Ein Irokese am Genfersee - Willi Wottreng - E-Book

Ein Irokese am Genfersee E-Book

Willi Wottreng

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Beschreibung

Bei einer Hausdurchsuchung findet Staatsanwältin Ursula Haldimann ein fleckiges altes Foto: Ein Indianer, mit Federschmuck auf dem Kopf, sitzt an einem Tisch in einer Schweizer Stube. Er blickt Ursula selbstbewusst entgegen. Wer ist dieser Mann? Hinter dem Bild verbirgt sich eine unglaubliche Geschichte: Deskaheh, Chief der Irokesen, kommt 1923 nach Europa. Es ist seine letzte Chance, das Land seines Volkes im Norden Amerikas vor der Besetzung der Weißen zu retten. Vom Völkerbund in Genf verspricht er sich Hilfe. Es beginnt eine folgenreiche Reise durch die Schweiz, die Menschen liegen dem charismatischen Chief zu Füßen. Doch sein Appell um Anerkennung wird nicht überall erhört. Kriminalroman, Politthriller, Reportage und literarische Parabel: die Geschichte des Irokesen Deskaheh.

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Seitenzahl: 208

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Über dieses Buch

Deskaheh, Chief der Irokesen, kommt 1923 nach Europa. Vom Völkerbund in Genf verspricht er sich Hilfe im Kampf um das Land seines Volkes. Die Menschen liegen dem charismatischen Chief zu Füßen, doch sein Appell wird nicht überall erhört. Kriminalroman, Politthriller, Reportage, literarische Parabel: die Geschichte des Irokesen Deskaheh.

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Willi Wottreng (*1948) studierte Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaften und wirkte u. a. als Redakteur der Weltwoche und der NZZ am Sonntag. Für seine Arbeit erhielt er den Zürcher Journalistenpreis, 2006 wurde er zum Kulturjournalisten des Jahres gewählt. Wottreng lebt in Zürich.

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Dieses Buch gibt es in folgenden Ausgaben: Taschenbuch, E-Book (EPUB) – Ihre Ausgabe, E-Book (Apple-Geräte), E-Book (Kindle)

Mehr Informationen, Pressestimmen und Dokumente finden Sie auch im Anhang.

Willi Wottreng

Ein Irokese am Genfersee

Eine wahre Geschichte

E-Book-Ausgabe

Unionsverlag

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Impressum

Die Originalausgabe erschien 2018 im Bilgerverlag, Zürich.

© by bilgerverlag GmbH, Zürich 2018

© by Unionsverlag, Zürich 2022

Alle Rechte vorbehalten

Umschlag: Fotografie aus dem Familienbesitz Haug, Privatarchiv Berni Haug (Ausschnitt)

Umschlaggestaltung: Sven Schrape

ISBN 978-3-293-31079-7

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Version vom 03.06.2022, 18:31h

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Inhaltsverzeichnis

Cover

Über dieses Buch

Titelseite

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Inhaltsverzeichnis

EIN IROKESE AM GENFERSEE

Teil I1 – Ich war Winnetou. Wenn ich als kleines Mädchen …2 – Vor mir liegt ein Zeitungsartikel: »Tribune de Genève« …3 – Ich vertiefte mich in die Akten. Ich studierte …4 – Beamte aus der Umgebung sahen eine Whiskywolke über …5 – Aus dem Bauern, Fischer und Holzfäller ist ein …6 – Der Whisky, die zurückgekehrten Soldaten, die Tänze …7 – Der Rat muss handeln. Etwas muss geschehen …8 – Nun sitzen der Indianerchief und sein Rechtsanwalt so …9 – In Ottawa geht der Beauftragte für Indianische Angelegenheiten …10 – Die Indigenen-Chiefs diskutieren noch lange. Stundenlang. TagelangZwischenberichtTeil II11 – An den Weihnachtstagen liegt über dem Grand-River-Land eine …12 – Dass Genf einen See und einen großen Fluss …13 – Anwalt Decker von der Delegation der Irokesen hat …14 – Immer zahlreicher wurden die Dokumente, die ich über …15 – Die Vortragstournee beginnt mit einem Missgeschick. Deskaheh soll …16 – Zu dritt sitzen sie auf der Fahrt in …17 – Deskaheh wohnte also bei der Zürcher Familie Haug …18 – In diesen Wochen seiner Schweizreise ist Deskaheh fast …19 – Das Reich des großen Schweigens«, so nennt er …ZwischenberichtTeil III20 – Es kommt alles zum Stillstand. Vom Bundesrat ist …21 – An Silvester ist er zurück in Genf …22 – In Kanada verfolgen der Innenminister und der stellvertretende …23 – Trotz seiner Erkältung, die er nicht wirklich loswird …24 – Inspektor Morgan, der Direktverantwortliche für das Gebiet der …25 – Jetzt will Deskaheh zurückreisen, endgültig. Aber er kann …26 – In jener Zeit geschehen in Schottland, wo die …27 – Zwei-, dreimal erzählte ich dem Händler, der mir …EpilogBemerkung des Verfassers und DankListe der von Anwältin Haldimann konsultierten ArchivalienDie Protagonisten – Liste der Anwältin HaldimannBildnachweis

Abbildungsverzeichnis

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Über Willi Wottreng

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Deskaheh in Zürich: Stehend in der Mitte der Gastgeber Paul E. Haug. Links im Vordergrund Hedwige Barblan, mit ihrem linken Arm Deskaheh im Rücken stützend.

Deskaheh ohne seine Regalien im Haus der Familie Haug.

Postkarte von Deskaheh, 1923. Offenbar verwendet zur Sammlung von Geld bei Sympathisierenden in der Schweiz.

Zeitungsausschnitt Journal de Genève mit Todesmeldung von Deskaheh, 1925.

