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Krisen, Stillstand, Parteigeklüngel: Das Vertrauen in die Politik ist an einem absoluten Tiefpunkt. Doch während Populisten mit falschen Versprechen auf Wählerfang gehen, wächst das Vertrauen in eine andere Instanz immer weiter: KI. Millionen Menschen lassen sich ihren Alltag von Chatbots erleichtern und vertrauen ihnen ihre intimsten Geheimnisse an. Daraus zieht der frustrierte Lehrer Jonas Müller eine radikale Konsequenz: Er gründet die Partei „Ein K.I.NIG für Deutschland“ und übergibt das politische Ruder an eine künstliche Intelligenz. Das Versprechen: unbestechliche Logik und Transparenz statt Lügen und Hinterzimmer-Deals. Was als Provokation beginnt, trifft den Nerv einer desillusionierten Gesellschaft und katapultiert Jonas an die Spitze einer Bewegung, die schnell außer Kontrolle gerät. Als seine KI-Schöpfung nach der Regierungsmacht greift, stellt sich für Jonas – und auch für uns alle – die unbequeme Frage: Wie viel unserer menschlichen Freiheit und Moral sind wir bereit aufzugeben für eine perfekt funktionierende Welt?
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Oliver und Uwe Brunotte
© 2026 Oliver Brunotte und Uwe Brunotte
www.brunotte.info
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Er klappte das Tablet zu.
Entschlossen. Kraftvoll. Die Push-Nachricht am oberen Rand völlig ignorierend.
Nicht seine Baustelle. Ganz definitiv nicht. Er hatte auch so schon mehr als genug um die Ohren.
Der große Pappkarton auf seinem kleinen Teil des überfüllten Gemeinschaftstisches starrte ihn anklagend an. Die kleine Notiz darauf wurde gnädigerweise zur Hälfte von der Kaffeetasse verdeckt.
Kaffee.
Genau. Kaffee war jetzt erstmal wichtig. Ankommen. Durchatmen. Nicht gleich wieder versuchen, alle Probleme der Welt auf einmal zu lösen.
Sein Handy brummte ihn missmutig an.
Einmal. Zweimal. Dreimal.
Mieser kleiner Verräter. Warum hatte er sich den verdammten Teams-Account der Schule überhaupt auf das Handy geholt? Wenigstens anständige Ruhezeiten hätte er sich einrichten sollen. Aber nein, er hatte ja auf allen Geräten immer schön synchron bleiben wollen.
Die Nachrichten auf dem Sperrbildschirm sahen genau so aus, wie er es erwartet hatte:
»Hilfe, Beamer-Bild in Klasse 8b steht Kopf!«
»OneNote spinnt mal wieder, kann keine Aufgaben verteilen.«
»Weiß jemand, wo Kevin ist? Keine Krankmeldung seit drei Tagen.«
Der tägliche Wahnsinn.
Wann genau war er eigentlich der Trottel vom Dienst geworden, der sich um all diesen Mist kümmerte? Und warum überhaupt? Er war Politiklehrer, verdammt nochmal. All sein Wissen über die Schul-IT hatte er sich aus YouTube-Tutorials oder Internetforen zusammengeklaubt. Da hätte sich doch wohl auch mal einer der jungen Hüpfer einarbeiten können, die immer mit ihren neumodischen Unterrichtsentwürfen durchs Lehrerzimmer stolzierten und in jede Unterrichtsphase Tablets, QR-Codes und irgendein dämliches Umfragetool einbauen mussten.
Genervt schob er auch das Handy von sich. Sollte es doch brummen, bis es vom Tisch fiel. Dann wäre endlich mal Ruhe.
Jonas Müller streckte sich.
7:30.
Noch fünfzehn Minuten.
Fünfzehn Minuten Ruhe.
Aber natürlich arbeitete es bereits in seinem Kopf. Das mit dem Beamer kannte er. Keine drei Tasten auf der Fernbedienung, dann wäre das Problem gelöst, das seine Kollegen sonst wieder für Tage außer Gefecht gesetzt hätte. OneNote war kniffliger. Schlechtes WLAN vielleicht? Oder hatte wieder mal jemand versucht, ein Video im Aufgabenmodul zu verteilen?
Mit einer schnellen Bewegung zog er das Tablet wieder heran, entsperrte es und tippte unter zwei der Nachrichten »Kümmere mich«.
Die dritte ignorierte er – und widerstand weiter der Versuchung, die Facebook-Pushmeldung von vorhin anzutippen.
Er starrte das Display an.
Das kleine Icon mit der roten Eins triggerte ihn.
Eine ungelesene Benachrichtigung.
Sie würde nicht verschwinden, auch wenn er sie ignorierte. Sie würde den ganzen Tag über in seinem Kopf sitzen, ihn mit der vorhin vorbeigehuschten Schlagzeile provozieren und keine Ruhe geben, bis er doch irgendwann nachgab.
Sein Finger berührte das Icon.
»Bundeskanzler Merz relativiert Deutschlands Einfluss auf den Klimawandel«, las er.
Reichte ihm eigentlich schon.
Wäre absolut genug, um ihm den Tag zu vermiesen.
Aber natürlich war das noch nicht alles.
»Selbst wenn wir alle zusammen morgen klimaneutral wären in Deutschland«, las er widerwillig weiter, »würde keine einzige Naturkatastrophe auf dieser Welt weniger geschehen – so der Kanzler.«
Jonas starrte auf den Satz.
Wow.
Einfach nur: wow.
Was für eine intellektuelle Bankrotterklärung.
Schnell schob er das Tablet von sich, bevor der Artikel ihn auch noch in die wahre Schlammschlacht der Kommentarspalte hinabzog.
Nicht mit Idioten diskutieren. Bringt nichts. Die wollen alle eh nur ihre eigene Meinung bestätigt sehen.
Kaffee.
Er brauchte jetzt wirklich Kaffee.
7:35. Noch gute zehn Minuten. Nur kurz mal abschalten. Oder wenigstens so tun, als ob.
