Ein Hauch von Wunder - Christian Rautmann - E-Book

Ein Hauch von Wunder E-Book

Christian Rautmann

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Beschreibung

Manchmal braucht es nur einen Moment: einen Blick, eine Begegnung, ein Lächeln, und plötzlich liegt ein Hauch von Wunder in der Luft. In diesen 26 Weihnachtsgeschichten begegnen wir Menschen, die inmitten des Alltags etwas finden, das sie verändert: Hoffnung, Freundschaft, Liebe oder einfach das stille Gefühl, nicht allein zu sein. Da ist der Busfahrer, der ein verlorenes Kind nach Hause bringt, ein alter Mann, der in einer verschneiten Nacht einen Weihnachtsbaum zum Leuchten bringt, ein Engel, der einen ganz besonderen Auftrag erhält, und viele andere, deren Wege sich kreuzen, leise, berührend, manchmal heiter, manchmal melancholisch, aber immer mit Wärme und Herz erzählt. "Ein Hauch von Wunder" ist eine Einladung, die stillste Zeit des Jahres mit offenen Augen und offenem Herzen zu erleben. Zum Lesen bei Kerzenschein, zum Verschenken, oder einfach, um sich selbst ein kleines Stück Weihnachtszauber zu schenken.

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Seitenzahl: 168

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Vorwort

Manchmal braucht es nicht viel, um den Zauber von Weihnachten zu spüren – vielleicht nur ein paar stille Minuten, eine Tasse Tee, den Schein einer Kerze und eine Geschichte, die dein Herz berührt.

Dieses Buch möchte dich genau dorthin begleiten. Es enthält 26 Weihnachtsgeschichten – kleine Lichtblicke für dunkle Tage, geschrieben, um dir Wärme zu schenken und dich an das zu erinnern, was wirklich zählt.

Einige dieser Geschichten sind leise und nachdenklich, andere voller Freude und unerwarteter Wendungen. Doch alle tragen ein Stück Weihnachten in sich – das Gefühl von Geborgenheit, Hoffnung und einem Hauch von Wunder.

Jede Geschichte ist ein Fenster in eine andere Welt – warm, still, manchmal ein wenig verschneit.

Vielleicht liest du sie bei Kerzenschein, wenn der Abend ruhig wird, oder morgens, wenn der Tag erwacht.

Vielleicht auch mit jemandem, mit dem du das Licht teilen möchtest.

Diese Geschichten sind keine großen Gesten – sie sind kleine Funken, die leuchten, wenn du sie liest.

Und wer weiß: Vielleicht bleibt einer davon in dir und begleitet dich – weit über die Weihnachtstage hinaus.

Herzlichst,

Christian Rautmann

Inhalt

Die alte Dame aus der Zuberstrasse

Meerschweinchen

Tills Adventskalender

Die Kerze der Heiligen Barbara

Der Mann im roten Mantel

Der Nikolaus kommt

Nachtfahrt

Begegnung am Flughafen

Winterherz

Was wünschst du dir?

Klara und das Christkind

Marienkäfer Hike-Nike

Wenn die Lichter blinken

Lisa und das kleine Weihnachtswunder

Eine unerwartete Begegnung

Ein besonderer Einbruch

Sophies Stern

Weihnachtsüberraschung in Lindau

Der Weihnachtsbaum

Schokolade 1948

Das Jesuskind von Lebasing

Das Fest unter den Sternen

Die Weihnachtskrippe

Eine wundersame Nacht

Ein besonderer Auftrag

Lia, Jost und das Weihnachtswunder

Die alte Dame aus der Zuberstrasse

Karl Meißner kannte die alte Dame schon lange. Besser gesagt, er kannte sie vom Sehen. Jeden Tag, pünktlich um 11:34 Uhr, stand sie an der Haltestelle Zuberstraße und stieg in seinen Bus. Am Bismarcktor stieg sie wieder aus, um am Nachmittag denselben Weg zurückzufahren.

