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Mitreißend und gefühlvoll erzählt Helene Winter in ihrem historischen Hamburg-Roman »Ein Haus voller Hoffnung« vom Kampf einer Frau um Eigenständigkeit, von der Sehnsucht eines Mädchens nach Geborgenheit und davon, die ganz eigene Form von Familie zu finden. Hamburg 1839: Wie ein Kind wird die 37-jährige Henriette von ihrem Vater bevormundet. Dabei hat sie genug mit der Trennung von ihrem Mann zu kämpfen, mit dessen Ehebruch und dem Kind, das sie sich immer gewünscht hat, und das nun eine andere bekommt. Wie eine Erwachsene versucht die zwölfjährige Jule nach dem Tod ihrer Eltern, für sich und ihren Bruder zu sorgen. Doch schon bald droht dem Mädchen der Absturz in Elend und Prostitution. Ein neuartiger »Rettungsort« für verwahrloste Kinder bringt die beiden zusammen, in einer bewegenden Geschichte um Familie, Glück, Liebe und Selbstbestimmung.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
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Disclaimer
Dieser Roman ist eine fiktive Geschichte, eingewoben in die Kulisse des historischen Hamburgs 1839. Auch die Worte und Taten der hier dargestellten realen Persönlichkeiten sind fiktiv, wobei größte Sorgfalt und aufwändige Recherche angewandt wurde, um den realen Personen in dieser fiktiven Darstellung gerecht zu werden. Bei der Darstellung des »Rauhen Hauses« wurde neben gängiger Fachliteratur zu Johann Hinrich Wichern auf die damaligen, von ihm selbst verfassten Jahresberichte (Quelle: Archiv, Das Rauhe Haus) zurückgegriffen. Die hier erzählte Verbindung der Romanheldin Henriette zum »Rauhen Hauses« ist jedoch rein fiktiv sowie auch die Ereignisse rund um die Geburt des dritten Kindes von Amanda Wichern.
© Piper Verlag GmbH, München 2024
Redaktion: Carla Felgentreff
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Covergestaltung: Teresa Mutzenbach
Covermotiv: Alexander Kupsch / ullstein bild; Rachael Fraser / Trevillion Images; Arcangel / Anna Buczek; Shutterstock.com
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Cover & Impressum
Widmung
Meine liebe Henriette
Hamburg, Juli 1839
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Meine liebe Henriette
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Liebe Henriette
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Meine liebe Henriette
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Liebste Henriette
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EPILOG
DANK
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Für Astrid
Künstler-Kollegin und Wegbegleiterin
aber vor allem:
großherzige und kluge Freundin
Königswinter, 05. Juli 1839
Meine liebe Henriette,
noch immer hast Du mir nicht geantwortet!
Ich hoffe sehr, das liegt nur daran, dass Du Dich inzwischen gut in Hamburg eingelebt hast und Dir zum Schreiben die Muße fehlt.
Bei uns herrscht Hochbetrieb, nicht zuletzt dank Dir202F– der Biergarten läuft immer besser. Genau wie Du es vorausgesagt hast. Extragäste, für die ich nur die Getränke vorhalten muss, ohne dass sie uns die feine Kundschaft vertreiben. Ganz im Gegenteil, ich glaube ja, dass sich manche von denen jetzt noch feiner fühlen, auf der vornehm eingedeckten Terrasse, mit all dem Schönzeugs, was Du so angeschafft hast, während die einfachen Biergartenbesucher nebendran an nackerten Tischen hocken. Dein Vater kann sich glücklich schätzen, Dich nun an seiner Seite zu haben, Du hast für eine Frau schon ein außerordentliches Gespür für ein gutes Geschäft.
Gestern Abend speisten übrigens der Geheimrat Oberhofer und seine Gemahlin bei uns, und stell Dir vor, was passierte: Ihre Enkelin wollte unbedingt eine Deiner Puppen haben, sodass sie darauf bestanden, sie mir abzukaufen!
Das wollte ich Dir kurz erzählen, nun muss ich Schluss machen, eine Hochzeitsgesellschaft ist angekündigt, und sosehr die Gundel sich bemüht, in Deine Fußstapfen zu treten (Du hast sie ja gründlich eingearbeitet), es gelingt ihr ganz und gar nicht. Wollen wir also verhindern, dass ich Dir in meinem nächsten Brief eine Schreckensgeschichte erzähle, muss ich ihr schnellstens zur Hand gehen.
Mit lieben Grüßen
Dein Franz
PS: Eigentlich hoffe ich, dass Du Dich in Hamburg nicht gut eingelebt hast. Du fehlst hier. Willst Du nicht noch einmal in Dich gehen? Das ist nun schon mein vierter Brief, nicht eine Antwort hast Du zurückgeschickt. Du bist mir böse, und Dein Stolz ist gekränkt, aber Du weißt so gut wie ich, dass Du nicht in diese piefige Stadtvilla gehörst, zu den großkopferten Senatoren und langweiligen Herrn Advokaten und deren einfältigen Gattinnen. Du gehörst hierher, zu mir, in unsere Gaststube. Das ist Dein Zuhause. Komm zurück, Henni, komm nach Haus.
Der gemütliche Gastraum aus ihrem Traum verschwand, kaum dass Henriette die Augen öffnete. Enttäuscht spürte sie die weiche Matratze unter sich, nahm die Konturen des Frisiertisches und des Lesesessels in dem abgedunkelten Zimmer wahr. Das Klappern der Bierkrüge war nur das Klopfen an der Tür gewesen, sie war nicht in Königswinter bei ihrem trotz allem noch schmerzlich geliebten Mann, sondern in Hamburg, nach fünfzehn Jahren Ehe zurück im Hause ihres strengen Vaters, und sie überwachte nicht das Spülen der Krüge, sondern lag nutzlos in ihrem viel zu großen Bett.
Sie hörte das zaghafte Öffnen der Tür, noch zaghaftere Schritte, spürte Stines Nähe, roch die Wäscheseife, mit der sie ihre immer tadellos gehaltene Schürze reinigte.
»Gnädige Frau«, flüsterte Stine und legte ihre Hand auf Henriettes Arm. »Verzeihen Sie, aber …«
»Ach du meine Güte!«, schallte in dem Moment die Stimme ihrer seit Schulzeiten besten Freundin Rosa durchs Zimmer. »Stine! Mach um Himmels willen die Vorhänge auf! Und die Fenster gleich dazu! Das ist ja die reinste Grabkammer!«
Bevor Stine reagieren konnte, öffnete Rosa bereits mit einem Ratsch die schweren Vorhänge. Gleißend fuhr das Licht ins Zimmer. Im nächsten Moment knarzte das Fenster, der Klang von eisenbereiften Kutschenrädern auf Kopfsteinpflaster drang an Henriettes Ohr, begleitet von Pferdegetrappel, dem Schnalzen einer Peitsche, dem donnernden »Brrr!« eines Kutschers.
»Aber, gnädige Frau«, rief Stine, »die Herrschaft wünscht Ruhe!«
»Papperlapapp!«, sagte Rosa so resolut, dass Henriette, ohne hinzusehen, die dazugehörige Wischbewegung vor Augen hatte. »Deine Herrschaft braucht eine Kanne Schwarztee.« Rosas voluminöses Kleid rauschte Richtung Bett. »Wir nehmen ihn im Boudoir ein.«
Die Tür wurde sanft geschlossen, dann ließ Rosa sich auf der Bettkante nieder. Henriette hörte das leise Knirschen und Knacken der Fischbeinreifen des Reifrocks. »Weißt du eigentlich, wie spät es ist? Bald Mittag! Hoch mit dir! Sonst hole ich einen nassen Waschlappen. Wirkt Wunder bei meinen Söhnen.«
»Das wagst du nicht«, murmelte Henriette, wusste jedoch, dass Rosa sie keinen Deut zarter behandeln würde als ihre vier Söhne, die sie resolut wie ein General umherscheuchte. Henriette blinzelte in die ungewohnte Helligkeit.