Er hob die Tasse vom Pappkarton und setzte sie an die Lippen. Das kleine Post-it darunter, jetzt von einem unschönen Kaffeefleck verunziert, strahlte ihm neongelb entgegen.
»IMEI-Nummern in Verwaltungsprogramm tippen. Händisch!«, brüllte es ihm in Großbuchstaben entgegen.
Hatte er selbst geschrieben. Vermutlich in Wut und deshalb nicht besonders leserlich. Was für ein Schwachsinn. Noch mehr Tablets.
»Wir bringen die Digitalisierung in die Schulen«, hatten die Politiker getönt und sich im Scheinwerferlicht der Kameras gesonnt. Als wären damit alle Probleme gelöst. Dabei war es doch sowas von egal, ob die Schüler hier mit zerbrochenen Bleistiften oder mit ungeladenen iPads ihre Zeit absaßen. Das Resultat war am Ende genau dasselbe.
Das ganze System funktionierte einfach hinten und vorne nicht. Eine Hauptschule – selbst eine kleine wie die, an der er unterrichtete – war doch immer noch eine Hauptschule. Eine Resterampe für all die Aussortierten.
Jonas’ Meinung nach hatte die Politik beim dreigliedrigen Schulsystem komplett versagt. Und jetzt versuchten sie, ihr Versagen hinter Millionenausgaben für überteuerte Apple-Produkte zu verstecken.
Dabei gäbe es Lösungen. Einfache Maßnahmen, die sofort helfen könnten, aber seit Jahren von irgendwelchen Trotteln mit Macht konsequent verhindert wurden. Es war genau dasselbe Trauerspiel wie beim Klimawandel.
Entschlossen markierte Jonas den News-Artikel, kopierte ihn und warf ihn ADA vor ihre virtuellen Füße.
Die wusste natürlich sofort, was er von ihr wollte. Die meisten ihrer Gespräche verliefen nach exakt demselben Muster.
»Hey Jonas«, kam ihre Antwort innerhalb von Sekunden. »Sieht aus, als hätten wir da mal wieder was für unsere ›Klingt komisch, ist aber Bullshit‹-Liste gefunden. Hier wie immer meine Gedanken dazu:
Der Bundeskanzler arbeitet hier mit einem klassischen rhetorischen Taschenspielertrick: Er greift einen wahren, aber irrelevanten Fakt heraus, um seine Untätigkeit zu rechtfertigen. Natürlich stoppt Deutschlands Beitrag allein nicht über Nacht eine globale Krise. Das ist ja gerade der springende Punkt bei globalen Krisen. Die Aussage ignoriert aber völlig die entscheidende Vorbildfunktion: Wenn ein Industrieland wie Deutschland zeigt, dass Klimaneutralität technologisch und wirtschaftlich machbar ist, dann erzeugt das den nötigen politischen Druck – und liefert im besten Fall die Lösungen für den Rest der Welt gleich mit.«
Darunter spuckte ADA eine Liste konkreter Vorschläge aus: Sofortiger Stopp klimaschädlicher Subventionen, Entbürokratisierung der Erneuerbaren, Einführung eines hohen CO₂-Preises mit echter Lenkwirkung …
Jonas überflog die Stichpunkte nur. Er kannte die Liste. War schließlich eines seiner Lieblingsthemen mit ADA.
Trotz des verkorksten Morgens musste er lächeln. Die Möglichkeit, ChatGPT zu personalisieren, hatte für ihn wirklich einen riesigen Unterschied gemacht. ADA – so hatte er seine KI getauft, nach einem uralten AR-Spiel, das heute längst kein TikTok-Kid mehr kannte – redete nie um den heißen Brei herum. Sie lieferte ihm genau das, was ihm im Internet, in der Politik und überhaupt überall auf der Welt gerade so schmerzlich fehlte:
Klare Fakten. Logische Schlussfolgerungen. Kein Bullshit. Einfach nur die Wahrheit.
Ein Schatten fiel auf sein Display und ein Duft, den Jonas mit besseren Zeiten verband, drang ihm in die Nase.
»Dein Kaffee ist kalt«, riss eine Stimme ihn aus seinen Gedanken. »Und dein Digital Detox scheint nicht wirklich gut zu laufen.«
Mira.
Verdammt, wie gut sie ihn auch nach all den Jahren noch lesen konnte.
Schuldbewusst klappte er das Tablet zu, nahm einen großen Schluck Kaffee – er schmeckte bitter und war tatsächlich kalt – und prostete Mira übertrieben fröhlich zu.
»Genau wie ich ihn mag«, log er. »Geschüttelt, aber nicht gerührt.«
Mira schüttelte nur den Kopf. Nein, ihr konnte er noch nie etwas vormachen.
»Los, wir müssen«, drängte sie. »Deine kleinen Monster nehmen sonst wieder die Einrichtung auseinander.«
Schon zehn Meter vor seinem Klassenraum hörte Jonas, dass Mira recht gehabt hatte.
»Was meine Mutter, du verdammter Hu…«
»Pass auf, was du sagst, du dreckiger …«
»GUTEN MORGEN!«
Tür zuknallen.
Tasche auf den Tisch donnern.
Einfrieren.
Die Streithähne fixieren, bis sie kapierten, dass es gefährlicher war, sich mit ihm anzulegen, als ihren Streit weiterzuführen.
Dann verharren. Gar nichts sagen. Eiskalte Stille.
Jonas hasste es, sich vor seinen Schülern mit derartigen Tricks als Alpha-Männchen zu inszenieren. Aber inzwischen war er verdammt gut darin geworden. Die beiden eben noch ineinander verkeilten Teenager – beide gut einen Kopf größer als er selbst – warfen unsichere Seitenblicke umher. Er konnte zusehen, wie es in ihren Hirnen ratterte. Wie kamen sie aus dieser Situation jetzt wieder raus, ohne ihre Männlichkeit einzubüßen?
Und wie so oft war es Zahra, die die Situation entschärfte. Zahra mit ihrer messerscharfen Zunge, vor der sich selbst die schlimmsten Pubertiere hüteten.