Karl mochte sie, denn sie war einer der wenigen Fahrgäste, die ihn beim Einsteigen grüßten und sich beim Aussteigen verabschiedeten. Die meisten übersahen ihn einfach. Gerade so, als gäbe es ihn gar nicht.

An diesem Vormittag lenkte Karl den Wagen durch den kalten Dezemberregen. Die Straßen glänzten nass, die Wischer klackten im Takt. In drei Tagen würde er in den Weihnachtsurlaub gehen. Das erste Mal seit vielen Jahren. Da er keine Familie hatte, hatte er immer die Dienste an den Feiertagen übernommen. Doch diesmal hatte er sich freigenommen. Keine Nachtschichten, kein Feiertagsdienst. Vielleicht würde er sogar seinen Bruder und dessen Familie in Berlin besuchen.

Er lenkte den Bus in die Haltebucht der Zuberstraße. Nur eine junge Mutter mit Kinderwagen stieg ein.

Karl sah sich suchend um. 11:35 Uhr. Wo war die alte Dame? Sie stand sonst jeden Tag hier. Er wartete noch einen Moment, dann schloss er die Türen und fuhr los. Vielleicht war sie wegen des Wetters heute zu Hause geblieben? Morgen würde sie bestimmt wieder da sein.

Doch am nächsten Tag war die alte Dame wieder nicht da. Und auch an Karls letztem Arbeitstag vor dem Urlaub wartete sie nicht an der Haltestelle. Ein ungutes Gefühl beschlich ihn. Obwohl er nicht einmal ihren Namen kannte, machte er sich Sorgen.

Kurzentschlossen griff er zum Mikrofon und machte eine Durchsage: „Kennt jemand die ältere Dame, die sonst immer an der Zuberstraße zusteigt? Sie ist seit ein paar Tagen nicht mehr da, und ich mache mir Sorgen. Wenn jemand etwas weiß: bitte kurz nach vorne kommen. Danke.“

Ein paar Köpfe hoben sich. Einige Leute tauschten fragende Blicke. Eine Gruppe Jugendlicher kicherte. Karl wollte schon weiterfahren, da bemerkte er ein kleines Mädchen neben sich. Es war vielleicht sieben Jahre alt und trug eine rosa Winterjacke.

„Ja?“, fragte er.

„Die Frau. Das ist die Oma Luise.“, sagte sie und lächelte stolz.

„Sie ist deine Oma?“, fragte Karl.

Das Mädchen schüttelte den Kopf. „Nein. Ich habe eine eigne Omi. Die Oma Luise kommt immer in die Schule. Zum Vorlesen. Sie schenkt uns auch Schokolade.“

„Fahren wir bald mal weiter?“, rief ein Fahrgast von hinten. „Einen Moment noch.“, antwortete Karl und wandte sich wieder dem Mädchen zu. „Weißt du denn, wo sie wohnt? Oder wie ihr Nachname ist?“

„Die Oma Luise hat uns erzählt, dass sie im ältesten Haus der ganzen Stadt wohnt. Da ist sie auch geboren.“

Karl bedankte sich, schenkte ihr eine Zwei-Euro-Münze und fuhr weiter. Doch der Gedanke ließ ihn nicht los. Nach seiner Schicht würde er dieses Haus suchen. Es musste ja irgendwo in der Nähe der Haltestelle Zuberstraße sein.

Um 17.00 Uhr hatte Karl Dienstschluss. Er wünschte seinen Kollegen ein frohes Weihnachtsfest und ging dann zu seinem Auto. Eigentlich hätte er einfach nach Hause fahren können, aber er wusste, dass er sich dann die ganze Zeit fragen würde, ob vielleicht doch etwas mit der alten Dame passiert war. Also fuhr er los. In Richtung Zuberstraße.

