienbetreuer war auch dabei. Wir hatten, als wir mit den Ferienkindern anfingen, mehrere Betreuer eingestellt und Justin, ein junger Mann der damals gerade sein Studium abgeschlossen hatte, war von Anfang an mit dabei. Er hatte sich schon gedacht, dass wir wenn es möglich ist, verwaiste Kinder mitbringen würden. Ich bat ihn zu versuchen, noch weitere Betreuer zu organisieren. Er sollte versuchen, Samanta zu erreichen. Samanta war auch seid Anfang an dabei und die Kinder liebten sie. Sie spielte Abends immer am Lagerfeuer Gitarre und sang dazu. Sie war zwar durch und durch ein Hippie und dazu noch Veganerin, aber wir kamen super mit ihr klar. Sie wollte eigentlich nach Europa in den Urlaub, aber ich hoffte, dass wir Glück hatten und sie sich doch noch in den USA befand und sie arbeiten konnte. Justin und die anderen versprachen ihr Möglichstes zu tun.
Ich war sehr stolz auf unsere Freunde. Mich überkam ein Glücksgefühl, das ich schon ewig nicht mehr verspürt hatte, es war einfach toll solche Freunde zu haben. Franky, Claire und Justin waren zwar unsere Angestellten, aber sie sind auch welche von unseren besten Freunden.
Ich ging wieder zurück zu Thorben und dem Kommandeur. Mittlerweile waren schon 2 Stunden vergangen, aber Thorben hatte noch niemanden von unseren Bekannten entdeckt. Mehrere Busse waren schon voll besetzt abgefahren und einige schon wieder leer zurück. Wir hatten aber immer noch Hoffnung. Es waren noch so viele Menschen am Strand. Nicht nur viele Flüchtlinge, da waren Polizisten, Soldaten, Ärzte oder Bürger die versuchten, die Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen. Nur bei dem Kommandeur war es etwas ruhiger. Die Flüchtlinge wurden durch einen Schlauch aus Gitterzäunen zum Tisch des Kommandeurs geleitet. Da wurden sie noch einmal registriert und dann sofort in den bereitgestellten Bus gebracht. Mit jedem Bus wurden 2 Soldaten mitgeschickt, um Fluchtversuche zu vermeiden. Die Kinder wurden gleich raus genommen und an den Herren und seine Kollegen vom Jugendamt übergeben.
Ich unterhielt mich mit Boris, Thorben und Lydia, als neben uns am Tisch, ein Mädchen das ungefähr so alt wie Bjarne war, ihren Namen sagte. Ich drehte mich zu ihr um und fragte sie, ob sie Andreas Groth kennt. Andreas Groth hatte ich vor über 20 Jahren auf der Beerdigung eines Freundes kennengelernt und wir hatten uns angefreundet. Der Kontakt hatte sich aber nachdem ich ein paar Orte weitergezogen war, hauptsächlich auf Facebook beschränkt. Neben der Lütten tauchte eine Frau auf, sie kam mir bekannt vor, aber sie war total dreckig, ihre Kleidung zerrissen, ihre schulterlangen offenbar braunen Haare waren total verfilzt und fettig und sie sah völlig fertig und verheult aus. Das ist mein Mann, sagte sie. Jetzt erkannte ich sie wieder, es war Andreas damalige Freundin Nicole, die er vor ein paar Jahren geheiratet hat. Ich fragte sie, ob er nicht mit sei. Sie erklärte mir unter Tränen, das sie ihn und die große Tochter, nach dem Sturm in der letzten Nacht auf See nicht wieder gefunden haben. Andreas sei mit Gina auf Deck gegangen, da sie sich übergeben musste. Als der Sturm sich gelegt hatte, wurden sie gleich von der Küstenwache an den Strand gebracht. Seid sie am Strand waren hatten sie Andreas und Gina gesucht, aber bei den vielen Menschen nicht gefunden. Thorben fragte den Kommandeur, ob Andreas oder Gina Groth schon durchgekommen wären. Der schaute kurz nach und konnte zu unserer Erleichterung feststellen, dass sie noch nicht mit durch waren. Wir sagten ihm, dass Nicole und ihre Tochter schon einmal auf unsere Liste kommen. Wir erklärten Nicole kurz was nun passieren würde. Sie fing an zu weinen und fiel mir vor Erleichterung um den Hals. Lydia fuhr mit den Beiden in den Ort, um ihnen frische Kleidung und etwas zu essen zu kaufen und das die Beiden sich duschen konnten.
