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Als Maja und Tom sich zufällig begegnen, gibt es keinen großen Knall, kein Feuerwerk der Gefühle, keine Liebe auf den ersten Blick. Das hätte unter anderen Umständen durchaus passieren können, aber beide sind auf unterschiedliche Art und Weise bereits vergeben: Während sich Maja erst vor kurzem unsterblich in Martin verliebt hat und darauf hofft, dass es ihm genauso geht, ist Tom von der sehnsüchtigen Liebe zu seiner verstorbenen Freundin erfüllt, die in seinem Herzen keinen Platz für eine neue Beziehung zulässt. Zwischen den beiden entwickelt sich trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb - binnen kürzester Zeit eine tiefe Freundschaft, die mit vielen Höhen und genauso vielen Tiefen, Tom zurück ins Leben holt und Maja zeigt, dass nicht immer alles so glatt läuft, wie sie es bisher erlebt hat, sich am Ende aber doch alles gut anfühlen kann oder besser noch - alles gut ist. "Ein Jahr bis zu dir" ist nicht nur die Liebesgeschichte zwischen Maja und Tom allein, sondern vielmehr eine Geschichte über Freundschaft, Verbundenheit, Familie, Verlust und Mut.
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Seitenzahl: 526
Veröffentlichungsjahr: 2020
„I never knew life behind the
scenes was this dramatic!“
Eleanor Fitzgerald
Dezember
September
Oktober
November
Dezember
Januar
Februar
März
April
Mai
Juni
Juli
August
September
Oktober
Dezember
London-Mix für Maja
Samstag, 08. Dezember; 19:14 Uhr
„Ach Maja, komm schon. Lass uns ausgehen. Bitte, bitte, bitte. Wir haben unser Einjähriges hier noch gar nicht gebührend gefeiert und heute wäre einfach perfekt und außerdem finde ich, könntest du auch endlich mal aufhören die ganze Zeit so trübsinnig drein zu schauen.“
Sina wirbelte durch die Küche und machte geräuschvoll einen Schrank nach dem anderen auf und wieder zu.
„Ich befürchte, wir haben so rein gar nichts mehr zu trinken im Haus. Keine einzige Flasche Wein oder Prosecco oder überhaupt irgendwas und heute ist einfach kein Abend für schnödes Leitungswasser.“
Sina plapperte und plapperte. Maja schaute ihr einfach zu und ließ den Redeschwall über sich ergehen. Ihr war so gar nicht nach feiern zumute oder überhaupt danach die Wohnung zu verlassen. Sie wollte einfach zu Hause bleiben und … Ja, und was eigentlich?
„Aha, schau mal, da hab‘ ich doch noch was gefunden. Woher haben wir denn den Wein hier? Sieht irgendwie nach ‘nem guten Tropfen aus.“
Sina stellte zufrieden zwei Gläser auf den Tisch und machte sich sogleich daran die Falsche zu öffnen. Maja puhlte gedankenverloren an einer Kerze herum. Sie drückte das schon weich gewordene Wachs nach innen und sah der Flamme zu, wie sie sich begierig daran machte, auch dieses Wachs zu schmelzen und es dadurch in eine heiße Flüssigkeit zu verwandeln. Die Kerzenflamme zog Maja in ihren Bann. Sie wollte sich in diesem Moment einfach der tiefsitzenden Traurigkeit hingeben und es schien ihr als verstünde die Kerze ihren Kummer und tauchte die geräumige WG-Küche in ein schummriges, melancholisches Licht. Am Fenster war das stetige Klopfen des Regens zu hören. Es war einfach ein perfekter Abend, um traurig zu sein und kein Abend zum Feiern. Dennoch schaffte Maja es den Blick von der Kerze zu lösen und ihre Mitbewohnerin anzusehen .
„Der Wein ist von Tom.“
„Oh!“ Sina hielt in ihrer Bewegung inne. „Sollen wir ihn dann lieber nicht trinken? Jetzt hab‘ ich die Flasche allerdings schon aufgemacht.“ Sina verzog das Gesicht zu einer Grimasse, die wohl entschuldigend aussehen sollte.
„Nein, schon gut.“, sagte Maja matt und widmete sich wieder der Kerze. Schon hatte Sina die Gläser fast bis zum Rand gefüllt. Sie hielt ihres in die Höhe und war mit einem Mal ganz still. Augenblicklich breitete sich in der Küche eine feierliche Stimmung aus. Irritiert von der plötzlichen Stille sah Maja erneut auf. Sina schien sich einen Toast zu überlegen und seufzte schließlich.
„Auf uns, Süße. Ich könnte mir keine bessere Mitbewohnerin vorstellen als dich und ich hoffe, dass wir noch ganz lange hier zusammenwohnen, aber vor allem wünsche ich mir, dass du mal wieder ein bisschen fröhlich bist, lachst, das Leben genießt und einfach nicht mehr so traurig bist, dass Tom weg ist.“
Die Worte schmerzten in Majas Herz. Ja, Tom war weg und Maja wusste nicht, ob er jemals wiederkommen würde. Und was würde es überhaupt ändern, wenn er wieder hier wäre? Maja war sich sicher, dass der Schmerz und vielleicht auch die Sehnsucht irgendwann nachlassen würden, aber derzeit war sie traurig, verletzt und fühlte sich einfach verdammt mies und einsam. In der Hoffnung die Tränen noch aufhalten zu können, die sie bereits in ihren Augen spürte, atmete Maja tief ein. Sie wollte ja selbst nicht mehr traurig sein, nicht mehr weinen, sich nicht mehr so verlassen fühlen. Aber wie konnte sie aufhören an Tom zu denken, wenn sie alles in dieser Stadt an ihn erinnerte und sie selbst bei ihren Eltern ständig an ihn denken musste? Wie hatte es Tom nur geschafft, in einem einzigen verdammten Jahr, einfach überall zu sein! Es machte Maja schier wahnsinnig, dass scheinbar jeder Ort, jedes Lied oder auch bloß diese blöde Flasche Wein sie an Tom erinnerte und ihre Brust vor Kummer enger werden ließ. Sina gab sich viel Mühe, ihre Freundin aus ihrem Schneckenhaus zu locken und Maja war sich nur allzu bewusst, dass es so nicht weitergehen konnte. Sie musste ihr Leben wieder in den Griff bekommen. Ohne Tom. So wie es war als sie vor einem Jahr hierhergezogen war. In diese Stadt. In diese Wohnung. Maja versuchte sich auf Sina zu konzentrieren, die unermüdlich von irgendetwas erzählte, bei dem Maja schon längst den Faden verloren hatte. Sie konnte einfach nichts dagegen tun, dass ihre Gedanken wieder nur um Tom kreisten und Maja versank nicht zum ersten Mal an diesem Tag wehrlos in den Erinnerungen an ihre erste Begegnung vor einem Jahr.
Ein Jahr zuvor…
Freitag, 22. September; 23:43 Uhr
„Tschuldigung, hast du vielleicht Feuer?“
Maja erschrak. Ganz in ihre Gedanken versunken, hatte sie auf den Boden gestarrt und mit den Füßen Spuren in das bereits herabgefallene Laub der umstehenden Kastanien gezeichnet. Nun schaute sie auf und sah einen jungen Mann direkt vor sich, der sie mit einem fragenden Blick bedachte. Sie hatte nicht einmal seine Schritte gehört. Ohne etwas zu antworten, kramte Maja in ihrer Tasche und beförderte eine zerknautschte Zigarettenschachtel zu Tage, in der sich auch ihr Feuerzeug befand. Ungeschickt puhlte sie es aus der Packung. Mit der Zigarette zwischen den Lippen murmelte er ein leises „Danke“, reichte ihr das Feuerzeug zurück und drehte sich schon wieder um als wolle er gehen, hielt dann aber doch in seiner Bewegung inne und wand sich wieder an Maja.
„Danke, dass du getanzt hast. Wirklich interessanter Tanzstil! Aber cool, dass sich heute überhaupt jemand auf die Tanzfläche traut!“
Maja war ganz perplex und wusste nicht, was sie sagen sollte. Anstelle eines geistreichen Konters war sie lediglich in der Lage diesen Typen anzustarren. Maja merkte, wie ihr Gesicht heiß wurde und sie rot anlief. Was fiel dem denn ein? Interessanter Tanzstil! Hatte der Typ sie etwa die ganze Zeit beobachtet oder was? Und dieses blöde Grinsen konnte der sich auch echt sparen! Maja holte tief Luft und wollte gerade zum Gegenschlag ansetzen als er schon beschwichtigend die Hände hob als wüsste er genau, was kommen würde.
