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Wer ist Kornél Esti? Ein Bohemien und Bürgerschreck, ein Mephisto der Moderne, der im eleganten Budapest sein Unwesen treibt, eine der lebendigsten Fiktionen, die jemals zu Papier gebracht wurden.
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Seitenzahl: 375
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Dezső Kosztolányi
Ein Held seiner Zeit
Die Bekenntnisse des Kornél Esti
Aus dem Ungarischen von Christina Viragh
Ihr Verlagsname
Mit einem Nachwort von Péter Esterházy
Wer ist Kornél Esti? Ein Bohemien und Bürgerschreck, ein Mephisto der Moderne, der im eleganten Budapest sein Unwesen treibt, eine der lebendigsten Fiktionen, die jemals zu Papier gebracht wurden.
Dezső Kosztolányi, geboren 1885, gilt als großer Erneuerer der ungarischen Literatur. In allen Gattungen bewandert, schuf er bedeutende Lyrik, Romane, Novellen und Essays. Neben Shakespeare und Oscar Wilde hat er auch Heine, Hölderlin und Rilke ins Ungarische übersetzt. «Esti Kornél» erschien 1933 und hat bis heute nichts an Frische und Originalität eingebüßt. Dezső Kosztolányi starb 1936.
Der Verlag dankt dem Fonds für Übersetzungsforderung der Stiftung Ungarisches Buch in Budapest (www.hungarianbookfoundation.hu) für die freundliche Unterstützung der vorliegenden Übersetzung.
Ein Held seiner Zeit
in welchem der Autor den alleinigen Helden dieses Buchs, Kornél Esti, vorstellt und entlarvt
Die Hälfte meines Lebens war schon vorbei, als mir an einem windigen Frühlingstag Kornél Esti in den Sinn kam. Ich beschloß, ihn aufzusuchen und unsere alte Freundschaft zu erneuern.
Wir hatten uns damals schon zehn Jahre nicht mehr gesehen. Was war zwischen uns vorgefallen? Gott weiß. Zerstritten waren wir nicht. Jedenfalls nicht so wie andere Leute.
Doch als ich die Dreißig hinter mir hatte, begann er mir lästig zu werden. Sein frivoles Benehmen verletzte mich. Seine altmodischen offen-hohen Kragen, seine gelb-dünnen Krawatten und seine krud-grünen Wortspiele waren mir verleidet. Ich fand seine krampfhafte Originalität ermüdend. Fortwährend verwickelte er mich in irgendwelche Skandale.
Zum Beispiel riß er beim Spazieren, während wir nebeneinander hergingen, unvermittelt ein Küchenmesser aus der Innentasche seines Jacketts und begann es zur Verblüffung der Passanten am Randstein zu wetzen. Oder er wandte sich sehr höflich an einen armen Blinden, er möge ihm doch das Staubkorn entfernen, das ihm eben ins Auge geflogen sei. Oder einmal, als ich lauter bedeutende Persönlichkeiten, von denen mein Schicksal und meine Karriere abhingen, Chefredakteure, Politiker – gnädige Herren, Exzellenzen –, zum Abendessen erwartete und auch er geladen war, veranlaßte er hinterrücks meine Bediensteten, im Badezimmer einzuheizen, worauf er meine Gäste gleich bei ihrem Eintreffen abfing und ihnen mitteilte, daß in meinem Haus aufgrund einer alten, geheimnisvollen – leider nicht in Einzelheiten zu erörternden – Familientradition oder eines Aberglaubens die Gäste vor dem Essen ausnahmslos ein Bad zu nehmen hatten, und diesen Unsinn vertrat er mit einem solchen teuflischen Takt, einer solchen Schläue und Wortgewandtheit, daß die arglosen Opfer, die mich zum ersten und zum letzten Mal mit ihrer Präsenz beehrten, ohne mein Wissen allesamt ein Bad nahmen, zusammen mit ihren Gemahlinnen, worauf sie sich, gute Miene zum bösen Spiel machend, an den Tisch setzten, als wäre nichts geschehen.
Derartige Studentenstreiche hatten mich früher amüsiert. Jetzt, zu Beginn des Mannesalters, ärgerten sie mich eher. Ich fürchtete, meine Seriosität könnte ebenfalls Schaden nehmen. Zwar sagte ich nichts, aber ich gebe zu, daß er mich mehr als einmal zum Erröten brachte.
Ihm ging es mit mir wohl ähnlich. In der Tiefe seines Herzens fand er mich wahrscheinlich blöd, weil ich seine Einfälle nicht gebührend würdigte. Vielleicht verachtete er mich sogar. Er hielt mich für einen Spießbürger, weil ich mir einen Terminkalender anschaffte, täglich arbeitete und mich den gesellschaftlichen Gebräuchen anpaßte. Einmal warf er mir ins Gesicht, ich hätte meine Jugend vergessen. Na ja, da war wohl etwas dran. Aber so geht es im Leben. Allen geht es so.
Unsere Entfremdung vollzog sich langsam und unmerklich. Aber trotz allem verstand ich ihn. Er mich auch. Bloß war es jetzt so, daß wir einander insgeheim kritisierten. Die ganze Erklärerei, daß wir einander verstanden und doch nicht verstanden, ging uns beiden auf die Nerven. Jeder zog auf eigenen Wegen dahin. Er nach links. Ich nach rechts.
Zehn lange Jahre lebten wir so, ohne einander ein Zeichen zu geben. Natürlich dachte ich an ihn. Es verging kaum ein Tag, an dem ich mir nicht überlegte, was er in dieser oder jener Situation tun würde. Ich nehme an, daß auch er an mich dachte. Schließlich war unsere Vergangenheit von einem lebendig pulsierenden Erinnerungsgeflecht durchzogen, das nicht so rasch absterben konnte.
Wer er für mich war und was er war, das ließe sich nur schwerlich von A bis Z erzählen. Ich könnte das gar nicht. Meine Erinnerung reicht nicht so weit zurück wie unsere Freundschaft. Ihr Anfang verliert sich im urweltlichen Dämmer meiner Säuglingszeit. Seit ich denken kann, war er mir nahe. Immer vor mir oder hinter mir, neben mir oder gegen mich. Gleichgültig war er mir nie.
Eines Winterabends saß ich nach dem Essen auf dem Teppich und baute aus bunten Klötzchen einen Turm. Meine Mutter wollte, daß ich schlafen ging. Sie schickte die Amme nach mir, denn damals trug ich noch Röcke. Schon ließ ich mich wegführen. Da ertönte hinter meinem Rücken eine Stimme, seine unvergeßliche Stimme:
«Nicht gehen, grad eben nicht.»
Ich wandte mich um und erblickte ihn, glücklich-erschrocken. Er grinste mir ermutigend zu. Ich klammerte mich an seinen Arm, damit er mir helfe, doch die Amme riß mich los und brachte mich zu Bett, ich konnte zappeln und stampfen, soviel ich wollte.
Von da an trafen wir uns täglich.
Morgens sprang er vors Waschbecken:
«Nicht waschen, schmutzig bleiben, es lebe der Dreck!»