Chief Deskaheh und die »Irokesenkommission der Schweizerischen Liga für Eingeborenenschutz« vor dem Palais d’Athénée in Genf, September 1923.

Karte der Five Nations, in der die Tuscarora als sechste Nation erwähnt werden, angefertigt ca. 1730, Kopie aus dem Jahr 1882. Das heutige Gebiet der Six Nations umfasst 10 × 10 Quadratkilometer rund um den Ort Ohsweken, nördlich des Eriesees.

Teil I

1

Ich war Winnetou. Wenn ich als kleines Mädchen mit den Kindern aus den Nachbargärten Wildwest spielte, war ich immer Winnetou. Ich war nie Nscho-tschi, wollte nie Winnetous Schwester sein, das hübsche Heimchen im Röckchen mit den aufgenähten bunten Glasperlen. Auf Seite der Cowboys war ich ohnehin nie. Ich stand auf dem Felsen, der in Wirklichkeit ein schweizerischer Panzerriegel aus Beton war, und hielt die Silberbüchse hoch, meinen Birkenstock. Die Feinde schwiegen, und die Büffelherden senkten respektvoll die Häupter. Dass die Tiere wie Kühe aussahen, kümmerte mich nicht. Einmal habe ich meinen Bruder am Marterpfahl fast erstickt.

Später habe ich an Büchern verschlungen, was ich zum Thema finden konnte. Weniger Karl May, obwohl die geknickten Ecken in meinen grünen Winnetou-Bänden davon zeugen, dass sie gelesen und wiedergelesen worden sind. Aber da gab es in der Schulbibliothek Werke eines Schweizer Schriftstellers, der sich Earnie Hearting nannte. Schmöker, in denen die großen Häuptlinge porträtiert waren. Die fand ich realitätsnäher, sie erregten meine Fantasie stärker, weil mehr Lebenswelt drin war, mehr Alltag und auch mehr Frauen. »Rote Wolke«, »Sitting Bull«, »Geronimo«, »Rollender Donner«, »Osceola«.

Die Indianerbücher waren die wichtigsten Gepäckstücke in meinem Bildungsrucksack, glaube ich im Rückblick. Später lernte ich, dass man Indigene sagt, politisch korrekt. Oder First Nations. Wollte ich denn politisch korrekt sein? Ich wollte unkorrekt sein, aufrührerisch. Mein Freiheitsdrang und mein Gerechtigkeitsgefühl wurden jedenfalls durch diese Lektüren bestärkt.

Ein Pferd habe ich dennoch nie geritten, das war mir zu mädchenhaft; ich stieg aufs Motorrad. Später kaufte ich eine respektable 750er-BMW. Mein Haar wurde zusammengehalten von einem Stirnband, in dem eine Feder steckte, die im Wind flatterte, damals trug man noch keinen Helm. Ich war Winnetou, der Stadtindianer. Schnell sein. Wild sein. Frei sein. Unüberholbar und damit unbesiegbar. Wir waren durch den Wind, zugegeben. Doch meine Haare blieben hellblond, wurden nicht schwarz gefärbt. Ich war eine Indigene von hier.

Friedrich Dürrenmatt hat uns besungen. Wir hatten ihn besucht, Mitte der Sechzigerjahre muss das gewesen sein. Ich war achtzehn. Wann immer ich mit den Bikerkollegen in der Westschweiz war, statteten wir dem Dichterfürsten in Neuenburg einen Besuch ab. Dürrenmatt war dankbar dafür, dass wir ihm die Welt aus einer anderen Optik schilderten. Er bewirtete uns gastfreundlich. Einmal gab es Wein von meinem Jahrgang, 1947.

Ich war unheimlich stolz, als ich zum ersten Mal las, was er über uns freiheitsdurstige Jugendliche geschrieben hatte in seinem »Monstervortrag über Gerechtigkeit und Recht«. Er sprach von der existenziellen Bedeutung der Freiheit. Später, als angehende Anwältin, habe ich den Text natürlich wieder hervorgenommen. Es wurde mein Lieblingstext. Was er über das Lebensgefühl der Motorradfahrer schreibt, hängt über meinem Schreibtisch:

»Der moderne Mensch ist der Barbarei seiner Zivilisation verfallen. Er nistet sich in dieser Wildnis ein wie der Urbauer, der sein Stück Land beackert. Er sitzt in seinem Büro oder arbeitet in einer Fabrik. Er verdient sein Brot mit dem, was ihm die Zivilisationswildnis an Erwerbsmöglichkeiten bietet, ohne sie als Ganzes zu verstehen, ja oft ohne seine Tätigkeit in ihrer ganzen Auswirkung zu begreifen. Ihm gegenüber kommt ein Menschenschlag auf, der die zivilisierte Wildnis wie ein Nomade benutzt, der, statt ein Pferd zu reiten, Motorrad fährt. Er lebt nicht in der Zivilisation, sondern durchzieht sie, von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz, von einem abbruchreifen Haus zum andern. Die heutigen Rocker sind die ersten Menschen, die sich von der modernen Zivilisation auf ihre Art wieder befreit haben, die nicht mehr nach ihrem Sinn fragen, denen sie nicht mehr wie ein Gefängnis vorkommt, sondern als Natur.«

Aus dem Wunsch nach Gerechtigkeit hatte ich ja Jura studiert. Doch wurde ich den Rockern untreu, als ich das Motorrad gegen einen Ford Mustang mit Weißwandreifen eintauschte; meinem Praktikum bei einem Anwaltsbüro sei Dank. Nun begriff ich mich mehr als Frau. Der Jugend war ich entwachsen. Geld begann mich zu interessieren. Es zu haben und es auszugeben, machte mich glücklich. Die Nächte waren lang.

