Ein Jahr mit Dir - Lisa Karen - E-Book

Ein Jahr mit Dir E-Book

Lisa Karen

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Beschreibung

Als Emilia Rosenberg von der jungen Historikerin Jessica Schwarz Besuch bekommt, erinnert sie sich an ihre Jugend und eine längst vergangene Liebesgeschichte. Im Sommer 1938, wird sie von ihren Eltern zu ihrer Tante und ihrem Onkel nach Paris geschickt, bis sie im Herbst ihr Studium an der Frankfurter Universität beginnen kann. Mit ihren siebzehn Jahren hat sie zuvor kaum Kontakt zu Gleichaltrigen gehabt, da sie jahrelang privat unterrichtet wurde. Für sie bedeutet die Reise nach Paris gleichzeitig auch der Start in ein neues, befreites Leben. Auf der Zugfahrt lernt sie den Franzosen Jean Bastian kennen, in den sie sich sofort und unwiderruflich verliebt. In Paris werden die beiden getrennt und verlieren sich. Als sie glaubt ihren Bastian für immer verloren zu haben und daran zu verzweifeln droht, fängt sie ihre Cousine Marguerite auf und zeigt ihr die Vorzüge an einem Leben in der Stadt der Liebe. Jedoch wird sie schon bald erfahren, dass ihr geliebter Bastian ganz in ihrer Näher ist.

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Seitenzahl: 346

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Lisa Karen

Ein Jahr mit Dir

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Impressum neobooks

Kapitel 1

Wie alles begann

Für mich sind die Hände eines Menschen, wie der Spiegel seines Lebens. Sie spiegeln nicht nur sein Alter, sondern auch die Taten und die schwere Arbeit, die er im Laufe eines Lebens verrichtet hat wieder. Die Menschen, die man einst mit ihnen berührt hat hinterlassen ihre Spuren auf ihnen und ermöglichen es uns längst vergangene Momente neu zu erleben. Die Erinnerungen an sie bleiben bestehen und begleiten uns bis zum Schluss. Daran glaube ich ganz fest und der Gedanke daran lässt mir die Hoffnung, dass auch ich am Ende meine Spuren auf dieser Welt hinterlassen werde.

Die Hände der alten Frau mir gegenüber, spiegeln große Taten und schwere Zeiten wieder. Tiefe Furchen und einige Brandmale erzählen eine lange und vor allem tragische Geschichte. Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken, heute die Schatten ihrer Vergangenheit noch einmal aufleben lassen zu müssen. Vor allem, weil ich ihre Tagebücher gelesen habe und weiß, was sie in der Zeit des zweiten Weltkrieges durchleben musste. Aber jetzt muss ich an meinen Job denken und mein Mitgefühl zur Seite schieben.

»Ich hoffe, ich komme nicht ungelegen, Frau Rosenberg! Ich bin Jessica Schwarz vom Historischen Museum in Frankfurt. Ich bin hier wegen der Einverständniserklärung!« Ich lege die Papiere vor ihr auf den Couchtisch und warte auf eine Reaktion. Sie beachtet mich nicht und ihr Blick schweift zum Fenster, hinaus auf die alte Eiche vor dem Haus. Ich wusste ja, dass dieser Termin kein einfacher werden würde, aber ein wenig Mitarbeit könnte man schon erwarten.

»Frau Rosenberg?« Ich spreche lauter, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. »Ich hatte letzte Woche angerufen, weil wir ihre Tagebücher von damals gefunden haben. Wir würden sie gerne in unserem Museum ausstellen. Im Herbst wird es eine Ausstellung über den zweiten Weltkrieg geben. Ihre Tagebücher wären eine große Bereicherung.« Wieder keine Reaktion. Ungeduldig fange ich an mit meinem Fuß auf dem alten Parkett zu tippeln und suche nach einer Möglichkeit ihr mein Anliegen näher zu bringen. Als ihre Enkelin herein kommt, um uns Tee zu bringen scheint sie aus ihrem Trance ähnlichen Zustand aufzuwachen, jedoch ist ihr Blick weiterhin leer.

Vor etwa einem Monat wurden ihre Tagebücher unserem Museum zugespielt, nachdem man sie in einer alten Ruine am Stadtrand von Frankfurt gefunden hatte. Nachdem ich alle zwölf Bücher gelesen hatte, wollte ich unbedingt die Frau kennenlernen, die sie geschrieben hatte und somit die ganze Medienwelt in Aufruhr versetzte. Sogar ein Buchverlag hatte uns bereits angeschrieben, da der Fund der Bücher durch die Presse ging und jemand einige Details daraus bekannt gegeben hatte. Der Verlag brennt darauf die Rechte an den Büchern zu erwerben, um von einem sogenannten Ghostwriter eine hollywoodreife Geschichte schreiben zu lassen. Ich würde sie niemals für einen solchen Zweck herausgeben - sie sind viel zu wertvoll.

Als ich die Adresse und die Telefonnummer der Besitzerin und Verfasserin herausbekommen hatte, wollte ich die Geschichte, die mich so ergriffen hatte von ihr persönlich hören. Vielleicht ist es etwas viel verlangt und in Anbetracht ihres Zustands wohl unmöglich, aber ich komme einfach nicht davon los.

»Hat sie schon mit ihnen gesprochen«, fragt mich ihre Enkelin Anna, die mich zuvor sehr warmherzig begrüßt hatte. »Nein, leider nicht. Stimmt etwas nicht mit ihr? Ich meine sie scheint vollkommen abwesend zu sein«, erkundige ich mich und fühle mich schlecht dabei so über sie zu reden, wobei sie doch direkt vor mir sitzt.

»Seitdem mein Großvater vor drei Monaten gestorben ist, hat sie kaum gesprochen. Ich glaube der Verlust hat ihr schwer zugesetzt.« Behutsam schüttet sie uns beiden Tee ein und wirft ihrer Großmutter einen besorgten Blick zu.

»Das wusste ich nicht. Ihr Verlust tut mir sehr leid.«Oh Gott!Nun habe ich einnoch schlechteres Gewissen. Hätte ich das gewusst, wäre ich nicht hergekommen.

»Vielleicht ist es besser, wenn ich gehe.« Langsam richte ich mich auf, um mich auf den Heimweg zu machen. Im Moment stehen die Chancen eher schlecht für ein vernünftiges Gespräch mit ihr.