Ein paar Minuten später nahm der Kommandeur einen dringenden Funkspruch entgegen. 200 Kilometer nördlich war noch ein Schiff auf den Weg an die Küste. Es wurde abgefangen und in unsere Richtung gelotst. Auf dem Schiff sollten sich noch einmal um die 2500 Menschen befinden. Der Kommandeur gab Befehle und ein großer Strandabschnitt wurde neu abgezäunt. Dann wurde ein Toilettencontainer auf den Abschnitt des Strandes gefahren. Da noch niemand sagen konnte, ob das Schiff das nun auf dem Weg war, Strahlungen ausgesetzt war. Ein paar Minuten bevor das Schiff an dem Küstenabschnitt eintraf, zogen sich einige der Soldaten und Ärzte Vollschutzanzüge an. Eine Waschanlage wurde zu dem Abschnitt gebracht und aufgebaut. Es war eine Waschanlage für Strahlungsopfer. Die Boote die von der Küstenwache an das Schiff ranfuhren, waren mit Leuten besetzt die auch solche Anzüge trugen. Der Kommandeur hatte ein Fernglas und schaute zu dem Schiff das jetzt in Sichtweite war. Die Boote der Küstenwache legten am Schiff an und die Besatzungen gingen an Bord. Sie hatten mehrere Geigerzähler dabei und gaben nach ca 30 Minuten Entwarnung, das die Strahlung zwar erhöht, aber noch völlig unbedenklich sei. Wir waren erleichtert.
Der Kommandeur meinte, dass sie alle bis auf das neue Schiff bis zum Einbruch der Nacht abgearbeitet haben wollten. Die Menschen von dem neuen Schiff würden sie nur notversorgen und am nächsten Tag bei Sonnenaufgang weiter machen. Wir hatten großen Hunger, aber wollten die restlichen Menschen die noch in den Bus steigen würden abwarten. Und uns hinsetzen und vor den Menschen etwas Essen wollten wir nicht. Der Kommandeur meinte, er würde locker 5 Tage ohne etwas zu essen auskommen, nur Wasser ist extrem wichtig. Lydia kam zurück und wir machten ab, dass sie schon zurück fährt. Nicole und Vanessa fuhren bei ihr mit und der Bus mit den Kindern fuhr ihnen hinterher.
So langsam lichteten sich die Menschenmassen und wir hielten Ausschau, ob wir wenigstens Andreas entdecken konnten. Leider fanden wir ihn und Gina nicht. Ich meinte, dass es ja vielleicht sein kann, dass er bei dem Sturm über Bord gegangen ist. Thorben wollte das nicht hören, denn schließlich war Andreas bei der Marine, der geht nicht über Bord.
Und dann entdeckte Thorben einen entfernten Bekannten, unseren ehemaligen Hausarzt und wir entschlossen uns ihn und seine Frau auch mit zu nehmen. Sie waren beide Ärzte und Ärzte kann man immer gebrauchen.
