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Als Lena, in ihrer Heimat, von der lebenshungrigen Natascha besucht wird, gerät ihre Welt wieder ins Wanken. Leidenschaftlich, frei und gefährlich faszinierend zieht Natascha sie körperlich und seelisch erneut in einen Strudel aus Sehnsucht und Verlangen. Doch was fast wie ein Spiel beginnt, wird für Lena schnell zum Anfang zu einer emotionalen Reise, die sie auf ewig verändern wird. Nach dem Tod von Annas Ehemann begleitet Lena ihre enge Freundin und zugleich Seelenverwandte nach Norderney. Auf der Nordseeinsel, zwischen endlosen Dünen, rauschenden Wellen und stillen Nächten, erlebt Lena eine Zeit, die von intensiver Nähe, Versuchung und verbotenen Gefühlen geprägt ist. Anna gibt ihr Halt, Irina fordert sie heraus, Michael verführt sie mit dunkler Leidenschaft. Doch über allem steht Leif. Der Mann, der ihr Herz berührt, während ihr Körper einem anderen Menschen gehört. Zwischen Liebe und Begehren, Nähe und Verlust, steht Lena vor der schwersten Entscheidung ihres Lebens. Kann man zwei Menschen lieben? Und was bleibt, wenn Lust und Sehnsucht untrennbar werden? Eine emotional aufwühlende Liebesgeschichte über Freiheit, Versuchung und die Suche nach wahrer Erfüllung. Ein sinnlicher Inselroman voller Romantik, Leidenschaft und Dunkelheit, für alle, die Geschichten lieben, in denen Herz und Körper um die Vorherrschaft kämpfen.
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Seitenzahl: 399
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Gewidmet all jenen, die bereit sind die inneren
Grenzen zu überschreiten.
Diese Grenzen, die wir uns selbst im Kopf setzen.
Erkundet das unbekannte Land dahinter und
LEBT euer LEBEN.
1. Veränderungen, Anfang September in Timmendorfer Strand
2. Zurück auf die Insel, Mitte September
3. Die Magie der Insel, Mitte September
4. Warme Tage und heiße Nächte, Mitte September
5. Daddy und sein kleines Mädchen, Norderney, Mitte September
6. Tage und Nächte im Herbst, Norderney, Mitte September
7. Entscheidungen, Norderney, Ende September
8. Neue Konstellationen, Norderney, Ende September
…..........
…..........
Der grauen Himmel über der Ostsee klarte langsam auf. Lena stand vor dem Eingang zu dem Haus, in dem sie wohnte und schaute nachdenklich zum Himmel empor. Eine einzelne Möwe flog vorüber. Lena blickte dem einsamen Vogel hinterher, der fast schwerelos wirkte. In der Ferne waren die Rufe anderer Möwen zu vernehmen. Alltag an der Ostseeküste. Sie schob ihre Hände tief in den Taschen ihres abgetragenen Ledermantels und stapfte dann langsam in Richtung Stadtzentrum, um irgendwo dort einen Kaffee zu trinken.
Seit einigen Tagen war sie wieder zurück, von Norderney. Die Rückkehr nach Timmendorfer Strand war für Lena mit einer Mischung aus Erleichterung und einem dumpfen Gefühl der Leere verbunden. Drei Tage war es nun her, dass sie wieder in ihrer Wohnung angekommen war, und auch wenn ihr der vertraute Blick auf die Ostsee, das Rauschen der Wellen und der salzige Geruch der frischen Seeluft sofort ein Gefühl von Heimat gegeben hatten, so lag doch ein Schatten über diesen Tagen. Schon am ersten Morgen, nach ihrer Ankunft, hatte sie sich, beinahe widerwillig, zur hiesigen Polizeistation begeben, um der Aufforderung nachzukommen, sich das Foto des Mannes anzusehen, der in ihr Auto gestohlen hatte und es dann gegen einen Baum fuhr, als er die Kontrolle über den Wagen verlor. Es war ein nüchtern wirkender Raum, in dem ihr der Beamte wortlos ein Blatt Papier hinhielt. Darauf prangte das körnige Schwarz-Weiß-Bild eines Mannes, automatisch aufgenommen von der Überwachungskamera, der Radarfalle, in die der Autodieb gerast war. Ein etwas unscharfes Bild, das den Moment einfing, in dem er die automatische Kamera auslöste. Ein dunkles Käppi, tief ins Gesicht gezogen, der Bart dicht, aber ungepflegt und in den groben Konturen des Gesichts ein Ausdruck von Eile, vielleicht auch von Gleichgültigkeit. Lena hatte das Foto lange und aufmerksam betrachtet, als wollte sie in den verschwommenen Linien des Bildes doch noch irgendeinen Anhaltspunkt erkennen, etwas Vertrautes, das ihr half, ihn einzuordnen. Aber da war nichts. Fremd. Abstoßend. Unwichtig, und gleichzeitig war genau dieser Mann es gewesen, der ihr nicht nur ein Auto genommen, sondern ein Stück Sicherheit, ein Stück Unbeschwertheit geraubt hatte. “Kennen Sie ihn?“, hatte der Polizist knapp gefragt und Lena hatte als Antwort nur den Kopf geschüttelt. Wir vermuten, dass es ein Auftragsdiebstahl war … Das geschieht in der letzten Zeit immer öfter,“ hatte der Polizist leise gesagt. Lena hatte nur genickt und diesen Umstand akzeptiert. Dann hatte sie die Polizeistation schweigend verlassen. Sie war mit einem Gefühl hinausgegangen, das irgendwo zwischen Frustration und Erleichterung lag. Frustration, weil es keine Spur gab, die ihr persönlich weiterhalf und Erleichterung, weil dieser Mensch in keiner Weise zu ihrem Leben gehörte.
Das Kapitel mit dem Wagen selbst war fast noch bitterer verlaufen. Das Bild des völlig zerstörten Mini, wie er auf dem Schrottplatz stand, hatte sich in ihr eingebrannt. Der Anblick der verbeulten Karosserie, der gesplitterten Scheiben und der zerschlagenen Front wirkte wie eine groteske Karikatur des kleinen Autos, das sie einst so geliebt hatte. Der Gutachter der Versicherung war sachlich geblieben, hatte nüchtern Zahlen genannt, von “wirtschaftlichem Totalschaden“ gesprochen, von “Schadenserstattung“ und “Abwicklung“. Für Lena klang es nach einem endgültigen Schlussstrich, kalt und sachlich, wie das Klicken einer Tür, die sich ohne Rücksicht schloss. Sie hatte nicht versucht, dagegen anzukämpfen. Tief in sich wusste sie. Der Mini, der so viele ihrer kleinen und größeren Reisen begleitet hatte, war nicht mehr zu retten. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als nach vorn zu schauen.
Und genau das tat sie. Schon am folgenden Tag war sie mit einem Taxi zu einem Händler gefahren, die Entscheidung fiel ihr erstaunlich leicht. Sie wollte wieder einen Mini, denselben Typ, der ihr bisher treu gewesen war. Aber diesmal, so nahm sie sich vor, sollte es eine neue Farbe sein. Nicht das leuchtende Rubinrot von damals, sondern ein dunkler, eleganter Ton. Als der Verkäufer ihr einen Wagen in dem bekannten und nobel wirkenden British Racing Green vorstellte, dieses satte, tiefe Grün, das je nach Lichteinfall geheimnisvoll schimmerte, hatte Lena sofort gewusst: Das ist es. Sie liebte die Art, wie die Sonne sich in der Lackierung brach, wie dieses Grün dabei eine Mischung aus Klassik, Sportlichkeit und Eleganz ausstrahlte. Bei der kurzen Probefahrt fühlte sie sich sofort wohl, als würde das Auto ihr entgegenkommen, sie willkommen heißen, als sei es gemacht, um sie zurück auf die Straßen zu bringen. Der Kauf war problemlos, fast unspektakulär. Der Händler hatte ihr freundlich zugesichert, dass der Wagen in drei Tagen abholbereit sein würde, inklusive Anmeldung. Als sie den Stift zum Vertrag setzte, spürte Lena eine unerwartete Welle von Zufriedenheit.