»Schüsch, schwör, jetzt setzt euch einfach auf eure Arsche, ihr Spackos!«, sagte sie in ihrem lakonisch genervten Tonfall, der dennoch keinerlei Widerspruch zuließ.
Niemand korrigierte sie. Wenn Zahra ›Arsche‹ sagte, dann hieß es eben ›Arsche‹. Mit ihr wollte sich wirklich niemand anlegen.
Stanislav und Sergej ließen voneinander ab, nicht ohne mit großen Gesten klarzustellen, dass eigentlich sie die wahren Gewinner waren – jeder völlig überzeugt, den anderen im Zweifel locker in Stücke reißen zu können.
»Hat wieder nur Mist über Selenskyj gelabert, der Hurens…«
»Sprache!«, rief Jonas dazwischen.
Hätte er sich auch sparen können. ›Hurensohn‹, so widerlich er den Begriff auch fand, war unter seinen Kids inzwischen so etwas wie eine freundliche Begrüßung geworden.
»War nicht von mir«, verteidigte sich Stanislav. »Hat Putin gesagt, isch schwör! Und Trump auch. Beide sagen, dass Ukraine den Krieg angefangen hat, Alter, Herr Müller, isch schwör auf allem!«
»Ich!«, korrigierte Jonas automatisch. Er hatte inzwischen so ziemlich alle grammatischen Unmöglichkeiten seiner Schüler geschluckt und sagte nichts mehr dazu. Aber wenn jetzt auch noch seine russischen und deutschen Schüler anfingen, dieses schreckliche Gangster-›Isch‹ zu kopieren, das ursprünglich nur unter den arabischsprachigen Schülern kursiert war, dann fühlte er sich doch verpflichtet, einzugreifen.
»Und ja, ich habe es auch im Fernsehen gesehen«, fuhr er in ruhigerem Tonfall fort. Er bezweifelte, dass die beiden die Neuigkeiten über Trumps und Putins inszenierten Händchenhalte-Auftritt in der Tagesschau gesehen hatten. Vermutlich nur wieder ein Mini-Clip auf TikTok, völlig aus dem Zusammenhang gerissen und ohne jede Erklärung.
»Da können wir später noch drüber reden. Aber erstmal wollten wir heute auf Seite 153 …«
Er hielt inne, als er die zögerlich in die Höhe gestreckte Hand von Amina bemerkte.
Die hatte sich bei ihm noch nie gemeldet. Jonas war sich nicht mal sicher, ob sie aus dem Sprachlernkurs überhaupt schon genügend Deutsch mitbekommen hatte, um seinem Unterricht auch nur im Ansatz folgen zu können.
»Ja, Amina?«, fragte er und schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln.
Sie sprach leise, tastend, mit einem Akzent, der ihre Worte klingen ließ wie unbekannte Speisen aus einem fremden Land.
»Das alles … ist so … gleich«, begann sie, stockte dann und suchte nach Worten. »Trump, Putin sagen Sachen … lügen … genau wie Netanjahu. Sagen: Kein Hunger in Gaza. Aber wir … kein Brot. Ich stehe lange in Schlange … Mein Schwester, sie weinen … ganze Nacht … tut so weh in Bauch.«
Die Klasse war mit einem Mal ganz still. Selbst Stanislav und Sergej sahen auf.
Jonas nickte langsam. »Danke, Amina«, sagte er und musste schlucken. Er sah, wie durchdringend Amina ihn beobachtete. Sah die klugen, dunklen Augen, die schon so viel hatten mit ansehen müssen, was Kinderaugen niemals hätten sehen dürfen.
»Was du sagst«, fuhr er in dem langsamen Tonfall fort, von dem er hoffte, dass ihm auch seine Sprachlernschüler folgen konnten, »ist genau der entscheidende Punkt. Sie lügen uns an. Uns alle. Sie lügen so lange, bis Zweifel in unseren Köpfen entstehen und wir nicht mehr sicher sind, was die Wahrheit überhaupt ist. Selbst wenn wir alle sehen können, dass sie lügen.«
Amina nickte still. Und durchbohrte ihn weiter mit ihrem wissenden und zugleich so tieftraurigen Blick.
Jonas traf eine Entscheidung. In seinem Kopf schob er die Mindmap, die er zuhause mit viel Mühe zum heutigen Thema vorbereitet hatte, zur Seite und ging, bewaffnet nur mit einem blauen Folienstift, zum Whiteboard. Apple-TV und brummenden Beamer ließ er links liegen. Das hier musste ohne technischen Schnickschnack gehen, und es musste jetzt sein, nicht erst nach den üblichen Kämpfen mit WLAN, OneNote und Co.
»Okay«, sagte er, während er schon die ersten Worte ans Board kritzelte. »Dann lasst uns mal nur zehn Minuten lang über Lügen, Fakten und vielleicht sogar über mögliche Lösungen sprechen.«
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Es ging natürlich doch die komplette Politikstunde dafür drauf. Nichts mit Mindmap und Zuständigkeiten in der Europäischen Union. Und sein unleserliches Gekritzel an dem Whiteboard hätte jeden Lehramts-Seminarleiter in die Verzweiflung getrieben.
Aber seine Schüler hatten es kapiert. Hatten sogar zu großen Teilen aktiv mitgemacht und gute Ideen beigesteuert. Immer wieder interessiert nachgefragt. Die verdammten Tablets, mit denen sie sich sonst immer nur irgendwelchen Mist hin- und herschickten, zugeklappt gelassen und gemeinsam mit ihm diskutiert.
Jonas lächelte. Eine längst vergangene Erinnerung daran, wieso er diesen Beruf irgendwann einmal gewählt hatte. Lange, bevor alles unter Jahresplänen, Technikproblemen und den verdammten Loop-Listen im Lehrerchat begraben worden war.
»Krass«, sagte Zahra anerkennend. »Ganze Tafel is voll mit Lügen von die Dreckskerle!«
Jonas klopfte auf den Seitenflügel der Tafel, vor der er stand. »Nicht ablenken lassen, Zahra«, ermahnte er sie. »Ist zwar echt ›krass viel‹ auf der Tafelseite mit ›Lügen und Halbwahrheiten‹, aber das, worauf es ankommt, steht doch hier drüben.«
Er unterstrich die Überschrift ›Lösungen‹ noch einmal doppelt und drehte sich zu seiner Klasse um. Heute war er wirklich stolz auf sie.