Wenn ich beim Mittagessen auf das inständige Flehen meiner Eltern und wider meine Überzeugung das «nahrhafte und gesunde» Linsengericht zu löffeln begann, flüsterte er mir ins Ohr:
«Spuck es aus, kotz es auf den Teller, wart den Braten, den Kuchen ab.»
Er war nicht nur im Haus, bei Tisch und im Bett bei mir, sondern begleitete mich auch auf der Straße.
Der Herr Lojzi kam uns entgegen, ein lieber alter Kumpan meines Vaters, ein hundert Kilo schwerer Richter, den ich bis dahin sehr gern gehabt und verehrt hatte. Ich lüftete meinen Hut und grüßte ihn sittsam. Kornél herrschte mich an:
«Streck die Zunge heraus», und auch er streckte sie heraus, daß sie ihm bis zur Kinnspitze reichte.
Ein frecher Kerl war das, aber interessant, nie langweilig.
Er gab mir eine brennende Kerze in die Hand.
«Zünde die Vorhänge an», hetzte er. «Zünde das Haus an. Zünde die Welt an.»
Er gab mir auch ein Messer.
«Stich es dir ins Herz», schrie er. «Blut ist rot. Blut ist warm. Blut ist schön.»
Ich getraute mich nicht, seine Ratschläge zu befolgen. Aber es gefiel mir, daß er auszusprechen wagte, was ich dachte. Ich hörte ihm mit einem entsetzten Lächeln zu. Er machte mir angst und zog mich an.
Nach einem Sommergewitter fand ich unter dem Ginsterbusch ein völlig durchnäßtes Spatzenjunges. So wie ich es im Religionsunterricht gelernt hatte, übte ich die Werke der Barmherzigkeit und brachte den Spatz in die Küche, damit er beim Herd trocken würde. Ich streute Brosamen vor ihn hin. Wickelte ihn in Lappen. Wiegte ihn im Arm.
«Reiß ihm die Flügel aus», flüsterte Kornél, «stich in seine Augen, wirf ihn ins Feuer, töte ihn.»
«Du bist verrückt», brüllte ich.
«Du bist feige», brüllte er.
Blaß starrten wir einander ins Gesicht. Zitternd. Ich vor Empörung und Mitleid, er vor Neugier und Mordlust. Ich warf ihm den Spatz hin, er solle mit ihm machen, was er wolle. Kornél sah ihn an und bekam Mitleid. Es begann ihn zu schütteln. Ich verzog höhnisch den Mund. Während wir miteinander rangen, huschte der Spatz in den Garten hinaus und verschwand.
Auch er wagte also nicht alles. Ein Maulheld war er, ein Lügner.
Ich weiß noch, wie er in einer herbstlichen Abenddämmerung, so gegen sechs, mich vors Tor hinunterrufen ließ und mir dort geheimnisvoll raunend mitteilte, er könne auch zaubern. Er zeigte mir einen glänzenden Metallgegenstand in seiner Hand und sagte, das sei eine Zauberpfeife, er brauche nur hineinzublasen, um jedes beliebige Haus in die Luft zu heben, bis zum Mond. Er würde auch unser Haus in die Luft heben, um zehn Uhr. Er sagte, ich brauchte keine Angst zu haben, ich solle bloß gut achtgeben und sehen, was passiere.
Damals war ich schon ein bißchen größer. Ich glaubte ihm und glaubte ihm auch nicht. Aber ich rannte aufgewühlt in unsere Wohnung zurück und beobachtete die ganze Zeit, wie die Zeiger unserer Uhr vorrückten. Für alle Fälle rechnete ich mit meinem bisherigen Leben ab, bereute meine Sünden und kniete mich betend vor dem Bildnis der Muttergottes nieder. Gegen zehn hörte ich in der Luft ein Rauschen und so etwas wie Musik. Unser Haus hob sich langsam und stetig in die Höhe, verharrte oben für einen Moment und ließ sich dann etwas schwankend, doch ebenso langsam und stetig wie beim Aufstieg, wieder zur Erde sinken. Ein Glas schlug ein bißchen auf dem Tisch auf, und die Hängelampe schaukelte. Das Ganze dauerte ein paar Minuten. Die anderen merkten nichts. Nur meine Mutter erbleichte, als sie mich ansah.
«Dir ist schwindlig», sagte sie und schickte mich zu Bett.
Meine Freundschaft mit Kornél wurde erst richtig tief, als auf unseren Stirnen die ersten Pickel, Purpurknospen des Jugendfrühlings, erschienen. Wir waren Tag und Nacht zusammen. Lasen und diskutierten. Ich nahm gegen ihn Stellung und focht seine gottlosen Ansichten heftig an. Ganz sicher war er es, der mich in alles Sündhafte einführte. Er klärte mich zu gegebener Zeit darüber auf, wie die Kinder entstehen, er legte mir dar, daß die Erwachsenen gelbe, nach Tabak riechende, aufgedunsene Tyrannen sind und keinerlei Respekt verdienen, weil sie widerwärtiger sind als wir und früher sterben, er redete mir zu, ich solle nicht lernen, solle morgens so lange wie möglich im Bett faulenzen, auch wenn ich zu spät in die Schule käme, er stand Schmiere, damit ich die Schubladen meines Vaters aufbrechen und seine Briefe öffnen konnte, er brachte mir wilde Bücher und Postkarten, die man vor eine Kerzenflamme halten mußte, er lehrte mich singen, lügen und Gedichte schreiben, er forderte mich auf, alle unanständigen Wörter laut herzusagen, im Sommer durch die Ritzen der Badekabine die Mädchen beim Umkleiden zu belauern und sie im Tanzkurs zu belästigen, er ließ mich meine erste Zigarette rauchen, er gab mir mein erstes Glas Pálinka zu trinken, er machte mir die physischen Freuden schmackhaft, die Eßlust und die Fleischeslust, er zeigte mir, daß auch im Schmerz heimliche Wollust steckt, er ließ mich den Schorf von meinen juckenden Wunden kratzen, er bewies, daß alles relativ ist und eine Kröte ebenso eine Seele haben kann wie ein Generaldirektor, er gab mir die Liebe zu den stummen Tieren und zur stummen Einsamkeit ein, er tröstete mich, als ich einmal vor einer Bahre an Tränen erstickte, indem er mich an der Flanke kitzelte, so daß ich über den dummen Widersinn der Vergänglichkeit lachen mußte, er schmuggelte den Spott in meine Gefühle, das Aufbegehren in meine Verzweiflung, er riet mir, für diejenigen Partei zu ergreifen, die von der Mehrheit angespuckt, eingesperrt und aufgehängt werden, er verkündete, daß der Tod ewig währt, und er wollte mich die verheerende Lüge glauben machen, es gebe keinen Gott. Mein unverdorbenes, gesundes Naturell begehrte erfolgreich gegen solche Lehren auf. Dennoch hatte ich das Gefühl, es wäre besser, seinem Einfluß nicht ausgesetzt zu sein und endgültig mit ihm zu brechen. Bloß war ich dafür doch zu schwach. Offenbar interessierte er mich immer noch. Und dann war ich ihm vieles schuldig. Er war mein Lehrmeister gewesen, und jetzt schuldete ich ihm mein Leben, so wie man dem Teufel die verkaufte Seele schuldet.