Es war ein Neuanfang, ein kleiner, aber greifbarer Schritt, mit dem sie das Alte hinter sich ließ … Wieder einmal. In den vergangenen Wochen hatte sie vieles getan und erlebt, was sie sich vor einiger Zeit niemals hätte träumen lassen … und sie war zufrieden damit, was sie gefunden hatte.
Doch so sehr sie sich auch bemühte, ihre Tage in eine geregelte Bahn zu lenken, so oft drifteten ihre Gedanken zu Anna und Leif. Es war fast quälend, wie präsent die beiden in ihrem Kopf waren, seit sie Timmendorfer Strand wieder erreicht hatte. Jeden Abend griff sie zum Telefon, rief Anna an, hörte ihre Stimme, dieses warme Timbre, das sie sofort an die Nähe erinnerte, die sie in den letzten Wochen miteinander geteilt hatten. Anna war für Lena längst mehr als eine Freundin geworden. Sie war eine Vertraute, eine Art große Schwester, wie sie sie nie gehabt hatte ... und zugleich eine Frau, deren Nähe Lena erregte, deren Berührungen sie nicht vergessen konnte. In stillen Momenten dachte Lena an jene Abende zurück. An das leise Lachen, an die Wärme von Annas Händen auf ihrer Haut, an die Blicke, die sie austauschten, wenn sie allein waren … und an die Berührungen und die gemeinsamen Zärtlichkeiten. Es war ein Band, das sich zwischen ihnen gespannt hatte, zart und intensiv zugleich ... und sie vermisste Anna schmerzlich.
Auch Leif ging ihr nicht aus dem Kopf. Mit seiner offenen, fast jugendlichen Art hatte er sie ebenso in seinen Bann gezogen. Er war anders als Anna und doch war da eine Leichtigkeit, die Zuversicht und Sorglosigkeit in seinem Wesen, die Lena immer wieder faszinierte. Bei jedem Telefonat mit ihm spürte sie, wie sehr er sich nach ihr sehnte, wie er sie mit seinen Worten neckte und zugleich auf eine stille Art umwarb. Sie merkte, wie sie selbst dabei ins Schmunzeln geriet, wie er es mit wenigen Sätzen schaffte, ihr Herz schneller schlagen zu lassen. Und doch war es Anna, deren Verlust sie in diesen Tagen am deutlichsten spürte. Anna, die ihr in jeder Geste das Gefühl gegeben hatte, nicht nur geliebt, begehrt und willkommen, sondern gebraucht zu sein. Zwischen all diesen Gefühlen war es fast eine Erleichterung, als Natascha sich meldete. Ihre Freundin hatte ihr am Telefon erklärt, sie könne es einrichten, in einigen Tagen, nach Timmendorfer Strand zu kommen, wie man es verabredet hatte. Schon allein der Gedanke daran, Natascha wiederzusehen, ließ ein warmes Prickeln durch ihren Körper laufen. Natascha war nicht einfach nur eine Freundin, sie war eine Seelenverwandte. Eine unerwartete Bekanntschaft, aus der sich so viel mehr entwickelt hatte. Sie hatten zusammen gelacht, geweint, getrunken, Nächte durchredet und in diesen Tagen und Nächten war ihre Nähe intensiver geworden, zärtlicher und so unendlich lustvoller, als es zwischen Freundinnen üblich gewesen wäre. Natascha war es gewesen, die Lena dazu gebracht hatte, die Grenzen in ihrem eigenen Kopf zu überqueren und das unentdeckte Land dahinter zu erkunden. Ihr zufälliges Zusammentreffen war von Lust und Leidenschaft geprägt worden … Eine Entwicklung, die dazu führte, dass Lena sich später der Bekanntschaft mit Anna und deren Mann Tom in einer Art hingab, die ihr noch Wochen zuvor als undenkbar erschienen war. Später lernte Lena dann Leif kennen … und lieben. Eine Liebe, deren Intensität sie traf, wie ein Hammerschlag.
Natascha hatte ihr mitgeteilt, sie würde am Freitag eintreffen und dann bis Sonntag bleiben. Mehr gab ihre Zeit momentan nicht her, da sie beruflich stark eingespannt war. Sie verstanden einander ohne viele Worte, konnten sich anblicken und wussten, was die andere dachte. Lena freute sich auf dieses Wiedersehen, auf das vertraute Gefühl, in Nataschas Nähe sie selbst sein zu dürfen, ohne Masken, ohne jegliche Zurückhaltung. Sie wusste, dass dieses Wochenende mehr sein würde als ein Besuch. Es würde eine Rückkehr in eine Vertrautheit, die zugleich aufregend war … und Lena sehnte sich nach der Leidenschaft, die sie zusammen mit Natascha geteilt hatte … eine Lust und Leidenschaft, die sie beide auch an diesem kommenden Wochenende miteinander teilen würden.
So vergingen die Tage. Lena ging ihren Erledigungen nach, kaufte ein, kochte sich kleine Mahlzeiten oder ging irgendwo essen, machte Spaziergänge am Strand. Aber in ihren Gedanken liefen die Fäden immer wieder zusammen ... das neue Auto, das bald bereitstehen würde, die Gespräche mit Anna und Leif, das bevorstehende Treffen mit Natascha.
Es war, als stünde sie an einem Punkt, an dem sich vieles in ihrem Leben neu ordnete. Das Alte war endgültig abgeschlossen, ihr Wagen zerstört und ein neues Auto stand nun bereits in der Tiefgarage. Vor ihr lagen neue Wege ... und die Menschen, die ihr Herz füllten, waren nah und fern zugleich.
Die Nächte in ihrer Wohnung waren für Lena in diesen Tagen zugleich Trost und Qual. Wenn sie sich abends in ihr Bett legte, die Balkontür einen Spalt geöffnet, sodass das leise Rauschen der Ostsee in ihr Zimmer drang, fühlte sie sich geborgen. Dieses gleichmäßige, ewige Geräusch der Wellen, das sie seit Jahren begleitete, war für sie ein Stück Heimat, ein beruhigendes Flüstern, das ihr versprach, dass das Leben trotz aller Unwägbarkeiten weiterging. Und doch, kaum dass sie die Augen schloss, tauchten Bilder in ihrem Kopf auf, die sie unruhig werden ließen. Sie sah Anna vor sich, mit ihren langen, blonden Haaren, den leuchtenden Augen und der Art, wie sie lächelte, wenn sie Lena ansah, fühlte förmlich die sanften Berührungen, die soviel Zärtlichkeit und Lust versprachen. Sie sah Leif, wie er mit diesem jungenhaften Charme über die Schulter grinste, seine Bewegungen so voller Energie. Sie spürte seine zärtlichen Berührungen in Gedanken auf ihrer Haut, hörte seine Stimme mal neckend, mal eindringlich ... Und sie hörte Nataschas Stimme, weich, vertraut, wie ein warmer Mantel, in den man sich hüllt, wenn man Schutz braucht ... Manchmal dachte sie auch an Tom. Dachte daran, wie sehr er Anna verletzt hatte und begriff sein Handeln immer noch nicht.