„Sorry, das war überhaupt nicht so blöd gemeint, wie das jetzt geklungen hat. Tut mir echt leid. Ich bin Tom. Ich spiel in der Band, zu der du netterweise getanzt hast. Fand das wirklich cool. Das kam jetzt vielleicht etwas falsch rüber. Sorry nochmal.“
Schon wieder dieses verschmitzte Lächeln. Maja wusste nicht, ob sie sich ärgern oder was sie überhaupt machen sollte. Immer noch stand sie blöd da und starrte Tom nur an. So auf den ersten Blick entsprach er absolut Majas Vorstellungen von einem Musiker – Sneaker, dunkle Jeans, schwarzer Kapuzenpulli, die Ärmel etwas hochgezogen, so dass an seinem rechten Handgelenk ein dunkelbraunes Lederarmband zu sehen war, die Haare sahen trotz des etwas verwuschelten Looks gestylt aus. Irgendwie so understated – ob nun gewollt oder unbewusst. Schon fast etwas zu klischeehaft, dachte Maja und rollte innerlich mit den Augen. Und was sollte das hier überhaupt? Wollte er sie anmachen? Mit der Musikerschiene? Sie ist doch verdammt noch mal keine vierzehn mehr! Maja zog an ihrer Zigarette und überlegte, wie sie, ohne sich total lächerlich zu machen, aus dieser Situation wieder rauskam. Bis jetzt hatte sie noch kein Wort gesagt, wollte aber auch nicht total unhöflich und miesepetrich wirken.
„Ich bin Maja.“ Etwas unbeholfen hob Maja ihre Hand zu einem angedeuteten Gruß.
Der Abend entwickelte sich total anders als Maja sich ihn im Laufe des Tages ausgemalt hatte. Sie hatte doch nur getanzt damit Martin sie endlich mal zur Kenntnis nahm und das hatte er jetzt sicherlich getan bei ihrem „interessanten Tanzstil“. Oh Gott, sie hatte sich total lächerlich gemacht!! Jetzt konnte sie sich Martin wirklich ganz und gar abschminken. Ganz toll! Majas Stimmung war jetzt auf ihrem ganz persönlichen Tiefpunkt angekommen. Ab jetzt gab es nur noch zwei Möglichkeiten: Entweder sich zu Hause im Bett verkriechen oder wieder reingehen, direkt an die Bar und gucken, was noch so passieren würde. Verdammt! Musste der jetzt so was sagen?
Tom war etwas ratlos. Er konnte förmlich zusehen, wie Majas Laune von Sekunde zu Sekunde immer schlechter wurde. Auf der Stirn und zwischen den Augenbrauen bildeten sich schon tiefe Falten. Ihre blauen Augen wurden ganz schmal und taxierten ihn mit dem Blick so, dass er am liebsten einfach wieder gegangen wäre. Er wollte ja nicht unhöflich sein und hatte, seiner Meinung nach, auch gar nichts Schlimmes gesagt, denn tatsächlich fand er es ziemlich cool, dass sie getanzt hatte. Heute war nicht viel los. Es hatten sich hauptsächlich die üblichen Verdächtigen in die dunklen Räume vom NACHTCAFÉ verirrt, aber nicht viel neues Publikum, daher sahen The Nightfall ihren Auftritt mehr als Probe an als einen richtigen Gig. Irgendwie wollte Tom Maja aber auch nicht einfach so stehen lassen und suchte nach passenden Worten, um die Stimmung wieder etwas zu enteisen. Eigentlich war er ja nicht auf den Mund gefallen, aber irgendetwas ließ ihn zögern. Anscheinend hatte er sie auf dem falschen Fuß erwischt, was wirklich nicht seine Absicht gewesen war. Maja sah immer verlorener aus. Vielleicht hatte sie einfach einen schlechten Tag. Das kannte er ja auch nur allzu gut.
„Äh, alles okay bei dir?“
Die Worte schienen Maja aus ihren Gedanken geholt zu haben, denn nun sah sie ihn wieder an und brachte doch tatsächlich ein „Mmhm“ heraus.
„Gut. Kommst du wieder mit rein oder wolltest du schon nach Hause? Es kommen noch ein paar echt gute Lieder. Vielleicht kannst du sogar anschließend ein Freibier abgreifen. Kann dich bestimmt dazwischen mogeln!“
Endlich regte sich etwas in ihrem Gesicht. Es sah fast wie ein Lächeln aus. Maja nickte, ging an Tom vorbei und verschwand hinter der schweren, mit Plakaten beklebten, Eichentür des NACHTCAFÉs. Kopfschüttelnd folgte Tom ihr.
Nachdem er den Raum betreten hatte, sah sich Tom nach Maja um, die scheinbar unglaublich schnell die Stufen hinabgestiegen war. Das Licht war schummrig und die Luft stickig. Die Lüftung ließ zu wünschen übrig und das Mobiliar hatte auch schon die besten Zeiten hinter sich, aber unter anderem deshalb verbrachte Tom so gerne seine Zeit hier. Er hatte nicht viel übrig für die angesagten schicken Clubs der Stadt. Ihm gefiel es, dass er hier so gut wie jeden kannte und mochte die Musik. Dass sie mit The Nightfall hier immer wieder auftreten konnte, war natürlich auch ein großer Pluspunkt. Das NACHTCAFÉ war fast so etwas wie sein zweites Zuhause. Hier mischten sich Vergangenheit und Gegenwart, Schmerz und Freude sowie Sehnsucht und Ablenkung. All die widersprüchlichen und kräftezehrenden Gefühle, die ihn seit Jahren begleiteten, ihn runterzogen in dunkle Höhlen der Erinnerungen, aber dann auch wieder nach oben ins Hier und Jetzt holten.
Tom sah sich um und zwischen einigen bekannten Gesichtern entdeckte er nun auch Maja, die sich an der Bar mit einem anderen Mädchen unterhielt. Sie konnte also doch reden!
„Hey Tom.“
Tom erschrak, als ihn eine wohlbekannte Stimme aus seinen Gedanken riss. Maren war ein treuer Fan von The Nightfall und leider wohl vor allem von Tom selbst. Sie war praktisch immer im NACHTCAFÉ – egal ob er mit der Band auftrat oder hinterm Tresen arbeitete und machte ihm manchmal mehr manchmal weniger eindeutige Angebote. Anfangs hatte es Tom schon geschmeichelt, dass Maren offensichtlich für ihn schwärmte, aber mittlerweile nervte es ihn und er wusste einfach nicht, wie er ihr klar machen konnte, dass er keinerlei Interesse an ihr hatte. Einerseits wollte er nicht gemein zu ihr sein, ihr anderseits aber auch keine Hoffnungen machen und so schwankte Tom jedes Mal, wenn sich Maren mit ihm unterhalten wollte zwischen höflich oder abweisend sein. Manchmal kam es Tom sogar so vor, als wäre es Maren egal, ob er nett zu ihr war oder nicht, Hauptsache er beachtete sie. Das war schon irgendwie absurd.
„Hey.“
„Wie geht´s dir? Ich hab‘ dich letzte Woche hier gar nicht gesehen.“ Maren warf sich vor Tom in Pose, fuhr sich gekonnt durch das lange blonde Haar und klimperte mit ihren viel zu intensiv geschminkten Augen.
„Mmh, war krank.“
„Oh, das tut mir leid. Ich hoffe, es geht dir wieder besser. Hätte ich das gewusst, hätte ich dich ja etwas umsorgen können.“ Maren lächelte Tom verschwörerisch an. „Und dann stehst du heute schon wieder auf der Bühne?“
Tom zuckte nur mit den Schultern und suchte nach einer Ausrede, um schnell verschwinden zu können und da fiel es ihm plötzlich ein. Über die Banalität musste er laut lachen!
„Mmh ja, gutes Stichwort – ich muss dann auch wieder los. Geht gleich weiter und die Jungs werden immer äußerst ungemütlich, wenn sie warten müssen. Wir sehen uns.“
Und noch bevor Maren etwas erwidern konnte, war Tom schon hinter der Bühne verschwunden, aber nicht ohne noch einen Blick an die Bar zu werfen.
„Hey, alles klar bei dir? Du machst ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter.“ Sina schob Maja eine Flasche Bier hin und stieß mit ihrer eigenen dagegen. Die stickige Luft im NACHTCAFÉ haute Maja fast um, aber andererseits war sie auch froh, dieser blöden Situation draußen entkommen zu sein und wieder mit Sina an der Bar zu sitzen. Maja hatte bemerkt wie sich ihr Blick immer mehr verdunkelt hatte als sie an Martin dachte und wie Tom sie dabei beobachtete. Maja ärgerte sich maßlos über sich selbst und ihr merkwürdiges Verhalten und ganz generell über diesen ganzen blöden Abend.
„Ach, ich weiß auch nicht. Ich hab‘ mir den Abend irgendwie total anders vorgestellt.“
Maja nahm einen Schluck aus der Flasche und ließ ihren Blick durch das NACHTCAFÉ schweifen.
„Wegen Martin meinst du? Wer ist das, mit dem er da die ganze Zeit auf dem Sofa sitzt?“ Sina nickte mit dem Kopf zu dem Loungebereich, in dem einige Sofas und Sessel standen und in dem die Musik etwas weniger laut war als rund um die Bar, Bühne und Tanzfläche, um sich dort besser unterhalten zu können.
„Keine Ahnung. Bei uns in der WG war noch alles super gewesen, oder? Wir haben uns so gut unterhalten wie auch damals beim Infotag an der Uni. Da war das auch so super gewesen. Dass wir zufällig zusammen in Gruppe waren und uns dabei so gut verstanden haben. Mann, das ist doch fast schon Schicksal gewesen.“
Sina hob die rechte Augenbraue und sah Maja skeptisch an.