Mein Vater mochte ihn gar nicht.
«Wo ist der Frechling?» schrie er, als er eines Nachts in mein Studentenzimmer hereinplatzte. «Wo hast du ihn versteckt? Wo ist er?»
Ich breitete die Arme aus, um zu zeigen, daß ich allein war.
«Er ist immer da», donnerte er. «Immer hängt er hier herum. Immer dir auf den Fersen. Ihr eßt aus demselben Teller, ihr trinkt aus demselben Glas. Castor und Pollux. Die Busenfreunde», höhnte er.
Er suchte ihn hinter der Tür und hinter dem Ofen, und auch im Schrank. Sogar unter dem Bett sah er nach.
«Jetzt hör zu», schmetterte er auf dem Höhepunkt des Zorns, «wenn der noch einmal, noch ein einziges Mal, seinen Fuß hier hereinsetzt, prügle ich ihn windelweich, jage ihn mit der Peitsche aus dem Haus, wie einen Hund, und dich mit, da kannst du gehen, wohin du willst, wir kennen uns dann nicht mehr. Also, der kommt mir nicht noch einmal über die Schwelle. Hast du verstanden?»
Er lief auf und ab, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Versuchte seine Erregung zu beherrschen. Seine Schuhe quietschten.
«Dieser Schlawiner. Dieser Halunke. Du hast dir wohl keinen besseren Freund verschaffen können? Der setzt dir Flausen in den Kopf. Macht dich ganz konfus. Oder willst du auch so eine verkommene Gestalt werden? Das ist doch ein Nichts und Niemand. Aus dem wird nie etwas.»
Kornél durfte sich nicht zeigen. Er mied sogar unsere Straße.
Wir trafen uns heimlich außerhalb der Stadt: auf dem Rindermarkt, wo sommers der Zirkus seine Zelte aufschlägt, und auf dem Friedhof zwischen den Gräbern.
Wir hatten uns um die Schultern gefaßt, so spazierten wir. Bei einem dieser leidenschaftlichen Spaziergänge fanden wir heraus, daß wir im selben Jahr am selben Tag geboren waren, ja, in derselben Stunde und derselben Minute: am 29. März 1885, einem Palmsonntag, Punkt sechs Uhr in der Frühe. Dieser geheimnisvolle Zufall hatte eine starke Wirkung auf uns. Wir gelobten, daß wir, da wir ja am selben Tag zur selben Stunde auf die Welt gekommen waren, auch am selben Tag und zur selben Stunde sterben wollten, keiner von uns sollte den anderen überleben, um keine Sekunde, und in unserem jugendlichen Überschwang waren wir auch ganz sicher, daß wir das Gelübde freudig einhalten würden, ohne daß das für einen von uns ein Opfer oder einen Schmerz bedeuten sollte.
«Du wirst doch nicht seinetwegen traurig sein?» forschte meine Mutter, als ich vor meiner Öllampe döste und an Kornél dachte. «Es ist besser so, mein Sohn. Er war nicht deinesgleichen. Freunde dich lieber mit anderen Jungen an, mit gutsituierten, anständigen Jungen wie dem kleinen Mérey, dem kleinen Endris Horváth oder dem Ilosvay. Das sind Jungen, die dich gern haben. Der da hat dich eigentlich gar nicht gemocht. Sondern dich nur verdorben, erschreckt, nervös gemacht. Wie oft bist du im November aus dem Schlaf hochgeschreckt, wie oft hast du laut gerufen. Der war deiner nicht würdig. An ihm war nichts dran. Hohl war er. Seelenlos. Du, mein Junge, bist anders. Du bist ein guter Mensch, edel und mit tiefen Gefühlen», sagte sie und gab mir einen Kuß. «Du bist ganz anders, mein Sohn.»
Das stimmte. Es gab auf diesem Erdenrund keine zwei verschiedeneren Menschen als mich und Kornél.
Um so seltsamer kam mir vor, was ein paar Tage nach diesem Gespräch passierte.
An einem hellichten Mittag war ich eilig von der Schule nach Hause unterwegs, mit meinen von einem Riemen zusammengehaltenen Büchern. Jemand rief mir nach:
«Kornél!»
Ein Herr in grünem Mantel lächelte mir zu.
«Hör mal, Kornél, mein Lieber», fing er an und bat mich dann, beim Nachhausekommen bei ihnen, im Nachbarhaus, ein Paket abzugeben.
«Bitte sehr», stotterte ich.
«Was ist, mein Junge?» fragte der Grünbemäntelte. «Du hast mich offenbar nicht verstanden.»
«Doch, doch», sagte ich. «Bloß belieben der Herr zu irren. Ich bin nicht Kornél Esti.»
«Was?» fragte der Grünbemäntelte erstaunt. «Mach keine Witze, mein Kind. Wohnt ihr denn nicht in der Gömbkötőstraße?»
«Nein, bitt’ schön. Wir wohnen in der Damjanichstraße.»
«Bist du denn der Bruder vom Kornél?»
«Nein, bitt’ schön. Ich bin sein Klassenkamerad. Wir gehen in dieselbe Klasse, und er sitzt neben mir, in der zweiten Bank. Aber Kornél ist im letzten Halbjahr wieder in zwei Fächern durchgefallen, seine Arbeiten sind schludrig, sein Betragen läßt zu wünschen übrig, ich hingegen bin der Klassenerste, habe immer hervorragende Noten, meine Arbeiten sind sorgfältig, mein Betragen ist gut, außerdem lerne ich nach der Schule freiwillig Klavierspielen und Französisch.»
«Ich hätte schwören können», brummte der Grünbemäntelte vor sich hin. «Komisch», und er zog die Augenbrauen in die Höhe.
Es kam auch oft vor, daß uns, wenn wir draußen vor dem Wald an den Bahndämmen entlangstreiften, fremde Menschen, Wandersleute, ansprachen, um zu fragen, ob wir Zwillinge seien.
«Schaut euch die beiden an», sagten sie. «Na, schaut euch das bloß an», und sie wieherten vor Freude.
Sie stellten uns Rücken an Rücken, stießen unsere Köpfe zusammen und maßen uns, indem sie uns die Handfläche auf die Köpfe legten.
«Wie ein Ei», sagten sie kopfschüttelnd, «wie ein Ei dem andern. Verstehst du das, Bódi? Verstehst du das?»
Später, als wir mehr oder weniger herangewachsen waren und uns beide im Schreiben versuchten, jeder so auf seine Art, da verstand auch ich vieles nicht.