Auf einem Parkplatz in der Nähe der Bushaltestelle tippte er „ältestes Haus der Stadt“ in sein Handy ein. Was er fand, war enttäuschend: Der Stadtteil war erst Anfang der 70er Jahre mit vielen Neubauten entstanden. Vorher waren dort Äcker und Bauernhöfe gewesen.

Karl seufzte. Anfang der 70er klang so gar nicht nach dem ältesten Haus der Stadt. Hatte das Mädchen sich geirrt? Dann fiel ihm ein Artikel auf. Eine Bürgerinitiative wollte verhindern, dass ein altes Bauernhaus abgerissen wurde: „das älteste Haus der Stadt“. Es lag ganz in der Nähe. Schnell gab er die Adresse ins Navi ein.

Kurz darauf hielt er vor einem alten Fachwerkhaus mit verwittertem Holz und verzierten Türrahmen. Die Schnitzereien waren kaum noch zu erkennen. In keinem Fenster brannte Licht.

Neben der Klingel stand auf einem kleinen Schild der Name: Luise Kampmann. Er war also richtig.

Kurz zögerte er, dann drückte er auf die Klingel. Nichts. Er klingelte noch einmal. Wieder keine Reaktion. Ratlos betrachtete er das dunkle Haus. Sollte er wieder gehen? Wahrscheinlich war sie einfach verreist? Über Weihnachten bei ihrer Familie? Aber sein Gefühl sagte ihm, dass das nicht stimmte.

Er sah durch die Fenster im Erdgeschoß. Eine kleine Küche. Das Wohnzimmer. Niemand war zu sehen. Er umrundete das Haus und kletterte über den niedrigen Bretterzaun. Ein schmaler Weg führte in einen ziemlich zugewucherten Gar-ten. Karl zwängte sich durch eine Hecke auf eine kleine Terrasse, auf der ein alter Tisch, drei Stühle und eine Schubkarre ohne Rad standen.

Sein schlechtes Gewissen meldete sich, weil er so tief in das Privatleben einer ihm eigentlich völlig unbekannten Frau eindrang. Doch nun war er hier. Er trat näher an das Fenster. Drinnen konnte er ein Bett und einen Schrank erkennen. Offenbar ein Schlafzimmer. Es schien niemand darin zu sein.

Gerade als Karl sich abwenden wollte, bemerkte er eine Bewegung. Mit der Lampe seines Handys leuchtete er in das Zimmer hinein. Da sah er sie.

Eine Frau lag auf dem Boden.

Panisch klopfte Karl an die Scheibe. Keine Reaktion. Sein Herz raste. Mit zitternden Händen wählte er die 112.

Kurze Zeit später heulten Sirenen durch die Straße. Feuerwehr und Notarzt trafen ein, und Karl erklärte hastig, was passiert war. Die Männer brachen die Tür auf. Wenige Minuten später trugen sie Frau Kampmann hinaus. Sie war schwach, aber am Leben.

„Ein Glück, dass Sie angerufen haben“, sagte der Notarzt. „Sie ist offenbar gestürzt und hat sich den Oberschenkelhals gebrochen. Sie muss schon mehrere Tage dort gelegen haben. Aber ich denke, dass wir sie wieder hinbekommen.“

Am nächsten Tag besuchte Karl Frau Kampmann im Krankenhaus. Er hatte ihr einen kleinen Weihnachtsbaum mitgebracht, der nun auf ihrem Nachttisch stand.

„Danke, dass Sie mich gerettet haben!“, sagte sie mit schwacher Stimme. Dann betrachtete sie ihn genauer. „Sie sind doch mein Busfahrer, nicht wahr?“

Karl nickte und drückte sanft ihre Hand. „Ja. Und ich freue mich schon, wenn ich Sie bald wieder an der Zuberstraße abholen darf.“

Meerschweinchen

Es waren einmal zwei kleine Meerschweinchen, die lebten zusammen mit vielen ihrer Artgenossen in einem Zoogeschäft. Dort hatten sie es gut. Vor allem bekamen sie jederzeit genug zu essen und zu trinken. Das war sehr wichtig. Besonders für Krümelchen, das eigentlich immer hungrig war. Und neugierig war es auch. Daher fühlte es sich im Gehege auch ziemlich wohl. Denn andauernd gab es neue Menschen zu betrachten, die in das Geschäft kamen. Manchmal sah auch jemand zu ihnen hinein. Oft waren es Kinder zusammen mit ihren Eltern.