Ihre Telefonate mit Anna waren wie kleine Oasen inmitten ihres Alltags. Schon wenn sie Annas Namen auf dem Display ihres Handy sah, spürte Lena ein Kribbeln in der Magengrube. Sie nahm den Anruf an, hörte dieses vertraute “Hallo, meine Süße“ … und sofort war es, als würde eine unsichtbare Brücke zwischen Norderney und Timmendorfer Strand entstehen, als würden die Kilometer zwischen ihnen bedeutungslos. Anna fragte nach ihrem Tag, nach ihrem Befinden, nach den kleinen Dingen, die so nebensächlich wirkten und doch alles bedeuteten, wenn sie aus ihrem Mund kamen. Und manchmal, wenn sie beide allein waren, wenn niemand zuhören konnte, veränderte sich der Ton. Dann wurden die Sätze leiser, intimer, ein Unterton schwang mit, den Lena nur zu gut kannte. Sie erinnerten einander an Augenblicke, die sie gemeinsam erlebt hatten, flüsterten Andeutungen, die beide wussten, aber nicht aussprechen mussten. Es war wie ein Spiel, ein Tanz aus Worten, der Lena ebenso aufwühlte wie beruhigte. Nach solchen Telefonaten, mit Anna, verspürte Lena stets eine Unruhe, ein tiefes Verlangen und Lust, die ihr einige Wochen zuvor noch völlig unbekannt gewesen waren.
Mit Leif war es anders. Seine Nachrichten und Anrufe waren voller Energie, fast stürmisch. Er konnte Lena zum Lachen bringen, indem er ihr kleine Geschichten erzählte, in denen er sich selbst auf die Schippe nahm. Manchmal schickte er ihr Fotos ... von seinem morgendlichen Sporttraining, von einem Buch, das er gerade las, von irgendeinem banalen Moment, den er mit ihr teilen wollte. Doch auch bei ihm gab es diese Momente, in denen sich die Leichtigkeit verwandelte. Dann sprach er von ihr, direkt, unverblümt, mit einer Intensität, die Lena den Atem raubte. Er sagte ihr, wie sehr er sie vermisste, wie er sich vorstellte, sie wiederzusehen, sie in die Arme zu schließen, den vertrauten Duft ihrer Haut zu spüren. Lena fühlte sich geschmeichelt, aber auch innerlich zerrissen. Denn je mehr sie merkte, wie stark beide ... Anna und Leif ... in ihrem Herzen verankert waren, desto klarer wurde ihr, wie kompliziert die Situation war.
In dieser Zerrissenheit war der Gedanke an Natascha fast wie ein rettender Anker. Sie hatte Phasen erlebt, in denen sie einander so nah gewesen waren, dass es kaum noch Worte dafür gab. Nächte, in denen sie nebeneinander eingeschlafen waren, in denen eine Berührung in die nächste übergegangen war, bis sie beide alles um sich herum vergessen hatten. Natascha, die Lena auf diesen neuen Weg geführt hatte, die ihr gezeigt hatte, was es noch alles zwischen Menschen gab, die sich nahe waren. Dieses unsichtbare Band war einzigartig. Bei Natascha gab es keine Unsicherheit, kein Spiel zwischen Nähe und Distanz. Es war einfach da, unverstellt, ehrlich.
Als Natascha am Telefon sagte: “Ich komme am Wochenende zu dir. Ich möchte sehen wie und wo du lebst … und ich will dich endlich wieder in die Arme nehmen können“, da hatte Lena gespürt, wie ihr Herz schneller schlug. Allein die Vorstellung, ihre Freundin wiederzusehen, mit ihr durch die Straßen von Timmendorfer Strand zu schlendern, vielleicht ein Glas Wein am Meer zu trinken, machte sie glücklich. Aber gleichzeitig wusste sie, dass dieser Besuch auch eine Art Prüfung sein würde. Denn die Gefühle, die sie für Anna und Leif empfand, standen nicht losgelöst von dem, was sie mit Natascha verband. Es war, als würde ihr Leben an einem Knotenpunkt stehen, an dem sich verschiedene Stränge trafen. Jeder Strang war bedeutend, jeder stand für einen Menschen, der ihr Herz auf eine andere Weise berührte und doch hatte sie das Gefühl, alle wären unsichtbar aber untrennbar mit ihr verbunden. Ohne diese Menschen wäre Lena nicht das, was sie jetzt war.
Die Tage bis zum Wochenende vergingen langsamer, als Lena es erhofft hatte. Sie füllte sie mit langen Spaziergängen am Strand, mit Einkäufen, mit kleinen Haushaltsdingen. Doch in allem, was sie tat, war eine unterschwellige Erwartung spürbar. Sie bereitete ihre Wohnung vor, stellte Blumen in eine Vase, kaufte frisches Obst, Wein und ein paar Köstlichkeiten, die sie wusste, dass Natascha sie mochte. Sie wollte, dass ihre Freundin sich wohlfühlte, dass sie spürte, wie sehr Lena sich auf sie freute. Gleichzeitig schlich sich in ihre Vorbereitungen eine Art von Nervosität ein. Denn Lena wusste … und hoffte sehnlichste ... dass zwischen ihnen nicht nur Worte getauscht werden würden.
An einem Abend, kurz vor Nataschas Ankunft, saß Lena am Fenster ihres Wohnzimmers, die Knie angezogen, ein Glas Rotwein in der Hand. Sie blickte hinaus, in den dunkler werdenden Himmel, der sich im letzten Licht des Tages rötlich färbte. Ihr Handy lag neben ihr, stumm, doch sie wusste, dass Anna oder Leif jederzeit anrufen könnten. Sie spürte, wie sich in ihr eine stille Frage regte, die sie bisher verdrängt hatte: Wohin führte all das? Konnte sie Anna lieben und gleichzeitig Natascha so nah sein? Konnte sie Leif begehren und dennoch das Bedürfnis haben, mit Natascha Nächte zu verbringen? Könnte sie leben, ohne Anna zu begehren, mit dieser Lust und Leidenschaft zu teilen? Lena atmete tief durch, nahm einen Schluck Wein und schloss die Augen. Vielleicht musste sie noch gar nicht alle Antworten kennen. Vielleicht reichte es, den Moment zu leben, so wie er kam.
Als sie schließlich ins Bett ging, fiel ihr Blick auf den Kalender, der an der Wand hing. Nur noch zwei Tage, dann würde Natascha hier sein. Zwei Tage, bis die Stille der Wohnung nicht mehr das Einzige war, das sie nachts begleitete. Zwei Tage, bis ihre Wohnung wieder mit Leben gefüllt war. Lena legte sich hin, zog die Decke über sich und lächelte.
Zum ersten mal seit ihrer Rückkehr spürte sie keine unterschwellige Leere, tief in sich, sondern Erwartung und eine Vorfreude, die geradezu berauschend war. Bald würde sie Natascha wieder umarmen können. Bei dem Gedanken wurde ihr jetzt erst richtig bewusst, wie sehr sie Natascha vermisste. Natascha, die ihr den Weg gezeigt hatte, den Lena seit ihrem kennenlernen beschritt … Dieser Weg, der sie so viel freier gemacht hatte.