Ein Soldat kam zum Kommandeur und fragte, was jetzt mit denen passiert, die Ärger gemacht haben. Thorben und ich wurden hellhörig. Wenn Rene auf einem dieser Schiffe war, denn war er bei der Gruppe die Ärger gemacht hat, aus welchem Grund auch immer. Ich fragte den Kommandeur wie viele Ärger gemacht hätten und er sagte, es wären 15 Männer, eine Jugendliche und ein Kind von 10 Jahren. Nachdem alle Flüchtlinge der ersten 4 Schiffe mit den Bussen abgefahren waren, gingen wir zu einem Container, der provisorisch als Gefängniszelle diente. Dort standen 2 Soldaten mit Gewehren vor der Tür und salutierten vor dem Kommandeur. Sie berichteten dem Kommandeur, wie es zu den Festnahmen gekommen war. Ein Mann war als die Küstenwache die Menschen von dem 2 Schiff geleiten wollte, mit seiner jugendlichen Tochter an Deck. Er weigerte sich aber, das Schiff zu verlassen und wurde, genau wie seine Tochter handgreiflich. Schnell mischten sich auch andere in das Geschehen mit ein und es brach in eine kleine Schlägerei aus, die aber ziemlich schnell unter Kontrolle war. Thorben und ich wussten sofort, das es Andreas gewesen sein musste, der den Aufstand angezettelt hat. Der Kommandeur ließ den Container öffnen und den Mann der die Schlägerei in Gange gebracht hatte zu sich bringen. Als der Mann in der Tür stand schrie ich auf und sprang ihm an den Hals, es war tatsächlich Andreas. Die Soldaten hatten sich etwas erschrocken und ich sah aus meinem rechten Augenwinkel in einen Gewehrlauf. Der Kommandeur gab sofort den Befehl, die Waffen zu senken. Andreas hatte sich auch ein wenig erschrocken und schaute ziemlich verdutzt drein, als er mich erkannte. Er fragte mich schon nach ein paar Sekunden nach Nicole und ich sagte ihm, dass sie auf dem Weg zur Ranch war. Der Kommandeur befahl den Soldaten ihm die Handschellen abzunehmen und seine Tochter zu holen. Thorben fragte, ob er mit kommen dürfte um zu sehen, ob er noch jemanden kannte. Natürlich, meinte der Kommandeur, und die Beiden Soldaten gingen mit Thorben in den Container. Ich fragte, den Kommandeur gerade, was mit dem 10 jährigen Kind passieren würde, ob wir es und die Familie mitnehmen dürften. Der Kommandeur sagte, er würde sich über jeden Einzelnen freuen, den wir mitnehmen würden, allerdings müsste erst einmal geklärt werden, ob jemand Anzeige wegen Körperverletzung stellt. Auch Andreas müsste sich verantworten. Gina kam aus dem Container und fragte ihren Vater sofort nach ihrer Mutter und der kleinen Schwester. Andreas erklärte ihr alles und Gina schaute mich an und sagte, dass sie mich nicht wieder erkannt hätte. Geht mir genauso, erwiderte ich, das letzte Mal als ich dich gesehen habe, warst Du 4. Sie war groß geworden , schlank, mit dunkelblondem etwas mehr als schulterlangen Haar. Ihr ründlich, kindliches Gesicht, hatte sie aber immer noch.
Mich packte jemand an der rechten Schulter, ich drehe mich um und vor mir stand Rene und grinste mich an. Mir schossen die Tränen in die Augen und ich musste zum ersten Mal an diesem Tag weinen. Ich hätte schon den ganzen Tag wirklich heulen können, dieses Elend war einfach unerträglich. Rene nahm mich in den Arm und meinte, dass er sich nicht erinnern kann, das ich so nah am Wasser gebaut bin. Ich nannte ihn einen Blödmann, obwohl er mir ein kleines Lächeln entlockt hatte. Rene war etwas größer als Thorben und hatte volles braunes Haar. Er hatte etwas mehr als einen Dreitagebart im Gesicht, den er sich sicher, sobald er ein Rasierer und einen Spiegel hatte abnehmen würde. Ich hatte ihn höchstens mal mit einem kleinen Schnauzbart, doch nie mit einem Vollbart gesehen. Renes Tochter Ylva war bei Thorben auf dem Arm und schlief, sie war völlig erschöpft und bekam nichts mehr mit. Ylva war so alt wie Bjarne. Sie war ein normal gebautes 10 jähriges Mädchen, nicht dick oder dünn. Ihre weißblonden Haare waren ganz akkurat bis auf die Höhe ihres Kinns geschnitten. Thorben hatte auch Tränen in den Augen, aber wir waren total glücklich. Als die Sonne gerade unterging fuhren Boris, Andreas und Gina und die Beiden Ärzte Richtung Texas. Thorben und ich wollten noch das nächste Schiff abwarten und Rene wollte bei Thorben bleiben. So fuhren wir in den Ort und Rene und Ylva bezogen Lydia und Boris Zimmer im Hotel.