Während Krümel dann immer unbedingt nachsehen musste, was passierte, war Purzel ganz anders. Wenn jemand zu nahe kam, versteckte sie sich schnell in einer der Hütten oder hinter dem Heu, das in einer Ecke des Käfigs lag. Vor allem dann, wenn eines der anderen Meerschweinchen von einem der Verkäufer aus dem Käfig geholt wurde. Manchmal sogar mehrere auf einmal.

Abends, wenn die Menschen alle weg und die Lichter im Geschäft ausgeschaltet waren, unterhielten sich Krümel und Purzel darüber, wohin die anderen wohl verschwunden waren. Purzel zitterte dann immer am ganzen Körper und war davon überzeugt, dass etwas Schlimmes mit ihnen passiert war. Krümel war sich einerseits zwar auch nicht so sicher, war auf der anderen Seite aber viel zu neugierig, um nicht mehr darüber wissen zu wollen. Doch sie konnten ja niemanden fragen. Und es war auch bisher keines der anderen Schweinchen zurückgekehrt.

So lebten sie ihr Leben im Zoogeschäft, bis eines Tages ein blondes Mädchen und ein rothaariger Junge an ihrem Käfig standen. Krümel hatte die beiden schon von weitem kommen gesehen und sofort gemocht. Vor allem das Mädchen, das sehr freundlich aussah.

„Schau mal, die beiden da.“, sagte sie zu Purzel, „Die sehen nett aus. Vielleicht nehmen die uns mit?“ Purzel riß die Augen auf, erstarrte vor Schreck und flitzte, so schnell es konnte, in das nächste Häuschen.

Krümel sah, dass die beiden Kinder am Gehege standen und sie beobachteten. Das Mädchen deutete auf sie. Der Junge nickte und suchte das Gehege ab. Schließlich fiel sein Blick auf Purzelchen, dessen Nasenspitze noch aus dem Haus herausschaute. Nun kam eine Frau dazu und unterhielt sich mit den Kindern. Das Mädchen deutete auf Krümel und der Junge auf Purzel.

Und nun geschah es. Sie beide wurden von einer Verkäuferin aus dem Käfig geholt. Kurz darauf saßen sie zusammen in einer kleinen Transportbox dicht nebeneinander. „Ob die uns essen werden?“, fragte Purzel ängstlich. Sie zitterte wieder am ganzen Körper. Krümel schüttelte den Kopf und biss genüsslich in ein Stück Gurke, das die Kinder in die Box gelegt hatten. „Nein, ich glaube, die sind ganz lieb. Reg dich nicht auf.“

Und so war es auch. Denn von diesem Tag an wurden sie von den beiden Kindern, deren Namen Isabel und Alexander waren, auf das Beste versorgt und verwöhnt. Sie hatten ein wunderschönes Meerschweinchenhaus mit drei Etagen und durften manchmal sogar in ein anderes Gehege, in dem sie so richtig rennen und toben konnten. Und dieser tolle Heuwagen! Der gefiel sogar Purzelchen. Dort konnte man sich nach dem Essen richtig gemütlich zu einem Schläfchen hinlegen. Krümel und Purzel waren sich einig: Sie hatten ganz großes Glück gehabt und fühlten sich in ihrem neuen Zuhause einfach (meer)schweinemäßig wohl.