»Warten sie!« Ihre Stimmt klingt ganz anders, als ich erwartet habe. Sie ist sanft und zart. Wenn man sie so sieht, würde man glauben ihre Stimme wäre voller Zorn und Verbitterung, und nicht engelsgleich. Ich mache auf dem Absatz kehrt und erkenne nun eine ganz andere Frau vor mir, wie noch vor zehn Sekunden. Ihr Gesicht hat wieder Farbe bekommen und ihre Augen füllen sich mit Leben. »Ja, Frau Rosenberg«, entgegne ich ihr mit zitternder Stimme und setzte mich vorsichtig zurück auf meinen Platz.

»Ich denke, ich weiß warum sie wirklich hier sind.« Ihre noch immer erschreckend dunklen Augen fixieren mich und ein kalter, fast eisiger Schauer durchdringt meinen Körper. Ihre Enkelin Anna nimmt vollkommen perplex neben ihr Platz und scheint nicht glauben zu können, dass ihre Großmutter gerade zu mir spricht.

»Wie ich schon sagte, die Einverständniserklärung dort auf dem Tisch.« Ich zeige mit meinem Finger auf das Blatt Papier vor ihr, doch ihr Blick bleibt weiterhin starr. Wie naiv ich gewesen bin. Habe ich wirklich geglaubt, die Rechte an einer der wohl wichtigsten und bedeutsamsten Publikation unsere Zeit, innerhalb von fünf Minuten zu erwerben? Sofort gibt mir Frau Rosenberg zu verstehen, wenn auch ohne Worte, dass sie sehr wohl noch bei Verstand ist und die Bedeutung ihrer Tagebücher kennt.

»Dazu kommen wir später. Sie haben meine Tagebücher gelesen, nicht wahr«, entgegnet sie mir. Obwohl sie bestimmt und distanziert wirkt, merke ich wie ihr Innerstes, bei dem Gedanken an den Inhalt ihrer Memoiren, ins Wanken gerät. Ihre innere Zerrissenheit ist jetzt kaum noch zu übersehen.

»Ja, habe ich.« In ihrer Gegenwart höre ich mich an, wie ein kleines Mäuschen. Einerseits flößt sie mir Angst ein, und andererseits scheint sie so zerbrechlich wie eine Porzellanfigur zu sein. Was würde ich geben, um in diesem Moment ihre Gedanken und Erinnerungen lesen zu können. 

»Sie möchten nun wissen, ob es auch wirklich so passiert ist«, fragt sie und ihre Augen füllen sich mit Tränen.

»Frau Rosenberg, es ist nicht meine Absicht alte Wunden aufzureißen. Wenn sie das nicht möchten, gehe ich wieder.« Plötzlich fühle ich mich wie ein Eindringling, der versucht in ihrer Vergangenheit herumzustochern und ihr erneut das Herz brechen zu wollen.

»Wo ist ihre anfängliche Entschlossenheit hin, Frau Schwarz? Wollen sie die Geschichte nun hören oder nicht?« Sie scheint verärgert zu sein, obwohl ich nur versucht habe, ihr nicht zu nahezu treten und sie zu bedrängen. »Ist es für sie in Ordnung, wenn ich mir Notizen mache«, frage ich zögerlich. »Wie sie wollen.«

Ihr Blick schweift nun wieder zu der alten Eiche vor dem Fenster. Anna greift nach ihrer Hand und streichelt ihr sanft über die Schulter. Die Ähnlichkeit zwischen der alten, so zerbrechlich wirkenden Dame und ihrer jungen, lebendigen Enkelin verblüfft mich ungemein. Wie kann etwas so offensichtlich unterschiedliches, sich bei genauerem Hinsehen so offensichtlich ähneln. Meine Gedanken tragen mich weiter fort und bevor ich mich in ihnen verliere, erinnert mich meine unbändige Neugier daran, warum ich hier bin.

Schnell krame ich aus meiner Aktentasche meinen Notizblock und einen Bleistift hervor und mache es mir bequem. Nach einigen Sekunden der Stille fängt die alte, zerbrechliche Frau mir gegenüber an zu erzählen, während meine Gedanken mich in eine längst vergangene Zeit fort tragen.

Es war Sommer. Um genau zu sein war es der 22. Juni 1938. Der Sommer, in dem ich meinen Onkel und meine Tante in Paris besuchen sollte. Meine Eltern hatten es so entschieden und um ehrlich zu sein, war ich sehr froh darüber. Die letzten Jahre hatten mein geliebtes Vaterland unter dem Regime von Hitler in seinem ganzen Wesen gezeichnet. Seine Weltanschauung sowie der gegenwertige Antisemitismus wurde uns Deutschen von klein auf eingeimpft und förmlich aufgezwungen. Man hatte uns mundtot gemacht.

Die in Deutschland lebenden Juden waren für unseren Führer eine Art Parasit, den es zu vertreiben und auszulöschen galt. Die, die sich zu widersetzen versuchten, wurden verfolgt und verhaftet. Eine Verbindung zwischen Juden und uns sogenannten deutschen Ariern war verboten. Sie wurden Schritt für Schritt aus der Gesellschaft verbannt.

Aber damals war ich erst siebzehn Jahre jung und hätte nicht im Entferntesten einschätzen können, wie schlimm es um unser Land bestellt war. Wie auch? Ich war wohl behütet in einer der besten Wohngegenden Frankfurts, dem Lerchensberg, aufgewachsen. Dort im Süden Frankfurts versuchte mich mein Vater vor dem Nationalsozialismus und dessen Grausamkeit zu beschützen.

Mein Vater war Anwalt und unterrichtete an der Goethe Universität in Frankfurt. Um unsere Familie zu schützen und entgegen seiner eigenen Wertvorstellungen, fügte auch er sich den ideologischen Ansichten unseres Führers. Er sah Hitler als einen Betrüger an, der nicht nur geübt darin war sein Volk zu täuschen, sondern auch bereit war sein Volk in einen Krieg zu führen, dessen Ausmaße unvorstellbar sein würden.

Wir hatten das Glück gehabt von meinem Großvater, der zu seinen Lebzeiten ein gutverdienender Geschäftsmann war, ein nennenswertes Vermögen zu erben. Deshalb konnte mein Vater es sich leisten mir Privatunterricht zu geben. Er wollte nicht, dass ich Verbindungen wie der Hitlerjugend beitrete, in der bereits Kinder zu gewaltbereiten und rassistischen Persönlichkeiten erzogen worden. Er wollte unbedingt verhindern, dass diese verdrehte Weltanschauung der Nazis für mich eine Selbstverständlichkeit werden würde.