„Findest du das nicht etwas übertrieben?“
Maja schüttelte energisch den Kopf.
„Nein überhaupt nicht.“
„Okay. Dich hat‘s echt ganz schön erwischt, oder?“
„Merkt man das?“ Maja schaute ganz überrascht, was Sina zum Lachen brachte.
„Naja, wenn du sagst, dass eure Begegnung schicksalshaft gewesen sei, dann bekommt man schon den Eindruck, dass du ziemlich verknallt bist. Aber Maja, bitte steigere dich da nicht gleich so rein. Martin hat echt so ‘nen gewissen Ruf.“
„Ach, man kann sich doch ändern.“
Maja tat die Bemerkung ihrer Freundin mit einer Handbewegung ab. Jetzt zog Sina beide Augenbrauen hoch – anscheinend schwebte Maja in Rekordzeit auf Wolke sieben. Maja ignorierte aber einfach weiterhin den skeptischen Blick ihrer Mitbewohnerin, schließlich war sie extra für den heutigen Abend und das Treffen mit Martin früher von ihren Eltern zurückgekommen, obwohl es bis zur Einführungswoche noch gute drei Wochen waren. Maja liebte ihr Elternhaus und ihre Heimatstadt sehr und genoss es dort Zeit zu verbringen. Das würde sie mit Sicherheit auch in den Semesterferien ausgiebig tun. Es sei denn, sie und Martin würden einen Urlaub planen oder er will, dass sie seine Eltern kennen lernt oder … Maja schüttelte den Kopf und holte sich dadurch selbst aus ihren Tagträumen zurück, denn so weit war es ja noch lange nicht.
„Mann, das ist so blöd. Der Abend war einfach perfekt gewesen bis wir hierher gegangen sind. Martin scheint hier ja alle Leute zu kennen und interessiert sich jetzt gar nicht mehr für mich.“
„Ach Süße. Lass den Kopf nicht hängen. Genieß den Abend doch einfach mit mir. Wir können doch zum Beispiel nochmal tanzen.“
„Du meinst, wenn ich mich mit meinem interessanten Tanzstil wieder zum Volldeppen mache, dann erinnert sich Martin wieder daran, dass ich auch hier bin?“
„Hä? Ach komm schon, deinen kleinen Sturz hat doch fast keiner mitbekommen.“
Bei der Erinnerung daran musste Sina wieder lachen – irgendwie war das doch ziemlich lustig gewesen.
„Sehr witzig.“
Sina überhörte einfach Majas sarkastischen Unterton, prostete ihrer Freundin zu und trank noch einen Schluck Bier. Falls die Geschichte mit Martin heute keinen positiven Verlauf mehr nahm, würde Maja vielleicht doch noch auf das Freibier zurückkommen, das Tom ihr draußen versprochen hatte. Bei der Gelegenheit würde sie auch gleich mal ein paar mehr Worte sagen als „ich bin Maja“ und „Mmhm“. Eine Bekanntschaft mehr kann in einer neuen Stadt ja nicht schaden.
Während Maja weiterhin an der Bar stehen blieb, warf sie verstohlene Blicke zu Martin, der sich immer noch angeregt mit irgendeinem Typen unterhielt. Sie war schon erleichtert, dass es kein Mädchen war, das Martin so in den Bann zog. Gerne wäre Maja einfach cool zu ihnen hin gegangen und hätte sich in das Gespräch mit eingeklinkt, aber irgendwie traute sie sich nicht. Außerdem könnte Martin auch ruhig mal zu ihr kommen. Maja ärgerte sich sowohl über ihre Lage als auch darüber, dass sie sich überhaupt darüber ärgerte anstatt den Abend einfach zu genießen und Spaß zu haben. So wie Sina, die sich blendend amüsierte. Aber das wollte Maja heute partout nicht gelingen. Wenigstens war die Musik, wie versprochen, gut. Sie wippte im Takt mit. Zu tanzen traute sich Maja nach dem Kommentar von Tom nicht mehr und alleine war das eh doof. Sollte sie doch lieber nach Hause gehen und den ganzen Abend einfach vergessen? Wäre eigentlich das Beste, aber Maja konnte ihren Blick einfach nicht von Martin lassen. Wenn sie gehen würde, wäre er vielleicht enttäuscht oder hielt sie noch für eine totale Spaßbremse. Nein, sie würde bleiben und endlich Spaß haben! Entschlossen dem Abend noch eine Chance zu geben, drehte sich Maja um, doch Sina war verschwunden. Sie tanzte. Ohne Maja. Majas Stimmung nahm wieder Kurs auf den Tiefpunkt. Maja bestellte noch ein Bier, als der Sänger der Band den letzten Song des Abends ankündigte.
Niemand forderte eine Zugabe und somit stellten die Musiker von The Nightfall ihre Instrumente erst einmal beiseite und verließen mit einem ganz bestimmten Ziel die Bühne – die Bar. Tom bestellte bei dem Barkeeper zwei Bier und reichte eines davon zur Seite.
„Hier. Hatte ich dir ja versprochen.“
Verdutzt aber lächelnd nahm Maja das Bier entgegen.
„Danke.“
Scheu, aber sie konnte immerhin sprechen. Es grenzte fast an ein Wunder! Toms Lächeln wurde breiter. Auch Maja sah nicht mehr so in sich gekehrt aus und stieß mit ihrer Flasche gegen seine.
„Gute Musik macht ihr da.“
„Danke. War heut ganz okay, hatten aber schon bessere Auftritte. Bist du das erste Mal hier?“
Majas Blick glitt durch den Saal. Ohne Zweifel suchte sie jemanden, denn ihr Gesicht wirkte nun wieder angespannt. Ihre Freundin suchte sie jedenfalls nicht, die stand nämlich wieder auf der anderen Seite neben ihr. Kurz stellte sich Maja auf die Zehenspitzen, danach entspannten sich ihre Gesichtszüge und sie konzentrierte sich wieder auf Tom. Anscheinend hatte sie denjenigen gefunden, den sie suchte.
„Ja, genau. Ich wohn erst seit kurzem hier und wurde so mitgeschleppt.“ Maja verzog das Gesicht zu einer Grimasse. „Ist aber echt ganz cool. Gefällt mir. Du bist wohl oft hier?“
„Oh je, sieht man mir das etwa an? Aber in der Tat bin ich ziemlich regelmäßig hier. Ich arbeite ab und zu hier und wir machen hier auch regelmäßig Musik. Sind sowas wie die Hausband hier.“
„Deshalb auch der Name The Nightfall?“
Tom sah Maja überrascht an und lächelte.
„Ja, tatsächlich. Gut kombiniert. Die Parallele fällt den meisten nicht auf Anhieb auf.“
Tom kramte nach seinen Zigaretten.
„Ich geh mal raus, eine rauchen. Kommst mit?“
Maja zögerte, nickte aber dann und folgte Tom nach draußen, wobei sie sich aber doch noch einmal im NACHTCAFÉ umsah.
„Warum rauchst du hier draußen? Die haben drinnen doch auch einen Raucherbereich, oder nicht?“
Maja suchte wieder nach ihrem Päckchen und beschloss, das nächste Mal nicht diese Tasche mitzunehmen. Schließlich ertaste sie ihre Zigaretten ganz unten – natürlich! Dieses Mal hielt sie Tom ihr Feuerzeug entgegen, ohne dass er danach fragen musste.
„Danke schön.“
Tom lächelte, nahm das Feuerzeug, zündete sich erst seine Zigarette an und gab dann auch Maja Feuer, bevor er ihr das Feuerzeug wieder zurückgab.
„Ja es gibt auch unten Plätze zum Rauchen, aber wenn’s nicht regnet oder zu kalt ist, geh ich lieber raus. Ist so eine Angewohnheit von mir und meistens trifft man draußen auch immer jemand, den man kennt oder auch nicht. So wie in deinem Fall.“
Maja nickte, um zu zeigen, dass sie ihn verstand, aber auch weil sie nicht wusste, was sie sagen sollte.
„Tut mir übrigens leid, dass ich vorhin so plump gewesen bin.“ Wieder war es Tom, der das Schweigen brach. „Ich wollte dich wirklich nicht blöd anmachen oder so. Hab erst gerade eben erfahren, dass du wohl einen bösen Sturz hingelegt hast. Tat’s sehr weh?“
Jetzt wurde Maja wieder rot. Ganz prima, es sprach sich also rum! Sie zuckte nur mit den Achseln, zog an ihrer Zigarette und wünschte, der Moment würde vorbeigehen, ohne dass es noch peinlicher für sie wird.
„Du bist wirklich nicht so gesprächig oder erwisch ich dich schon wieder auf dem falschen Fuß? Tut mir echt leid. War echt nicht meine Absicht.“
Tom hob entschuldigend die Schultern und verzog seinen Mund zu einem schiefen Grinsen, das Maja doch irgendwie ziemlich niedlich fand und so zeichnete sich nun auch auf ihrem Gesicht endlich ein Lächeln ab.
„Ist heut nicht mein Abend, tut mir leid.“
Diesmal war es Maja, die ihre Schultern hob und eine entschuldigende Geste mit den Händen machte.