Tills Adventskalender

Till rückte die alte Mütze zurecht, die vor ihm auf dem Bürgersteig lag. Nur ein paar Münzen lagen darin. Acht Euro und 23 Cent, zählte er. Für einen ganzen Vormittag war das verflixt wenig. Aber immerhin genug für ein Frühstück für ihn. Und natürlich für Maya.

Er sah zu seiner Collie Hündin, die treu an seiner Seite lag, und strich ihr liebevoll durchs Fell. Sie hob kurz den Kopf, als wolle sie sagen: Alles gut, wir schaffen das.

Die meisten Menschen gingen achtlos vorbei. Nur wenige lasen das Schild, das er vor sich aufgestellt hatte: „Ich habe keine Wohnung und kein Essen.“

Till lächelte trotzdem freundlich. Manchen wünschte er einen guten Tag. In den fünf Jahren, die er auf der Straße lebte, hatte er gelernt, dass Freundlichkeit oft mehr bewirkte als jedes Schild. Außerdem war es einfach seine Art. Er mochte die Menschen. Auch wenn sie ihn ignorierten.

Manchmal blieb jemand stehen, legte Geld in seine Mütze, schenkte ihm ein Lächeln oder sprach ein paar Worte mit ihm. Die meisten machten aber einen Bogen um ihn, vertieften sich in ihr Handy oder taten so, als wären sie in Eile. So war ich früher auch, dachte er. Damals, als ich noch auf der anderen Seite war.

„Entschuldigung?“

Till zuckte zusammen. Er war so in Gedanken versunken gewesen, dass er die beiden kleinen Jungen gar nicht bemerkt hatte, die vor ihm standen. Der eine war blond und trug eine Brille. Der andere hatte dunkle, wuschelige Haare. Beide trugen dicke Jacken und hatten rote Wangen von der Kälte.

„Ja?“, fragte Till erstaunt.

„Haben Sie eigentlich einen Adventskalender?“, fragte der Blonde schüchtern.

Till lächelte und schüttelte den Kopf. „Nein. Das habe ich leider nicht.“ Er deutete auf die Sachen, die um ihn herumlagen. „Was ihr hier seht, ist alles, was ich habe.“ Dann legte er den Arm um Maya. „Oder besser gesagt, was wir haben. Das ist Maya.“

„Oh! Darf ich sie mal streicheln?“, fragte der Dunkelhaarige.

„Aber natürlich. Sie mag das sehr gerne.“

Behutsam streichelte der Junge die Hündin, die genießerisch die Augen schloss. Dann stellten sich beide wieder nebeneinander, als müssten sie sich gegenseitig Mut machen. Till lächelte. „Na, ihr zwei? Möchtet ihr mir noch etwas sagen?“

Die Jungs tauschten einen Blick. Dann sagte der Blonde:

„Wir möchten Ihnen einen Adventskalender schenken.“

„Wollen Sie einen haben?“, ergänzte sein Freund.

Till blieb die Sprache weg. „Einen Adventskalender? Ihr wollt mir einen Adventskalender schenken?“

Beide nickten ernst. „Na klar. Sie haben ja keinen“, sagte der Dunkelhaarige, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt.

Till spürte, wie ihm warm ums Herz wurde. „Dann sage ich ganz herzlich: ja, sehr gerne.“

Der Blonde öffnete seinen Rucksack und zog einen Adventskalender hervor und reichte ihn Till, der ihn ehrfürchtig entgegennahm. Er war nagelneu, noch in Plastikfolie eingepackt und mit Schokolade gefüllt.

„Vielen Dank!“, sagte er leise. „Das ist wirklich das Schönste, was mir seit Langem passiert ist.“ Er merkte, wie ihm Tränen in die Augen stiegen. Schnell wischte er sie fort.

„Ich werde jeden Tag an euch denken, wenn ich ein Türchen öffne. Wie heißt ihr denn eigentlich?“

„Thomas.“, antwortete der Blonde.

„Und ich bin Markus.“, sagte der andere.