Rocker war ich in einem früheren Leben. Aber haften blieb in der einstigen Rockerbraut das Dürrenmatt-Zitat: »Vorreiter einer neuen Zivilisation«. Und die Liebe zu Büchern.

Ich bin eingetreten in den Justizapparat und wurde bald Staatsanwältin: Ursula Haldimann, die Jüngste damals. Ich war stolz darauf. Es kam dann anders, es passierte das Übliche: Heirat, Namenswechsel, Kind, Kind und Beruf, Scheidung. Und: Wiedereinstieg als Staatsanwältin.

Bei einer Hausdurchsuchung wars, dass uns ein Fotoalbum in die Hände fiel. Ein Album und einige Briefe. Für uns ein peinlicher Fall. Verdacht auf Hehlerei im Antiquitätenhandel, der sich dann nicht bestätigte. Klarer Fehlgriff. Vermutlich lag sogar eine Namensverwechslung vor, und wir verdächtigten den Falschen. Doch unsere Leute nahmen bei der Durchsuchung mit, was alt aussah. Sie glaubten, in den Fotoalben Hinweise auf geschützte Kulturgüter zu entdecken.

In einem der Alben fand sich das Bild eines Indigenen, um es politisch korrekt zu sagen. Eines Indianers, wie wir in Wirklichkeit sagten. Es war ein Bild, von dem ich die Augen nicht lassen konnte. Es war nicht eingeklebt, lag locker hinten zwischen zwei Seiten. Das fleckige alte Bild zeigte einen Häuptling im vollen Ornat. Um die Brust trug der Indianer eine Art Schärpe. Das Überraschendste aber war die Szenerie: Der Mann stand nicht vor einem Zelt oder in einer imposanten amerikanischen Landschaft. Er saß in einer gutbürgerlichen Stube auf einem Stühlchen. Der Unterarm war auf eine gestickte weiße Tischdecke gestützt. Um ihn herum saßen und standen Leute, die sehr familiär wirkten.

Gemäß einem Bleistifthinweis war das Foto in Zürich entstanden.

Der Häuptling weckte Erinnerungen an meine Jugendzeit. Wir alle wurden damals vom Indianerfieber geschüttelt.

Mit dem Antiquitätenhändler bin ich ins Gespräch gekommen, netter Mann übrigens, nur arg mitteilungsbedürftig. »Dass die Sachen in Ihre Hände gekommen sind, ist wohl Schicksal. Sie landen immer dort, wo sie hinmüssen«, meinte er.

Er hat auch gesagt: »Deskaheh«, was ich nicht verstand. Er wiederholte es: »Der Mann heißt Des-ka-heh.« Und fügte hinzu: »Irokesen-Chief. Auf Besuch bei meinem Großvater.« Ebender am Fenster stehende Mann sei sein Großvater. Und das Foto sei in seiner Heimatstadt aufgenommen worden, wann genau, sei unklar, er habe da nach dem Ersten Weltkrieg ein Handelshaus aufgebaut. »Behalten Sie das Bild«, sagte er, »wir haben mehrere Abzüge davon. Sie wurden in der Verwandtschaft herumgereicht«, sagte er. »Und behalten Sie meinetwegen auch die Briefe, ich kann ohnehin nichts damit anfangen. Aber Sie vielleicht.« Als ich ihn fragend anschaute, antwortete er: »Finden Sie heraus, was mit ihm geschah.«

Was heißt, »was mit ihm geschah«?

»Nun, sein Leben und sein plötzlicher Tod. Er soll kurz nach seinem Aufenthalt in der Schweiz gestorben sein.«

Fortan stand auf meinem Schreibtisch das Porträt eines Mannes mit einer mir unbekannten Geschichte. Ein Foto zu einem Fall. Denn es wurde ein Fall, mein Privatfall. Vielleicht ging es um eine alternde Staatsanwältin, die etwas über ihre Jugend herausfinden wollte. Der Antiquitätenhändler hatte sogar noch ein paar Zeitungsartikel vorbeigebracht. Ich bin dann selber in die Archive gegangen.

Und ich fand eine Delikatesse.

Gammelrochen – wie komme ich auf Gammelrochen? Ich mag den fermentierten Fisch, den man so lange liegen lässt, bis er genießbar ist. Weil erst Giftstoffe entweichen müssen. Natürlich stinkt er. Er treibt einem die Tränen in die Augen. Du spülst ihn hinunter mit einem Glas Schnaps.

Ich habe ihn in Island kennengelernt. In allen nordischen Ländern, wo Eis und Fisch zur Lebensgrundlage gehören, gibt es, so erzählte mir ein Spitzenkoch, Varianten von Faulfisch. In Europa ebenso wie in Russland oder Kanada. Und eine schwedische Bekannte sagte mir, dass die Leute in den Altersheimen diesen Fisch immer noch genauso liebten wie ihre alten Lieder und Fotos von früher. Das Gegenstück sind unsere geruchfreien und geschmacklosen Tomaten aus dem Treibhaus.

Vielleicht komme ich darauf, weil ich seltsame Geschichten liebe, die so köstlich sind wie Faulfisch.

2

Vor mir liegt ein Zeitungsartikel: »Tribune de Genève«, 3. Juli, vermutlich aus den 1920er-Jahren, das Datum ist angerissen. Auf einem Foto sind zwei Zelte mit dem typischen verschränkten Gestänge zu sehen, im Hintergrund Wald, davor eine von Menschen belebte Szenerie. »Irokesisches Lager am Ontariosee«, lautet die Legende. Daneben das Porträt eines Häuptlings: »Der Chef Deskaheh, gestorben in Rochester (New York), nachdem er aus Genf zurückgekommen war.« Titel über dem Bildbeitrag: »Die letzten Rothäute«.