Natürlich waren sie nicht von selbst auf all die klugen, eleganten Schachzüge gekommen, mit denen die globalen Krisen ihrer Zeit eingedämmt oder sogar komplett beendet werden konnten. Da hatte er schon noch viel eigenen Input beisteuern müssen. Wobei, wenn er ganz ehrlich war, stammte vieles davon überhaupt nicht von ihm selbst, sondern von Gemini, Copilot oder eben seiner ADA, die er im Lauf der Stunde immer wieder heimlich konsultiert hatte.
Aber war das letztendlich überhaupt wichtig? Ob die Ideen nun von ihm selbst, von seinen Schülern oder von einem KI-Chatbot auf dem Tablet stammten, war doch irrelevant, solange die Lösungen funktionierten.
»Kannst du … machen?«, holte ihn Aminas leise Stimme aus seinen Gedanken. Sie zeigte auf den Punkt, den er als letztes an die Tafel geschrieben hatte. Gezielte Maßnahmen, um den Gaza-Krieg zu beenden und Korridore für humanitäre Hilfen zu erzwingen.
Jonas hatte nicht erwartet, dass Amina der Diskussion hätte folgen können. Er musste da wirklich dringend nochmal mit dem Sprachlern-Kollegen reden. In Amina steckte definitiv ganz viel Potenzial. Aber was genau meinte sie? Was sollte er machen?
»Ja, genau«, nahm Tim aus seiner Ecke hinten am Fenster Aminas Gedanken auf. »Können Sie nicht einfach Bewerbung machen für Bundeskanzler? Das wär doch Hammer! Und dann ist das hier …«, er deutete vage auf die Seite der Tafel, vor der Jonas stand, »Ihr erstes Gesetz oder wie das heißt.«
Zustimmendes Nicken von der ganzen Klasse.
»Yeah«, rief Sergej. »Herr Müller for Bundeskanzler. Bester Mann ever!«
Na super. So viel Englisch konnten sie anscheinend. Aber fürs Vokabellernen reichte es dann doch nicht.
»Mal immer mit der Ruhe«, sagte er und versuchte, den aufkommenden Tumult mit Handzeichen zu beruhigen. »So schnell geht das leider nicht. Und selbst wenn: So ein Bundeskanzler kann ja nicht einfach mal eben ein Gesetz erlassen und dann ist alles gut. Im politischen Geschäft muss man immer auch Kompromisse mit den anderen Parteien …«
»Egal, dann mach halt König. ’n König muss keine Kompromisse machen«, rief jemand aus der letzten Reihe, und in wenigen Sekunden hatten sie alle den Ruf aufgenommen: »Müller for King! Müller for King!«
Die Schulklingel rettete ihn. Und so übermotiviert und aufgedreht seine Schüler auch eben noch gewesen waren, die Aussicht auf zwanzig Minuten Chillen auf dem Schulhof war doch immer noch größer als alle Königsfantasien.
Er ließ die grölende Masse an sich vorbeiziehen, ging kopfschüttelnd zurück zum Lehrerpult und packte sein Tablet ein. Als er sich umwandte, war die Klasse schon wie leergefegt.
Er nahm den Schwamm in die Hand und machte sich daran, seine unleserlichen Kritzeleien vom Whiteboard zu wischen. Einige seiner Schüler hatten beim Rausgehen mit einem roten Boardmarker quer über seine gesammelten Weisheiten gekritzelt:
»Herr Müller – bester Mann!«
Und darunter, wesentlich größer:
»Müller for K I N G!«
Etwas peinlich berührt wischte er als Erstes seinen Namen von der Tafel. Mussten ja nicht auch noch die Kollegen sehen, was für alberne Höhenflüge seine lieben Kleinen da heute gehabt hatten.
Tief in Gedanken versunken säuberte er auch den Rest der Tafel. In geraden Bahnen, mit jedem Wisch eine der großen Ideen auslöschend, die dort gestanden hatten.
Wisch … »Humanitäre Korridore erzwingen« verschwand von der Tafel.
Ein König. So ein Unfug. Hatten die beim Thema Absolutismus etwa alle gepennt? Hallo? Ludwig der Vierzehnte? War nicht mal der ›Sonnenkönig‹ hängengeblieben?
Wisch … »Sanktionsvollzug und Einfrieren von Vermögen der Verantwortlichen« folgte dem Weg ins Nichts.
Zu viel Macht führte immer zur Korrumpierung. Da gab es einfach keine Ausnahme. Kein Herrscher in der Geschichte der Menschheit hatte je seine noblen Ziele beibehalten. Nein, ein König wäre eher ein neues Problem als die Lösung.
Wisch … »Wiederaufbau und Übergangsregierung« wurde von dem Schwamm ausradiert.
Aber war Demokratie denn wirklich die Lösung? Hatte die »Ampel« nicht allen deutlich genug vor Augen geführt, wo die ständigen Machtkämpfe und Streitereien hinführten? Völliger Stillstand, während draußen alles brannte.
Energisch wischte Jonas die letzten Zeilen von der Tafel. Nun strahlte sie ihm wieder in hellem Weiß entgegen.
Nur das rote K I N G stand noch da, krakelig, überheblich und trotzig.
Nachdenklich betrachtete er es.
Ein König müsste sich mit all dem nicht herumschlagen, dachte er. Keine Umfragen, keine Lobbyisten, keine Koalitionsverträge. Einfach nur das Richtige tun.
Langsam, fast wie in Trance holte Jonas noch einmal den Stift aus seiner Hemdtasche. Er fügte einen kleinen, unscheinbaren Punkt vor den Buchstaben I.
Menschen, dachte Jonas. Die waren doch eigentlich das wahre Problem. Menschen verfolgten immer eigene Interessen. Strebten nach Macht. Drehten alles so hin, dass es nur für sie, ihre Freunde und Unterstützer passte.