Der Morgen, an dem Natascha eintreffen sollte, begann für Lena mit einer unruhigen Erwartung, die sie schon beim ersten Öffnen der Augen spürte. Sie hatte kaum geschlafen, war sie in der Nacht immer wieder aufgewacht, hatte auf die Uhr gesehen, hatte sich vorgestellt, wie es sein würde, wenn ihre Freundin durch die Tür trat. Die Wohnung war bereits am Vortag sorgfältig vorbereitet. Frische Blumen standen auf dem Tisch im Wohnzimmer, die Gläser für den Wein glänzten im Schrank, und im Kühlschrank warteten eine Flasche Champagner, dazu verschiedene Käsesorten und eine Schachtel Pralinen, die sie beim Bäcker ihres Vertrauens gekauft hatte. Lena hatte sogar das Bett im Gästezimmer frisch überzogen, obwohl sie insgeheim wusste, dass Natascha es ganz sicher nicht brauchen würde. Es war eine Mischung aus Nervosität und Freude, die sie antrieb. Die Stunden bis zum Mittag zogen sich in die Länge. Dann würde Natascha eintreffen, die bereits in der Nacht ihre Reise angetreten hatte. Das war die Planung von Natascha gewesen und Lena zweifelte nicht daran, dass Natascha ihre Reiseplanung einhalten würde. Aus den Telefonaten war durchgeklungen, dass Natascha dieser kurze Besuch unglaublich wichtig war, sie ihn keineswegs verschieben wollte.
Als Natascha schließlich eintraf, stand Lena bereits am Fenster und blickte auf die Straße hinaus. Natascha hatte ihr erzählt, sie würde einen kleinen, älteren, knallroten Alfa Romeo fahren. Nahezu fiebernd spähte Lena aus dem Fenster, um den Wagen zu sehen, wenn Natascha eintreffen würde. Irgendwann hielt sie es nicht mehr aus und beschloss, vor dem Haus zu warten. Dann war es soweit. Sie sah den Wagen vorfahren, erkannte sofort die vertraute Silhouette ihrer Freundin, die ausstieg, eine Tasche über die Schulter warf und sich kurz umsah. In diesem Moment war alles, was Lena in den letzten Tagen beschäftigt hatte ... der Autodiebstahl, der Ärger mit der Versicherung, die Sehnsucht nach Anna und Leif ... für einen Augenblick weit weg. Es zählte nur Natascha. Lena eilte Natascha die wenigen Schritte entgegen und im nächsten Moment lagen sie einander in den Armen. Es war keine verhaltene Begrüßung, kein zögerliches Abtasten. Sie hielten sich fest, als hätten sie Angst, einander gleich wieder zu verlieren, lachten dabei gleichzeitig vor Freude. “Endlich bist du hier“, flüsterte Lena, und Natascha nickte, während sie ihre Arme enger um sie schloss. “Ja. Endlich … Ich habe dich so vermisst, Lena.“ Nataschas Blick war voller Zuneigung, als sie sich erneut in die Arme schlossen.
Die ersten Stunden verbrachten sie fast ausschließlich damit, zu reden. Sie saßen im Wohnzimmer, tranken Kaffee und die Themen sprudelten nur so aus ihnen heraus. Natascha erzählte von ihrer Arbeit, von den kleinen Katastrophen und Erfolgen im Büro. Lena bemerkte, dass Nataschas Gedanken sich sehr viel mehr um ihre Arbeit drehten, als dies auf Norderney der Fall gewesen war. Irgend etwas schien sich kürzlich bei Natascha ereignet zu haben, was mit ihrer Arbeit zu tun hatte und für Natascha sehr einschneidend und wichtig war. Innerlich zuckte Lena mit ihren Schultern. Natascha würde ihr auch davon erzählen, wenn sie es für erwähnenswert hielt. Lena hörte zu, lachte, stellte Fragen, und merkte, wie sehr ihr dieses unbeschwerte Gespräch gefehlt hatte. Es war, als würde ein Teil von ihr, der die letzten Wochen im Schatten gelegen hatte, wieder zum Leben erwachen. Gleichzeitig spürte sie, dass unter all den Worten ein stilles Verstehen lag. Sie brauchten sich nicht zu erklären. Natascha sah sie an, mit diesen klaren, funkelnden Augen, die jedes Zögern durchschauten und Lena wusste, ihre Freundin erkannte, dass hinter ihrem Lächeln noch mehr steckte. Dinge, die Natascha bisher nicht wusste.
Es dauerte nicht lange und Natascha sah Lena mit diesem ganz besonderen Blick an, den Lena unbewusst vermisst hatte. Zuerst küssten sie sich nur zart aber schon bald gingen ihre Hände auf Erkundungstour. Sie machten sich nicht die Mühe, Lenas Schlafzimmer aufzusuchen, die Couch war breit genug und kurze Zeit später erklangen die ersten, noch leisen, Lustgeräusche. Das gegenseitige Verlangen, dass sich aufgebaut hatte entlud sich geradezu in einem Feuerwerk der Emotionen. Über den ganzen Nachmittag zog sich ihr Liebesspiel hinweg und schließlich dösten sie beide, erschöpft und eng umschlungen ein.
Am Abend bereiteten sie zusammen ein kleines Essen vor. Natascha schnitt Gemüse, Lena stellte die Teller bereit, und immer wieder stießen sie dabei zufällig aneinander, lachten, neckten sich. Als sie später bei Kerzenschein aßen, mit einem Glas Wein in der Hand, veränderte sich die Stimmung. Die Gespräche wurden ruhiger, die Pausen länger, und irgendwann saßen sie einfach da, betrachteten einander im Dämmerlicht. Lena spürte, wie sich erneut eine Wärme in ihrem Inneren ausbreitete, ein wohliges Kribbeln, das sie so gut kannte. Sie wollte ihre Freundin berühren, wollte diese Nähe nicht nur im Gespräch, sondern auch körperlich fühlen. Die Blicke von Natascha zeigten ihr, dass es dieser nicht anders erging.
Es war Natascha, die den ersten Schritt machte. Sie legte ihre Hand über Lenas, streifte sanft mit den Fingern über ihre Haut und in diesem Moment war alles unausgesprochen klar. Lena erwiderte den Blick, ließ die Hand nicht los und langsam, fast zögerlich, beugten sie sich zueinander. Der Kuss, der folgte, war weder hastig noch unsicher. Er war vertraut, warm und gleichzeitig voller Intensität. Als hätten sie in all den Wochen, in denen sie sich nicht gesehen hatten, genau auf diesen Augenblick gewartet. Ihr Liebesspiel vom Nachmittag schien lediglich ein Vorspiel gewesen zu sein. Lena schloss die Augen, ließ sich in die Berührung fallen und alles um sie herum wurde still. Die Stunden, die folgten, waren erfüllt von einer Intimität, die zugleich neu und doch vertraut war. Sie verbrachten die Nacht eng umschlungen, flüsterten, lachten, ließen die Nähe zwischen ihnen erneut wachsen. Für Lena war es ein Gefühl, das sie zugleich beflügelte und nachdenklich machte. Denn so sehr sie es genoss, so sehr wusste sie auch, dass ihr Herz nicht nur an Natascha hing. Immer wieder tauchten Bilder von Anna auf, von Leif. Von Momenten, die sie mit ihnen geteilt hatte. Es war, als würde sie an einem Scheideweg stehen, an dem jeder Weg richtig und gleichzeitig schwierig war.
Am nächsten Morgen erwachte Lena früh, noch bevor die Sonne ganz aufgegangen war. Natascha schlief neben ihr, ruhig, entspannt, das Gesicht halb im Kissen vergraben. Lena betrachtete sie lange, strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. In diesem stillen Moment überkam sie eine tiefe Dankbarkeit. Völlig egal, was die Zukunft brachte, egal, wie kompliziert ihr Leben gerade erschien … sie wusste, dass sie in Natascha jemanden hatte, die sie verstand, die sie nahm, wie sie war. Diese Gewissheit war ein unvergleichliches Geschenk. Ein Geschenk, dass Lena dankbar und glücklich annahm. Natascha war nicht nur ihre Freundin, sondern so viel mehr.