Für ihn gab es keine bessere oder schlechtere Rasse. Für ihn waren wir alle gleich gestellt. Doch zu der Zeit war es unmöglich diese Meinung auch nach außen hin zu vertreten, besonders nicht, wenn man eine Familie hatte. Er hatte zu viele junge Männer und Frauen gesehen, die aufgrund ihres Widerstandes gegen den Nationalsozialismus verhaftet wurden und nie wieder auftauchten. Jeder wusste, was hinter der Fassade geschah und doch waren allestill. Sich gegen den Führer und seine Anhänger erheben? Das wäre Selbstmord gewesen. Also passten wir uns an.

Meine Mutter besuchte einmal in der Woche einen sogenannten Frauenschaftsabend. Dort wurde gesungen, gelesen und Gedichte vorgetragen. Aber vordergründig wurden weltanschauliche Themen besprochen. Für meine Mutter eine Qual. Sie sagte oft zu mir: »Um das Liebste in meinem Leben zu beschützen, ist das nur ein kleiner Preis, den ich zu zahlen habe.« Doch ich sah in ihren Augen, dass dieses Schauspiel, was sie für mich betreiben musste mehr in ihr zerstörte, als sie zugeben wollte.

Zu diesem Zeitpunkt ahnten nicht einmal, die in Europa lebenden Juden, was sie in den nächsten Jahren noch zu durchleben hatten. Niemand konnte es ahnen, denn Hitlers Maske fing erst langsam an zu fallen.

»Emilia! Dein Zug fährt in einer Stunde. Kommst du bitte in den Salon? Dein Vater und ich möchten vor deiner Abfahrt kurz etwas mit dir besprechen.« Die lieblich klingende Stimme meiner Mutter reißt mich aus meinen tiefen Gedanken. Um der Realität ab und an zu entfliehen, habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht mich auf der Bank in dem halbrunden Erker meines Zimmers niederzulassen und für einige, viel zu kurze Momente in eine andere Welt zu entfliehen. Wie oft habe ich mir gewünscht, diese mir fremden Welten zumindest zu einem Teil mit in meine eigene zu nehmen? Wie oft habe ich davon geträumt meinem eigenen Willen zu folgen, mich der Welt zu stellen und nach so vielen Jahren das echte Leben kennen zu lernen? Wie oft war dieser Traum mir verwehrt wurden und blieb für lange Zeit ein solcher? Doch jetzt, da meine Zeit gekommen ist und der Drang danach, eine echte Frau zu werden immer stärker wird, verliere ich mich erneut in meinen Gedanken und schiebe die Realität immer weiter von mir fort. Als ich mich umdrehe, ist meine Mutter bereits verschwunden. Langsam wende ich mich wieder der Aussicht zu, die mich in den letzten Jahren, Tag für Tag in fremde Welten geführt hat. 

Vor meinem Fenster erhebt sich eine etwa zweihundert Jahre alte Eiche, die sich so gewaltig, wie ein schützender Wall vor dem Haus postiert. In diesem Sommer ist die Krone besonders dicht bewachsen und sogar ein paar Eichhörnchen haben sich auf ihr niedergelassen, die ihr Leben verleihen und das dunkle Monstrum, weniger dunkel erscheinen lassen.Manchmal sitze ich stundenlang dort, nur um zu beobachten, wie sie miteinander spielen und langsam ihre kleinen Nüsse, Stück für Stück aufknabbern. Es ist ein friedlicher Ort, an dem alle Sorgen und düstere Gedanken verschwunden sind und nur noch die Schönheit dieses einen Baumes von Bedeutung ist.

Ich nehme mir Zeit, um mich von meinem Zimmer und dem Leben hier zu verabschieden, zumindest für eine Weile. Ich versuche in den letzten Momenten, die mir bleiben, diese wunderschönen Eindrücke aufzusaugen und in meinem Kopf abzuspeichern. Denn bereits in einer Stunde werde ich im Zug nach Paris sitzen, und das für genau vier Monate.

Mein Onkel, Pierre Dupont, bei dem ich den Sommer verbringen werde, ist ein angesehener Hotelier in Paris. In diesem Jahr feierte er das zwanzigjährige Bestehen seines Hotels. Sein Gespür für das Geschäft und die Bedürfnisse der wohlbetuchten Gesellschaft aus aller Welt, haben ihm in den letzten Jahren zu einem beträchtlichen Vermögen verholfen. Obwohl solche Dinge für mich nicht von großer Bedeutung sind, freue ich mich für ihn und seinen Mut, den er so oft bewiesen hat.

Als ein armer Angestellter hat er vor vielen Jahren in diesem Hotel angefangen und nach dem Tod der ursprünglichen Inhaber den Schritt gewagt, selbst das Hotel zu leiten und es zu einem der ersten Anlaufstellen in Paris zu machen. Seine Frau Joselin ist die Schwester meiner Mutter Carolin und hatte ihn vor achtzehn Jahren während eines Urlaubes in Paris kennengelernt. Es dauerte nicht lang bis sie schwanger wurde, beide heirateten und Marguerite, meine Cousine, geboren wurde. Wir beide sind im selben Alter und obwohl ich sie seit fast fünf Jahren nicht mehr gesehen habe, hoffe ich, dass wir uns während meines Aufenthaltes gut verstehen werden. Bis auf ein oder zwei Briefe von ihr, kann ich nicht wirklich beurteilen, wie sie wohl heute ist.

Ich freue mich auf den Besuch, denn in Frankfurt habe ich kaum Freunde. Da ich jahrelang von einem Privatlehrer unterrichtet wurde und auch sonst keine Aktivitäten in der Stadt hatte, war es mir kaum möglich Kontakt zu Gleichaltrigen aufnehmen zu können. Doch diese Reise ermöglicht es mir, das alles nachzuholen und endlich, wie ein normales Mädchen in meinem Alter zu leben.

Unser Haus ist das prächtigste in der Gegend. Es ist in diesem wunderbaren Jugendstil erbaut wurden, Anfang der zwanziger Jahre. In jedem Raum befinden sich bodenlange Bogenfenster und mahagonifarbenes Echtholzparkett. Durch den Salon im hinteren Teil des Hauses kann man über die Terrasse in den weitreichenden Garten treten. Jeder Raum wurde liebevoll von meiner Mutter eingerichtet. Überall hängen Bilder aus meiner Kindheit und von diversen Familienfesten. Sogar ein Portrait von mir, als ich zwölf Jahre alt war, hatten sie malen lassen und über den Kamin gehängt. Ich bin mir sicher, dass die Zeit ohne mich sehr schwer für sie werden wird, da wir noch nie so lange voneinander getrennt waren. Aber für mich ist es ganz einfach der richtige Zeitpunkt, um die Welt auf meine Weise zu erkunden und neue Eindrücke zu sammeln. Es gibt nichts, außer meinen Eltern, dass mich noch hier hält oder mir Anlass zum zweifeln an meiner Entscheidung bietet.