Noch ein Artikel, genauer: von Schreibmaschine getippt ein Text, der sich als Übersetzung eines Artikels aus dem Englischen entpuppt: »Democrat Chronicle« am 8. Juli (wieder keine Jahreszahl): Es ist der Bericht über ein Begräbnis. Ich lese etwas von Six Nations und stolpere über einen indianischen Ausdruck, der mir so fremd klingt wie Tomahawk. Oder Habakuk. – »Haudenosaunee«. Der Mann sei nach Genf gereist, um vor dem Völkerbund für die Rechte seiner Völker einzustehen, der Hau-De-No-Sau-Nee des Grand River. Who the hell are the Haudenosaunee?

Der Jagdtrieb hat mich gepackt. Ich beginne, mit Lexikon und Telefon zu arbeiten. Und arbeite mich langsam in den Fall hinein. Haudenosaunee bedeutet: Volk, das ein langes Haus baut. Langhaus-Volk. Das sei die Eigenbezeichnung der Irokesen, die einer gemeinsamen Sprachfamilie angehörten und verschiedene Untergruppen bildeten.

Gibt es Akten des Völkerbundes über diesen angeblichen Besuch? Ich wende mich an die UNO. Dort werde ich weitergeleitet an eine Archivabteilung. Eine Dame empfiehlt mir die Universitätsbibliothek Genf. Dort dauert es nicht lange, bis man mir sagt, dass die Archivalien des Völkerbunds keine Materialien zu den genannten indigenen Völkern enthielten. Aus welchem Land die Leute stammten? Ich weiß es nicht, USA oder Kanada. Ich erwähne den Chief und nenne seinen Namen. Sie antwortet, sie werde zurückrufen. Eine halbe Stunde später erhalte ich den Bescheid, dass man eine Registerkarte mit dem Namen Deskaheh gefunden habe. Unter Verweis auf ein Dossier mit der Signatur Ms var 1/15. »Les six Nations Iroquoises. Lettres et pièces diverses concernant leur défense par le Bureau international pour la défense des indigènes 1918–1925.« Ich könne den Bestand nach Voranmeldung jederzeit einsehen.

Endlich eine Jahreszahl. Und die Aussicht auf Akten.

Er hatte sich im Osten Kanadas als Holzfäller durchgeschlagen und war nach einem Unfall Farmer geworden. Damals, als er noch nicht Deskaheh hieß. Sein bürgerlicher Name war Levi General. Ein biblischer Vorname und ein prosaisch-preußisch klingender Familienname. Ein Kleinbauer mit Familie, mit Vieh im Gatter und einem Haufen Hunde und Katzen, mit Tieren, die ihm genug Fleisch und Milch und Unterhalt zum Leben boten.

Nun, vielleicht ist das Bild vom selbstgenügsamen Bauern schon Heldenstilisierung. Wenn er irgendwelche Fehler hatte, wurde über sie nicht mehr berichtet nach seiner großen Reise über den See. Sollte er je einmal Vieh geklaut oder dem Träger eines Cowboyhutes die Faust ins Gesicht geschlagen haben, so ist jetzt davon nicht mehr die Rede. In einem Nachruf wird er als »irokesischer Staatsmann und Patriot« bezeichnet.

Wir sind im Gebiet des Grand River, das ist ein Fluss im Südwesten Ontarios in Kanada. Die Gegend ist mir nicht vertraut, schrittweise lerne ich sie kennen. Reiseveranstalter bieten dort Kanu-Fahrten an.

Levi General war ein Cayuga. Seine Eltern hatten dem Jungen wohl schon bald erklärt: Cayuga heiße in ihrer Sprache »Guyohkohnyoh«, und gemeint sei: »das Volk des großen Sumpfes«. Es gab andere Irokesenvölker rundum: Die Onondaga, »das Volk der Berge«. Die Seneca, »das Volk des großen Hügels«. Die Oneida, »das Volk des aufrechten Steins«. Die Tuscarora, »Träger von Hanfhemden«. Die Mohawk, »Leute des Feuersteins«.

Karl May war einmal in der Gegend gewesen. Bei der einzigen Reise, die er zu den Rothäuten aus Fleisch und Blut unternommen hatte. Die einzige reale Erfahrung. Den Rest hatte er abgeschrieben oder fantasiert, wie es Schriftsteller üblicherweise tun.

Nachdem er die drei Bände seines Winnetou geschrieben hatte, machte sich Karl May im Jahr 1908 auf die Reise. Mit seiner Frau Klara fuhr er mit der »Großen Kurfürst«, einem Dampfschiff der Norddeutschen Lloyd, durch den Hudson nach Albany und reiste von dort per Automobil über holprige Landstraßen und mühsam zu überwindende Berge bis nach Buffalo am Eriesee. Der Schriftsteller stand begeistert vor den Wassermassen der Niagarafälle, wo er eine donnernde Macht spürte. Erschüttert betrachtete der Romantiker später die Armut der Indianergebiete. Ein Foto, aufgenommen im Reservat der Tuscarora, zeigt ihn vor einem Zelt aus Baumrinden, neben ihm steht ein bärtiger Landarbeiter mit Krempenhut und Hosenträgern – ich wusste nicht, dass Indianer Hosenträger trugen. Vor ihnen stehen zwei schmuddelige Kinder und blicken unsicher in die Kamera.