„Irgendwie sind das eindeutig zu viele Entschuldigungen für ein erstes Treffen.“ Tom lächelte. „Aber ich kenn das. Manchmal läuft halt alles schief. Was war’s denn bei dir, wenn ich fragen darf?“
In dem Moment als Maja zu ihrer Antwort ansetzen wollten, hörten sie hinter sich die große Tür des NACHTCAFÉs knarren und Toms Groupie trat zu ihnen nach draußen. Wieder warf sich Maren in eine Pose, die sie sicherlich zu Hause vor dem Spiegel oft geübt hatte. Wahrscheinlich sollte diese Geste cool und verführerisch aussehen. Maja war sich nicht ganz sicher, denn weder das eine noch das andere traf wirklich zu. Das Mädchen tat Maja ein bisschen leid, aber andererseits machte es ihr klar, dass sie mit ihrer eigenen Situation gar nicht so schlimm dran war und ihre Stimmung besserte sich zusehends.
„Ach hier steckst du also. Hab dich unten schon überall gesucht. Hätte ich mir ja denken können, dass ich dich hier finde. Du bist vorhin auch schon so schnell verschwunden. Man könnte meinen, du versteckst dich vor mir.“
Sie hatte den Nagel auf den Kopf getroffen und merkte es nicht mal. Maren stand da und lächelte wie ein kleines naives Mädchen. Schon tat sie Tom wieder leid.
„Naja, hab halt viel zu tun an so ‘nem Abend.“
Er nahm ein Schluck von seinem Bier und hoffte, seine lahme Ausrede würde ihr genügen.
„Ja, das glaub ich, aber du hast doch später bestimmt noch etwas Zeit, damit wir quatschen können?“
Oh Mann, die ließ einfach nicht locker und Maja stand nur da und beobachtete die ganze Szene mit einem Grinsen.
„Ich glaub, heut ist es echt schlecht. Ein anderes Mal vielleicht.“
Maren sah etwas angesäuert auf Maja und dann wieder zu Tom.
„Wie du meinst. Bin noch ‘ne Weile da, falls du es dir anders überlegst.“
Mit diesen Worten drehte sich Maren um und ging wieder rein. Tom atmete hörbar aus. Majas Grinsen wurde noch breiter. Sie war sich jetzt ganz sicher, dass sie sich bei Martin bestimmt nicht so die Blöße geben und nach seiner Aufmerksamkeit betteln würde.
„Ja, ja. Grins du nur. Sehr witzig.“
„Ein Fan von dir?“
„Schön, dass das deine Laune so erheblich steigert. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich mich schon früher für dich zum Volldeppen gemacht.“ Tom versuchte ein schmollendes Gesicht zu machen, musste dann aber doch lachen.
„Schwierig so mit den ganzen Groupies, was? Da kann ich mich ja glücklich schätzen, dass du bei dem ganzen Haufen Arbeit Zeit hast mit mir eine Zigarette zu rauchen. Ich fühl mich wirklich sehr geehrt.“ Maja grinste von einem Ohr zum anderen.
„Ja, da du hast echt sehr großes Glück und das an deinem ersten Abend hier.“
Jetzt lachten sie beide und das Eis war endgültig gebrochen. Majas düstere Gedanken waren verschwunden. Sogar als sie wieder hinuntergingen und gemeinsam die Bar ansteuerten, guckte sie sich zum ersten Mal an diesem Abend nicht suchend nach Martin um.
Samstag, 23. September; 02:11 Uhr
Nach einem gemeinsamen Bier an der Bar ging Tom zur Bühne um den anderen Bandmitgliedern beim Abbau zu helfen. Maja hatte zwar die tötenden Blicke von Maren im Rücken gespürt, aber diese hatte Tom zumindest nicht weiter belästigt, sondern ihn lediglich die ganze Zeit von ihrem Platz aus beobachtet. Wahrscheinlich wartete sie auf die richtige Gelegenheit. Sina hatte sich inzwischen mit einem Typen auf eines der Sofas zurückgezogen. Jetzt suchte Maja doch wieder Martin. Sie schlenderte mit ihrem Bier ein bisschen durch den Raum und entdeckte ihn immer noch auf dem Sessel mit demselben Typen ins Gespräch vertieft. Scheint wohl ein guter Freund zu sein oder vielleicht jemand, den er lange nicht gesehen hat. Maja gab sich einen Ruck und ging zu beiden hin. Erst als sie sich auf die Lehne von Martins Sessel setzte, bemerkte er sie.
„Hey Maja, wo hast du denn die ganze Zeit gesteckt?“ Majas Herz machte augenblicklich einen Sprung und nun ärgerte sie sich wieder, dass sie nicht schon früher zu ihm gegangen war.
„Ach, ich war hauptsächlich mit Sina an der Bar.“
Maja machte eine vage Handbewegung in die Richtung, aus der sie gekommen war.
„Das ist übrigens Stefan.“ Martin deutete auf den Sessel neben sich. „Wir waren früher ‘ne Zeitlang zusammen in der Schule und haben uns echt gefühlt ewig nicht gesehen, weil Stefan dann weggezogen ist. Und jetzt haben wir uns hier grad zufällig getroffen.“
Maja hörte nur mit einem Ohr hin. Martin hatte seine Hand auf ihr Knie gelegt und obwohl ihr Bein schon längst eingeschlafen und die Lehne furchtbar unbequem war, wagte Maja es nicht sich zu bewegen. Sie wollte nicht riskieren, dass Martin seine Hand wegnahm und sie diese Chance vermasselte. So verharrte sie in dieser unbequemen Position und wartete einfach ab, was passieren würde. Aus dem Augenwinkel beobachtete Maja, wie Tom gerade ein Mädchen innig umarmte. Wahrscheinlich war das seine Freundin. Zumindest passten sie optisch sehr gut zusammen und Tom freute sich sichtlich. Maja sah, wie Tom sich von seinen Kumpels verabschiedete, indem er kurz auf den Tresen klopfte. Die anderen nickten ihm zu und widmeten sich dann wieder ihren Gesprächen. Majas und Toms Blicke trafen sich als er langsam Richtung Ausgang ging. Maja hoffte, dass er nicht bemerkt hatte, wie sie ihn beobachtete. Er lächelte und hob die Hand. Insgeheim wünschte sich Maja, Tom wäre zu ihr gekommen um sich zu verabschieden. Sie hätte zu gern Martins Reaktion gesehen. Aber andererseits nahm der Abend ja jetzt genau den Verlauf, den sich Maja die ganze Zeit herbeigesehnt hatte. Tom war sicherlich auch in Eile, wenn seine Freundin draußen auf ihn wartete.
Als ängstigte sie sich, dass Tom einmal den Weg nach Hause nicht mehr fand, bestand Lisa darauf, ihn abzuholen, so oft es ihr Schichtplan im Krankenhaus zuließ. Tom wäre auch allein zu Fuß nach Hause gegangen, aber er freute sich sehr Lisa zu sehen und bemerkte gleichzeitig wie müde er eigentlich war. Obwohl Tom genau wusste, dass Lisa sich Sorgen um ihn machte und deshalb versuchte ihre Schichten im Krankenhaus extra so zu legen, dass sie ihn freitags danach mitnehmen konnte, genoss Tom die gemeinsamen ruhigen Minuten auf dem Nachhauseweg. Meist waren es die einzigen freien Momente, bevor am nächsten Morgen wieder der ganze Trubel bei ihnen zu Hause begann. Da der Handyempfang im NACHTCAFÉ sehr schlecht war, kam Lisa kurz rein, um Tom zu sagen, dass sie da war und wartete dann draußen auf ihn. Sie wusste nicht, wie er es jede Woche wieder schaffte dort zu sein. Meistens wusste Tom das selbst nicht so genau. Er verstand Lisa gut und drängte sie nie zum Bleiben.
Es war Tom nicht entgangen, dass Maja seit einer halben Ewigkeit auf einer Sessellehne hockte und dabei die Hand von so einem Kerl auf dem Knie hatte. Tom vermutete, dass er es gewesen war, nach dem sie am Anfang so intensiv Ausschau gehalten hatte. Kurz überlegte Tom, noch einmal zu Maja rüber zu gehen, um sich zu verabschieden, entschied sich dann aber doch dagegen. Irgendwie war Tom sich sicher Maja bald wieder zu sehen.
12:20 Uhr
Maja hörte Sina in der Küche mit Geschirr klappern und leise fluchen. Es roch nach Kaffee und frischen Brötchen. Für einen kurzen Moment überlegte Maja, ob sie sich vorbei schleichen und in ihr Zimmer gehen, die Decke über den Kopf ziehen und einfach nie mehr aufstehen sollte. Aber das Verlangen nach Kaffee und einer guten Freundin war dann doch stärker als der Drang sich zu verkriechen.
Vom ersten Augenblick an war Maja in die geräumige WG-Küche verliebt. Sie und Sina steuerten beide etwas zur Einrichtung und Deko bei, so dass letztendlich ein bunter, aber äußerst gemütlicher Mix entstanden war. Gestern Abend hatten sie alle um den großen Tisch herumgesessen, viel gequatscht und gelacht. Genauso stellte sich Maja das Studentenleben vor.