Die Schule habe ich mit Erfolg abgeschlossen und mein Studium an der Frankfurter Universität beginnt erst im Oktober. Wenn nicht jetzt, wann also dann? Ich habe ein gutes Gefühl und weiß,dass ich als eine erwachsene und gereifte junge Frau zurückkehren werde.

Als ich den Salon betrete, in dem in dieser Jahreszeit eine besonders schöne Atmosphäre vorherrscht,  stehen meine Eltern vor einigen Bildern aus meiner Kindheit und amüsieren sich. Wahrscheinlich haben sie sich gerade an meinen fünften Geburtstag erinnert, als ich meine Geburtstagstorte, die extra von einem Konditor aus der Stadt angefertigt wurde, mit meinem Hund Oskar geteilt habe.

Wir hatten ihn kurz zuvor auf dem Weg nach Hause am Straßenrand aufgelesen, wo er halb verhungert und zusammengekauert lag. In dem Moment, als ich ihn sah, dachte ich nicht daran weiterzufahren und ihn dort mutterseelenallein zurück zu lassen, sondern nur daran ihn mitzunehmen und zu pflegen. Ich hätte es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren können, ihn einfach seinem Schicksal zu überlassen. Wir nahmen ihn also mit und bereits nach kurzer Zeit war er ein Teil unserer Familie geworden.

Kurz nach Weihnachten 1931, ich war zehn Jahre alt, wurde er von einem Auto überfahren. Mein Vater hatte einen Moment die Haustür offen gelassen, so dass er einfach hinaus auf die Straße lief und von einem Auto erfasst wurde. Danach habe ich drei Wochen nicht mehr mit ihm gesprochen und mich jeden Abend in den Schlaf geweint. Aber für ihn waren diese drei Wochen eine viel größere Qual, als für mich, da er die Schuldgefühle für seinen Tod und meine Trauer verantwortlich zu sein nicht loswerden konnte. Heute, jedoch erinnern wir uns nur noch an die schönen Momente mit ihm, wie jetzt.

»Ist das, dass Foto von meinem fünften Geburtstag?« Ich laufe zu ihnen herüber, um einen besseren Blick auf die Bilder zu bekommen. »Ja, mein Schatz. Wir schwelgen gerade in alten Erinnerungen.« Mein Vater blickt mich wehmütig und zugleich zufrieden an; so habe ich ihn zuvor noch nie gesehen.

»Setz dich, Emilia. Wir wollen dir noch ein paar Worte mit auf den Weg geben.« Er lässt sich in seinen geliebten Polstersessel fallen und zieht Mutter seitlich auf seinen Schoß. Jetzt sehen sie mich beide mit diesem, mir unbekannten Gesichtsausdruck an und irgendwie sagt mir mein Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Mein Vater fängt an zu reden.

»Du weißt, wenn ich könnte würde ich mit dir nach Paris fahren, aber deine Mutter und ich sind der Meinung, dass du bereit bist deine eigenen Erfahrungen zu machen. Wir vertrauen dir und ich weiß, dass du dich nie selber in Gefahr bringen würdest.« Seine Stimme zittert beinahe und er ringt um Fassung.  »Ich weiß aber auch, dass du nie wirklich den Kontakt zu anderen Jugendlichen in deinem Alter hattest und deshalb möchte ich dich darauf vorbereiten, dass du auch mit Enttäuschungen zu rechnen hast. Ich hab immer versucht dich so gut wie es nur ging davor zu bewahren, aber jetzt kann ich das nicht mehr.« Er sieht nun zu meiner Mutter, die seine Blicke mit einem herzlichen Lächeln begrüßt. Wir beide wissen genau, wie er sich jetzt fühlt und welche Gedanken ihm durch den Kopf gehen. Aber er hat Recht, ich muss lernen mich der Welt zu stellen.

»Papa, ich weiß genau, was du sagen willst und was du fühlst, aber dich darf diese Sache nicht zu sehr belasten. Ich werde euch jede Woche schreiben und erzählen was ich erlebt habe. Ich bin stark genug für diese Reise und für das, was mich erwarten wird. Ich liebe euch und daran wird sich auch nie etwas ändern. Es ist Zeit loszulassen.« In diesem Moment sehe ich eine winzige Träne über seine Wange kullern. Meine Mutter neigt sich zu ihm, um die Träne zärtlich weg zu küssen.  

»Wir lieben dich auch. Und bitte, fürchte dich nie davor uns etwas zu sagen, wovon du vielleicht denkst, dass wir es nicht verstehen könnten. Wir werden dich nicht verurteilen. Mach' deine Erfahrungen, aber überlege dir gut, wem du dich anvertraust.« Meine Mutter findet immer die richtigen Worte um mir ein gutes Gefühl zu geben. Jetzt kann ich ohne Furcht meine Reise antreten.

»Der Fahrer wartet bereits draußen auf dich. Wir empfinden es als gut, nicht mit zum Bahnhof zu kommen. So kannst du ohne Wehmut in den Zug steigen.« Sie streicht mir liebevoll eine Strähne hinters Ohr.

»Danke, Mama. Das ist wirklich eine gute Idee.«

Mein Koffer steht bereits an der Tür. In diesem Moment fühle ich, wie mir ein riesiger Stein vom Herzen fällt und ich beflügelt und voller Energie meine Reise antreten kann. Ich merke zum allerersten Mal, wie sich ihre schützenden Arme um meinen Körper lösen. Ich muss mich nicht losreißen oder sie von mir stoßen. Sie lassen mich einfach gehen, um die Welt zu erleben und mit dem Gefühl, dass ich jederzeit zurück in ihrer schützenden Arme kommen kann. Das ist wohl das schönste Gefühl, das Eltern ihren Kindern, in einem solchen Moment geben können.

Da es doch noch etwas kühl geworden ist, hole ich meine Jacke aus meinem Zimmer und blicke ein letztes Mal, in den mit weißen Stuck verzierten Spiegel. Wie werde ich wohl in vier Monaten bei meiner Rückkehr aussehen? Werde ich immer noch das schüchterne, distanzierte Mädchen sein, was ich doch eigentlich gar nicht mehr sein will. Oder bin ich dann die Frau, die mit beiden Beinen fest im Leben steht und sich nicht mehr vor der Welt versteckt?