Das Bild zeigt einen Landarbeiter, wie Levi General einer war, der mit seiner Frau Mary vier Mädchen und fünf Knaben aufzog. Vielleicht waren nicht alle von ihm. Eine Frau konnte bei den Six Nations Kinder von mehreren Männern haben, lese ich in einem ethnologischen Werk. Hauptsache, die Partner blieben eine Zeit lang zusammen. Die Frau sei jedenfalls der Mittelpunkt der Familie gewesen. Levi Generals Vater war noch vor der Jahrhundertwende bei einem mysteriösen Unfall ums Leben gekommen, eine Waffe war im Spiel. Hatte sich ein Schuss gelöst? War es ein Schusswechsel mit tödlichem Ausgang? Es wird nicht berichtet. Der Anlass scheint nicht rühmlich gewesen zu sein.

Man schlug sich durch. Viel Geld brauchte man nicht. Getreide anbauen, Schweine auf die Weide treiben, Kühe melken war ein ehrenwertes Handwerk, das knapp zum Leben reichte. Gelegentlich fuhr er mit dem Kanu hinaus und brachte prächtige Forellen nach Hause. Im Winter war das Überleben schwieriger, die Winter konnten kalt sein.

Dennoch reichte es nicht immer für alles und alle. So suchte auch Levi General wie viele seinesgleichen als Wanderarbeiter nach einem Zusatzverdienst. Manchmal verdingten sich ganze Familien bei der Ernte von Gemüse, Früchten, Tabak. Viele suchten ein Auskommen in den Städten, das war eine Spezialität der indianischen Brüder vom Volk der Mohawk. Sie verkauften dort ihre Muskeln und ihre Begabung, die darin bestand, dass sie ihre Schwindelgefühle unter Kontrolle hatten, wenn sie auf Gerüsten herumkletterten. Und halfen so, Amerikas Hochhäuser hochzuziehen. Die Zeitungen zeigten gerne Fotos von Arbeitern, die hoch über dem Canyon der Stadt auf einem Stahlträger hocken und ihr Pausenbrot verzehren, während unten die Automobile dahinkriechen.

Alles war schwierig, selbst die Heimat zu verlassen. Wenn einer wie Levi General in den Süden wollte, brauchte er Papiere. Denn nahe dem Kerngebiet, in dem die Haudenosaunee siedelten, verlief eine Grenze. Den Norden rechneten die Weißen zum staatlichen Gebilde Kanadas, den Süden zur Konföderation der Staaten von Amerika; die Haudenosaunee-Langhaus-Völker betrachteten sich als von beiden Staaten unabhängig. Zählten sie auch nur rund fünftausend Menschen – ein Vogelschwarm am Himmel des großen Geistes –, so bildeten sie doch ihre eigene Völkergemeinschaft, die Mohawk, Oneida, Seneca, Cayuga, Onondaga und Tuscarora. Sie lebten auf einem grünen Teppich beidseits des Flusses Grand River, rund zehn Kilometer im Quadrat, und hatten sich verschworen in einem Bund, den sie Great League of Peace nannten. Große Friedensgemeinschaft. Den Staatsgebilden der Weißen stellten sie die Konföderation der Six Nations entgegen.

Dauernd entzündeten sich Konflikte an den Rändern. Die weißgesichtigen Nachbarn waren nicht das Problem. Darunter fanden sich gute und weniger gute, wie unter den eigenen Leuten auch. Es gab in der Nachbarschaft christlich gesinnte gute Frauen und böse methodistische Priester. Es gab gute Militärs im Ruhestand, die einst Seite an Seite mit den Indianern gegen andere Weiße gekämpft hatten, und es gab schlechte Händler und üble Bodenspekulanten. Das Problem waren die Behörden. Oft standen Grenzer an den Wegen, die hinüberführten ins US-Staatsterritorium, sie wiesen einfache Leute wie Levi General zurück. Einen amerikanischen Pass hatte einer wie er nicht, einen kanadischen Pass wollte er nicht und erhielt ihn auch nicht. Und einen Pass der Haudenosaunee erkannten die beiden Nachbarstaaten nicht an. Oft musste man mitten auf einer Brücke umkehren. Mithilfe eines Kanus gelangte man manchmal doch ans Ziel.

Der Kleinbauer Levi General und mit ihm viele andere sagten: »Wir sind keine Kanadier. Wir sind allein der britischen Krone unterstellt. Kanada ist später gekommen.« Das war Juristenfutter. Kanada erkannten sie nicht an. Aber vor Kanadas Mutterland Großbritannien hatten sie Respekt. Und dann erzählte Levi General gern die Geschichte vom Irokesen-Chief Joseph Brant, der das heimatliche Land am Grand River als Anerkennung für die Verdienste seines Volkes in den Kriegen Großbritanniens gegen die amerikanischen Sezessionisten erhalten hatte. Von der britischen Krone. Von der Königin. Als Leihgabe. Die Irokesen waren freiwillig hierhergezogen. Das war kein Reservat. Das war ihr Land. Und Levi General fügte an: »Die Six Nations sind nie von einer europäischen Armee besiegt worden!«

3

Ich vertiefte mich in die Akten. Ich studierte die Geografie der Gegend. Ich las mich in die Geschichte ein, hatte mehrere Bücher auf dem Nachttisch. Ich kannte mittlerweile einige Bräuche der Irokesen, obwohl ich manches nicht verstand. Die Rituale blieben mir bei aller Liebe fremd. Dennoch gewann ich mit der Zeit ein Bild.

So konnte ich mir vorstellen, wie ein Bürokrat im kanadischen Innenministerium zu toben pflegte. Duncan Campbell Scott, stellvertretender Superintendent für indianische Angelegenheiten. Da sein Vorgesetzter der Innenminister war und da der Vorgesetzte anderes zu tun hatte, war der Stellvertreter der starke Mann im Indianerbüro.

Der schmal gebaute, dünnlippige Beamte mit dem Kurzhaarschnitt im Geist britischer Zucht und Ordnung hatte ständig Grund zur Empörung. Wenn etwa wieder eines dieser Individuen vom Grand-River-Land verhaftet werden musste, weil es sich der Obrigkeit widersetzte und behauptete, Kanada habe ihm nichts zu befehlen.