Es kamen unerwartete Briefe von Unbekannten, die mich aufforderten, die Kleinigkeit zurückzuerstatten, die sie mir in Kassa, Wien oder Kolozsvár geliehen hatten, vor der Zugabfahrt auf dem Bahnhof, da ich unter Hinweis auf den Verlust meiner Geldbörse mit Ehrenwort versprochen hätte, das Darlehen innerhalb von vierundzwanzig Stunden zurückzuzahlen. Man bezichtigte mich geschmackloser Telephonstreiche und der Autorschaft niederträchtiger anonymer Briefe. Meine engsten Freunde wollten mit eigenen Augen gesehen haben, wie ich in strömendem Winterregen stundenlang in den krummen Gassen übel beleumdeter Viertel umhergestrichen sei oder wie ich sturzbetrunken auf dem roten Tischtuch einer Vorstadtschenke geschnarcht hätte. Der Oberkellner der Vitriol genannten Kneipe hielt mir eine Rechnung unter die Nase, vor deren Begleichung ich angeblich durch eine Hintertür geflüchtet war. Mehrere vertrauenswürdige Zeugen hatten gehört, wie ich mich über hohe Exzellenzen, landesweit anerkannte, lorbeerbekränzte Schriftsteller in großer Gesellschaft auf die despektierlichste Art geäußert hatte. Sekundanten mit keckem Monokel suchten mich auf, desgleichen Austräger mit meiner Visitenkarte und Mädchen mit der gepflückten Lilie ihrer Unschuld, und alle breiteten sie meine Schwüre, meine Eheversprechen vor mir aus. Es erschien auch eine bejahrtere, untersetzte Dame vom Land, duzte mich und drohte in ihrem erregten Dialekt, sie würde eine Vaterschaftsklage gegen mich anstrengen.
Entsetzt starrte ich auf diese Alptraumgestalten, die einst in irgendeiner Vorstellung, in irgendeiner Existenz bestimmt gelebt, geatmet, geglüht hatten, jetzt aber schwarz waren, tot und kalt, wie das verglühte, zu Kohle gewordene Scheit. Ich kannte sie nicht. Sie hingegen kannten und erkannten mich. Ich verwies sie allesamt an Kornél Esti. Da lächelten sie. Wollten, daß ich ihn beschreibe. Worauf sie spöttisch auf mich zeigten. Sie wollten auch seine Adresse haben. Damit konnte ich nicht recht dienen. Mein Freund streifte meistens im Ausland umher, schlief in Flugzeugen, hielt sich ein paar Tage da und dort auf, und er war, soviel ich wußte, nie amtlich angemeldet. Kornél Esti gab es, aber er war keine juristische Person. Ich konnte mich also an diesen fürchterlichen Missetaten noch so unschuldig fühlen, bei einem Verfahren standen die Aussichten trotzdem nicht sehr gut. Der Unannehmlichkeit einer Gegenüberstellung konnte ich mich – schon um Kornéls willen – nicht aussetzen. Ich mußte alle seine Schulden, alle seine Streiche und Ehrlosigkeiten auf mich nehmen, als hätte ich sie begangen.
Ich zahlte für ihn. Zahlte viel. Nicht nur mit Geld. Auch mit meiner Ehre. Überall wurde ich mit schiefen Blicken bedacht. Man wußte nicht, woran man mit mir war, ob ich es mit den Rechten hielt oder mit den Linken, ob ich ein staatserhaltender Bürger war oder ein gefährlicher Aufrührer, ein ehrbarer Familienvater oder ein verkommener Lüstling, und überhaupt, ob ich ein Mensch war oder bloß ein Phantasiegebilde, eine betrunkene Wetterfahne, eine mondsüchtige Vogelscheuche, die sogar noch den zerlumpten, von der Herrschaft abgelegten Mantel nach dem Wind hängt. Unsere Freundschaft kam mich wahrhaftig teuer zu stehen.
Doch das alles hatte ich an dem windigen Frühlingstag, als ich beschloß, ihn aufzusuchen, mit einem Mal vergeben und vergessen.
Ein verrückter Tag war das. Nicht der erste April, aber nahezu. Ein verrückter, aufgeregter Tag. Am Morgen war noch alles gefroren, Eisspiegel glänzten auf dem Rost um die städtischen Bäume, der Himmel war blau. Dann begann es zu tauen. Es tropfte von den Traufen. Auf die Hügel senkte sich Nebel. Es nieselte lauwarm. Der Boden dampfte wie ein gehetztes, schwitzendes Pferd. Man warf den Wintermantel ab. Das luftige Band eines Regenbogens war über die Donau gespannt. Am Nachmittag graupelte es. Die Bäume waren verzuckert. Unter den Schuhsohlen wurde der Schnee zu Brei. Der Wind pfiff. Ein scharfes Pfeifen. Ein Pfeifen hoch oben, um die Kamine herum, auf den Hausdächern, die Telegraphendrähte entlang. Alles war in Bewegung. Die Häuser knirschten, die Dachstöcke knarrten, die Balken seufzten und wollten Knospen treiben, sie waren ja auch Bäume. In einem solchen Aufbruch, in einem solchen Aufruhr zog der Frühling ein.
Ich horchte auf das Pfeifen des Winds, und Kornél kam mir in den Sinn. Plötzlich hatte ich das unwiderstehliche Bedürfnis, ihn zu sehen.
Ich telephonierte herum, in Kaffeehäuser und Vergnügungsstätten. Bis zum späten Abend hatte ich nur gerade herausbringen können, daß er im Land war. Zu Fuß und im Wagen hetzte ich seinen Spuren nach. Morgens um zwei erfuhr ich, daß er im Hotel Fledermaus zu finden sei. Bis ich dort ankam, tobte ein russischer Schneesturm, der den Kragen meines Regenmantels mit spitzen Flocken vollhängte.
Der Portier der Fledermaus verwies mich auf die Nummer 7 im V. Stock. Ich kletterte über eine enge Wendeltreppe hinauf, einen Aufzug gab es nicht. Die Tür der Nummer 7 war sperrangelweit offen. Drinnen brannte das Licht. Ich trat ein.
Da waren ein leeres, aufgeschlagenes Bett, zerknüllte Laken, und auf dem Nachttisch eine blinzelnde Glühbirne. Ich dachte, er sei rasch irgendwohin gelaufen. Ich setzte mich aufs Sofa, um ihn zu erwarten.
Plötzlich merkte ich, daß er da war, mir gegenüber, vor dem Spiegel. Ich sprang auf. Er sprang auch auf.
«Servus», sagte ich.
«Servus», sagte er unbefangen, als wollte er dort weitermachen, wo wir aufgehört hatten.
Er war überhaupt nicht erstaunt, daß ich zu so später Stunde bei ihm hereinplatzte. Der staunte über nichts. Er erkundigte sich auch nicht, was ich hier wollte.
«Wie geht’s?» fragte er.
«Danke. Und dir?»
«Ebenfalls», sagte er.
Er starrte mich an und lachte.
Er hatte einen Regenmantel an. Schnee auch auf seinem Kragen.
«Bist du gerade nach Hause gekommen?»
«Ja», sagte er.
Ich blickte mich in seinem Zimmer um. Es war ein armseliges Loch. Ein schmales, wackliges Sofa, zwei Stühle, ein Schrank. Auf dem Tisch eine fünf Tage alte Zeitung. Ein verwelkter Veilchenstrauß. Und auch eine Maske, weiß Gott, wozu. Zigarettenkippen auf dem Boden. Im Geigenkasten eine gelbe Brille und Quittenpaste. Offene Koffer. Ein paar Bücher, hauptsächlich Fahrpläne. Nirgends Papier und Federn. Wo arbeitete der wohl?