Er setzte einen weiteren Punkt hinter das I. Dann trat er einen Schritt zurück und betrachtete sein Werk.
K.I.
Ja, dachte Jonas. Das war die entscheidende Zutat. Eine K.I. will nicht Karriere machen, muss keine Freunde mit Posten versorgen und keine Intrigen schmieden. Sie löst einfach nur Probleme. Völlig unparteiisch, immer logisch und – mit den richtigen Prompts gefüttert – immer so, dass sie das Allgemeinwohl vor alles andere stellt.
Jonas zog einen letzten senkrechten Strich zwischen die weit auseinander stehenden Buchstaben N und G.
»Ein K.I.NIG«, sagte Jonas leise und schmeckte den Worten in dem verlassenen Klassenraum nach. Mit einem Mal wirkten die Buchstaben an der Tafel alles andere als albern.
»Ein K.I.NIG für Deutschland.«
Das hier – das konnte richtig gutes Fernsehen werden. Vielleicht sogar sein ganz großer Durchbruch.
Sören Mertens nestelte nervös an seiner Krawatte herum. Die saß zwar perfekt, aber eine erneute Überprüfung konnte nicht schaden.
Die Quotenprognosen für heute Abend sahen phänomenal aus. Vielleicht könnte er sogar endlich an die Zahlen von Plasberg herankommen, von denen er bisher immer nur hatte träumen können. Heute – das spürte er – war alles möglich.
Sämtliche Zutaten stimmten: Jens Spahn als hochkarätiges Mitglied der Regierungspartei sorgte schon mal für die nötige Prominenz, Alice Weidel für Spannung, Konflikt und vielleicht das ein oder andere Skandälchen. Und als besondere Würzung war da ja auch noch dieser Autor, der irgendwann mal ein Buch über das ganze Thema geschrieben hatte.
Aber die Hauptzutat war natürlich Jonas Müller. Der Typ, der ernsthaft eine Partei gründen wollte, um die Monarchie nach Deutschland zurückzuholen. Und der dafür aus Sören nicht ersichtlichen Gründen auf Social Media total gefeiert und von seinen Schülern als der neue Messias gehandelt wurde.
Ein gefundenes Fressen. Sörens Finger trommelten wie von selbst auf der Lehne des Sessels herum. Er freute sich darauf, diesen Spinner hier vor aller Augen komplett auseinanderzunehmen. Hart! Und in gewissem Rahmen auch fair. Aber Letzteres brachte weder Quote noch Soundbites, die später als Memes im Netz geteilt werden konnten. Nein, den musste er dazu bringen, etwas richtig schön Dummes zu sagen, dann wäre seine Karriere gesichert.
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Lief nicht gut.
Lief gar nicht gut.
»Aber Sie müssen doch zugeben, dass das Wort ›K.I.NIG‹ impliziert, Sie wollten einen König an die Spitze Deutschlands setzen«, probierte Sören seinen Gesprächspartner zu provozieren.
Wieder eine dieser nervenzerfetzenden Pausen. Das leise Klackern auf der Tastatur des Tablets. Konnte dieser Idiot nicht wenigstens den Anstand haben, in die Kamera zu schauen? Oder überhaupt irgendeine Reaktion zu zeigen?
Stattdessen las er wieder nur stumpf ab, was ihm sein Tablet vorgab: »Ihre Annahme ist falsch. Der Name der Partei, die ich gründen möchte, lautet: ›Ein K.I.NIG für Deutschland‹. Und obwohl das Wortspiel durchaus gewollt ist, steht doch das K.I. bewusst im Vordergrund. Meine Partei zielt nicht auf einen ›König‹ ab, sondern auf eine durch künstliche Intelligenz gestützte Politik der unparteiischen und wissenschaftsbasierten Entscheidungen, unbeeinflusst von Machtgier oder Lobbyinteressen.«
Na toll. Sören konnte förmlich spüren, wie Tausende Zuschauer bei dieser lahmen Antwort abschalteten.
Er unternahm einen neuen Anlauf. Vielleicht schaffte er es, aus diesem Autor etwas Provokantes herauszukitzeln.
»Herr Eschbach«, begann er. »Sie haben bereits 2009 ein Buch mit dem Titel: ›Ein König für Deutschland‹ geschrieben und damit einen absoluten Bestseller hingelegt. Nun will sich da eine Partei gründen, die Ihnen quasi die Idee stiehlt. Sehen Sie das nicht kritisch? Haben Sie vor, Herrn Müller wegen dieses dreisten Plagiats zu verklagen?«
»Nun, ja«, begann der Mann mit der großen Brille und dem freundlichen Lächeln im Gesicht, »Plagiat ist ein so großes Wort. Ich sehe Herrn Müllers Parteititel da eher als Hommage an mein Werk und fühle mich dadurch mehr geschmeichelt als bestohlen.«
Sein Lächeln wurde noch eine Spur breiter. »Und natürlich ist die kostenlose Werbung für ein Buch, das ich vor inzwischen über 15 Jahren geschrieben habe, ebenfalls nicht unwillkommen.«
Sören war augenblicklich klar, dass es ein Fehler gewesen war, ihn anzusprechen. Der Mann war ja noch publikumstötender als der monoton ablesende Müller. Mit seinem wie fest getackerten Dauerlächeln im runden Gesicht und dem leicht schwäbisch anmutenden Akzent war von ihm garantiert keine bissige Replik zu erwarten.
»Und was das Programm dieser neuen Partei betrifft«, fuhr Herr Eschbach fort, »da muss ich zugeben: Vieles von dem, was Herr Müller mithilfe seiner KI formuliert hat, klingt durchaus sinnvoll.«
Na super. Friede, Freude, Eierkuchen. Und dann schien er sich auch noch in Details eingelesen zu haben. Ein Garant, um auch noch die letzten Zuschauer zu vergraulen.
»Allerdings hoffe ich, dass Herr Müller mein Buch auch gründlich gelesen hat und sich der Gefahren durch Wahlmanipulation und eines wahrhaftigen ›Königs‹ für Deutschland bewusst ist«, schloss er.