Der Vormittag hatte golden begonnen. Schon als Lena und Natascha die Wohnung verließen, lag ein leichter Schimmer von Sonne über Timmendorfer Strand, der Himmel war von einem zarten Blau, das nur hier an der Küste so klar wirkte. Die Luft war frisch, aber mild, getragen von einem leichten Wind, der vom Meer herüberwehte und den Duft von Salz und Seegras mit sich brachte. Natascha hatte ihre Sonnenbrille ins Haar geschoben, Lena trug eine leichte Jacke über ihrem Sommerkleid und beide hatten das Gefühl, dass dieser Tag ihnen gehörte. Die Straßen waren belebt, ohne überfüllt zu wirken ... genau die richtige Mischung aus Bewegung und Gelassenheit, die Timmendorfer Strand vor allem in dieser Jahreszeit ausstrahlte.
Schnell war das Zentrum erreicht. Sie schlenderten die Straße entlang, die an diesem Samstagmorgen von Fußgängern, Radfahrern und auch vereinzelten Autos belebt war. Kleine Boutiquen reihten sich aneinander, jede mit sorgfältig dekorierten Schaufenstern, die Passanten zum Stehenbleiben einluden. Lena und Natascha nahmen sich die Zeit, genau das zu tun. Immer wieder blieben sie stehen, betrachteten Kleider, Schuhe oder Accessoires, lachten über extravagante Kombinationen und tauschten sich über ihren Geschmack aus. Ein Laden hatte seine Auslage mit sommerlichen Kleidern in Pastellfarben bestückt, die im Wind leicht flatterten. Natascha blieb stehen, deutete auf ein mintgrünes Kleid mit feinen Stickereien am Halsausschnitt und meinte lachend: “Das wär doch was für dich. Stell dir vor, du damit am Strand und die halbe Promenade schaut dir hinterher.“ Lena schüttelte amüsiert den Kopf, aber ihre Augen funkelten. “Das Kleid ist schön, aber ich bin nicht sicher, ob ich damit wirklich hier herumlaufen sollte.“ Sie lachten beide und allein dieser kleine Moment spiegelte die Leichtigkeit wider, die ihr Zusammensein prägte.
Weiter ging es, vorbei an Schmuckgeschäften, in denen funkelnde Ringe, Ketten und Uhren im Licht der Sonne glänzten und vorüber an einem kleinen Cafe, aus dem verlockend der Duft frisch gebackener Croissants und aromatischer Kaffeesorten strömte. Sie schauten sich wortlos an. Lena lächelte. “Lass uns etwas essen und trinken, Natascha. Mir ist danach. Ich wüsste, wo wir hingehen können. Es ist nicht weit. Wir brauchen uns nicht beeilen. Wir haben Zeit.“ Die beiden spazierten weiter, ließen sich treiben, ohne Ziel. Es war dieser Luxus, Zeit zu haben, ohne etwas erreichen zu müssen. Sie genossen es, die Atmosphäre aufzusaugen. Das Gemurmel von Stimmen, das Klirren von Geschirr aus den Cafes, das rhythmische Knarren der Fahrräder, die auf dem Pflaster vorbeiratterten.
Etwas später beschlossen sie, im Cafe Wichtig einzukehren. Jenem schon legendären Treffpunkt, den fast jeder kannte, der schon einmal in Timmendorfer Strand gewesen war. Der Platz vor dem Cafe war gut besucht, doch sie hatten Glück. Ein kleiner Tisch am Rand der Terrasse war gerade frei geworden. Sie setzten sich, bestellten ein Glas Prosecco und eine Kleinigkeit zu essen. Für Lena ein Teller mit Bruschetta, für Natascha ein frischer Salat mit Ziegenkäse. Das Cafe war belebt, die Geräuschkulisse angenehm. Stimmen, die durcheinander redeten, das Klappern von Tellern, das leise Summen der Kaffeemaschine aus dem Inneren. Die Sonne stand inzwischen hoch am Himmel und tauchte den Platz in ein warmes Licht, das durch die breiten Schirme über den Tischen gedämpft wurde. Natascha schaute sich um, nahm die Atmosphäre in sich auf und sah dann Lena fragend an. “Wie sind die denn bloß auf diesen Namen gekommen, für dieses Cafe?“
Lena schmunzelte, als sie nun antwortete. “Das hat mir mein Vater vor vielen Jahren einmal erzählt … Damals, im Frühjahr, ich meine, es war der Mai, 1951, wurde das legendäre Cafe Engels Eck eröffnet. Wer hätte damals gedacht, dass das viel später von einer großen Boulevardzeitung in “Cafe Wichtig“ umgetaufte Kaffeehaus deutschlandweit bekannt und berühmt werden würde? Ganz bestimmt nicht der angeblich etwas verschrobene Kapellmeister Franz Xaver Engel, der, nachdem er vom Ort Timmendorfer Strand die “Erlaubnis zur Antragstellung“ für einen Gastronomiebetrieb erhielt, diesen drei Tage später kurzerhand eröffnete. Seitdem hat sich dieser Betrieb zu einem Treffpunkt entwickelt und dabei einen fast schon legendären Ruf gewonnen.“ Lena grinste fröhlich. “Ich bin gerne hier. Zwar nicht oft aber wenn ich hier einkehre, dann genieße ich es sehr. Man ist hier seitens des Personals sehr darauf bedacht, die Kunden abzuschirmen, damit diese nicht belästigt werden. Ein kleines Überbleibsel aus den vergangenen Jahrzehnten.“ Natascha nickte. Sie schien mit ihren Gedanken weit entfernt zu sein.
Lena nahm einen Schluck ihres Proseccos, spürte, wie die feinen Bläschen auf ihrer Zunge zerplatzten, und lehnte sich entspannt zurück. Sie beobachtete Natascha, die ebenfalls ihr Glas hob und einen Schluck trank. In ihrem Blick lag etwas, das Lena sofort bemerkte. Eine Mischung aus Aufregung und Nachdenklichkeit, die nicht nur vom Moment kam. Sie ahnte, dass ihre Freundin etwas mit ihr teilen wollte. Und so ließ sie das Gespräch in eine ruhige Bahn fließen, fragte nach ihrem Job, nach der Situation in ihrer Kanzlei. Sie wusste, dass sie damit den richtigen Faden aufnahm. Natascha nickte, legte das Besteck beiseite und nahm noch einen Schluck Prosecco. Natascha hatte das Glas noch immer in der Hand, während sie nach den richtigen Worten suchte. Sie wirkte für einen Moment, als wolle sie den Satz abwägen, bevor sie ihn aussprach. Lena kannte diesen Ausdruck, sie hatte ihn schon bei einigen Gelegenheiten gesehen. Immer dann, wenn ihre Freundin Natascha etwas Wichtiges ansprach, das mehr war als nur eine alltägliche Anekdote. Schließlich atmete Natascha tief durch und begann. “Also, nächste Woche muss ich für die Kanzlei nach Genf reisen.“ Sie machte eine kurze Pause, beobachtete Lenas Reaktion und als sie sah, wie deren Augen sich interessiert weiteten, fuhr sie fort. “Es geht um eine mögliche Übernahme. Meine Chefin hat seit Monaten Verhandlungen geführt, und jetzt ist der Punkt gekommen, an dem es konkret wird.“
Lena stellte ihr Glas ab, beugte sich leicht nach vorn. “Genf? Das klingt spannend. Erzähl mir mehr.“ Ihre Stimme war neugierig, aber auch ermutigend, wie immer, wenn sie spürte, dass Natascha Unterstützung brauchte.