Am nächsten Morgen standen Thorben und ich schon früh auf. Der Kommandeur wollte um 8 Uhr mit der Aufteilung der Menschen von dem Schiff anfangen, das am Tag vorher noch kam. Rene und Ylva wollten nachgekommen, wenn sie ausgeschlafen und sich neue Kleidung gekauft hatten. Rene hatte sich tatsächlich den Fusselbart aus dem Gesicht genommen. Er sah wieder genau so aus, wie ich ihn kannte. Bevor wir los fuhren rief ich noch auf der Ranch an, ob alles in Ordnung wäre und alle gut angekommen sind. Ich hatte Bjarne am Telefon und er erzählte mir, das alle gut angekommen wären und das Claire in Etappen mit den Leuten Einkaufen fahren würde, damit sie erstmal das Nötigste hätten. Claire war begeistert, sie konnte nun für sehr viele Leute kochen und sie betütteln. Sie war laut Bjarne voll in ihrem Element. Claire war für uns alle die Großmutter die einfach alles regelte, der Hausengel eben.
Um kurz vor acht, machten wir uns auf den Weg zum Strand. Als wir dort ankamen sahen wir gleich, das noch ein neues Schiff gekommen war. Die anderen 4 Schiffe von gestern, waren nicht mehr da. Wir stellten unser Auto ab und gingen zum Kommandeur runter. Der sah nicht glücklich aus und sagte, dass er so langsam keine Lust mehr hätte. Am frühen Morgen wurde wieder ein Schiff mit 800 Menschen abgefangen und nach Georgia gelotst. Er ging aber davon aus, dass es das letzte Schiff sein würde. Er hielt es sowieso für ein Wunder, dass so viele Menschen unbeschadet aus Norddeutschland raus gekommen wären. Bis zum Abend wollten sie die Menschen abgearbeitet haben und das Lager abräumen. Der Strand würde aber noch abgesperrt bleiben. Einige Soldaten würden noch Patrouille gehen, bis die Sperrung komplett aufgehoben wird.
Kurz nachdem es losging mit dem registrieren rief jemand meinen Namen von der anderen Seite des Zauns. Wir schauten uns um und entdeckten eine junge Frau winkend am Zaun stehen. Sie versuchte zu uns zu kommen und ich ging ihr auf der anderen Seite des Zauns entgegen. Ungefähr 50 Meter bevor wir uns erreichten, erkannte ich meine jüngere Cousine Annika. Als ich sie das letzte Mal sah, hatte sie ordentlich was auf den Rippen. Jetzt sah sie total abgemagert und fertig aus. Eigentlich hatte sie lange blonde Naturlocken, die man aber nicht sehen konnte, da ihre Haare total fettig und zerzaust waren. Sie machte einen erbärmlichen Eindruck. Genau wie ihre Tochter Leia und ihr Freund Christian, die sich nun auch bis zu uns durchgewühlt hatten. Leia war in Lenas Alter. Sie war ein schlankes Mädchen mit Schulterlangen hellbraunen Haaren und einer süßen kleinen Stupsnase. Christian war schon seid über 15 Jahren mit Annika zusammen und sah noch genauso aus, wie früher. Groß und kräftig, mit einem kleinen Bierbauch, der aber bestimmt nicht von Bier kam.