Wahlmanipulation? Wovon redete der da? Verdammt, dachte Sören, er hätte sich wenigstens die Zusammenfassung des alten Schinkens durchlesen sollen, die ihm seine Assistentin gestern zugeschickt hatte.
Zum Glück schaltete sich jetzt Jens Spahn ein. Hoffnung keimte in Sören auf. Auf Jens Spahn war eigentlich immer Verlass, wenn es darum ging, die Dinge ins Rollen zu bringen.
»Herr Müller«, begann er mit einer Mischung aus Spott und ernster Miene, »ich kann ja durchaus den Frust verstehen, den Sie als Lehrer im heutigen Schulsystem empfinden. Aber diese Idee … die ist doch eine völlig naive Abkehr von allem, was unsere Demokratie ausmacht. Sie glauben doch wohl nicht wirklich, dass auch nur ein einziger Bürger eine Partei wählt, die Entscheidungen, die jeden Einzelnen in unserem Land betreffen, von einer seelenlosen Maschine treffen lässt?«
Das war seine Chance!
Sören zögerte nicht und grätschte sofort dazwischen, bevor Alice Weidel ihm diese Gelegenheit vor der Nase wegschnappen konnte.
»Kurzer Realitätscheck, Herr Spahn«, sagte er mit einem überfreundlichen Lächeln. Dann zählte er an den Fingern ab: »Maskenaffäre, Richter-Eklat und Maut-Debakel. Mal ganz ehrlich: Hätte das eine künstliche Intelligenz nicht vielleicht sauberer hinbekommen als Ihre Regierung? Was meinen Sie?«
Zugegeben, ein echt billiger Zug, und definitiv weit unterhalb der Gürtellinie. Aber er musste jetzt nehmen, was er bekam. So träge, wie die Diskussion bisher gelaufen war, musste er die Stimmung einfach ein bisschen aufheizen.
Jens Spahn schenkte ihm ein geduldiges Politikerlächeln und setzte zu einer Antwort an, doch Alice Weidel kam ihm mit einem gekünstelten Stöhnen zuvor.
»Oh, bitte! Kommen Sie uns jetzt nicht wieder mit Ihrer ›Wir-müssen-uns-alle-viel-verzeihen‹-Tour«, rief sie. »Ich sage Ihnen jetzt mal was: Die Leute da draußen haben für ihre heuchlerischen Ausreden null Verständnis mehr! Die sind durch mit Ihnen und Ihrer Politik!«
Sie beugte sich vor, ihren Zeigefinger anklagend ausgestreckt. »Genau das ist doch das Problem der Altparteien. Sie machen Fehler um Fehler und scheren sich einen Dreck um das, was die normalen Bürger interessiert!«
Jonas hob höflich eine Hand, doch sie würdigte ihn nicht mal eines Blickes. Auch Jens Spahn versuchte, ihren Redeschwall zu unterbrechen, doch sie schnitt ihm das Wort ab.
»Also …«
»Nein, jetzt hören Sie mal zu. Wir alle sind nicht mehr bereit, uns von Berufspolitikern wie Ihnenauf der Nase herumtanzen zu lassen! Sie können nicht länger ignorieren, was das deutsche Volk wirklich will, Sie und Ihre …«
»Lösungsvorschläge der KI für die angesprochenen Probleme lauten wie folgt«, sprach Jonas mit ruhiger, stoischer Stimme in sein Mikrofon. Ihm musste klar sein, dass er gegen das laute Organ der AfD-Vorsitzenden keine Chance hatte, doch er redete einfach weiter. »… für die Wahl der Verfassungsrichterin eine fachlich besetzte Findungskommission mit transparentem Punktesystem. Geheime Wahlen mit Zweidrittelmehrheit. Für die Maskenbeschaffung schlägt die KI offene 72-Stunden-Auktionen aus einem vorgeprüften Lieferantenpool vor. Zahlung erst nach bestandenem Qualitätstest. Und natürlich die sofortige Offenlegung jedes Vertrages ins öffentliche Register …«
Sören betätigte einen kleinen, versteckten Schalter unterhalb seines Tisches, mit dem er der Regie die diskrete Anweisung gab, das Mikrofon der noch immer laut schimpfenden Frau Weidel herunterzuregeln, und signalisierte seinem Kameramann mit einem unauffälligen Kopfnicken, den monoton vorlesenden Lehrer in den Fokus zu nehmen.
»… und für die Maut-Regelung lautet der Vorschlag wenig überraschend, dass kein Betriebsvertrag vor höchstrichterlicher Klärung abgeschlossen wird. Es werden reversible Vorleistungen mit Ausstiegsklausel und Haftungsdeckel empfohlen sowie ein offener Vergleich der e-Vignette mit einer streckenabhängigen Maut.«
Jonas klappte sein Tablet zu, schob die Brille zurecht und blickte direkt in die Kamera. Einen Herzschlag lang war es still im Studio. Selbst Weidel schwieg – ihr Mikro war inzwischen gnadenlos auf null gezogen.
»Es gibt Lösungen«, sagte er in die angespannte Stille, die nach seinem langen Monolog entstanden war. »Eine Politik der Vernunft ist möglich. Ganz ohne Geschrei, ganz ohne parteipolitische Machtkämpfe und ohne endlose Schuldzuweisungen.«
Er ließ den Blick durchs Studio wandern, bevor er weitersprach: »Wir brauchen keine Skandale mehr, wir brauchen Ergebnisse. Keine Deals hinter verschlossenen Türen, sondern transparente Entscheidungen. Keine kurzfristigen Machtspiele, sondern langfristige Lösungen, die messbar wirken.«
Er hob leicht das Tablet, als wolle er daran erinnern, woher die Ideen von eben gekommen waren.