»Wenn du glaubst, es sei hilfreich, dich hier zu verstecken, dann liegst du falsch. Die Gerüchteküche brodelt wie Hühnersuppe, und je länger du dich nicht blicken lässt, desto aberwitziger werden die Geschichten.« Rosa seufzte. »Es ist nicht zu ertragen, was man sich alles so erzählt … Als wäre halb Hamburg in deiner Ehe dabei gewesen.«
Zornig setzte Henriette sich im Bett auf. »Dann weißt du auch, warum ich dieses Zimmer auf keinen Fall verlassen werde«, zischte sie.
»Wirst du doch.« Rosa lächelte wissend. »Du wirst mich auf ein Benefizkonzert begleiten. Für Kriegswitwen und -waisen. Heute Nachmittag.«
»Auf keinen Fall!«, rief Henriette. »Ich werde nirgendwo hingehen, wo Menschen mich mit ihrem dummen Gerede in Rage bringen.«
»Falls du auf den Vorfall bei dem Souper von Senator Mönckeberg anspielst«, sagte Rosa und erhob sich, »das war wirklich äußerst ungeschickt von dir. Nun fragen sich alle, was dein Mann sich so Schreckliches hat zuschulden kommen lassen. Abgesehen davon, dass er nur ein Gastwirt und damit per se ein manierenloser Rüpel ist.«
»Rosa!«, fuhr Henriette ihre Freundin an. »Du weißt, dass ich es nicht mag, wenn du so über Franz sprichst.«
»Und ich mag es nicht, wenn du dich tagelang im Bett verkriechst. Als ob es davon besser würde.« Rosa nahm den Morgenrock von Henriettes Betthocker und warf ihn ihr zu. »Außerdem habe ich nach Hamburger Maßstäben auch keine Manieren. Was herrlich befreiend ist. Und nun raus aus den Federn! Ich warte im Boudoir.«
Sie verschwand im Nebenzimmer, wo Stine bereits mit dem Teegeschirr klapperte.
Seufzend schälte Henriette sich aus der Decke. Wenn Rosa sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, gab sie keine Ruhe. Sie würde also mit ihr Tee trinken und Kekse essen. Aber auf das Benefizkonzert würde sie sich auf keinen Fall von Rosa zerren lassen. Sie würde nirgendwo hingehen, bis die Neugier über ihre plötzliche Rückkehr nach Hamburg sich gelegt hatte und die Klatschmäuler sich der nächsten bedauernswerten Person zuwandten.
Einen Moment blieb sie am Bettrand sitzen und atmete die frische Luft ein. Tatsächlich war das offene Fenster keine allzu schlechte Idee von Rosa gewesen. Aber auch keine allzu gute. Erinnerte sie die Hamburger Luft doch daran, wie viel besser die in Königswinter am Rhein war.
Mit einem Ruck stand sie auf, spürte den kalten Boden unter ihren Füßen.
»Kommst du?« Rosa steckte den Kopf zur Tür hinein. »Wie lange kann es dauern, die paar Schritte von deinem Bett ins Boudoir zu gehen? Du bist siebenunddreißig und nicht siebenundsechzig! Kann es sein, dass dein Franz dich die letzten fünfzehn Jahre viel zu sehr verwöhnt hat?«
Henriette schlüpfte in Pantoffeln und Morgenrock. »Würdest du diesen Namen bitte nicht mehr erwähnen?«
»Natürlich, wenn du mich auf das Konzert begleitest.« Rosa winkte sie durch die Tür. Im Boudoir hatte Stine bereits den Tee eingeschenkt. Mit einem Grummeln erinnerte Henriettes Magen sie daran, dass sie hungrig war.
Sie setzte sich und griff nach einem Keks. Er zerging ihr auf der Zunge, sie schmeckte den Zucker und die Butter, fühlte ihren Geist erwachen. »Für wen soll das Konzert Gelder sammeln?«
»Kriegswitwen und -waisen.«
»Der Krieg ist seit fast fünfundzwanzig Jahren vorbei«, sagte Henriette verwundert. »Selbst die jüngste Kriegswaise ist heute volljährig.«
»Stimmt. Waren es die Witwen und Waisen der Cholera?« Ratlos stellte Rosa ihre Teetasse ab. »Waren es überhaupt Witwen und Waisen?«
Henriette zuckte die Schultern. Letztlich war es ohnehin egal, für wen man spendete, solange man sich öffentlich für einen barmherzigen Zweck einsetzte, wie es der gute Ton in Hamburg erforderte. Stumm nippte sie an ihrem Tee. Heiß und stark, eines der wenigen Dinge, die sie in Königswinter vermisst hatte.
Rosa kramte in ihrem Täschchen. Legte es zur Seite. »Ich muss die Einladung zu Hause liegen gelassen haben. Dabei hat ein wirklich hübscher Herr sie mir überreicht.«
»Rosa!« Henriette sah von ihrem Tee auf. »Wenn dein Mann dich hören würde …«
»Ein Mann der Kirche, meine Liebe, und ebenso glücklich verheiratet wie ich.« Sie hielt inne. »Mein Georg hält große Stücke auf ihn, er meint, er habe ein besonderes Talent, die richtigen Leute für sich und seine außergewöhnliche Sache einzunehmen.«
»Aber was das für eine außergewöhnliche Sache ist, das weißt du nicht mehr?«
»Ich weiß noch, dass seine Locke perfekt onduliert, sein Vatermörder ordentlich gestärkt und die Schleife etwas zu groß für sein schmales Gesicht war.« Sie zwinkerte Henriette zu. »Da musst du wohl mitkommen und selbst herausfinden, um welchen guten Zweck es sich handelt.«
»Muss ich wohl.« Henriette seufzte und stopfte sich noch einen Keks in den Mund. Vielleicht hatte Rosa ja recht, und es würde ihr guttun, das Haus zu verlassen. Schlimmer als der Skandal bei Senator Mönckeberg konnte es kaum werden.
Jule verharrte vor Helge Lauermanns Bude. Sie strich die von der Arbeit am Waschtrog noch feuchte Schürze glatt und sah an der Fassade hoch. Lauermanns Bude war windschief zusammengestückelt aus dunklem und hellem Holz, aber es war die einzige Bude in diesem Hof am Brauerknechtsgraben, die nicht mit einem Saal aufgestockt worden war, der sich nur über eine wackelige Außentreppe erreichen ließ und der, wenn man Pech hatte wie ihre Eltern, auf einen einstürzen konnte. Jule senkte den Kopf, sah auf ihre vom Schmutz der Straße dreckigen Füße. Wären ihre Eltern nur damals nicht in ihrer Bude gewesen. Dann müsste sie jetzt nicht hier stehen, ohne Schuhe und mit einem dutzendfach geflickten Rock, und Lauermann um Hilfe bitten.
Wenn sie wenigstens hineinspähen könnte, in Lauermanns dunkle Bude, sehen, ob er allein oder seine Frau bei ihm war. Dann hätte sie keine Scheu zu klopfen. Doch die Vorhänge waren zugezogen, sie konnte nicht erkennen, wer sich dahinter aufhielt.