Mein Vater hatte recht gehabt. Er hatte es zu nichts gebracht. Hier gab es nur Einsiedlerarmut, Freiheit und die Unabhängigkeit eines Bettlers. Einst hatte ich das auch gewollt. Meine Augen füllten sich mit Tränen.
«Und sonst, was gibt’s Neues?» fragte er.
Draußen pfiff der Wind. Der schneidende Frühlingswind mit seinem scharfen Schrei. Auch eine Sirene schrie.
«Die Ambulanz», sagte er.
Wir traten ans Fenster. Der Schneesturm hatte sich gelegt. Der Himmel glänzte kristallklar, und auch der gefrorene Asphalt glänzte. Die Sirene schrie mit dem Frühlingswind um die Wette.
Kaum war die Ambulanz vorbeigefahren, kam die Feuerwehr gerast, auf einem elektrischen Wagen, mit elektrischen Scheinwerfern.
«Unfälle», sagte ich. «Heute sind den ganzen Tag Ziegel umhergeflogen, Aushängeschilder heruntergefallen, den Passanten auf den Kopf. Die Leute bluteten, sie glitten auf den eisigen Gehsteigen aus, brachen sich die Hand, verstauchten sich die Füße. Fabriken und Häuser begannen zu brennen. Was es heute alles gegeben hat. Eiseskälte, Hitze, Nebel, Schlaglicht, Regen, Regenbogen, Schnee, Blut und Feuer. So ist der Frühling.»
Wir setzten uns und zündeten eine Zigarette an.
«Kornél», sagte ich, das Schweigen brechend, «bist du mir böse?»
«Ich?» fragte er und zuckte mit den Schultern. «Du Trottel. Dir kann ich nie böse sein.»
«Obwohl du Grund dazu hättest. Denn siehst du, ich meinerseits war böse auf dich. Ich schämte mich vor den Großspurigen für dich, ich mußte vorankommen und habe dich verleugnet. Seit zehn Jahren würdige ich dich keines Blickes. Doch heute nachmittag, als der Wind pfiff, wurde es mir weich ums Herz, und du bist mir in den Sinn gekommen. Ich bin nicht mehr jung. Vor einer Woche vierzig geworden. Wer nicht mehr jung ist, wird weich und vermag alles zu verzeihen. Sogar die Jugend. Laß uns Frieden schließen.»
Ich streckte ihm die Hand hin.
«Na, du hast dich auch nicht verändert», spottete er. «Immer noch sentimental.»
«Du hingegen hast dich verändert, Kornél. Als wir Kinder waren, warst du der Große, du hast mich geführt und mir die Augen geöffnet. Jetzt bist du das Kind.»
«Läuft es denn nicht aufs gleiche hinaus?»
«Genau das mag ich an dir. Deshalb bin ich wieder zu dir gekommen, und von jetzt an stehe ich zu dir, auf ewig.»
«Was ist denn heute in dich gefahren, daß du mich über den grünen Klee lobst?»
«Wen soll ich denn sonst loben, Kornél? Wen sonst könnte ich so neidlos lieben wie dich? Wen sollte ich auf dieser scheußlichen Welt bewundern, wenn nicht dich, meinen Bruder und Gegenspieler. In allem gleich und in allem anders. Ich habe gesammelt, du hast vergeudet, ich habe geheiratet, du bist Junggeselle geblieben, ich liebe mein Volk und meine Sprache heiß, kann nur hier leben und atmen, du Weltenbummler hingegen fliegst frei über den Völkern und läßt den schrillen Ruf nach ewiger Revolution hören. Ich brauche dich. Ohne dich bin ich leer und langweile mich. Hilf mir, sonst gehe ich ein.»
«Auch ich könnte jemanden brauchen», sagte er, «einen Pfeiler, ein Geländer, denn, siehst du, ich falle auseinander», und er zeigte auf sein Zimmer.
«Laß uns zusammenhalten», schlug ich vor. «Verbünden wir uns.»
«Wozu?»
«Schreiben wir etwas, gemeinsam.»
Er sperrte die Augen auf. Spuckte die Zigarette auf den Boden.
«Ich kann nicht mehr schreiben», sagte er.
«Und ich kann nur noch schreiben», sagte ich.
«Sieh einer an», sagte er und blickte mir hart in die Augen.
«Versteh mich nicht falsch, Kornél. Ich prahle nicht, sondern klage, so wie du auch. Vervollständige mich, wie früher. Damals warst du wach, wenn ich schlief, und wenn ich weinte, lachtest du. Hilf mir auch jetzt. Erinnere dich an das, was ich vergessen habe, und vergiß, was ich noch weiß. Ich helfe dir dann auch. Etwas bin auch ich wert. Ich kann dir zur Verfügung stellen, was ich habe. Ein Zuhause, wo alles der Arbeit dient. Es sei auch deins. Ich bin fleißig und ehrerbietig und treu. So treu, daß ich niemanden, mit dem ich im Leben auch nur ein Wort gewechselt habe, verletzen könnte, nicht einmal in Gedanken. So treu, Kornél, daß ich um meines lieben alten Hundes willen keine anderen Hunde streichle, nicht mit ihnen spiele, sie nicht einmal ansehe. Sogar den leblosen Gegenständen bin ich so treu, daß ich zwischendurch meine fünfzehn hervorragenden Füllfedern beiseite lege und eine alte, ausgediente, kratzende Feder hervorhole, mit der das Schreiben eine Qual ist, und mit ihr schreibe ich dann, um sie zu trösten und darüber hinwegzutäuschen, daß ich sie – die Ärmste – mißachte. Ich bin die Treue in Person. Sei du an meiner Seite die Treulosigkeit, die Ausschweifung, die Verantwortungslosigkeit. Laß uns eine Firma gründen. Was ist der Dichter ohne den Menschen wert? Und was ist der Mensch ohne den Dichter wert? Laß uns Partner werden. Ein einzelner Mensch ist zu schwach, um gleichzeitig zu schreiben und zu leben. Wer es versucht hat, ist früher oder später daran zugrunde gegangen. Nur Goethe hat es vermocht, dieser ruhige, heitere Unsterbliche, der mir kalte Schauer über den Rücken jagt, wenn ich an ihn denke, denn es hat auf der Welt noch keinen klügeren und erschreckenderen Menschen gegeben als dieses glorreiche olympische Monster, neben dem selbst Mephistopheles nichts als ein geschwätziger Schöngeist ist. Ja, er hat Margarete, die von der irdischen Rechtsprechung in den Kerker geworfen worden war, freigesprochen und rehabilitiert, er hat die Kindsmörderin in den Himmel erhoben, zu den Erzengeln und den weisen Glaubenszeugen, und hat geheimnisvolle Chöre die ewige Verteidigung des Weiblichen und Mütterlichen singen lassen. Ein paar Jahre danach, als er in Weimar als Geheimrat über einen ähnlichen Fall von Kindsmord zu richten hatte, stimmte Gretchens ritterlicher Poet ohne Wimpernzucken für den Tod des Mädchens.»
«Auch die hat er also in den Himmel geschickt», brummte Kornél. «Er war eben konsequent.»