Sina war gerade damit beschäftigt gleichzeitig die Spuren des gestrigen Abends zu beseitigen und den Tisch mit zahlreichen Frühstückssachen zu decken. Auch das entsprach zu Einhundertprozent Majas Vorstellungen – mittags mit Freunden frühstücken.
Sina sah total frisch aus, obwohl sie bestimmt viel mehr getrunken hatte und sowohl um einiges kleiner als auch zierlicher war als Maja, aber Sina konnte so gut wie jeden Kerl unter den Tisch trinken, ohne am nächsten Tag auch nur die Spur eines Katers zu haben. Wirklich beneidenswert. Maja wunderte sich, wie Sina das nur schaffte.
„Kaffee?“ fragte Sina und hielt schon eine Tasse für Maja bereit.
„Ja, bitte.“
Maja ließ sich stöhnend auf das alte Sofa fallen, das sie von ihrer Oma bekommen hatte. Für ihr Zimmer war es zu groß, deshalb stand es nun in der Küche. Hier verbrachten sie beide sowieso die meiste Zeit.
„So schlimm?“
Sina war mit Sicherheit schon vor ihrem Psychologiestudium eine hervorragende Zuhörerin gewesen. Maja hätte sich also keine bessere Gesprächspartnerin an diesem Tag wünschen können.
„Ja, so schlimm. Es ist das reinste Desaster. Mann, Sina, was hab‘ ich mir nur gedacht?!“
Maja fügte ihrem Kaffee warme Milch und Zucker hinzu. Nach dem ersten Schluck fühlte sie sich bereits etwas frischer und fast auch schon ein bisschen getröstet. Hach, tat das gut! Wie hatte sie nur früher ohne Kaffee leben können? Kakao war zwar auch manchmal tröstlich, aber nichts ging über einen guten Kaffee. Nicht nur morgens. Maja umklammerte ihre Tasse, als müsse sie sich daran wärmen und zog dabei die Knie an. Sina strich ihr über den Kopf, was Maja an ihre Mutter erinnerte, die das auch immer tat, wenn es Maja nicht gut ging. Auf einmal verspürte sie Heimweh und wünschte sich doch zurück in ihr Zuhause. In die gewohnte Umgebung, mit den vertrauten Gerüchen und Geräuschen. Maja versuchte nicht daran zu denken, denn sie merkte schon jetzt, wie sich ein dicker Kloß in ihrem Hals bildete. Sie wollte nicht weinen. Sie war doch kein kleines Kind mehr, das gleich nach seiner Mama weint, wenn mal etwas nicht glatt lief. Maja atmete tief durch die Nase ein und beobachtete Sina, die in ihrer Kaffeetasse rührte und darauf wartete, dass Maja anfing zu erzählen.
„Also, ich hatte mich ja dann irgendwann doch zu Martin und diesem Stefan gesetzt und die haben echt so unglaublich lange über so langweiligen Kram von früher gequatscht. Unzählige Insiderwitze, die natürlich nur die beiden verstehen und witzig finden. Naja, irgendwann musste Stefan dann glücklicherweise mal aufs Klo und naja… Martin strich mir dann halt so übers Bein und hat mich geküsst.“
„Und? Wie war’s?“
Sina durchbohrte Maja mit neugierigen Blicken. Maja war etwas hin und her gerissen, wie ehrlich sie gegenüber Sina und sich selbst sein sollte. Entschied sich dann aber dafür nichts auszulassen – sie brauchte Sinas aufrichtige Einschätzung zu ihrer Lage.
„Mmh, ich glaube, er war schon ziemlich betrunken, so dass der Kuss… naja, wie soll ich sagen… nicht so ganz super war, aber egal. Wichtig ist ja eigentlich auch nur, dass er mich geküsst hat.“
Sinas Blick wechselte von neugierig zu skeptisch.
„Auf jeden Fall fragte mich Martin dann, ob ich mit zu ihm komme und weil ich den Abend ja eigentlich schon längst als totalen Reinfall abgestempelt hatte, freute ich mich jetzt natürlich umso mehr, dass ich mich doch nicht getäuscht hatte und Martin mich auch mochte und da hätte ich ja schlecht nein sagen können und so bin ich dann halt mit ihm nach Hause gegangen.“
Maja sprach die Worte ohne zwischendurch Luft zu holen, so als wolle sie diesen Teil ihrer Erzählung schnell hinter sich bringen, denn tatsächlich schämte sie sich auf gewisse Art und Weise ein bisschen, dass Martin so leichtes Spiel bei ihr gehabt hatte. Aber egal, jetzt hatte sie angefangen zu erzählen und so fuhr Maja unbeirrt fort und ließ dabei nichts aus.
„Wir waren dann also bei ihm und haben… naja, haben halt so ein bisschen… rumgemacht?“
Sina runzelte die Stirn. Ihr Blick war nun noch skeptischer.
„Wieso formulierst du das als Frage?“
Maja seufzte.
„Weil ich nicht weiß, wie ich das nennen soll!“
„Äh, du warst aber schon mal mit einem Mann alleine, oder?“ Sina lächelte süffisant.
„Ja klar schon, aber das war irgendwie … anders. Wie soll man es denn bezeichnen, wenn einer der beiden Beteiligten auf einmal einschläft?!!“
Sina brach in schallendes Gelächter aus und Maja vergrub ihr Gesicht in ihren Händen.
„Oh Mann, Sina. Das ist ja so peinlich. Hoffentlich hat das am Alkohol gelegen und nicht an mir. Vielleicht hab‘ ich ihn so gelangweilt, dass er gar nicht anders konnte als einzuschlafen.“
Sina brauchte eine Weile bis sie sich von ihrem Lachflash soweit erholte hatte, dass sie wieder sprechen konnte.
„Ach Süße, das ist doch Quatsch. Das lag zu Hundertprozent nicht an dir. Du bist super. Martin war sicher einfach nur hackedicht! Du bist aber dann trotzdem bei ihm geblieben?“
„Ja, ich wusste auch nicht so recht, was ich machen soll, aber dann dachte ich mir, dass wir ja heute was zusammen machen können und hab dann auch einfach geschlafen.“
„Ja und heute Morgen? Was war da?“
„Ich bin dann irgendwann mit ‘nem ziemlichen Brummschädel aufgewacht. Erst war ich etwas verwirrt und wusste nicht gleich, wo ich überhaupt bin. Und Martin war auch verschwunden.“
„Und was hast du gemacht?“
„Ich bin erstmal liegen geblieben, weil ich mir dachte, dass er bestimmt nur kurz im Bad ist oder so. Ich hab‘ mir dann sein Zimmer genauer angesehen. Obwohl – so wirklich gab’s da nichts zu sehen. Wirklich nicht besonders hübsch. An einer Wand steht so ein billig aussehender Kleiderschrank aus Holzimitat oder so, vor dem Fenster hat er seinen Schreibtisch mit dem Computer, daneben ein Regal mit ein paar Fachbüchern und dem Fernseher, außerdem gibt‘s noch einen kleinen Sessel und das Bett mit einem Nachtschrank. Keine Bilder an der Wand, außer einem Poster auf dem lauter Bierdosen drauf sind und einem direkt über dem Bett, auf dem sich zwei Frauen küssen. Alles in allem nicht wirklich mein Geschmack, aber ich hab‘ mir so gedacht, dass er ja auch noch nicht so lange in dem Zimmer wohnt und dass man einen Menschen ja auch nicht nach dem Äußeren beurteilen sollte und ich finde dazu gehört auch die Zimmereinrichtung. Und das ist ja außerdem auch etwas, was man im Nu ändern kann. Einfach ein paar Pflanzen und Kerzen, ein nettes Bild und schon wirkt doch alles nicht mehr ganz so trostlos und viel gemütlicher.“
„Du räumst in Gedanken schon sein Zimmer um? Das geht aber schnell bei dir.“
„Ich hatte halt Zeit mir Gedanken zu machen, während ich da so rumlag und auf Martin gewartet hab‘. Ich hab‘ mir dann ausgemalt, dass er vielleicht ein herrliches Frühstück zaubert, das er mir ans Bett bringt. Mit frischen Croissants, heißem Kaffee, Marmelade und Honig und natürlich einer Rose im Glas. Mit allem drum und dran. Und ich hab‘ überlegt, was wir heute alles so zusammen machen könnten. Es hat aber auch echt lange gedauert, bis Martin endlich wiederkam. Zwischendurch dachte ich schon, dass es ihm vielleicht peinlich ist, was gestern war und er darauf wartet, dass ich gehe. Dann hörte ich ein Geräusch im Flur und mein Herz setzte kurz aus. Auf einmal war ich ganz nervös und wusste nicht, was ich machen oder wie ich mich verhalten soll. Ob ich mich vielleicht sogar schlafend stellen sollte. Aber ich überlegte zu lange und Martin stand dann schon in der Tür. Er sah ziemlich zerknautscht aus. Die Augen ganz klein, irgendwie verquollen und die Haare standen zu allen Seiten von seinem Kopf ab. Ein Frühstückstablett hatte er leider auch nicht dabei.“
Maja verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen, denn sie wusste immer noch nicht, wie sie sich fühlen sollte.