Bei den dreien waren noch mein Vater Norbert, mein jüngerer Bruder Kai und eine ältere Frau, die ich nicht kannte. Mein Vater war klein geworden und statt einer Halbglatze trug er nun Glatze. Nur seinen Vollbart hatte er noch, allerdings war der mittlerweile weiß. Ich hatte meinen Vater schon ewig nicht gesehen, da wir uns in Deutschland nicht so gut verstanden haben. Trotzdem freute ich mich ihn zu sehen. Kai war groß geworden. Er war mittlerweile 17 Jahre alt und bestimmt 3 Köpfe größer als ich. Früher war er eher ein kleines Moppelchen und nun war er gertenschlank. Irgendwo auf der Straße hätte ich ihn bestimmt nicht wieder erkannt. Die kleine ältere Frau, mit dem kurzen weißen Haaren, stütze sich auf ihren Gehstock. Ich schätzte sie auf ca 70 Jahre, wie meinen Vater. Mein Vater stellte sie als seine Freundin vor. Ich freute mich riesig über die 6, sogar darüber das mein Vater mit dabei war.
Thorben hatte dem Kommandeur erzählt, das ich Verwandte von mir gefunden hatte und die sechs wurden von zwei Soldaten aus dem Lager geführt. Als sie raus waren, wurden sie erstmal alle ordentlich von mir gedrückt. Ich freute mich sehr endlich jemanden aus meiner Familie gefunden zu haben. Leider machten sie mir keine Hoffnung auf noch mehr Verwandte. Sie hatten sich auf dem Schiff zusammen gefunden und in den 2 Wochen auf See niemanden bekanntes entdeckt. Meiner Freude über die fünf und die Freundin meines Vaters, die übrigens den schönen Namen Klara hatte, tat das aber keinen Abbruch.
Der Tag ging zu Ende und es war tatsächlich niemand bekanntes mehr unter den Menschen. Ein paar Stunden bevor die Flüchtlinge registriert und in die Busse geladen waren, kamen Boris und Harry aus Texas. Ich war froh die Beiden zu sehen. Wir hatten Glück das sie mit zwei Autos kamen, denn es kamen noch einmal acht Kinder ohne Begleitung dazu, die wir auch mit auf die Ranch nehmen durften. Das Harry mit war, freute mich sehr. Harry war ein großer kräftiger Mann mit langen schwarz-grauen Haaren. Man sah sofort, dass er ein waschechter Indianer war. Ihm gehörte die Nachbarranch in Texas und wir waren vom ersten Tag an sehr gute Freunde. Er kannte sich super mit Heilkräutern und den Heilmitteln der alten Indianer aus und er hatte mir in den letzten Jahren sehr viel über Kräuter und ihre Heilmittel beigebracht. Harry machte im ersten Moment einen beängstigenden Eindruck, wenn man ihn nicht kannte, doch die Kinder mochten ihn immer sofort.
Es war schon fast dunkel, als wir Georgia verließen. Vier der Kinder fuhren bei Harry mit und die anderen 4 bei mir. Die restlichen 7 Erwachsenen und Ylva verteilten sich auf die Autos von Thorben und Boris. Der Rückweg nach Texas ging wesentlich schneller als der Hinweg und so waren wir innerhalb von 5 Stunden wieder in Texas. Während der Fahrt rief ich zu Hause an und bat Franky und Claire für die 16 Neuzugänge ein Schlafplatz fertig zu machen. Rene und Ylva sollten bei uns mit im Haus wohnen und gleich jeder ein eigenes Zimmer bekommen. Mein Vater, seine Freundin und Kai bekamen einen der kleineren Bungalows. Genau wie Annika, Leia und Christian. Unser damaliger Arzt Dr. Martin Engel und seine Frau Marlene bekamen einen Bungalow mit 4 Zimmern, damit sie Platz hatten, sich um eventuelle Kranke zu kümmern. Nicole, Andreas, Gina und Vanessa einen etwas größeren. 32 Kinder wurden so auf die Bungalows verteilt, dass in jedem Bungalow mindestens ein Betreuer, in Wechselschicht zur Verfügung stand. Das jüngste Kind, das ohne Eltern gekommen war, war der 4 jährige Marlon. Claire erzählte mir am Telefon, das er gleich als die Kinder auf der Ranch aus dem Bus stiegen, bei ihr auf den Arm gekrabbelt kam und eingeschlafen ist. Das hatte ihr Herz so erweicht, das Marlon bei ihr mit einziehen durfte. Marlon war ein Grashüpfer. Schlank und braune Haare , die aussahen, als hätte ihm jemand einen Kochtopf auf den Kopf getan und einmal drum herum geschnitten. Thorben und ich hatten damals, als Franky und Claire bei uns anfingen zu arbeiten, kleine Häuschen für die Beiden bauen lassen. Somit hatte Claire gleich ein Zimmer für Marlon frei, das sie auch schon liebevoll für ihn eingerichtet hatte. Die Beiden verstanden sich auch ohne Worte super.