Mit meinen Haaren muss ich nie wirklich viel machen. Sie sind lang und goldblond. Von meiner Mutter habe ich wunderschöne Naturlocken geerbt und von meinem Vater seine haselnussbraunen Augen. Ich sehe mich noch kurz in meinem Zimmer um, bevor ich gehe. Es ist alles so geordnet und passt perfekt zueinander. Ich fühlte mich hier immer sehr wohl, aber jetzt denke ich, ist es an der Zeit ein bisschen Unordnung in mein Leben zu bringen. Ich meine, einfach auch mal Dinge tun, ohne viel darüber nachzudenken und ohne an die Konsequenzen zu denken. Einfach aus dem Bauch heraus zu entscheiden. Dieser Gedanke lässt mir Flügel wachsen und ohne einen Blick zurückzuwerfen, laufe ich voller Elan die Treppe hinunter, raus auf die Veranda. Meine Eltern haben meinen Koffer bereits von dem Fahrer zum Wagen bringen lassen und warten ungeduldig auf mich. Als ich aus der Tür trete fühle ich, wie mich eine herrliche Sommerbrise umgibt. Alles ist bunt und lebendig. Das liebe ich so am Sommer. Zum Abschied umarmen meine Eltern mich ganz fest. Ich spüre wie sehr sie mich vermissen werden, besonders mein Vater. Bevor ich ihn los lasse, flüstert er mir noch etwas ins Ohr: »Du wirst sie alle verzaubern!«

Kapitel 2

Aufbruch ins Unbekannte

Der Frankfurter Bahnhof ist zu der Zeit einer der größten Europas und jedes Mal, wenn man ihn betritt ist es ein überwältigendes Gefühl. Die fünf großen Glashallen, unter denen die Züge in den Bahnhof ein und ausfahren, sind sein Markenzeichen.

Mein Zug fährt um 11:15 Uhr von Gleis 8, das bedeutet ich habe noch gut zwanzig Minuten Zeit. Ich bitte den Fahrer mich zu meinem Zug zu begleiten und meinen Koffer zu verstauen. Als ich meine Kabine betrete, überkommt mich ein Gefühl der Einsamkeit und Stille. Oh, Mann! Es ist so verdammt ruhig hier drin. Wie soll ich das nur ganze sieben Stunden ertragen?

Ich setze mich auf eine der beiden Sitzbänke, die mit einem sehr edlen, dunkelroten Samtstoff überzogen sind. Die Kabine ist allgemein sehr dunkel eingerichtet und irgendwie fühle ich mich etwas unbehaglich. Mein hellbeiges langes Kleid wirkt wie ein riesiger Farbklecks in der dunklen Kabine. Ich mag dieses Kleid sehr. Mein Vater hatte es mir in unserem Urlaub in Italien gekauft. Es ist an der Taille sehr eng geschnitten und zeigt etwas Ausschnitt. An den Beinen ist es weit ausgestellt, fast so als würde ich einen weiten Unterrock tragen. Da heute eine kalte Brise weht, habe ich mich für eine rosafarbene Jacke entschieden, die mich etwas wärmt. Ich ziehe mir die beigen Spitzenhandschuhe aus, um es mir ein bisschen gemütlicher zu machen. Ich vermisse meine Eltern jetzt schon. Hoffentlich war es die richtige Entscheidung über den Sommer weg zu fahren – allein.

Ich spüre, wie der Sitz unter mir anfängt zu vibrieren. Es scheint los zu gehen! Auf einmal empfinde ich ein flaues Gefühl in meiner Magengrube. Meine Eingeweide scheinen sich in einander zu verknoten, es ist beinahe unerträglich. In weniger als sieben Stunden werde ich in einer fremden Stadt, in einem fremden Land mit fremden Menschen sein, um dort für vier Monate zu leben. Für jemanden, der sein ganzes Leben kaum einen Fuß vor die Tür gesetzt hat, ist das schon ein sehr großer Schritt. Verdammt! Was hab ich nur getan? Ich muss hier raus, sofort!

In dem Moment, als ich aufstehen will, gibt der Zug ein lautes Pfeifgeräusch von sich. Oh, nein! Es ist zu spät. Mit einem Ruck setzt der Zug sich in Bewegung und wir fahren langsam aus dem Bahnhof heraus. Ich lasse mich zurück auf die Bank fallen und gebe ein dumpfes Stöhnen von mir. Jetzt ist es wohl endgültig.

Aus meiner Ledertasche, die einer Art Aktentasche ähnelt, ziehe ich mein Lieblingsbuch heraus „Anna Karenina“ von Leo Tolstoi. Mein Lesezeichen, ein längliches Stück Pergamentpapier, auf dem ein gepresstes Gänseblümchen klebt, liegt zwischen den Seiten an meiner Lieblingsstelle. Vor vielen Jahren, ich war ungefähr elf Jahre alt, entdeckten mein Vater und ich während eines Spazierganges eine wunderschöne Wiese mit abertausenden von Gänseblümchen. Es war einer der schönsten Anblicke, die ich in meinem, bisher kurzem Leben sehen durfte. Mein Vater und ich spielten den ganzen Nachmittag dort. Es war wunderbar.

Nach einer wilden Verfolgungsjagd quer über die Wiese und den kleinen angrenzenden Bach, pflückte mein Vater ein Gänseblümchen aus dem hohen Gras und steckte es mir hinters Ohr. Jedes Mal, wenn ich dieses Buch öffne, muss ich an diesen herrlich unbeschwerten und absolut vollkommenen Tag denken. Um ihn auf ewig in unserer Erinnerung zu bewahren, schlug mein Vater vor, das Gänseblümchen in einem Buch zu pressen und mir daraus ein Lesezeichen zu basteln. Bis heute habe ich es nicht vergessen.

An meinem Fenster ziehen grüne Wiesen vorbei. Ich schaue zu der Landschaft und fühle mich einen kurzen Moment wieder, wie zuhause. Der Blick aus meinem Fenster auf die alte Eiche, bis zu den endlosen Feldern, erscheint mir vor meinem geistigen Auge. Ich kann die frische, nach Blumen duftende Luft beinahe riechen. Was würde ich geben, um in diesem Moment wieder dort zu sein und nicht hier allein in einer düsteren Kabine auf dem Weg ins Unbekannte. Etwas reißt mich aus meinen Gedanken.