»Schnaps trinken können sie. Schnaps brennen auch. Und Holz stehlen. Aber etwas Anständiges anstellen, nein. Nichts bringen sie zustande. Es ist ein armseliges Reservat. Sie aber reden von einem eigenen Staat, einer Grand Nation! Grand-River-Land. Schwindelfrei sind sie, klettern auf den Drahtseilen der Eisenbahnbrücke bei den Niagarafällen herum, ja am Rand des Abgrunds ist ihnen wohl.«

Eine Grand Nation – bei einer Bevölkerung von fünftausend Seelen! Kanada zählte tausendmal mehr. Kanadas Bevölkerung wurde in Millionen gezählt.

»Sie stehen am Abgrund der Historie. Sie vergeben Chieftitel, als handle es sich um eine Erbangelegenheit, völlig antiquiert: Der Feudalismus gehört auf den Müll der Geschichte. Ein Stammeswirrwarr mit Clans und Lineages und Moieties. Alles bestenfalls Folklore. Die ganzen Rollenträger, Schicksals- und Feuerhüter, die Clanmütter. Alles Brimborium. Alle sind sie Individuen. Und alle Individuen sind gleich. Das ist die Lehre der Französischen Revolution.«

»Wir Kanadier sind für den Fortschritt. Wir sind für die Demokratie. Alle Menschen sind gleich, wie gesagt. Auch bei den Indianern. Aber die dort verstehen sich als etwas Besseres. Immer beanspruchen sie Sonderrechte. Und immer gibt es Humanisten, die ihnen Unterstützung gewähren. Sogar die englischen Suffragetten interessieren sich für Indianerrechte.«

»Gewiss, es war falsch, die Indianer auszurotten, wie einige Farmer und Militärs es sich aufs Panier geschrieben hatten. Leute, die bei der Büffeljagd immer auch ein wenig nach rechts und links zielten. Aber es ist nicht falsch, aus den Rothäuten etwas Rechtes machen zu wollen. Es braucht Bildung, Bürgergleichheit und Kapitalismus.«

Duncan Campbell Scott hatte wohl zu viele Enttäuschungen erlebt, um den Indigenen zu glauben, wenn sie in großen Worten über die großen Werte sprachen, die ihnen von ihren großen Propheten überliefert worden waren. Am Schluss waren sie einfach nur Kinder, die Neinneinnein sagten.

»Selbst Befehlen von militärischem Rang wollen sie nicht gehorchen. Wie hatten sie protestiert, als es um die Einberufung in die Armee ging? Kanada war willens, im Großen Krieg auf europäischem Boden – das war nun wirklich etwas Großes, das außerordentlichen Einsatz verlangte – an der Seite Großbritanniens gegen die Truppen des deutschen Kaisers zu kämpfen. Doch die Indianer waren wieder einmal dagegen, waren dagegen, von der kanadischen Regierung einberufen zu werden. Immer argumentierten sie mit alten Rechten. Nur ein Kriegsrat von speziell ausgewählten Chiefs könne sie in die Schlacht schicken. Und als die Regierung Kanadas angeboten hatte, zwei Kompanien nur mit Männern der Six Nations auszurüsten, hatten sie ebenfalls den Kopf geschüttelt.«

Duncan Campbell Scott, der Zuständige für indianische Angelegenheiten, empfing 1915 eine Delegation der Haudenosaunee, zu der auch der Bauer Levi General gehörte. Und dieser trat besonders frech auf. »Stimmzettel gebt ihr uns nicht, aber ihr wollt, dass wir für euch die Gewehre ergreifen. Was ist das für eine Vernunft?«, hatte er gefragt, und die Rothaut hatte gar nicht erst auf eine Antwort gewartet: »Behaltet beides, das ist konsequent.«

Nichts verstanden diese Kinder Gottes von der großen Idee, aus der Kanada geboren war, der Idee der Freiheit. Die nun in Europa bedroht war. Zu Recht hatte ein Gesetz schon 1876 – als der berühmte Indian Act beschlossen wurde – die Indianer zu Schutzbefohlenen des Staates erklärt. Daraus zog die Indianerbehörde des kanadischen Staates, der Scott vorstand, ihre Legitimität. Sie hatte die indianischen Selbstverwaltungsbehörden zu leiten und zu überwachen. Sie hatte indianisches Stammesvermögen zu verwalten. Sie hatte die Schaffung von indianischen Organisationen zu bewilligen. Die Gleichheit der Menschen ist nicht gegeben, sie muss errungen werden. Das freie Staatswesen ist Ergebnis einer gemeinsamen Anstrengung, sie ist kein Selbstbedienungsbuffet.

Scott öffnete das Fenster, nachdem die indianische Delegation den Raum verlassen hatte. Er brauchte frische Luft. Und er deklamierte ein Gedicht:

Und du, o Kraft, die du die Nation geschaffen hast,

gib Weisheit inmitten unserer Begeisterung.

Wir sind so frei, dass wir vergessen,

dass Freiheit die tiefste Verpflichtung bringt.

Wie aus Blut und Feuer das Reich erschaffen worden ist,

kann es auch zerschlagen werden in Leidenschaft und Zorn.

Der Verfasser dieser pathetischen Verse hieß – Duncan Campbell Scott.

Ich habe in unserer lokalen Bibliothek einen Gedichtband des Schriftstellers gefunden.