„Und dann? Erzähl schon! Was hat er gesagt?“
Sina beugte sich vor und sah Maja erwartungsvoll an.
„Nichts.“
„Wie nichts? Und dann? Er muss doch irgendwas gesagt oder gemacht haben?“
„Er hat mich nur angeguckt und hat sich wieder hingelegt, hat sich auf der Seite zusammengerollt und ist sofort eingeschlafen.“
„Nein! Das glaub ich einfach nicht! Und, was hast du dann gemacht?“
Sina musste lachen und so langsam konnte auch Maja über diese absurde Situation lachen.
„Ich hab‘ ihn beobachtet und angetickt, aber er war einfach nicht wach zu kriegen. Und ich musste mittlerweile auch so dringend aufs Klo, aber ich konnte mich nicht erinnern, wo das Bad war. Außerdem konnte ich auch schon hören, dass seine Mitbewohner wach waren, aber mir war es einfach viel zu peinlich raus zu gehen und zu fragen. Und so lag ich noch eine dreiviertel Stunde da, bis ich es einfach nicht mehr aushielt. Ich war extra laut, aber Martin hat sich überhaupt nicht gerührt. Ich hab‘ auch zwischendurch seinen Puls gefühlt. Dann hab‘ ich mich angezogen und überlegt, ob ich ihm eine Nachricht hinterlassen soll. Wusste aber nicht, was ich schreiben sollte. ’War schön. Ruf mich an’? Nee, zu platt und nicht hundertprozentig richtig!! Also, hab‘ ich geschrieben ’Guten Morgen Schlafmütze. Musste leider weg. Hoffe, wir sehen uns bald wieder. Liebe Grüße Maja’. Ich bin dann raus und hab glücklicherweise noch das Bad gefunden und konnte entwischen bevor mich einer sieht.“
Sina war schon ganz rot angelaufen und jetzt brach das Gelächter wieder aus ihr raus.
„Und deshalb machst du dir jetzt so einen Kopf? Mann, Maja, ist doch überhaupt nichts Schlimmes passiert. Naja, bis auf…“
Sinas Lachen wurde wieder lauter und Maja boxte gegen ihren Oberarm.
„Ja, lach du nur. Ich find das alles total peinlich. Vielleicht kann er sich ja gar nicht mehr erinnern oder er hat sich extra schlafend gestellt und darauf gehofft, dass ich endlich abhaue. Was soll ich denn jetzt machen? Ihn anrufen? Warten bis er sich meldet? Und wenn er das nicht tut? Sina, sag doch mal!“
„Ja, keine Ahnung. Warte mal ab. Entweder er meldet sich oder ihr lauft euch so oder so wieder über den Weg. Dann bist du ganz cool, umwerfend und unwiderstehlich. Der Rest ergibt sich dann ganz von allein. Aber denk dran, dass er dann vielleicht etwas weniger intus haben sollte!“
„Mmh, irgendwie… Ach, ich weiß ja auch nicht. So sollte das nicht ablaufen. Ist doch doof.“
Maja biss in ihr Marmeladenbrötchen und kaute gedankenverloren darauf rum. Vielleicht hatte Sina Recht und sie müsse das auf sich zukommen lassen. Es würde sich dann schon alles ergeben. Doof finden, kann er sie ja nicht, sonst hätte er sie ja nicht mitgenommen. Außerdem war das ja ein Ausnahmezustand gewesen, weil er so betrunken gewesen war. Oder war das etwa genau das der Grund, warum Martin sie mit zu sich nach Hause genommen hatte? Nein, er konnte bestimmt auch ganz anders sein. Ja, und sie würde das herausfinden. Sie hatte ja Zeit. Maja musste an die Kennlerngeschichte ihrer Eltern denken. Vor allem ihre Mutter sprach gerne und oft davon. Sie verliebte sich damals Hals über Kopf in Majas Vater und er sich in sie. Liebe auf den ersten Blick. Gerade wenn Maja mal wieder todtraurig über ihr Single-Dasein war, erzählte ihre Mutter davon, als ob sie sagen wollte, dass irgendwann der Richtige für Maja kommen würde und das sicher schneller und unerwarteter als sie dachte. Für ihre Eltern gab es nie Zweifel, ob der andere der Richtige sei. Sie wussten es einfach und danach lebten und liebten sie. Maja bewunderte diese Bedingungslosigkeit und wünschte sich immer, dass es auch bei ihr so sein würde. Bei Martin könnte das tatsächlich der Fall sein. Irgendwie hatte sie da so ein Gefühl.
„Maja? Maja! Hallo? Bist du noch da?!“
Sina riss Maja aus ihren Gedanken.
„Sag mal, wer war denn eigentlich der andere süße Typ, mit dem du da am Tresen gestanden hast? War das nicht einer aus der Band von gestern?“
„Ach ja, das war Tom. Hab ihn draußen beim Rauchen kennen gelernt. Ganz netter Kerl eigentlich.“
„Mann, den fand ich echt interessant. Und auf Musiker steh ich eh. Die haben Rhythmus im Blut, wenn du verstehst, was ich meine.“ Sina grinste verwegen während Maja die Augen verdrehte. „Vielleicht stellst du mich beim nächsten Mal vor.“
„Vergiss es, der hat ‘ne Freundin.“
Mittwoch, 27. September; 15:31 Uhr
Noch immer hatte Maja nichts von Martin gehört. Sie war sich auch immer noch nicht sicher, ob sie sich vielleicht bei ihm melden sollte. Eigentlich fand sie, dass er dran wäre, andererseits wollte sie auch nicht so altmodisch sein. Von wegen, der Mann müsste den ersten Schritt machen und so. Theoretisch war die erste Initiative ja von Martin ausgegangen, indem er Maja am Freitag gefragt hatte, ob sie mit zu ihm kommen wollte. Aber andererseits hatte sie ihm dann am nächsten Morgen die Nachricht hinterlassen. Nein, definitiv war Martin am Zug. Aber wenn er sich nun nicht meldet? Vielleicht ist ja sein Handy verloren gegangen und alle Nummern sind weg. Oder es geht ihm nicht gut. Vielleicht ist er krank und will warten bis er wieder gesund ist, um sich mit ihr zu treffen. Vielleicht, vielleicht, vielleicht… Eigentlich war der Tag viel zu schön für trübe Gedanken. Die Sonne schien und es war angenehm warm. Mit einem Kaffee und einer Zeitschrift saß Maja im Stadtpark, der mit seinen großen Grünflächen, dem Ententeich und den üppigen Blumenbeeten, um diese Zeit anscheinend viele Menschen dazu einlud, ein bisschen das Wetter und den ausklingenden Sommer zu genießen. Der ungemütliche Teil des Herbstes würde schnell genug kommen.
Am Abend wollten Maja und Sina etwas unternehmen. Vielleicht ins Kino oder Essen gehen. Mark, Sinas Bekanntschaft aus dem NACHTCAFÉ, rief sie so gut wie täglich an, aber sie beteuerte noch immer felsenfest, dass ihr nicht der Sinn nach einer festen Beziehung steht. Sina wollte einfach ihren Spaß haben und brauche jetzt keinen Mann an ihrer Seite, der zu viel Zeit in Anspruch nahm. Sie wollte frei und unabhängig sein. Mark blieb aber weiterhin hartnäckig. Maja hoffte insgeheim, dass es bei ihr und Martin nicht auch so enden würde.
„Hey. Wie geht’s denn so?“
Maja sah erschrocken von ihrer Zeitschrift auf, in der sie sowieso nur geblättert hatte ohne auch nur einen Artikel zu lesen. Sie musste blinzeln, weil die Sonne sie blendete.
„Hey. Was machst du denn hier?“
Maja freute sich über die willkommene Abwechslung durch das zufällige Zusammentreffen mit Tom.
„Darf ich?“ Er deutete auf den Platz neben ihr.
„Ja klar, setz dich doch.“
„Wartest du auf jemanden?“
„Äh, ja auch. Aber nicht so wirklich. Ich wollte noch ein bisschen das schöne Wetter genießen und nachher treffe ich mich mit meiner Mitbewohnerin. Und was machst du hier?“
„Ach, ich muss ein bisschen was erledigen. Ich wohn hier in der Nähe und wenn ich genügend Zeit hab‘, lauf ich lieber durch den Park in die Stadt als die Bahn zu nehmen. Was liest du da?“
Tom hob die Zeitschrift an, die auf Majas Schoß lag, um das Cover sehen zu können. Augenblicklich fühlte sich Maja mit dem Blick auf ihre Lektüreauswahl ziemlich unwohl. Auf dem Titel wurden in großen Buchstaben die Highlights der aktuellen Ausgabe angepriesen: Es gab einen Test „Bist du sexy?“, Tipps wie man seinen Traummann erobert und wie man diesen dann verführen kann; das beste Make-up für ein sexy Outfit und, und, und. Also, alles Peinliche auf einem Cover vereint. Am liebsten wäre Maja im Erdboden versunken. Warum musste sie auch ausgerechnet dieses Magazin mit in den Park nehmen? Warum hatte sie sich denn nicht für etwas Geistreiches und Intelligentes entschieden? Was wäre, wenn jetzt Martin kommen würde und sie damit sah? Oh, der würde sie doch für total bescheuert halten! Verdammt, manchmal dachte sie einfach nicht richtig nach! Und wiederum unzählige andere Male machte sie sich viel zu viele Gedanken!! Es war doch wirklich zum Mäusemelken!