Was, wenn er sie wieder zwang, sich zu ihm zu setzen, auch wenn sie das gar nicht wollte, seine Hand nach ihr ausstreckte, damit sie näher an ihn heranrückte? Was, wenn seine Frau diesmal nicht hereinstürmte und auf ihn losging, weil er das Wochengeld im Wirtshaus gelassen hatte, bevor sie die offenen Posten begleichen konnte? Sie senkte den Arm. Vor Männern wie Lauermann mussten junge Mädchen wie sie sich hüten, hatte Witwe Strauss ihr eingebläut. Jule hatte ihr schwören müssen, dass sie nie wieder allein in seine Bude ginge. Sie drehte sich um und bemerkte die Köpfe an den Fenstern, die, weit geöffnet, die warme Juliluft hinein und den Lärm der Gänge hinaus in den Hof ließen. Sie lauschte dem Klappern der Töpfe und Weinen der Säuglinge, dem Rufen der Kinder und Schimpfen der Mütter. Sie spürte die neugierigen Blicke, darin die stumme Frage, was ein junges Mädchen wie sie zu Helge Lauermann führte. Wusste doch jeder, dass sein Geld nicht den Mühen ehrlicher Arbeit entstammte.
Eine Gruppe zerlumpter Jungen trat in den Hof. Sie trugen einen Stoß neuer, heller Holzlatten, wie Vater sie damals verwendet hatte, um einen zweiten Saal aufzustocken. Die Jungen stoppten, sahen sich um, diskutierten leise miteinander. Ob sie das Holz geklaut hatten? Sehr wahrscheinlich, nur hatten sie sich nicht erwischen lassen – anders als Frieder. Wegen dem Jule nun hier stand und Helge Lauermann erneut darum bitten musste, ihn bei der Wache auszulösen. Damit man ihn nicht wegen Überfüllung der Strafklasse direkt nach Fuhlsbüttel in die Strafanstalt überstellte, wie der Büttel es das letzte Mal angedroht hatte. Obwohl Frieder erst elf Jahre alt war, viel zu jung für eine Strafanstalt. Das hatte auch Witwe Strauss angemerkt und Frieder eine schauerliche Zukunft vorhergesagt. Die sich prompt eingestellt hatte, nachdem er vor Schreck ihren Wasserkrug hatte fallen lassen. In tausend Scherben war er zersprungen, und Frieder war davongerannt, in heller Panik vor Witwe Strauss’ gerechtem Zorn, und hatte sie damit um ihren letzten bezahlbaren Schlafplatz gebracht.
Die Burschen verschwanden durch den niedrigen Torgang in den nächsten Hof. Die Bretter würden sicher für den Bau einer neuen Bude verwendet werden. Oder für eine Bettstatt, eine mit reichlich Stroh und einem echten Laken.
Jule wich einem torkelnden Mann aus.
Er sah sie begehrlich an und streckte seine Hände nach ihr. »Na, min Deern, ganz allein?«
Sie spürte das Holz von Lauermanns Tür an ihrem Rücken.
»Oh, gehörst zum Lauermann … dann …« Der Mann schwankte davon, Jule atmete auf. Die Angst vor Lauermann kam zurück. Und wenn sie nicht klopfte? Lauermann nicht um Hilfe bat, es diesmal allein versuchte?
Sie schüttelte den Kopf. Wer hörte schon einer Zwölfjährigen zu? Der Büttel würde sie fortscheuchen, noch bevor sie Frieders Namen auch nur ausgesprochen hatte. Oder, noch schlimmer, nach ihren Eltern fragen und herausfinden, dass diese gestorben waren, schon vor zwei Jahren, in dem Unglück in der langen Gasse, als der Saal über ihnen eingestürzt war. Wo eben noch die Decke gewesen war, nur noch Holz und Stein von jetzt auf gleich, und Mutter und Vater und Willem und Dorrit darunter begraben. Dann würde er sie zurück ins Armenhaus bringen. Und dort, hatte sie Frieder versprochen, würden sie nie wieder hinmüssen.
Nie wieder.
Sie hatte es versprochen.
Sie hob den Arm, klopfte.
»Herein«, brummte es.
Zaghaft stieß sie die Tür auf. In der Luft hing der Geruch von Schweiß und Bier und Harz. Am Tisch saß Helge Lauermann und schabte verharzte Holzflocken als Zunder von einem Kienspan.
»Jule Trabbert«, sagte er, den Blick auf die Tür hinter ihr gerichtet, als erwartete er einen weiteren Besucher. Dann grinste er. »Lass mich raten, der kleine Feuerteufel ist wieder in Schwierigkeiten.«
Jule trat in die Bude. Die Tür fiel hinter ihr zu und schloss das extra Tageslicht aus, das kurz den Raum erhellt hatte.
»Er ist …«, begann Jule und merkte, wie sie nervös ihre Hände knetete. »Er wollte nur …«
»Ja, das wollen die meisten.« Lauermann legte das Schnitzmesser und das Holz auf den Tisch. »Dumm nur, wenn man sich dabei erwischen lässt.«
Jule presste ihre Finger fest ineinander. »Er ist nicht dumm, nur der Kleinste.«
»Ist das Resultat nicht dasselbe?« Lauermann klopfte auf die Bank. »Setz dich zu mir.«
»Ich …« Jule strich ihre Schürze glatt. »Es ist schon bald Dienstschluss für den Büttel, der Frieder mitgenommen hat. Können wir Frieder nicht jetzt gleich holen?«
»Warum sollte ich dem Lümmel helfen?« Er nahm das Messer wieder in die Hand und schnitzte weiter Späne vom Kienholz. »Glaub nur nicht, dass ich mich für euch verantwortlich fühle, nur weil deine Mutter früher mit meiner Else gewaschen hat.«
»Wer sonst soll mir helfen?«, fragte Jule so leise, dass sie ihre Stimme selbst kaum hörte.
»Nicht meine Schuld, wenn Frieder seine Lektion nicht lernt. Was hat er diesmal ausgefressen?«
Jule zuckte die Schultern. Wenn sie das nur selber wüsste. Wenn Frieder wütend wurde, war ihm alles zuzutrauen. Manchmal war er so zornig mit der Welt, dass er sie am liebsten anzünden wollte.
Lauermann hieb auf das Holz ein. »Ohne seinen Anteil am Losgeld gibt ihn der Büttel nicht raus.«
»Ich habe etwas angespart«, presste Jule hervor.
Lauermann zog überrascht die Brauen hoch. »Du hast Geld?«
Jule nickte, während es ihr heiß über den Rücken lief. Acht Schilling und neun Pfennige hatte sie in ihrer Rocktasche. Ihre gesamten Ersparnisse. Das musste einfach reichen für den Anteil des Büttels am Losgeld der Verhaftung. Sie griff in die Tasche und kramte die Geldstücke hervor. Legte die Schillinge auf den Tisch und steckte die Pfennige wieder in die Tasche zurück. Du darfst nie dein gesamtes Geld weggeben, hatte Witwe Strauss immer gesagt.
»Acht Schilling?«, Lauermann hielt ihr die geöffnete Hand hin. »Das reicht gerade für den Büttel. Wo ist die Belohnung für meine Mühe? Ich will noch einmal das Gleiche.«
»Ich …« Verzweifelt sah Jule, wie Lauermann die Münzen in seine Tasche steckte. »Ich kann extra Stunden arbeiten in der Wäscherei, und jetzt im Sommer, wenn es lange hell ist, kann ich für den Abend Näharbeiten annehmen, und ich kann mit Frieder Reisig sammeln … Ich werde das Geld abbezahlen.«
»Und ob du das wirst«, sagte Lauermann und legte Messer und Holz auf dem Tisch ab. Er stand auf und stellte sich vor Jule. Grob packte er ihr Kinn, hob es an und zwang sie, in seine Augen zu blicken. »Ich persönlich werde dafür sorgen.«
Jules Körper versteifte sich. Sie roch das Bier in Lauermanns Atem, spürte die rauen Finger in ihrem Gesicht. Sie hörte die Drohung in seinen Worten und versuchte zu begreifen, was er damit meinte, wie genau er persönlich dafür sorgen wollte.