Scott sah hinaus. Vor ihm lag Ottawa, die Hauptstadt von seinem Kanada, das formell noch als Dominion unter britischer Oberhoheit stand, inzwischen aber schon fast so groß wie ein richtiger Staat geworden war. Ein frisch geschlüpfter Jungvogel, der zu einem prächtigen Adler heranwuchs. Ein Ahornzweig, der zu einem mächtigen Stamm wurde. Und er war stolz bei dem Gedanken, dass er einer sich selbst verwaltenden Regierung angehörte. Seine Freunde bastelten schon an einer eigenen Fahne. Ottawa würde einmal Hauptstadt eines vollwertigen Staates sein. Eine wirtschaftsgetriebene City war sie seit der Gründung. Ottawa war der Name des dort angesiedelten indianischen Händlervolks gewesen. Andere Händler waren gekommen. Draußen röhrte, rasselte und trompetete eine neue Zeit: Motordroschken und Pferdekutschen beherrschten den Market, das Geschäftszentrum. Er blickte hinüber auf einen frisch erstellten Block aus rotem Backstein, der ein Magazin mit Waren aller Art beherbergte. Der Fortschritt war unaufhaltsam.

Wie frisch der Duft der Straße war. Und wie frisch selbst das Benzin roch.

Scott rief seinen Sekretär. Er blickte ihn an, die obere Lippe leicht hochgezogen. Es war Zeit, die Schraube anzuziehen. Kühl war sein Blick, routiniert wie der Blick eines Kellners, der einem Gast ohne Wimpernzucken ein Wespennest serviert. Die Rothäute nahmen sich alle Freiheiten heraus. Sie fischten ohne Erlaubnis. Sie jagten ohne Bewilligung, obwohl der Oberste Gerichtshof soeben statuiert hatte, dass der Staat die Aufgabe habe, das Wildtierleben zu schützen, und Fischfang und Jagd beschränken durfte. »Lassen Sie die Geräte der Rothäute, die mit Netzen fischen, konsequent beschlagnahmen, ohne Rücksicht auf die Einreden«, befahl er dem Sekretär. »Und erstatten Sie mir darüber regelmäßig Bericht.«

»Übrigens«, rief Scott dem Sekretär nach, »erinnern Sie in einem Memorandum alle unsere Agenten daran, dass das Departement für indianische Angelegenheiten die traditionellen Tänze schon vor zwei Jahren verboten hat.«

Scott schaute auf das Pult, auf dem ein Visitenkärtchen lag, das der letzte Besucher zurückgelassen hatte. Der Vorsitzende der Six-Nations-Delegation hatte in seiner Rede eine formelle Einladung ausgesprochen zum jährlichen Fest der Indigenen und von Tanz und Gesang gesprochen. Der Stellvertretende Superintendent werde willkommen sein und gut bewirtet werden. Dazu hatte er sein Kärtchen überreicht: »Asa R. Hill, Sekretär des Rats der Six Nations.« Scott lachte. Wieder dieses Brimborium. Jede dieser Rothäute trat auf, als sei er der Prince of Wales. »Lauter Häuptlinge und keine Indianer.«

Im bockigen grüngrauen Ford-T-Kastenwagen von Asa R. Hill fuhr derweil die Delegation über die Landstraßen mehrere Hundert Meilen zurück, zu dritt auf die vordere Sitzbank geklemmt. Im Laderaum führte der Besitzer üblicherweise Schrott oder Autoreifen mit. Diesmal diente er als Schlafraum. Die Delegationsmitglieder waren nicht beeindruckt von den Dörfern, durch die sie kamen. Vor den wenigen Werkstätten, Unterkünften und Bars hatte man Fassaden angebracht, die anmaßend in die Luft ragten, bunt bemalt mit Reklameaufschriften, hinter denen sich nicht mehr verbarg als eine einfache Holzhütte. Protzen war das Prinzip dieser Zuwanderer.

»Wir müssen unabhängig bleiben«, sagte Asa R. Hill, der am Steuer saß, »die kanadischen Behörden dürfen auf unserem Territorium keine Männer rekrutieren.« Die beiden Mitfahrer nickten. »Obwohl die Königin schon recht hat, wenn sie die Leute bekämpft, die die schlechte Sprache sprechen.« Die Königin, das war einfach ihr Ausdruck für die britische Regierung. Wieder war ihm Zustimmung gewiss. Sie hatten schon hundertmal darüber gesprochen, dass es richtig war, die Deutschen zu bekämpfen, die in ihrer Propaganda die britische Krone schlechtmachten. Darum gab es ja auch Freiwillige in den Reihen der Six Nations, die über den Ozean fuhren und in den Sümpfen herumstapften, in einer Gegend, die Flandern hieß. Die sich dem schnell schießenden Gewehr entgegenstellten. Die schlechte Luft atmeten, wie die Irokesen das Giftgas nannten.

Hill stoppte bei einem Unfallwagen, der verlassen im Straßengraben lag. Er schraubte zwei Lampen ab, die er brauchen konnte.

Bis zum Wochenende wollten sie zurück sein in ihrem Grand-River-Land. Am Sonntag fanden die traditionellen Sportveranstaltungen statt. Da wollte auch Levi General anwesend sein und die Mannschaften anfeuern, auch wenn er selber zu alt war, um mit Schläger und Ball auf dem Feld herumzurennen. Lacrosse hieß ihr Spiel, es festigte sie in ihrer Einheit, obwohl es jetzt auch Weiße immer häufiger spielten.

Schlechte Nachricht zu Hause: Der erste Soldat aus dem Grand-River-Land sei bei einer Schlacht in Europa umgekommen. Leutnant Cameron Brant, ausgerechnet er, Nachfahre des legendären Pioniers und Gründers Joseph Brant, der den Irokesen zu ihrem Land verholfen hatte. Er war in Belgien in der Nähe der Stadt Ypern getötet worden, als er mit seinem Platoon einen Erkundungsauftrag durchführen sollte. Ein ausgezeichneter Scout war er gewesen, Deskaheh hatte von ihm gehört. Viele aus ihren Reihen waren gute Scouts, das mussten sie sein auf der Jagd. Oder gute Läufer. Aber auch der Olympiasportler Tom Longboat, der in Flandern als Meldeläufer im Einsatz war, entkam den Schrapnells nicht und wurde verwundet.