«Richtig», gab ich zurück. «Nur wären wir einer solchen bösen, göttlichen Weisheit je einzeln unfähig. Aber wenn wir zusammenhalten, du und ich, Kornél, dann kämen wir vielleicht näher an sie heran. Wie Tag und Nacht, wie Schein und Sein, wie Ahriman und Ormuzd. Was meinst du?»
«Das Problem ist», klagte er, «daß mir die Buchstaben und die Sätze verleidet sind, unsäglich verleidet. Man kritzelt und kraxelt, und am Ende merkt man, daß fortwährend dieselben Wörter vorkommen. Fortwährend: nein, doch, daß, eher, darum. Zum Wahnsinnigwerden.»
«Überlaß das mir. Es genügt, wenn du redest.»
«Ich kann nur von mir reden. Von dem, was sich ereignet hat. Was hat sich eigentlich ereignet? Wart mal. Im Grunde genommen nichts. Den meisten Menschen stößt nichts zu. Aber ich habe viel phantasiert. Das gehört auch zum Leben. Nicht nur die Realität, daß man eine Frau geküßt hat, sondern auch, daß man sie insgeheim begehrte und küssen wollte. Auch ein Traum ist Realität. Wenn ich träume, ich sei in Ägypten, dann kann ich eine Reisebeschreibung verfassen.»
«Wir machen also eine Reisebeschreibung?» bohrte ich. «Oder eine Lebensbeschreibung?»
«Weder das eine noch das andere.»
«Einen Roman?»
«Gott bewahre! Jeder Roman beginnt so: ‹Auf der dunklen Straße ging ein junger Mann mit hochgeklapptem Kragen.› Dann stellt sich heraus, daß der junge Mann mit dem hochgeklappten Kragen der Romanheld ist. Das ‹Wecken des Interesses›. Fürchterlich.»
«Was machen wir dann?»
«Alles zusammen. Eine Reisebeschreibung, in der ich erzähle, wo ich gern gereist wäre, einen romanhaften Lebenslauf, in dem ich auch Rechenschaft darüber gebe, wie oft der Held in seinen Träumen gestorben ist. Eines will ich mir aber ausbedingen. Daß du es mir nicht zu irgendeiner läppischen Geschichte zusammenkleisterst. Es soll alles so bleiben, wie es eines Dichters würdig ist: Fragment.»
Wir machten ab, daß wir uns von nun an öfter treffen würden, im Torpédo oder im Vitriol. Oder schlimmstenfalls am Telephon.
Er begleitete mich hinaus.
«Ach ja», sagte er im Flur und schlug sich an die Stirn. «Wir haben etwas vergessen. Was ist mit dem Stil?»
«Wir erarbeiten ihn gemeinsam.»
«Aber unser Stil ist je entgegengesetzt. Du ziehst neuerdings das Ruhige, Einfache vor. Die Klassiker sind dein Vorbild. Wenig Dekor, wenige Worte. Mein Stil ist hingegen unruhig, zerzaust, überladen, verschnörkelt, romanhaft. Ich bin ein unverbesserlicher Romantiker. Viele Adjektive, viele Vergleiche. Das laß ich mir nicht nehmen.»
«Weißt du was?» sagte ich, um ihn zu beruhigen. «Wir machen auch hier halbe-halbe. Ich stenographiere alles, was du sagst. Und dann streiche ich.»
«Nach welchem Schlüssel?»
«Von zehn Vergleichen lasse ich fünf stehen.»
«Und von hundert Adjektiven fünfzig», fügte Kornél hinzu. «Gut.»
Er schlug ein. Der Pakt war geschlossen. Aufs Geländer gelehnt, sah er zu, wie ich die Wendeltreppe hinuntertappte.
Ich war schon im Erdgeschoß. Da fiel mir etwas ein.
«Kornél», rief ich hinauf. «Und wer zeichnet unser Werk?»
«Egal!» rief er herunter. «Du könntest zeichnen. Du kannst deinen Namen draufschreiben. Mein Name könnte hingegen der Titel sein. Der Titel wird ja mit größeren Buchstaben gedruckt.»
Erstaunlicherweise hielt er Wort. Ein Jahr lang trafen wir uns monatlich ein-, zweimal, und er brachte jedesmal ein Reiseerlebnis oder ein Romankapitel aus seinem Leben mit. Zwischendurch verreiste er jeweils nur für ein paar Tage. Seine Geschichten schrieb ich teils aufgrund meiner Notizen, teils aus dem Gedächtnis nieder und ordnete sie nach seinen Anweisungen. So ist dieses Buch entstanden.
in welchem er am 1. September 1891 in den «Roten Ochsen» geht und die menschliche Gesellschaft kennenlernt
Es war der erste September achtzehnhunderteinundneunzig.
Seine Mutter trat morgens um sieben in das längliche Zimmer der bescheidenen, hofseitig gelegenen Wohnung, wo die drei Kinder schliefen: er, sein Bruder und seine Schwester.
Sie eilte auf Zehenspitzen zum Bett, hängte die Stange aus, an welcher der grünbaumwollene Bettvorhang hing, und berührte sachte die Stirn des sechsjährigen Jungen, ihres ältesten Kindes, um ihn zu wecken. Heute mußte er zum ersten Mal in die Schule.
Er schlug sofort die Augen auf. In unmittelbarer Nähe glänzten die blauen Augen seiner Mutter. Er lächelte.
Ein schmächtiges, blutarmes Bübchen war er, mit durchsichtigen Ohren. Er war noch immer geschwächt von seiner letzten großen Krankheit, von der Rippenfellentzündung. Monatelang hatte er ihretwegen das Bett gehütet. Sein Herz hatte schon auf der rechten Seite geschlagen, schon war davon die Rede gewesen, daß man ihm den Schleim operativ absaugen müsse, als es ihm unerwartet besserging und der Schleim sich zurückbildete. Dann war er halbwegs wiederhergestellt, doch da begann er es «mit den Nerven zu haben». Auf einmal hatte er allerlei Grillen. Er bekam Angst vor den alten Frauen mit dem Kopftuch, vor den Gendarmen mit der Hahnenfeder. Er hatte Angst, daß sich sein Vater – weiß Gott, warum – in den Kopf schießen würde, und er hielt sich im voraus die Ohren zu, um den Pistolenknall nicht zu hören. Er fürchtete, nicht genug Luft zu bekommen, und er wanderte von Zimmer zu Zimmer, um verschiedene Möbelstücke zu umarmen, damit sich sein Brustkasten von der Anstrengung weite und er nicht ersticken müsse. Er hatte Angst vor Bestattungsinstituten und vor dem Tod. Wenn abends die Lampen angezündet wurden, kam es mehr als einmal vor, daß er die Seinen um sich versammelte und Anweisungen gab, wie er begraben zu werden wünschte, wer welches Spielzeug bekommen sollte, für den Fall, daß er in der Nacht starb. Der Hausarzt hielt seinen Zustand für unbedenklich. Trotzdem fanden seine Eltern, daß er die erste Klasse besser privat absolvierte und nicht in die öffentliche Schule ging. Im letzten Augenblick entschieden sie sich anders.
Jetzt saß er auf dem Bettrand, mit schläfrig verquollenen Augen. Gähnend und sich kratzend.
Er hatte gewußt, daß dieser Tag früher oder später kommen würde. Aber er hätte nicht geglaubt, daß das so rasch geschehen könnte.