Da ließ er ihr Kinn abrupt los. »Dann seh ich mal, was ich für die kleine Kanaille tun kann.« Er nahm seine Jacke vom Haken und schlüpfte hinein, während Jule zur Tür floh. Hastig trat sie ins Freie, froh, nicht mehr allein mit Lauermann in einem Raum sein zu müssen. Sie wartete, bis er an ihr vorbeitrat, dann folgte sie ihm, immer vier Schritte Abstand, wie er es schon beim letzten Mal verlangt hatte. Vier Schritte mindestens, damit ja niemand auf die Idee käme, sie sei sein Mündel.
Sie verließen das Labyrinth der Höfe, verließen die südliche Neustadt, liefen immer weiter, entlang der Elbe, Richtung St. Pauli. Ungebremst blies der Wind unter Jules Kleid, ein angenehmer Luftzug in der Schwüle, ließ die Schürze tanzen, zerzauste die aus dem Zopf gelösten Haare. Wieder und wieder schwappte übler Geruch in ihre Nase, fauliger Fisch, Tierkadaver, Kloake. Sie war froh, als Lauermann vom Uferweg abbog und einer belebten Straße folgte. Sehnsüchtig blickte sie den Droschken nach, die sie überholten und ihr entgegenkamen. Wie es sich anfühlen mochte, auf einer Bank zu sitzen und ohne müde Beine und schmerzende Füße in Windeseile von einem Pferd an den Ort gebracht zu werden, den man aufsuchen musste?
Schließlich kam die Wache in Sichtweite.
»Warte hier«, sagte Lauermann.
Jule beobachtete, wie er in dem Backsteinbau mit dem hellen Sandsteinportal verschwand. Sie starrte auf das Portal, zählte dann die Bäume an der Straße. Die Büsche am Wegrand. Die Pflastersteine von der einen Straßenseite zur nächsten. Warum dauerte das so lange? Was, wenn Lauermann Frieder nicht auslösen konnte? Wenn sie ihn diesmal wirklich in die Strafanstalt schickten? Dort war es noch schlimmer als im Armenhaus!
Die Pforte schwang auf. Jule reckte sich, doch es waren nur zwei Männer, die die Stufen der Wache hinab-, die Straße entlang- und auf sie zuwankten. Da öffnete sich die Pforte erneut. Diesmal rannte Frieder die Treppen hinab, sah sich kurz um. Jule winkte, lief ihm entgegen, umarmte ihn.
»Es tut mir so leid«, schluchzte er, die Arme fest um sie geschlungen.
Alle Wut und Sorge, sogar die Schelte, die sie ihm an den Kopf hatte werfen wollen, waren plötzlich wie weggeblasen.
Frieder war bei ihr.
Nur das zählte.
»Und dann …«, flötete Ottilie, die deutlich ältere und bestens verheiratete Verhölst-Tochter mit verschwörerischem Blick zu ihrer jüngeren Schwester Thekla, »… hat er ihr einen Strauß Nelken überreicht.«
Henriette warf einen unauffälligen Blick zu Thekla, deren vor Aufregung rote Wangen davon erzählten, wie sehr sie sich mit ihren sechsundzwanzig Jahren danach verzehrte, endlich auch unter die Haube zu kommen.
»Nelken?«, fragte Clara Behrmann überrascht, die ihrerseits ebenfalls bestens verheiratet war und dies gerne mit ihrer üppigen Garderobe zur Schau stellte. »Bist du dir ganz sicher?«
»Aber natürlich!«, rief Ottilie aus. »Ich habe sie doch selbst bewundert! Warum sollte er Thekla denn keine Nelken schenken?«
»Sie sind wunderhübsch«, seufzte Thekla.
Henriette schloss gerade rechtzeitig die Lider, um ihr Augenrollen zu verstecken. Wenn sie nur endlich von diesem Sofa aufstehen könnte. Sie hätte nach dem Benefizkonzert darauf bestehen sollen, direkt wieder nach Hause zu fahren, anstatt sich dieses endlose Geplänkel bei Tee und Gebäck anzutun.
»Aber, bitte, liebe Ottilie«, rief Clara Behrmann. »Die Nelke! Verzeih, Thekla, aber es gibt wohl kaum eine unpassendere Blume, um bei einer Dame der Gesellschaft vorzusprechen.«
»Nun, mir würde ad hoc das Vergissmeinnicht einfallen«, sagte eine auffallend ruhige Stimme, die Henriette keiner Dame aus ihrer kleinen Teerunde zuordnen konnte. »Ich hörte, dass besonders Männer, deren Ansinnen wenig Aussicht auf Erfolg hat, sich gerne dieser Blumenbotschaft bedienen.«
Henriette öffnete die Augen. Eine zierliche Frau in einem schwarzen Kleid hatte sich neben Ottilies Stuhl gestellt. Henriette schätzte sie auf Anfang bis Mitte vierzig, ihr Gesicht wirkte unter der mit Rüschen reich verzierten Haube schmal, die Stirn hoch. Ihre Augen waren warm und klug, und gerade glaubte Henriette einen gewissen Schalk darin zu sehen.
»Aber was bedeutet denn nun die Nelke?«, fragte Thekla verzweifelt.
»Nelken stehen für …«, begann Clara, als Ottilie ihr aufgeregt ins Wort fiel.
»Nein! Sprich es nicht aus! Wenn es etwas Unziemliches ist, würde es Thekla das Herz brechen!«
»Warum sollte das Wahrzeichen der Französischen Revolution einer Frau das Herz brechen?«, entfuhr es Henriette. Zu spät bemerkte sie, wie Thekla und Ottilie erbleichten, Ottilie verschluckte sich gar an ihrem Tee. »Zumal«, fuhr Henriette schnell fort, »dem guten Mann die Bedeutung wahrscheinlich ebenso wenig bewusst ist wie der Beschenkten. Er hat ihr einfach Blumen gekauft.«
»Der …« Thekla sah geradewegs durch Henriette hindurch zu Clara. »… Revolution?«
»Meinen Glückwunsch«, sagte die Frau mit den klugen Augen. »Ist das nicht ein wunderbares Versprechen für den Neuanfang, den der junge Herr mit Ihnen wagen möchte? Ich störe nur ungern, aber Frau Senator Behrmann bat mich, den Damen mitzuteilen, dass sie sich verabschieden möchte.«
Ottilie, Thekla und Clara erhoben sich, bedankten sich höflich für den Hinweis und gingen, ohne Henriette auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen.
»Da nun all der Platz hier frei ist, würde es Sie stören, wenn ich mich auf einen Moment zu Ihnen setze?« Die Frau streckte ihr freundlich die Hand zum Gruß hin. »Amalie Sieveking.«
Nun war es Henriette, die ihre Augen aufriss. Diese zierliche Frau war die berühmte Amalie Sieveking? Sie hatte sich die Heldin der letzten Choleraepidemie als mächtige Matrone vorgestellt, die mit fester Hand ihr Regiment an Helfersleuten befehligte. Wenn jemandem in diesem Raum ein Strauß Nelken gebührte, dann war es diese Frau.
»Henriette Kirchberger. Sehr erfreut«, fügte sie unbeholfen hinzu, mit einem Mal um Worte verlegen. Worüber sollte sie nur reden, das in Fräulein Sievekings Ohren nicht ebenso trivial klang wie das seichte Geplätscher der Verhölst-Schwestern? Immerhin handelte es sich hier um eine Frau, die während einer tödlichen Epidemie freiwillig den Pflegedienst im Armenhaus angetreten und dort schon bald das gesamte Pflegepersonal, sogar die Männer, befehligt hatte.
»Ganz meinerseits«, sagte Amalie Sieveking und setzte sich auf den Stuhl, den vor Kurzem noch Ottilie besetzt hatte.