“Es handelt sich um eine alteingesessene Kanzlei dort“, erklärte Natascha. “Sie ist nicht riesig, etwa fünfundzwanzig Angestellte, aber sie hat einen sehr stabilen Kundenstamm. Viele Geschäftskunden aus der Schweiz, aber auch aus Deutschland, Österreich und sogar Italien. Und dazu eine ganze Reihe von Privatleuten, die ihre Vermögen verwalten lassen ... hauptsächlich im Bereich Erbschaften, Wirtschaftsrecht und Investments.“ Während sie sprach, legte sich ein Glanz auf ihre Augen.
Man spürte, dass sie sich intensiv mit dem Thema beschäftigt hatte, dass sie es nicht nur wiedergab, sondern lebte. Lena nickte langsam, während sie das Bild in sich aufnahm. Sie stellte sich die Kanzlei in Genf vor. Ein traditionsreiches Gebäude, vielleicht mit schweren Türen, hohen Decken, und einem Hauch von Geschichte in den Räumen. “Und warum genau will deine Chefin sie übernehmen?“ fragte sie nach.
“Der Eigentümer ist älter geworden“, antwortete Natascha. “Er möchte sich zurückziehen, ohne dass sein Lebenswerk zerfällt. Er hat die Kanzlei aufgebaut, über Jahrzehnte hinweg, und er will sie in guten Händen wissen. Meine Chefin hat schon seit einiger Zeit ein Auge auf Genf geworfen, weil es für unsere Firma ein strategisch guter Standort wäre. International, zentral, und mit einem Ruf, der uns Türen öffnen würde. Für sie ist es eine Investition, die nicht nur Prestige bringt, sondern auch handfeste Möglichkeiten.“ Natascha kicherte leise und blickte Lena verschwörerisch an. “Ich glaube, meine Chefin hat mit dem derzeitigen Firmenchef in Genf vor vielen Jahren mal was gehabt … und das muss sich wohl niemals ganz erledigt haben ... Ich habe den Mann kennengelernt. Er hat einen überragenden Charme und ich habe gesehen, wie meine Chefin und er sich angesehen haben. Ich würde wetten, da ist immer noch etwas, zwischen den beiden.“
Lena lehnte sich zurück, nahm einen Schluck Prosecco und ließ die Worte wirken. “Das klingt nach einer großen Sache“, sagte sie schließlich, und in ihrer Stimme lag Anerkennung. Sie sah, wie Natascha leicht lächelte, aber dieses Lächeln war angespannt, als sei es von einer leisen Unsicherheit begleitet.
“Es ist wirklich eine große Sache“, bestätigte Natascha, leise. “Und das Verrückte ist … meine Chefin will, dass ich das Ganze mit ihr zusammen vorbereite. Sie hat mich ausgewählt, um die Gespräche vor Ort zu begleiten. Und falls die Übernahme klappt ...“ Sie stockte, als wolle sie sich selbst erst Mut machen, das Ende des Satzes nun ebenfalls auszusprechen. “... dann soll ich die Niederlassung in Genf leiten.“
Für einen Moment war es, als würde die Geräuschkulisse des Cafés in den Hintergrund treten. Lena spürte, wie ihr Herz einen Schlag aussetzte, bevor sie lächelte. Ein warmes, ehrliches Lächeln, das von Bewunderung geprägt war. “Natascha, das ist unglaublich! Niederlassungsleiterin in Genf … das ist doch ein Riesenschritt. Kaum ein Mensch in deinem Alter bekommt eine derartige Chance. Du bist wirklich zu beneiden. Ich gratuliere dir. Das ist phantastisch.“ Natascha nickte, und in ihrem Blick lagen Stolz und Nervosität zugleich. “Ja, es ist ein Riesenschritt. Und ehrlich gesagt macht es mir Angst. Ich meine… Genf ist nicht um die Ecke. Es wäre ein kompletter Umzug, ein neuer Lebensabschnitt. Ich müsste ein Team führen, das mich noch gar nicht kennt und gleichzeitig die Erwartungen meiner Chefin erfüllen. Sie vertraut mir, das hat sie deutlich gemacht ... aber genau das setzt mich auch unter Druck.“
Natascha seufzte. “Der derzeitige Firmeninhaber hat sich bereiterklärt, mich dort einzuarbeiten, bis die Übernahme abgeschlossen ist. Er ist begeistert von meinen Französischkenntnissen und meinem Fachwissen.“ Natascha kicherte leise und zwinkerte Lena anzüglich zu. “Ich meine natürlich nur die Sprachkenntnisse … Allerdings hat meine Chefin einige Andeutungen gemacht. Sie erwartet von mir, wenn sie ebenfalls in Genf befindlich ist, dass ich ihr ZUR VERFÜGUNG STEHE … Ich weis sehr gut, was sie meint … Ich mag sie und sie mag mich. Wir haben in der Vergangenheit bereits eine intensive Bekanntschaft gepflegt. Das hatte ich dir aber bereits erzählt. Ihr habe ich es zu verdanken, dass ich mein Studium damals so gut bestanden habe, weil ich nebenbei bereits in ihrer Firma gearbeitet habe. Sie hat mir weitaus mehr beigebracht, als ich auf der Universität je hätte lernen können.in vielerlei Hinsicht ist sie so etwas, wie eine Mutterfigur für mich … nur nicht, wenn ich mit ihr im Bett liege. Dann gibt sie sich völlig anders … und ich gestehe, dass genieße ich genauso, wie sie auch. Ich denke, sie betrachtet mich irgendwie, als ihre Tochter, da sie keine eigenen Kinder hat.“
Lena nickte bestätigend und nahm ihre Hand über den Tisch hinweg, drückte sie dann sanft. “Das klingt nach einer Herausforderung, aber wenn jemand das schaffen kann, dann du. Du bist strukturiert, du bist souverän und du hast ein Gespür für Menschen. Du wirst das meistern.“
Natascha sah sie dankbar an. “Das ist lieb von dir. Aber ich wäre nicht ehrlich, wenn ich nicht zugeben würde, dass ich auch Zweifel habe. Kann ich das wirklich? Bin ich bereit, eine ganze Kanzlei zu leiten? Klar, ich habe in München viel Verantwortung, aber Genf wäre eine völlig andere Liga.“
“Genau deswegen hat deine Chefin dich ausgewählt“, erwiderte Lena ruhig. “Weil sie weiß, dass du es kannst. Und weil sie dir vertraut. Du musst dir selbst nur noch mehr vertrauen.“
Sie redeten lange über das Thema. Natascha erklärte ihr die Strukturen der Kanzlei in Genf, sprach von den Mitarbeitern, die sie bald kennenlernen würde, von den Mandanten, die teilweise seit Generationen dort betreut wurden. Sie erzählte von der Chefin, die den Deal für eine der wichtigsten strategischen Entscheidungen der letzten Jahre hielt, und von den Chancen, die sich daraus ergaben. Währenddessen schwankte Nataschas Stimme immer wieder zwischen Begeisterung und Vorsicht. Einerseits war sie stolz, überhaupt für eine solche Aufgabe in Betracht gezogen zu werden. Andererseits war ihr bewusst, welche Verantwortung das mit sich brachte.
Lena hörte aufmerksam zu, stellte Fragen, die mehr waren als bloße Floskeln. Sie wollte verstehen, was diese Entscheidung für Natascha bedeutete. Nicht nur beruflich, sondern auch persönlich. “Und was würde es für dich heißen? Würdest du nach Genf ziehen müssen? Dein Leben komplett verlagern?“ fragte sie leise.