Till deutete auf den Kalender. „Den habt ihr aber nicht von eurem Geld gekauft, oder?“

„Nein“, erklärte Thomas. „Unser Lehrer hat uns die Adventskalender gegeben, damit wir sie Menschen schenken, die keinen haben.“ Er zeigte auf seinen Rucksack. „Da sind noch ein paar drin, die wir verteilen müssen.“

„Komm!“, Markus stieß seinen Freund an. „Wir müssen weiter.“

Till sah ihnen nach, bis sie hinter der Straßenecke verschwunden waren. Dann betrachtete er den Kalender, auf dem eine bunte und fröhliche Szene auf einem Weihnachtsmarkt abgebildet war. Erneut musste er sich eine Träne aus dem Auge wischen. Ein Türchen öffnete er nicht. Noch war November, also würde er warten. So wie früher.

Er lehnte sich zurück an die Hauswand und lächelte. Jeden Tag ein Stück Schokolade. Und jeden Tag ein bisschen Glück und Hoffnung.

Er beugte sich zu Maya hinunter. „Und für dich“, sagte er, „kaufen wir jetzt eine Wurst. Die wird dein Adventskalender, einverstanden?“

Die Kerze der Heiligen Barbara

Die Luft im Schacht war so heiß und stickig wie in einem Ofen. Jeder Atemzug schmeckte nach Staub und Metall. Emil richtete sich auf, streckte den Rücken und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Im Schein seiner Stirnlampe glitzerte die Kohle in der feuchten Stollenwand.

Er lehnte seine Spitzhacke an die Wand und lauschte. Etwas stimmte nicht. Es war zu warm und in der beißenden Luft lag etwas Drohendes.

„Verflixt heiß hier, was?“ Karl hatte ebenfalls seine Hacke weggelegt und wischte sich mit den rußverschmierten Händen über sein schweißbedecktes Gesicht.

Emil nickte. „Ja, ich frage mich nur, warum.“

Er ging den Stollen hinauf. Es wurde immer heißer, der Boden vibrierte leicht unter seinen Stiefeln. Dann sah er es – ein flackerndes Glühen am Ende des Hauptstollens. Noch bevor der Geruch ihn traf, wusste er, was das war.

„Heilige Barbara“, murmelte er und starrte auf die Flam-men, die sich vor ihm durch das Gestein fraßen. Hitze und Rauch schossen ihm entgegen. Die Luft wurde mit jedem Atemzug dünner, brennender.

Emil starrte gebannt auf die Flammen, die immer näherkamen. Schließlich löste er sich aus seiner Erstarrung und rannte zurück zu den anderen. Im Vorbeilaufen schlug er die Scheibe des Alarmschalters ein. Sofort hallte das schrille Heulen der Sirene durch den Schacht.

Er rannte weiter. Hinter sich hörte er dumpfes Grollen. Als er sich umdrehte, sah er, wie der Gang hinter ihm einstürzte. Kochend heißes Gestein und Staub wirbelten auf. Keuchend presste Emil sich in eine Nische, die er in der Stollenwand fand.

Ein Kohlebrand! Der Gedanke hämmerte in seinem Kopf. Wenn sich das Feuer weiterfrisst, sind wir verloren.

Er rannte weiter, das Herz pochte bis in die Schläfen. Die anderen kamen ihm entgegen. Emil sah den Schrecken und die Angst in ihren Gesichtern. Stirnlampen zuckten durch die Finsternis.

„Emil! Was ist passiert?“

„Feuer! Ein Kohlebrand! Der Hauptstollen steht in Flammen und bricht ein! Der Ausgang ist verschüttet!“

„Was sollen wir tun?“, fragte Fritz. Seine Stimme zitterte. Er arbeitete erst seit zwei Monaten hier, war letzte Woche zwanzig geworden.