Mit einem lauten Knall öffnet sich die Tür zu meiner Kabine und ein junger Mann stürmt hinein. Er trägt ein weißes Leinenhemd und eine braune, abgetragene Cordhose dazu. Erst glaube ich, dass er zum Servicepersonal gehört, aber seine zerschlissene Kleidung lässt etwas anderes vermuten. Mein Blick wandert weiter nach oben zu seinem Gesicht. Oh Mann, er sieht verdammt gut aus! Er hat dunkelbraunes, leicht gelocktes Haar und trägt einen Drei-Tage-Bart. Aber seine Augen! Sie scheinen mich zu durchdringen. Ja wirklich, er scheint direkt in mich hineinzusehen. Sie sind weder blau noch grau, sie sind eisig, vollkommen klar. Ich bin wie paralysiert von seiner Erscheinung. Mein Mund öffnet sich und ich schaue ihn mit aufgerissenen Augen an und das erste, was mir entfährt ist ein leises, kaum hörbares »Hallo!«

Nun scheint auch er mich vollkommen paralysiert anzusehen. Mit einer eleganten Bewegung schiebt er die Tür hinter sich zu und bewegt sich langsam auf mich zu. In diesem Moment komme ich wieder zur Besinnung und es sprudelt nur so aus mir heraus.

»Was zum Teufel machen sie hier drin? Raus, sofort!« Er scheint erschrocken von meiner Reaktion zu sein, weicht jedoch nicht zurück. Auf einmal bemerke ich seine Nervosität, er schwitzt und zappelt aufgeregt mit den Armen um sich.

»Excusez-moi! Mademoiselle, aber ich müsste mal unter ihren Rock!« Wie bitte? Habe ich mich gerade verhört? Bin ich etwa immer noch betäubt von seinem vollends perfekten Gesicht? Was ist hier los?

»Bitte, Mademousille! Ich bin mir der durchaus unkonventionellen Bitte bewusst, aber schnell.« Er sieht mich mit nervösem und zugleich forderndem Blick an, wartend auf eine Antwort.

»Nein«, quieke ich. »Das ist nicht nur eine überaus unkonventionelle Bitte, sondern eine  obszöne noch dazu. Sehe ich etwa so aus als…«, noch bevor ich meinen Satz vollenden kann, kommt der Fremde, verdammt gut aussehende Mann mit einem Satz auf mich zugesprungen und hält mir seine Hand vor den Mund. Gott, riecht der gut! Erst jetzt bemerke ich seinen süßen, beinahe himmlischen Duft. Und seine Hände! Sie sind beharrt und groß, so männlich. Seine Adern treten heraus. Er ist angespannt, blickt mir jedoch direkt in die Augen. Jetzt kann ich seine Augen noch besser sehen. Er sieht direkt in mich hinein.

»Ich werde jetzt den Saum deines Rockes hochziehen und mich darunter verstecken. Da draußen sind ein paar wirklich wütende Männer, denen ich nicht über den Weg laufen sollte.« Ich versuche seinen Worten zu folgen, doch sein süßer Geruch macht es mir unmöglich.

»Ich werde mich auch nicht genauer dort unten umschauen, versprochen.« Sein Mund formt sich zu einem verschmitzten Lächeln. Ich bin vollkommen in Trance. Was hat er gesagt?

Bevor ich auch nur über eine Antwort nachdenken kann, bewege ich meine Hand in Richtung meines Saumes und ziehe meinen Rock bis unterhalb meines Knies hoch. Verflixt nochmal, was tue ich hier? Ich lasse einen wildfremden Kerl sich unter meinem Rock verstecken, nur weil er schöne Augen hat? Seine Augen sind aber auch verflucht schön!

In weniger als drei Sekunden scheint er komplett unter meinem, zuvor schon opulenten Kleid, verschwunden zu sein. Ich spüre seinen Atem in meiner Kniekehle und zugleich ein fremdartiges Ziehen unterhalb meines Bauchnabels. Nicht zu vergleichen mit dem krampfartigen Gefühl in meiner Magengrube von vorhin. Im Gegensatz dazu fühlt es sich irgendwie gut an. Es klopft an der Tür.

»Ja, bitte!« Zwei Fahrkartenkontrolleure betreten meine Kabine.

»Entschuldigen sie, Fräulein…« Fragend und zugleich beschämt sieht mich der Kontrolleur an, weil er meinen Namen nicht weiß.

 »Fräulein Rosenberg.« Ich klinge bestimmt.

 »Entschuldigen sie, Fräulein Rosenberg. Wir sind auf der Suche nach einem jungen Mann.« Mir stockt der Atem »Er ist ungefähr 1,85 m groß und hat dunkles Haar. Er konnte leider kein Fahrticket vorweisen und verschwand in diesem Wagon. Haben sie etwas gesehen?« Mist!Was sag' ich nur? Hilfe!

»Äh, nein. Niemand. Ich meine, ich habe nichts Auffälliges bemerkt« Na klar, nur den fremden Kerl unter meinem Rock. Ich spüre wieder seinen Atem in meiner empfindlichen Kniekehle.

»Sind sie sicher?« Die beiden Männer schauen mich verdutzt an. Ich scheine nicht gerade überzeugend zu sein. Lass dir was einfallen, Emilia! Die Gedanken in meinem Kopf überschlagen sich.

»Meine verehrten Herren, mein Vater Wilhelm Rosenberg hat eine Menge Geld bezahlt, damit ich eine unbeschwerte und vor allem ruhige Reise habe. Würden sie mich also jetzt entschuldigen?« Wow! So einen Ton kenne ich gar nicht von mir. In Gedanken klopfe ich mir auf die Schulter.

»Aber natürlich, Fräulein Rosenberg. Wir werden sie nicht weiter belästigen! Entschuldigen sie die Störung!« Man sieht ihnen an, dass sie sich ganz schön auf den Schlips getreten fühlen. »Eine gute Fahrt noch.« Sie treten beide aus der Kabine und schieben die Tür hinter sich zu.

Stille! Ich spüre nicht einmal mehr seinen Atem an meinem Bein. Ist er noch da?Ich sollte vielleicht mal nachsehen. Oder? Ich kann ja wohl kaum die ganze Fahrt so sitzen bleiben, mit einem Mann zwischen meinen Beinen. Langsam bewege ich mich mit meinem Oberkörper nach unten, ziehe den Saum meines Kleides nach oben und schaue kopfüber unter meinen Rock in sein Gesicht.