»Ich bin eine große Bewunderin Ihres Mutes«, sagte Henriette zaghaft. »Es muss sehr herausfordernd gewesen sein, sich jeden Tag aufs Neue den Schrecken der Epidemie zu stellen.«
»Es war ein Gebot der Barmherzigkeit.« Amalie Sieveking strich ihren schwarzen Rock glatt. »Ich bin sicher, hätten Sie gesehen, was ich gesehen habe, Sie hätten Ihre Augen ebenso wenig vor dem Elend der Menschen verschlossen.«
»Meinen Sie?«, fragte Henriette erstaunt.
»Oh, ich bin sogar davon überzeugt, deshalb hatte ich gehofft, Sie hier anzutreffen.«
»Mich?« Henriette legte erstaunt die Hand an ihr Dekolleté.
»Ich habe von Ihren …« Amalie Sieveking lächelte hintergründig, »… nennen wir es … eigenwilligen Ansichten bezüglich der gesellschaftlichen Rolle der Frau gehört. Sie haben damit wohl bei Senator Mönckebergs Souper für etwas Aufregung gesorgt.«
Henriette spürte, wie sie errötete. »Ich …«
Amalie Sieveking lachte. »Vor mir müssen Sie sich nicht rechtfertigen. Ich bin ganz Ihrer Meinung: Die Erfüllung einer Frau kann, muss aber keineswegs in ihrer Rolle als Mutter und Ehefrau liegen. Nicht zu heiraten war eine Entscheidung, die ich nie bereut habe. Bei Ihnen jedoch ist die Sachlage diffiziler, nicht wahr?«
»Weil ich meinen Mann verlassen habe?«
»Weil Sie, so munkelt man, nach Hamburg zurückgekehrt sind, da Ihr Mann vor dem Ruin steht und Sie den wohligen Wohlstand Ihres Vaters einer Ehe in Armut vorziehen.« Amalie Sieveking zuckte entschuldigend die Schultern. »Verzeihen Sie bitte, wenn ich Ihnen damit zu nahe getreten bin, ich bin allerdings der Auffassung, dass es hilfreicher ist, die Gerüchte zu kennen, die hinter einem die Luft erhitzen.« Sie hob die Hand, ergatterte in Sekundenschnelle die Aufmerksamkeit eines Dienstmädchens und zeigte lächelnd auf die Teekanne. Das Dienstmädchen eilte davon.
Das also erzählte man sich in Hamburgs Gesellschaft über Henriette. Sie war die Egoistin, die ihren Mann in der Bredouille zurückgelassen hatte, um in Hamburg sorglos unter Vaters Schutz zu leben. Dabei war es so anders! Und Rosa, die Einzige, die wusste, warum sie Franz wirklich verlassen hatte, konnte sie nicht verteidigen, da sie hatte schwören müssen, Henriettes Geheimnis zu wahren. Allerdings verstand sie nun, warum Rosa wollte, dass sie sich den Gerüchten stellte. Es musste unerträglich für ihre Freundin sein, sich nicht dazu äußern zu dürfen. Nachdenklich nahm Henriette einen Schluck Tee, verzog den Mund und stellte die Tasse ab. Kalter Tee schmeckte auch an einem lauen Julitag nicht. Genauso wenig wie Gerüchte.
»Wie Sie bereits erwähnt haben«, sagte Henriette schließlich, »es ist diffizil. Wobei mir egal ist, was man über mich munkelt, aber das Gasthaus in Königswinter läuft bestens.«
»Ach, liebe Frau Kirchberger, seien Sie gewiss, ich sitze nicht hier, um Sie auszuhorchen.« Amalie Sieveking zupfte an ihrer Haube und lächelte. »Vielmehr war ich neugierig, wer diese Frau ist, die den Wohlstand einer von Steudnitz hinter sich gelassen hat, um am Rhein in einer Gaststätte mit Hand anzulegen. Rosa Habermanns hat in den prächtigsten Tönen von Ihnen geschwärmt. Als kompetent und tüchtig, klug und gütig und mit einem starken Willen. Es schien geradezu, als wollte Frau Habermanns mir nahelegen, Sie für mein Herzensanliegen zu gewinnen.«
»Ihr Herzensanliegen?«, fragte Henriette. »Sie meinen Ihren Verein?«
»Den Weiblichen Verein für Armen- und Krankenpflege«, präzisierte Amalie Sieveking. »Seit ich ihn mit elf wackeren Begleiterinnen vor sieben Jahren gegründet habe, sind wir einen weiten Weg gegangen, sind gewachsen, haben viel dazugelernt. Und wir sind immer auf der Suche nach Helferinnen. Kompetent und tüchtig, wie Sie es wohl sind. Barmherzige Frauen, die sich unserer Sache anschließen wollen.«
»Ich habe davon gehört. Sie sollen bereits viele unbemittelte Familien unterstützt haben.«
»O ja, aber bei Weitem nicht genug.« Amalie Sieveking wartete, während das Dienstmädchen erst ihr, dann Henriette eine frisch gebraute Tasse Tee eingoss.
Henriette versuchte, sich Rosas Berichte über Amalie Sieveking in Erinnerung zu rufen. Sie waren voller Begeisterung über den Mut dieser Frau gewesen, die während der Epidemie in der Zeitung eine Anzeige geschaltet hatte, um Freiwillige zum Dienst an den Kranken und Armen zu finden, und, als sich niemand gemeldet hatte, selbst angetreten war. Und seitdem nie wieder aufgehört hatte, sich um die Notleidenden Hamburgs zu kümmern, inzwischen mit einer ganzen Armada an Helferinnen.
Amalie Sieveking nahm einen kleinen Schluck des heißen Tees und stellte die Tasse zurück auf die Untertasse, die sie mit ihrer linken Hand in der Luft balancierte. »Sehen Sie, liebe Frau Kirchberger«, nahm sie den Faden wieder auf, »sowie wir Rotherbaum und Harvestehude, meinetwegen noch Uhlenhorst und Höhenfelde und das nördliche St. Georg hinter uns lassen, stoßen wir auf bitterste Armut. Zustände, die selbst mit drastischsten Worten nicht zu beschreiben sind. Sie müssen die verpestete Luft riechen, den Unrat sehen, die beengten, dunklen Wohnverhältnisse erleben, um das Ausmaß der Misere zu verstehen. Wir sitzen hier in dem Salon einer Senatorsgattin und lassen halbe Tassen feinsten Ceylontees einfach stehen, weil er uns erkaltet nicht mehr mundet, während keine Stunde Fußmarsch von hier Abertausende Menschen in Buden hausen, in denen sie nicht einmal ein Feuer machen können, um das Wasser abzukochen, das sie in ihre armseligen Behausungen schleppen.«
Betroffen sah Henriette zu ihrer halb vollen, kalten Tasse Tee.
»Verzeihen Sie«, sagte Amalie Sieveking, »ich wollte Sie nicht beschämen. Unsere Welt ist ungerecht, dies zu ändern liegt nicht in unserer Macht. Gleichwohl können wir barmherzig sein und damit für einzelne Menschen die Welt ein klein wenig erträglicher machen.«
»Ich … In Königswinter habe ich bei der Armenspeisung geholfen«, sagte Henriette zögerlich, darauf bedacht, es nicht wie eine Rechtfertigung klingen zu lassen. »Aber ich habe die Armen nie zu Hause besucht.«
»Und doch habe ich größtes Vertrauen, dass Sie, sollten Sie Bedürftige in ihren Wohnstätten besuchen, sie mit dem Respekt behandeln würden, der jedem Menschen zusteht. Denken Sie darüber nach. Ich werde in den nächsten Tagen ohnehin bei Ihrem Vater vorsprechen, Herr von Steudnitz unterstützt unseren Verein jedes Jahr mit einer großzügigen Zuwendung. Vielleicht möchten Sie mich ja einmal auf meinem Weg zu einer betreuten Familie begleiten.« Sie erhob sich und neigte lächelnd ihren Kopf zum Abschied. »Es war mir eine Freude.«
Henriette stand ebenfalls auf. »Ganz meinerseits.«
Sie sah Amalie Sieveking nach, schüttelte den Kopf über sich selbst. Seit wann war sie so verlegen um Worte?