Als wir auf die Ranch fuhren sagte ich den Kindern, dass wir gleich am Haupthaus ankommen würden. Leider hatte ich vergessen, dass die Größenverhältnisse in den USA ein wenig anders sind als in Deutschland. Unsere Ranch war immerhin 14000 Quadratkilometer groß. Nach 10 Minuten fingen die Kinder an zu nörgeln, wann denn nun das Haus kommen würde, aber es dauerte noch weitere 5 Minuten, bis wir vor unserem Haus standen.
Als wir aus den Autos stiegen wimmelte es nur so von Menschen. Es rannten fast 100 Leute hin und her. 5 Betreuer waren dabei, unter anderem auch Samanta und Justin. Samanta hatte ihre Europareise abgesagt, aus Angst Strahlungen ab zu bekommen. Die Kinder wurden unter den Betreuern aufgeteilt. Emily unsere Psychologin die normalerweise für die Ferienkinder da war, hatte sich auch bei uns eingefunden. Sie konnte sehr gut deutsch, da sie fast ein Jahr in Deutschland als Aupairmädchen gearbeitet hatte. Niemand der sie nicht kannte, würde sie für eine Psychologin halten, mit ihren blau und rotgefärbten Haaren, die sie auf einer Seite des Kopfes komplett abrasiert hatte. Auf der anderen Seite gingen ihre Haare fast bis zum Kinn. Ihre Kleidung war für ihre Figur eher unvorteilhaft, sie war etwas ründlich und es sah immer aus, als hätte sie ihre quietschbunten Klamotten, bevor sie sie anzog erstmal ordentlich zerfetzt.
In jedem Bungalow befand sich eine voll ausgestattete Küche und Claire hatte in jedem der besetzt werden würde die Kühlschränke ordentlich aufgefüllt. Die Kinder sollten sich waschen und frische Kleidung anziehen, dann noch schnell etwas essen und schlafen gehen. Unsere Freunde und Nachbarn, hatten Unmengen an Kleidung ran geschafft, die sie nicht mehr brauchten. Claire hatte alles noch einmal durchgewaschen und im leerstehenden Zimmer im Erdgeschoss unseres Hauses nach Größe und Geschlecht sortiert, eingeräumt. Manchmal glaubte ich Claire könnte irgendwie zaubern, sie hatte noch nie etwas nicht rechtzeitig fertig bekommen. Die neuen Kinder durften sich zuerst Kleidung aussuchen und dann fuhren sie auch schon mit ihren Betreuern in ihre Bungalows. Wir Erwachsenen aßen jeder auch noch etwas und dann gingen auch wir ins Bett und unsere Freunde fuhren nach Haus. Am nächsten Morgen wollten wir uns alle um halb 11 Uhr zum Brunch in der Hofeinfahrt treffen.