„Beten“, sagte Torsten. „Zur Heiligen Barbara. Mehr können wir nicht tun. Heute ist ihr Tag. Sie wird uns helfen.“ Emil schüttelte den Kopf und fuhr ihn heftiger als beabsichtigt an: „Beten hilft nicht! Wir müssen selbst einen Ausgang finden. Los, sucht den Gang ab.“

„Aber hier ist doch nichts. Das weißt du selbst. Der Stollen ist eine Sackgasse, der Ausgang ist durch einen Erdrutsch versperrt und die Luft ...“ Karl brach ab, schüttelte den Kopf und ließ sich auf den Boden sinken.

Emil zog ihn wieder auf die Beine. „Los, wir dürfen nicht aufgeben!“ Die Männer schwärmten aus, um vielleicht doch einen Ausweg zu finden. Kurz darauf standen sie jedoch wieder beieinander.

„Nichts.“ Emil sah die Verzweiflung, die er nun auch selbst spürte, trotz der Dunkelheit deutlich in den Gesichtern der Männer. Das Atmen fiel schwerer und schwerer. Die Luft schien nur noch aus heißem Staub zu bestehen.

Torsten kniete nieder, faltete die Hände und senkte den Kopf. „Lasst uns beten“, sagte er noch einmal. „Heute ist Barbaratag. Der Tag unserer Schutzheiligen. Sie wird uns nicht im Stich lassen.“

Einer nach dem anderen folgten die Männer seinem Beispiel. Zuletzt schloss auch Emil sich an und murmelte leise das Gebet mit, das Torsten sprach.

Ein ohrenbetäubendes Krachen ertönte. Der Boden bebte.

„Was war das?“ Fritz‘ Stimme überschlug sich.

Emil sprang auf. „Wartet hier.“

Langsam ging er den Gang entlang, in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. Der Klang der Schritte hinter ihm, sagte ihm, dass die anderen ihm folgten.

Vorsichtig gingen sie weiter in den Stollen hinein. Ein kühler Luftzug durchbrach die Hitze. Emils Herz schlug schneller. Auf einmal standen sie vor einem Berg Schutt, über dem sich ein Spalt gebildet hatte, durch den kühle Luft strömte. So schnell sie konnten, kletterten sie den Schuttberg hinauf zum Spalt, der sie hoffentlich in die Rettung führen würde.

„Da! Seht!“ Fritz deutete mit zitternder Hand nach oben.

Dort oben, zwischen herabgestürzten Felsen und Balken, flackerte ein Licht. Kein grelles Feuer, sondern das ruhige, goldene Leuchten einer Kerze. Und daneben, kaum sichtbar, das kleine Bild der Heiligen Barbara.

Für einen Moment wagte keiner zu atmen.

Kurz verharrten sie sprachlos. Dann stiegen sie, so schnell sie konnten, ganz nach oben. Immer dem Licht der Kerze und dem Leben versprechenden Luftzug folgend.

Emils Hände rutschten ab, Staub rieselte, jemand weinte leise neben ihm. Als er endlich oben ankam, sah er den Förderkorb und die Gestalten der Rettungsmänner. „Ein Glück, dass ihr da seid! Kommt schnell!“, rief einer.

Der Korb ächzte, als sie hineinstiegen. Emil drehte sich noch einmal um. Unten im Dunkel flackerte die Kerze weiter, ruhig, unbeirrbar.

„Danke“, flüsterte er. Dann fuhr der Korb an. Ruckelnd. Nach oben.

Das Licht der Kerze wurde kleiner, bis es nur noch ein Punkt war, ihr rettender Stern in der Tiefe.

Der Mann im roten Mantel

Ein blaues Auto verfolgt mich! Oder bilde ich mir das nur ein?

Eigentlich kann das ja gar nicht sein. Warum sollte das jemand tun? Und dann noch mit dem Auto. Unsinn, rede ich mir ein. Trotzdem schaue ich immer wieder nervös über meine Schulter. Ich versuche, den Gedanken zu verdrängen und betrete das nächste Haus.