»Ich sehe, du hast Amalie Sieveking bereits kennengelernt.« Rosa tauchte neben ihr auf. »Sie ist …«
»… erfrischend ungewöhnlich.« Henriette hakte sich bei Rosa unter und ging mit ihr hinaus in den Garten. »Jetzt fühle ich mich schlecht, weil ich mich seit Wochen in Satinlaken gehüllt selbst bemitleide, völlig ignorant gegenüber dem Elend um mich herum. Und gleichzeitig fühle ich mich so gut wie lange nicht. Ich glaube, ich habe gerade eine neue Aufgabe gefunden. Ich werde mich Amalie Sievekings Verein anschließen. Schon bald wird sie mich das erste Mal mitnehmen.«
Rosa stoppte abrupt. »Du meinst … du willst Amalie in diese elenden Viertel begleiten?«
Henriette nickte.
»Das wird dein Vater niemals gestatten. Du weißt, dass er sie Seuchenviertel nennt.«
Wieder nickte Henriette. »Weil dort die Cholera am schlimmsten gewütet hat.«
»Weil dort alles am schlimmsten wütet!«
»Ich bin erwachsen, Rosa, ich brauche dazu nicht die Erlaubnis meines Vaters.«
»Aber du brauchst seine Apanage!« Rosa umschloss Henriettes Hände mit den ihren. »Liebste Freundin, ich wäre überglücklich, wenn dich das wieder froh machen würde. Aber könntest du ihr nicht anders behilflich sein? Spendenaufrufe und Benefizkonzerte organisieren, Güter zusammenstellen, du kannst das doch alles so gut wie keine Zweite! Aber du selbst als Helferin im Seuchenviertel – ich glaube nicht, dass das dein Weg ist.«
»Mein Weg hätte in Königswinter enden sollen.« Henriette löste ihre Hände aus Rosas. Die Leichtigkeit war plötzlich verflogen.
Sie wollte einfach nur nach Hause.
Zu Franz.
Der ihr seit ihrer Abreise aus Königswinter nicht eine Zeile geschrieben hatte.
Der sie einfach ausgemustert hatte wie ein altes Möbel.
Dessen Haus nie wieder das ihre sein würde.
Die ersten Sonnenstrahlen weckten Jule aus ihrem unruhigen Schlaf. Gähnend streckte sie sich, spürte die rauen Planken des kaputten Ruderboots, das sie für die Nacht unter das überhängende Dornengeflecht der Böschung gezogen hatten. Noch müde setzte sie sich auf, pikste sich an einem Dorn. Blut quoll aus der Haut. Sie spuckte auf die winzige Wunde und verrieb den Speichel mit dem Blut. Abgesehen von den Dornen war es ein guter Schlafplatz, wie Frieder versprochen hatte. Vom Uferweg konnte man die Einbuchtung nicht sehen, vom Wasser aus war das Risiko, nachts überfallen zu werden, verschwindend gering. Trotzdem hatte sie jedem Geräusch ängstlich nachgelauscht, versucht, es Tier oder Mensch zuzuordnen, sich in den Schutz einer Unterkunft gewünscht. Wie dreckig und voll es auch sein mochte, dort wären sie wenigstens geschützt vor Tieren und Räubern und Regen.
Sie krabbelte aus der Bootsruine und hockte sich ans Wasser. Der Fluss strömte in trügerischer Ruhe dahin. Doch sie wusste, wie tückisch er sein konnte. Stand man gerade noch hüfthoch im Wasser, brauchte es nur einen kleinen Schritt oder eine heftige Bugwelle, um den Boden unter den Füßen zu verlieren, von der Strömung mitgerissen und von den Strudeln unter Wasser gezogen zu werden. Sie streckte die Hand ins Wasser. Kühl floss es durch ihre Finger, sie schöpfte zwei Handvoll heraus und benetzte damit ihr Gesicht.
»Ich arbeite heute am Hafen.« Frieder hockte sich neben sie. »Sie suchen Helfer auf den Schuten.«
»Du bist zu jung.«
»Ich bin klein. Wenn sich was verkeilt, komme ich viel besser dran.«
»Es ist zu gefährlich.«
»Alles ist gefährlich.« Frieder setzte sich auf die Steine und streckte seine Füße in den Fluss. »Gestern habe ich den ganzen Tag Holz gestapelt, und dann hat der Holzhändler gesagt, er bezahlt mich nicht, weil es nicht ordentlich ist.«
»Und dann?«, fragte Jule.
»Habe ich einen Stapel umgeworfen. Und vielleicht hat der Holzhändler dabei ein Scheit abbekommen. Und dann hat er den Büttel geholt.«
Jule stieß hörbar die Luft aus. Sie konnte sich genau vorstellen, wie Frieder getobt hatte. »Mensch! Frieder! Wann kapierst du es endlich? Dein Jähzorn bringt nur Ärger!«
»Er hat meine Arbeit nicht bezahlt!«, brauste Frieder auf.
»Hat er sie dir bezahlt, nachdem du herumgetobt hast wie ein Teufel?«
Anstelle einer Antwort schmetterte Frieder einen Kiesel ins Wasser. »Der Sohn vom Holzhändler kam aus der Schule und hat sich über mich lustig gemacht. Er hat gesagt, dass er noch nie so schmutzige Füße gesehen hat. Und dann hat er mit seinen neuen Lederschuhen geprahlt.«
»Er scheint ein ziemlich dummer Junge zu sein.«
»Er musste nicht einmal helfen! Seine Mutter hat ihm Kuchen und Limonade gebracht. Dabei hat er den Kuchen gar nicht gewollt.« Frieder pfefferte fünf Kiesel in kurzen Abständen nacheinander ins Wasser. »Ich wollte ihn. Ich hatte Hunger. Aber ich musste Holz stapeln. Und das habe ich gemacht, bis zum letzten Scheit.«
»Du bist sehr fleißig«, lobte Jule. »Und es war falsch, dir keinen Lohn zu geben.« Sie streckte ebenfalls ihre Füße ins Wasser und versuchte, das Gefühl der Frische für später am Tag aufzubewahren. Wenn es heiß und die Füße vom vielen Stehen am Waschtrog müde waren.
»Der Büttel hat mir überhaupt nicht zugehört. Er hat mich am Ohr gepackt und vom Hof gezerrt.« Die nächsten Kiesel flogen platschend ins Wasser. »Und dann hat er gesagt, ich bin ein Taugenichts und Herumtreiber und faul und schmutzig. Ich bin nicht faul! Ich habe Holz gestapelt!«
»Bist du nicht«, sagte Jule besänftigend. »Es war nicht recht, das zu dir zu sagen.«
Er zog die Füße aus dem Wasser. »Ich habe Hunger. Ich habe seit dem Stück Kuchen gestern nichts mehr gegessen.«
»Welchem Kuchen?«, fragte Jule alarmiert.
»Dem vom Holzhändlerjungen natürlich.«
»Du hast seinen Kuchen geklaut?« Sie sah Frieder streng an.
»Er hat ihn ja nicht einmal gewollt! Und außerdem habe ich mir den Kuchen verdient, jeden Brösel!«
»Nein, Frieder, zum hundertsten Mal! So funktioniert die Welt nicht!« Jule schüttelte verzweifelt den Kopf. »Ich musste dem Büttel all unsere Ersparnisse geben, um dich auszulösen. Ich hätte dir die ganze Woche Kuchen kaufen können, und es wäre immer noch was übrig!«
»Alles? Weg?« Frieder sah sie mit großen Augen an.