„Aha, sehr aufschlussreich. Und hast du schon rausgefunden, ob du sexy bist?“
Da war es wieder dieses Grinsen, das selbst Sina am letzten Wochenende aus sicherer Entfernung aufgefallen war.
„Ähm, nee. Also, ja. Ich mein, das ist eigentlich nicht meine Zeitschrift und deshalb kann ich da ja nicht reinschreiben und den Test machen oder so. Und… naja, egal.“
Maja merkte, dass sie rot wurde und verstaute die Zeitschrift schnell in ihrer Tasche. Zuhause würde sie sie verstecken oder lieber gleich verbrennen! Natürlich nachdem sie den Test gemacht hatte!
Tom streckte seine Beine aus und machte es sich auf der Bank neben Maja gemütlich. Im Kopf ging er die Liste der Dinge durch, die er erledigen und besorgen musste – Arzt, Drogerie, Apotheke, Supermarkt. Und für alles blieb ihm nur ungefähr eine Stunde Zeit, dann musste Lisa zum Dienst und er wieder zu Hause sein. Auf dem Rückweg würde er doch einfach die Bahn nehmen, dann konnte er die verlorene Zeit schon wieder aufholen. Tom kramte eine Schachtel Zigaretten aus der Tasche und hielt sie Maja entgegen.
„Möchtest du?“
Eigentlich rauchte Maja nur gelegentlich. Sie wusste auch bereits, dass Martin es nicht sonderlich mochte, wenn Frauen rauchten. Und eigentlich war das ja auch nicht besonders toll mit der ganzen Raucherei und vor allem ja auch ungesund und überhaupt sollte sie es Martin zu Liebe lassen, aber der war ja nun mal nicht hier und… Ach, was soll’s?!
„Ja, danke.“
Maja nahm sich eine Zigarette aus der Schachtel und wartete, dass Tom ihr Feuer gab.
„Was musst du denn so erledigen?“
„Ach, so dies und das. Nichts Besonderes. Und sieht man dich Freitag wieder im Nachtcafé? Da spielen auch wieder Bands und diesmal wird es bestimmt richtig voll.“
„Spielt ihr auch wieder?“
„Nein, diesmal nicht. Die Jungs sind im Urlaub und ich bin nicht so der geborene Alleinunterhalter.“
„Alle außer dir? Wieso bist du denn nicht mitgefahren?“
„Einer muss ja die Stellung halten.“
Irgendwas veränderte sich in Toms Blick, aber Maja konnte es nicht deuten. Sie war neugierig und wollte gerne noch einmal genauer nachfragen, aber da stand Tom schon auf.
„So, ich muss weiter. Komm mal am Freitag. Das wird echt gut. Und dann kannst du mir sagen, was bei dem Test rausgekommen ist.“
Tom zwinkerte Maja zu und war so schnell wieder verschwunden wie er aufgetaucht war. Seltsam, dachte Maja, aber auch verdammt nett. Sie griff in ihre Tasche und holte das Magazin wieder hervor. ’Dein Schwarm hat dich zu einem Film-Abend zu sich nach Hause eingeladen. Was ziehst du an? a) …’
Donnerstag, 28. September; 21:59 Uhr
morgen Nachtcafe? Gruß Martin
Das war nicht gerade das, was Maja unter einer romantischen Nachricht verstand und auch nicht das, was sie sich nach so langem Warten erhofft hatte, aber Hauptsache, Martin meldete sich überhaupt bei ihr. In ihren Vorstellungen formulierte Martin die ganze Woche unzählige Nachrichten, die er immer wieder löschte, weil er einfach nicht wusste, was er Maja schreiben sollte, so dass er sich letztendlich für etwas ganz Neutrales entschied. Maja fand das ausgesprochen niedlich. In ihrer Euphorie hüpfte sie mit ihrem Handy in der Hand wie ein kleines Kind in der Küche auf und ab. Sina, die allem mit einer Portion Skepsis begegnete, riet Maja Martin jetzt zappeln zu lassen und nicht gleich zu antworten. Maja versuchte zumindest den gut gemeinten Rat ihrer Freundin zu beherzigen, aber so ganz gelang ihr das mit der Zurückhaltung dann doch nicht.
22:04 Uhr
Ja, klar. Ich werde da sein. Freu mich auf dich. Bis morgen Abend dann. Liebe Grüße deine Maja
Freitag, 29. September; 21:41 Uhr
„Also, was meinst du? Rock? Hose?“
Seit gut einer Stunde stand Maja schon ratlos vor ihrem Kleiderschrank. Sina saß im Schneidersitz mit einem Glas Wein auf dem Fußboden und durchsuchte den Stapel mit Zeitschriften, der sich neben Majas Bett türmte.
„Oh, hier kann ich also endlich mal die Antwort auf die Frage finden, die ich mir schon so lange stelle: Wie sexy bin ich eigentlich?“
„Haha, sehr witzig. Hilf mir lieber. Was soll ich anziehen? Ich möchte, dass es Martin umhaut, wenn er mich sieht und er ein schlechtes Gewissen bekommt, dass er mich so lange hat zappeln lassen bis er sich gemeldet hat.“
Maja wollte den Abend und vor allem ihre Chance bei Martin auf keinen Fall vermasseln.
„Maja, du siehst toll aus, so wie du jetzt gerade bist. Takel dich nicht so auf. Der Kerl wird’s doch eh nicht mal merken.“
„Na vielen Dank auch. Du machst mir ja Mut.“
„Komm, setz dich zu mir, trink was, rauch eine und schwupps sieht die Welt schon viel besser aus. Glaub mir. Ich kenn mich da aus. Außerdem sollten wir gleich mal los sonst kommen wir vielleicht gar nicht mehr rein. Ist an so einem Abend immer brechend voll da und wir wollen doch nicht riskieren, dass du deinen Schatzi dann gar nicht siehst.“
„Okay, okay. Dann bleib ich halt so.“
Ein letztes Mal zuppelte Maja an ihrem Oberteil herum, drehte sich vor dem Spiegel in jede Richtung und ließ sich dann seufzend neben Sina auf den Fußboden plumpsen. Dieser Abend musste einfach besser werden als der letzte Freitag!
22:30 Uhr
Die Musik drang bereits durch die schwere Eichentür zu ihnen nach draußen. Maja und Sina hatten sich extra beeilt, um die nächste Bahn noch zu erwischen. Jetzt standen sie auf dem Platz vor dem NACHTCAFÉ, der durch die vielen Lichterketten in den umstehenden Bäumen stimmungsvoll ausgeleuchtet war und Majas Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie suchte in ihrer Tasche nach den Zigaretten. Den Vorsatz das gelegentliche Rauchen aufzugeben, verschob sie noch ein weiteres Mal. Wenn das mit Martin ernster wurde, konnte sie es immer noch sein lassen, aber jetzt brauchte Maja unbedingt irgendetwas, um sich abzulenken. Auf dem Vorplatz warteten schon ziemlich viele Leute auf den Einlass und Sina und Maja reihten sich einfach dahinter ein. Glücklicherweise regnete es nicht. Die Luft war auch noch sehr mild. Als die Tür auf ging, wurde Maja immer nervöser. Sie wusste nicht, wie sie Martin begrüßen sollte. Was sie sagen sollte. Wie sie sich verhalten sollte. Oh Mann, sie fühlte sich gerade irgendwie überhaupt nicht gut. Mutlos, viel zu nüchtern und das Outfit war auch nicht das richtige! Verdammter Mist aber auch! Und Sina war schon wieder mit irgendwem ins Gespräch vertieft. Wie macht die das bloß immer? Es sieht bei ihr so einfach aus. Maja hingegen kam es so vor, als stellte sie sich immer an, wie der letzte Depp.
Als Maja nun wieder zu Tür blickte, erkannte sie Tom, der sich mit dem Türsteher unterhielt und dabei eine Zigarette rauchte. Er sah ziemlich lässig aus, wie er sich da so gegen den Türpfosten lehnte. Als er in Majas Richtung schaute, lächelte er sie an, stieß sich von dem Pfosten ab, sagte irgendetwas zu dem kräftigen Rausschmeißer und kam dann grinsend auf Maja zu. Auf dem Weg grüßte er ein paar Leute, blieb aber nicht bei ihnen stehen, sondern steuerte gezielt auf Maja zu. Warum wurde sie denn plötzlich so nervös? Maja wusste nicht, wo sie hingucken sollte und starrte abwechselnd auf den sich nähernden Tom und ihre Zigarette.
„Cool, du hast es geschafft. Soll ich euch mit reinnehmen, dann müsst ihr nicht hier draußen anstehen? Drinnen ist es extrem voll, deshalb darf grad keiner mehr rein, aber bei euch macht Piet bestimmt ’ne Ausnahme. Oder bist du allein?“
Tom guckte sich suchend nach möglichen Begleitern um.