Leider regnete es am nächsten Morgen und wir verlegten unser Brunchen in die große Scheune, die wir auch oft als Tanzsaal für Feste nutzten. Als Franky, Thorben, Rene, Claire, Marlon und ich gerade die Tische mit Tellern und Besteck bestückten, rief jemand in einem klarem und lautem norddeutsch, Moin in den Saal. Wir drehten uns um und Justin stand mit ein paar Kindern am Tor und grinste. Wir lachten und Justin sah etwas verwirrt aus. Er fragte einen Jungen von etwa 15 Jahren auf englisch, ob es nicht richtig war. Doch sagte dieser, auch auf englisch. Wir erklärten Justin, dass es richtig war, aber die Kinder unbedingt englisch lernen müssten und das es witzig war ihn deutsch sprechen zu hören. Der Junge hieß Phillip und er hatte Justin die Nacht über beim übersetzen geholfen. Kurz vor 11 Uhr kamen auch Harry, Boris , Lydia und Sven. Harry hatte seine Frau mitgebracht und die Kinder kamen aus dem Staunen gar nicht wieder raus. Tiana war in Indianischer Tracht gekommen und sah wunderschön aus, alle Kinder wollten sie anfassen. Man sah Tiana an, das sie sich richtig wohl fühlte. In den USA werden die Indianer für das was sie waren normalerweise nicht so gefeiert.
Dann stürmten die Kleinen auf Harry zu und er musste sie erstmal alle drücken. Harry war begeistert, da er selber keine Kinder hatte, sich aber immer welche gewünscht hat. Er freute sich immer sehr auf die Ferien, damit er mit den Kindern etwas unternehmen konnte. Meistens zeigte er ihnen dann, wie die Indianer früher lebten. Da beide Ranchen zusammen unglaublich groß waren, war er mit den Kids auch schon mal drei Tage unterwegs. Die Kinder waren immer schwer begeistert. Sie lernten sehr viel bei Harry, wie man in der Wildnis überlebt, was man in der Natur essen darf oder wie man nur mit Dingen aus der Natur Fallen baute. Als alle da waren, fingen wir an zu essen. Wir hatten schon oft große Feste, aber meist wurde dann gegrillt. So ein großes Frühstück hatten wir noch nie. Es war furchtbar laut. Alle erzählten von ihrer Flucht und wen sie zurück lassen mussten.
Von den 32 Kindern hatten 25 gerade einen Ausflug auf einem Segelboot in der Nordsee mit drei Betreuern gemacht und wurden dann von einem Containerschiff aufgenommen. Nach 5 Tagen wurden sie auf ein anderes Containerschiff umgeladen, das schon andere Menschen ausfuhr. Sie wussten nicht, ob ihre Eltern noch lebten, ob diese noch in Deutschland waren oder irgendwo anders auf der Welt.
Die anderen waren entweder zufällig gerade in Hafennähe oder hatten sich vorher schon überlegt, dass wenn es brenzliger werden würde, sie mit einem Schiff fliehen wollten. Es war wohl ungefähr 2 Stunden vorher klar, dass der Reaktor explodieren würde. Einige Menschen hatten wohl auch versucht mit Flugzeugen zu fliehen. Wir hatten aber von Flugzeugen mit Flüchtlingen nichts gehört. Wieder andere versuchten mit ihren Autos in den Süden oder nach Dänemark zu flüchten. Die Dänen hatten aber ziemlich schnell die Grenzen dicht gemacht und nach Süden waren alle Straßen verstopft. Den Menschen bei uns am Tisch ging es sehr schlecht, vor allem den Kindern. Emily versuchte sich für jedes Kind sehr viel Zeit zu nehmen, um ihnen ein wenig über die erste Zeit hinweg zu helfen.
Die drei Betreuer der Kinder vom Segelboot interessierten uns. Wir brauchten auf der Ranch noch mehr Betreuer, da wir mit fünf auf Dauer nicht auskommen würden. Und für mindestens 25 Kinder waren sie ja schon Bezugspersonen. Wir wollten versuchen raus zu finden, wie sie hießen und wo sie unter gekommen waren. Und dann mussten wir noch versuchen, sie zu uns zu kriegen.