»Schlimmer«, brach es aus Jule heraus. »Wir schulden Lauermann acht Schilling.«
»Dann haben wir gar nichts mehr?« Frieders Stimme zitterte. »Kein Geld für etwas Brot?«
»Ein paar Pfennig habe ich für Brot zurückbehalten. Aber zuerst sammeln wir Reisig für Bäcker Möricke.« Jule erhob sich, ging zu dem kaputten Boot und schüttelte ihr sorgfältig zusammengelegtes Oberkleid aus, bevor sie hineinschlüpfte. Dann breitete sie ihr Tuch für das Reisig aus.
Bald darauf liefen sie schwer beladen zur südlichen Neustadt. Frieder trug das Reisig, Jule hatte die Arme voll mit Treibholz, das sie an der Böschung gefunden hatten. Vorsichtig ging sie den unebenen Weg entlang. Ihre Arme schmerzten vom Gewicht des Treibholzes, das Frieder so hoch auf ihre Arme gestapelt hatte, dass sie den Boden vor ihren Füßen nicht sehen konnte. Erleichtert spürte sie endlich die von der Nacht noch kühlen Pflastersteine unter ihren Füßen. Es war früh, die Straßen noch verschlafen, nur wenige Händler waren bereits mit den Vorbereitungen für den Tag beschäftigt. Je näher sie der Bäckerei kamen, desto mehr knurrte ihr leerer Magen. Hoffentlich gab ihnen der Bäcker etwas Extrabrot für das Holz, sodass sie nur ein paar Pfennige für das Tagesbrot verwenden musste. Vielleicht würde er sich darauf einlassen, dass sie ihm die kommenden Wochen jeden Tag etwas Holz gegen Brot brachten. Lauermann würde nicht zu lange auf die Bezahlung ihrer Schulden warten. Sie könnte mehr Wäsche annehmen, schneller und länger arbeiten, um noch etwas dazuzuverdienen. Persönlich wollte er dafür sorgen, dass sie ihre Schulden bezahlte, hatte er gesagt. Sie schauderte. Wie er dabei gegrinst hatte. Wo er doch genau wusste, wie schwer es für sie war, so viel Geld zur Seite zu legen. Acht Schilling!
»Wir können heute Nacht wieder draußen schlafen«, sagte Frieder. »Dann sparen wir uns das Nachtgeld.«
»Und wenn es regnet?«, fragte Jule.
»Wir bauen einen Regenschutz«, sagte Frieder eifrig. »Und ich weiß auch schon, wie.«
Jule lächelte. Natürlich hatte Frieder schon eine Lösung für ihr Problem. Niemand sonst hatte so schnell Lösungen parat. Frieders mochten nicht immer hilfreich sein, aber wenigstens gab er nie auf. Abgesehen davon schlief er ohnehin lieber im Freien als in einem der feuchten, übervollen Keller, in denen sie unterkamen, seit Witwe Strauss Frieder vor die Tür gesetzt hatte. Ach, wenn Witwe Strauss nur endlich die unselige Geschichte mit der Kanne vergessen und sie wieder in ihrem Saal schlafen lassen würde! Es war sauber und trocken bei ihr, und meist waren sie sogar die einzigen Schlafgäste gewesen. Immerhin hatte sie ihr versprochen, auf ihre wenigen Habseligkeiten aufzupassen, bis Jule eine neue feste Unterkunft gefunden hatte.
Vor Bäcker Möricke blieben sie stehen. Jule betrat den Laden zuerst und ging schnurstracks zur Bäckersfrau, die gerade frisch gebackene Brote in die Körbe legte.
»Guten Morgen«, sagte Jule freundlich, aber bestimmt, wie sie es von Witwe Strauss gelernt hatte. »Ich habe Reisig und Treibholz. Was bekommen wir dafür?«
»Da wart ihr ja schon fleißig.« Die Bäckersfrau wählte einen zwei Handteller großen Laib und legte ihn auf den Tresen. »Drei Pfennig bekomm ich noch.«
Jule legte die Pfennige auf den Tresen.
Gierig nahm Frieder seine Hälfte und brach sich sogleich ein Stück herunter. »Ich mach mich auf die Socken«, sagte er mit vollem Mund. »Sonst sind die Plätze auf den Schuten weg.«
Jule musterte ihn kurz, fuhr ihm einmal glättend durch die zerzausten Haare. »Wir sehen uns nach Feierabend am Brunnen.«
Er trottete davon.
»Und halte dich von Ärger fern, hörst du?«, rief sie ihm nach. Wenn er nur endlich begriffe, dass sie immer den Kürzeren zogen, egal ob sie im Recht oder im Unrecht waren. Sie waren nun einmal machtlos, und sie hatten niemand, der sich für sie starkmachte.
Verlieren taten am Ende immer sie.
»Wie erfreulich, dich um diese Stunde bereits auf zu sehen.« Vater hielt die Zeitung zur Seite, um an ihr vorbei Henriette zufrieden zuzunicken. »Ich hörte, dein gestriger Ausgang mit Rosa Habermanns verlief ohne Zwischenfälle.«
Henriette wedelte die Serviette auf und legte sie auf ihren Schoß. Sogleich eilte Matje, der Hausdiener, herbei und schenkte ihr eine Tasse Tee ein. »Gänzlich skandalfrei, Vater. Guten Morgen!«
»Nun, hoffen wir, dass dies so bleiben wird. Auch wenn du nicht mehr so heißt, du bist eine geborene von Steudnitz, das verpflichtet.« Mit einer schnellen Handbewegung schlug er die Zeitungsecke zurück und vertiefte sich erneut in seine Lektüre.
Henriette nahm sich eine von Matje frisch aufgeschnittene Scheibe Brot und bestrich sie dünn mit Marmelade, schnitt sie in einen schmalen Streifen und acht Dreiecke und drapierte die Brotstücke zu einer Blume. Sie trank einen Schluck Tee, die Augen auf das essbare Kunstwerk vor ihr gerichtet. Farbe fehlte. Dunkles Pflaumenmus für den Stiel, dann würden die Brotblüten mit der Erdbeermarmelade ganz anders wirken.
Die Zeitung raschelte, Vater sah indigniert auf Henriettes Teller. »Ich würde es vorziehen, wenn du dich der Kunst mit Pinsel und Leinwand widmest. Die Verhölst-Schwestern …«
»… haben keine Ahnung von Speisenarrangements«, vollendete Henriette den Satz ihres Vaters.
»Was sicherlich nicht zu ihrem Nachteil ist, denn für solche Unsinnigkeiten hat man schließlich Personal.«
Henriette steckte zwei Brot-Blütenblätter auf einmal in den Mund, um zu ersticken, was ihr auf der Zunge lag. Wie sie es hasste, wenn Vater abfällig über ihre Arbeit als Gastronomin redete. Es waren genau diese liebevollen, spielerischen Details, die Franz’ Haus das Renommee eingebracht hatten, das es zu einer der beliebtesten Gaststätten am Rhein aufsteigen ließ. Und das, obwohl er als Bayer und sie als Hanseatin am Anfang einiges an Argwohn hatten erdulden müssen, was sie nur darin bestärkt hatte, alles besonders exquisit zu gestalten. Das Geschirr abgestimmt auf die verschiedenen Gasträume, die perfekte Dekoration für jeden Anlass, das Essen immer kunstvoll angerichtet, selbst die Tagessuppe wurde mit passenden Kräutern verziert.
»Für diese Unsinnigkeiten zahlen Gäste gutes Geld, und zwar deutlich mehr, als es uns kostet, sie anzurichten«, sagte sie betont ruhig. »Ich habe mich als gute Geschäftsfrau bewiesen. Dass wir die Einnahmen verdreifacht haben, lag nicht zuletzt an meinen Ideen und meinem Verhandlungsgeschick.«
»Und doch bist du jetzt hier. Nach über fünfzehn Jahren deiner Mitarbeit hat dein Mann beschlossen, dass er auf dein Geschick verzichten kann.« Vaters Kopf verschwand wieder hinter der Zeitung.