Levi General sehnte sich nicht nach Krieg. Ohnehin war er für den Militärdienst zu alt, er war schon über vierzig.

Wie immer waren dann alle da, die das Lacrosse-Spiel liebten: Zuschauer aus dem Reservat, die ihre sportliche Verwandtschaft anfeuern wollten. Weiße Männer aus der Umgebung, die etwas erleben wollten. Eine Reporterin des »Herald« und der Agent der Mounted Police, der das Reservat zu kontrollieren hatte. Der Sekretär des einheimischen Indianerrates begrüßte Oberst Fraser, einen Tabakfarmer aus der Umgebung und guten Freund der Six Nations. Der altgediente Soldat war mit zwei Freimaurerkollegen hier, denen er die Traditionen der Leute zeigen wollte, die sie Wilde nannten.

Eine indigene Brass-Band intonierte »God Save the King«.

Etwas enttäuscht waren die Freimaurer-Herren schon, die ihre besten Anzüge aus dem Schrank genommen hatten. Alles war recht gewöhnlich bei diesen Indianern. Es gab nicht die Tipis, die sie erwartet und die Karl May noch gesehen hatte. Die Modernität hatte Einzug gehalten im Reservat. Die Frauen waren, wie die Frauen aus der Stadt, in modische gemusterte Textilien gekleidet und nicht in Hirschleder, und die Männer trugen Overalls und keinen Lendenschurz.

Plötzlich sah Levi General, wie ein Mann umherwuselnde Kinder zurechtwies. Der Methodistenpfarrer packte eines von ihnen an der Schulter. Es sei heute nicht der Tag, um sich so ungezogen zu benehmen, rief er vernehmlich, eine Hand erhoben. Heute sei der Tag des Herrn. Als sich Erwachsene auf die Seite der Kinder stellten, schrie der Pfarrer sie an: »Die Heiden missachten die Würde des Tags des Herrn.«

Die Reporterin schrieb mit. Lärm im Indianerreservat, das fand immer die Zustimmung der Redaktion.

Deskaheh sagte mit betont ruhiger Stimme zum Pfarrer: »Sehen Sie sich genau um. Wenn Sie hier einen Heiden finden, berichten Sie es mir. Hier sind nur Gläubige.« Dann fügte er dazu: »Nur glauben sie nicht an den Herrn am Kreuz.«

Und schließlich mischte sich der Agent der Polizei ein. »Wir haben Anweisung aus Ottawa, die indianischen Exzesse einzudämmen. Sie wissen, dass hier Flaschen zirkulieren. Sie wissen, dass hier Whisky verkauft wird.«

Levi General wandte sich ab, um nicht zuschlagen zu müssen: Seiner Frau sagte er: »Man muss den Nebel auswaschen, der ihre Augen trübt.« – Sie antwortete: »Aber den Whisky-Verkauf sollte unser Rat unterbinden. Ich frage mich …« Levi General nickte.

4

Beamte aus der Umgebung sahen eine Whiskywolke über dem Land. Regelmäßig gab es Gerüchte über illegale Destillerien im Indianergebiet. Regelmäßig ergingen polizeiliche Vorladungen. Regelmäßig drang Polizei ins Gelände vor. Regelmäßig kam es auch zu Gewaltanwendung, weil irgendein Verdächtiger sich der Verhaftung widersetzte.

Als Untersuchungsrichterin würde ich sagen, die Vorladungen hatten ihren Grund. Offenbar wurden früher Stammesgesellschaften durch Traditionen, Familienbande und Mythen strenger zusammengehalten als zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wo die Moderne auch die Siedler am Grand-River-Land erreichte. Die Moderne, das waren der Zerfall der Stammesbindungen und Individualismus. Die Moderne, das war die Atomisierung des einstigen Kollektivs. Und König Alkohol, wie Jack London geschrieben hatte.

Der kanadische Staat versuchte, durch Prohibition des Alkohols Herr zu werden. Prohibition, das alte Übel. Natürlich kann man sagen, dass die Gesetze falsch waren. Aber auf der Basis der Gesetze waren die Vorladungen richtig. Auf manchen Höfen wurde Schnaps gebrannt wie seinerzeit auf den Bauernhöfen hierzulande die grüne Fee, wie der Absinth genannt wurde, der die Gesichter grün färbte. Vor allem Whisky-Brennöfen wuchsen in den Kellern und Hinterhöfen wie Pilze aus dem Boden. Und wie bei Pilzen war gelegentlich reines Gift, was da entstand. Was als Erstes aus der kupfernen Brennblase tropfte, war ja Methanol, das zur Erblindung und gar zum Tod führen konnte.

Mit Levi General hatte all das ursprünglich nichts zu tun, das sehe ich auch.

Levi General war offenbar ein strikter Gegner jedweden Alkoholkonsums. Einer von denen, die an die Traditionen glaubten und sie wiederbeleben wollten. Er trank Ahornsirup und Milch. Das giftige Getränk reize die Jäger, meinte er. Sie seien, wenn sie chronisch benebelt durch die Landschaft streiften, nicht mehr länger geleitet vom Wunsch, Fleisch und Kleider für die Familien zu beschaffen. Sondern sie würden jagen, um durch den Verkauf der Häute zu Geld zu kommen. Mit welchem sie wiederum dieses Getränk kauften. Und die Körper der Beutetiere ließen sie oft liegen und verfaulen.