„Nee, meine Freundin Sina ist hier irgendwo.“
Auch Maja drehte sich nun um, konnte Sina aber nicht entdecken.
„Keine Ahnung, wo die wieder steckt. Geradeeben stand sie noch neben mir.“
Maja zuckte mit den Schultern. Wo ist Sina nur schon wieder hin und wieso sagt sie nie Bescheid?
„Bist manchmal ganz schön in Gedanken, was? Kriegst ja gar nicht mit, was so um dich rum passiert.“
Tom lächelte. Nicht so, als würde er sich lustig machen, eher so, als würde er Maja verstehen.
„Willst du dann lieber noch warten?“
„Ja, ich glaub schon, sonst verlieren wir uns noch ganz.“
Eigentlich wusste Maja auch nicht so recht, was sie jetzt tun sollte – mit Tom reingehen oder doch lieber draußen warten? Das hatte allerdings weniger mit Sina zu tun, sondern eher damit, dass Maja ja nicht wusste, ob Martin schon drin war oder ob er noch kommt. Sie wollte ihn auf keinen Fall verpassen. Aber alleine draußen herumzustehen, war auch ziemlich doof. Tom stand entspannt da, rauchte und beobachtete die Leute. Doch plötzlich veränderte sich etwas in seinem Ausdruck. Maja wusste nicht, was es war. Sie versuchte seinem Blick zu folgen, der scheinbar auf ein Mädchen geheftet war, das etwas abseits der Schlange stand und sich mit zwei anderen unterhielt. War das vielleicht eine Ex-Freundin von Tom? Maja fühlte sich schlagartig unwohl. Sie überlegte fieberhaft, ob ihr nicht etwas einfiel, was sie sagen konnte, um die Situation etwas zu entspannen.
„Ähm, wie sind die Bands denn so?“
Maja musste sich zwischendrin räuspern, weil ihre Stimme ganz belegt klang. Dieses Mal riss sie wohl Tom aus den Gedanken, denn er guckte sie etwas verdutzt an, fing sich aber schnell wieder und antwortete ganz fachmännisch: „Die erste war ziemlich mies, wenn du mich fragst, aber die zweite ist schon besser und das Highlight kommt erst später. Da solltest du dann unbedingt unten sein. Sonst verpasst du was.“
Sein Blick wanderte wieder zu dem Mädchen, das ihn nun auch entdeckt hatte und auf Tom und Maja zugelaufen kam. Maja konnte deutlich hören wie Tom die Luft einzog. Sein Atem ging jetzt viel schwerer. Er drehte seine Zigarette zwischen den Fingern und wirkte auf einmal äußerst nervös. Konnte das wirklich eine Ex sein?
„Hi Tom. Schön dich zu sehen.“
Demonstrativ verschränkte Tom die Arme vor der Brust und reagierte weder auf die Worte zur Begrüßung noch auf die angedeutete Umarmung. Definitiv eine Ex! Mann, was für eine blöde Situation! Maja wünschte sich ganz weit weg.
„Ich hab‘ den Flyer gesehen und dachte, dass es bestimmt mal wieder richtig gut und voll werden wird heute. Schade, dass ihr nicht dabei seid. Hab euch ja auch lange nicht mehr spielen gehört.“
Tom hatte bis jetzt noch kein Wort gesprochen. Maja wusste wieder nicht, wo sie hingucken sollte und drehte sich ein bisschen weg, aber nur so viel, dass sie dem Gespräch, oder was auch immer das war, trotzdem weiter folgen konnte.
„Du, Tom, hör zu. Also, ich weiß, ich hätte mich mal melden sollen, aber ich wusste nicht, was… und das lief ja alles so unfassbar schief damals… also ich mein… also… äh, du weißt sicher, was ich meine…“
„Nee Julia, weiß ich, ehrlich gesagt, nicht.“
Maja war vom Klang von Toms Stimme überrascht, die plötzlich unglaublich abweisend klang. Ganz anders als zuvor bei ihr. Julia blickte sich Hilfe suchend um.
„Naja, ich mein, ich wusste auch einfach nicht, wie ich mich verhalten oder was ich sagen soll und ich hatte dann auch so viel mit dem Studium zu tun und so. Die ganzen Praktika und…“
„Ich weiß.“
„Ja, natürlich weißt du das. Entschuldige. Ich… Ich wollte ja nur sagen, dass ich… dass…“
„Spar dir deine Worte. Ich will’s gar nicht hören. Lass mich einfach in Ruhe, okay?“
Gerade bei den letzten Worten schossen Julia die Tränen in die Augen. Sie sah Maja an, die sich zunehmend schlechter fühlte. Am liebsten würde sie sich dieser ganzen Situation entziehen, aber ihre Beine gehorchten einfach nicht und so blieb Maja wie angewurzelt stehen.
„Vielleicht… vielleicht kannst du ja irgendwann… also vielleicht…“
Bevor sie ihren Satz beenden konnte, fiel Tom Julia wieder ins Wort als wisse er genau, was sie sagen wollte.
„Nein, das wird nicht passieren. Nie. Wie schon tausend Mal gesagt: Lass. Mich. Einfach. In. Ruhe.“
Tom sprach seine Worte sehr ruhig und betont, was ihrem ohnehin schon sehr abweisenden Charakter noch mehr Nachdruck verlieh. Sein eindringlicher, kalter Blick tat sein Übriges. Julia öffnete erneut den Mund, aber es kam nichts mehr heraus. Resigniert drehte sie sich um und entfernte sich mit langsamen, etwas wackligen Schritten von Tom. Maja sah nach dieser Szene verstohlen zu Tom rüber und versuchte etwas in seinem Gesicht zu erkennen, aber er starrte bloß auf seine Schuhe. Sein Blick war dabei unergründlich. Maja war ziemlich verwirrt und ihre Gedanken überschlugen sich. Tom machte einen so netten Eindruck, konnte wohl aber auch anders sein, wie man ja gerade sehen und vor allem hören konnte. Julia schien ihn sehr verletzt zu haben. Zu gern würde Maja mehr darüber erfahren.
„Entschuldige...“ Tom fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht, als holte er sich dadurch selbst zurück aus der Starre. „Das war… Ach, egal! Kommst du mit rein oder willst du noch warten?“
Während Maja noch immer wie angewurzelt dastand, sah Tom sie erwartungsvoll an. Hatte Maja das gerade alles nur geträumt? Tom schien sich schon wieder gefangen zu haben und tat so, als wäre gar nichts gewesen. Na gut, ihr konnte es ja eigentlich auch egal sein. War nicht ihre Sache. Der Abend sollte doch ein voller Erfolg werden!
„Nee, ich komm mit. Will doch das Highlight nicht verpassen.“
„Weise Entscheidung.“
Tom ging vor und Maja etwas unsicher hinterher. An der Tür angekommen signalisierte er Piet, dem Türsteher, dass Maja zu ihm gehörte. Der nickte nur und fragte an Tom gerichtet: „Alles okay bei dir?“
Tom nickte während er Piet dankend auf die Schulter klopfte, dabei aber ansonsten kein weiteres Wort sprach. Die beiden kannten sich wohl sehr gut, dachte Maja und warf noch einen letzten Blick zurück bevor sie hinter der schweren Holztür verschwand.
Samstag, 30. September; 00:24 Uhr
Während des restlichen Abends erwähnte Tom den Vorfall vor der Tür nicht mit einer Silbe. Maja traute sich aber auch nicht das Thema nochmals anzusprechen. So standen sie zunächst schweigend mit einem Bier an der Bar. Jeder den eigenen Gedanken nachhängend. Maja schaute unentwegt nach Martin und Sina, konnte aber keinen von beiden drinnen entdecken. Sie war enttäuscht und drauf und dran wieder raus zu gehen, um zu warten bis sich einer der beiden blicken ließ. Vorzugsweise natürlich Martin. Vielleicht kam er ja nicht rein oder war deshalb schon wieder nach Hause gegangen. Alle paar Minuten schaute Maja auf ihr Handy. Obwohl sie zu Hause bestimmt noch an die hundert Mal überprüft hatte, ob sie den Vibrationsalarm bemerken würde.
Zumindest hatte Tom nicht zu viel versprochen, was die letzte Band betraf – die war wirklich ausgesprochen gut. Maja tanzte etwas auf der Stelle und sah dabei immer mal wieder unauffällig zu Tom hinüber. Sie machte sich etwas Sorgen, denn obwohl er nichts sagte, merkte sie genau, dass es ihm nicht so gut ging. Der Glanz in seinen Augen war verschwunden und irgendwie sah er traurig aus. Ob ihn die Begegnung mit dieser Julia draußen so sehr beschäftigte und nahe ging? So gerne würde Maja ihn danach fragen, aber sie kannten sich einfach noch nicht gut genug, um so persönliche Fragen zu stellen. Tom riss Maja plötzlich aus ihren Gedanken.
„Ist deine Freundin immer noch verschollen?“
Aber die Musik war so wahnsinnig laut, dass Maja Schwierigkeiten hatte Tom zu verstehen.
„Wo ist deine Freundin?“ schrie sie zurück.