»Die Idee hinter dieser neuen Partei ist es nicht, den Menschen durch eine Maschine zu ersetzen, sondern ihm das beste Werkzeug an die Hand zu geben, das wir je hatten. Eine Künstliche Intelligenz hat kein Ego, das sie verteidigen muss. Sie hat keine Parteifreunde, denen sie Posten zuschanzen muss, und sie kandidiert nicht für die nächste Wahl. Sie analysiert Daten und liefert die objektiv beste Handlungsoption. Sicher nicht perfekt. Aber unparteiisch. Unbestechlich. Und ohne jedes Eigeninteresse.«
Jonas’ Stimme wurde fest, sein Blick wanderte anklagend zu den beiden Politikern.
»Sie als Politiker haben uns jahrelang überdeutlich vor Augen geführt, wozu wir Menschen neigen: Egoismus, Eitelkeit und Korruption. Aber jetzt haben wir endlich Werkzeuge, die uns helfen können, klüger zu entscheiden. Wissenschaftlich. Objektiv. Transparent. Nicht in hundert Jahren – heute.«
Er machte eine Pause, sah wieder direkt in die Kamera, als versuche er, jeden Zuschauer persönlich zu erreichen.
»Die Frage ist nicht, ob wir uns von einer seelenlosen Maschine regieren lassen wollen. Die Frage ist: Wollen wir weiterhin die immergleichen, menschlichen Fehler begehen? Oder sind wir bereit für echten Fortschritt?«
Es folgte ein weiterer Augenblick der Stille. Dann brach eine Kakofonie der Empörung los.
»Das ist doch lächerlich, was sie da von sich geben!«, tönte Jens Spahn. »Im alltäglichen Politikgeschäft müssen viel mehr Faktoren beachtet werden. Realpolitik bedeutet immer auch Kompromisse einzugehen und …«
»Ihre tolle KI ist doch mindestens genauso woke wie die ganzen Altparteien«, schimpfte Alice Weidel zeitgleich und versuchte, die Aufmerksamkeit des Moderators auf sich zu ziehen. »Schauen Sie doch nur, was zum Thema Klimawandel im Programm dieser neuen Partei steht! Das liest sich fast so, als hätten sie eins zu eins bei den Grünen abgeschrieben! Warum nutzen Sie nicht eine weniger ideell eingefärbte KI, so wie zum Beispiel Grok?«
»Sie meinen den Chatbot, den Elon Musk so manipuliert hat, dass er sich selbst als ›Mecha-Hitler‹ bezeichnet hat?«, konterte Jonas. »Ich finde es überaus bezeichnend, dass Sie von all den vielen Systemen ausgerechnet dieses …«
Sören Mertens lehnte sich zurück und ein zufriedenes Lächeln breitete sich in seinem Gesicht aus.
Wildes Chaos.
Hochkochende Emotionen.
Richtig gutes Fernsehen.
Miras Finger verharrte einen Moment über dem Klingelknopf mit dem Namen Jonas Müller. Vier Jahre war sie nicht mehr hier gewesen. Der schmale Grünstreifen vor dem mehrstöckigen Zweckbau aus den 70ern war vermüllter, als sie ihn in Erinnerung hatte, und hinter noch mehr Fenstern sah man entweder nur dunkle Leere oder leuchtendes Graffiti. Sie hatte Jonas schon mehrmals gefragt, warum er aus dieser Zwei-Zimmer-Wohnung nicht ausziehen wollte, aber da hatte er nur gelacht und sie gefragt, ob sie wisse, was man sich vom Gehalt eines Hauptschullehrers so leisten konnte.
»Auf jeden Fall etwas Besseres als das hier«, hatte sie … nicht gesagt, sondern nur gedacht. Und auch das war schon lange her. Als sie entschlossen auf die Klingel drückte, dachte sie daran, dass sie mit Jonas außer den kurzen Wortwechseln in der Schule über den täglichen Wahnsinn inzwischen kaum noch redete. Früher war das ganz anders gewesen, erinnerte sie sich. Damals waren sie …
Schnarrend erklang der Türöffner, und sie warf sich kräftig gegen das drahtverstärkte Türglas. Widerwillig gab der altertümliche Türschließer nach und sie trat in das halbdunkle Treppenhaus. Ein paar Neonlampen flackerten summend über ihr. Am Fahrstuhl hing schief das Schild mit der Aufschrift: »Defekt«. Zumindest etwas, das sich in all der Zeit nicht verändert hatte.
Die Menge an Graffiti im Flur hingegen hatte eindeutig zugenommen. Ein paar Fahrräder lehnten an der Wand, einige davon sahen so aus, als seien sie schon lange nicht mehr gefahren worden. Und ein Kinderwagen, der relativ neu aussah.
Als Mira die Treppen zum dritten Stock hochstieg, hörte sie tatsächlich hinter einer der grau und trist aussehenden Eingangstüren das Weinen eines Babys. Kurz fragte sie sich, warum jemand hier in dieser Umgebung überhaupt noch Kinder in die Welt setzte. Und eigentlich nicht nur hier, sondern allgemein in diese Welt. In letzter Zeit ertappte sie sich immer öfter bei solchen Gedanken.
Sie schüttelte den Kopf. Das war definitiv nicht die Stimmung, in der sie Jonas nach vier Jahren einmal wieder privat begegnen wollte. Nein, sie versuchte sich an das zu erinnern, was sie beide einmal verbunden hatte. Die Begeisterung für den Lehrerberuf. Die Hoffnung, als Lehrer jungen Menschen etwas mitgeben zu können, sie zu befähigen, die Zukunft zu meistern.
Es besser zu machen.
Besser als ihre Lehrer, besser als ihre Eltern und besser als die Politiker, die in regelmäßigen Abständen mit ihren ›Bildungsreformen‹ den großen Durchbruch verkündeten, alles durcheinanderbrachten und dann zusahen, wie nach kurzer Zeit doch alles wieder wie immer lief.
Sie hatten beide die Erfahrung machen müssen, dass Idealismus und gute Ideen in einem maroden Schulsystem nicht besonders gut alterten. Ob es nun die angeblich so unglaublich wichtige Digitalisierung war oder die immer wieder versprochenen Sanierungsprogramme für das auseinanderfallende Schulgebäude: Nichts davon änderte etwas an dem in sich schon gescheiterten System, in dem sie alle gefangen waren.