Er hätte ihn gern irgendwie hinausgeschoben.
Lustlos krempelte er seine schwarzen Strümpfe die Beine hoch, so daß sie sich zu Wülsten knüllten. Er stand unentschlossen vor dem Waschbecken. Tauchte hin und wieder die Hände hinein, zog sie heraus. Beobachtete die Lichtringe, die auf der Wasseroberfläche vibrierten.
Seine Mutter wusch ihn eigenhändig. Zog ihm ein sauberes Hemd an. Legte sein Festtagsgewand heraus, einen kleinen dunkelblauen Leinenanzug mit weißer Bordüre und herzförmigen Perlmuttknöpfen, die sie von ihrer alten Bluse geschnitten hatte. Mit einer nassen Bürste durchpflügte sie sein Haar.
Sie schob einen Napf Kaffee und einen S-Kipfel vor ihn hin. Aber er mochte heute kein Frühstück. Er habe keinen Hunger, sagte er.
Da drückte ihm seine Mutter das Abc-Buch, die Schiefertafel mit dem Griffel in die Hand und brachte ihn zur Schule.
Der Herbsttag strahlte schon in voller Pracht über der Stadt und der Tiefebene ringsum. Bauernfuhrwerke holperten durch gelbe Staubwolken. Auf der kleinen Brücke pfiff der Zug. Säcke mit dem roten Rosenpaprika und den weißen Trockenbohnen standen auf dem Markt zum Verkauf.
Erbost trippelte er neben seiner Mutter her. Er fühlte sich steif, lächerlich und vor allem mädchenhaft in diesem seinem «besten» Anzug, von dem er wußte, daß es der schlechteste war, alt und billig. Am liebsten hätte er ihn sich vom Leib gerissen und auf ihm herumgetrampelt. Doch er wußte, daß sein Vater ein armer Gymnasiallehrer war und es für mehr nicht reichte. Er verschaffte sich Genugtuung, indem er auf dem ganzen Weg kein Wort sagte.
Sehr bald hatten sie den Roten Ochsen erreicht.
Der Rote Ochse war die Volksschule. Dieser einstöckige Palast der Volksbildung hatte seinen wahrhaft originellen Namen davon, daß einst an seiner Stelle eine baufällige, heruntergekommene Kneipe gestanden hatte, auf deren Schild ein roter Ochse gepinselt war. Die Bude war schon vor einer Generation abgebrannt. Doch die Zechbrüder dieser dem Wein zugetanen Stadt hatten danach immer noch gern der hier verbrachten lustigen Nächte gedacht und pietätvoll den Namen der Kneipe auf die Schule übertragen. Und in dieser Form wurde er von den Vätern an die Söhne weitergegeben.
Als er mit seiner Mutter in der dämmerigen Vorhalle der Schule stand, wurde er blaß. Die «schwere Atmung» kam über ihn. Nach seiner Gewohnheit lehnte er sich gegen eine Säule und umarmte sie mit aller Kraft. Seine Mutter beugte sich zu ihm herab und fragte, was er habe. Er antwortete nicht. Sondern hielt immer krampfhafter ihre Hand fest.
Die erste Klasse war im Stockwerk oben. Vor einer Tür mit braunen Flügeln gab ihm die Mutter einen Kuß. Sie wollte gehen. Doch er ließ ihre Hand nicht los.
«Ich habe Angst», flüsterte er.
«Wovor denn?»
«Ich habe Angst», wiederholte er.
«Du brauchst keine Angst zu haben, mein Schatz. Schau, da sind ja alle. Ein jeder ist hier. Hörst du, wie sie fröhlich sind? Geh zu deinen kleinen Freunden.»
«Bleib», flehte er und klammerte sich an den Rock seiner Mutter.
Sie aber winkte mit ihrer freien Hand dem Jungen zum Abschied zu, entwand sich seinem Griff und ging langsam den Gang entlang. An der Ecke nahm sie ihr Taschentuch hervor und trocknete sich die Augen. Und sie schaute noch einmal zurück, um ihm mit einem Lächeln Mut zu machen. Doch dann war sie auf einmal weg.
Der kleine Junge stand eine Weile wie angewurzelt und starrte seiner Mutter nach, wartend. Er hoffte, das Ganze sei vielleicht ein Witz und sie würde zurückkommen. Es war aber kein Witz.
Nachdem er das begriffen hatte, und auch begriffen hatte, daß er allein war, so allein wie noch nie auf dieser Welt, ergriff ihn am ganzen Körper ein Krampf, der am ehesten dem Bauchgrimmen glich. Er versuchte zu fliehen. Huschte an der Wand entlang bis zur Treppe, wo sich vorhin der Rock so rätselhaft in nichts aufgelöst hatte. Ein Treppenhaus klaffte dort, völlig fremd und trostlos, mit einem leeren, widerhallenden grauen Gewölbe. Hier hinunterzusteigen, hätte es Todesverachtung gebraucht. Der Instinkt erschütterter Menschen ließ es ihm ratsamer erscheinen, dorthin zurückzuhuschen, wo er die Gesuchte verloren hatte, vor das Schulzimmer. Überhaupt hatte er sich an diesen Ort schon ein bißchen gewöhnt.
Er blickte verstohlen durch den Spalt der halboffenen Tür.
Er sah Kinder, so viele Kinder, wie er auf einem Haufen noch nie gesehen hatte. Eine Menge war das, eine Menge ihm ähnlicher, gänzlich unbekannter kleiner Menschen.
Er war also nicht allein. Aber wenn er vorhin darüber verzweifelt gewesen war, daß er auf der Welt so allein war, so überkam ihn jetzt eine noch schrecklichere Verzweiflung, darüber, daß er auf der Welt so wenig allein war, daß es so viele, viele Menschen gab. Das war vielleicht noch entsetzlicher.
Alles plapperte durcheinander. Was, das ließ sich nicht ausmachen. Der Lärm dröhnte, schwoll erschreckend an, donnerte wie das böse Wetter.
Während er solcherart zögerte und zagte, hob ihn jemand – ein Erwachsener, wer, das wußte er nicht – hoch und stellte ihn ins Schulzimmer. Da stand er, mit seinem zerbeulten Hütchen auf dem Kopf.
Er erwartete, daß jetzt ein Wunder geschehen würde. Daß die vielen Kinder allesamt aufspringen und seinen Namen rufen würden. Daß sie ihn taschentuchschwenkend begrüßen würden. Bloß trat das Wunder nicht ein. Sie nahmen ihn nicht zur Kenntnis.
Er riß sich den Hut vom Kopf und grüßte sie sittsam. Auch da begrüßten sie ihn nicht.
Das war ein Zimmer, aber nicht so wie die anderen Zimmer, mit Sofas und Vorhängen, sondern kalt, amtlich, kahl. Durch drei große nackte Fenster strömte unfreundlich das nüchterne Licht. Auf dem Katheder hielt ein Tisch Wache. Dahinter schwarz die Tafel, gelb der Schwamm, weiß die Kreide. Davor keck und streng und irgendwie irr der Zählrahmen. Ringsum an den geweißten Wänden bunte Tierbilder, der Löwe, der Fuchs, Kartontafeln, auf denen solcherlei zu lesen stand: Mäd-chen, Jun-ge, Spiel-zeug, Ar-beit. In seiner Not las er alle. Seit seinem vierten Jahr konnte er lesen und schreiben.