“Ja“, antwortete Natascha. “Das wäre die Konsequenz. Ich müsste umziehen, wahrscheinlich für mehrere Jahre. Vielleicht dauerhaft, wenn es so läuft, wie meine Chefin es sich vorstellt. Das ist es, was mich so nervös macht. München ist meine Basis, mein Zuhause. Und … du bist so weit entfernt, von Genf.“ Der letzte Satz kam leiser, fast zaghaft, und Lena spürte, wie er eine Saite in ihr zum Schwingen brachte. Sie drückte Nataschas Hand fester, sah ihr tief in die Augen. “Egal, wo du bist ... ich bin bei dir. Und du weißt, dass du in Genf genauso du selbst sein wirst wie hier. Es wird anders, ja, aber vielleicht auch aufregend. Und vielleicht eröffnet es dir Möglichkeiten, die du dir jetzt noch gar nicht vorstellen kannst.“
Natascha lächelte, diesmal offener, freier. “Manchmal wünschte ich, ich könnte deine Zuversicht in mich einpacken und mitnehmen. Sie würde mir vieles leichter machen.“ Sie lachten, und für einen Moment löste sich die Schwere. Sie stießen erneut mit ihren Gläsern an, das helle Klingen war wie ein Versprechen, dass sie gemeinsam durch diese Unsicherheit gehen würden.
Das Gespräch zog sich über den Nachmittag und während sie redeten, schien die Zeit stillzustehen. Lena bemerkte wieder einmal, wie sehr sie Natascha bewunderte ... für ihren Mut, ihre Ehrlichkeit und für die Art, wie sie trotz ihrer Zweifel die Herausforderung annahm. Und je länger sie zuhörte, desto klarer wurde ihr, dass dies ein Wendepunkt im Leben ihrer Freundin sein würde. Vielleicht auch in ihrem eigenen. Denn was auch immer geschah, diese Entscheidung würde zwangsläufig nicht ohne Einfluss auf ihre Beziehung bleiben. Als sie später ihre Teller geleert und die Gläser ausgetrunken hatten, legte sich eine warme Ruhe über sie. Sie saßen da, sahen die Menschen auf dem Platz vorbeigehen, hörten das Klirren des Geschirrs und das Murmeln der Stimmen. Sie wussten beide, dass dies einer jener Momente war, die man im Gedächtnis behält. Nicht wegen des Proseccos oder des Essens, sondern weil er einen Punkt markierte, an dem sich Wege verändern … Zwangsläufig und nachhaltig.
Als sie das Cafe Wichtig verließen, war der Nachmittag schon weit fortgeschritten. Das Licht hatte eine weichere Note angenommen, die Sonne stand tiefer und die Schatten der Gebäude legten sich länger über den Platz. Lena und Natascha schlenderten weiter durch die Straßen, ohne Eile, als wollten sie den Tag ausdehnen, jede Minute so sehr in sich aufnehmen, dass sie länger hielt, als es die Uhr zuließ. Sie betrachteten noch einmal die Schaufenster, plauderten über Kleinigkeiten, hielten manchmal inne, um ein Stück Schmuck oder ein Paar Schuhe zu bestaunen. Doch über all dem lag eine leise Schwere. Das Bewusstsein, dass dieser gemeinsame Tag, für sehr lange Zeit der letzte war, bevor Natascha am nächsten Morgen abreisen musste.
Lena spürte es bei jedem Blick, den sie zu ihrer Freundin warf. Diese Mischung aus Gegenwart und Abschied. Natascha versuchte, so leicht und unbeschwert wie möglich zu wirken, lachte, machte kleine Scherze, aber in ihren Augen lag dieses Funkeln, das verriet, wie sehr sie den Moment zu bewahren versuchte. Lena kannte sie gut genug, um das zu sehen. Und so antwortete sie mit derselben Haltung. Sie lachte fröhlich mit, hakte sich bei ihr ein, machte Kommentare über die Passanten, die vorbeigingen ... und doch spürte sie das Ziehen in ihrer Brust. Diese Angst, Natascha ab morgen für sehr lange Zeit nicht mehr zu sehen. Da es schon an der Zeit war, beschlossen sie eine Kleinigkeit zu essen und danach die Wohnung von Lena aufzusuchen, um dort den Abend in gemeinsamer Abgeschiedenheit auf die Art zu beenden, wie sie sich einst kennengelernt hatten. Lena konnte es kaum erwarten, bis sie aufgegessen hatten und das Restaurant verließen. Ein Blick zu Natascha sagte ihr, dass diese genauso empfand.
Schließlich bogen sie in die Straße ein, in der Lenas Wohnung lag. Die Luft war inzwischen noch wärmer geworden, vom Meer wehte eine Brise, die den salzigen Geruch mit sich brachte, vermischt mit dem Aroma von frisch gegrilltem Fisch aus den Restaurants in der Nähe. Sie stiegen die Stufen hinauf, Lena schloss die Tür auf und als sie die Wohnung betraten, umfing sie die vertraute Stille des Ortes. Es war, als hätten die Räume selbst gewusst, dass dieser Abend von Bedeutung sein würde ... still, einladend, voller Möglichkeiten.
Sie stellten ihre Taschen ab, Natascha kickte lächelnd ihre Schuhe von den Füßen und ließ sich auf das Sofa fallen. “Ich kann es immer noch nicht glauben, dass ich morgen schon wieder weg muss“, sagte sie, und ihre Stimme war leiser als zuvor, ohne die scherzhafte Leichtigkeit vom Nachmittag. Lena setzte sich neben sie, ihre Schulter berührte die von Natascha. “Ich auch nicht“, murmelte sie, “es war so schön, dich hier zu haben. Es fühlt sich an, als ob die Zeit nur so durchgerannt ist.“
Natascha legte ihren Arm um Lena. Ihre Lippen berührten fast deren Ohr. “Noch bin ich nicht weg, Lena. Der Abend gehört uns … und die Nacht auch.“ Einen Moment lang saßen sie einfach nur nebeneinander, jede in ihre Gedanken versunken. Dann griff Lena nach der Hand ihrer Freundin, verschränkte ihre Finger mit ihren. Dieses einfache Berühren reichte, um das Schweigen zu füllen. Natascha drehte den Kopf zu ihr, ihre Augen trafen sich und ohne dass Worte nötig waren, beugten sie sich zueinander. Der Kuss war zuerst vorsichtig, fast zaghaft, doch innerhalb von Sekunden vertiefte er sich, wurde wärmer, verlangender, getragen von all der Sehnsucht, die sich über angestaut hatte. Als sie sich lösten, atmete Natascha hörbar aus, legte die Stirn gegen die von Lena und flüsterte, “ich will diesen Abend festhalten. Ich will, dass er nie endet.“ Lena streichelte ihre Wange, nickte, und in ihren Augen glänzte dasselbe Bedürfnis. “Dann machen wir ihn unvergesslich.“
Die Zärtlichkeit nahm Gestalt an. Sie zogen sich ins Schlafzimmer zurück, die Bewegungen waren langsam, fast ehrfürchtig, als wüssten sie beide, dass jede Sekunde zählte. Kleidung fiel, Haut traf auf Haut, Wärme verschmolz mit Wärme. Ihre Umarmungen waren fest, beinahe verzweifelt, als wollten sie damit den Abschied hinauszögern, indem sie einander noch näherkamen. Sie liebten sich mit einer Intensität, die nur entsteht, wenn Leidenschaft und Wehmut ineinanderfließen. Jeder Kuss, jede Berührung war von dieser doppelten Bedeutung erfüllt. Dieser Freude am Jetzt und der Traurigkeit des noch folgenden Morgen. Immer und immer wieder brachten sie sich gegenseitig zum Orgasmus. Zuerst mit nahezu verzweifelter Wildheit und unermesslichem Verlangen, danach zärtlich und mit viel mehr Zeit. Die Nacht zog sich hin, gefüllt mit geflüsterten Worten, mit Lachen, mit Seufzern, mit der reinen Hingabe zweier Menschen, die einander tief begehren und gleichzeitig mehr als nur dieses Begehren miteinander teilen. Irgendwann lagen sie nebeneinander, erschöpft, aber mit diesem leisen Glühen, das nur nach solchen Momenten bleibt. Beide waren bedeckt mit dem Schweiß, den das lustvolle Miteinander ihren Körpern entlockt hatte. Lena hatte ihren Kopf an Nataschas Schulter gelegt, deren Hand spielte mit einer Strähne ihres Haares. “Wenn du weg bist, wird es still hier“, murmelte Lena schläfrig. Natascha küsste sie sanft auf die Stirn und zog sie in ihre Arme. “Ich werde dich anrufen, Lena. Jeden Tag, wenn du willst. Es ist nicht das Gleiche, ich weiß … aber ich bin trotzdem bei dir.“ So schliefen sie schließlich ein, eng aneinander gekuschelt, als könnten sie die Nacht durch bloße Nähe verlängern.