»Bon jour!« Er sieht mich abermals mit diesem verschmitzten Lächeln an. Wir blicken uns direkt in die Augen, wie alte Vertraute, die sich eine lange Zeit nicht gesehen haben. Sekunden vergehen.

»Würdest du mir vielleicht den Weg frei machen«, fragt er. Ich schaue ihn verwundert an. Den Weg frei machen?

»Dein hübsches Köpfchen versperrt mir den Weg.« Er lächelt und zwinkert mir dabei zu.

»Ach so. Ja, natürlich.« Als ich mich mit einem eleganten Schwung wieder aufrichte, merke ich erst wie mir das Blut in den Kopf gestiegen ist. Kleine schwarze Punkte erscheinen vor meiner Iris. Wie lange habe ich nur da unten gehangen?

»Geht es dir gut?« Seine wunderschönen Augen blicken mich besorgt an.

»Ja, alles in Ordnung! Dürfte ich vielleicht erst einmal erfahren, was das hier sollte? « Ich versuche mein Gleichgewicht wieder zu finden und schaue ihn etwas verwirrt an.

»Ich brauchte einen Unterschlupf.«

»Und mein Rock kam dir da wohl sehr gelegen?« Was bildet er sich nur ein?

»Um ehrlich zu sein, ja.« Da ist es wieder, dieses verschmitzte Grinsen. »Wenn ich mich vorstellen darf, Jean Bastian Renouard. Aber für dich...«, er nimmt meine Hand »…bin ich nur Bastian.« Er ist Franzose? Das hätte ich mir eigentlich denken können; die französischen Floskeln, sein Charme.

»Also gut, NUR BASTIAN! Ich bin Emilia Rosenberg und auf dem Weg nach Paris, wie du dir vielleicht schon denken kannst. Und was hast du jetzt vor?« Ich schaue ihn mit gehobener Augenbraue an.

»Ich würde gern den oberen Teil von dir kennenlernen!« Er hebt seinen Zeigefinger und deutet auf meinen Rock »Diesen Teil kenne ich ja bereits.« Ich spüre wie die Hitze mir in den Kopf steigt. Ich werde feuerrot und mir wird erst jetzt bewusst, was sich überhaupt in der letzten viertel Stunde in dieser Kabine abgespielt hat. Meine Kehle ist staubtrocken. »Ich hatte eigentlich nicht vor, die nächsten sechs Stunden in Begleitung zu verbringen. In dieser… kleinen….Kabine!« Was rede ich da?Er ist süß! Bitte, bleib hier!

»Dann hast du es eben jetzt vor. Ich verspreche auch, hier OBEN auf meinem Platz zu bleiben.« Ich sehe ihn vollkommen verwirrt an.

»Aha! Ich glaube du hast ja auch gar keine andere Möglichkeit als mit mir hier zu bleiben, oder Monsieur Schwarzfahrer?« Endlich habe ich mein Selbstbewusstsein wieder zurück. Ich richte mich auf und versuche meinen Rücken durchzudrücken, damit meine Silhouette gut zur Geltung kommt.

»Gut erkannt, Emilia!« Langsam setzt er sich auf die Bank gegenüber von mir und macht es sich bequem. »Was treibt dich nach Paris«, fragt er entschlossen.

»Ich werde für vier Monate bei Verwandten leben, bevor im Herbst mein Studium beginnt.« Warum erzähle ich ihm das? Ich kenne ihn doch gar nicht! »Und du? Warum sprichst du so gut deutsch?« Ich strenge mich an, meine Körperspannung zu halten. Ich muss gut aussehen!

»Mein Vater ist Deutscher.« Sein Blick wird düster, er schließt kurz die Augen und sieht mich dann wieder an.

»Ich lebe in Paris. Das ist meine Heimat aber ich kann beide Sprachen fließend sprechen.« Sein Blick wandert über meinen Körper. Ob er bemerkt wie angestrengt ich dasitze?

»Genug von mir. Ich will mehr über dich erfahren. Du bist sehr schön!« Schon wieder wird mein Gesicht knallrot.

»Ich glaube nicht, dass du einen Freund hast.« Was fällt ihm ein?

»Wie bitte? Was für eine intime Frage!« Ich schaue beschämt aus dem Fenster.

»Ich würde aber gern mit dir intim werden.« Mir fällt die Kinnlade herunter. Hat er das gerade laut gesagt?

»Zumindest, was deine Persönlichkeit angeht. Oder an was hattest du gedacht?« Sein Grinsen wird immer breiter und von jetzt auf gleich brechen wir in lautes Gelächter aus. Mein steifer, angespannter Rücken windet sich von einer zur anderen Seite. Ich kann mich nicht mehr halten. Mir ist vollkommen egal, ob meine Silhouette eine perfekte S-Kurve bildet oder ich aussehe wie ein zusammen gefallener Kartoffelsack. Dieser Kerl bringt mich einfach um den Verstand. Ich lege meine Hände auf meinen ausgestreckten Bauch. »Ich muss schon sagen, Monsieur Schwarzfahrer, sie erweisen sich als eine sehr unterhaltsame Reisebegleitung.« Ich bin absolut entzückt von ihm. Was für ein toller Mann!

»Stets zu ihren Diensten, Mademoiselle Rosenberg.« Er salutiert und wir fangen abermals laut an zu lachen. Als wir uns wieder gefangen haben, sieht er mir ganz tief in die Augen. Mein Körper ist sofort angespannt und ich habe das Gefühl, nicht einmal mehr meinen kleinen Zeh bewegen zu können. »Du bist wirklich sehr schön.« Mein Gesicht scheint in Flammen zu stehen. Noch nie habe ich diese Worte aus dem Mund eines Mannes gehört. Ich fühle mich ihm schon so nahe, obwohl ich ihn erst seit einer halben Stunde kenne. Was geschieht bloß mit mir?

»Hat dir ein Mann so etwas schon einmal gesagt?« Sein Blick ist sanft und lieb, sodass ich mich nicht schäme für meine Antwort »Nein, noch nie!«

»Dann wurde es ja mal höchste Zeit. Eine Frau wie du sollte so etwas jeden Tag hören.« Eine Frau wie ich! Als eine Frau hatte ich mich bis eben noch nie gesehen. Ich bin siebzehn. Ist man dann schon eine Frau? Ich verwerfe den Gedanken wieder, meine Aufmerksamkeit gilt jetzt nur diesem reizenden, wunderschönen, jungen Mann vor mir. 