Henriette erstach mit einem hellen Klonk ihre Brotblume bis aufs feine Porzellan. »Sie wissen, warum ich hier bin, Vater«, sagte sie tonlos. »Es hat nichts mit meiner Arbeit zu tun!«
»Ich weiß, dass dein Mann dich nicht mit dem Respekt behandelt hat, der einer von Steudnitz gebührt.« Vater legte die Zeitung abrupt zur Seite. »Er hat seine Frau arbeiten lassen wie eine Proletarierin und dann weggeworfen wie einen alten Lumpen!«
»Vater!«, rief Henriette. »Es war mein Wunsch, bei Franz mitzuarbeiten, und es war meine Entscheidung, ihn zu verlassen. Aber im Gegensatz zu Ihnen hat er mich ernst genommen. Warum nehmen Sie mich nicht mit ins Kontor?«
»Das kommt überhaupt nicht infrage.« Vaters Mund wurde spitz. »Und das weißt du.«
Henriette schob den Teller von sich. Sie musste sich zusammenreißen, um ruhig sitzen zu bleiben.
»Das ist das Problem mit dir, Henriette«, sagte Vater. »Du kennst deinen Platz nicht.«
»Ich dachte, mein Platz wäre nun an Ihrer Seite. In dem Kontor, das Sie nach dem Krieg mit so viel Mühe wieder aufgebaut haben.«
»Dein Platz wäre weiterhin an der Seite des Mannes gewesen, den du trotz meiner Bedenken geheiratet hast. Ich hatte dir gesagt, dass ein Gastwirt mit seinen Holterdiepolter-Manieren kurzfristig amüsant sein mag, aber auf die Dauer unerträglich wäre.«
Henriette atmete tief durch. »Es geht hier nicht um Franz«, sagte sie schließlich. »Ich möchte mich nützlich machen. Ich habe nach dem Krieg so oft im Kontor gesessen und Ihnen zugehört, wie Sie Handelsvereinbarungen geschlossen, Kosten und Erträge berechnet, Lieferanten und Kunden umgarnt und Transportwege verkürzt haben. Ich könnte Ihnen eine gute Hilfe sein.«
»Ich habe alle Hilfe, die ich brauche, vielen Dank!« Vater nahm die Zeitung wieder auf, sein Gesicht verschwand hinter Papier und schwarzer Druckertinte.
Henriette starrte auf die Rückseite der Zeitung. Es war so ermüdend. »Ich bin eine gute Geschäftsfrau.«
Seufzend senkte Vater die Zeitung. »Allein der Begriff Geschäftsfrau ist ein Widerspruch in sich. Frauen führen keine Geschäfte. Besuch Konzerte, geh zum Fünf-Uhr-Tee, halte dich an die Verhölst-Schwestern, sie wissen, wie man sich in Hamburgs Gesellschaft zu bewegen hat. Oder wenn dir das alles nicht zusagt, tritt dem Frauen- und Jungfrauenverein bei oder fertige meinetwegen deine seltsamen Puppen, aber hör auf, mich mit diesem albernen Geschwätz über Geschäftsfrauen zu enervieren.«
»Nun gut«, blaffte Henriette. »Wenn das so ist, dann kann ich meine Zeit ja ganz und gar Amalie Sievekings Weiblichem Verein für Armen- und Krankenpflege widmen.«
»Sieveking?« Vater runzelte die Stirn. »Du willst mit dieser verwirrten Frau in die Seuchenviertel? Und mir dann die Siechen und das Ungeziefer ins Haus einschleppen? Das kommt nicht infrage! Eine von Steudnitz hat dort nichts verloren.«
»Aber …« Nun runzelte Henriette verwirrt die Stirn. »Sie unterstützen Frau Sieveking doch auch!«
»Selbstverständlich. Schließlich hat sie beste Verbindungen in die Politik. Ihr Vater, Gott hab ihn selig, war ein guter Mann im Senat. Ganz hervorragend in seinen Ansichten.«
»Dann geht es Ihnen nicht um die Sache?«
»Hast du nicht eben noch behauptet, eine gute Geschäftsfrau zu sein?«, fragte Vater süffisant. »Es geht immer nur um das Geschäft. Das lebt von den richtigen Beziehungen. Und Fräulein Sieveking hat die besten.«
»Dann kann es ja nicht schaden, sich mit ihr gut zu stellen«, gab Henriette zurück.
»Du wirst keinen Fuß in die Seuchenviertel setzen. Das ist mein letztes Wort.« Vater sah sie streng an. »Wenn du dich so unbedingt im Kontor nützlich machen möchtest, dann kümmere dich um die Festivitäten zum fünfundzwanzigsten Jubiläum des Endes der napoleonischen Besatzung.«
»Ich soll ein Fest organisieren?«
Vater faltete die Zeitung und erhob sich. »Betrachte es als großzügiges Entgegenkommen.«
***
Henriette rückte den Stuhl näher ans Fenster. Im direkten Sonnenlicht sah sie den weißen Faden viel deutlicher.
»Ich weiß nicht, wie du das Stunde um Stunde machen kannst.« Rosa stöhnte und ließ ihre halb fertige Puppe in den Schoß sinken. »Mein Rücken schmerzt, und mein Finger ist schon ganz zerstochen, und …«
»Du musst nur den Fingerhut richtig benutzen und dich gerade hinsetzen.« Henriette hob den Puppenkorpus und nähte den Kopf an. »Denk einfach daran, dass du einem armen Kind damit eine Freude machst.«
»Da tut es ein Schilling auch.«
»Bitte, Rosa!« Henriette schüttelte missbilligend den Kopf. »Das hätte jetzt auch von Vater stammen können.«
»Und er hat recht!«, trumpfte Rosa auf. »Du solltest dich freuen, dass er dir die Organisation des großen Festes aufgetragen hat. Du wirst dabei aufblühen, das garantiere ich dir. Das Fest wird deine Eintrittskarte zurück in die Gesellschaft, vorbei an den Verhölst-Schwestern, gleich in die wirklich wichtigen Kreise. Und wer weiß, vielleicht ist ja auch der eine oder andere gut situierte Herr dabei, der dich interessieren könnte …«
Schweigend nähte Henriette den hellen Kopf weiter an. Die Ablenkung täte ihr sicherlich gut. Und eine Veranstaltung zu organisieren würde ihr Spaß machen: Einladungen gestalten, Gästelisten erstellen, Deko, Menüvorschläge … Tausend Dinge waren zu erledigen, und sie hätte das erste Mal seit ihrer Ankunft in Hamburg wieder das Gefühl, gebraucht zu werden.
»Ich freue mich ja«, räumte sie ein. »Aber ich ärgere mich, dass ich nun Fräulein Sieveking absagen muss, sollte sie mich einladen, sie zu begleiten.«
»Hast du wirklich geglaubt, dein Vater würde das gutheißen?«
»Wohltätigkeit ist auch für seinen Ruf wichtig«, sagte Henriette. »Er spendet jedes Jahr für ihren Verein.«
»Was etwas anderes ist, als selbst dorthin zu gehen.« Rosa drückte mit aller Gewalt die Nadel in den Puppenkorpus. »Deine Mutter und dein Bruder sind an der Cholera gestorben, und im Gängeviertel ist die Seuche immer besonders schlimm.«
»Wir haben derzeit keine Seuche, die die Luft verpestet.«
»Wer weiß schon, wann die nächste ausbricht?« Rosa ließ entnervt das Nähzeug in den Schoß sinken. »Wie kommt es nur, dass das bei dir so einfach aussieht und ich es nicht einmal schaffe, die Nadel durch die erste Schicht zu stechen?«