Wobei Mira es schon gut gefunden hätte, wenn wenigstens die altersschwache Heizung oder die zunehmend unbrauchbaren Toiletten der Schule einmal saniert würden. Aber dafür war natürlich gerade mal wieder kein Geld da.
Jonas stand oben in der Tür, als sie die letzten Stufen hinter sich gebracht hatte. Sein inzwischen völlig ausgeblichenes T-Shirt mit dem roten Aufdruck ›Don’t Panic‹ kannte sie gut. Sie selbst hatte es ihm vor gefühlten Ewigkeiten einmal geschenkt.
Sein Lächeln war echt, auch das erkannte sie sofort wieder. »Hallo Mira, schön, dass du gekommen bist.«
Er streckte den rechten Arm aus, dann beide Arme, dann zögerte er kurz. Umarmung oder Händeschütteln? Sie sah seine Unsicherheit. Auch etwas, an das sie sich noch gut aus dem Lehramtsstudium erinnerte.
»Hallo Jonas«, sagte sie, noch etwas kurzatmig, und umarmte ihn, ohne darüber nachzudenken. Nach einem Moment des Zögerns spürte sie, wie er ihre Umarmung erwiderte, sich dann aber schnell von ihr löste.
»Klar komme ich, wenn mein Lieblingskollege mich auf einen Kaffee einlädt.« Sie tat, als hätte sie seine Unsicherheit nicht bemerkt. Sofort die Ebene klarstellen. Lieblingskollege, nichts mehr und nicht weniger. Verstanden?
Er nickte, trat zur Seite und ließ sie ein. Einen Moment starrte sie auf das heillose Durcheinander in dem Raum. Klar, Jonas war nie ein Freund von Aufräumen und Putzen gewesen, ein Grund, warum sie die Idee, zusammenzuziehen, so lange aufgeschoben hatte. Zu lange, wie sie jetzt wusste. Aber so chaotisch wie hier hatte es selbst zu seinen schlimmsten Zeiten kurz vor den Examensarbeiten in seiner Studentenbude nicht ausgesehen. An dem großen Schreibtisch leuchteten drei Monitore nebeneinander. Ein massiver Tower-Computer brummte und blinkte auf dem Boden darunter, zwei Tablets lagen auf dem Schreibtisch und rund um den Drucker stapelten sich Ausdrucke. Papiere bedeckten auch den kleinen Couchtisch, zwei der drei nicht zusammenpassenden Stühle und einen großen Teil des alten, durchgesessenen Sofas, an das sie sich auch sehr gut erinnerte. Dieses Sofa hatten sie gemeinsam ausgesucht, als das Thema »zusammenziehen« interessant wurde. Das war kurz bevor …
»Sieht aber nicht so aus, als würde man hier einen Kaffee serviert bekommen«, meinte sie und lenkte ihre Gedanken wieder in die Gegenwart.
»Oh, entschuldige, einen Moment«, antwortete Jonas und sah sich um. Dann hob er ein paar Blätter vom Sofa auf, hielt inne, überlegte kurz, drehte sich dann zu einem der Stühle um und befreite diesen von dem Stapel an Ausdrucken, die darauf lagen. Den Stapel legte er auf seinen Schreibtisch, was allerdings dazu führte, dass der Berg an Schulheften, der dort bereits lag, zu kippen begann und sich die bereits korrigierten Hefte zusammen mit den noch zu korrigierenden über den Fußboden verteilten. Verlegen bückte Jonas sich, um alles wieder einzusammeln. Mira ebenfalls. »Hey, du musst nicht …«, begann Jonas, aber Mira hatte schon begonnen, die Hefte wieder übereinander zu legen. »Kein Problem«, meinte sie.
Doch dann stutzte sie. Das war eindeutig eine Hausaufgabe, ein Aufsatz über das Prinzip der Gewaltenteilung. Schönes Thema, auch wenn viele ihrer Schüler darunter wohl eher die Unterscheidung zwischen Messerstecherei, Faustkampf und Schießerei vermuteten.
Aber da lag ein Ausdruck im Heft. Eindeutig nicht handschriftlich, sondern ein Computerausdruck. Und die Art der Formulierung kam ihr bekannt vor.
Okay, stell dir vor, Deutschland ist wie eine große Schule – mit vielen Menschen, die zusammenleben und Regeln brauchen, damit alles fair bleibt. Damit niemand zu viel Macht bekommt, gibt es die Gewaltenteilung. Das bedeutet: Die Macht im Staat wird auf drei Gruppen verteilt.
Gesetzgebung (Legislative) …
»Sag mal, Jonas«, fragte sie und hob den Zettel hoch, »du lässt ChatGPT Musterantworten für deine Schüler formulieren?«
Als er aufblickte, sah er kein bisschen verlegen aus: »Na klar«, meinte er wie selbstverständlich. »Die KI ist da echt eine große Hilfe. Und …«, er deutete mit den Heften in seiner Hand auf das restliche Chaos in seiner Wohnung, »ich hab doch im Moment so viel zu tun, da ist das wirklich nützlich.«
Mira legte die Hefte mit etwas mehr Schwung als nötig auf den Schreibtisch. Beinahe hätte sie erneut eine Lawine ausgelöst.
»So, so …«, meinte sie streng, »der Herr Oberlehrer erklärt also jeden Tag seinen Schülern, dass sie auf keinen Fall ihre Hausaufgaben durch eine KI erledigen lassen sollen, und macht dann genau das, was er seinen Schülern verbietet, selbst?«
Jonas verschränkte die Arme und sah nun tatsächlich sehr nach ›Oberlehrer‹ aus, etwas, das er im Unterricht eigentlich inzwischen längst nicht mehr machte.
»Ich tue hier ganz exakt das, was ich auch meinen Schülern im Unterricht beibringe«, erklärte er, für ihren Geschmack ein wenig zu sehr von oben herab. »Ich nutze die KI als Werkzeug, um selbst produktiver, schneller, ja sogar leistungsfähiger zu werden, als ich das ohne sie je sein könnte.«