Kapitel 3

Wie gewonnen, so zerronnen

Als der Zug langsam durch die Vororte Paris’ fährt, überkommt mich ein Gefühl von Wehmut und ein wenig Traurigkeit. Die gesamten letzten sechs Stunden, habe ich nichts weiter getan als mit Bastian zu reden, zu lachen, zu weinen vor lachen und ihn besser kennen zu lernen. Es war wohl die beste Zugfahrt meines Lebens. Keine Fragen nach der gesellschaftlichen Stellung des anderen oder nach dem Guthaben auf dem eigenen Bankkonto, so wie ich es aus meinen Kreisen gewohnt bin. Es gab kaum einen Moment, in dem wir uns nichts zu sagen hatten. Es war eine unbeschwerte Zeit mit ihm.

Es ist 18:00 Uhr. Wir sitzen nur noch da und schauen uns betrübt an. »Das war ein wirklich schöner Tag«, sagt er mit trauriger Miene. Oh, er denkt genauso wie ich, besser gesagt fühlt genauso wie ich. War es das jetzt? Vielleicht sollten wir nur diesen einen Tag miteinander haben. Jedoch wenn wir jetzt so auseinander gehen würden, ohne Aussicht auf eine weiter Begegnung, würde es mir das Herz brechen.

Die Sekunden verstreichen und immer wieder versuche ich all meinen Mut zusammen zu nehmen und ihn zu fragen. Zuvor habe ich noch nie einen Mann um eine Verabredung gebeten. Mir fällt auf, dass meine Eltern mir in der Beziehung keinerlei Ratschläge mit auf den Weg gegeben haben. Was soll ich nur tun?

»Ich habe diesen Tag wirklich genossen, Bastian. Du bist einfach nur….« Meine Stimme versagt, mir fehlen einfach die Worte. »…perfekt«, murmle ich in mich hinein. Zum ersten Mal erröten auch seine Wangen. Mit einem Ruck verlangsamt sich der Zug. Die Häuser vor meinem Fenster verraten mir, dass wir unser Ziel fast erreicht haben. Das ungute Gefühl in meiner Magengrube wird immer stärker und die Angst, ihn nie wieder zu sehen unerträglich.

 »Wir sind da, Emilia!« Bastian springt auf und macht sich bereit für den Ausstieg. Ich sitze immer noch, wie angewurzelt auf meinem Platz, nicht in der Lage mich zu bewegen. Er hebt mein Buch „Anna Karenina“ neben mir auf dem Sitz hoch und ein Lächeln macht sich auf seinem Gesicht breit.

»Leo Tolstoi! Die tragische Geschichte der Anna Karenina. Du scheinst eine hoffnungslose Romantikerin zu sein, Emilia. Soll ich dir dein Gepäck tragen«, fragt er. Seine eben noch entspannte Art wechselt schlagartig in nervöse Unruhe. »Ja, bitte«, entgegne ich ihm. Der Zug kommt langsam zum stehen und die Möglichkeiten ihn zu fragen verstreichen.

Langsam bewegen wir uns in dem kleinen Korridor Richtung Ausgang. Bastian hievt, meinen deutlich schweren Koffer, die zwei kurzen Stufen hinunter auf den Bahnsteig. Als ich meinen Kopf herausstrecke, bin ich überrascht wie viel kleiner der Bahnhof im Vergleich zu Frankfurt ist. Wir sind im Gare du Nord, einer von zwei Bahnhöfen in Paris. Als er sich wieder zu mir umdreht, spüre ich, dass auch ihn die Wehmut überkommt und der Moment unserer Trennung immer näher rückt. Nervös verlagere ich mein Gewicht von einen auf den anderen Fuß. Die anderen Passagiere hinter mir drängen mich dazu auszusteigen, jedoch würde es bedeuten mich von ihm zu trennen, also halte ich sie weiter zurück.

»Werde ich dich wiedersehen?« Er sieht zu mir auf. Ich stehe immer noch auf der obersten Stufe der Treppe. Endlich erlöst er mich von meinen Qualen und spricht den von mir lang erhofften Satz aus. Jedoch schaffe ich es nicht zu antworten und den Moment perfekt zu machen. Meine Gedanken überschlagen sich. Mein Onkel würde mich sofort in einen Zug zurück nach Frankfurt setzen, wenn er wüsste was hier vor sich geht. Ich bin eine Dame! Steht mir so eine Verbindung zu?Warum haben meine Eltern mich nicht aufgeklärt?

Ich erinnere mich an die Worte meiner Mutter kurz vor unserer Trennung »Wir werden dich nicht verurteilen. Mach deine Erfahrungen aber überlege dir gut, wem du dich anvertraust.«

Sie wollen, dass ich meine eigenen Erfahrungen mache und ich vertraue Bastian. Er ist ein guter Kerl! Ich lehne mich langsam zu ihm herunter und merke, wie er mir entgegen kommt. Ich glaube er will mich küssen. Oh, Mann! Mein erster Kuss, hier in Paris. Wahnsinn! Jetzt sind es nur noch ein paar Zentimeter zwischen unseren Lippen. Gleich! Mein Herz schälgt mir bis zum Hals. Es scheint schlagartig das Blut in meinem Körper, um ein vielfaches schneller in meine Venen zu pumpen als vor noch ein paar Minuten. Meine Augen schließen sich. Meine Lippen spitzen sich, wie von allein seinen entgegen. Jetzt!

»Das ist er! Dieser Schweinehund!« Eine furchtbar laute Stimme lässt mich zusammen zucken. Bastian blickt nach rechts und sieht die beiden Fahrkartenkontrolleure von vorhin auf uns zu rennen. Oh nein!

»Lauf«, rufe ich ihm zu. Mit wehmütigem Blick sieht er ein letztes Mal zu mir und rennt dann davon. Komm zurück! Mein Innerstes scheint in tausend Stücke zu zerspringen. Bastian! In diesem Moment begreife ich, dass ich ihn wohl nicht mehr wiedersehen werde. Meine Beine verlieren an Standhaftigkeit und ich versuche mich in letzter Sekunde an dem Haltegriff neben mir festzuhalten. Soll es das schon gewesen sein? Das will und kann ich nicht glauben! Als ich mich aufrichte, um nach Bastian Ausschau zu halten, höre ich einen Mann meinen Namen rufen. Bastian? Ich schaue mich um und entdecke einen älteren Mann geradewegs auf mich zu kommen. Onkel Pierre!