Am Morgen war das Licht anders. Heller, kühler, die Sonne stand noch niedrig. Der Tag begann, und mit ihm kam der Abschied. Natascha hatte ihre Tasche schon am Vorabend gepackt, sie zog sich an, während Lena im Bett saß und sie schweigend beobachtete. Es war ein Anblick, der ihr das Herz zusammenschnürte. Die vertrauten Bewegungen, von Natascha. das Zurechtzupfen des Hemdes, das Schließen des Reißverschlusses.
Am Frühstückstisch schwiegen sie beide, tauschten nur Blicke aus. Sie aßen nur wenig, tranken Kaffee, schauten sich häufiger an, als dass sie redeten. Die Worte schienen zu groß oder zu klein zu sein für das, was sie empfanden. Schließlich stand Natascha auf, griff nach ihrer Tasche. Lena begleitete sie zur Tür und dann vor das Haus, zu Nataschas Auto. Dort hielten sie sich lange im Arm.
“Pass auf dich auf“, flüsterte Lena. “Du auch“, antwortete Natascha, ihre Stimme bebte leicht, bei diesen Worten und Lena erkannte eine winzige Träne in Nataschas Augenwinkel. Dann küssten sie sich ein letztes mal, lang, voller Sehnsucht, ein Kuss, der mehr versprach, als Worte je ausdrücken könnten. “Wir sehen uns bald wieder“, sagte Natascha. Lena nickte, mit einem Lächeln, das zugleich Freude und Wehmut ausdrückte.
Lena blickte dem Auto lange hinterher, bis es schließlich hinter einer Kurve verschwand. Sie seufzte. Irgendwie hätte sie jetzt haltlos weinen mögen. Mit gesenktem Kopf stieg sie die Treppen zu ihrer Wohnung empor und schloss die Tür hinter sich. Sie blickte sich um. Das Gefühl der Leere setzte sofort ein, schwer und doch auch von einer zarten Wärme durchzogen. Der Wärme all dessen, was sie miteinander geteilt hatten. Tränen rannen Lena über das Gesicht. Sie wischte die Tränen fort und atmete tief ein. Ihr Leben war kompliziert, voller Widersprüche, voller intensiver Gefühle ... aber es war auch reich. Reich an Gefühlen, die sie vor dem Sommer nicht in dieser Form gekannt hatte. Und in diesem Moment wusste sie, sie war bereit, es zu leben.
Lena saß in der Stille ihrer Wohnung. Die Abwesenheit von Natascha machte sich mit einem leisen Nachhallen bemerkbar. Vor allem die ersten Stunden nach dem Abschied waren von einem stillen Nachklingen geprägt, in dem jede Bewegung durch Erinnerungen an die vergangenen Tage begleitet wurde. Es war nun zwei Tage her, dass Natascha abgereist war. Zwei verregnete Tage, die Lena sich hauptsächlich mit Sport und Spazierengehen beschäftigt hatte. Sie hatte die Vorhänge einen Spalt geöffnet, um die Nachmittagssonne hereinzulassen, deren warmes, goldenes Licht die Räume jetzt sanft ausleuchtete. Sie hatte in dieser Zeit oft schweigend auf dem Sofa gesessen, den Kopf leicht zurückgelehnt, die Gedanken immer wieder gefangen in einem Wirrwarr aus Traurigkeit und Zufriedenheit über die gemeinsamen Stunden mit Natascha. Gerade, als sie einen Moment der Ruhe gefunden zu haben glaubte, vibrierte ihr Handy auf dem Couchtisch. Der Bildschirm zeigte den Namen “Anna“. Lena spürte sofort einen Stich in der Magengegend. Anna rief selten spontan am Tag an, und ihr Tonfall war oft ein verlässlicher Spiegel ihrer Stimmung. Meist telefonierten sie am Vormittag. Die Telefonate mit Anna gaben ihr Kraft und das Gefühl, nicht alleine zu sein.
Sie nahm das Telefon und kaum hatte sie “Hallo?“ gesagt, hörte sie Annas Stimme am anderen Ende der Leitung. Brüchig, aufgelöst, von Emotionen überwältigt. “Lena … Süße ...“ begann Anna, ihre Stimme war zitternd, “es … es ist etwas Schreckliches passiert.“ Die Worte hallten aus dem Handy und Lena spürte, wie sich ihr Herz zusammenzog. Sie musste sich konzentrieren, um klar zu denken, atmete tief ein und aus, während sie die Hand, die das Handy hielt, leicht umklammerte. Anna berichtete, dass Tom, ihr Ehemann, einen tödlichen Autounfall erlitten hatte. Lena hörte jedes Detail mit einer Mischung aus Schock, Beklommenheit und einer leisen Vorahnung. Tom war von einer Baustelle auf dem Weg zu dem Hotel gefahren, in dem er sich zeitweise eingemietet hatte ... und hatte die Kontrolle über sein Auto verloren.
Doch als Anna jetzt leise weitersprach, fügte sich das Bild zu einem noch schmerzlicheren Ganzen. Tom war nicht allein gewesen. In seinem Wagen saß auch die Sekretärin. Jene, von deren Beziehung zu Tom Lena und Anna bereits seit Wochen wussten. Sie war ebenfalls sofort tot. Lena spürte, wie sich eine Kälte durch ihren Körper zog, während die Worte in ihrem Ohr hallten. Sie erinnerte sich an die Unterhaltung mit Anna auf Norderney vor wenigen Wochen, als Anna zornig, verletzt und enttäuscht von Toms Seitensprung erzählt hatte. Die Wut und der Schmerz, die Anna damals gequält hatten, schienen sich nun in eine lähmende, bitterschwere Traurigkeit zu verwandeln, die über das Telefon auf Lena übergriff. Sie hörte Annas Schluchzen, die unausgesprochene Frage, ob sie denn da sei, um zu helfen, um zu unterstützen lag zwischen den Worten.
“Ich … ich werde auf das Festland reisen, Lena. Ich muss die Beerdigung vorbereiten …“, sagte Anna, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern. “Ich habe schon alles in die Wege geleitet. Die Feuerbestattung … und anschließend die anonyme Urnenbeisetzung, so wie es Tom in seinem Testament vorgesehen hat.“ Lena konnte kaum atmen. Die Planung, die Anna in dieser Situation schon getroffen hatte, zeigte ihre Stärke, aber auch die Tiefe der Tragödie. Anna fuhr fort, dass sie nun die Leitung der Firma allein übernehmen müsste. Lena hörte die Entschlossenheit in Annas Stimme, die Mischung aus Trauer, Verantwortung und Mut. Anna war eine beeindruckende Frau, und Lena wusste, dass sie diese Aufgabe meistern konnte, doch der Gedanke, dass Tom und die Sekretärin auf