Seine Klassenkameraden saßen schon alle auf ihren Plätzen. Auch er hätte sich gern irgendwohin gesetzt.
In den ersten Bänken hatten sozusagen selbstverständlich die «Herrschaftskinder» Platz genommen, die Söhne der Großgrundbesitzer, der Stadträte. Diese munteren, blonden, pausbäckigen Jüngelchen trugen Matrosenanzüge und gestärkte Kragen und hatten milchig-rosige Gesichter. Brav, aber selbstgewiß umgaben sie das Katheder, so wie die linientreue Regierungspartei den Samtsessel des Ministerpräsidenten umgibt. Er hielt sich ebenfalls für ein «Herrschaftskind». Und so zwang er ein dümmliches Lächeln auf seine Lippen und näherte sich ihnen, um sich in die erste Bank zu setzen. Nur war dort schon fast jeder Platz besetzt. Sie hatten es nicht eilig, für ihn ein bißchen zusammenzurücken. Sie tuschelten miteinander wie alte Komplizen und blickten mit kühler Höflichkeit und leicht erstaunt auf den täppischen, zu kurz gekommenen Nachzügler. Der eine und andere lächelte schadenfroh.
Beschämt und beleidigt trottete er nach hinten. Wenn er in der ersten Bank schon nicht der erste sein konnte, so dachte er, wollte er wenigstens in der letzten Bank der letzte sein. Dort hinten in der Klasse hatten die Bauernkinder ihr Lager aufgeschlagen, muskulöse, kräftige Burschen, barfuß oder in Stiefeln. Sie packten ihre Wegzehrung aus roten Taschentüchern und legten sie vor sich hin. Säbelten mit dem Klappmesser Schwarzbrot und Speck und Wassermelonen. Er schielte mehrmals in ihre Richtung. Der säuerliche Geruch, der ihren Stiefeln und Kleidern entströmte, wühlte seinen Magen auf. Aber er hätte sich trotzdem gern zu ihnen gesetzt. Mit den Blicken flehte er, wenigstens sie möchten ihn aufnehmen. Er wartete gespannt, daß sie ihn ansprachen, ihm ein Zeichen gaben. Aber auch die hatten Besseres zu tun. Sie warfen mit Papierkügelchen um sich, und mit Papierbällen, die sie mit Speckschwarten und Wassermelonenschalen ausstopften, und ein solcher substantieller Papierball traf ihn an der Stirn. Der Schreck war größer als die Gefahr. Trotzdem taumelte er rückwärts und stieß gegen die Wand. Darüber mußten alle lachen, das Unterhaus wie das Oberhaus, ohne Parteienunterschied.
Wut und Rachelust im Herzen, verdrückte er sich auch von hier. Er wußte nicht, wohin er gehen sollte, wohin er gehörte. Und so stellte er sich neben den Ofen, allein. Er schämte sich für seine Feigheit und Unbeholfenheit. Von seinem Posten neben dem Ofen maß er mit tiefster Verachtung diese Analphabetenbande. Wenn die gewußt hätten, was er alles wußte. Zum Beispiel wußte er, daß die Normaltemperatur des Menschen 37 Grad beträgt und daß man mehr oder weniger verloren ist, wenn man 40 Grad Fieber hat. Er wußte, daß es eine gewöhnliche Schrift und eine Schnellschrift gibt. Er wußte, daß Chinin bitter ist und Ipecacuanha süß. Er wußte auch, daß es in Amerika jetzt Nacht war. Er wußte schon viel. Sie aber wußten nicht, daß er das alles wußte.
Das Glöckchen im kleinen Holzturm auf dem Dach des Roten Ochsen bimmelte melodiös und zeigte an, daß es acht Uhr war und der Unterricht begann. Während die Glocke unablässig, atemlos und traurig bimmelte, als sei es das Glöcklein, das die Toten beweint, nahm er von allem Abschied, das ihm lieb war, von den Zimmern zu Hause, vom Garten und von seinen ganz eigenen Spielen, von den Seifenblasen und den Luftballons. Halb ohnmächtig lehnte er am kalten Blechofen.
Es trat Stille ein. Auf der Schwelle war der Lehrer erschienen, ein untersetzter Herr mit kurzgeschorenem dunkelblondem Haar und einem weiten, staubgrauen Anzug. Er machte Riesenschritte wie ein Elefant und rollte aufs Katheder.
Der Lehrer fragte die Kinder einzeln, ob sie eine Schiefertafel und einen Griffel hatten, worauf er davon sprach, wieviel Schönes, Edles, Nützliches sie hier lernen würden. Doch plötzlich brach der Redefluß ab.
Sein Blick war an ihm haftengeblieben, wie er sich neben dem Ofen duckte.
«Was machst denn du dort?» fragte der Lehrer, indem er ihm sein großes Gesicht zuwandte. «Wer hat dich dorthin gestellt? Komm du mal her.»
Der kleine Junge rannte fast zum Katheder. Außer sich und entsetzt platzte er heraus:
«Bitte mich nach Hause zu lassen.»
«Warum?» wollte der Lehrer wissen.
«Ich möchte nicht mehr zur Schule.»
Die Klasse brüllte vor Lachen.
«Ruhe», sagte der Lehrer. «Warum willst du nicht zur Schule?»
«Weil mich hier niemand leiden kann.»
«Hat dir einer was getan?»
«Nein.»
«Was plapperst du denn zusammen? Schämst du dich nicht, du Muttersöhnchen? Dich hat man zu Hause bestimmt verwöhnt. Hier bist du gleich wie alle andern, schreib dir das hinter die Ohren. Hier werden keine Ausnahmen gemacht. Hier gelten alle gleich viel. Hast du verstanden?»
Die Klasse regte sich beifällig.
Der Lehrer warf noch einen Blick auf den erschrockenen kleinen Jungen. Da sah er, daß der im Gesicht ganz grün war.
«Ist dir schlecht?» fragte er mit milderer Stimme.
«Nein.»
«Tut dir etwas weh?»
«Nein.»
«Na», sagte er, «geh schön an deinen Platz. Wo ist dein Platz?»
«Nirgends.»
«Nirgends?» fragte der Lehrer erstaunt. «Setz dich halt irgendwohin.»
Der Junge drehte sich zur Klasse um. Gesichter grinsten ihn an, viele kleine Gesichter, die sich zu einer einzigen schauerlichen Fratze verzerrten. Schwindlig tappte er umher. Wieder mußte er an der ersten Bank vorübergehen, wo es keinen Platz für ihn gab. Irgendwo in der Mitte fand er eine Handbreit Platz, auf der äußersten Kante einer Bank. Er fand nur für ein Bein Platz, das andere hing ins Leere hinaus. Und doch war es besser zu sitzen, aus aller Augen zu verschwinden, sich in der Menge aufzulösen.
«Kinder», befahl der Lehrer, «nehmt die Schiefertafeln und die Griffel. Wir schreiben. Wir schreiben das i.»
